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Full text of "Die Grenzboten 75.1916, Bd 1"

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' Beitfchtift für | 
Politik, Literatur und Kunft 


Berausgegeben von Georg Cleinow 
?5. Dabrgang Jährlich 52 Mefte 


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Pr. 1 


Revolutionäre Strömungen in Rußland . . . . ; | 
Die gefchichtliche Betrahhtung der vergangenen PEN und 

des gegenwärtigen Krieges. Don Dr. Hans Boldfhmidt . 15 
Staatenbund von Hordeuropa. Don Juftizrat Bamberger . . 25 
Dolfsmärchen der Bulgaren. Don Profellor Dr. Robert Pet . 28 


Husgegeben am 5. Januar 1916 


co Pi. Berlin DM. II 6 Mark 


das Heft — — vierteljährlich 





| DEUTSCHE BANK 


BERLIN W.8. 


Aktienkapital und Reserven 428 500 000 Mark. 
Dividenden im letzten Jahrzehnt (1905— 1914): 12, 12,12, 12, 121/,, 121/,, 12%/,, 121/45 121/,, 10 %/ 


FILIALEN: 
Aachen, Barmen, Bremen, Brüssel, Crefeld, Dresden, Düsseldorf, 
Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, Konstantinopel, Leipzig, 
London, München, Nürnberg, Saarbrücken. 


Zwelgstellen: 
Augsburg, Berncastel-Cues, Bielefeld, Bocholt, Bonn, Chemnitz, 
| Coblenz, Cronenberg, Darmstadt, M.-Gladbach, Hagen, Hamm, 
Hanau, Köln-Mülheim, Meissen, Neheim, Neuss, Offenbach a. M., 
Paderborn, Remscheid, Rheydt, Solingen, Trier, Wiesbaden. 





Depositenkassen: 


Bergedorf, Deuben, Goch, Idar, Langerfeld, Lippstadt, Moers, 
Opladen, Potsdam, Radeberg, Ronsdorf, Schlebusch, Schwelm, 
Soest, Spandau, Vegesack, Velbert, Wald, Warburg. 


Eröffnung von laufenden Rechnungen. — Depositen- und Scheckverkehr. — 
An- und Verkauf von Wechseln und Schecks auf alle bedeutenderen Plätze 
des In- und Auslandes. — Einziehung von Wechseln und Verschiffungs- 
dokumenten auf alle überseeischen Plätze von irgendwelcher Bedeutung. — 
Rembours-Akzept gegen überseeische Warenbezüge. — Bevorschussung von 
Warenverschiffungen. — Vermittelung von Börsengeschäften an in- und aus- 
ländischen Börsen, sowie Gewährung von Vorschüssen gegen Unterlagen. — 
Versicherung von Wertpapieren gegen Kursverlust im Falle der Auslosung. — 
Aufbewahrung und Verwaltung von Wertpapieren. 


Die} Deutsche Bank ist mit ihren sämtlichen Niederlassungen 
amtliche Annahmestelle von Zahlungen für Inhaber von Scheck- 
Konten bei dem K. K. Oesterreichischen Postsparcassen-Amt. 





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Die Grenzboten 


75. Jahrgang. Erftes Dierteljahr 


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Die 


Hrenzboten 


Seitfchrift für 
Politif, Literatur und Hunft 


Herausgeber 


| Georg Lleinow 


75. Jahrgang 


Erftes Dierteljahr 


Berlin 
Derlag der Brenzboten G. m. b. h. 
1916 


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Inhaltsverzeichnis 


Sabrgang 1916. 


Erftes Vierteljahr 


— — — —te — 


Heft Seite 


Politik, Geſchichte, Kolonialweſen, 
Militãr 


A olitit, Die Mißgriffe der engliſchen —, 
n Beitrag zur engliſchen wrachianmiriſe 


* Dr. &. Bue 11, 
Amerilaniſchen, De Mast des — Vrändenten, 
von sJelig Bauman 11, 
Andrany, Graf Sulins — und bie — 
ungar iſche Orientpolitik, von S 9, 
China. Die amerikaniſche Organiſation in — 7, 
Deutſche Kultur im engitigen Spiegel. von 
Richard Kilian . . — 7, 
England, Die Dienftpflicht in —, b, 
——— Die Mißgriffe der — "Agrarpolitif, 
n Beitrag zur englijhen Beaptraumitıe, 
von Dr. ®. Buek . 11, 
Frankreich, a 5 Nainer in _, von Brof. 
Dr. Rar J. W 2, 
Frankreich, Wie ne _ iu Bot "Botfringen, und 
dem Elia? von Brof. Stanfe . 5, 
— —— Dr. Srit 
Sriebride" des ®roßen, Die Orientzolint —, 
von Dr. Selma Etem . . . . 12, 
Gallieni, von Rudolf Wagner . . -» 6, 
Geſchichtliche Die — Betrachtung der ver⸗ 
genaenın Ssriedenszeit und des gegenwärtigen 
iege3, von Dr. Hand Goldihmidt . . . 1, 
se und der englifche En aftetrieg. 6, 
—— Der — Gedanke, von Dr. Kari 
—— Die franzöflie —, vonDr. Grit i 
oepfe h 
Japan, Grokfürft Georg Dicaitomitie in. —, 
(Rach der ruffiſchen Preſſe) .. — 
KRoalitiondfrieg . 10, 
— Die eſchichiliche Beirachtung der ver⸗ 
——— riedenszeit und des gegen— 
wärtigen —, von Dr. Hand a 1, 
Kriegdtagebu g. . 4,125; 9, 
— — Das: —, von Srieb: 5 
ri & ; 
Montenegro, König Nikola von — und feine 
Bolitik, von Spirtdion Gopcevic . . 6, 
— Das — a der Krieg, 
von Prof. Dr. Sonrab Bornhal. . 8, 
Naumann oder Barth? von Bach. Dr. Bil: 
beim Martin Beder . . 12, 
Reutralen, Der beigiiche Boltsfrieg im Untet 
der —, Eine neutrale PBolemil . . 8, 
⸗ u — 


ur 


321 
344 


274 
193 


201 
139 


Heft Seite 
BVferderennen, Zur Retorm der —, von Be 
neraleutnant H. Rohre . . ‚107 
Pitirim, Metropolit von Petersburg. : . 13, 385 
Nuffiicher Brief, fiche Auf dem toten Bunt . 5, 129 
Rußland, ſiehe Pitirim. 385 
Rußland, Revolutionäre Strömungen in —, 1, 1 
Salonifi, von Prof. Dr. Mar I. ® 7, 218 
Schiedegerihtsbund, Ein — vor⸗ 
deraſiatiſcher — von Dr. Rarl Mehrmann. 4, 97 
Schweiz, Die Stellung der neutralen — zu 
Deutichland im WWelifriege, von Prof. 
Dr. Zohanned Wendland . . 8, 86 
Staatenbund von ——— von Juſligrai 
— 1, 25 
Yuanſchikai, ſiehe Der neue Sohn des Himmels, 
von Erih von Salzmann . . . „4, 101; 5, 144 
Bolkswirtſchaft, Verwaltung, 
Sozialweſen 
Beſteuerung, Die Ausgleichung der Familien⸗ 
laſten als Grundlage einer gerechten —, von 
Staatsanwalt A. ai r . 10, 304 
Bevöllerungsfrage, fiehe Die Ausgleihung der 
Samilienlaften al® Grundlage einer ge: 
a ENG von onen 
A. Zeil 10, 304 
Eieftrotechnit, Sriebensziele der —, von Ober: 
ingenieur Lajo8 Steiner . . 23, 4 
Hanbelsitaat, Der geihloffene — Fichtes, von 
Prof. hir Conrad Borndal . 11, 230 
Kinderarbeit, Gewerblidde —, Eli Beitrag aus 
Bevölferungdfrage, von Dr. Bue — 7, 209 
Kriegsanleihe, Merlkblatt zur Bieten —, 11, 348 
Ktriegsanleihe und Bonifikationen .. 10, 320 
Oſtpreutzens, Der Wiederauſbau — als wirt⸗ 
fchaftepolitifches und fulturelled Siedlungs> 
problem, von Baurat Kurt Hager. . 13, 391 
Unternehmeridaft, Der Weltkrieg uns die Rage 
der — in Europa, von Heinrih Göhring . 9, 266 
Neigtöfragen, Bildung und 
Erziehung, Kircde 
Zinden, Einiged vom —, don Geh. Juftizrat 
R. Bruns. 2 2, 311 
Kriminalität. Kritiiches zur Kriegs⸗ —dei 
Ju oo von Umtsriter Dr. Albert 
de 11, 338 
— ——— "Phantofien eines Englän: 
ders, von Prof. Abert Werminghoff 3, 65 


Heft Seite 


a, als Patriot, von Benrnoralte: 
rof. 


Böitertehte, De —— des —, von Biol 


Dr. jur. Iulius iriedrid . . . . . 


Kulturgeſchichtliches, 
Länder⸗, Böller⸗ und Sprachenkunde 


Hagion Oros, ie — heilige von 

farrer Edmund Are 
Mordredt, Bom — ber 'D rigkeit, von 5. bon 
Puttkamerrr.. er nen 
Pannen Elawiidhe — im Brandenburgifchen, 
von Dr. Suflav Rauter . . » 2: 2.2. 
6 a Bon der entien —, von Dr va 
au er ®. . . . ‘ . ® ® 


Literatur, Kuuft, Bhilofopfie 


Architefturfiubiums, Bom Rulurnent des —, 
von Dr. R. Shadt ; 
Bulgaren, Boliömärden ber —, von Prof 
Dr. Robert Belich 
Be Der eihloffene Sandeisfiant — 
xof. Dr. Conrad Bo 
Yör aaenfen, Johannes — al Der belgifche 
u im Urteil der Reutzalen“ in Set) 
von Dr. RL. Cöfler . . 2 2 2 2 0 0. 
Ts er ———— der —, von Dr. War 
ed ; 


— von 


Boltbmär en ber Bulgaren, Don Bel Dr. 
Nobert Petih . Be at 


Novellen, Romane, Gebiäte 


fiegerlied, von Werner zn: garen . . » 
ärlifche Neiler, von No — Ley .... 
Pioniere, von Werner Peter Larſen. 


Bücherbeiprecdhungen 


Ein „B” anftelle der Eeitenzahl bebeutet: 
Bücherlifte im Anzeigenteil bes betr. Heftes. 


v. After: Einführung in bie Piychologie (Dr. 
Mar —— J 
Bartſch, R.H.: Das deutfche Bolt in ſchwerer 
— iehe „ „Rayman oder Bartih 7” (Prof. 
Beveridge, Albert S.: What is back of the 
war (Dr. jur. Kurt Eb. Inıb ere) : 
Bloder, Eduard: Belgiihe Neu ralität und 
Schmwelzeriihe Neutralität (Prof. Dr. Jo» 
banned Wendland) -. . » 2 2 2.0. 
— Die Schweiz als Berföhnerin und Ber» 
mittlerin ben Das und Deutid- 
land Brof, Dr, Johannes Wendland) . . 
Boat, Roman: Der europälfhe Strieg und 
unter jhweizer Krieg (Prof. Dr. Johannes 
Bendland) . > 2 u m ren 
v. Brauer, arge, v. Müller: Erinnerungen 
an Bismard (*) . 2 2 2 2 re ran 
Braunsbaufen: Einführung indie ek 
— (Dr. Ma Rn uhl) 
Brodhaus, & ze e ftädtifche Kunkt und 
ihr Sinn (Dr. R. n 
ur zer, — —* er aunſigechichte 
B eflin, en Eid» und Mittelamerifa 
un dem wirtfchaftlihen —— e des Welt⸗ 
es (Dr. jur. Kurt Ed. Imberqg) 
Sea. Srancid: La guerre qui vient (Dr. 
jur. Kurt &. Imbagı. . o 2.2.2. . 
Der Lufitania-Fal im Urteile von beutichen 
Gelehrten (Dr. jur. Kurt Ed. Imberg) . . 
Dr. Aloys: Ludwig Gteub — 
Endres Kranz Karl: Die Türkei . 
Erin, Dr. Sohannes: Die europäifche Union 
als Bedingung und Grundlage bed dauernden 
riedend (Prof. Dr. Johannes Wendland) 
oriehläge zu einem baldigen und bauernden 
 Srieden rl Dr. Johannes Wendland) . 


10, 310 
6, 167 


B, 43 
13, 404 
8, 74 
8, 246 


13, 408 
1, 38 
11, 330 


12, 388 
8, 250 


124 
159 
6, 192 


S 


Nm 


12, 353 
4, 120 


8, 85 


2, 40 


18, 416 
8, 260 
18, 412 
18, 412 


4, 122 
4, 119 
4, 121 
. 10, 818 
B, B 


VI 


Heft Seite 
alte, Konrad: Der Ihmeiserifäe Kulturwille 
(®rof. Dr. 3 —a Wendland 2, 42 
rankl, Paul: Die ——— der 
neueren Vaukunſt (Dr. R. Schacht 18, 410 
Grabowsly, Dr. Adolf: Die polniiche Trage 
(Dr. Earl Jentih) - » oo 2 0000. 13, 414 
Buglia, Eugen: Die Geburts-, Sterbe- und 
tabftätten der zömifch-deutfchen Raifer und 
Könige (Dito Hof). - » 2 2 2 nen 2, 58 
Herner. Brof. Dr. Beinrich: Die wirtſchaftliche 
Annaͤherung zwiſchen dem Deutſchen Reiche 
u. ſeinen Verbündeien (Dr. H. v. — 12, 878 
Sftel, Edgar: Die moderne Oper, vom Tode 
Wagners biß zum Weltkrieg (Dr. Richard 
— Se Tat er 9, 278 
J ——— Johannes: „Glocke Roland“ — 
Der belgiſche Bolfätrieg im Urteil 
Neutralen . . 8, 282 
Karte der Rang efan jenenlager vom Sur. 
paͤiſchen und en Buhl abe 2, B 
san Bernbard: Der Krieg im Weiten 
(Hanns Martin Eifier u 2, 62 
Korg, Brof. Rarl: Die Deutiehfeinbittet 
Amerilas Dr jur. Kurt &b. Imberg) 4, 119 
Br sig Führer vu ben Ronzertjonl 
r —— Hohenemſer). 9 80 
"Teigtiäe Un —2* ung fr den ge 
ichen Unte an eren ulen 
r. W. Cape 8, 255 
— 5— Ru ol; Simerite während bes Welt. 
friege3 (Dr. jur. mberg) . 4, 118 
Bestien, Augıf: Balfanmärden ( rof. Dr. 
Robert Verf 1, 38 
Zonis, Hubert ie deutfche Mufit ber Ren 
zeit (Dr. Riard Hohenemier) . ı 9,2778 
Maıds und Lenz: Das Bismard-Jahr (*) . 13, 415 
Marcıte, Dr. Baul: Die Bantreform in den 
Vereinigten Staaten von Ame (Dr. jur. 
Kurt Ed. Imberg) » oo 200 4, 1%3 
Reuter, Ehriftian: Der Lufltania-Fal (Dr. 
jur. Kurt &b. Imberg). -» » » 2... 4, 122 
Meyer, Eduard: Rordamerita ei Deutſch⸗ 
land (Dr. jur. Kurt Ed. Imber 4, 117 
Möller van ben Brud: Der Drenkiiche Stil 
(Dr. R. Schadt) . 13, 411 
Muünfterberg, Hugo: The Peace and America 
(Dr. jur. Kurt Ed. Imb B. 4, 116 
-- The War and America (Dr. fur. Kurt Ed. 
Imbergh... % 4, 115 
Naumann, Fr.: „Witteleuropa, fiede „ Naumann 
oder Bartih ?* (Prof. Dr. ®. M. Beder) . 12, 853 
Oldenberg, a Die Lehre ber pa» 
nübhaden und die Anfänge des Bubdhismus 
(Rarl Ad. Biellerup). . - » 2 2 0 0. 2, 8 
Onden, Hermann: Deutſchlands Weltkrieg und 
die Deutihamerilaner (Dr. jur. Kurt €b. 
Imbergh... m 4, 118 
— Theodor Hermann: Aus den In⸗ 
gen nbjahren eines alten Kurländers (Hannd 
artin a ee ee rel 2, 61 
Paterſon, W Deutſche Kultur (Richard 
Killani). - = 00 a nn ne 7, 901 
Planiscig, Leo: Denimale ber u. in den . 
füblihen Kriegsgebieten (Dr. R. Shadt) . 18, 412 
Planta, Baudenz von: Die Schwei 
a —8 Dr. Johannes Wenb⸗ — 
Monat, Vrof.: ur nationalen Berftändigung 
a Einigfeit Brof. Dr. yayanın Wend⸗ — 
ar. Arnold von: Die Neutralität der 
Schweiz Dr: Dr. Johannes Wendland 9, 87 
— Abhandlungen und Aufl ge — 
& ——— Paul: naee Weltkriegs⸗ 
ronit (Sch) ...- .. 13, 416 
Schweizeriſches Komitee zum Studium der 
Grundlagen eines dauerhaften fyriedendver- 
trages: Die Grundlagen eines dauerhaften 
— —— (Prof. Dr. Johannes 
endlandd.. 8, W 
Eiern, William: Pſychologie Be frühen Rind» 
heit (Dr. War Levy - Buhl) een. 8B 4 


— —- 


VII 


Heft Eeite 


— iedrich: Schwediſche Stimmen 


en Robert & S.: "Der beutich « englilche 
Krieg im Urteil eines Amerifaners (Dr. jur. 
Kurt Eb. Imberg) 

Bilder, Prof. Eber — Wir Schwei er, unfere 
Neutralität und der Krieg ( or Dr. 30» 
hannes Wendland) . 

Bolbehr, Th.: Bau en) Leben der bildenden 
Ku ‘Dr. R. Scha 

Bantel, Alfred: He elifche Kirchenbau 
u Beginn bes zwangigfien — 
Dr. R. Schadt) i 

Wehberg, Hans: Die "amerilanifd en Waffen: 
und WRunitiondlieferungen an — 
Gegner (Dr. jur. Kurt &b. Imberg) . 

Bernie, aul: Gedanken eines Deutic- 
Echmeizers (Brof. Dr. Johannes Wenbdi ) 

Bir Schweizer, unlere Reutralität und ber 
Krieg 6 Prof. Dr. Iohannes Wendland) . 

Witlop, Philipp: Heidelberg und bie deutiche 
Dichtung (Ernſt Ludwig ee) 

Bolf, Reonbatd: S. Sebaſtian Bachs schen» 
Iantaten (Dr. Richard Hohenemfer) . 


Mitarbeiter-Berzeicgnis 
Bamberger, Juftigrat: Staatenbund von Nogp- 
:- euro a . . = . . . . . . . . . . . 
— Felix: Die Macht des amerikaniſchen 
Praͤfidenten 
Beder, Prof. BR Wilpelm Martin: Naumann 


oder Bart 
„Ybhandhungen und Nuffäge“, 


Boehm, Dr.: 
von Mar Scele 

Bornhal, Brof. Dr. Conrad: : Das Nationalitäts« 
prinzip und der Krieg ; 

— Der geichlofiene Sandeistiant Fichtes — 

Bruns, Geh. Juſtizrat K.: Einiges voin Finden 
—— Dr. aa: Der internationale Ge- 


Bueg, Dr. ®.: Die Mitzoriffe der englife en 
Agrarpolitil, Ein Peek aus englifchen 
Frachtraumkriſe. 

— Gewerbliche Kinderarbeit. 
Bevölterungdfra e 

J. Graf Zulius Andraff ſy und die 

ö erreihiich,ungartide Drientpolitit . . 

Eapelle, Dr. ®.: „Duellenfammlung für den 
geſchichtlichen Unterricht an höheren Schulen“, 
herausg. von G. Lambeck, F. Kurze und 

. Rühlmann .. 

Elſt ter, Hanns Martin: „Aus ben Jugendjahren 
eines alten Nurländers“, von Theodor Her» 
mann PBanteniuß . 

„Der Krieg im Welten“, ‚ don Bernhard 
_ Rellermann ; 

Franle, Prof. Dr. Gatl: Wie iam Frantreich 
au Lothringen und dem Elfab? . 

Briedrid, Prot. Dr. jur. Julius: Die ? Zukunft 
des Bölterrehtd . 

Gjellerup, Karl Ad.: ‚Die "Lehre der, Upa- 
nifhaden und bie Anfänge des Buddhisſsmus“, 
von Hermann Oldenberg 

Goͤhring, Heinrich: Der Weltfrieg und die Lage 
der nternehmerichaft in Europa . . 

Boldfhmidt, Dr. Hand: Die geihichtliche Ber 
tradtung ber vergangenen Griedensgeit und 
bes gegenwärtigen Krieges . 

Gopcevic, Spiribion: König Ritole von n Ronte 
negro und feine Bolttit. . . 


Ein Beitrag zut 


1, 
4 


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13, 
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2, 363 


282 
225 
‚ 330 
„871 


290 


23 


Heit Seite 


Hager. Baurat Kurt: Der Wiederaufbau Dit- 
preußens alß wirtichaftspolitifhes und fıl- 


turelle8 Siegesproblen . 13, 391 
Hellwig, Amtsridter Dr. Albert: Kritiſches zut 
en der Ju a 0. 11, 338 
SHohenemfer, Dr. aa: eue Bücher über 
ufik —— 9, 278 
Imberg. Dr. jur. Kurt Ed.: Rriegsliteratur V. 4, 116 
Sentih, Dr. E.: „Die polnifche Trage“ von 
Dr. Adorf Sraboweh 13, 414 
Kiliani, Richard: — Kultur im englifcien 
Spiegel . 7, 21 
— Pfarrer Edmund: Der heili e Ber 8, 93 
Sangermann, Dr. 9. v.: „Die meet 
Annäherung zwühen dem Deutichen Rei 
und feinen Berbündeten“, berausg. von Prof. 
Dr. Heinrid Hertner . 12, 878 
Rarien, Werner Meter: "Sliegerlied 4, 124 
— Bioniere . 6, 192 
a —— Dr. Mar: Richtungen der Einer — 
, Hoberid: "Märtifche Reiter... . 6, 169 
& ler, Dr. &.: Sohannes Dörgenien . . . 12, 883 
Mehrmann, Dr. Karl: Ein mitteleuropäifch- 
vorderafiatiiher Schiedsgerihtäbund . . . 4 97 
Mottel, Zriedrih: Das annihaftd-Rriegs- 
— 3 2, bB 
Petſch, Prof. Dr Robert: vollsmaͤrchen der 
Bulgaren . 1, W 
Port, rieda: „Ludwig Steub* von Dr. Aloyt 
Dreyer. . 10, 819 
v. —X Bom Mordrecht der Obrigkeit 18, 404 
Rauter, Dr. Buftav: Slawiſche ——— 
Vrandenburgiſchen .. 8, 74 
— Von der deutſchen Schrift , 
Noepte, Dr. Zrig: Die franzöfifche Inter 
nationale . 9, 37 
—— Generalleutnant z. D. 5. Zus Reform 
ber Pferderennen . . 4, 107 
—— Erich von: Der neue Sobn bes 
ımmels . 01; DB, 144 
= „Slufirierte Weltfriegschronit“ von Saul 
U enbah . 13, 416 
Chad, Dr. R.: Bom Kulturwert des Archi⸗ 
telturftubiums (Sammelberidt). . 13, 408 
Schellenberg, Ernit Ludwig: „Heidelberg und 
die deutihe Dichtung“, von hilipp Witlop 2. 63 
Simon, Konfiftorialrat Prof. r.: Edleier: 
mader ald Patriot . . 10, 310 
Steiner, Oberingenieur Lajos: Friedentziele 
der Elekirotechnik .. 2, 47 
Stern, Dr. Selma: Die Erienipotitit Griedrice 
des Grosen. 12, 360 
Waguer, —W Gaͤllieni 6, 180 
Yserdland, Prof. Dr. Johannes: Die ‚Stellung 
der neutralen Ehweiz zu zeutiglane in 
Sselllciege . 2, 97, 3, 85 
Werminghof, Prof. Dr. Aibert: "Nalionalfird« 
Iihe Thartaften eined Engländer . . 8, 66 
Rolf, Prof. Dr. Dar — neuen Männer 
in Branfreid) ; 2, 33 
- Ealmii . . 7, 218 
Heiler, Staatsanwalt .: Die Ausgleihung 
der Familienlaſten als Grundlage einer ge> 
rechten ah: 10, 304 
Bo, Otto: „Die Ge hurtös, Eterbe- und Grab: 
ftätten der Römifc) » deutichen Kalle und 
„ Könige“, von Eugen Guglia. . 2, 68 
„Das — herausg. von Grid 
"Mards und Mar el... 13, 416 
* Erinnerungen an Bismard“, geraung. von 
.d. Brauer, Erid Mards und Rider 13, 416 





oo 








— — — 














Revolutionäre Strömungen in Rußland 


13 Diallalow, der damalige ruffifhe Minister des Innern, ein 
| 13 eleganter noch jugendlicher Mann, defjen gut gepflegte Hände in 

WR geihmadlofer Weile mit Loftbaren Ringen bededt waren, an 
jenem 24. $uli 1914, als die ruffiihe Mobilmacdjung beichloffen 
2 wurde, vom Minifterpräfidenten gefragt ward, ob er dafür 
garantiere, daß im Falle eines Krieges das Volk ruhig bleiben würde, ant- 
wortete er mit einem zuverfichtlihen „ja”. Diefes „ja“, das die Ereigniffe 
fpäter rechtfertigten, hat fjehr viel zu den Entichlüffen der ruffiihen Staat$- 
lenter in jenen entjeheidenden Stunden mit beigetragen. 

Maklakow glaubte, daß die Konfolidierungsarbeit, die Stolypin begonnen 
hatte, bei den Bauern weit genug fortgefchritten war, um jede Möglichkeit von 
Unruhen zu verhindern. Zudem war e8 den Bauern zulegt gut gegangen. 
Mehrere Ernten waren glänzend gemwefen. Das Dorf war fatt und, wenn man 
ihm den Alfohol nähme, fo würde die Nüchternheit zur Ruhe zwingen und die 
Mobilijation glatt vonftatten gehen. Die Streifls in Petersburg feien ziemlid) 
beendet, man habe einige NRädelsführer erfhoffen, andere nah Gibirien 
transportiert, im übrigen werde die panflaviftifche dee des Krieges für die 
Brudernation, für die Befreiung der unterdrüdten flavifchen Völker, für bie 
Abjhüttelung des teutonifchen Yoches auch beim niederen Volke, felbjt bei ben 
Sozialiften wirfen. Wenn der Krieg fiegreich fein werde, fo würde er zugleich 
eine glänzende Gelegenheit zur Befeftigung des reaftionären Negimes bieten, 
dba3 war der Nebengedanfe der inneren Politiker, die für den Krieg ftimmten. 
Und dafür ftimmten fie alle. Nur Krimofchein, dem e8 mit der Agrarreform 
ernft war und der als Folge eines europäifchen Krieges die wirtfchaftliche 
Rüdentwidlung Rußlands vor Augen fah, befannte fi) offen als Gegner bes 
Krieges. 

Orenzboten I 1916 1 





" Bevolutiondee Steömungen in Aufland 








| Mallakow hatte zunaͤchſt recht. Er ahnte in dieſer erſten Periode des 
Krieges nicht, daß er ſelbſt eines ſeiner Opfer ſein würde. ——— 
ſchelnende ruffifhe Zeitung „Sozialbemotrat“ beicjreibt diefe Periode, 
unmittelbar nad) — einfegte, folgendermaßen: 

„Ausbruch des Patrlotismus des fehwargen Hundert. Die ganze 
Bourgeotfie bis zur liberalften hinunter geht in das Felblager ber Be- 
wunberer ber garifhen Bande über. Die Prefle, die Tribüne der Duma, 
die Schule, der Altar — alles wird in Gang gefekt, um in ber Tiefe 
Nuplands, im fernen, bunleln, zerilagenen Dorfe den Betrug vom 
‚Befreiungstriege‘ des Zarismus populär zu machen, um bie Arbeiter, 
die Bauern, bie Mafle der erwerbenden Klafie in ben Stäbten mit 

Chauvinismus zu vergiften. Alles ehrlie, alles, was der lange der 

Revolution treu geblieben war, war an Händen und Fühen gebunden. 
Das Land war duch bie Ketten des Belagerungszuftandes gefeflelt. 
Broteft gegen ben Krieg erhebt fi) nur in den Reihen der Arbeiterflaffe. 
Der Tühne Borlämpfer der Arbeiter, die ruffilde Tozialbemofratiiche 
Arbeiterfraltion, wurde gefangen genommen und in das Gefängnis 
geſetzt.“ — 

Man erinnert ſich auch in Deutſchland dieſes Vorgehens der ruſſiſchen 
Polizei gegen die funf ſozialiſtiſchen Dumaabgeordneten, die man gegen jedes 
Geſetz und gegen die Verfaſſung gefangen genommen hatte. Sie wurden nach 
kurzem Prozeß nach Sibirien verbannt und noch heute ſind ſie da, ohne daß 
es den Bemuhungen ihrer Fraktionsgenoſſen gelungen wäre, ihr Los erheblich 
zu beſſern. Es lag in der Abſicht der Regierung, die Arbeitermaſſen, die noch 
in den größeren Städten zurückgeblieben waren, unter allen Umſtänden 
unſchädlich zu machen und zu desorientieren. Das konnte man am beſten durch 
Bejeitigung ihrer Führer. 

An die ruffiihe Revolution beim Ausbruch eines Krieges hatte man wohl 
nur in Deutichland in manchen Kreifen geglaubt und zwar in denen, die Ruß⸗ 
land gegenüber ftetS vorgefaßte Meinungen gehabt, fich aber zugleich als be- 
fondere Kenner der rujfiihen Berhältniffe ausgegeben hatten. Die Drien- 
tierung unferee Qagesprefie über ruſſtſche Berhältnifie war mangelhaft. 
Mit Ausnahme von zwei, drei wirklich deutjchen und Tompetenten Auslands 
torrejpondenten wurden unfere Zeitungen über ruffifhe AZuftände von 
durdhaus zweifelhaften Quellen bedient. Auf diefe von ben amtlichen Streifen 
ftetS bedauerte Mangelbaftigleit unferer journaliftifchen Auslandsvertretungen 
muß in diefem Zufammenhange einmal hingewiefen werden. Es gebt nicht 
on, dag man für alle grundlofen Einbildungen unferes Publitums immer 
wieder die Diplomatie verantwortlich madt. Möchte auch bier der Krieg einen 
Wandel bringen. — E8 war ja Har, daß eine Revolution in Rußland bei Krieg8- 
beginn nicht ausbredden Tonnte. Wer hätte fie denn machen follen? Bon ben 
Arbeitern babe ich Ion gefprodden. Das Dorf war durd) mehrere glänzende 


Revolutionäre Strömungen in Rußland g 


 Graten, befrtebigt und die Agrarreforn tm beften Zuge; — die ruſſiſche Bour⸗ 
geoifie verbieute duch die überreiche Befruchtung bes Landes mit beutfdhem 
Gelde, das der ſoviel geſchmähte Handelsvertrag ben Nuffen gebradjt hatte, 
ſo glänzend, daß ſte ſchon halb auf dem Wege war, ſich mit den beſtehenden 
Buftänden auszuföhnen, jedenfalls aber volle Bereitſchaft zeigte, wie ein Gimpel 
auf den Leim zu gehen und der nationaliſtiſchen Politik der Regierung blind- 
lings zu folgen. 

Die erſte Phaſe des Krieges brachte alſo nicht nur keine Revolution, 
ſondern die Arbeiter, die in Rußland immer revolutionäre Tendenzen gehabt 
haben, wurden teils durch die panſlaviſtiſche Agitation, teils durch Terrorismus 
und die Drohung mit dem Standgericht in die der Regierung genehme Haltung 
gebracht. 

Es lam die zweite Phaſe des Krieges für Rußland, die der, Sozialdemokrat“ 
wie folgt charalteriſiert: 

„Siege der zariſchen Armeen in Galizien. Ein noch größerer Aus⸗ 
bruch des Schwarzhundert⸗Chauvinismus. Die Bande des ſchwarzen 
Hundert feiert ihre Orgien nicht nur innerhalb Rußlands, ſie beraubt, 
ſfie zerſtört, ſie erwürgt die Bevöllerung Galiziens. Die Bourgeoiſie 
ſchwelgt im Vorgeſchmack der Gewinne, die ihren Taſchen mit der Ein⸗ 
nahme der Dardanellen zufließen würden, was wie es ſchien eine Frage 
der naͤchſten Zukunft ſein würde. Der Liberalismus faällt noch demon⸗ 
ſtrativer vor dem Zarenthron auf die Knie. Die Demokratie ſchweigt. 
Die Kontrerevolution wũtet mit noch größerem Zynismus.“ — 

Auch während dieſer Zeit konnte natürlich von irgend welchen revolutionären 
oder Arbeiterbewegungen nicht die Rede ſein. Im Gegenteil, wir ſehen, wie 
ſogar die größten Feinde des Zarismus, Leute mit ausgeſprochen revolutionärer 
Bergangenheit, verſeucht von den Ideen der Ententepreſſe, die Deutſchland als 
den internationalen realtionaͤren Popanz, als Feind jeden Fortſchritts hinſtellt, 
den imperialiſtiſchen ruſfiſchen Regierungsideen verfallen. Vera Fiegner und 
Burzew ſind gute Beiſpiele für dieſe Strömung. Sie kehren aus ihrem Pariſer 
Aſyl zurück, um fi) dem Vaterlande zur Verfügung zu ſtellen, ohne die wirk⸗ 
lichen Tendenzen der zariſchen Regierung zu erkennen, die den Heimgelehrten 
in den ruſſtſchen Gefängniffen und in Sibirien einen warmen Empfang bereitete. 
In Paris gab es eine Menge revolutionärer Ruſſen, die zwar nicht heim⸗ 
kehrten, aber ſich der franzöſiſchen Regierung halb gezwungen halb freiwillig 
zur Verfügung ſtellten. Von den unmenſchlichen Leiden, denen ſie in der 
franzöfiſchen Fremdenlegion unterworfen wurden, legt eine Veröffentlichung der 
ruſſiſchen Emigrantenkolonie Zeugnis ab. Wo fie nicht im Schutzengraben⸗ 
kampfe den Tod fanden, da bereitete ihnen die Kugel der franzöfiſchen Freunde 
den Untergang. Bugende von den ruffifchen Freiwilligen find von franzöfifchen 
Standgerichten wegen angeblicher disziplinarifcher Vergebungen ohne eigentlichen 
Ürtellsfprudd zum Tode des Erſchießens beitimmt und hingerichtet worden. 
1* 


:4 "Redoltitionäre Strömmmgen in Rußland 


Mit“einem iromifhen Hechrufe auf die franzöfiihe Yreiheit — auf das “Ybol, 
für :das fie als Ndealiften in den Kampf gegangen waren, — ftarben bie 
beberzteften diefer Enttäufchten unter den franzöfiien Kugeln. Der Appell an 
das franzöfiide Parlament, den ihre Brüder in Paris verfaßten, verhallte ohne 
Cho, weil e8 die Zenjur des freibeitliden Srankreich fo für gut hielt. Wie 
hätte au) das Belanntwerden dieſes Proteftes zu dem Phrafenfhwall von 
dem edlen Kriege des freiheitlichen und demofratiichen Frankreich und Englands 
gepaßt! Begreifen aber fann man ben Schreden und ben Abicheu, der bie 
legten no in Paris zurüdgebliebenen rufflihen revolutionären Emigranten 
-erfaßte, al der Abgeorbnete Galli in der Barifer Munizipalität den Antrag 
einreichte, daß alle in Frankreich lebenten Untertanen der Allierten Franfreichs 
entweder nad) ihrem SHeimatlande abgejchoben oder zum Dienfte in der 
franzöfifden Fremdenlegion gezwungen werden follten. Das Betfpiel von 
Burzew, von W. ©. Dchotsli, der nah NRukland zurüdgelehrt wegen eines 
neun Jahre zurüdliegenden politiichen Vergehens in das Ismailowſche Ge⸗ 
fängnisS geworfen wurde, das von Germanow-Morofom, ber troß feiner 
Propagandatätigfeit für die Regierung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt 
ward, und das 208 ihrer Genoffen in der franzöfiiden Fremdenlegion ſchwebte 
vor aller Augen. — Unter bem Drude der ruffihen Botfchaft in Paris hatte 
man in Frankrei die Scham verloren, das Bündnis bis zur Nachahmung 
der ruffiihen Regierungsmethoden zu treiben. Nur wenige einfichtige Franzofen, 
3. ®. der Philologe Meillet hatten es offen auszufpredhen gewagt, daß bie 
innere ruffifhe Politit „eine Duelle für die moralifhe und materielle Schwäche 
ber Allierten Rußlands bedeute.“ 

Das dritte Stadium bes Krieges brachte die ungeheuere Ummälzung nicht 
nur der äußeren Sriegslage, fondern des inneren ruffiihen Lebens. Es fällt 
Lemberg und Przemysl, e8 fallen die ruffifchen Feftungen. Die Völlerwanderung 
der Flüchtlinge beginnt. ch zitiere wieder den „Soztaldemofrat“ : 

„Die Reaktion verliert den Kopf. Es beginnen SYntrigen zwifchen 
einzelnen einflußreichen Kliquen der Krtegspartei. „Das Vaterland tft in 
Gefahr". ES erfolgt „die Mobilifation der Imduftrie” und die Mobili- 
fation der Kräfte der Gefelihhaft . .. . Kongrefie, Neben, Refolutionen, 
Zelegramme, Komitees, Deputationen. Gutfhloff tft faft Diktator, 
Miljuloff und Schingarioff faft Minifter.“ 

Die Regierung, die zuerit die Zügel der Regierung am Boden fchleifen 
läßt, mat eine zeitlang Miene, dem empörten VBollswillen nadhzugeben. Einige 
Minifter werben entlaffen, Kommifflonen „zur Verteidigung des Landes“ und 
zur Organifierung besfelben eingefebt, in denen Leute der Gejellihaft mit 
Bürofraten zufammen tätig find. Diefe Herrlichleit dauert aber nicht ange. 
@3 beginnt der Kampf der Regierung mit den Gutfchfoff und Lwoff. Die 
Duma wird aufgelöfl. Dem Blod der Linken, der fid) gebildet hatte, find in 
Goremylin und EChmoftom zielbewuhte Gegner entitanden. Yn diefem dritten 


Revolutionäre Strömungen in Rußland 





— 


Stadium des Krieges beginnen ſofort Bewegungen unter den Arbeitern. Vom 
März ab ſehen wir faſt in jedem Monat große Streiks der Arbeiter in den 
Induſtriezentren. In Petersburg findet im April ein Sympathieſtreik zum 
Gedachtnis de Lengereigniſſe ſtatt, im Mai ſtreilen 856000 Arbeiter, im Juni 
ſetzt der Streik der Metallarbeiter ein. Juni und Juli ſind die beiden Monate, 
da die Streilbemwegung im ganzen Reihe am umfangreichften tft, und teilweife 
ausgeiprodhen regierungsfeindlicden Charakter annimmt. 

Die Streits der Tertilarbeiter in Koftroma im Junt haben zu ber be- 
fannten SInterpellation in der Duma geführt (Dumaverhandlungen vom 
8./21. Auguft). In ihrem Verlauf waren Zufammenftöße zwifchen der Polizei 
und den Arbeitern vorgelommen, die zur Erfchießung von ungefähr 1.4 Arbeitern 
und zur Verwundung einer Menge anderer führten. Maffenarrefte folgten. 
Wie die Ereigniffe von Koftroma auf das ruffiiche Volk wirkten, davon gibt 
bie Mebe des ertrem reiten Abgeordneten, Grafen W. A. Bobrinsy, aus 
Anla& der damaligen Snterpellation einen guten Eindrud: 

„Dan flägt uns eine Ynterpellation über die traurigen Ereigniffe vor, 
die vor mehr als zwei Monaten paffierten. Die Regierung hat Zeit 
genug gehabt, alles aufzullären und fi auf eine Antwort für heute 
vorzubereiten. Über biefes traurige Ereignis hat man fchon öffentlich 
in Moskau auf ‚dem Kongreß gefproden. Die Regierung follte keinen 
Zweifel darüber haben, fie follte verjtehen, daß die Ereigniffe in Koft- 
oma einen traurigen Widerhal in ganz Rußland finden und viele 
erregen. Sie follte hier erfcheinen und uns erflären, weldhe Umftände es 
notwendig machten, auf die Menge zu fchießen, und, wenn foldhe nicht 
vorhanden waren, welde Ihaßregeln zur Beftrafung der Schuldigen er- 
griffen find. Statt defien bat es die Regierung, von ihrem formalen 
Redhte Gebraud) machend, nit einmal für nötig gehalten, hier zu er- 
feinen. Schlecht verfteht die Regierung ihre Pflichten in ber gegen- 
wärtigen fhweren Minute, wenn fie fi) auf ihr formelles Recht ftübend, 
biefem Ereignis gegenüber teilnahmsIos verhält.” 

Koftroma findet bald Nachfolger in Mostau und Imano Wofnefjenst. 
Genaue Nachrichten über diefe Streil3 haben wir nicht. Wenn man ber ruffi- 
fihen foztaliftifchen Preffe trauen darf, gab es bei den Moslauer Unruhen im 
uni 20 Tote und Verwundete, in Iwano Woſneſſensk im Juli 100 Tote und 
40 Verwundete. Der lebtere Streit fcheint politiihen Charakter gehabt 
zu baben. Nach den Berichten der fozialiftifchen Zeitungen ift man mit 
Tahnen unter Abfingen revolutionärer Lieder umbergezogen und bat die Zofung 
ausgegeben: „Fort mit der Regierung, allgemeine Amnejtie etc.“ 

Damit fcheint aber auch die Streifbewegung ihren Höhepunkt erreicht zu 
haben, ohne daß fie allerding3 ganz abgeflaut hat. Denn in Petersburg haben 
wir wieder Proteftitreil8 gegen das Urteil von Ywano Woinefjenst. Eine 
größere Streifmelle gebt ferner bei der Auflöfung der Duma duch Land. 


6 Revolutionäre Strömungen in Rußland 


Nah dem „Spzialdemoktat” ftreilten in Petersburg 150 000 Arbeiter, in 
Kifhny 25 000, „große Streils fanden ferner ftatt in Eharlow, Moslau und 
Jelaterinoslaw.“ 

Zur Zeit hören wir nichts von Streils oder von offener Auflehnung 
der Arbeitermaſſen gegen die Regierung. Der Kampf iſt jetzt auf ein anderes 
Gebiet übertragen: auf das Gebiet der Organiſation. 

Ich muß hier etwas weiter ausholen, um bdiefe Phafe verftändlich zu 
maden. Die ruffiide Sozialdemokratie, die im Bergleich zur wefteuropäifchen 
verhältnismäßig jungen Datums ift, ift nicht feitgefügt. Ste befiht zunächſt 
feine Sefamtorganifation, die fi über das ganze eich erftredt, fondern in 
der Art der Drganifation, die gewiffermaßen einer möglichen biftoriichen Ent- 
widlung vorauseilt, fpiegelt fie den Nationalitätendharafter des ruffihden Reiches 
wieder. Ta gibt es, ganz abgefehen von der volllommen betfeite ftehenden 
finnifden Soztaldemofratie und den Sozialtevolutionären, — eine polnifche, 
eine ufrainifche, eine Laufafifche, eine lettifche, eine jüdiiche ſozialiſtiſche Dr⸗ 
gantjation, die alle volllommen felbjtändig find und felbftändig handeln. Die 
polniſche und jũdiſche DOrganifation fpielt in diefem Kriege feine befondere Nolle 
mehr, da ihr Wirkungskreis hauptſächlich die vom deutſchen Heere beſetzten 
Gebiete waren. Die Fraktion der Trudowili mit Kerensky an der Spitze, die 
auch in gewiſſer Weiſe Arbeiterintereſſen vertritt, iſt organiſatoriſch von der 
Fraktion der Tſcheidze und Tſchenkeli in der Duma geſchieden. In der Fraktion 
ſelbſt iſt keine Einheit vorhanden, es haben ſich dort ſchon vor Beginn des 
Krieges ähnlich wie früher in unſerer Sozialdemokratie zwei Tendenzen heraus⸗ 
gebildet, die ſogenannten Maximaliſten (Bolſchewili) und die Minimaliſten 
(Menſchewiki, Liquidatoren), die letzteren unſern Reviſioniſten vergleichbar. 
Außerdem ſpielen in der ruſſichen Sozialdemokratie auch die Emigranten, die 
in Paris, New York, Genf ſitzen, und in denen zum Teil gerade die Intelligenz 
des ruſſichen Sozialismus verkörpert iſt, eine Rolle. 

Es iſt außerordentlich ſchwer, aus dieſen verſchiedenen Gruppen und 
Einflüſſen fich ein klares Bild über die Tendenzen zu machen, die im gegen⸗ 
wärtigen Augenblick die ruſſiſche Arbeiterſchaft erfüllen, noch dazu, im Zeitalter 
der ſtrengen ruſfiſchen Zenſur, beſonders da dieſe Tendenzen keineswegs ſich 
über das ganze Reich erſtrecken, ſondern in jedem Induſtriezentrum ganz ver- 
ſchieden find. 

Wir wiſſen ſelbſt nicht genau, wie ſich die Dumafraktion zum Kriege 
ſtellt. Es iſt jedem, der ſich mit den Verhältniſſen des ruſſiſchen Sozialismus 
nach dem Kriege beſchäftigt hat, belannt, daß ſich unter der Einwirkung der 
Kriegsereigniſſe zwei extreme Richtungen im ruſſiſchen Sozialismus bildeten, 
die aber nicht ſo ernſt genommen werden ſollten, wie man es bei uns ge—⸗ 
wöhnlich tut. Es find das die Porafhenzy, eine Gruppe um Lenin herum, 
die in der Niederlage (porashénie) des Vaterlandes das Heil des ruſſiſchen 
Sozialismus fieht, alſo alles zu fördern ſucht, was dieſe Niederlage herbei⸗ 


Kevolutionäre Strömungen in ARußland 7 


—— 








führen Tönnte*). Ahnen fteben gegenüber die Dboröncy, die für die Bere 
teidigung des Baterlandes (oboröna) unter allen Umftänden ihre Dtithilfe nicht 
verweigern wollen. Die Anwälte und geiftigen Führer bdiefer Gruppe find 
ebenfalls Emigranten, hauptfähli Plehanow, Alerinffy in Paris und Deutfch 
in New York. Burzem, der nad langem Hin und Her begnadigt worden ift 
und dem man den Aufenthalt in Petersburg geftattet Hat, wird man jeht wohl 
ebenfalls zu diejfer Gruppe rechnen dürfen, wenn er nicht von der ruffifchen 
Dchrana gewonnen ift. 

3b möchte zuerft von Pledanom ein paar Worte fagen. Das von ihm 
zufammen mit Bjelouffiow, Alerinsty, Frl. Deutih, Yda Arelrod und anderen 
herausgegebene Manifeft vom 10. September 1915 ift befannt. Es ift in 
vollem Wortlaute abgedrudt in der von Alerinsiy in Paris herausgegebenen 
Zeitung „Rossija i Swaböda“ (La Russie et la Liberte) Nr. 3 und wird 
Nummer für Nummer in der von Plehanom neugegründeten Zeitung „Prisyw“ 
(l’Appel) erläutert und popularifiert. Don feinen Urhebern wird es als ein 
grundlegender Beihluß der beiden Parteien der ruffiiden Sozialdemokraten und 
der ruffifhen Soztalrevolutionäre bezeichnet und als folder von der ruffifchen 
und Ententeprefie wiedergegeben. Das ift falih. Die Partfer Emigranten 
batten feine Autorifatton, für die Parteien zu fprehen. Das Manifeft ift denn 
au) fofort von der Auslandsgruppe der rufftiden Sozialrevolutionäre (3. R. 
P.S.NR = BZentrallomitee der Partei der Sozialrevolutionäre) abgelehnt 
worden. Der ablehnende Beihhluß ift abgedrudt in Nr. 25 (87) der in Genf 
eriheinenden Wochenichrift Shisnj (La Vie), die fih in ihrem Leitartifel für 
die Revolution sans phrase ausfpridt. Auch die in Paris erfcheinende „Nashe 
Slowo“ (Notre Parole) bat fi gegen Plehanow geäußert.) 

Plechanows Gedanlengang tjt etwa folgender: „Wenn Deutichland ger 
winnt, wird Rußland eine ungeheuere Staatsfhuld haben, Deutichland mird 
eine gewaltige Kriegstontribution fordern und Rupland wird Deutjchland äfo- 
nomif) tributpflichtig fein. Uber weiter. Das alte Dreifatferbündnis wird 
von nenem wiebererfiehen und es wird ber Hort ber Reaktion werben. 
Der ruffifde Arbeiter wird die Folgen davon fomwohl ölonomifh mie politifch 
tragen müfjen, „denn Rußland gehört nicht dem Zaren, fondern dem arbeitenden 
ruffiihen Volle. Wenn das Boll Rukland verteidigt, fo verteidigt es fich felbft 
und die Sadıe feiner Befreiung“. Man fage, daß Maklakow und Schtſcheglowitow 
bereit gemwefjen feien, den Frieden mit Deutfhhland zu fehliefen. „Wenn das 
nit wahr ift, jo tft e8 gut erfunden, denn eine Niederlage Deutichlands wäre 
die Niederlage des den Reaktionären jo teueren monardiichen Prinzips”. eder 
revolutionäre Putfch arbeitet dem äußeren Feinde in die Hände, tft alfo Verrat 
am Baterlande. 3 ift die Pflicht jedes Arbeitervertreters, „nad Möglichkeit 
an der Arbeit nicht nur der fpeziellen technifhen Drganifationen für die Be- 


*) Ihre Devife ift: porashenie — mensheje zlo, die Niederlage ift da& Fleinere Üibel. 


8 Revolutionäre Strömungen in Rußland 


——— 








durfniſſe der Armee (Kriegsinduſtriekomitee u. a.) teilzunehmen, ſondern auch 
an allen anderen Organiſationen geſellſchaftlichen und politiſchen Charakters“, 
vor allem an der Duma. „Die Lage iſt ſo, daß wir zur Freiheit nicht anders 
als durch das Mittel der nationalen Selbſtverteidigung kommen können“. — 

Man fieht, welche Rolle in dieſem Manifeſte der alte Wahn ſpielt, daß 
Deutſchland die Stütze und der Hort der Realtion in Europa iſt. Es iſt das 
ein Glaube, der nicht nur dem ganzen liberalen, ſondern auch dem ſozialiſtiſchen 
und revolutionären Rußland eingeimpft iſt. Das Geſpenſt des Separatfriedens 
mit Deutſchland, den die beſitzenden Klaſſen im Falle des Überwiegens der 
Richtung der Poraſchenzy auf Koſten der Arbeiterklaſſe angeblich zu ſchließen 
beabſichtigen, iſt eines der Schreckmittel, die in jeder Nummer des Priſyw der 
Arbeiterllaſſe vorgehalten werden. 

Das Manifeſt des Plechanows haͤtte ſicherlich in Rußland einen noch 
größeren Eindruck auf die Arbeiterſchaft machen müſſen, wenn die entgegen⸗ 
geſetzte Richtung, näͤmlich die des Lenin, die es kritiſierte, einen ausgeſprochenen 
Anhang gehabt hätte. Denn die Umſtände für das Manifeſt waren außer⸗ 
ordentlich günſtig. Rußland war ein Land, in das der Feind eingefallen war, 
das jetzt nicht mehr einen Angriffs⸗, ſondern einen Verteidigungskrieg führte. 
Wie viel leichter war es, die Geſichtspunkte des Manifeſtes den Arbeiterklaſſen 
deutlich zu machen als damals, da die zariſchen Waffen noch ſiegreich waren? 
Und die Leninſche Richtung, die ausdrücklich auf die Niederlage der ruſſiſchen 
Waffen hinarbeitet, hat gewiß etwas Unnatürliches das ſich gut widerlegen ließ. 
So einfach aber lagen die Verhältniſſe denn doch nicht. 

Zunächſt wurde von den Arbeitern alles, was zur Zuſammenarbeit mit 
der Regierung aufmunterte, mit doppeltem Mißtrauen begrüßt, je realtionaͤrer 
die Regierung der Chwoſtow und Goremylin wurde, und je näher eine andere 
Moͤglichkeit rückte, naͤmlich die, doch noch einmal mit der Bourgeoiſie für eine 
zweite ruſſiſche Revolution gegen die Regierung zuſammen zu arbeiten. Je 
größer nämlich die Spannung zwiſchen Regierung und Bourgoiſie wurde, um 
fo wichtiger wurde es, bereit zu ſein für alle Fälle. So war vielfach die 
Stimmung. 

Einen ſolchen Stimmungen am beſten entſprechenden mittleren Standpunkt 
— weder für die Poraſchenzy noch für die Oboronzy — hatten bisher ſchon 
manche maßgebenden ſozialiſtiſchen Vereinigungen in Rußland eingenommen, 
wobei natürli auch der Gefichtspunkt der Parteitaltik eine große Rolle ſpielte. 
Die Menſchewikli hatten immer die Loſung ausgegeben, daß die ruſſiſche Ar- 
beiterpartei aufhören müſſe, ſich durch Hazardſtreils zu entnerven und der 
Regierung nur Waffen in die Hand zu geben, daß vielmehr die Lage der 
Arbeiterſchaft eine opportuniſtiſche Politik erfordere. 

Das Verhalten der Dumafraktion zu den beiden Extremen iſt nicht ganz 
klar. Es ſcheint aber, daß ſie zunächſt noch Plechanow gegenüber eine ab⸗ 
lehnende Rolle einnimmt, da noch nicht vor allzu langer Zeit der Deputierte 


Revolutionäre Strömungen in Rußland 9 


— — — — —— u nn — 


Manjtom wegen äbnlicher been aus der Dumafraltion ausgefchloffen worden 
ift, daß aber doch Tendenzen in ihr vorhanden find, die fih Plehanomws Leit- 
fügen nähern. Die Haltung der paar Fraltionsmitglieder hat aber lange nicht 
die Bedeutung wie bei ung. Es kommt in Rußland auf die Haltung der 
Arbeiter, der Gruppen und Drganifationen, in denen fie zufammengefaßt find, 
felbft an. Dabei ift Yolgendes zu bemerken. 

Das Drganifationstomitee der ruffifchen Sozialdemokratie (D.8.S.D.R.B.), 
die Vertretung des Menfchewili — au Dfiften genannt —, die immer einen 
Iiquidatorif den opportuntftiiden Standpunft verfolgt haben, tft mit einer eigenen 
VBroflamation aufgetreten, fie ift in der vom auswärtigen Seltetariat heraus- 
gegebenen Zeitfehrift „Die Internationale und der Krieg" abgedrudt und be 
ginnt mit den Worten: 

„Senofien! Im Feuer des Weltkrieges, das unfer Land ergriffen 
hat, find alle widerlichen Eiterbeulen unferes aftattfhen Regimes offen 
zu Tage getreten... . . Das alte Regime, das mit feiner Bebrüdung 
ganz Rukland verfendit bat, bringt Zerjebung und Tod mit fi . 

Hit es nicht ein verräterifher Stoß in den Rüden, wenn im Moment 

der Kriegsgefahr die Regierung die Armee und die dunflen Maflen auf 
ganze Nationalitäten bett und einen Teil der Armee gegen den anderen 
mobil madt? Wie fol man e8 anders nennen, wenn im Augenblid, 
wo die Geihide des Landes entfchieden werden, wo die Anfpannung 
aller Energie nötig ift, die Regierung das Land an Händen und Yüben 
feffelt? Der ärgfte Feind Nuplands Tönnte nichts fchlimmeres für das 

Land erfinden als die Goremylinfhe Regierung.“ 

Sodann folgt ein Abriß der Zätigfeit der Regierung gegen die Juden, 
eine Beichreibung der Greigniffe von Koftroma und Iwano Wofnefjenst, der 
Urteile der Feldgerichte und der bürgerlichen Gerichte gegen die Arbeiterflaffe. 
&3 wird aud) bier der Abficht der reaftionären Klaffen gedacht, einen Separat- 
frieden zu fchließen. Dann heißt e8 weiter: 

„Das Land ift am Rande des Abgrunds! Seine Errettung fordert 
vor allem den Sturz der gegenwärtigen Regierung. rn der fi) vorbe- 
reitenden Revolution foll das Proletariat den Plat der Avantgarde der 
Demokratie einnehmen. Der Sturz der zarifhen Regierung, des alten 
Feindes des ruffiihen Volles muß fi in dem fchwierigen Augenblid des 
Eindringens der fremden Heere vollziehen, wo auf den Schladitfeldern 
das Blut der Böller fließt und die Gefchide des Landes und ganz 
Europas fi entfcheiden.” 

Dazu gehört, fo wird weiter ausgeführt, ein klares revolutionäres Be⸗ 
wußtien. Die Bemühungen der Reaktion, daS Boll gegen die Armee auszu- 
fpielen, müßten bintertrieben werden. Kleine revolutionäre PButihe uud Aus- 
drüdhe des Unwillens, die gegenwärtig unvermeidlich feien, dürften doch nie⸗ 
mals die große Fdee der gefamten revolutionären Erhebung „zeritäuben“ Iaffen. 


10 Revolutionäre Strömungen in Rußland 


„Deswegen tft die zielbewußte Aufgabe des felbftbewußten Proletariats 

im gegenwärtigen Augenblid die möglichft breite Organifation der Arbeiter- 

maflen . . . Zu biefem Zwede müfjen alle Mittel der Klafjenorganifation, 

wie 3. 3. die Wahlen in die Krieginduftrielomitees, Ylüchtlingslomitees, 
profeffionelle Verbände, SKorperativlaffen, Arbeiterdelegationen uf. aus» 
genußt werden! 

Man fieht bier mit einem Blide die Verfehiedenheit der Auffafiung der 
Däiften im DBergleih mit der Stellung der Pledanom und Genofjen. Hier 
wird Mar verlangt, daß der Moment ausgenugt werden muß, um die Regierung 
zu ftürzen, um die Revolution herbeizuführen, daß aber zu dieſem Zwecke vor 
allem eine große Drganifation zu fchaffen ift und unter Umftänden aus 
taftifhen Gründen die Wünfchhe der Regierung in Bezug auf die Wahlen von 
Arbeiterbeputierten für die Striegsinduftriefomitees erfüllt werden follen. Da 
die Drganifation des D. K. in Rußland weite Verbreitung bat, fo find biefem 
Standpuntt viele Anhänger gefiddert, um fo mehr als fon ein großer Zeil 
der ruffliden Sozialtften vor dem Aufrufe foldden Ideen huldigte. 

Bon diefem Gedankengang aus betrachtet erhalten wir größeres Licht über 
zweierlei Vorgänge im ruffiichen politiihen Leben der Gegenwart. Cinmal 
gewinnen wir ein gemilfes DVerftändnis für die Chowſtowſche Bolitil des 
Wiederzurüdbämmens ber gejellichaftlicden Selbitorganifation, für fein Beftreben 
3. DB. die Berforgung der Flüchtlinge in die eigene Hand zu nehmen, feinen 
Kampf gegen die Kooporativgenofjenichaften, gegen die Ausbreitung der Semftwo- 
tätigleit. ®r betrachtet offenbar alle diefe Organifationsbeftrebungen als be- 
wußte Organifation der Gefellihaft für Die große Abrechnung mit der Regierung 
— und will diefe unbedingt hindern. 

Zweitens erhalten wir den richtigen Gefichtspunkt für die Beurteilung der 
Haltung der Arbeiter bei den Wahlen ihrer Vertreter zu den Kriegsinduftrie- 
fomttee8 in Petersburg und Mosktau. — 

sn Petersburg, wo zuerjt, wie wir wifjen, die Arbeiter in überwiegender 
Mehrzahl eine Teilnahme an den Wahlen abgelehnt haben, find die erhält. 
niffe nicht jo einfach zu überjehben. Hier batten von jeher nicht die Dfiften 
(Menſchewiki) die Majorität, fondern die Anhänger des Boljchewili, die in 
dem fogenannten PB. K., dem Petersburger Komitee, vereinigt waren. Das Zahlen- 
verhältnis der beiden Gruppen wird von fozialiftifehen Blättern als 1200 zu 
200 angegeben, doh jcheint bier die Majorität für die Bolfchewili als viel 
zu groß bemefjen zu fein. BZmilchen diefen beiden Gruppen fteht eine dritte, 
die der fogenannten Obedinjenzy oder Primirenzy, die für eine Ginigung 
zwifchen allen Gruppen der Partei eintreten. Xroß der großen Anbängerfchaft 
der P. 8. tft die Organijation wenig mächtig und nicht reich, zubem verfügen 
die Menfchemwili, die Dfiften, über fehr viel Intelligenz, die bei den PB. R. 
volftändig fehlt. Bei den erften Wahlen von Arbeitervertretern für bie 
friegswirtichaftlihen Komitees jprachen fich die Wahlmänner von 90000 Arbeitern 


Wevolntionäre Strömungen in Rußland 11 


gegen, bie von 80000 für bie Entjendung von Deputierten zu ben Komitees 
aus. 52000 Arbeiter waren von vornherein für den vollftändigen Boyfott ber 
Wahlen. Die Wahl von Arbeitervertretern lam aber nicht zu ftande, und 
zwar trotz Plechanowſchen Aufrufes. „Naſche Slowo“ betont als beſonders 
merkwurdig bei dieſen Wahlen, daß die Loſung zum Boykott diesmal von 
den Menſchewili ausgegangen war, die doch nah ihrem Aufruf für bie 
Organifation waren, und daß auch im übrigen die theoretiſchen Loſungen nur 
eine geringe Rolle geſpielt haben. Das komme daher, weil einerſeits bei den 
Menſchewili ſelbſt die Gemuter noch ſchwanken, andererſeits daher, „daß unter 
den Wahlmannern revolutionäre Narodniki und parteiloſe Arbeiter⸗Revolutionäre 
fich befanden, auf die die Sozialdemokraten Rüdfiht zu nehmen hatten. 

Bei der Wiederholung der Wahlen in Petersburg, die die Regierung auf 
Initiative von Gutſchkow angeordnet hat, ſcheint man eine Majorität für 
Entſendung von Vertretern in die Komitees erzielt worden zu ſein. Genaue 
Nachrichten darüber liegen nicht vor. Es iſt jedoch anzunehmen, daß bei dieſer 
Haltung der Arbeiter leineswegs Plechanowſche Ideen, ſondern lediglich Ideen 
der Organiſation entſcheidend find. Dies beſtätigt eine Notiz der Nowoje 
Wremja, die trotz ihrer abſichtlich dunkeln Faſſung erkennen läßt, daß bei der 
erſten Tagung des Komitees die Arbeitervertreter ſofort mit politiſchen Forde⸗ 
rungen hervorgetreten ſind, und daß Gutſchkow vergeblich verſucht hat, ihnen 
den eigentlichen Zweck der Arbeit des Komitees klar zu machen. 

In Moskau hatten von vornherein die Kadetten unter Führung von 
Rjabuſchinsky Einflußnahme auf die Arbeiterwahlen zu nehmen verſucht. Man 
hatte Vorwahlverſammlungen überhaupt nicht zugelaſſen, ſodaß die 90 Arbeiter- 
vertreter, die zu den Wahlen erſchienen, die Stimmung ihrer Wähler garnicht 
kannten. Rjabuſchinsky ſprach auf die Arbeiter in dem Sinne der Plechanow'⸗ 
ſchen Ausführungen ein, alle Proteſte der Arbeiter, daß er bei den Wahlen 
nichts zu tun hätte, fruchteten nichts. 22 Arbeitervertreter entfernten ſich unter 
Proteſt. Es ſcheint auf der Straße zu ziemlich heftigen Zuſammenſtößen ge— 
fommen zu fein. Schließlich fand die Wahl der Arbeitervertreter von den Zu—⸗ 
rückbleibenden ſtatt. Aber dieſe Abſtimmung gibt auch kein klares Bild, wenn 
man nicht berückſichtigt, daß ſich an den Vorwahlen der Wahlmänner von 
89948 Arbeitern überhaupt nur 45987 Arbeiter beteiligt haben, daß davon 
auch noch etwa 7000 Wahlzettel unausgefüllt oder abſichtlich falſch ausgefüllt 
abgegeben wurden, ſodaß man rechnen kann, daß mehr als die Hälfte der 
Moskauer Wähler durch ihre Haltung ſich für den Boykott der Wahl aus⸗ 
geſprochen hat. 

Die wenigen, die gewählt haben, werden es ſicher im Sinne der Organi⸗ 
ſation und nicht im Sinne der Plechanow'ſchen Auffaſſung getan haben. 

Wie verhalten ſich nun alle die Elemente, die von opportuniſcher Organi⸗ 
ſationsarbeit nichts wiſſen wollen? Sie ſind vollſtändig von revolutionären 
Ideen erfüllt. Auch da gibts wieder verſchiedene Strömungen, auf die ich nicht 


12 Revolutionäre Strömungen in Rußland 


näher eingehen will. Auf einer Seite ertönt der Schladtruf: „die Revolution 
um bes Sieges willen“, wobei eine vorausihauende Phantafie alle Phafen der 
Revolution, des ruffiihen Staatsbankrotts, der bewußt herbeigeführt werden 
wird, und eines zweiten Kampfes gegen das realtionäre Deutihland, jebt fhon 
ausmalt, — auf der anderen Seite hören wir: „die Revolution um der Revo⸗ 
Iutton willen“. Doch das find vielfach Philofophien der emigrierten Intelligenz. 
Die Flugblätter der Arbeiterfchaft jelbft find derber und vollstümlicder. Sie 
find mit echt revolutionärem Geilte erfüllt. Da beikt e8: 
„Aber werben wir, ruffiide Arbeiter, wirllih jo dumm fein, um auf 
ihre (der ruffiiden Regierung) Lügenhafte Behauptungen hereinzufallen 
(daß der Feind des ruffiichen Volles die Deutfchen find?). Werden mir 
unfere eigene Sade um ihrer Sache willen vergefien? Nein, wenn wir 
Ion fterben müffen, dann wollen wir für die Sache des Volles fterben 
und nicht für die der Nomanoms und der Adligen vom Schwarzen Hundert“. 
Die Flugblätter wenden fi an die ruffiihen Soldaten: 
„Wenn die Revolution auflodert, fo erinnert Euch, Ahr Brüder 


Soldaten daran, daß Euer Pla nicht gegen uns, fondern mit uns ift“. 


Sn den fpäteren beikt es ausdrüdlidh: 
„Richt fern mehr ift der Dioment der nabenden ruffifchen Revolution... . 

Weg mit ber Selbitherrfhhaft. E8 Iebe die zweite ruffiihe Revolution!" — 

Wir fehen alfo, Symptome für die revolutionäre Stimmung der ruffiihen 
Arbeiterfchaft find reichlich) vorhanden. 

Andererfeit8 wird die Stimmung der Arbeiterfchaft folange feine ausfchlag- 
gebende Rolle fpielen lönnen, als die Bourgeoifte immer no) auf den Schlacht. 
ruf „alles für den Krieg“ eingefhworen ift, als die Armee bei der Stange 
bleibt, wa8 fie nach allen Berichten noch tut, und als das Dorf fih nicht 
offen zur Revolution befennt. Wie die Stimmung dort ift, wiflen wir nicht. 
Nah den Berichten der fozialiftifchen rujfifchen Blätter, die nicht ohne weiteres 
Autorität für fidh beanipruchen können, ift He jchledht. Die Revolutionäre fuchen 
für ihre Jdeen durdh die Lofung: „Konfistation der Ländereien der Gutsbefiter 
zu Gunften der Bauern” Stimmung zu maden, wie fie behaupten, mit Erfolg. 

Eines fteht jedenfalls feit. Nubig ifts in Rußland Teineswegs. ES brodelt 
in den Tiefen, und es liegen dort Symptome einer fpäteren Zerfeßung vor, 
die au) bei uns volle Beadhtung verdienen. Wir dürfen, wenn der Stand 
der Dinge fo bleibt, wie er ift, mit einer baldigen Revolution in Rußland 
nicht rechnen, werden aber gut tun, den Gang ber Dinge weiter mit der Auf- 
merlfamleit zu verfolgen, die er verdient. ine einfchneidende Veränderung 
der Kriegslage, die Yortlegung der ftrammen und gemaltfamen reaftionären 
Regierungspolitif, eine Schwenkung der bürgerlichen Parteien, können ber inneren 
ruffifhen Lage diejenigen Wendungen geben, die allerdings unter Umftänden für 
ihr Gleichgewicht verhängnisvoll werden müflen. 


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Die gefchichtliche Betrachtung der vergangenen 
Sriedenszeit und des gegenwärtigen Krieges 
Don Dr. Bans Boldfdhmidt 


BZ gewöhnlich fchnell ift dem Hiftorifer für diefen Krieg und feine 
a Borgejhichte ein reiches Duellenmaterial zugefloffen. Blaubücher 
und Weißbücher der verfchiedenen miteinander Triegführenden 
Staaten gewähren ein in hohem Mae einander ergänzenbes, 
Ba amtliches Altenmaterial, wie wir e8 für den Krieg von 1870/71 
und bie vorhergehenden Jahre diplomatifher Gemitterfehwüle noch heute nicht 
befiten. Die ſchwerer als damals erfennbare Urfade des Sriege8 und ber 
MRunid der Regierungen, fi von dem Berdbadit, den Krieg leichtfinnig unter- 
nommen zu haben, vor den Parlamenten ihrer Länder zu reinigen, hat bieje 
Yülle veranlaßt. Der Gang des Krieges hat uns dann in den Berichten ber 
belgifhen Gefandten in London und Paris ein Uuellenwerk zur neueften Ge- 
fchichte beichert, wie wir es für das 16. und 17. Yabhrhundert in den vene- 
tianiſchen Relationen befiten, wie e8 uns aus fo unmittelbarer Vergangenheit aber 
no nie aus den Altenfchränfen der Minifterien preisgegeben wurde. Wir 
fehen bier fcharffinnige Diplomaten ohne befondere Vorliebe oder Abneigung 
für die Beteiligten einen diplomatifchen Kampf beobachten, an dem fie praftifch 
nicht beteiligt find, nur die Sorge, daß ihr Staat ein Opfer biefes Kampfes 
werden lönnte, leitet ihr Urteil. 
rot diefer Neichhaltigfeit bedarf e8 Taum einer Erörterung, daß e8 nodh 
Sahrzehnte dauern wird, biß e8 möglich ift, die Dinge nad dem Rantlefchen 
Wort wirklich darzuftellen, wie fie gemweien find. Gemäß dem Zwed, für 
den fie beftimmt find, weifen die verfchiedenen Farbbücher, te nachdem fich 
die Regierung mehr oder minder an dem Krieg fehuldig fühlte, Auslaffungen 
und Faliuugen auf.) Sind folde auch auf unferer Seite nicht nötig ge- 
wefen, fo ftellt doch Bergfträfier feit, daß aud) das von Defterreih und Deutſch⸗ 
land publizierte Material nicht lüdenlos ift.**) Unfere nampdafteften Hiftoriler 


”) ©. Ludwig Bergfträfler, Die diplomatifhen Kämpfe vor Sriegdaußbrud, eine 
Iritifde Studie auf Brund der offigiellen Beröffentlihungen aller beteiligten Staaten, Hiftor. 
Ziſchr. Bd. 118, 4. ©. ©. 494, 515 Anm. 1, 518, Anm. 2, 520, Anm. 2, 544 Anm. 2, 
6656 Anm. 1, 567, Anm. 2. 

"©... ca. 9. ©. 584 Anm. 1, 581 Anm. 2. 





14 Die gefhiätlie Betrachtung der vergangenen Sriedenszeit 


Haben fi} bemgemäh bisher bamit begitügt, due Sctlberung bez politiichen 


Entwidiung Deutfjlands und feiner Gegner unb bes Berhältniffes ber Staaten 
jueinanber aufflärend zu wirlen. inter ben von uns befegten Lanbesteilen 
ift der Gedichte‘ Belgiens. und bem Problem .feiner Neutralität befondere Be 
adtung zuteil geworben. Etwas ander als mit der eigentlichen, biftorifchen 
Forſchung fteht es mit der Betrachtung der jüngften Breignifie und bes gegen- 
wärtigen Krieges im Nahmen ber Weltgefhichte. Die Ereignifie find fo weit 
fortgefchritten, daß e8 dem Hfftorifer allmählich möglich wird fid) vorzuftellen, 
in welddem Licht fie fih den kommenden Geichledhtern barftellen werben. Ba- 
bei ift zwifden dem Nüdblid auf die Sriegsereigniffe felbft und ber ver- 
änderten Anſchauung der voraufgegangenen Friedenszeit zu unterſcheiden. 
Ganz außer Betracht muß ſelbſtverſtändlich einſtweilen die militäriſche Geſchichte 
des Krieges bleiben. Deſto ſchneller pflegt ihr Material nach Beendigung des 
Krieges zugänglich gemacht zu werden, da diplomatiſche Rückſichten hier im 
allgemeinen nicht in Betracht kommen. Schon 1872 konnte Max Lehmann in 
den Preußiſchen Jahrbũuchern (Band 29 und 30) feinen glänzenden Auffag über 
die Schlacht bei Mars la Tour veröffentlichen, der weiteren Kreiſen leider 
viel zu wenig belannt iſt. 

Die großen Epochen der politiſchen Geſchichte, nach denen wir die Ver⸗ 
gangenheit teilen, ſind durchweg durch Kriege begrenzt. Die Urſachen dieſer 
Kriege ſind junge friſche Kräfte, welche ſich gegen die das Zeitalter beherr⸗ 
ſchenden Mächte und Strömungen erheben. Je nach ſeiner Stärke und Be⸗ 
rechtigung dringt dieſes Neue im Krieg ſchließlich durch oder das Alte, durch 
den Krieg geläutert und verjüngt, beherrſcht unter neuen Verhaältniſſen weiter 
das Feld. Das europäiſche Staatenſyſtem des letzten Zeitabſchnitts baut auf 
der Länderverteilung von 1816 auf. Das Emporſtreben neuer Kraͤfte, welche 
die Machtverhältniſſe zu verſchieben ſuchten, macht ſich in dieſer Epoche ſehr 
bald bemerlbar. Der Boden für die Konflikte war ſchon auf dem Wiener 
Kongreß vorbereitet worden, da einmal die natürliche Reaktion gegen die zu 
weit ausgedehnten Umwälzungen der napoleoniſchen Zeit die alten Zuſtände 
auch dort wieder einführte, wo ſie ſich überlebt hatten, dann in anderen 
Fragen die Eiferſucht der Mächte Verlegenheitslöſungen herbeiführte, zu denen 
freilich teilweiſe gegriffen werden mußte, weil die Völlker noch nicht reif genug 
waren, um das von ihnen gewüunſchte Ziel zu erreichen. So ſehen wir ſchon bald 
die Italiener ſich immer wieder erheben, um den nationalen Einheitsſtaat zu 
erlangen und ihr Land von der Abhängigkleit von habsburgiſchen und bour⸗ 
boniſchen Herrſchern zu befreien. 1880 löſt ſich Belgien aus dem Königreich 
Holland ab, dem die Eiferſucht der drei Mächte England, Frankreich und 
Preußen untereinander dieſe Lande gegeben hatte, welche ſtets weniger nach 
einem ſelbſtändigen Staat als nach ſelbſtändiger Verwaltung geſtrebt hatten. 
Wieder und wieder ſuchten ſich die Polen von dem ruſſiſchen Joch zu befreien. 
Den deutſchen Völlerſtämmen gelang es nach ſchweren inneren Kämpfen, ihren 


Die gefchichtlige Betradtung der vergangenen Sriedenszeit 15 


obnmädtigen Staatenbund in einen einheitlidjen Bunbesftant zu verwandeln, 
der ih fofort die ihm 1815 verweigerten Grenzlande Elfah-Lothringen er- 
oberte. Schliekli erftarkten au die Ballanvölter fo, bak e8 ihnen glüdte, 
der jahrhundertelang ertragenen türkiihen SHerrfhaft ledig zu werben. Go 
große Ummälzungen alle biefe Konfliltte aud für die einzelnen Beteiligten 
braditen, vom Standpunkt der europätichen Sefchichte gefehen blieben fie Lokal 
beiränft, bereiteten jedoch alle, wie bie gegenwärtigen Greigniffe zum Über 
Tiuß beweifen, ben Boben für einen allgemeinen Konflilt vor, ber in feiner 
Ausdehnung über Europa in nichts Hinter dem bdreißigjährigen Kriege und 
dem napoleonifchen zurüditeht, ja fie noch übertrifft. Dabei ift hervorzuheben, 
daß diesmal mit NRüdfiht auf die großen materiellen und Kulturwerte und 
die höhere Schägung bes Menichenlebens der Berfud gemacht wurde, den 
Übergang von einem Zeitabfehnitt in ben anderen — vom beutidhen Stand- 
punkt dürfen wir vieleicht fagen: den Übergang Deutichlands von nationaler 
Wirtſchaft zur Weltwirtihaft — ohne einen Krieg zu erreichen und bie 
Streitigfeiten auf friedlidem, diplomatiihem Wege auszugleihen. E83 gelang 
nit. Als England, die Macht, weldde aus dem Krieg vor hundert Jahren 
als ftärkfte See und Handelsmadt Europas hervorgegangen war, filh als 
foldde von dem emporftrebenden Deutichen Neich bedroht fühlte, fchlofien fi 
Tämtlide Staaten, bie filh Durch die Entwidlung des vergangenen Zeitalter benad)- 
teiligt oder bedroht fühlten, beziehungsweife ihre Wünfche nicht erfüllt fahen, den bei- 
den Parteien an, in der Hoffnung, unter dem Schuß ber ftärkften Mächte des 
Zeitalter8 do ihr Schidfal in dem von ihnen gewünidhten Sinn wenden zu 
fönnen. So hoffte Franfreih Elfah-Lothringen wieder zu erlangen, SYtalien 
die noch fehlenden Landesteile italtenifder Zunge, Trient und Zrieft, feinem 
Königreich einzuverleiben, Rußland die bdiplomatifhen Niederlagen wettzu- 
machen, welde fterreih-Ungarn feinem Erpanfionsprang zu verjchiedenen 
Malen bereitet hatte Die Türkei hofft durch den Anfhlub an Deutichland- 
Dfterreich vor weiterer Verfleinerung gefhügt zu werden, Bulgarien fucht mit 
Hilfe der Zentralmäcdhte feine Niederlage im zweiten Balfankrieg zu rächen. 
Wir fehen alfo, daB der gefamte Konfliktftoff, welcher durch den Zufammen- 
Toluß alter und junger Kräfte und durch die umbefriebigende Löfung terri 
torialer Fragen (Belgien, Polen) in den lebten hundert Jahren entitanden 
war, mit erftaunlicher Gefchloffenheit in dem gegenwärtigen Krieg feinen Aus- 
trag ſucht. Und dieſe Entwicklung der Geichichte von 1814 bi8 1914 ge 
ftattet ung wohl jhon jeht zu fagen, daß — wie immer fi) die Dinge au 
im Friedensihluß geftalten mögen — alle Vorausfehungen gegeben find, um 
Tünftigen Gefchlechtern diefe Zeit als eine geichloffene Epoche der europätichen 
Geſchichte ericheinen zu Yafien. Sie ift beberricht von dem Streben der Zöller- 
ſchaften, nationale Einheiten zu politiichen zu geftalten. 

Aber auch für die deutfche Geihichte wird fie Fünftig eim gefchloflener 
Zeitabfähnitt fein. Schon für uns verfchteht fi) das Bild, in welddem wir ben 


Es 
” 


16 Die. gefchichtliche Betradhytung. der vergangenen Sriedenszeil 


Krieg von. 1870 bisher ſahen. Er erjdien uns bis jet als Abjchluß der 
Kämpfe, welde um die Wieberermedung des alten Deutihen Reichs faft feit 
feiner Zertrümmerung geführt wurden. Er wird aud ftetS das Fundament 
bleiben, auf welchem das neue Deutſche eich gefhaffen worden tft, aber wir 
fund Schon jebt geneigt, die heutigen Kämpfe als diejenigen anzufehen, welche 
das damals Gefhhaffene vollenden. Wohl zeigten der glänzende Auffhwung 
‚unferer Induftrie, die beifpiellofe Ausdehnung unjeres Welthandels, unjere 
foziale Gefeggebung und der Erwerb unferer Kolonien, die aufiteigende Ent- 
widlung des Neihs, aber noch hatte e8 feine geographiien Landesgrenzen, 
die und einen unferer zentralen Lage entfpredhenden Schu gegen Angriffe 
unferer Nacbaren gewähren konnten, und ein gefichertes Wirtichaftsgebiet, 
ohne deffen Befis und Nusbarmahung wir mit den anderen Großmädten 
nicht fehritthalten Tonnten und in Gefahr gerieten, in die frühere Ohnmadt zu- 
rüdzufinfen. Und nicht nur die äußere Bedrohung des Reis, anfangs nur 
durch den Revanchegedanken der Franzofen, fpäter durch deflen Verbindung 
mit der Vergrößerungsfucht des ruffiihen Neid und fhließlih mit dem Miß- 
trauen und der Eiferfudht Englands, wird der Nachwelt den Beitand des neuen 
Deutfhen Reichs von 1871 bis 1914 feineswegs als gefichert ericheinen lafjen: 
die innerpolitifchen Verhältniffe der jüngft vergangenen Periode mögen fie in 
dieſer Anſchauung beftärken. Wir dürfen nicht vergefien, daß noch in dem 
Kebziger Jahren der Kulturfampf in dem Tatholifchen Zeil der Bevölkerung 
Abneigung gegen das „proteftantifche Kaifertum” wedte und daß außer der 
fozialiftifden Partei au da8 Zentrum und der Yinksftehende reifinn der 
Neichsregierung bei Heeres- und Flottenvermehrungen und +»reformen die Ger 
folgſchaft verſagten. Das heißt, fo wie wir die Dinge beute jehen, dürfen 
wir direft fagen: in Griftenzfragen des Neihs. Daß doltrinäre Parteipolitif 
in ber fozialdemofratifden Partei im Ernitfal nit den Steg über gejundes 
vaterländiiches Empfinden davontragen würde, tft der Welt erit am 4. Auguft 
1914 belfannt geworden. BiS dahin lan ihre Verhalten ebenfo wohl als Be⸗ 
droßung des NeichSbefitandes angefehen werden wie das von verfchiedenen 
eljaß-Lothringifchen und polnifhen Abgeordneten, fChon weil e8 unfere Gegner 
in ihren Plänen gegen uns beftärkte. Die Ereigniffe von 1870/71 bilden nur 
den Abfehluß einer Periode in dem inneren und äußeren Kampf um Deutjch. 
lands Stellung als europäifche Großmadit. 

Über bie Tätigkeit der biftorifchen Forfcher in den anderen am Srieg be- 
teiligten Großftaaten find wir naturgemäß nur für Üfterreih-Ungarn er- 
Ihöpfend unterrichtet. Wie der Soldat mit der Waffe hat dort au) der Ge- 
lehrte mit der Feder gemeinfam mit uns gearbeitet. Aufſfätze der öfterreich- 
ungarifden Hiftoriler find ebenfo in beutfhhen wie in öfterreichifchen Zeit. 
f&riften erfhienen; naturgemäß find fie ausfchließlicher den öftliden Problemen 
gewidmet. In Franlreid und England find belannte SHiftorifer fchon vor 
dem Krieg mit Kundgebungen an die Offentlicyfeit getreten, welche fi von 


’ 


Die gefhichtlihe Betrachtung der vergangenen Kriedensgeit 17 


denen chauviniſtiſcher Politiker in nichts unterſchieden. Erneſte Laviſſe, deutſchen 
Hiſtoriklern in erſter Linie als der Herausgeber der „Histoire générale du 
4° siecle A nos jours‘“ belfannt, richtete ſchon im April 1914 einen Brief 
an die „Zimes“, in dem er für die fejtere Geftaltung der Entente cordiale ein- 
trat und die elfaß-Iothringifche Frage al8 europäifde und Weltfrage bezeichnete, 
Das Schreiben veranlaßte den belgifhen Gefandten in Berlin, Baron Beyens, 
laut den befannten Gefandfhaftsberichten zu der Bemerkung, der Brief habe 
bewiejen „qu’un bon historien peut fort bien n’etre qu’un pietre écrivain 
politique.‘“ In England hielt der ehemalige Cambridger Profeflor 3. A. Eramb 
Borträge, die zum Kampf gegen das Friegslüfterne Dentichland aufforderten. 
Noch dringender hat übrigens ein neutraler Hiftorifer, der Amertlaner Homer 
Lea, befannt durch feine Werle über die Ipanifche Imquifition in dem Bud) 
„Ihe day of the Saxon“ 1912 die Engländer ermahnt „to limit the 
political and territorial expansion of any European state.“ 

Rad dem Ausbruch des Krieges betätigte fi) der Vorgänger Delcafies, 
der Berfaffer des Lebens Nichelieus und des auch in Deutfchland fehr ge- 
Thägten Werfs über den Urfprung der Einrichtung der Provizialintendanten, 
Gabriel Hanotaur, als Publizift im „Figaro“ in einer Weife, bie mit fachlicher, 
mwifjenfhaftlicher Arbeit nichts zu tun bat, und Henri Welfchinger überzeugte 
mit dem Gewicht feiner bHiftorifchen Stenntniffe die Mitglieder der Acad&mie 
frangaife mit Leichtigkeit davon, daß Elfak-Lothringen nur zu Frankreich ge- 
hören könne. Auf das niedrigfte Niveau, auch franzöfifher Publiziftit, hat fich 
Arthur ChuquetS „De Valmy & la Marne 1914/15“ begeben, in dem alle 
Märchen über Ermordung unfchuldiger Einwohner mit und ohne Befehl 
deutfeher Dffiziere ufw. in glänzendem Stil zu EffatS verarbeitet find; Chuquet 
ftudierte in Deutfchland und fhrieb außer einem großen Werk über bie fran- 
zöftihen Nevolutionskriege audy über Heinrich von Kleift. E&8 muß überhaupt 
hervorgehoben werben, daß e3 in dem vergangenen Jahrzehnten - jehr wohl 
Tranzofen gab, welde mit ihrer Tätigleit im politifcden Leben Stenntnis und 
Berftändnis für deutfhe Gefchichte für vereinbar hielten: der franzöfiide Senator 
MWaddington, Schwiegerfohn des Präfidenten Jules Groͤvy, fchrieb ein be» 
actenswertes, zweibändiges Werk über den Großen Kurfüriten; von Savatgnac, 
dem Kriegsminifter um die Jahrhundertwende, befigen wir eine Schilderung 
Preußens von 1806/13 (La formation de la Prusse contemporaine). @ine 
Befonderheit weift die franzöftfche Kriegsliteratur dadur auf, daß ihr Stants- 
oberhaupt fi) perjönlicd darum bemüht, gefchichtliche Legenden in Zeitfchriften 
zu verbreiten. Noch jüngft hat Herr Poincare in der „Lecture pour tous“ 
bie Darftellung gegeben, daß im Juli 1914 feinerlet KriegSvorbereitungen getroffen 
gemwefen fein. Man braucht fih nur Georges Ohnets „Journal d’un bourgeois 
de Paris pendant la guerre de 1914‘ anzufehen, um fi) von der Unmwahr- 
beit diefer Angaben zu überzeugen. 

Die englifde Literatur über Vorgefchichte und Urfprung des Krieges ift 

Grenzboten I 1916 2 


18 Die gefchihtlide Betradytung der vergangenen Sriedenszeit 


fehr umfangreid. Bon bekannten Gejhihtsforfhern haben fich, foweit e8 mir 
feftzuftellen möglich war, an ihr unter anderen beteiligt %.%. Holland Rofe, The 
origines of the war; Ramfay Mutr, Britain’s case againstGiermany. Leiftungen 
wie Chuquet feinen zünftige Hiftorifer dort nicht vollbracht zu haben, aber vorge- 
faßte, falfche Anfichten wie die von einem guten, friedlichen Deutfchland Goethes und 
Kants, dem ein fchlechtes, eroberungsfüchtiges Deutichland gegenübergeftellt wird, 
befien Gefchichte von Friedrich II. über Bismard, Niegfche, Treitichle zu unjerem 
heutigen Herrfher führt, bilden auch hier (fo bei Muir) die Grundlage. 

Kundgebungen ruffifcher und italienifcher Hiftorifer feit Ausbruch des Krieges 
find mir nit zu Gefiht gelommen. Für die Auffafjung der ruffiihen Gelehrten 
ift wohl der belannte in dem preußifchen Jahrbüchern vom Juni 1914 ver- 
öffentlichte Brief des Petersburger PBrofeffors der Geihichte, Paul von Mitro- 
fanoff, als fymptomatifh anzufehen, in weldjem er den Biftoriihen Urfprung 
der ruffiihen Abneigung gegen alles Deutiche darlegt, fie als berechtigt erflärt 
und feiner Überzeugung Ausdrud verleiht, daß der Meg nach Konftantinopel 
für Rußland nur über Berlin gehe. In Italien famen bi8 zum Kriegsaus- 
bruch mit Öfterreih in der Wochenfchrift „Italia nostra“ und im neapolitan- 
ifden „Mattino‘“ rubigere Auffaffungen von ttalienifchen Gelehrten zu Worte, 
freilich der Erwerb des Trentino wurde auch bier als unerläßlidh erflärt. 

Die Gefhichte aller diefer Staaten in den legten hundert Jahren ergibt, 
daß der öfterreihiiche Gefamtftant am fehwerften unter den nationalen Be- 
wegungen des Beitalters zu leiden hatte. Der italientiche Einheitsftaat brachte 
ihm Gebtetsverlufte, aus den deutjchen wurde er ausgeichloflen, und im Innern 
hemmten die nationalen Tendenzen feiner Völkerfhaften die Verwaltungsmafchine 
in immer bedenfliherem Maße. Das ftabile Element bildete demgegenüber 
in der ganzen vergangenen Epoche die gemeinfame auswärtige Politil, welche 
es mit einer Turzen Unterbredung von 13 Jahren mit Preußen-Deutichland 
führte. Diefem Zufammenfhluß hat ſterreich-Ungarn es zu verdanken, daß 
es troß der fehweren, inneren Erjehütterungen eine auswärtige Politik treiben 
fonnte, wie fie feinen ntereffen entiprad. 8 tft anzunehmen, daß der gegen- 
wärtige Krieg, deffen Gefahren die auseinanderftrebenden Kräfte wieder ver- 
eintgte, dem öfterreichifchen Gefamtitant au) da8 Ende bes Zeitalter8 der 
Nattonalitätenfämpfe in ihrer bisherigen, zerfegenden Form bringen wird. 

Kaum wenigerfhhwerlittdas osmanifche Reich unter den nationalen Beitrebungen. 
Die verflofjenen Hundert Jahre waren für dasjelbe eine Zeit ftändigen Gebiets⸗ 
verluftes. Die lange beitehende Ungeneigtheit des Yslam, abendländifche Bilbung 
und abendländiihe Berfafjungsformen anzunehmen, hat e8 verjchuldet, daß es 
faft vom europäifhen Boden vertrieben wurde. Als fchlieglihd 1908 bie 
jungtärfifide Revolution den reaktionären Sultan Abdul Hamib vertrieb und 
eine Verfaffung burchfeßte, Tonnte fie den erfolgreichen Überfall Staliens umd 
ber Ballanvölker nicht mehr verhindern, fondern befchleuntgte ihn fogar, weil 
jene fürdteten, einer erftarkten Türkei bie begehrten Gebiete nicht mehr ent- 


Die gefchichtlihe Betradhtung der vergangenen Sriedenszeit 19 


reißen zu lönnen. Der jebige Krieg bemweift aber, daß in der furzen Friedens» 
zeit, weldhe der neuen Negierung bejchert war, Erftaunliches geleiftet worden 
ift, um den Staat gegen weitere Eingriffe widerftandsfähig zu machen. 

Die wictigften Merkmale der jüngften franzöfifden Gefhichte find der 
dem Anfchein nach endgültige Übergang zur republifanifchen Staatsform und 
der Rüdgang der Vollsvermehrung. Der einftweilige Sieg der Republif über 
die Monarchie dürfte aber weniger darauf zurüdzuführen fein, daß die Be- 
völferung fo ausgeiprodhen republifanifh gefinnt ift, als in dem Mangel von 
geeigneten monardiihhen Prätendenten feinen Grund haben, die auch nur fo 
viel Gefhid und Begabung aufweilen Fönnten wie Louis Philipp oder Napoleon Ill. 
Das Fehlen einer Fräftigen zum Diltator geeigneten Perfönlichleit Tieß bie 
monardiftifehen Putfchverfuhe immer barmlojer im Sande verlaufen; es fei 
bier nur an den lebten belannt gewordenen von Deroul&de erinnert, der zur 
Zeit des Dreyfus-Prozefies dem Pferde des Generals Rogier, als er von der Barade 
beimfebrte, mit dem Ruf in die Zügel fiel: „A l’ Elysee, A I’ Elysee“! Die 
tepublifanifhen Minifter verjtanden es auch in ihrer großen Mehrheit jo gut, 
die dhauviniftifchen Neigungen der Bevöllerung zu befriedigen, daß nicht er- 
fihtlih ift, was ein Diktator hier mehr hätte ausrichten können. Das Urteil 
über die dritte Republit bis 1914 läßt fih dahin zufammenfaflen, daß fie zum 
mindeften ebenfo daupiniftifh, Torrupt und unfozial wie das zweite Kaiferreich 
war. Ein Beitehungsffandal ift dem anderen gefolgt. 8 gibt in Frankreich 
weder eine Arbeiterverfiherung noch) eine Einfommenfteuer, und die SMinifter 
Poincare und Delcafjee fteuerten ebenfo Ieichifinnig auf den Srieg bin wie 
einft Sramont und Dlivier.”) Das Stagnieren der Bevölkerung bewirkte in ber 
zweiten Hälfte der vergangenen Epoche einen ftarlen Rüdgang der Be- 
deutung Frankreichs als felbftändige Großmadt. Zwar konnte e8 an Stelle 
feines im 18. Jahrhundert großenteils an England verloren gegangenen Stolonials 
reich ein neues großes fchaffen. Doch geihah die8 weniger aus eigener Kraft, 
als infolge der allgemeinen politiihen Lage. Anfangs begünftigte Deutfchland 
Frankreich Vorgehen, den algeriichen Belit weiter auszudehnen, um e8 von 
der Nevandheidee abzulenfen. Später unterjtühte England es in feiner nord» 
afrikaniſchen Politit, um Deutichland von Maroflo auszufchließen. Yranlreic) 


*) Bergl. hierzu das treffende Urteil des deutihen Sozialdemokraten Heine, der bes 
Zennt, „baß in dem republifanifhen Frankreich die Herrfhaft des Neihtums größer und 
die foziale Fürforge geringer, die Nechtsfiderheit nit um eine Spur beffer, die politiiche 
Moral in der äffentlihen Meinung und dem Treiben der Fraktionen noch wefentlich fhlechter 
fei al im monardifhen Deutfhland. Auch lönne fi der Überzeugtefte theoretifche Republilaner 
nicht verhehlen, daß in ber demokratifhen Mepublif Frankreich der Wille des Präfidenten 
und einiger anderer mit Mußland verfchiworener Bolitifer e8 gewefen fei, wa3 das im 
ganzen friedliebende Volt wider feinen Wunfcd in die Charybdiz diefes Krieges hineingeriffen 
Habe.” (Wolfgang Heine, die Sozialdemokratie im neuen Deutihland, Südd. Monatshefte 
Bd. XII, 1, S. 864.) 

2" 


20 Die gefdichtlihe Betradhtung der vergangenen Sriedenszeit 


fann eben heute: feine felbftändige Politit mehr treiben wie noch zur Zeit 
Napoleons III., weil es ohne die Hilfe einer anderen Macht nicht genug Dien- 
ihen hat, um gegebenenfalls allein feine Abfihten mit dem Schwert durd)- 
zuſetzen. 

Die ruſſiſche Geſchichte hat auch ſeit 1815 bis heute völlig unter dem 
Zeichen der Herrſchaft des unbeſchränkten Abſolutismus geſtanden. Dieſer hat 
bewirkt, daß das Land nach innen wie nach außen ſich wenig fortentwickelt 
hat. Die Selbſtherrſcher und ihre Berater ſahen ihre Staatskunſt darin, daß 
ſie die Verwaltungsmaſchine und Volksbildung auf äußerſt niedriger Stufe 
hielten. Den Neuerwerbungen Polen und Finnland wurden ihre höherſtehenden 
ſtaatlichen Einrichtungen nach Kräften beſchnitten; es kann daher nicht wunder⸗ 
nehmen, daß ſie noch 1914 nicht mit dem ruſſiſchen Reich verwachſen waren. 
An dieſen Zuſtänden haben weder die Aufhebung der Leibeigenſchaft 1861 noch 
die Erteilung der Verfaſſung 1905 etwas geändert. Gegenüber den immer 
wieder auftauchenden revolutionären Bewegungen machte die Regieruug wohl 
zeitweilig Zugeſtändniſſe, ſie war aber immer ſtark genug, ſie ſpäter teilweiſe 
wieder zurückzuziehen; am wichtigſten iſt wohl nach der Richtung die 1907 
bereits erfolgte Abänderung der 19085 erſt erteilten Verfaſſung. In der aus⸗ 
wartigen Politik hatte Rußland zwar großen Landerwerb und neben den ver⸗ 
lorenen auch gewonnene Kriege zu verzeichnen, aber auch auf dieſem Gebiet 
iſt es ihm meiſt nicht gelungen, ſich das Gewonnene dauernd einzugliedern und 
zu erhalten. Auf dem Balkan, wo es Rußland einſtweilen mehr auf „moraliſche“ 
Eroberungen ankam, brachte der gewonnene Krieg von 1877,78 nicht die ge⸗ 
wünſchte dauernde Abhängigkeit der von Rußland unterſtützten Staaten; im 
ODſten verlor es im ruſſiſch⸗-japaniſchen Krieg die wichtigſten neuerworbenen 
Gebietsteile wieder. 

Für England werden die Jahre 1815 bis 1914 vorausſichtlich den Höhe⸗ 
puntt ſeiner Macht darſtellen. Der geringe Kräfteverluſt, welchen es in den 
napoleoniſchen Kriegen im Vergleich zu den Kontinentalſtaaten erlitten, gab 
ihm einen ſolchen Vorſprung vor dieſen, daß es fich ein rieſiges Kolonialreich 
ſchaffen konnte, ohne auf den Widerſtand der anderen europäiſchen Großſtaaten 
zu ſtoßen. Erſt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren dieſe im 
Gefolge der allmählich eintretenden längeren Friedenszeiten ſo erſtarkt, daß fie 
in die gleichen Bahnen einlenlken konnten, und alsbald begannen auch bie 
kolonialen Reibungen Englands mit Rußland, Frankreich und Deutſchland. Die 
Schaffung der deutſchen Seemacht ließ dann England ſeine Weltſtellung von 
dieſem Gegner am meiſten bedroht erſcheinen, ſodaß es ſeine Streitigkeiten mit 
den anderen beiden Mächten beilegte, um zunächſt des gefährlichſten Herr zu 
werden. In der inneren Politik kann es weniger große Fortſchritte verzeichnen. 
Zwar wurden einige veraltete Beſtimmungen des Wahlrechts abgeſchafft, die 
Katholiken emanzipiert und die Arbeitergeſetzgebung unter dem Drucke unge⸗ 
heuerlicher Mißſtaͤnde durchgeführt. Aber zu einer zeitgemäßen Reform bes 


— — — — —— - 


Die gefchichtliche Betrachtung der vergangenen Sriedenszeit 21 


plutofratiiden Wahliyitems fam e8 ebenfomenig wie zu einer eriprießlichen 
Negelung des Verbältniffes von rland zum Neid. Am. Ende der Epoche 
fab ih England, wie fo oft fhon, wieder offener Empörung in Irland gegen- 
über. Am bemerfenswerteften ift die ebenfalls gegen Ende des Beitabfchnitts 
beginnende Bewegung gegen den lang gehegten Freihandel, die mit dem Aus- 
bau des Kolonialreih8 im Zufammenhang fteht, und die gleichfalls hiermit zu- 
fammenhängenden Berjiebungen in dem Jahrhunderte alten Parlamentarismus. 
Snnerbalb der alten Parteien der Whigs und Tories vollzogen fi) Spaltungen, 
aus denen die Untoniftenpartei hervorgegangen ift. Neben diefer begann bie 
Arbeiterpartei ihr Haupt zu erheben, fobaß auch eines ihrer Mitglieber in das 
Whigminifterium aufgenommen wurde. Und 1909 verlor das Dberhaus unter 
beitimmten Bedingungen fein Vetorecht. Diefe Neuerungen mögen den Beginn 
mweitgehender Wandlungen de8 altüberlieferten, parlamentariiden Regierungs- 
foftems im Gefolge haben. 

In Stalien fülten Aäbnlih wie in Deutichland die Einheitsfämpfe ben 
eriten Zeil der Epoche aus. Doc unterfcheiden fie fich jehr merfbar daburd 
von den unferen, daß Piemont-Savoyen, weldhes dort diefelbe Rolle fpielte, 
wie für uns Preußen, nur mit fremder Hilfe fein Ziel erreichen konnte und e8 
mit dem Berluft feines Stammlandes Savoyen an Franlreich bezahlen mußte. 
Hierbei tft den ttalienifchen Freiheitsfämpfern zugute zu halten, daß fie Dfter- 
reih mit zahlenmäßig weit fchmächeren Kräften entgegentreten mußten als 
Preußen. Aber auch der italienifche Einheitsftaat ift nicht imftande gemejen, 
felbftändig politiih oder militärifch etwas durchzufegen. Die Gefdhichte bes 
neuen Staliens weift die Cigentümlichleit auf, daß fein Heer in allen Kriegen 
geihlagen wurde, das Land aber infolge der Siege feiner Verbündeten oder 
der allgemeinen politifhen Zage beim Friedensichluß ftetS den gemwünfchten 
Zandzuwmakh8 befam, al8 ob es gefiegt Hätte. So mwurden die taliener 1859 
und 1866 von den Dfterreichern gefchlagen, dan der Siege der Franzofen bezw. 
der Preußen erhielt eg 1859 die Lombardei, 1866 Venetien. 1870 räumten bie 
Franzofen Rom infolge der deutichen Siege, und endlih 1912 trat die Türket 
Tripolitanien infolge des Ausbruh8 des erften Balfanfriegg an Stalien ab, 
obwohl die militärifche Eroberung ausfihtslos fdhien und bis auf den heutigen 
Tag noch nicht gelungen ift. Das einzige von den Stalienern allein begonnene 
Unternehmen, der Kampf gegen Abeffinien, endete 1896 mit einem Häglichen 
Miberfolg. Der Grund für bdiefe Unfelbftändigfeit liegt offenbar in einem 
ftarlen Erpanflonshrang, dem feine entiprechende innere Entwidlung und Organi⸗ 
ſationsfähigkeit gegenüberſteht. Nach Rußland weiſt Stalien mit die größte 
Zahl der Analphabeten und die größte Auswanderungsziffer auf; ein Zeichen 
rückſtändiger Kultur in jeder Beziehungl Aus dieſer Schwäche erklärt ſich die 
ſchwankende Politik des jungen Italiens, welche Salandra mit den Worten vom 
„sacro egoĩſsmo“ trefflich charalterifiert hat. Obwohl die tief eingewurzelte 
und aus feiner früheren Gefchichte begreifliche Abneigung gegen Oſterreich in 


22 Die gefdichtlihe Betrachtung der vergangenen SKriedenszeit 


der Benölferung fortbeftand und von ber Regierung nicht unterdrüdt wurde, 
fhloß e8 den Dreibund, als es fi) durch Frankreichs Vorgehen in Tunis in 
feiner Mittelmeerftellung bebroht fühlte. @8 näherte fi England und Frant- 
reich feit Beginn biefes Jahrhunderts, als diefe Mächte infolge ihrer gegen 
Deutſchland gerichteten Politit den Erwerb Tripolitantens mehr begünftigten 
als von Deutfchland und Vfterreih-Ungarn mit Nüdficht auf ihre Beziehungen 
zur Türkei billig zu erwarten war und zögerte fogar nicht, alle Vorbereitungen zu 
einem Überfall auf feinen Bundesgenoffen Dfterreih-Ungarn zu treffen, als biefes 
ion 1909 in einen Krieg mit Rußland verwidelt zu werben drohte. Das 
hinderte Stalien aber nicht, alS es Zripolitanten eingeheimft hatte, 19183 in 
der albanifhen Frage auf Seiten Deutfchlands und Vfterreih8 Stellung gegen 
die Entente zu nehmen, bie hier befanntlid) Serbien, Montenegro und Griechen- 
land hbegünftigte. Außerdem legte e8 durch die Fefthaltung des im italieniſch⸗ 
türfifhen Krieg befegten Dodelanes und die damit enthüllte Abit, fi im 
öftlichen Mittelmeer feitzufeben, bereits den Grund zu neuen Bermwidiungen mit 
der Türfei und Griechenland, obwohl es der Aufftände in Tripolis noch leines- 
wegs Herr geworden war. Als endlich der Weltkrieg ausgebrochen war, wedhfelte 
e3 wiederum die Farhe, und e8 vollzog fich feine einftweilen endgültige Abkehr 
vom Dreibund, da es ihm jet möglich fchien, die unerlöften Gebiete, ben 
Dodelanes und Albanien auf Seiten des Dreiverbandes ohne allzugroße Mübe 
zu gewinnen, außerdem noch vielleicht in Sleinafien feiten Yu zu fallen. Pläne, 
deren militärifche Vermwirflidung Stalien troß des fo laut verfündeten „Italia 
fara da sel“ faft völlig feinen neuen Bundesgenoffen überlaffen mußte. 

Bei der biftorifhen Betrachtung des bisherigen Verlaufs des Krieges 
müflen wir uns dharakteriftiicherweife für unfere Gegner in der Hauptjadde rein 
auf die Feftftellung der geichichtlichen Tatfachen beichränten. Denn von irgend 
welchen erreichten Kriegszielen, bie einen Abfchnitt in ihrer SKriegsgeidhichte 
bilden, Tann nur bei England in geringem Maße die Nede fein. Gemeinfam 
find unferen Hauptgegnern die immer fehlechteren Bedingungen, unter melden 
fie die nötigen Mittel zur Kriegführung aufbringen müfjen. Hieran ift teilmeife 
die Notwendigkeit fchuld, einen erheblichen Zeil des Kriegsmateriald im Aus- 
land zu befchaffen, aber ebenfo oder noch mehr die Unluft und mangelnde 
Dpferwilligfeit der Bevölkerung, die ausgegebenen Kriegsanleihen aufzunehmen. 
England hat den Zinsfuß der Kriegsanleihen ftändig erhöht und dennodh ein 
Sinfen unter den Ausgabelurs nicht verhindern fönnen. Während in Deutfch- 
land bie erfte Kriegsanleihe zwei Monate nach SKriegsbeginn zu 5 Prozent mit 
97,5 Prozent berechnet wurde und fie heute fat den Nennwert erreicht bat, 
gibt Frankreich nad 15 Monaten eine Anleihe mit demfelben Zinsfuß zum 
Kurs von 88 Prozent heraus. Noch fehlechter fteht es mit Rußland. Aus 
ſolchen Zahlen läßt fi ein zuverläffigerer Schluß auf die materielle Lage der Bevöl« 
ferung und auf die Beurteilung der Kriegsausfichten ziehen als aus der Prefie 
und Tagesliteratur. Für England und Frankreich ift noch feitzuftellen, daB 


— ü·— — — —  GEmmE— 


* et —— 


Die gefdichtliche Betrachtung der vergangenen Sriedenszeit 23 


fie durch ihre Bündnispolitif im Krieg genötigt worden find, im Widerfprucd 
mit ihrer jahrzehntelang betriebenen Drientpolitif, Rubland die ftetS verjagte 
Dffnung der Dardanellen nit nur zu geftatten, fondern fogar unter ungeheuren 
Opfern felbit zu verfuchen, ihm den Weg ins Mittelmeer zu bahnen. Im 
übrigen ift e8 England gelungen, feine Übermadt zur See fo ftarl zu halten, 
daß e8 uns von unferen Kolonien abfchneiden und fie größtenteils, unterjtägt 
von Yapan, befeten und unferen Seehandel dank feiner willlürlihen Auslegung 
bes KaperrechtS abgefehen von der Dftfee überall Iahmlegen konnte. Die Neu- 
tralen haben filh als madhtlo8 erwiefen, ihre Rechte zu [chügen. Dagegen hat 
England für die im Fall eines militärifchen Zufammenftoßes jedenfalls urjprüng- 
ih in Ausfiht genommene fofortige Zerftörung unferer Flotte den Krieg zu 
ipät begonnen. 8 mußte Verlufte fürchten, die auch im Falle eines Gieges 
fein Übergewicht zur See dauernd beeinträdtigt hätten. In Englands innerer 
Politit führte der Krieg mit der Bildung eines Koalitionsminiftertums eine 
weitere einfchneidende Änderung feines Regierungsfyftems herbei, das fih immer 
mehr dem der jüngeren parlamentarifch regierten Länder nähert. Frankreichs 
Kriegsziel war zugeftandenermaßen in erfter Linie die Wiedereroberung von 
Elſaß und Lothringen. Erreicht hat es bisher den Gewinn des zehnten Teiles 
diefer Brovinzen, dafür aber den zehnten Teil feines gefamten Landes verloren. 
Eine fo lang dauernde und umfangreiche Bejehung franzöfiicher Landesteile hat 
feit den englifch-franzöfifchen Kämpfen im 14. und 15. Jahrhundert nicht mehr 
ftaitgefunden. Bon den befetten Provinzen gehört Artois mit Lille und Conrtrai 
feit 1659 zu Franfreih; das übrige Gebiet ift von jeher franzöfifeh geweſen. 
Weit früher als in England ift in Frankreich verfucht wurden, durch ein Koa⸗ 
Iitionsminifterium den PBarteihader auszufchalten. Perfönlichkeiten aller Parteien, 
fogar die Feinde der beftehenden Staatsform, die Monardiiten, haben fofort 
nad Ausbrud) des Krieges durch den Eintritt in das Minijterium die Verant- 
wortung mit übernommen, und fo tt von den StaatSlenfern gejhicdt dem vor- 
gebeugt worden, daß ihnen im Falle eines unglüdlichen VerlaufS des Krieges 
ein äbnlides Schidjal wie der Regierung von 1870 bereitet werden Fönnte. 
Rußland ift nad) anfänglidem Erfolg gegen Ofterreich-Ungarn fast genau auf 
die Landesgrenzen von 1793 (nad) der zweiten polnifhen Zeilung) zurüd« 
gedrängt worden. Bet der Erreichung feines zweiten Hauptzieles, der Erobe- 
tung Konftantinopel8 und der Dardanellen mit wejentlichen Kräften mitzuwirken, 
it es bis jebt außerftande gewefen. Ahnlih vermochte Stalten fig bisher nur 
gegen einen Gegner zu wenden; den Sriegserflärungen gegen die Türkei und 
Bulgarien Tonnte es bis jeßt — zwei bezw. vier Monate nad) Erlaß derjelben 
— feine Taten folgen lafjen. Seine Kriegsziele vermochte e8 bisher nirgends 
zu erreichen. Belgien verlor im Kriege die allerdings nur 84 Jahre — eine 
tm Lauf der Weltgefhichte verfehwindend kurze Zeit — innegehabte Selbit- 
ftändigkeit. Setn Schidfal erinnert daran, weldhe Bedenten und Schmierig- 
fetten fchon bei feiner Begründung als Königreich auftauchten. &3 wurde jept 


94 Die gefhichtliche Betrahtung der vergangenen Sriedenszeit 

von einer der drei Mächte, die ftetS am meiften an feinem Schidfal intereffiert 
waren, bejett, weil fie den Plänen der anderen beiden zuvorlommen zu müffen 
glaubte. — Auch für Dfterreih-Ungarn läßt ſich noch nicht der Überblick ge- 
winnen, wie der bisherige Verlauf bdiefes Krieges fi) dereinft unferen Nach- 
fommen darftelen mag, foweit fi nit das Bild mit dem für Deuticd- 
land dedt. Die Polnifche Frage, weldhe erft mit dem Friedensfhluß gelöft 
werben Tann, fpielt für Dfterreih-Ungarn eine weit einfcjneidendere Rolle als 
für unferen Staatsorganismus und niemand weiß, ob ber Srieg gegen Stalien 
mit der abgefchlagenen Dffenfive enden wird. Sedenfalls beweift die Abwehr 
bes italienifchen Angriffs, welch außerordentliden Schub natürliche, geographifche 
Grenzen gewähren können. 

Für Deutichland ergibt der Gang der Kriegsereignifie zu Beginn des Jahres 
1916 folgendes Bild: als feine tieffte Urfache erfcheint Englands Sorge, daß 
wir e8 Durch die Ausdehnung unferes Wirtfchaftsgebietes als See- und Handels: 
madt überflägeln könnten. Diefe Furcht veranlaßte e$, den anderen europätichen 
Gropmädten Zugeftändniffe verfchiedenfter Art zu maden, nur um uns mit 
ihrer Hilfe diplomatifh oder militärifch niederzuhalten. Wir haben mit Hilfe 
unferer Verbündeten erft den einen, dann den anderen feiner beiden mädhtigften 
Bundesgenofjen fo gefeffelt, daß fie uns nit in den Rüden fallen können 
und bahnen uns nun mit den Waffen den Weg in das Gebiet, deffen Nubbar- 
mahung man uns verwehren wolltel 





9 


— — — NZ 
u % nn) 





Staatenbund von Lordeuropa 
Don Juftizrat Bamberger 
Auffäge über den Staatenbund von Nordeuropa auß der Yeber 


desjelben Verfaflerd finden fi in den Heften 38, 43, 49 de Jahres 
1914 und in den Heften 2 und 28 des Sabre 1915. 


6. 


ya apft Benebilt XV tft, wie berichtet wurbe, im Interefje der Be- 
a endigung des Krieges mit dem König von Belgien in Ber- 
bindung getreten, doc) haben feine Bemühungen bisher nicht 

a zum Grfolg geführt. Die Bedeutung ded3 PBorganges ift faum 
= genügend gewürdigt, obwohl von vornherein angenommen werden 
fonnte, daß Papft Benedilt fi) zu diefem Schritt nicht entjchloffen haben 
würde, wenn er ihn für ausfichtslos gehalten hätte. Seine bebarrlidden Be- 
mühungen um die Wiederherftellung des Friedens? und um die Linderung der 
Schreden des Krieges müflen jeden Menfchenfreund mit Bewunderung und 
Dankbarkeit erfüllen, zumal da unverkennbar tft, daß auch einfihtige und tat- 
fräftige Männer angefihts des ungeheuren Schredens, ber die Welt erfült, 
wie gelähmt die Hände in den Schoß legen. Sein erjtes Sendfchreiben an 
bie Katholifen des Erbfreifes vom 8. September 1914 verhallte in dem Lärm 
der Waffen. Unbeirrt dadurch Tieß er die umfaffende Encyllifa vom 1. No« 
vember 1914 folgen und bejchwor die Lenker der Triegführenden Staaten von 
neuem, ihren Böllern die Wohltaten des Yriedens wiederzugeben. Kurz da⸗ 
rauf erging die Mahnung an die Katholilen Staliens, das Neutralitätsprinzip 
feft aufrecht zu erhalten, die Mahnung an die italienische Prefle, ja nicht gegen 
Die eine oder andere Nation den Krieg zu befürworten. 8 folgte die er- 
greifende Bitte an die Oberbäupter der ftreitenden Mächte, wenigjtens für die 
Dauer des Weihnachtsfeftes eine Turze Waffenrube eintreten zu laflen. Gie 
mar nit von Erfolg gefrönt. „Aber dadurch nicht entmutigt”, erwiderte der 
Bapft bei der Weihnachhtsaudienz am 24. Dezember 1914 auf die Anfpracdhe 
des Karbinals Vannutelli, „wollen Wir Unfere Anftrengungen verdoppeln, um 
Das Ende des nie dagemeflenen Ungemadh8 zu befähleunigen oder wenigftens 
die traurigen Folgen zu mildern.” Er ließ nicht nad) in feinen Bemühungen 
und wußte e3 zu erreichen, baß die Triegführenden Mächte fih zu einem Aus- 
taufh von friegsgefangenen Militär- und Eivilperfonen in der Erlenntnis des 





96 Staatenbund von Xlordeuropa 


gemeinfamen Sinterefje8 vereinigten. Man darf erwarten, daß Papft Benedift 
bei diefem Erfolge nicht ftehen bleiben wird. Alle feine Kundgebungen lafjen 
erkennen, daß er Herzensgüte mit Weltflugheit und Bebarrlichleit vereinigt. 
Deswegen verdient auch der DVerfuch, Belgien zum Ginlenfen zu beftimmen, 
ernfte Beachtung. Er dürfte auf der Erwägung beruhen, daß die Löjung der 
belgifhen Frage den Anfang und die Vorbedingung des allgemeinen Frieden3- 
ihluffes bilden müfle. Heute befteht ja fein Zweifel mehr darüber, wie es 
gelommen ift, daß Belgien an dem Streit der Großmädhte teilnahm. Dem 
fortgefegten Drängen Englands und Franfreih8 gegenüber war der belgifche 
Kleinftaat mit feinen fieben Millionen Einwohnern ohnmädtig; feine General- 
ftabsfchef8 Ducarme und Yungbluth verloren gegenüber den engliiden Militär- 
attahes Barnadifton und Bridges, die fie feit dem Januar 1906 rüdjichtSlos 
beftürmten, allmählich jede Wideritandsfraft, bi Belgien am 23. April 1912 
den Schlag ins Geftcht hinnehmen mußte, den ihm ber Oberftleutenant Bridges 
verfebte. (Dergleihe „Staatenbund von Nordeuropa” in den Grenzboten vom 
13. Januar 1915, Seite 47 ff.) Nie tft befannt geworben, daß Belgien bei 
feiner erzmungenen Stellungnahme ernfthaft eigene nterefjen verfolgt hätte. 
E33 war und ift der Spielball fremder Mächte. So aus der natürlichen 
Schwädhe des Nleinftaats, erflärt es fi, daß diefes Land unter den Schreden 
bes Srieges mehr zu leiden hatte, al8 irgend ein anderes. Daß bdieje Leiden 
bei der Bevölkerung, wie bei der Regierung Erbitterung berporgerufen haben, 
läßt fich verftehen. Die naheliegende Befürchtung, das bisher Doch dem Namen 
nad) unabhängige Land werde beim Friedensihluß einfach dem Deutſchen 
Neid einverleibt werben, Tonnte auch nicht zur Beruhigung der erregten Ge- 
müter und zur Anbahnung einer Verftändigung beitragen. Aus diejen und 
nabeliegenden anderen Gründen läßt eS fich begreifen, wenn der Berjud), den 
König Albert zur Einleitung von Friedensverhandlungen zu veranlaflen, ohne 
Groebnis geblieben tft. CS wird fi fragen, ob diejfe Sachlage dur die Er- 
Öffnungen bes beutfchen NReichsfanzlers in der Situng des Reichſtages vom 
10. Dezember 1915 eine Anderung erfahren hat. Der Neichslanzler erflätte: 
Die Feinde im Dften und Weiten follen nad) dem Friedensfhluß nicht mehr 
fiber Einfallstore verfügen, duch die fie uns künftig von neuem bedrohen. 
Auch dagegen müfjen wir uns fichern, daß England und Frankreih im 
Zukunft Belgien als ihr Aufmarfchgebiet betrachten können. Weldde Garantien 
wir in ber belgifhen Frage fordern werden, läht fich nicht beftimmen. Doc 
werden die Garantieen um fo ftärker fein müflen, je erbitterter mir noch be» 
Tämpft werden follten. Aus den Worten läßt fich nicht entnehmen, daß die 
beutfche Regierung eine Cinverleibung Belgiens für unerläßlich erachtet. Un 
erläßlich erfcheinen hingegen Garantien politiiher und militärifher Natur dafür, 
daß Belgien in Zulunft nicht mehr das Aufmarfchgebiet der Engländer und 
Stanzofen darjtellt. Welde Garantien zu fordern find, fol bis zu einem ge« 
wiffen Grade davon abhängig gemadt werden, wie fih Belgien im weiteren 


Staatenbund von Xlordeuropa 27 


Berlauf des Krieges verhalten wird. Die Erklärung bes Neichslanzlers ift 
von großer Tragweite. No einmal fol das Schidjal Belgiens in feine 
eigenen Hände gegeben werden. Dbmwohl fi) das Land Deutihlands Feinden 
verjährieben hat, obwohl e8 unter fehweren Opfern bis auf einen Heinen Zeil 
erobert ift und feit Jahr und Tag unter deutſcher Herrſchaft ſteht, ſoll doch 
von dem Recht des Siegers kein rückſichtsloſer Gebrauch gemacht werden. 
Die belgiſchen Intereſſen ſollen geſchont werden, ſoweit es die Rückficht auf 
die Sicherheit des Deutſchen Reiches zuläßt. Der Ausgleich der Intereſſen 
beider Teile wird ſich um ſo leichter vollziehen, je entſchiedener Belgien ſeine 
feindſelige Stellung gegen das Deutſche Reich aufgibt. Damit iſt König 
Albert neuerdings vor eine folgenſchwere Entſcheidung geſtellt. Vielleicht 
konnte er bei Ausbruch des Krieges im Hinblick auf die nun einmal beitehen- 
den Abmachungen nicht anders handeln, als es geſchehen iſt. Welche Ent⸗ 
ſchließung er zum Beſten ſeines ſchwergeprüften Landes getroffen haben würde, 
wenn er die Entwickelung der Dinge hätte vorausſehen können, iſt eine müßige 
Frage. Nach menſchlichem Ermeſſen wäre aber Belgien im Bunde mit 
Deutſchland beſſer gefahren. Noch einmal bietet fih jebt unter veränderten 
Berbältnifien die Möglichkeit einer Verftändigung. Der Krieg hat ausgiebige 
Selegenheit gegeben, die militärif de und wirtfchaftliche Kraft Deutfchlands mit 
der feiner Gegner zu vergleichen und zu beurteilen, ob mit Sicherheit darauf 
zu rechnen tft, daß Deutichland, im Weiten und Dften fiegreich, nun plößlich 
überwältigt werben wird. Die belgifche Bevölkerung, der auch deutfdhe Ver- 
waltung nicht fremd geblieben ift, Tann nun felbft urteilen, ob ihr StaatSmwefen 
in Anlehnung an die ftärkite Militärmadht Europas nicht auf befferen Schuß 
rechnen Tann, al8® mit Hilfe feiner bisherigen Bundesgenofien. Daß Diele 
einer Zöfung der belgifhen Frage in dem angebeuteten Sinne unter allen 
Umftänden abgemeigt fein würden, läßt fih faum behaupten. Sollten fie des 
Krieges müde fein, wofir manche Zeichen fprechen, fo Lönnte ihnen eine ber- 
artige Löfung vielmehr willlommen erjheinen, um fi aus einer jhwierigen 
Lage zu befreien. Denn fie wären infoweit eigener Opfer überhoben und 
nicht genötigt, einen treuen Bundesgenofjen preiszugeben. Nach den bekannten, 
offenbar wohlüberlegten Erklärungen bervorragender Mitglieder des englijchen 
Dberhaufes fcheint fih dort jedenfalls die Exrfenntnis Bahn zu brechen, daß es 
den englifhen Intereſſen entſpricht, wenn Verhandlungen zur Beendigung bed 


Krieges eingeleitet werden. 








Dolfsmärchen der Bulgaren 
Don Profeflor Dr. Robert Petfd 


Durch den Gang der politiihen Creigniffe ift auf einmal ein 
Bolt an unfere Seite gedrängt worden, defjen ftaatliche Entwid- 
lung uns in den letten Jahrzehnten gelegentlich beichäftigte, defien 
8 heldenhafte Kämpfe im Ballanfriege tiefen Eindrud auf uns 
= aemadıt baben, von defien geiftiger Art wir aber doch recht wenig 
wiffen. Hoffentlich bleibt diefer Zuftand nicht beftehen, denn abgefehen von 
unferer Waffenbrüderfchaft, die fih in diefen Tagen fo herrlich bewährt hat, 
Ihulden wir dem jugendftarten Volle, das in den lebten Jahren in guten 
und böfen Tagen kraftvoll emporftieg, unjere menjchliche Teilnahme. So hören 
wir denn gern auf jeden, der uns von der geiftigen Kultur der Bulgaren und 
von ihren vollstümlien Grundlagen berichtet, und wir begrüßen es mit 
doppelter Freude, wenn ein fo ausgezeichneter Kenner flavifcher Sprade und 
flavifhen Vollstums, wie Auguft Leslien, uns in feiner Sammlung „Ballan» 
märden” *) echte bulgarifde Vollserzählungen in treuer und fchlichter Sprache 
wiedergibt. Ste entjtammen zum guten Zeil einem hervorragenden Sammel- 
wert des bulgarifchen Minifteriums der VBollsaufllärung **), das bei uns fo 
unbelannt geblieben ift, wie bie bulgarifche Spradie; und jo werden fie bier 
der beutichen Lejewelt zum erften Male unterbreitet. 
FTreilih, wer nun alle von Lesfien mitgeteilten Märchen aus Bulgarien, 
21 an der Zahl, für Erfindungen des bulgariichen Volles halten und aus den 
Stoffen ımd einzelnen Zügen glei auf defjen Charakter fchließen wollte, würbe 
fi arg verrechnen. So gut wie unfere deutfchen, wie die nordifchen, rufftichen, 
orientaliichen und andere Märchen, die das fchöne Sanımelmwer! des Diederichsfchen 
Verlages nun den meiteren Streifen zugänglid madt, jo gehören aud) bie 
bulgarifden zum allergrößten Zeil dem allgemeinen Erzählungsihate an, zu 
dem die verjdhiedenften Völler des Morgen und Abendlandes beigefteuert 
haben. In fteter Bewegung wandern die Märchen durch Krieg und Handel, 
dur Sflaven- und Yrauenraub, dur Schiffahrt und Landreifen von Drt zu 





*) Sena, ©. Diederihs 1915. (Aus den „Märchen der Weltliteratur‘). Mit Buch⸗ 
ihmud von Ehmte. 
**) Sbornik za narodni umotvorenija, nauka i knizina. 


Dollsmärcen der Bulgaren 29 


Ort; fie werben umgebichtet, vertieft, verflacht, mit ähnlichen vermifcht und fehlieklich 
gar in Feen geriffen und endlich vergeffen, bi8 basfelbe Märchen vielleicht 
zum zweiten Male in einem oder dem andern Volle auftaudt. Ganz unver- 
ändert wird ein Märchen von keinem Voll, Teiner börflichen oder ftäbtifchen 
Semeinfhaft, ja von feinem einzelnen aufgenommen und weitergegeben; und 
infofern die Abänderungen des Überlommenen — meift unbewußt — unter der 
Mümwirtung der völfiihen und Stammesart erfolgen, kann man denn dod 
wieder von englifhen und deutichen, ja von fhwäbifhen und pommerſchen 
Märchen fpreden. Die Grundzüge und die meiften Stoffelemente bleiben bei- 
fammen und wandern von Land zu Land, höcjftens in der Auswahl verrät 
fi) hier und dba der Charakter des einzelnen Stammes; aber der menfchliche 
Gehalt, mit dem die Handlung erfüllt wird, und ber im lekten Grunde bod 
die äußere und innere Form der Erzählung beftimmt, läßt bie Sonderart 
des Volles eben fchon ftärfer hervortreten. 

So finden wir au) bei den Bulgaren alte Belannte aus unferer Märchen- 
welt wieder; da ift das Euge Mädchen, das zum Zaren fommen foll: „Reitend 
und nicht reitend, mit Gefchen! und ohne Gefchent, von den Leuten empfangen 
und nicht empfangen“ ; fie fommt rüdlings auf einer Ziege fitend, läßt ein 
paar gefangene Hafen los, Hinter denen die Leute, die fie empfangen follen, 
fofort herlaufen, und reicht dem Herrn ein paar Tauben hin, um fie alsbald 
fliegen zu laflen. So bat fie alle Aufgaben gelöft und wird Zarin. Da 
finden wir meiter danfbare Tote und dankbare Tiere, die dem Helden bei 
ſchwierigen Proben helfen, die treuen Brüder, die einander aus Tobesnot 
belfen, und die ungetreuen Genoffen, die den ftarfen Helden doch nicht dauernd 
unglüdlid maden fönnen. Da finden wir einzelne Züge aus dem Afchen- 
brödel- und Schneewitichenmärdhen und vor allem die Menfchen mit den wunder. 
baren Eigenfhaften. Bas bunte Gemifch der Märdjentypen und der einzelnen 
Züge, die bald da, bald dort eingeflodgten werden, ift nicht zu vermunbern, 
wenn wir bedenken, daß die Bulgaren von einem flavifhen Volle abftammen, 
das eine finnifh-ugrifche Herrenfafte in fih aufgefogen bat; daß fie feit uralter 
Zeit im Austaufh mit den Magyaren, in neuerer Zeit mit den Türken und 
der von ihnen vermittelten öftliden Kultur geftanden haben; daß fie in 
Mazedonien mit Serben, Mbanern und Aromunen zufammenftoßen; daß vor 
allen Dingen von Süden ber griechifehe Einflüffe einwirlen und daß fi auf 
ihrem Boden Yslam und Ghriftentum begegnen. So finden wir eine merl- 
würdige Geihhichte von drei Brüdern in der Höhle eines Schuglan, das beikt 
eine8 Uingebeuers, das in Yelsflippen wohnt, nadts umgeht und auf 
Menſchen Jagd macht. Der Name tft nicht flavifh, die Geftalt felber aber 
uns von Kindheit an vertraut: denn wenn der Dämon zwei von ben Brüdern 
bes nadts nacheinander auffpießt, am Feuer brät und verzehrt, wenn der 
dritte ihm den Spieß entreißt und ihn damit biendet, um fih am andern 
Morgen von einem feilten Widder aus der Morbhöhle fchleppen zu Iafjen, fo 


30 Dollsmärden der Bulgaren 


miffen wir alle, daß wir es mit einem nahen Verwandten des griehiichen 
Bolyphem zu tun haben, zumal aud das bulgarische Gefpenft einäugig ilt. 
Und an chriftliche Legenden, wie die vom „Bruder Raufh“, erinnert bie 
Gefhichte von einem Teufel, der al Dialonus feinen Bifhof zum Heiraten 
beihmwagen will. Ein Bäuerlein belaufcht des nachts die Teufel, die fih ihre 
Schandtaten erzählen und warnt am andern Tage den Bilhof vor feinem 
getreueften Diafonus, der doch nicht während der Mefje in der Kirche bleiben 
kann. Alle diefe literarifhen Beziehungen, auf die bier nur ganz furz hin- 
gewiefen werben fann, werben dem Lejer des Leskienfhen Bandes dur) ganz 
furze Anmerkungen vor Augen geführt, in denen einer der tüchtigiten Märchen- 
fenner, Auguft von Lömwis of Menar, die bedeutendften einfchlägigen Werle von 
Köhler, Bolte, Bolivfa, Aarne und anderen beranzieht. Damit find dem Forſcher 
die Wege gewiefen und der weiteren Lejewelt wenigftens gezeigt, ob es fi 
um eine allgemein verbreitete oder um eine auf Bulgarien ganz oder doch nahezu 
befchränfkte Gejchichte handelt. 

Das bulgarifch-völfifde aber lehren uns die fachlichen Anmerkungen ver- 
ftehen, die Lestien felbit hinzugefügt hat; fie wollen uns vor allem mit den 
dämonifden Wefen vertraut machen, die helfend und dräuend in den Märchen 
ericheinen. Gerade die Märchen von Lamien, von hundsköpfigen Drachen mit 
Krallen an den Füßen und von andern Ungetümen, weifen oft Züge auf, Die 
fi in der Erzählungsliteratur der Nacdhbarvälfer nicht belegen laffen. Nur fehr 
entfernte Sihnlichfeit mit unferm „treuen Johannes” bat etwa jener Neger, der 
einen jungen Zarenfohn vor fhweren Gefahren befhüst (Nr. 2); der Neger ift 
eigentlich ein Qoter, dem der Prinz ein ehrliches Begräbnis verjhafft hat, der 
dann in der Fremde für ihn eine Lamia erfchlägt, feinem Schüßling zur Che 
mit einer Zarentochter verhilft und dann in dag Schlafgemady eindringt, um 
den Bräutigam vor dem dunfeln Schidfal feiner Vorgänger zu bewahren. Er 
fieht, wie fich des Nachts dem Munde der fchlafenden Braut eine Schlange ent- 
mwindet, fhlägt dem Ungetüm ben Kopf ab und veranlagt nachher den Prinzen, 
feine Frau mit dem Tode zu bedrohen. In ihrer Angft gibt fie den Reft der 
Schlange von fi, das junge Paar ift gerettet und zieht davon mit dem Golbe, 
das der Neger einft von ber Zamia erbeutet hatte. Wie die Lamia, fo erinnert 
an griehifhe Sagengebilde der Vampir, der die Mädchen in feine unterirdiiche 
Höhle jhleppt, aus der gar mandhe Ausgänge an die Oberfläche führen; zwei 
Schweitern bat diefer bulgarifhe Blaubart Ihon ums Leben gebradt, da gelingt 
€8 der dritten, ihm zu entlommen und nach weiteren Schwierigkeiten doch ihr 
Glüd an der Seite eines Prinzen zu finden. Ganz befonders bezeichnend aber 
für die Phantafie des bulgarifhen Volles find die Samodiven oder Samovilen, 
die au) den Serben als Bilen belannt find. Den griehifhen Nymphen gleich 
bewohnen fie Wälder und Seen, erweifen fi nach elbiicher Art bald hilfreich, 
bald nedifh, bald furdtbar al$ Träger von Seuchen, wie denn die flavijchen 
Böller fo gern von gefpenftiihen Seudendämonen in menjchlidher Geftalt 


Dolfsmärden der Bulgaren 31 


erzählen. Ein Samovilen-Motiv, das auffallend an Hagens Erlebnis mit den 
Meerfrauen in unferm Nibelungenliede erinnert, ift in eine bulgarifche Gefchichte 
eingeflochten, die wieder nahe Beziehungen zu andern Märchen der Weltliteratur 
aufweift. Ein Hirt fieht drei fchöne Mädchen baden und mwünfdt eine von 
ihnen zur Gemahlin. Da er ihrer nicht anders babhaft werden fann, jo nimmt 
er ihnen ihre Hemden weg und gibt fie erft unter der Bedingung zurüd, daß 
eine von ihnen die Seine werde. Sein Bitten und feine Warnungen vor dem 
Spott der Keute Tönnen ihn von feinem Verlangen abbringen und fo bleibt 
Ichlieglih die jüngfte als Frau bei ihm. Die Schweitern aber, die es gut mit 
dem Hirten meinen, warnen ihn davor, der Braut jemals ihr Hemd wieder- 
zugeben. Nah einem fahre aber, bei einer Hochzeitöfeier, weiß fie es ihm 
doch abzufhhmeiheln. „Als nun die Samovile zum Tanz antrat und den 
Samovilenreigen tanzte, blieben alle Hochzeitsgäfte, groß und Klein, vor Ver⸗ 
mwunderung ftarr ftehen. Die Samovile aber, alS der Tanz zu Ende war, ging 
zu ihrem Mann, faßte ihn bei der Hand und fagte: lebe wohl, mein Hausherr!“ 
Damit fliegt fie durch den Raudfang und Hinterläßt dem Satten nur den einen 
Xroft, daß er fie in einem fernen Dorfe wiederfinden Tönne. Nach unendlichen 
Schwierigkeiten erfährt er beim Zaren der Vögel, mo das Dorf Tiegt: bie 
Eliter, die auf den Ruf des Zaren zu fpät erfcheint, bat es entdedt. Die 
Samovilen haben den Vogel eingejpannt, Strohblumen zu drefhen und eine 
bat ihm dabei auf den Fuß getreten, darum kommt fie fo fpät!*) Auf Befehl 
des Königs befördert ihn denn auch ein Adler in die Nähe feiner Frau, bie 
gerade ausgegangen if. Die Schweftern find bereit ihm zu belfen, binden die 
Schlafende auf einen fliegenden Sattel, Iaffen ihn mit auffteigen und auf und 
Davon fliegen. ALS fie über drei Gebirge geflogen find, wacht die Samovile 
auf und ruft nach ihrem gefpenftifchen Pferde, das fie aber nun nicht mehr 
einholen und befreien Tann. Zu Haufe angelommen, verbrennt der Hirte fofort 
das gefährlihe Hemd, und „fo blieben fie zufammen und belamen Töchter, 
eine fchöner als die andere, und von diefen Töchtern fommen die fchönften 
Frauen auf die Welt bis auf den heutigen Tag.“ 

Derartige ätiologifhe Schlüffe find häufig im YBulgarifchen, meift haben 
fie fogar greifbarere Seftalt.e So fließt das oben erwähnte Märchen von 
dem teuflifden Dialonus damit, daß der Böfewicht aufplat und Tauter Mäufe 
aus ihm beraustommen, die fih nun al Schadenftifter über die ganze Welt 
verbreiten. Ein anderes Märchen bewegt fih um die Geftalt des h. Georg 
(des hriftlichen Perfeus) und läßt ihn eine weite Reife auf einem wunderbaren 
Bogel maden, den er fchlieglich mit dem Fleifche feiner Fußfohlen füttern muß. 
„Drum find von jener Zeit an die Fußfohlen der Dienichen zwifchen den Zehen 
und der Terfe wie eine ausgehöhblte Tröge.“ Zum Schluß beftraft er nod 
feine ungetreuen Brüder, indem er fie nötigt, ihre Hände in einen Baumfpalt 


) Wohl ein Bug aus der morgenländifhen Sage vom König Salomo. 


92 Dollsmärdhen der Bulgaren 





zu fteden; „bis zu der Zeit, jagt man, waren die Hände der Menfchen wie 
Fäufte, von da an aber wurden fie zu Handflächen, wie fie jet find.” Der- 
artige Schlüffe fallen eigentlih aus dem echten Märchen heraus, fie gehören 
zu den „Naturjagen”, die Dähnhardt und feine Genoffen mit einem erjtaun- 
lihen Aufwand von Gelehrjamkeit gefammelt und erläutert haben.*) Im 
eigentlihen Märchen find fie ein Zeichen der Zerfegung und dasfelbe gilt von 
den inancherlei Widerfprüden, Unmwahrfcheinlichfeiten und Sprüngen, die wir 
in den bulgarifhen Erzählungen finden. Auch hierin fpiegeln fi) die tm Anfang 
erwähnten, etbnographifhen Verhältniffe des Bulgarenvolfes, das eben nicht 
aus einer Wurzel entjproffen ift, in dem manderlei Bollstum fidh berührt 
und freuzt, ohme fi) immer zu neuer Einheit zufammenzufügen. Darin aber 
liegt ein befonderer Reiz diefer Märden und nicht bloß für den Forfcher. 
Und wir danken e$ dem Überfeger, daß er bdiefe Unftimmigfeiten nicht ver- 
rifcht, fondern die Märchen uns ganz jo übergeben hat, wie fie im Bollsmunde 
der Bulgaren umlaufen. Gerade fo, wie fie find, erzählen fie gar viel von 
der inneren Entwidelungsgefchicehte des Bulgarenvolle8 und von feiner alten 
Sitte, von den Zaren, die wie große Örundbefiter unter den hrigen leben 
und doch wieder gefürchtete Herren über Leben und Tod find und dergleichen 
mehr. Und gerade in ihrer [lichten Urfprünglichleit offenbaren fie eine Yülle 
von Poeſie, die ihre Überfegung in einer Aug berecineten Auswahl aud 
fünftlertich rechtfertigt. 


*) DO. Dähnhardiß Naturfagen. Leipzig, 8. ©. Teubner. 





Allen Manufkripten it Borto Kinzuzuflgen, da andernfalls bei Ablehnung eine Nüdfenbung 
nicht verbürgt werben Tan. 





Nachdruck ſamtlicher Auffutze aur mit ausprädiicher Erlaubnis des Berlagd geftattet. 
Vergutwortlih: der Herausgeber Georg Eleinom in Berlin. Lichterfelde Weft. — Wanufkriptiendungen und 
Briete werben erbeten unter ber Abrefie: 

Hin ben Herausgeber der Grensboten in Berlin - Lichterfelde Wet, Sterufitraße 56. 
Germnipreer des Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, des Verlags und ber Schriftleitung: Amt Yäyom 6510. 
Verlag: Verlag ber Srenzboten ®. m. b. H. in Berlin SW 11, Xempelhofer fer 85a. 

Drud: „Der Reihsbote” ©. m. 5. H. in Berlin SW 11, Deflauer Straße 86/37. 





Die neuen Männer in Sranfreich 
Don Profeffor Dr. Mar S. Wolff 


or einem Vierteljahr babe ich an diejer Stelle den nahen Sturz 
N des Minifteriums Viviani-Millerand-Delcafje vorausgefagt. ES 
Sy gehörte feine bejondere Propbetengabe dazu, und das Ereignis 
ZA wäre noch rafcher eingetreten, wenn der Berfuh einer durch- 
: u Grechenden Dffenfive nicht durch teilweife Erfolge die Hoffnungen 
der Franzofen neu geftärft hätte. ALS diefe Ihwanden, bedurfte e8 nicht einmal 
mehr des erfolgreichen deutihen Vorftoßes auf dem Balfan, um deu drei 
Männern den Reft zu geben. Delcafie mußte fich einen guten Abgang zu 
verjhhaffen, er jchied al8 Warner vor einem Unternehmen, das feine Unflugheit 
beraufbejhworen hatte, für daS feine Klugheit aber die Verantwortung ab» 
lehnte. Biviani dagegen und Millerand Elammerten fi an die Blanfen ihres 
geborjtenen Schiffes; im immer wiederholten Abjtimmungen Tießen fie fi) das 
Vertrauen der Kammer beftätigen, von dem Geber wie Empfänger wußten, dap 
es jeit Monaten nicht mehr vorhanden war. 

Es gehörte Mut dazu, ihre Erbichaft amzutreten und es dauerte lange, 
ehe Briand feine Minifterlifte vollzählig beifammen hatte. Sie enthält zahl- 
reiche Talente, aber abgejehen von ihrem Schöpfer Feine felbitändige Perjönlich- 
feit, außer dem Kriegsminifter Gallieni und dem Marineminifter Lacaze, einen 
‚tücdtigen, aber unpolitiiden Fahmann, der der Flotte nach dem völlig unfähigen 
Augagneur dringend not tut. Die andern Mitglieder, mögen fie mit oder ohne 
Bortefeuille in dem Minifterium figen, find Zugeftändniffe an die verjchiedenen 
Sammergruppen, Agenten Briands, die in den Kommiffionen und in den 
MWandelgängen des Palais Bourbon dafür forgen follen, daß die Regie der 
öffentliden Tagungen Flappt, daß fi) bei den Abftimmungen ftet3 eine ftatt- 
Iihe Majorität, wenn möglid) das Parkıment in Cinmöütigfeit zufammenfindet. 
&3 kann nit als ein Zeichen von DBertrauen m die eigene Kraft gelten, daß 

Gwengboten I 1916 8 





34 Die neuen Männer in $ranfreicdh 





Briand die Zahl diefer untergeordneten Minifter und Zwifchenträger um acht 
vermehrt hat. Syn einer Zeit, wo der gefamte Vierverband nad einer einheit- 
lihen Leitung und einer ftraffen Zufammenfaffung aller Kräfte jchreit, mo man 
in England aus dem vielföpfigen Kabinett einen Tleinen Bollzugsausfchuß aus- 
fondert, fchlägt Frankreich den umgelehrten Weg ein und erhöhte die allfeitig 
begehrten Minifterftelen auf zwanzig. Die Nadilälen wurden dur) die Er- 
nennung Bainleves zum UnterrichtSminiiter befriedigt, die unentwegten Kirchen» 
feinde erhielten ihren Tribut durd) die Berufung Combes, des alten Kultur- 
fämpfers, und felbjt den Stlerilalen wurde ein magerer Snochen zugemworfen, 
indem man ihren alten Spezialiften für auswärtige Angelegendeiten, Denys 
Kodin, allerdings ohne Portefeuille, in die gemifchte Gefellihaft einlud. Das 
Mintftertum ift aus allen Barteien zufammengefegt, aber von einem Roalitions- 
niniftertum weit entfernt. Die Nadilalen berrfhen, und wenn fie fih mit 
anderen zufammengetan haben, jo follen ihnen diefe als Schwimmblafe dienen, 
um das nicht fehr feetüchtige Fahrzeug über Waffer zu halten. 

Die neue Regierung ift mit den üblichen bochtönenden Leitartifeln auf- 
genommen worden, aber au mit aufrichtigen Hoffnungen und ernften Er- 
wartungen. Sie Inüpfen fih an Gallieni, der fih im September 1914, als 
er Paris in Verteidigungszuftand fehte, den Ruf eines hervorragenden Drgani- 
fator8 erworben bat, und der von vielen für den eigentlichen, jhmählich ver- 
Tannten Sieger an der Marne gehalten wird. Briand jelbft mit feiner „Si- 
renenftimme“ ift nicht nur der befte Nedner, fondern auch) einer der Flügften 
Köpfe Franfreihs, und wenn aud) feine Fähigkeiten, bejonders feine Energie, 
vielfach angezweifelt werden, fo galt e8 doch als ein günftiges Zeichen, daß er 
feine Stunde für gelommen hielt. Man erwartete von ihm die langerfehnte 
„zat”, und wenn er in feiner Eröffnungsrede erklärte, der Augenblid gehöre 
der Tat, fo fteigerte er’ dadurch gefhidt die allgemeine Hoffnung. ine Tat 
hat er au vollbradit, fogar eine fehr fehwierige, auf die man am menigften 
gefaßt war: er hat Poincar& in feine verfaffungsmäßigen Schranfen zurüd- 
gewiefen. Mupte der PBräfident dulden, daß ihm das verhaßte rabifale Mti- 
nifterium Viviani aufgezwungen wurde, fo Duldete deflen [hmächliche Advolaten- 
feele da8 perfönliche Regiment des Lothringers. Briand machte dem ein Ende, 
der Kampf war gewiß nicht leiht. Dagegen febte der neue Dann bie aus- 
wärtige Bolitif feiner Vorgänger fort, wohl aus Mangel an eigener Erfahrung 
auf diefem Gebiete. Das Ballanabenteuer wurde nicht aufgegeben zum Syubel 
der offiziöfen Preffe, deren Reigen jebt Guftav Herve, ber Yugenfreund bes 
Minifterpräftdenten aus längft vergangenen -anardiftifhen Tagen, führt. Da 
die Laft für Frankreich allein zu jchwer war, wurde den Zeitungen ber Dlaul- 
torb gelodert, um einen Drud auf die fäumigen Bunbesgenofien auszuüben. 
Beichwerben über Rußland und Stalien wurden laut, die die verfprocdhene Hilfe 
nicht geleiftet hätten, VBefhwerden über England, das feine Verpflichtungen fo 
fäumig und widerwillig erfüle.. Man beichuldigte die britifche Flotte der Un- 


Die neuen Männer in $ranfreid 35 





adtjamleit, weil fie den deutfchen Unterfeebooten nicht die Durchfahrt von 
Gibraltar gefperrt habe; auf die Niederlage von Sttefipton, als eine Folge 
englifder egoiftiiher Sonderbeftrebungen, wies die offizißfe franzöfifhe Preffe 
mit Taum verhehlter Schadenfreude hin. Bulgariens Überiritt zu den Mittel- 
mächten, jowie die zögernde Unentjchloffenheit Rumäniens wurden auf das 
Schuldkonto der Rufen gebudt, und die ungeheueren Dpfer an Menfchen, bie 
Sranfreich gebradht babe, mit der überlegten Zurüdhaltung ber weftlichen Ber- 
bündeten vergliden. Aber auch nad) Innen fuchte fi Briand zu beden und 
die Verantwortung für das mazebonifche Abenteuer abzumälzen. Soffre wurde 
zum Befehlshaber aller franzöfifchen Heere „erhöht”, jodak er auch Über den 
Derbleib oder den Abzug der Drientarmee wenigſtens ſcheinbar zu entiheiden 
hat. Man brauchte diefem pflichtbemußten Soldaten ohne politifhen Ehrgeiz 
und ohne politifden Yernblid diefe feine Ernennung wohl nur als eine mili- 
tärifche Notwendigkeit darzuftellen, um ihn geneigt zu machen, mit feiner Volls- 
tümlichfeit den unbeliebten Ballanfeldzug vor dem Lande zu deden. Die Arbeit 
wird für Briands Sirenenkünfte nicht fchmer gewefen und wird von Gallient 
fiher nad Kräften gefördert worden fein, der dadurch eine Gelegenheit fand, 
den ihm unfympathifchen Generaliffimus falt zu ftellen, den man offen nicht 
zu befeitigen wagte. Nach der ungeheueren NRellame, die man für feine be- 
fcheidene Tüchtigkeit gemacht bat, gilt er dem Heere und dem Volk als ber 
unbeftegte und unbefiegbare Heerführer, der nur zu mollen braucht, um im 
gegebenen Moment den Feind aus dem Lande zu jagen. Sein Abgang hätte 
zu einem moralifhen Zufammenbrud geführt. So ehrte man ihn durch eine 
befondere Auszeichnung, die ihm an tatfächlicher Macht nur den Vorfig in dem 
buntfchedigen Kriegsrat von Engländern, Ruſſen, Italienern, Belgiern und 
Serben läßt. 

An Foffres Stelle trat als Führer der Norboftarmee der General de Gaftelnau, 
der Bertrauensmann Gallienis. ES fiel dem SKrieggminifter fehwer, feine Er- 
nennung durdygufehen, denn wenn die militärifcehen Fähigkeiten feines Schügling3 
auch allſeitig anerkannt werden, fo ift er ein ftreng klerikaler Royaliſt. Zwei 
Wochen ftreubten fich die herrfchenden Nadilalen, und es fheint, daß Gallieni 
erit mit feinem Nüdtritt drohen mußte, ehe fie in verbiffener Wut nacdhgaben, 
weil fie einen anderen SKriegsminifter nicht aufbringen konnten. Ihrem Kan⸗ 
dDidaten, dem Freimaurer Sarrail, der bon vor Monaten Millerand erjegen 
follte, fehlte damals fchon der nötige Nimbus, und fein meilterhafter Nüdzug 
vom Wardar war troß aller Anpreifungen nicht geeignet, ihm diefen zu er. 
werben. Gallieni ift der ftarfe Mann im Kabinett, der eg in der Hand bat, 
bie militärische Diktatur an fih zu reifen. Ein General als SKriegsminifter 
war unter der dritten NRepublit niemals beliebt, der parlamentarifhe Gedante 
verlangt einen aus der Kammer hervorgegangenen Zioiliften, feinen Kriegsmann, 
der auf das Heer geftüht das ganze Minifterium beherriht und es jogar wagt, 
firchlich gefinnte Unterführer zu ernennen. 8 tft nicht zu verwundern, daß 

g* 


86 Die neuen Männer in Sranfreidh 


die radilale Preffe gegen ihn mobil madt. Die ftrenge Durdführung des 
Gefeges gegen bie Drüdeberger, die Einberufung der Achtzehnjährigen und der 
legten alten Jahrgänge gaben Gelegenheit, ihm mangelndes Verftändnis für die 
wirtfhaftlichen Notwendigfeiten vorzumwerfen, Angriffe, die felbit in den Leib- 
organen Briands mit unverhaltener Befriedigung wiederholt werben. 

Mit neuen Männern, neuen Mintftern und einem neuen Führer des Yeld- 
beeres, it Frankreich in den zweiten Kriegsmwinter eingetreten, verftimmt gegen 
die eigene Regierung, die das Land - nicht aus der orientalifchen Sadgafle 
berausgeführt bat, verbittert gegen die Bundesgenofien, die die verfprocdhene 
Hilfe zu fpät und ungenügend geleiftet haben. Die Erkenntnis bricht fi Bahn, 
daß die Ziele der Verbündeten weitab von den eigenen liegen, daß England, 
Staltien und Rupland im alle eines Erfolges weit reichere Ausfidhten auf 
Gewinn befiten, ja daß felbjt ein Sieg auf der ganzen Linie die ungebeueren 
Opfer, die an Gut und Blut gebracht find, durch den geringen zu erhoffenden 
Landerwerb nicht ausgleihen kann. Frankreich febt feine lebten Neferven ein, 
es weiß, daß fein Spiel verloren ift, wenn die nädhjite Dffenfive nicht zu einem 
vollen Erfolg führt, ja man fragt ih, ob die Kräfte ausreichen, felbjt einen 
vollen taktifhen Erfolg aud auszunugen. Wird es troßdem das Nußerfte 
wagen? Die Anzeihen fpredden dafür, daß die neuen Männer die Entiheidung 
herausfordern werden, und fogar in nicht zu ferner Zeit. Der Bierverband 
zeigt deutlich die Spuren von Riffen, die alle feine Beratungen nicht heilen 
fönnen, fondern höchftens noch da8 fiegreiche Eifen. 





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Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutjchland 
im Weltfriege 


Don Profeffor Dr. Johannes Wendland 


m Sabhr vor dem Ausbruch des Weltkrieges ſprach Karl Lamprecht 
in feiner „Deutfchen Gefchichte der jüngften Vergangenheit und 
Gegenwart” Bd. ITS. 405 die Hoffnung aus, „daß die Schweiz 
ain den politiihen Stürmen der Zufunft auf deutfcher Seite zu 
SE finden fein wird“. Lamprecht hat damit nicht gemeint, daß die 
Schweiz in Konflitten dem Deutfhen Reiche Waffenhilfe Ieiften folle, wie denn 
aud) niemand in dem Weltiriege die von der Schweiz verlangt hat. Aber 
allerdings auf eine freundliche Anteilnahme des Gemüt hatten wir gehofft. 
&3 hätte uns wohlgetan, wenn wir auf Grund der Kulturgemeinfchaft mit dem 
dur Spradiverwandtichaft, wirtichaftliche und freundichaftliche Bande verfnüpften 
Boll eine unzweideutige Parteinahme für Deutichland erlebt hätten. Unfer 
Kampf für die deutfche Kultur follte alle, die der deutichen Geiftesart, ihrer 
gründlichen Forfhung, ihrer Gemütstiefe, ihrem fachlihen Ernft, unferer Literatur 
und Dichtung etwas verdanken, zu entichievener PBarteinahme veranlaffen. Wir 
hätten uns über eine öffentliche Meinung gefreut, die Deutfchland al8 den 
Angegriffenen .erlannte, die die Einkreifungspolitif Englands feit 1902 in ihrer 
den Frieden gefährdenden Bedeutung durdfchaute, den franzöfifhen Revandje- 
gedanken al8 Störer des Friedens anjah und die rufftiihe Ausdehnungspolitit 
auf dem Ballan als das lebte zum Srieg führende Moment binftellte. Gbenfo 
hätte uns eine unzweideutige Erflärung wohlgetan, daß die Berwendung farbiger 
Truppen im enropäifchen Kriege zur Übertretung der humanen Formen ber 
Kriegführung führen müflee Die Hineintragung des entopätfhen Strieges im 
das Gebiet wilder Bölferfchaften in Afrita hätte ebenfo jcharfe Protejte erfordert 
wie die Beteiligung der belgifchen Zivilbevölferung am Kriege, der von Eng- 
land unternommene Berfuch, ein ganzes Voll auszubungern, die willtürliche 
Auslegung des Begriffs der bedingten Konterbande dur England, die Lahın- 
legung bes neutralen Handels mit den Zentralmädhten, die barbarifdhe Art der 
Kriegführung NRuklands, die Vermüftung Dftpreußens, Galiziens, Polens. 
&8 tft uns eine Enttäufchfung geweien, daß fild nicht einmal in der 
deutfchen Schweiz eine einheitliche öffentliche Meinung über diefe Dinge gebildet 





88 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfchldnd 
— 


hat. Auch bei ſtrenger Einhaltung der politiſchen Neutralität wäre eine andere 
Stellungnahme möglich geweſen. Indeſſen wer die Schweiz nicht bloß auf 
gelegentlichen Ferienreiſen beſucht hat und nicht bloß die Schweizer Berge und 
die Schweizer Demokratie preiſt, ſondern die Schweiz auf Grund langjährigen 
Aufenthalts in ihr kennt, konnte nicht verwundert ſein, daß in ihr ein viel⸗ 
gemifchter Chor von Stimmen aufgetreten if. So fei e8 mir vergönnt, in 
ruhiger Darftellung der Tatfahen die Stimmungen, die zum Weltfriege bier 
laut geworben find, zu fehtldern. Yan Eyffen hat in den Grenzboten 1915 Heft 11 
©. 821 ff über die „marmorlalte Neutralität” der Schweiz geflagt und in 
warmem Appell an die Schweizer ihre kritifchen Einwendungen zu widerlegen 
geſucht. Er hat das Dhr der Schweizer nicht erreiht. Mir ift e8 mehr um 
eine objektive Schilderung der Stimmung, um ein Verftändnis der eigenartigen 
Lage und Schwierigkeiten der Schweiz zu tun. Und wenn ic maudje berbe 
Kritit Deutihlands bedauere, fo tft do aud Grund genug da, fi über 
andere Stimmen zu freuen. Txoß aller Rulturgemeinfchaft erzeugt die politifche 
Sondererijtenz der Schweiz mit Notwenbigleit einen befonderen politifchen Willen, 
ber feinen eigenen unabhängigen Weg geht und gehen muß. Damit müflen 
wir Deutfhe uns abfinden. Die Kulturgemeinfhaft mit Deutihland foll nad 
dem Willen der beiten Schweizer nicht aufgehoben werben. 

Bereits ein Yahr vor dem Weltlriege glaubte der Redakteur der „Basler 
Nachrichten”, Dr. Albert Deri, in den Süddeutfhen Monatsheften, Auguft 1913 
zu dem angeführten Wort Lampredts fi äußern zu follen. „Zu Lampredt3 
fchweizerifhen Zulunftsträumen“ verficherte er, daß der Neutralitätsmwille ber 
Schweizer eine „einheitliche und ftarke politifche Überzeugung“ ift, wie ihn kaum 
ein Boll der Erde in eben foldder Einheitlichfeit und Entfchiedenheit habe. Es 
tft mit Händen zu greifen, daß die Schweiz durch ein politifches Bündnis ober 
eine Barteinahme nichts gewinnen kann. Denn irgend eine GebietSermeiterung 
liegt gänzlich außerhalb ihrer politifchen Ziele. m ihren größten Zeiten, im 
14. und 15. Jahrhundert, Tonnte fie Weltpolitit im großen Stile treiben. 
Seit dem 16. Jahrhundert etwa tft ihre dies ganz unmöglid. Nachdem fie 
wider ihren Willen feit 1798 in bie Napoleoniihen Kriege verflochten wurde, 
ift die 1815 von ihr felbft erflärte ewige Neutralität der jedem Schweizer ein- 
leuchtende erfte Grundfag ihrer ausmärtigen Politil. Jede Übertretung der 
Neutralität Iteße fie Gefahr laufen, ihre Unabhängigkeit für alle Zeit zu ver- 
lieren. edes Bündnis mit irgend einer auswärtigen Macht ift für die Schweiz 
ausgeiloffen. Die Schweiz nimmt es mit den Pflichten ihrer Neutralität viel 
ernfter ald Belgien. rgendmwelde Abmachungen, die auch nur für die Even- 
tualität kriegeriſcher Vermidlungen gelten follen, find für fie unmöglich. Das 
elementarfte Gebot der Klugheit gebietet ihr diefe Haltung. Daß der fehweizerifche 
Bundesrat die ftaatSrechtlich gebotene Neutralität in vollem Umfange gewahrt 
bat, tft daher begreiflih. Cr bat jede öffentliche Propaganda für die eine oder 
bie andere Partei verboten, die Zenfur der Preffe verhindert jebe gehäffige 


Die Stellung der neutralen Schweiz 3u Deuifchland 39 


— —— 


Polemik oder Beſchimpfung eines der kriegführenden Staaten. Auch dies liegt 
natürlich im eigenen Intereſſe des Landes, denn eine offene Propaganda würde 
die Bevöllkerung ſelbſt zerklüften oder das Land in kriegeriſche Verwicklungen 
hineinziehen. 

Von dieſer offiziellen Neutralität iſt die perſönliche Stellungnahme ſcharf 
zu unterſcheiden. Auch hier liegt es ähnlich wie im Jahre 1870. Damals 
ergriffen durchaus nicht alle Deutſch⸗Schweizer reſtlos für Deutſchland Partei. 
Es waren in erſter Linie die Gebildeten, beſonders die Gelehrten, deren Sym⸗ 
pathien auf Deutſchlands Seite ſtanden. Viele Kaufleute hatten Handelsbeziehungen 
nach Frankreich, und das hatte einen bedeutenden Einfluß auf die Stimmung. 
So kam es, daß die Parteinahme für und wider mauchen Stammtiſch zerſtörte, 
ja zerllüftend bis in die Kreiſe der Familie wirkte. Damals ſtellten ſich in 
Zürich Conrad Ferdinand Meyer und Gottfried Keller auf Deutſchlands Seite. 
Meyer dichtete in jener Zeit „Huttens letzte Tage“ und bekannte ſein deutſches 
Empfinden, als er ſchrieb: „Von einem innerlich gereiften Stammesgefühl jetzt 
mächtig ergriffen, tat ich bei dieſem weltgeſchichtlichen Anlaß das franzöſiſche 
Weſen ab und innerlich genötigt, dieſer Sinnesänderung Ausdruck zu geben, 
dichtete ich Huttens Iehte Tage“. Aber E. F. Meyer und ©. Keller [dmammen 
damals gegen den Strom in Zürid. Schon diefe Erinnerungen hätten ung 
dazu führen follen, nicht gar zu viel von der Stimmung in der Schweiz zu 
erhoffen. 

Wir müffen und Mar maden, daß für jeden Staat die Sorge um das 
eigene Wohl und Wehe voranftehen muß. So wenig einer rein egotftifchen 
Politit damit dus Wort geredet werden fol, fteht doch für jeden Staatöbürger 
bie Einheit in feinem eigenen Lande voran. Hier liegen nun eigenartige 
Schwierigkeiten für die Schweiz vor. Die Einheit ded Landes ruht nicht auf 
der Sprachgemeinſchaft, ſondern auf der Gefchichte, die die 22 Kantone zu einem 
Ganzen verihmolzen bat. 70 Prozent Deutichredende ftehen 22 Prozent 
franzöfifh Sprechenden, 7 Prozent italienischen Schweizern und 1 Prozent Räto- 
Romanen im Kanton Graubünden gegenüber. Ein eigentliher Spradhenlampf 
wird nicht geführt. Vielmehr gilt es als Pflicht, daß der Deutfchicehweizer fich 
eine möglichft große Vollendung im Franzöfifchiprechen erwirbt. Der franzöfllde _ 
Schweizer empfindet diefelbe Pflicht, wenn er auch im Durchſchnitt nicht die⸗ 
felbe Fähigleit fich aneignet, die dentide Sprache zu beherrihen. Wo Deutjch- 
und Welfch - Schweizer fih unterhalten, wird daher das Franzöſiſche 
vorberrfhen. Der Schweizer pflegt e8 meist nicht zu verftehen, daß Deutfchland 
nicht Ddiefelbe Gleihgültigleit in der Spracdhenfrage walten läht wie er. Er 
wundert fi, daß man im Elſaß, in Mülhaufen und in Lothringen, in Meb 
nicht jeden reden läßt wie er will; er zudt die Achfeln über die Bemühungen 
bes preußifchen Staates in Pofen, der deutfhen Spradhe zu ihrem Rechte zu 
verhelfen. Daß Deutfhland auf einer einheitlichen Kultur und Sprache beruht, 
und da& die Verfuche, eine fremde Sprahe im Deutfchen Reich zu ftärken, 


40 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfchland 


bewußt ober unbewußt mit reichsfeindlichen Tendenzen zufammenhängen, ijt 
ihm ſchwer klar zu machen. In der Schweiz gibt es feinen Schweizer, der 
ernftli etwa in den welichen Kantonen eine ftaatliche Anglieverung an Frank⸗ 
reich oder im Teffin an Stalten oder in Schaffhaufen an Deutichland befür- 
wortete. Er verfennt die eigenartig fehwierige Lage Deutichlands oder Löft fie 
jehr einfach) mit der Forderung eines Plebiszits für die Bevöllerung in Eljaß- 
Lothringen, in den polnifhen Gebieten und in Nord-Schleswig. Daß durd 
jede Vollsabftimmung eine Vergewaltigung beträchtlicher Miinoritäten bervor- 
gerufen wird und die rechtlichen Schmwierigleiten unlösbar werben, > 
gewöhnlich überfehen. 

Eine eigentlide Gefahr, daß etwa die deutfhe Sprade und Balkan in 
der Schweiz allmählid von der franzöfifhen aufgefogen werde, beiteht nicht. 
Zwar dringt an der Spracdharenze im Kanton Bern das Franzöflihe um ein 
weniges vor. Dies hängt mit ber Ausbreitung der Uhreninduftrie zufammen, 
die mwelfch-fchweizerifche Arbeiter in beutfch-fehweizerifche Gegenden führt. Dafür 
weicht allmählich in Graubünden die zwifchen dem talienifchen und Lateinifchen 
ftehende romanische Spradde zugunften des Deutihen, da fie einen zu Meinen 
Spradjiplitter bildet und die romanifed Spredenden daher auf eine zweite 
Sprade angewiefen find, wenn fie im fozialen Leben vorwärts fommen wollen. 

Schon 1918 verfidderte Albert Dert in den Sübdeutfden Monatsheften, 
Auguft ©. 587: „Wir deutiche Schweizer wollen unfern welfhen Landslenten 
dur Parteinahme für Deutihland nicht weh tun, fo wenig wie fie ung dur) 
Parteinahme für Srankreih. Denn, was man, au draußen darüber denfen 
mag: der Schweizer fremder Zunge tft dem Schweizer lieber al der Ausländer 
gleiher Zunge. Das beruht nicht auf Tühlem Denlen, fondern auf fiherm 
feeliiden Empfinden.“ 

Diefe Stimmung des Schweizer Bolls haben wir uns vielleicht nicht 
genügend Mar gemadt. Und doc tft fie das einzig Mögliche für einen Staat, 
der ernftlich zufammenbalten will. Der Staatsgedante muß das zufammenhaltende 
Moment fein. Wenn der Kulturgedante in Konflilt mit dem Staatsgedanken 
tritt, muß er fo gewandelt werden, daß diejer Konflikt überwunden wird. So 
ift au aus dem Schweizer Staatsgedanten heraus der Kulturgedanke formuliert 
worden. Die Schweiz hat die Aufgabe, da8 germantichhe und das romanifce 
MWejen zu verföhnen, die beiden fich gegenfeitig befämpfenden Kulturen, die 
Do auf Ergänzung angewiefen find, auszugleichen. *) Im der Tat fann man 
fagen, daß auf diefe Weife aus der Not eine Tugend gemadit tft. Der Staats- 
gedante muß mit dem SKulturgedanten innerlih ausgeglichen werden. Die 
Kulturaufgabe der Schweiz Iäßt fich fhwerlich anders formulieren. Deutiche 
Gründlichkeit und Gedanlenfchwere fol mit franzöflfcher Eleganz und Form« 


*) Eduard Blocder: Die Schweiz ald Berföhnerin und Bermittlerin gwifchen Frankreich 
und Deutſchland, Zürich 1915. 


Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutſchland 41 


vollendung verbunden werden. Doch mag man nicht Überfehen, daß die auf 
Calvins Reformation fi) jtügenden Kantone Genf, Waadt, Wallis, Neuenburg 
einen recht anderen Charakter zeigen ald das durch Austreibung der Hugenotten 
ärmer gewordene Franlreich. E83 wird fi) fragen, ob die Kulturgemeinfchaft ziwifchen 
germaniſchem und romaniichem Wefen in der Schweiz eine Weltbedeutung gewinnen 
fann. Yeder Staat, der innerhalb der Völfergemeinfchaft Eriftenzberechtigung haben 
mil, muß fih irgend eine Weltbedeutung zufchreiben. Aus diefem Gefühl 
beraus hat die Schweiz den Gedanken der Verföhnung der Kulturen, bes fried- 
lichen Ausgleich8 der ftreitenden Parteien, jchließlich das deal des Weltfriedens 
auf ihre Fahnen gejährieben, ja eigentlich jchreiben müflen, um ihre Bedeutung 
als notwendiges Glied der Völfergemeinfchaft zu bemeifen. 

Wenn nah dem Welifriege die einzelnen Staaten und Kulturfreife fich 
mehr gegeneinander abfäließen, an ihren Grenzen bleibende Schübengräben 
aufwerfen und auch geiftig lieber Schügengräben aufwerfen al8 Brüden bauen, 
fo wird die Schweiz diefe Beftrebungen nicht mitmachen. Ste wird ihre Hotels 
jedem öffnen, internationale Kongrefje werden vielleicht eher in ihr alS anderswo 
möglich jein. Aber man wird ihren Einfluß nicht überfhäben dürfen. Ste 
vermag die Kulturen nicht zu verjühnen. Nur wenn birelte Yäden binüber 
und berüber gefponnen werden, wird etwa auf Schweizer Boden ein bequemer 
Treffpunkt fein, wie denn der Weltfriede möglicherweife in Bern gefchloffen 
werden Tönnte. | 

Gibt es überhaupt eine einheitliche fchweizerifche Kultur? Kann man bie 
Schweizer eine '„Nation” nennen? Dieje Fragen find in den lebten Jahren 
bejonder8 viel in der Schweiz erwogen worden, am häufigiten in der Schweizer 
Zeitfehrift „Wiffen und Leben”, Zürich, Verlag von Rafcher. Dan wird ant- 
worten müfjen, daß „Anfäbe zu einer gemein-jchweizeriihen Kultur” vorhanden 
find.*) Aber eine gefchloffene Einheitskultur tft in einem drei- oder vierfprachigen 
Lande nicht möglid. Die Geihichte Hat die 22 Kantone zufammengeführt. 
Sie halten troß der Verfchiedenheit der Spraden und ber Stonfeffionen zu- 
fammen. Aber da8 Zufammenhaltende ift der politifhe Wille. Exit aus ihm 
ergibt fi die Kulturaufgabe, die vorhandenen fpradlidden und nationalen 
Berihiedenheiten zur gegenfeitigen Bereiherung zu gebrauchen, fie nicht zu 
GSegenfäten auswachfen zu laflen. Aber gerade die beften Deutſchſchweizer 
betonen heute fo energifch wie je, daß ihre eigne Kultur ohne Berbindung mit 
den Nadbarländern verborren müßte. Sie weifen mit Stolz darauf hin, daß 
fie gute, echte Germanen feien, ja daß ihre demofratifhen Einrilätungen durch- 
aus auf echtgermanifhen Boden gewadjen feien. E$ find auch vorwiegend 
Deutichfchweizer, melde uns verfihern, eine wie große Bereicherung ihres 
MWeiens fie durch PBerarbeitung bdeutfcher und franzöfifcher Kultureinflüfje er- 
fahren haben. So erzählt 3. 3. der Basler Literaturhiftoriter Profeffor Albert 


*) Roman 3008, Der europäifche Krieg und unfer fhweiger Krieg ©. 40. 


42 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutichland 








Geßler, unter der Überfchrift „Zwifchen zwei Kulturen“ (in dem Sammelband 
„Wir Schweizer, unfere Neutralität und der Krieg“ Geite 78 bis 88), wie 
viel er der deutfhen und der franzöfifchen Literatur verdanke. Diefe Deutfch- 
fchweizer bemeifen bamit die ftärfere Fähigleit des deutichen Geiftes, fremden 
Kulturen gerecht zu werben. GCtwas äußerlih faht Konrad Falle (Ser 
fchwetzerifhe Kulturwille, Zürich 1914) die fehweizerifhe Kultur auf, wenn er 
als ihr erjtes Erfordernis den Unterricht in den drei Landesipradden für alle 
Schweizer Gymnaften verlangt. ALS mejentliches Hilfsmittel für die Schaffung 
einer Schweizer Kultureinheit fieht er „ein für alle Gymnafien gleihlautendes 
Lefebuh“ an, „das aus den drei Literaturen in den drei Spraden Driginal- 
proben enthält.“ (Seite 23). Er will fogar den Unterricht in den Hafitichen 
Sprahen diefer Forderung zu Liebe einichhränten. Falles Borichläge 
haben au tn der Schweiz Ablehnung erfahren.”) Als der nationale 
Wille der Schweiz Tann vielmehr gelten: 1. politiih zufammenzubalten. 
2. bie bdemokratifhen inrichtungen des Landes zum Gedeihen des Bater- 
landes zu pflegen. 3. die Zulturellen Gegenfäbe nicht gegen einander 
auszufpielen, fondern zur Bereicherung des eigenen Wejens zu benupen. 
4. wenn möglich, darüber hinaus zur Verföhnung der Völker, vielleicht gar 
zum Weltfrieden etwas beitragen zu fönnen. 

Eine ftarfe Krifis befam die nationale Einheit im Anfang des Weltkrieges. 
Deri hatte die Deutfh-Schweizer richtig beurteilt. Bei ihnen ftand das Staats- 
gefühl voran. Aber über die MWelfh-Schmweizer hatte er fich getäufcht. Yaft 
ausnahmslos haben fie für Franfreih Partei ergriffen, ohne zu fragen, ob 
dies den Deutfh-Schweizern gefallen werde. Die franzöfiihen Lügen über 
deutfhe Greuel find dort in weitem Umfange geglaubt worden. Profeflor 
Rappard in Genf erflärt felbit, es gelte den meilten Welich-Schweizern als 
- eine ausgemadte Sache, „daß die Zentralmächte und in erfter Linie Dentich- 
land für biefen Krieg und für die ihn bezeichnende befondere Härte und grau- 
fame Kriegführung verantwortlich find.” („Zur nationalen Berftändigung und 
Einigkeit“, Züri), 1915 Geite 29). Woher diefe erftaunliche Leichtgläubigkeit 
und Urteilglofigleit? Sie ging foweit, daß die eidgenöffifhe Poftverwaltung die 
Berfendung von Drudjacdhen über deutfche Greuel von Laufanne aus unterjagen 
mußte. Der erfte Grund ift die fühländifche Leidenfchaftlichleit und Heftigkeit 
im Ürteilen und Verurteilen. Das beikere Blut verhindert ein ruhiges Nach. 
prüfen, eine objektive Kritil. Der Deutfh-Schweizer ift viel nüchterner; der 
deutfche Geift der Kritil und Selbftkritif eignet ihm viel mehr. ALS zweiter 
Grund fommt hinzu: die welihe Schweiz ift weit mehr in ihrer Literatur 
von Franfreih abhängig als die deutfhe Schweiz von DVeutihland. Denn 
tro alles ftarfen Kultureinfluffes werben doch die Anregungen von Deutfd- 
land in der beutfchen Schmeiz felbftändiger verarbeitet. Der beutjche Indivt- 








“2. 8. von Roman 8008 a. ©. ©. 56. 


Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfdhland 43 


bnalismus bat in der deutfchen Schweiz ein eigenartiges, felbftändiges Kultur- 
zentrum gefehaffen. Wenn aud Gottfried Keller nicht davon wiffen wollte, 
daß e8 eine fchweizerifche Nationalliteratur gebe, fo fann man dod) mit bem- 
jelben Recht wie von einer jchwäbtichen Dichtung und einer Münchener Kunft 
von Schweizer Literatur und Kunft reden. Der welche Schweizer Iieft viel 
weniger die Literatur, die aus der beutfchen Schweiz zu ihm kommt, als der 
deutiche Schweizer die Erzeugniffe der welchen Schweiz. Der Zufammenhalt 
der Schweiz beruht do mehr auf den beutichiprechenden Kantonen. Ein 
dritter Grund wird von NRappard (a. a. D. Seite 38) fo formuliert: Dem 
Tranzofen wie dem franzöfifhen Schweizer eignet ein Hang zur logifhen Klar- 
heit. „Sein lateinifches Bebürfnis nad) Klarheit und feine geiftige Ungebuld 
verführen ihn leicht im Erfaffen komplizierter menfchlicher Verhältniffe zu frag- 
lichen, oft ganz fehablonenhaft verzerrenden Vereinfadhungen.” Das in Franl- 
rei fabrizierte Schredbild deutfcher Barbarei bat vielen eingeleuditet. So 
berriäht bei vielen Welfch-Schweizern blinder Deutfhenhaß. Die Gefahr, daß 
bie geiftige Gemeinfchaft der Schweiz völlig in die Brüche ginge, war eine 
Zeit lang geradezu bebroblih. Das Buch „Wir Schweizer, unfere Neutralität 
und der Krieg. Eine nationale Kundgebung“, Züri 1915, hat wefentlich 
zur @inigung beigetragen. 36 Verfaffer haben fi der Hauptjadhe nad) über- 
einftimmend zur Yrage der Neutralität ausgeiprocdhen, 5 davon in franzöflicher 
Spradhe. Die gemeinfame Überzeugung befteht darin: Neutralität verpflichtet 
die Schweizer nicht dazu, überhaupt feine Meinung zu haben, fondern fie mit 
Zaltgefühl und Gerechtigkeitsfinn zu äußern, nicht den blinden Haß der Par- 
teten mitzumachen, fondern das Gute bei allen Nationen anzuerlennen und die 
Berftändigung unter den ftreitenden Parteien zu fördern. Auch der Vortrag 
von Karl Spitteler „Unfer Schweizer Standpunlt”, Züri 1915, war zu dem 
Zwed gehalten, die drohende Kluft zwilhen Deutich - Schweizgern und 
Welid-Schweizern zu überbrüden. Der Bortrag war nit an die Abdrefle 
ber Deutichen gerichtet, jondern an die der Schweizer. m der Schweiz hat 
der Vortrag tatfählih zur Einigung beigetragen, und murde von manden 
geradezu al das Löfende Wort betrachtet. Er enthält die Mahnung, der 
Schweizer müfje zunächft den Schweizer verftehen. Erft in zweiter Linie lomme 
die Verftändigung mit den andern Nationen. Das beite an dem Vortrag ift 
der Schluß (Seite 22 bis 23). „Die patriotifhen Phantaflen von einer vor- 
bildlihen (oder fehtedsrichterlihen) Miffion der Schweiz, bitte möglichft leifel 
Ehe wir andern Böllern zum Vorbild dienen Tönnten, müßten wir erft unfere 
eigenen Aufgaben mujftergültig Löfen. Mir fcheint aber, das jüngfte Einigungs- 
eramen haben wir nicht gerade fehr glänzend beftanden”.”) Dann vergleicht 


*) Ebenfo verfihert Brofefior Eberhard Bilder aud Bafel (Wir Schweiger, unjere 
Neutralität und der Krieg Seite 211): „Wir geben uns nicht der töridhten Einbildung Hin, 
daß wir Schweiger vermöge unferer einzigartigen Zage befähigt feien, ein objeftive® Urteil 


44 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfchland 





Spitteler den europäifhen Krieg mit einer Tragödie und einem Leichenzuge. 
„Wenn ein Leichenzug vorübergeht, was tun Sie da? Sie nehmen den Hut 
ab. ALS Zufhauer im Xheater vor einem ZTrauerfpiel, mas fühlen Sie da? 
Erjhätterung und Andadt. Und wie verhalten fie fih dabei? Still, in er- 
griffenen, demütigen, ernftem Schweigen.” 

So fei e8 aud jeht. „Wohlen, füllen wir angefichtS Diefer Unfumme von 
internationalem Leid unfere Herzen mit fehweigender Ergriffenheit und unfere 
Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab! Dann ftehen 
wir auf dem richtigen neutralen, dem Schweizer Standpunft“. 

Ya, wenn nur der ganze Vortrag ein wenig von diejer Andacht und ſchweigenden 
Ergriffenheit gehabt hätte! Statt deſſen iſt er in einem burſchikoſen, teils witzigen, 
teils höhniſch⸗ſpottenden Ton gehalten. Man kann es keinem Deutſchen verargen, 
wenn er ſich mit tiefer Betrübnis fragt: Iſt denn hier die Kulturgemeinſchaft, 
die Spitteler bisher mit dem Deutſchtum verbunden hat, ſo völlig verſchwunden? 
Ich will hier nicht noch einmal auf die beleidigenden Äußerungen Spittelers 
eingehen, da fie läͤngſt zurückgewieſen ſind. Spittelers Vortrag zeugt nicht von 
einem politiſchen Verſtändnis für internationale Verwicklungen. Er äußert ſich 
möglichſt unpolitiſch, derb. „In der Tat läßt ſich die ganze Weisheit der 
Weltgeſchichte in einen einzigen Satz zuſammenfaſſen: Jeder Staat raubt, ſo 
viel er kann. Punktum. Mit Verdauungspauſen und Ohnmachtsanfällen, 
melde man ‚Frieden‘ nennt... . Und zwar je genialer ein Staatsmann, 
deito ruchlofer. Bitte diefen Sa nicht umlehren!” Kann man verftändnislofer 
von der Kulturaufgabe des Staates und von den tragifchen Konflikten zwiſchen 
den einzelnen Staaten reden? CS fcheint, daß Spitteler die Schweiz für den 
einzigen Staat hält, der fi von der unmoralifhen Politik frei Hält. „Wir 
treiben ja feine hohe, ausmärtige Politif” mit Bündniffen. Ach würde diefe 
Säte de3 ganz unpolitifch denfenden Spitteler nicht anführen, wenn fie nicht 
zeigten, wie fchwer es in der Schweiz vielen tft, ein Verftänbnis für die Auf- 
gaben eines Großitaates wie Deutfchland zu gewinnen, der allein fchon durd) 
feine Eriftenz im Zentrum Europas und feine ungefhhüßten Grenzen zur mili- 
täriihen Machtentfaltung gezwungen ift, um fich zu verteidigen. Wir haben 
e8 erlebt, daß ohne jeden deutſchen Übergriff unſere ſteigende Induſtrie, 
unfer zunehmender Handel, unfere Schiffahrt nach fremden Welttellen die Ger 
lüfte Englands erwedten, den unbequemen Konkurrenten loszuwerden. Die 
Sorge eines Staates, wie feine wachjende Einwohnerzahl Brot finde, die Ful- 
turelle Friedenstätigfeit, wird von Spitteler als nicht vorhanden betrachtet. 


über den Krieg abzugeben und die Schuld der einzelnen Wöller gerecht abzumwägen.” Die 
jelbe Mahnung fpridt die verftändige Schrift von Moman B008 auß (Der europäifche Krieg 
und unfer jhiveiger Krieg, Zürich 1915 Seite 24): In der Tat ift e& eine große Berfuchung 
für ein neutrale® Land, daß es feine paffive Molle zu einer Art Weltrichteramt benukt. 
8008 führt Anzeichen eines folhen hochmütigen Nichtenz an. 


Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfchland 45 


NIS ob nicht für die Schweiz aus Spittelers Sägen folgen würde: Wenn du 
nur lönnteft, müßteft du ebenfo viel wie die andern rauben! Weil du e8 aber 
nit fannft, mußt du aus lauter Egoismus die internationale Friedensfahne 
berausfteden. 

Zatfähhlic hat Spitteler e8 mit verfchuldet, wenn der Schein erweckt ift, 
ala dürften die Welfh-Schweizer ihr heißes Blut, das ihnen immer als ge- 
nügende Entjhuldigung zugute gehalten wird, zugunften der Franzofen zum 
Sieden bringen, der Deutfy-Schmweizer müßte dagegen, um nur ja die Staat3- 
einbeit nicht zu ftören, alle Raffen-, Rultur- und Sprachgemeinfhaft mit Deutfc)- 
land verleugnen. Nach Spitteler Liegt in der Sprachgemeinſchaft nichts anderes 
al ein Stüd „Philologie“. Und die lönne doch nicht entfcheidend fein. 
Derartige Entgleifungen Spitteler8 haben nun glüdlicherweife nicht bloß in 
Deutichland, fondern auch in der Schweiz zu einer energifhen Zurechtweifung 
geführt. Einer der bedeutendften Profefjoren der Univerfität Bafel, ihr gegen- 
wärtiger Rektor, Paul Wernle, bat in feinen „Gedanken eines Deutich- 
Schweizers“, Züri, 1915, das beite Verftändnis für deutſches Weſen und 
deutfche Geiftesart bekundet. Er ift mannbaft gegen Spitteler aufgetreten. 
„Es ſteht nädjitens fo, daß vom angebli einzig FTorreften fchmeizerifchen 
Patriotismus aus uns Deutfch-Schweizern der Gegenfah gegen Deutichland zur 
Pfliht gemacht werden fol. mdeflen wird e8 uns immer freijtehen, unfere 
Sypmpatbien dem Land zuzumenden, zu dem uns da3 Gefühl tiefer geijtiger 
Berwandtichaft zieht, ohne daß wir deshalb um unfern PBatriotismus beforgt 
zu fein brauchen“. „Das eine wollen wir uns ausgebeten haben: man ver- 
fhone uns mit Weifungen und Richtlinien, nach welcher Seite unfer Herz fi 
wenden fol. Dan gebe uns feine Leltionen über echten fchmeizerifchen 
Batriotismus und beberzige lieber die Tatfache, daB unfre größten Schweizer- 
dichter der neueren Zeit (&. F. Meyer und ©. Keller) in einer Schidfalsftunde 
Deutfhlands völlig deutfh empfunden haben”. Wernle ift ein aufrechter, 
gerader Mann, der den Mut hat, auch gegen den Strom zu fehwimmen und 
offen, ja rüdjichtslos für das eintritt, wa8 er für Net erfennt. Seine Schrift 
hat ihm zahlreiche Zuftimmungsäußerungen aus der Schweiz eingetragen, das 
beweift alfo, daß es falfeh ift, wenn man glaubt, Deutfhland habe feine Sym- 
patbieen in der Schweiz. Ein Nebakteur der deutfch-freundlihiten Zeitung der 
Schweiz, des „Basler Anzeiger”, berichtete im vergangenen Herbit auf Grund 
feiner Neifeerlebniffe in Deuti'jland, die Stimmung gegenüber der Schweiz fe 
dort fo abgekühlt, daß man die Schweiz beinahe für deutfchfeindlih halte. 
Derartige Wirkungen eines fteten Abrüdens von Deutfhland megen bes jchmei- 
zerifchen einheitlichen Kulturwillens find begreiflih. Xrogdem find fie falic. 
Mir wollen nicht verlangen, daß unfere nationale Empfindung in der gleichen 
Zonart oder gar in berfelben Stärke uns aus der Schweiz entgegenklinge. Wir 
haben im Anfang des Krieges in großer Gutmütigfeit geglaubt, die Töne 
nattonaler Begeifterung, der Enträftung über unfere Geguer, unjere Sieges⸗ 


46 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfdhland 


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zuverficht müßten, den Neutralen übermittelt, dort dieſelben Empfindungen 
wecken. Wir find fein Voll von Diplomaten. In geſchickter Bearbeitung der 
Nteutralen waren unfre Gegner ung überlegen. Erft die deutfchen Taten haben 
eine farere Sprache geredet als die gefdhicten Ränfe unfrer Feinde. Auf die 
vielen, von den Prefjebüros in die Schweiz gefandten deutffhen Propaganda- 
{hriften antwortet Spitteler (Seite 15): „Haben denn die Herren die Fühl- 
hörner verloren, daß fie nicht mehr fpüren, wie man zu andern Völkern fpricht 
und nicht fpricht“. Wir haben geglaubt, die offene gerade Ausipradde unferer 
Meinung in derfelben Art, wie fie in der Heimat am Plape ift, wirle am 
beiten auch draußen. Die beutfche Geradheit bat es nicht verftanden, Die 
Mirkung ihrer Worte auf Andersdenfende zu berechnen. Daß der Deutiche im 
Auslande fih leichter mißliebig mat als andere, Tiegt ebenfall® darin be- 
gründet, daß er fih draußen ebenjo gibt wie daheim, ohne viel Berechnung, 
mit derfelben Gerabbeit, zuweilen mit ein wenig NüdfichtSlofigfeit, die als offene 
Äußerung feines Wefens verftanden werben fol, meift aber viel ärger gedeutet 
wird, als fie gemeint if. Die englifche Zurücdhaltung und die franzöfifche 
Höflichkeit, die immer freundliche Worte bat, auch wo das Herz ganz anders 
dentt, gefält im Auslande beffer. 

Mernle hat ein tiefes Verftändnis für die Schiefalsjtunde Deutjchlande, 
das gegen eine Übermaht von Feinden feine Kultur verteidigen muß. Er 
entrolt als Hiftorifer ein feines Bild davon, in welcher Weife die deutfchen 
Einflüffe feit Luther in der deutfchen Schweiz verarbeitet wurden. Er hält 
feinen Freunden in der weljchen Schweiz vor, wie ungerecht e& ift, die beutfche 
GSeiftestultur zu loben und auf den böfen „Militariemus” zu fchelten. Cr hält 
ihnen vor, wie die elementarfte politifhe Einficht jedem fagen muß, daß ein 
Boll in der Mitte Europas mit ftarfer Fauft feine nationale Eriftenz fchüben 
muß. Ale Anflagen gegen den deutfhen Militarismus befagen nach Werne 
nur: „shr Deutihe feid uns recht und lieb, wenn ihr eure Wifjenfchaft pflegt 
und eure Kunft und ftille, fleißige harmlofe Nachbarn von uns bleibt und babei 
zufhaut, wie die anderen Völfer die Welt unter fi) austeilen, und ohnmädhtig 
jeden Schimpf euch gefallen laßt, den die Nachbarn von reht8 und von inte 
und übers Meer euch antun”. E38 berrfcht tatjächlich viel unpolitiſche Naivität 
in einem Lande, das feine auswärtige Politil treiben fann und darf. Beffer 
als Wernle fönnen au) wir nicht die Verbindung einer geiftiigen Kultur mit 
einer zur Abwehr bereiten NRüftung verteidigen. Wernle glaubt, daß es ben 
Welſchſchweizern „in Beurteilung diefer Fragen einftweilen an jeder Billigfeit 
fehlt, daß noch feiner von ihnen auch nur verfucht bat, Deutichlands Politit 
zu veritehen”. (Seite 20). 

Sreilih ein Punkt bleibt auch für Wernle übrig, an dem feine Fritil 
beginnt. €8 ift der Punkt, an dem die fehweizerifhe Polemik von Anfang an 
eingejegt bat: die Verlegung der belgifchen Neutralität. Nur ift Wernles Kriif 
verftändiger und billiger. Wir Deutiche Tönnen es begreifen, daß die harte 


Stiedensziele der Elektrotechnif 47 


Notwendigkeit, durch Belgien durcdhzumarfchieren, in der Schweiz zuerft Die 
Empfindung auslöfte: Wenn der Sah „Not lennt fein Gebot” feine Anwendung 
-auf die Schweiz verlangen würde, hätte die Schweiz dasjelbe Schidjal erfahren 
wie Belgien. So gibt Wernle dem Empfinden feines Vaterlandes Ausdrud: 
„Bir denken in der deutfchen Schweiz nicht daran, die Verlegung der belgiichen 
Neutralität dur) Deutihland zu rechtfertigen, wir haben dazu gar Feinen 
Grund“. Sämtliche VBerfuche, die wir gemacht haben, 5 fer Vorgehen zu recht- 
fertigen, find in der Schweiz wohlbelannt. Sie haben nicht vermodt, in einem 
Zande Eindrud zu maden, defjen Außere Politil, ja nationale Eriftenz auf das 
Neutralitätsprinzip gegründet fit. Ya, eine Zeitlang waren die Augen mander 
Schweizer jo ausjhließlih auf Belgien gerichtet, daß es feheinen Tonnte, als 
drebe fidh der ganze Weltkrieg un die belgifche Neutralität. Bei Wernle finden 
wir wenigftens einen Verfudh, bie Verlegung der Neutralität „einigermaßen 
nad) dem Grundfag der Billigfeit zu verftehen” (Seite 23). Er findet e8 zwar 
fehr ideal, wenn man fagt: „Lieber ehrenvoll untergehen, al3 Bruch eines ge- 
fchriebenen Vertrages”. Aber ob das mehr al8 Worte find, ob irgend ein 
Staat anders gehandelt hätte, ob Frankreich) oder England e8 anders gemadt 
bätten, bezweifelt er mit Net. Inzwiſchen iſt nun Griechenlands Neutralität 
ohne Not von England und Frankreich verlest. Diefe Tatfachen haben au 
n der Schweiz ihren Eindrud nicht verfehlt. (Schluß folgt.) 


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Sriedensziele der Eleftrotechnif 


Don Öberingenieur £ajos Steiner, Siemensftadt 


SS ie Erörterung diefer Frage wird wohl mandem als verfrüßt, ben 
| Ereigniflen weit vorauseilend, erfcheinen. Sie werben fi) an ber 
Bi Bezeihnung Friedensziele ftoßen und merden fie inmitten bes 

AP Weltkrieges als wenig zeitgemäß empfinden. Wenn aud) die Er- 
Ze wähnung des Friedens im allgemeinen von unferen redegemandten 
Feinden als Schwäche gedeutet werden könnte, weldder Auslegung zum Glüd 
die Zatfachen widerfpreden, fo darf man im befonderen auf dem Gebiete ber 
Snduftrie getroft von Friedenszielen fprechen, ja man muß fogar darüber reden. 
a der Nummer 470.%.1915 der „Srenzboten“ habe ich Die Aufgaben geftreift, 

bie der eleltrifhen Induftrie durch den Krieg erwachlen find, und auf die mannig- 
fahen Schwierigleiten bingewiefen, die fie wegen der leidigen Robftoffrage zu 





48 Stiedensziele der Eleftrotechnif 





überwinden hatte. Am Schluffe meines Auffates deutete ich die Richtung an, 
in welder Forfider und BPraftiler zu fchaffen haben werden, um aus den An« 
ftrengungen der Not einen ‚bleibenden Gewinn für die Glektrotechnif zu erzielen. 
. @8 wird demnad) das erfte Friedensziel der eleftrotechnifchen Wiffenfchaft fein, 
zu prüfen, inwieweit man die Erzeugnifje der elektrifhen Induftrie bei mög- 
liäfter Sparfamfeit mit den im Lande nur in geringen Mengen gewonnenen 
Nobftoffen wie Kupfer, Nidel und Gummi, und doch in jener Vollendung ber- 
ftelen Tann, die ber beutfchen Gleftrotechnif den Weltruf verjhafftt. Zwei 
Gründe fpredden für die Verfolgung diefer Ziele. rftens ftreben wir eine 
möglichfte Unabhängigkeit von dem Auslande an, indem wir ung mit manchen, 
im Lande felbft gewonnenen Robftoffen, die wir zunäcft noch als Grjaßftoffe 
bezeichnen, bebelfen, folglih auch das Geld im Lande behalten, und durd) die 
Eriparnifie an Fradten und Zöllen billiger produzieren lönnen, zweitens unter. 
jtüägen wir den heimifchen Bergbau und die heimifche Hütten- und dhemiiche 
Snduftrie, da in Zulunft ihre Erzeugnifje in höherem Maße als bisher von der 
Glektrotechnif benötigt und verbraucht werden. Durch die billigere Produftion 
ſchaffen wir der eleftrifchen Induftrie neue Abnehmer auch in Kreifen, in benen 
die eleftrotechnifchen Erzeugniffe biß jet zu teuer waren. Dur die Ein- 
führung und die Popularifierung der &lekirizität verbreiten wir die Kultur in 
weiteren VBollsfhichten und [&haffen vielen Taufenden von neuen Händen Arbeit 
und tragen zur Erhöhung des Vollswohlftandes bei. 

Der Friede, der früher oder fpäter gejchloffen wird, darf die eleftrifche 
Snduftrie nicht unvorbereitet treffen. Die Vorarbeiten müfjen nad) drei Rid’ 
tungen gefördert werden. Die durch den Srieg unmittelbar verurfadhten Ber 
jhädigungen und Zerftörungen an elektrifchem Material müfjen befeitigt werden. 
Die mittelbaren Schäden, die durdh die infolge Nohftoffe und Arbeitermangel 
nicht rechtzeitig ausgeführten Aufträge der Vollswirtfchaft ermachfen find, müffen 
jo chnel wie möglich behoben werden. E83 muß getracdhtet werden, diejenigen 
Snduftriezmeige, welche zur Befriedigung des Friedensbedarfes dienen, wieder 
zur Blüte und zur höchften Entfaltung zu bringen. 

ndem ich die Befeitigung der durch den Krieg verurfachten unmittelbaren 
Schäden als erfte Notwendigkeit bezeichnete, dachte ich natürlich In erfter Linie 
an die im Gebiete des deutfchen Heiches und demjenigen unferer Verbündeten, 
in Oalizien, in der Bulowina und in Ungarn zerftörten Elektrizitätswerlfe und 
jonftiger eleltrifhen Anlagen, deren Wiedererrihtung und nbetriebfegung die 
Vorbedingung der Herftellung des Wirtichaftslebens, wie es Mh vor dem Striege 
abwidelte, if. Zum Glüd bat der Feind in unferen Gebieten nur voräber- 
gehend gehauft, und der Strieg wurde bald auf fremden Boden getragen, Do 
er bat in der verhältnismäßig kurzen Zeit fein Zerftörungsmwert gründlich be= 
fort. Mande bis dahin blühende induftrielle Anlage liegt heute noch in 
Trümmern, obwohl die Regierungen und Kommunen das Werl der Wieder- 
aufsidgtung unmittelbar nad Abzug des Feindes, fozufagen no im KKanonen- 


Stiedensziele der Eleftrotechnif 49 


Donner und im Granatenfeuer mit größtem Eifer betrieben haben. An der 
Wiener Zeitfchrift „Elektrotechnik und Mafchinenbau” wurde in einer intereffanten 
Artilelferie die wiederholte Beihießung des Eleftrizitätswerkes in Czernowitz und 
die Wiederherftellung des Betriebes unter fortwährenden Gefahren gejchildert. 
Teer Wagemut und die aufopfernde Tätigkeit der Betriebsleitung, die Umficht 
und das erfinderifhe Gefchid von Ingenieur und Arbeiter, womit das Werk 
in Szene gefeßt wurde, verdienen unjere Bewunderung und Anerkennung. Sn 
der Tat waren e8 nur wenige Tage, an weldden das Werk feierte, die Stadt 
im Dunfeln lag und die Straßenbahnwagen nicht verlehrten. 

Nicht alle Zentralen und Fabrilanlagen waren in der gleich glücklichen 
Lage. Die feindlihen Granaten oder rauhe Soldatenhände beihädigten in 
blinder Zerftörungswut empfindlichere Zeile der Majchinen und Apparate oder 
ihleppten, höherem Befehl folgend, alle Motoren, Apparate und Freileitungen, 
mit einem Wort alles, mas aus Kupfer bergeftellt war oder Kupfer enthielt, 
fort, erftend um es für eigene Zmwede zu verwenden, zweitens um dem @roberer 
bie Gelegenheit, feinen Kupfervorrat zu verftärken, zu nehmen. Der Zerftörung 
von lediglich der Vollswirtfchaft dienenden Werfen lag mitunter auch die Ab- 
ficht des Feindes zugrunde, recht zahlreiche Erjaglieferungen für fich zu fichern. 
Die mit allem Raffinement ohne nennenswerten milttärifhen Zwed zerftörten 
zahlreihen Bergmwerlsanlagen des nordfranzöftihen Kohlenbedens fprechen eine 
beredbte Sprade. Deutfhe Tatfraft und Unternehmungsgeift forgten auch in 
diefen Gebieten nad) Möglichkeit dafür, daB die Spuren der Zerftörungen be- 
feitigt wurden; die Fördermafhhinen und die Bergmwerlszentralen wurden wieder 
in Betrieb gefegt, und der Yörberbetrieb in urfprünglicher Höhe aufgenommen. 
immerhin bleibt noch genügend Arbeit für den Tommenden Frieden übrig. 
Wenn auch die Grenzen des zukünftigen Deutfchen Reiches noch nicht feftliegen, 
das Eine fteht jet fchon feit, daß unfere jehigen Feinde den Lieferungen der 
deutſchen elektrotechniſchen Induſtrie ih auch in Zukunft nicht werben auf bie 
Dauer verfähließen Tönnen. Ym Jahre 1913 betrug die Ausfuhr an eleftro- 
technifhen Erzeugnifjen nach dem europäifhen Ausland, insbefondere in bie 
Gebiete der feindlichen Großmächte rund 240 Millionen Mart. Bei der geringen 
Anzahl eleltrotechnifcher Fabrilen im Auslande, bei der nach dem Sriege zu 
erwartenden noch größeren Knappbeit an ngenteuren und gefchulten Arbeits- 
Iräften ift es gänzlich ausgefchloffen, innerhalb abfehbarer Zeit einen Erfay für 
fo hohe in normalen Zeiten benötigte Werte zu fchaffen, gejchweige denn die 
dur) den Krieg verurfachten Beijhädigungen zu befeitigen. Wenn auch zu er- 
warten tft, daß die leiftungsfähige amerifaniiche Induftrie alles aufbieten wird, 
um bie Lieferungen an die jetigen Feinde an fi) zu reißen — gewiffe Anzeichen 
liegen ja fchon jegt dafür vor —, fo wird man vorausfichtlich im Auslande doch nicht 
dem Wunfche entfagen können, die deutfche elektrotechnifche mduftrie wieder mit 
Aufträgen zu betrauen. Dafür bürgen die unerreichte Bolfommenbeit der deut» 
hen elektrotechnifchen Erzeugniffe und die Rührigkeit des deutichen Kaufmannes. 

Grenzboten 1 1916 4 


50 Stiedensziele der Elektrotechnik 





Bor Ausbrud) des Krieges waren die eleltrotechnifchen Werke mit Auf- 
trägen reichlich verfehen. Qaufende von Händen waren emfig bei ber Arbeit, 
um den großen Bedarf des In- und Auslandes an elektriihen Mafchinen und 
Apparaten zu deden, bis der Schladtenruf ertönte und der Krieg die meiften 
wehrfähigen Männer an die Front rief. Den wenigen Zurüdgebliebenen fiel 
die wichtige Aufgabe zu, den Krieg auf dem Boden ber Werkitätten burd)- 
zulämpfen, und den Kameraden in der Front die Waffen zur Bekämpfung der 
Feinde zu liefern. Die fogenannten Friedenslieferungen verloren an Anfeben, 
und man arbeitete an ihnen nur, foweit e8 die Verhältniffe geftatteten. Dort, 
wo früher Wellen gedreht und Nuten gehobelt wurden, löften ftahlharte Werk- 
zeuge meterlange Spähne von dem zähen Material der Gefchoffe oder fchufen 
Maſchinen und Vorrichtungen für Heer und Marine. Manche Erzeugniffe der 
elektrotechniſchen Induſtrie, die furz vor der Fertigftellung oder der Ablieferung 
ftanden, mußten ben Sriegslieferungen das Feld räumen und wanderten 
in enilegene Eden der Werkftätten oder in Lagerräume, wo fie daS Ende des 
Krieges abwarten, um ihrer Beitimmung übergeben zu werden. Unſchätzbar 
hoch find die Werte, die in diefer Yorm brad) liegen, doch noch höher find die 
mittelbaren Schäden, die der Vollswirtfchaft dur) den Ausfall der den eleltro- 
technifhen Werken übertragenen Lieferungen entftanden find. Dur die von 
der feindlichen Seeftreitfraft ausgeübte Blodade der deutfchen Küften und Durch 
die unrechtmäßige Einmifhung englifher Kontrollbeamten in die Rechte der 
Teutralen, war die Berfchiffung der fertigen Waren nad überfeeifhen Ländern 
unmöglich gemadt. Da der Wert der Ausfuhr der deutichen elektrotechnifchen 
Erzeugniffe nach Überfee vor dem Kriege beinahe 100 Millionen Mark betrug, 
fann man fi) einen Begriff davon bilden, in weldem Maße die überfeeifche 
Volkswirtſchaft durch die englifhe Willfürherrichaft zur See gefchädigt wurde. 
Wird von unferen fiegreichen Truppen erft die %reiheit ber Meere erlämpft 
werden, werden wir wohl unfere Sorge auch der überfeeifhen Kundichaft an- 
gedeihen Tafjen. 

Dur die Transportiähwierigleiten, die Ausfuhrverbote, die Knappheit und 
Berhlagnahme von Rohftoffen einerfeit3, und durch die [hilanöfen Einmifchungen 
der die Rechte der Neutralen angeblich beihügenden Engländer in die die Aus- 
fuhr der Rohftoffe nad) Deutihland betreffenden Angelegenheiten ift auch der 
Handel mit den wenigen neutral gebliebenen Staaten des europätichen Feit- 
Iandes erjäwert und dadurh aud ihre VBollswirtichaft arg gefchädigt worden. 
Unfere Aufgabe wird es fein, in lürzefter Zeit auch diefe Schäden zu befeitigen 
und den Bedürfniffen unferer Nachbarn in weiten Make Rechnung zu tragen. 

Die eletrotechnifche Induftrie wird fich jedoch vor allem bemühen, die ber 
beimifchen Bollswirtfhaft Durch den Krieg gejchlagenen Wunden zu heilen. 
Mancher mduftriezweig, manches dem Gemeinwohle dienende Unternehmen 
wurde dur) den Strieg gelähmt oder doch wenigftend in der Entwidlung und 
freien Entfaltung der Kräfte gehemmt. Durch die Erflärung der Baumwolle 


Stiedensziele der Elektrotechnif 51 


al8 Bannware wurde die Zufuhr diefes für die Zertilinduftrie wichtigen Roh⸗ 
ftoffe8 unterbunden und diefer Induftriezweig empfindlich gefchädigt. Soweit 
Borräte an Baummolle im Inlande vorhanden waren oder herangefchafft werben 
fonnten, wurden fie größtenteild zu Militärtuchen verarbeitet. Zu ihrer Er- 
zeugung waren die vorhandenen ArbeitSmafdinen und Betriebsfräfte aus- 
reihend. Die Yute- und Seiden-Sndujftrie hat in Ermangelung der Robjtoffe, 
legtere auch durch die Abnahme des Lurusbedürfniffes weiter Schichten der Be- 
völferung, einen empfindlichen Berluft erlitten. Durch den Rüdgang der Bau- 
tätigfeit hat die Produktion der feramifchen Induftrie ftarf abgenommen. BDurd) 
das Unterbinden der Zufuhr von Rohgummi wurde die Gummtinduftrie ing 
Marl getroffen. Unfere Werften feiern, fomweit fie nicht mit dem Bau von 
Kriegsihiffen, Unterfeebooten, Torpedos, Seeminen und fonftigem Kriegsmaterial 
beichäftigt find. Da für alle diefe Imduftriezweige die Elektrizität vielfach das 
Betriebsmittel bildet, find die Aufgaben reichhaltig, die auch der eleltrotechnifchen 
Induſtrie nach dem Kriege bei der Bejeitigung der genannten wirti&haftlichen 
Schäden erwadjfen werden. Au die großzügigen Pläne der Glektrifizierung 
der Bollbahnen, der Ausbau von ftädtifhen und interfommunalen elefrifchen 
Kleinbahnen, Untergrundbahnen, deren Ausführung durch den Krieg ins Stoden 
geraten ift, werden wieder aufgegriffen und der Berwirklihung entgegengeführt 
werben. Mit der Wiederbelebung und Entfaltung der Vollswirtichaft wird der 
bereit$ vor dem Kriege befchloffene Ausbau von Überlandtraftwerfen, deren 
Stromlieferung in manchen Gegenden erheblich abgenommen hat, Hand in Hand 
gehen. 
Am vielfeitigften und mannigfaltigiten find aber die Aufgaben, die ber 
Elektrotehnit bei der Schaffung neuer vollSwirtfchaftliher Werte erwachjen 
werden. Die von ihr wie von einem Nervenzentrum ausgehende Kulturarbeit 
wird die bis jegt nur zum Zeil oder garnicht ausgenützten Bodenfchähe heben 
und zum Wohle der Menjchheit verwerten. Primitive und unvolllommene 
UrbeitSmethoden werden verfhmwinden und durch die volllommenften, auf der 
Berwendung der Elektrizität als Betriebsmittel fußende Methoden erfeht werben. 
An großzügigen Plänen war jdhon vor dem Sriegsausbruh fein Mangel, 
andere wiederum find während des Strieges entitanden und durch ihn wirkſam 
befördert worden. 

Unter diefen find in erfter Linie die Projekte zu nennen, die die weiteft- 
gehende Ausnugung der Waflerfräfte und Braunlohlenlager zur Erzeugung 
eleftrifcher Energie bezweden. Staat und Gemeindeverbände wetteifern mit- 
einander in der Errichtung großer Überlandfraftwerfe, die weite Gebiete mit 
billigem eleftrifden Strom verjorgen und dadurd) die Kleininduftrie und Die 
Landwirtihaft unterftügen und heben werden. Ye größer die Straftwerle, um 
fo geringer find die auf die Einheit der erzeugten Energie bezogenen Betriebs- 
toften und, da die Kraftwerke Dort errichtet werden follen, wo hydraulifche oder 
Talorifhe Energie unmittelbar vorhanden, alfo infolge Wegfalles der Transport- 

4* 


52 Stiedensziele der Elektrotechnif 


foften billig zu haben find, ift die Nentabilität biefer Werke unter Borausfegung 
der vollen Ausnugung eine fehr günftige. Die Staatsregierungen haben fid 
zunäcdjft die Necdhte für die Waflerfräfte gefichert und Kohlenlager erworben, 
fomweit dies noch möglid war. Der Ausbau der Kraftwerke felbft tft nur no 
eine Frage ber Zeit. Die Landwirtfchaft wird aus ber in den Überland- 
zentralen bezogenen eleltrifchen Energie befonders großen Nuten ziehen, Bor- 
teile, die fih in den erften Jahren nach dem Sriege befonders bemerkbar machen 
werden. Ber Mangel an landmirtichaftliden Arbeitern und Pferden, in3- 
befondere an lebteren, wird nad) dem Kriege empfindlich fühlbar fein, und es 
wird eine große Crleiterung für die Landwirte fein, wenn fie ftatt der vier- 
beinigen Tiere die eleftrifhen Pferdefräfte zum Pflügen, Ernten und Drefchen 
werben verwenden können. Schon vor dem Kriege bat filh die Elektrizität im 
Dienfte der Landwirifchaft beftens bewährt, es gibt wohl faum einen Arbeits- 
prozeß, der nicht durch den Elektromotor verrichtet werden Tann, wo er nicht 
die menfchlide oder tierifche Kraft voll und ganz erfehen Lönntee Da wir 
gerade von der Landmwirtihaft reden, Tönnten noch die Straftwerle erwähnt 
werden, die zur Erzeugung von Luftitidftoff und mittelbar zur Herftellung des 
Kunftdüngers dienen und einen vollwertigen Erfah für den Ehile-Salpeter 
bilden. Es iſt zu erwarten, daß auch diefe Werke nad) dem Kriege erweitert 
werben, um von der Zufuhr aus überfeeifhen Ländern unabhängig zu fein. 
Die im GYahre 1908 in Siebenbürgen unmeit der Landeshauptitadt 
Kolozsväar entdedten Erdgasquellen Ienkten in neuefter Zeit, al die Gründung 
der Ungarifhen Erdgasgefelliaft unter Führung der Deutfden Bant bekannt 
wurde, au die Aufmerkffamfeit der Clektrizitäts-mduftrie auf fi. Bon 
amerilanifden Sadjverjtändigen tft die Gefamtmenge des vorhandenen Gafes 
auf 72 Milliarden Kubilmeter geihäpt worden. Diefe Zahl dürfte eher zu 
niedrig als zu hoch gegriffen fein. Das chemifch-reine Erdgas bat einen Heiz- 
wert von 8000 bi8 8500 Wärmeeinheiten. Welch riefige Energtemenge fft in 
dieſem flüchtigen Naturfhat enthalten! Zunähft fol das Gas als foldhes für 
Beleuchtungszwede Verwendung finden. In zweiter Linie fol e8 Hausbrand- 
zweden dienen, und in gemwifjen beftehenden induftriellen Anlagen zur Dampf- 
erzeugung verbraudht werden, um das Holz und die Kohle zu erfegen. Eine 
vollfommene Ausnugung der Gasvorräte wird aber erjt durch die Erzeugung 
eleftrifher Energie ermöglicht werden. Die wenig entwidelte induftrielle Be- 
tätigung in Siebenbürgen und in den öftliden Zeilen Ungarns bedarf ber 
Aufmunterung und der Kräftigung. In welcher Form Lönnte biefer Zwed 
wirffamer erreicht werden al$ durch die Zurverfügungftelung billiger elektrifcher 
Energie? Der Übertragung des eleltrifhen Stromes find praftifch feine Grenzen 
gezogen. Mit Leichtigleit Lönnte Über die große ungarifcdhe Ebene ein eng- 
mafchiges Neb von elektrif hen Leitungen gefpannt und die Gleltrizität in 
weitgehendem Maße in den Dienft der Landmwirtfchaft geftellt werden. Ungarn 
Tönnte dann im wahren Sinne des Wortes die Kornfammer Mitteleuropas werben. 


Sriedensziele der Elektrotechnik 53 


Auch die Galiziſche Erdölinduftrie bedarf dringend der Auffrifhung und 
der Berbeflerung der Gewinnungsmethoden. Die gefamten Betriebsverhältnifie 
müflen durd) die Binführung der elektriichen Betriebsfraft eine gründliche Neu- 
orientierung nach der wirtfchaftlihen Seite bin erfahren. ch habe bereits 
wiederholt, zulebt in der Nummer 12, Jahrgang XI der Zeitfehrift „Petroleum“ 
Gelegenheit genommen, auf die weitgehenden Vorteile ber elektrifhen Betrieb$- 
fraft gegenüber anderen Betriebsarten in der Erbölinduftrie hinzumeifen. Die 
Glektrizität fol uns zu einer intenfiveren Crbölwirtfchaft verhelfen. Das 
bentfhe Kapital hat in der Iekten Zeit bereit$ bedeutende Anlagen in gali- 
sifchen Petroleum-Objelten vorgenommen. Möge es fein Augenmer! auf bie 
unter ähnlichen VBorausfegungen arbeitenden rumäntihen und amerilanifchen 
Erdölmwerle Ienten, und dur die Errichtung von Gleltrizitätswerlen und bie 
Glektrifizierung der Betriebe für günftigere Betriebsverhältniffe Sorge tragen. 

Wenden wir unfere Blide weiter nad) dem Often, fo erreichen wir in 
wenigen Tagen unter Benügung des Balfan-Erpreß und der Bagdad-Bahn 
das „gejegnete Land“: Mefopotamien. Dort, wo die beiden Flüffe, der 
Zigris und der Euphrat, ihre Yluten gegen den Perfiiden Golf wälzen, Iiegt 
das Zulunftsland deurfcher Unternehmungsluft. Wieviel wertvolle Schäbe liegen 
da verborgen in und unter der Grdoberflähel Den Türken, unferen treuen 
Berbündeten, wird es ficherlich willlommen fein, wenn die deutfhen Pioniere 
ber Arbeit unter Jnanfpruchnahme des deutichen Kapitales unter Wahrung 
der türfifhen mtereffen die intenfive Bewirtichaftung diefer Gebiete und den 
Abbau der unermeßlihen Bodenfchäte, zu denen noch diejenigen in Slein- 
Alien und im Kaulafus binzulommen, in die Wege leiten werden. Ein An- 
lauf hierzu ift von deutfchem Stapital bereit3 wiederholt gemadjt worden, zulegt 
im SYabre 1914, kurz vor dem SKtiegSausbrud, als fi der politifche und 
wirtf&haftlicde Wettftreit Deutichlands und Englands in jenen Gegenden ftarl 
zugefpitt hatte und eine endgültige Regelung erforderte. Dieje jollte in der 
Weife erfolgen, daß fich gleichzeitig deutiche und engliflhe Banken an den Erd⸗ 
ölfonzeffionen beteiligen. Der Krieg bat einen gewaltigen Strid durch Dieje 
Rechnung gezogen und dank unferer Waffenerfolge und derjenigen unferer 
Verbündeten die Angelegenheit zu unferen Gunften entichieden. 

Die Trage der Erfäließung der mejopotamifchen Erbölfelder ift intereffant 
und widtig genug, daß wir und an biejfer Stelle etwas eingehender damit 
beihäftigen. Der belannte Betroleumforfeer Profefjor v. Höfer in Leoben bat 
in der Zeitfrift „Petroleum“ im Jahre 1906 Über die geologiichen erhält. 
niffe von Mefopotamien, foweit fie das Erdölvorlommen betreffen, gefchrieben. 
Die widhtigften Ergebnifje jener Darftellung find, daß es fi in Mejopotamien 
und aud in Perfien um ein Erdölvorlommen von ganz ungewöhnlicher Xänge der 
Dllinien handelt und baß in der über 1000 Kilometer langen Zone reiche 
Ollagerftätten vorhanden find. Die wiederholten Berſuche in Mefopotamien 
eine Erbölinduftrie auf neuzeitliher Grundlage zu errichten, fcheiterten haupt⸗ 


64 Friedensziele der Elektrotechnik 


ſächlich an der Transportfrage. Dieſe Schwierigkeit iſt nun durch den Aus⸗ 
bau der Bagdadbahn, deren Schienenſtrang durch das Olgebiet führt, beſeitigt 
worden. Taäuſchen nicht die an die meſopotamiſchen Erdölgruben geknüpften 
Hoffnungen, ſo werden ſie in Zukunft berufen ſein, einen großen Teil unſeres 
in letzter Zeit durch Überhandnahme der Explofionsmotoren ſtark geſteigerten 
Bedarfs und einen Teil des Weltbedarfs zu decken. Es iſt wohl anzunehmen, 
daß zur Ausbeutung der Erdölfelder die Unternehmer diejenigen Methoden 
wählen werden, welche bei der größten Betriebsſicherheit die höchſte Wirtſchaft⸗ 
lichkeit bieten, das ſind die elektriſchen Gewinnungsmethoden. Der erſte Schritt 
zur Vollbringung der Kulturarbeit iſt durch die bereits erwaͤhnte Anlegung des 
Schienenweges, welcher die Verbindung mit Europa herſtellen ſoll, getan worden. 
Der zweite Schritt muß zur Errichtung von eleltriſchen Straftwerlen führen. 
Die Betriebsftoffe zur Gleltrizitätserzeugung find in Form von Erdgas und 
Erdöl an Drt und Stelle zu haben, an Speife- und Küblwaffer tft auch fein 
Mangel, die teinifhen Vorbebingungen des Ausbaues elektrifcher Zentralen 
find alfo erfüllt. Und tft exrft der elektrifhe Strom vorhanden, fo wird bie 
Kulturarbeit einfegen und fi mit Blitesfchnelle über das Land verbreiten. 
Die Landiwirtidaft, die Erdölgeminnung und die verfchiedenften Zweige ber 
Induſtrie werben aufblühen und der fagenhafte Reichtum Babyloniens wird 
zu neuem Leben erwachen. Unſere Induſtrie, an der Spike die Baummoll- 
induftrie, wird aus jenen Gegenden mit Nobftoffen reichlich verfehen werden, 
andererfeit8S werden neue, weitere Abfabgebiete für unfere eleftrotechnifchen und 
andere induftrieleu &rzeugniffe gefchaffen. 

Dur) die bisherigen Ausführungen ift das weite Feld der Friebensztele 
der Glektrotechnil bei weiten nicht erihöpft. Ste dürften jedoch genügen, um 
in weitefte Schichten der wirtf&haftlichen Machtfaltoren das Bemußtfein hinetn- 
zutragen, daß wir einen großen Teil unferer zur Bollsmohlfahrt führenden 
Zulunftsideale dur die Gleltrizität und ihre Anwendungen verwirklichen 
werden. Dur fie werden wir uns, wie der Reichslanzler in feiner Neichs- 
tagsrede am 9. Dezember ausgeführt bat, wirtihaftlich zu fichern verftehen 
und fein feindliches Machtmittel wird uns in Zukunft unfer Recht, zu leben 
und zu atmen, ftreitig machen fönnen. 

Und nun als legtes, jedod bochwichtiges Zukunftsziel ber Clektrotechnil 
fei die Erzeugung und die Verlegung eigener überfeeifher Kabelverbindungen 
genannt, melde in erfter Linie dem friedlichen Handel dienen, in zweiter Linie 
den Zmwed erfüllen follen, der Übermittelung lügenhafter Nachrichten und ber 
Berleumdung ber beutihen Sache jenfeitS bes Dzeans endgültig bie Spibe 
abzubredhen. 





Das Mannfcdafts-Kriegsardyiv 55 


Das Mannfchafts-Kriegsarchiv 
Don Friedrich Mottel 


MNo ſehr ich geneigt bin, den gegen uns kämpfenden Staaten 
A die hohe Bereitſchaft, und die auch bei ihnen bis zur Kunſt ge⸗ 

ſteigerte Gründlichkeit der Kriegsführung zuzuerkennen, — es 
N ER Hleibt doch billiger Grund zum Zweifel, ob in ihren Ländern ber 

EEE Dulammenhang zwiichen den Geifteswiflenfchaften und dem Milt- 
tarismus ähnlich von altersher und ungzertrennbar befteft mie bei 
uns, wo für fein Borhandenfein nod) die flüchtigfte Veranftaltung zenat, die 
diefer Srieg fich felbft erfand. Db dort gleichermaßen natürlid) und folgerichtig 
eine fo erftaunlich freiheitlihe Ginrichtung wie die des deutihen Mannichafte- 
Kriegs-Archtvs hätte hervorwadhlen lönnen? — ALS die Scharen genefender. 
Krieger im erften SKriegsnovember von den L2azaretten ber bie @rfap- 
bataillone zu füllen begannen, find Ddiefe Archive fajt gleichzeitig,‘ und 
was in foldem Zufammenhang nit belanglos ift, unabhängig von einander 
in den verfhiedenften Landesteilen entitanden, dort als Einrichtung eines 
ganzen Armeelorps, bier al3 Archiv eines überlieferungsftolzen Aegiments, und 
anderswo gar al3 Büro einer Kompagnie technifcher Truppen. 

Die jenen Gedanken verwirflichten, folgerten in ungefähr folgender Weife: 
„Auf gar nicht abjehbare Zeit fteht der überwiegende Teil von den Männern 
unferes Landes als Mannihaft im Heeresdienft. Das Fronterlebnis hat ihnen 
mit einemmal die fonjt gewohnten Eindrüde verdrängt. An dem neuen Beruf, 
mit feinen verhältnismäßig zahlreichen, aber unvermwidelten Zätigfeiten find fie 
bald Speztaliften geworden, und vermochten bundertmal auszuprobieren, ob 
das in den langen Friedensjahrzehnten Gelehrte, Erfundene und für Diejen 
Krieg Bereitgeftellte mit Recht weiter Geltung haben fol, oder zu ändern jet. 
Diefe Erfahrungen find andere als die des Dffiziers — optifh fidher be- 
Ichräntter, in ihren Gegenftänden an Zahl und Breite geringer: fie fchrumpfen 
im Gefecht häufig fogar in ein paar Meicr Yint8 und rehtS vom Mann und 
in einen Meinen Streifen drüben beim Feind zufammen. Damit ift aber über 
die Stärfe diefes ausfchnittartigen Erlebens gar nichts entichieden, und nur 
auf fie lommt e8 an. Geht man alfo daran, die Lehren diefes Krieges feit- 
zuftellen, und die Fronterfahrungen zu fammeln, dann genügt es Teinesmwegs, 
das DOffizterserlebnitS als alleinigen Ausgangspunft zu wählen. Wir müffen 
vielmehr der Zatfahe in weiten Maß Rechnung tragen, daß die Soldaten- 
tätigleit, feitdem im Heer eine tiefgreifende Arbeitsteilung ftattfand, zu einem 
anfehnlicden Teil außerhalb der unmittelbaren Offizierserfahrung fteht, alS reines 
Mannihaftserlebnis. Will man von biefem die Cinzelheit, da8 in jedem ty- 
piſchen Fall tatfächlich Gemwefene als Grundlage für das fpäter Seinfollende, 
feftftellen, jo muß man den Mann, fo freiheitlih wie nur möglich, und unter 





56 Das Mannfcafts» Kriegsardhiv 


ben günftigfien Bedingungen zur Äußerung bringen. Man wird darum plan- 
mäßige Ermittelungen nit bis zu Kriegsende hinausfdieben, fondern fie fo- 
lange die Maffe der Krieger erreichbar ift vornehmen: in ruhiger Umgebung, 
wenn der Mann bereits Abftand zu dem Erlebten gewann, und fi von den 
Äußerungen der Kompagniegenofjen überwacht weiß. Nicht etwa in der Nähe 
der Front oder in Lazaretten wird man den günftigften Ort dafür erbliden, 
fondern in jenen Rompagnien der Stammbataillone, dur) die der Strom der 
auf der Nüdlehr zur Front oder in der Entlafjung befindlichen Krieger un- 
überfehbar hindurchflutet.“ 

ALS Berwirklihung folder Gedantengänge entftand vor ahresfrift eine 
Gattung Kriegsardive, die nur weniges mit den zentralen, bei einzelnen 
Kriegsminifterten befindlichen Einrihtungen gleihen Namens gemein bat, wohl 
aber ihre natürlihe Ergänzung bildet. Schon der technifhe Apparat ift ein 
neuartiger. Bei dem Regiment, das ich hier vornehmli) im Auge habe, bat 
fih jeder aus dem Feld oder dem Lazarett Anlangende auf dem Ardiv zu 
melden. Dort erfolgt eine zwanglofe aber eingehende Unterhaltung, die dem 
Mann die Zunge löfen fol, und dem Ardivar bald fagt, was er von jenem 
erwarten fann: ob er zur Abfchrift Zagebud, Kriegsgedichte, ausführlichere 
Feldpoftbriefe zur Verfügung zu ftellen hat, oder über welches befondere Ereignis 
er Bericht zu erflatten vermag. Grundfäglic wird angejirebt, daB fogar der 
völlig Schreibungewanbte fich mit der Niederjchrift feiner Erlebniffe verfucht. Eine 
Weigerung erfolgt faft nie. Den einfaden Mann Iodt meift die Ausficht, auf 
foldhe perfönlihe Art zur Regimentsgefhichte beizutragen, und einen faubern 
Schreibmafdinendurdfchlag feiner Mitteilungen zu erlangen. Wie leicht zu 
erjeben ift, liegt der Haupiwert diefer Sammeltätigfeit auf Iofalgefchichtlichem 
Gebiet. Im beutigen Krieg Löft fih ja nicht nur die Gefechtshandlung des 
Bataillons in die befondern Handlungen der Kompagnien und Züge auf, 
fondern aud) die Tätigkeit eines Zuges ift meift feine einheitliche mehr, und 
zerfällt in eine Menge felbftändiger Einzelhandlungen. Da ift e8 von nicht 
zu unterfchägender Wichtigkeit, wenn die zufammenfafjenden Berichte der Ba- 
taillone und Kompagnien eine Ergänzung erhalten in den Schilderungen ber 
einzelnen Teilnehmer. Zugleich bilden diefe aber unerfehliche Beiträge zur 
Kenntnis des Seelenlebens des deutiden Soldaten. Hier fhillert das Front- 
erlebniß in vielen bunten und bderben Yarben, und gerade die feltenen ur- 
fprünglihen Äußerungen, die Kehrreimgedichte der Kompagnien, und die bald 
fentimentalen, bald zu erjtaunlicher Bildfraft fich aufraffenden Lieber, an denen 
das Bolt felbit im Schügengraben j&huf, werden fo der Vergeffenheit entzogen. 

Was in diefen Aufzeichnungen Triegstehnif” von Belang ift, wirb nach 
Stihworten vermerkt und liegt, in einer Kartothel geordnet, jederzeit zur Der- 
wendung vor. Hauptzweck wird diejes Kriegstechnifhe in der eigentlichen 
Erbebungsarbeit des Ardhivs. Sie erfolgt mittels eines Yragebogens, befjen 
Wortlaut das Ergebnis überaus mühenoller und vorfichtiger Vorbereitungen 


Das Mannfdafts» Kriegsardiv 57 
tft. Das Problem war: einmal aus ber Überfüle des Erfragenswerten die 
widtigen Zatbeftände von allgemeiner Gültigleit herauszuziehen, und ferner, 
die ragen im einzelnen fo einfichtig und unmißverftändlich zu fafen, daß fie 
felbft beim geiftig Armften mitten in die Erinnerungsfomplere bineintreffen, 
und ihn zur fachlichen Übermittelung feiner Erfahrungen zwingen. Der Frage 
bogen eines mfanterieregiments — in Blodform — umfdhließt mit 40 Einzel- 
fragen folgende Gebiete: das offene Gefecht im Bewegungstrieg, das Gefecht 
im Stellungstrieg, die Yeuertätigfeit, die Ausrüftung, die Berpflegung, Die 
friedensmäßige Ausbildung, den Sanitätsdienft, das Seelifhe und den Feind. 
Ein folder Yrageblod wird jedem Mann, der genügend lange Fronterfahrung 
befitt, zur Beantwortung während des Urlaubs mitgegeben und bei der Nüd- 
gabe vom Ardivar gemeinfam mit dem Beantworter durchgejehen, um nicht 
genaue Angaben feft zu beftimmen, Angedeutetes zu erweitern, und Bergeffenes, 
das ih im Gefprädh einftellt, nachzutragen. Biefes ungeheure, gefichtete und 
ebenfall8 nach) den Hauptwerten in einer Kartothel zur Bearbeitung bereit- 
geftellte Material tft für die Fortentwidlung unferer militärifhen Rüftung nad) 
brei Seiten bin befonder8 wertvoll. Einmal ermöglicht e8 ung, die Fragen 
nad dem tatfächlicd Gewefenen in eindeutiger Weile zu beantworten. Wir 
werden wiflen: fo und nicht anders hat ber deutfhe Soldat fein Gewehr be- 
dient; feine Berpflegung fpielte fi) in diefem Rahmen ab; diefer Teil feiner 
Belleivung erwies fih als fchledht, jener war gut; ufm. Damit erft wird 
eine feite und unter Umftänden fogar ftatiftifch geficherte Unterlage gewonnen, 
von der eine fpätere Peeresreform ihren Ausgang nehmen lann. Aber 
auch viele direfte Äußerungen über bdiefes Seinfollende enthalten die Ant- 
worten. E83 ift nicht von geringem Belang, von 2euten, die monatelang 
täglich Erfahrungen fammelten, zu hören, was fie an ihrer Ausbildung, an 
ihrer Bewaffnung, an der Gepädverieilung anders, und wie fie es haben 
wollen. Zum Dritten erfchließen biefe Antworten für die Piychologie des Krieges 
und des bdeutfhen Soldaten eine Fülle von Quellen. Ich denfe dabei nicht 
nur daran, daß einige Fragen ausdrüdlih da8 Seelifde in den Mittelpunkt 
rüden. Bielmehr wird die gefamte Maffe folder Äußerungen, ganz gleich), 
ob fie nun feelifhe oder technifche Dinge betreffen, über den innern Zuftand 
der großen Kriegermaflen viel Aufihluß geben. 

Was aber Über diefes Zwedmähige Hinaus an diefer neuen Einrichtung 
erfreulih ift und ftarf wie eine gute Verheißung Klingt, ift der Geift ber 
inneren Freiheit, ber fchöne Wille, Marzufehen und Marzuftellen, der bdiefes 
alles j&huf und trägt. 








Maßgebliches und Unmaßgeblicdhes 


Geſchichte 


Die Grabftätten der römifch-beutichen 
Raifer. An einer gefteigerten Gegenwart er» 
wacht die Erinnerung an gefteigerte Bergangen- 
beiten. Daß Hiltorifhe belebt fi; es rückt 
näber. Schon verblaßte Namen erneuern fidh, 
Dentmäler fünden deutlidher ihren Sinn, Orte 
und Gegenden werden zu Wallfahrtsftätten. 
Wie an Tirhlihen Fefttagen aus aller Welt 
die Pilger dem Heiligen Grabe, den Neliquien- 
firchen der Heiligen zuftrömen, fo gedentt man 
in Beiten nationaler Erhebung der beroifchen 
Taten der Vorfahren. Die Sranzofen, wie 
demokratiſch fie fonft aud) gefinnt fein mögen, 
Balten ihre alten Königsjchlöffer und den Dom 
bon St. Deni® bod. Die Grabmäler der 
Bäpfte werden bon den Stalienern nicht jo 
fehr ala Denkmäler religiöfer, ald vielmehr 
nationaler Großtaten beilig gehalten. Den 
Auflen ift da8 Teftament Peterd des Großen 
dad Banner, unter dem fie um ihre Welt- 
beberrfhung Tämpfen. Überall aber find es 
vor allem die Grabftätten der Könige, die 
zu Symbolen der Rergangenbeit werden. 
Benn nun in einem vor furzem erfchienenen 
Bud von Eugen Buglia: „Die Geburts», 
Sterbe- und Grabftätten der Römijd- 
deutfhen Kaifer und Könige” (Mit 92 
Abbildungen. Wien, Anton Schroll & Co. 
Breis 15 Mt.) der Verfudy unternommen wird, 
die Geburt, Sterbe- und Grabftätten der 
römifchedeutfhen Kaifer in dhronologifcher 
Neihenfolge, mit allen überlieferten Legenden 
und Nadridten und einem überaus zahl. 
reichen Abbildungsmaterialzufammenzuftellen, 
fo wird foldem Verſuche, [don vor dem Kriege 
geplant, erft durch den Krieg die volle Wirk. 


famteit gegeben. Denn nun wird diefeß Buch 
im woabrbaften Sinn ein Werl der Bietät. 
Und eine foldhe Mberfiht der dynaftifch- 
bedeutung®vollen Stätten mag für die deutfchen 
Könige bedeutender fein als für franzöfifhe 
und englifhe: denn fie bleibt nicht innerhalb 
der Grenzen be3 jegigen Staated. Viele 
mebr zeigt fie, wie Deutihland in Zeiten 
bejonderer Macht weit außdgefpannt war, wie 
e3 zeitweilig ald Kernbefig nod Dfterreich, 
die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Teile 
Staliend, da franzöfifhe Lothringen, die 
Franche-Comte, Lyon, Spanien und Ungarn 
umfaßte. 

So gibt diefe® Bud, das eigentlih nicht® 
andereß al® eine chronologifhe Aneinander- 
reihung der BHiftoriihen Orte unternimmt, 
viel mehr, als in feinem engeren Zwed liegt: 
e8 gibt eine Geihichte de Deutfhen Reiches 
feldft. Man Tönnte beinahe fagen, daß bie 
Zage der Geburtd- und Grabftätten die Ten- 
denz der Bolitit angäbe. Am Beginn der 
Banderung fteht die Grabjtätte Karla des 
Großen, Aachen, das gleichſam zwiſchen Deutſch⸗ 
land und Frankreich liegt und ſeinen Dom 
nach italieniſch⸗ravennatiſchem Muſter gebaut 
hat. Alſo ein Signum der internationalen 
Herrſchaft, die dieſer Kaiſer ausgeübt hat, 
der aus dem Fräankiſchen ſtammte, die deutſchen 
Stämme unterwarf und in Rom zum Im⸗ 
perator gekrönt wurde. Dieſe Weltpolitik, 
mehr oder minder von ſeinen Nachfahren 
traditionell ausgeübt, wandelt fich unter den 
Ottonen zu einer ausgeſprochen italieniſchen: 
und ſo wird Otto der Zweite in der Peters⸗ 
kirche zu Rom begraben, und Otto der Dritte 
ſtirbt auf der Burg Paterno bei Civita 
Castellana am Fuße des Soracte. Später 


Maßgebliches und Unmaßgebliches 59 


zeigt der Beginn der Habsburger den be» 
ſchraͤnkten Lebensſkreis eines ſüddeutſchen Gra⸗ 
fengeſchlechtes: Rudolf von Habsburg iſt in 
der Schweiz geboren und zu Speier begraben; 
ebenfo Adolf von Naſſau und Albrecht. Maxi⸗ 
milian, der auch noch ein im Deutſchen be⸗ 
grenzter Herrſcher war, beginnt und endet 
fein Leben in Wiener-Reuftadt. Aber ſobald 
die Macht des Gefchlechtes fih erweitert und 
fobald der römifhedeutihe Staat zu jenem 
Beltreih wird, in weldem die Sonne nit 
mehr untergebt, |chieben fich auch diehiftorifchen 
Stätten über die Örenzen Deutichlands hinaus: 
fhon ift Karl der Fünfte zu Gent geboren, 
‚au St Jufte in Spanien begraben; und 
Philipp der Zweite beginnt für fi und feine 
Rahlommen den Edflurial zu bauen. Bie 
die Orte, fo ift dad Hauptgewicdht ihrer Politik 
über Europa zerftreut. Nah den [panifchen 
Beherrichern tritt eine neuerliche Beichräntung 
ein; der Schwerpuntt verlegt fih in die 
deutfchen Lande zurüd, und endlich ganz in 
die gegenteilige Richtung, oftwärt3: nach Wien. 
In der Kapuzinergruft am Neuen Markt zu 
Wien liegen die leten römifch-deutichen 
Raifer beftattet, in derfelben Stadt, die bis 
zur großen Aufrichtung Preußens die Metropole 
‚Der deutihen Länder blieb. 

An Iandfchaftlider Abwechslung ift die 
Banderung, die der Autor de Buches mit 
und unternimmt, aljo rei genug. Wir er» 
tennen, daß faft alle deutfhen Gaue national 
geheiligte Stätten befigen: bon den bayerifchen 
Sodalpen bis zum Elm, vom Ausfluß des 
Aheins aus dem Bodenfee bi zur Mündung, 
von der Eifel bi8 zum Wiener Wald führt 
die Wanderung. Dazu Tommen nod die 
mannigfaltigften Szenerien jenfeit® der 
Deutfhen Grenzen: franzöfiihes Hügelland, 
die ungariiche Bußta, Kaftilien, Mom. Zwei⸗ 
undawangig der römifch-deutihen Herricher 
find innerhalb der Grenzen de3 heutigen 
deutfhen Meiches geftorben, fiebzehn auf 
öfterreihifhem Boden, at in Stalien, zwei 
in den Riederlanden, je einer in der Schweiz, 
Belgien, Spanien, Ungam, — und einer 
fogar — Barbaroffa — außerhalb Europag: 
in Kleinaflen. 

Bon den deutihen Städten treten zwei 
Bervor: e& find Speier und Bien. Das alte 


— 





Privilegium gibt dieſen Städten ihre Tradition, 
ihre feierliche Geſchloſſenheit, gibt der einen 
— Wien — noch ihr ſchmerzliches Anklammern 
an Angeſtammtes. Freilich, die Kaiſergräber 
in Speier haben ihren ehemaligen Zuſtand 
ſchon lange verloren. 1089 wurden ſie durch 
die Franzoſen zerſtört. Damals verſchwanden 
alle oberhalb des Niveaus des Königschors 
vorhandenen Grabmonumente vollſtändig, von 
den Gräbern ſelbſt entging nur die untere 
Reihe der Verwũſtung. Die Särge Heinrichs 
des Fünften und Rudolfs, Albrechts und 
Adolfs wurden zerbrochen und zerſtreut. 
Nach dem Abzug der Franzoſen brachte man 
die Gräber wieder notdürftig in Ordnung; 
aber in den wechſelvollen Schickſalen, welche 
die Stadt Speier im Laufe der Jahrhunderte 
noch mitmachte, kam es zu einer endgiltigen 
Renovierung erſt in der neueſten Zeit. Es 
war im Jahre 1900, daß man die Gräber 
offiziell eröffnete. Man fand den Schädel und 
die unteren Extremitäten Saifer Nudolfg, ein» 
zelne Gebeine Adolf und Albrechts, und das Ge⸗ 
biß von Heinrich dem Fünften. Die Gebeine 
Konrads des Zweiten und Konrads des 
Dritten waren ganz zerfallen, dagegen die 
Heinrichs des Vierten und Philipps gut er⸗ 
halten. Dieſe aufgefundenen Reſte wurden 
einer öffentlichen Beſichtigung zugelaſſen, die 
Leichen lagen im Königschor in offenen Särgen, 
und durch Stunden zogen an ihnen Menſchen 
vorbei, Menſchen aller Klaſſen und Diſtrikte. 
Alle Glocken Speiers läuteten. Dann wurden 
die königlichen Überreſte mit großen Feierlich⸗ 
keiten neu beſtattet. 

Die zweitegroße Kaifergruft, die Kapuziner- 
gruft gu Wien, ift nicht nur die größte Familien⸗ 
gruft der Habsburger, fondern die größte deutiche 
überhaupt. Gegründet wurde fie im fiebzehten 
Kahrhundert, von Matthiad und feiner Ges 
mablin, die hier für fi eine ftille Ruheſtätte 
Ihaffen wollte. Aber aus diefem befcheidenen 
Anfang eniwidelte ſich eine Grabeskirche, die 
gwar — al® SKapuginerfirde — eng und 
fdmudlo3 ift, aber nicht weniger ald neun 
deutihe Kaifer und einen römifchen König 
beherbergt. Der Sremde, der ohne Willen an 
diejer Kirche vorbeigeht, würde ihre Bedeutung 
nit ahnen. Ein niedriger Giebel, eine Faſſade 
obne Zierrat und ohne Turm find dem Blake 


60 Naßgeblihes und Unmaßgeblides 


zugekehrt. Ohne erheblich aufzufallen, fügt 
fi) die Kirche in die Meihe höherer, geichmad- 
Iofer, pruntvoller Großftadthäufer. Zu Anfang 
des fiebzehnten Sahrhunderts mag fie fi 
noch beffer in ihre Umgebung gefügt Baben: 
damal? ftanden nur unanfehnlide Häufer 
bier und außer an den übliden Marlttagen 
mag faum ein Verfehr die Stille geftört Haben. 
Aber nicht nur die Großftadt Wien bat 
an dem Tleinen Kirchlein der Kapuziner vorbei« 
gebaut. Aud) Speier ift eine deutſche Induſtrie⸗ 
ftadt modernen Xyp8 geworden. Der Alltag 
der neuen Velt läßt die alte vergefien, die 
unter der Erde ruht. Wer gedentt in Münden 
und Braunfhweig der toten Kaifer? Selbft 
in Tleinen Städten — wie Bamberg und 
Negensburg — wer denlt an die Toten, die 
ihnen einft Bedeutung gegeben? Gelbft der 
Alltag von Ingelheim und Lorfch Tehrt fi 
bon Gräbern ab. Deutichland erarbeitet fich 
eine neue Xelt. Aber in Zeiten nationaler 
Anipannung, wenn Hämmer, Triebwerfe und 
Sdlote verftummen, in den Zeiten eines 
gemeinfam gefteigerten Aufhorhen® — da 
bört man die Stimmen ber toien Kaifer. 
Otto Soff 


Religionswiflenfchaft 


Hermann Oldenberg: „Die Lehre der 
Upanifhaben und die Anfänge des Buddhis⸗ 
mus”. Verlag Bandenhoed u. NRupredt, 
Böttingen. Geh. 9, geb. 10 M. 

Upanifhaden — Buddhismus: damit find 
die beiden beherrihenden Gipfel des geiftigen 
Indien genannt. Mit dem legten ber beiden 
Ramen ift der des Verfaffers eng verfnüpft. 
Hat er do in feinem „Buddha“ die erfie 
Darftellung des alten Buddhismus auf der 
Grundlage der Baliquellen gegeben. Uber 
fowohl in diefem Wert wie aud) anbderäiwo 
bat er gezeigt, daß feine tiefgrabende Arbeit 
auf diefem Gebiete der Indologie, weit dadon 
entfernt fein Berftändni3 für da andere zu 
Ihwäden, ed vielmehr verfchärft Habe. Go 
war denn PBrofeffior Oldenberg wie Tein 
anderer dazu berufen, ein Führer au fein 
auf diefer ganzen zufammenhängenden Höhen 
fette der religiöfen Philofophie AIndiend, und 
in dem vorliegenden Wert bat er diefe fehr 


Ihiwierige Aufgabe mit gewohnter fchrift- 
ftellerifher Meifterfhaft glänzend gelöft. 

Daß jeder, der fi irgendivie — fei e3 
mehr fahmännifh oder mehr dilettantiid — 
mit Indologie befaßt, in diefem Buche eine 
Fülle von Anregung und Belehrung findet, 
ift felbfiverftändlih,; in der Tat aber follte 
feiner, dem die großen Urprobleme, Die 
Außen- und Anneniwelt, Leben und Tod dem 
Menfhengeift aufdrängt, am Herzen liegen, 
die8 Buch ungelefen lafien. Denn — wie 
der Berfaller in den erften Zeilen jagt — 
„die Frage nad einer jenfeitigen Ordnung 
der Dinge Hinter oder über dem Diesfeits, 
da3 damit fo eng verbundene Problem des 
Todes und defien, wa8 nad dem Tode folgt, 
bat die Denker Indiens fon in fehr alter 
Zeit auf da8 ernftlichfte beihäfligt”, und das 
vorliegende Buch bietet eine geradezu ideale 
Darftelung diefer in ihrer Art unvergleicdh" 
lichen Gedanken, weldje dort anheben, „wo 
daB Ehaod altertümliher Vorftellungen vom 
BVeltdafein und Gefchehen fi Iichtet, um der 
mädtigen Idee ded3 Brahman, des All-Einen, 
die SHerrfhaft einzuräumen, und wo neben 
die Hoffnungen auf freudenreiches Fortleben 
nad dem Tode in der Gemeinihaft göttlicher 
BVeltherren die alles überfliegende Sehnſucht 
tritt nah Eingehen in den ftillen rieden der 
Ewigkeit“. 

Dieſe Entwicklung ſpiegelt ſich, freilich 
durch ſchwierig zu faſſende, ineinander 
fließende Reflexe, in den Upaniſhaden ab, 
den dogmatiſch⸗ſpekulativen Schlußteilen der 
Veden. Die gehörnten Probleme vom Ber⸗ 
hältnis des einen unteilbaren Weltgrundes 
zur Vielheit der Erſcheinungewelt und von 
der Realität oder Nichtrealität der letzteren 
treten hier in den Vordergrund. Profeſſor 
Deuſſen, der auf dieſem Gebiete bekanntlich 
als Hauptautorität daſteht, ſieht in dem ab⸗ 
ſoluten moniſtiſchen Idealismus, mit ſeinem 
ſchroffen Ableugnen der Realität aller Vielheit 
— der berühmten Mayalehre — den urſprüng⸗ 
lichen Standpunkt der älteſten Upanishaden, 
der in den Hajnavalkya⸗Geſprächen der 
Brihad⸗Aranyaka Upaniſhad ſeinen klaſſiſchen 
Ausdrud finde. Nun gehören aber jene 
woblgeordneten Dialoge offenbar nicht zu den 
älteften Zeilen der Upanifhadliteratur und 


Maßgeblihes und Unmaßgebliches 61 


zweitens enthalten fie nicht die Mayalebre — 
nad Deufien „die Grundlage aller Bhilofophie” 
— fo wie diefe fpäter im Gaudapada-Sarila 
bervortritt. Für Deuflen iſt das Wort, das 
ihm das letzte aller Weißbeit ift, da erfte der 
Upanifhaden, und der Reft ilt gunehmendes 
Berderben dur) da8 Hereindringen des böfen 
Realismus bis zum völligen Berfanden des 
urfprünglid fo reinen Gebdantenfluffes in 
Samkhyam. Sn der Behandlung Dlden- 
berg3, der beiden Elementen (dem idealiftifchen 
und dem realiftifchen) ihr Recht Täßt, tritt ftatt 
Degeneration Entwidlung; die Probleme be» 
leben fi und werden gerade in diefem ihren 
natürliden bodenftändigen Leben oft ebenfo 
Har wie überrafdend beleuchtet (fo durch die 
Bedeutung uralter Bauberborftellungen für 
fehr fubtile Seiten brahmanifcher Theologie). 

Der Monismud der alten Upanifhaden 
wor illuforifh ja eigentlih nur ein be 
Baupteter. Der veritedte Dualiamus brad) 
hervor und lebte fih aus in dem von Bro» 
fejlor Teuffen gänzlich verfannten, von Bro» 
fefjor Oldenberg in Flarer Kürze dargeftellten 
Samkhya. Jeder Leſer feine® „Buddha“ er- 
innert fi feiner dort gegebenen Charate 
terifierung: „ein wahres Stabinettftüd geiftiger 
iseinbeit und Eleganz“, jedodh mit greifen- 
Bafter Färbung. Hier eine noch viel jhärfere 
Prägung: mit Anfpielung auf da3 Tlaffilche 
Samthya-Bild von der zurüdtretenden Tän- 
zerin heißt e8 „Die Tragödie aber hat dabei 
mande3 bon einem Ballet angenommen“. 
So weiß nur der geborene Scriftfteller den 
Punft übers 5 anzubringen. 

Ein befonderes Anterefje beanſprucht jene 
PHilofophie ala Mdergangsglied zum Buddhig« 
mus, in weldem „die Tragödie“ nod) un- 
balletmäßig lebt. Profefior Oldenberg ift 
natürlih weit davon entfernt, zu jenen „nio* 
dernen Berlleinern“ zu gehören, die, mit den 
Worten Brofeffor Grünmwedelt, den Buddha 
„zum bloßen Nachbeter des Samlhya⸗Syſtems 
ftempeln”; wohl aber meint er, daß das 
Samldya in einer älteren vorklaffiihen Korm 
dad Medium geiwefen ift, dur) welche® ge 
wife grundlegende Upanifhad » Probleme in 
den Buddhismus gelangten. Seine Dies- 
Bezüglichen Unterfudungen zeigen, daß e3 fi 
Bier nit um eine alademijche Yrage handelt, 


indem fie vielmehr direlt in die tiefiten und 
ftrittigften Puntte der Lehre bineinführen. 
Hier heint mir nun die Auffaffung unferes 
Autors eine merlbar pofitivere Färbung als 
in feinem Hauptwerf angenommen zu haben. 
Died auszuführen muß ih mir leider wegen 
Raummangeld verfagen. Aber aud) darin 
glaube ih mi nicht zu irren, wenn id 
überhaupt bei ihm einen eiwa® Wärmeren 
Ton als früher vernehme. Herrlihe Schluß- 
worte findet er, um die Buddhageftalt felbft 
zu feiern: 

„Hier bat Indien den Höhepunkt feines 
religiöfen Geftalten® erreiht, zugleich den 
Buntt, wo feine Verfchloffenheit fich öffnet, 
fernhin ihre Gaben zu verbreiten... So 
Bat fie (die budöhiftifche Kunft) dem gehuldigt, 
der den Weg dorthin, zur Heimat, gefunden 
zu baben meinte. Den Weg zu jener Ewig- 
feithöhe, wo, wie der alte Vers fagt, „den 
auf die Welt Hinabblidenden der König Tod 
nicht fieht.“ 

Karl Ad. Gjellerup 


Wlemoiren 


Theodor Hermann Bantentus: Aus ben 
Augendjabren eines alten Kurländers. 
Zweite twohlfeile Auflage. N. Voigtländers 
Berlag in Leipzig. Geh. 2 M., geb. 3 M. 


Der billige Reudrud diefer Erinnerungen 
des fürglich verftorbenen ehemaligen „Daheim“ 
Herausgeber® und de bejonder® in den 
achtziger und neunziger Jahren beliebten Er» 
zähler® Tann gerade gegenwärtig auf bes 
fonderes Sinterefie rechnen. Geben die Er» 
innerungen do ein Bild vom heute heiß 


- umftrittenen Kurland nod) aus jener Zeit, 


da die obere Gejelichaftefhicht de fonit 
lettifchen Landes, vom del bid zum Hand⸗ 
werfer, noch rein deutfh war, fein durfte 
und in friedboller Kulturarbeit deutfch wirkte. 
Eine bereit? durhaus Hiftoriide Epoche lebt 
wieder auf. Die Erinnerungen haben infolge» 
beifen dofumentarifhe Bederlung. Aus den 
Ausführungen bes alten Kurländerd Wird 
auch lebendig genug offenbar, was von feiten 
der Meichddeutfhen zur Hebung des FKur- 


62 Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


ländifhen Deutihtumd verfäumt worden ift. 
Slüdlichermweife find heute die Gelegenheiten 
wiedererftanden, Berfäumtes nadzuholen. Ein 
Aufblühen ded Deutihtumd ift bei nötigem 
Taft gegen die lettiihe Bepölferung, gegen 
die Bejonderheiten der eingefeffenen Deutfchen, 
des Adeld und der Gebildeten, zu erwarten. 
Panteniuß’ Buch Tann zur Erfüllung diefer 
und Neichddeutfchen gewordenen Aufgate nur 
beitragen, da e8 wie felten den Zuliurellen 
Wert und die geiftige Atmofphäre Kurlands 
geftaltet. 

Allerdingd nur au8 der erften Hälfte des 
neunzehnten Jahrhunderts. In Verbindung 
mit der Geſchichte ſeiner 1757 aus Pommern 
eingewanderten Familie zeichnet Pantenius 
die Schickſale des Landes unter den beiden 
letzten Herzoͤgen von Kurland. Die Lebens⸗ 
und Kulturverhältniſſe werden erſt eingehen⸗ 
der und anſchaulicher geſchildert mit der Ge⸗ 
ſtaltung der Großeltern des Verfaſſers, ſeines 
väterlichen Großvaters, eines Paſtors in Grün⸗ 
hof, vier Meilen von Mitau, und ſeines 
mũtterlichen Großvaters Adam Conradi, Paſtors 
in Sallgallen. Die Verbindung zum ruſſiſchen 
Reiche ſtellt ein Großonkel dar, der es im 
ruſſiſchen Heere bis zum General brachte. 
Pantenius' Vater war wieder Paſtor: ein 
überauß tätiger Mann, deſſen nur kurzes 
Leben nicht nur den Amispflichten gehörte, 
ſondern ſich vor allem der Hebung des letti⸗ 
ſchen Volles zuwandte; als Gründer und 
Leiter einer lettiſchen Zeitung, als Foörderer 
und Verfaſſer lettiſcher Literatur, als Gönner 
der lettiſchen Volksſchulen hat er ſich die 
reichſten Verdienſte um das Land erworben. 
Von ihnen erbte Theodor Hermann auch ſein 
ſchriftſtelleriſches Talent. Der Sohn wäre 
wohl im Lande geblieben und hätte ſeines 
Vaters Arbeit im Lettenbvolke fortgeſetzt, 
wenn der Vater nicht fo früh geftorben wäre. 
Er wudh8 in Callgalen und in Mitau bei 
Verwandten auf und ging fpäter — 1862 
— nad Deutihland, um wie feine Vorfahren 
Theologe zu werden. Dadurh entging ihm 
das eigenartige Dorpater Studentenleben, 
von dem er nut nad Hörenfagen Reizpolles 
berichtet. Er gehörte feiner Geburt nach alfo 
der Schit der „Literaten“ an; diefem ftreng 
zujammenhaltenden Stande entipradhen die 


befigenden Klafien, der Landadel; da Bolt 
wieder fhied fih in Handiwerfer und Bauern. 
Panteniud, der da® Land wie die Tleinen 
Städte genau Tennen lernte, war dadurd 
aud in allen Schichten, unter den Deutfchen 
wie unter ben Leiten, beimifh. Sein Urteil 
in turländifhen Dingen und über Surländer, 
unter denen ed damals ſehr viele „ Originale” 
gab, ift getragen von einer tiefen SGeimat- 
Iiebe, zugleih aber ftet3 fachlich » Tritifch, 
realiftifch »twahrbeitögetreu. Dad Vertrauen 
zu den Erinnerungen wädjlt, je mehr man 
fi darein vertieft. Nachdem Panteniuß als 
neungehnjähriger Student nad Berlin ge- 
fommen war und Erlangen zum Abjchluß 
feine® Studiums aufgefucdt Hatte, ift er nur 
noch befuchsweile nad) Kurland gelommen. 
Der alten Heimat hohe Kultur Tam aber 
der neuen Heimat, ganz Deutichland, frudt- 
bar zugute im „Daheim“, in dem mandjes 
bom Geifte der Kurländer „Literaten“ Tebendig 
blieb. — 
Banns Martin Eifter 


Kriegsberichte 


Bernhard Kellermann. Der Krieg im 
Weften. Berlin, 1915. S. Fiſcher Verlag. 

Bisher hat noch jeder Krieg denen, die 
den Strieg, feine Xaten, Geihehnifie und 
Ereignifje, jein Erleben und feine Sorm aus 
der Kerne dur Lefen von Berichten und 
Schilderungen Tennen lernen, naderleben 
mußten, die große Enttäufhung gebradt, 
dab die Kunft der Verichterftattung durd) 
BVort und Drud bei weiten nicht ausreicht, 
um aud nur eine abnungsboll zutreffende 
Vorftellung vom Kampf und von der Yront 
zu geben. Wenn wir ebrli find, müflen 
wir, ohne die Arbeit unſerer Kriegsbericht⸗ 
erjtatter und den Wert ihrer Arbeit herab» 
jegen zu wollen, aud beute offen geftehen, 
daß nur in den feltenften Fällen befriedi- 
gende, der Größe des Geſchehens entiprechende 
Berichte zu uns in die Heimat gelangen. 

Zu diefen feltenjten Fällen trugen Bern- 
hard Kellermanns Berichte, die er im Ber 
Iiner Tageblatt veröffentlite und jegt ge 
fammelt in Buchform borlegt, gewiß den 


Maßgeblihes und Unmaßgebliches 63 





größten Teil bei. Seh Monate war id 
draußen an ber Front in Nußland: nun fallt 
mir in der Aube der Heimat Kellermann? 
Büdjlein in die Hand, und ich fühle mich beim 
Zeilen diefer Tnappen, Tlaren, packenden Be⸗ 
richte, die wie peinlich ausgeführte Federgeich- 
nungen Wirfen, wieder angeiveht vom freien 
Atem und friiden Haud, der dort draußen 
über den Schladhtfeldern Hinzieht, bon jener 
undergeßlihen SKampfluft und jenem bin- 
reißenden Gewittertwind, der dort den ganzen 
Menihen anpadt, aufrüttelt und umfrempelt. 

In der Tat, Sellermann weiß eine Bor- 
ftellung vom Grauenvollen und Erbebenden, 
Schlidten und Großen des Schüßengraben- 
trieged zu vermitteln. Oft fhon ward die Kano- 
nade bei MPpern, bei Arras fo wie von Seller» 
mann gejehen (j. 18, ©. 29), aber gewiß 
noch nie jo in Worte gefaßt, jo ar und 
fiier geftaltet. Wer nod) nie eine Granate 
die Zuft durcdhfchneiden börte, wer noch nie 
den wilden Lärm hämmernden Trommel» 
feuer8 erlebte, wer no nie im Tiefiten 
erihüttert ward durch daB Eintfegen, das dort 
draußen ftündli den Menfchen durchfchauert, 
und wer no nie die hohen NMeinheiten der 
Breuden an der Front genoß, — durd) Seller- 
mann fann er alle fahlihen und feelifchen 
Möglichkeiten und WVirklichleiten des Krieges 
an fi erfahren. 

Freilih, auch feinen mit höchfter Inten- 
tät der Schau» und Rerventräfte gefchaffenen 
Bildern von der Front in Frankreich fehlt 
jene innere vibrierende Energie, die im 
Kämpfer lebt. Wer nie im euer ftand, die 
Büchfe an die Schulter riß, um den an- 
dringenden Gegner niederzufnallen, wer nie 
die Wut höchften Artilleriefeuers ftundenlang 
biß zum Neißen der Nerven mit legter Ans 
Ipannung ertrug und alle® Leid fammelte 
zum großen Born der Rache im Augenblid 
ded Sturmed auf die Feinde, bes Flinten- 
gelnatter3 gegen den Angreifer, wer nicht 
Mitlänpfer war in bödjfter Rot, fondern 
nur bejuchsweife den Frontkrieg fah, der 
fann nie in feinen Worten jened innere 
Xeben aufzittern Iaffen, daß doc) den einzig» 
artigen feelifhen Anteil am Kriege, das 
eigentlihe menfchlihe Sriegerleben bildet. 
Aber wir wollen nicht nörgeln, wir wollen 


dankbar fein, daß wir Striegßberichte von 
der Qualität, wie die Kellermanns, erhalten. 
Banns Martin Eifter. 


Kiteraturgefchichte 


Philipp Witlop: Heidelberg und bie 
deutſche Dichtung. (Leipzig 1916, bei 
B. ©. Teubner.) Der Pla ift beichräntt, 
ih muß mid furz faflen. &3 ift au nicht 
nötig, über diefed gute und befinnlihe Yudh 
eine ausführlihe Beiprehung vom Stapel 
zu laflen. — Der Titel erflärt Abfiht und 
Weſen des Werkes hinlaͤnglich, ſodaß eine 
allgemeine Überfiht zur Empfehlung aus⸗ 
reihen dürfte. 

Witkop fegt bei den Beziehungen der 
Qumanilten zu Heidelberg ein. Mit Paul 
Schede Meliffuß werden und die erften 
deutfchen Berfe gegeben; ihn vollenden Martin 
Dpig und Aulius Wilhelm Zincgref. Über 
den fogenannten Sturm und Drang und 
den weichen, mondfcdeintrunfenen Matthiffon 
werden wir zu Goethe geführt. Sn Heidel- 
berg war e8, wo den fhon Yweifelnden der 
Bagen nah Weimard Fürftenhof entführte, 
und der greife Dichter erlebte in den „weiten 
lihtumflofienen Näumen“ des „alten, reich» 
befrängten Fürftenbaus” jene zarte, ergebung®« 
dolle und entjagende Liebe zu Marianne 
Willemer. Dann ftürmen die Romantiker 
an uns vorüber, ftet3® zu neuen Plänen be» 
reit, in deutfher Vergangenheit ſchwelgend. 
Brentano, Armim, Görred fämpften Bier gegen 
den alten vertrodneten Kobann Heinrid) Boß. 
Eichendorff Iaufhte in den Ruinen dem 
Sange der Radtigall und träumte von der 
„alten fhönen Zeit”, gufammen mit feinem 
Sugendfreunde, dem verihiwommenen Dichter 
Graf von Zoeben, genannt Sfidorus Orien⸗ 
taliß. Schentendorf und Sean Paul genoffen 
hier glüdlihe, unvergeffene Zage; der un« 
ftäte, düftere Lenau fand beim Studium 
turzge Raft und Nube und befang das Stutt- 
garter „Scilflotthen”. Der fchiverblütige 
Sebbel erfuhr bier die erften unmittelbaren 
Ratureindrüde, die feine Dichtung freier ge» 
ftalteten; Gottfried Keller fand fi durd 
Feuerbachs Philoſophie in ſich felbft zurüd 


64 Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


und reifte durch die entfagungsbolle Liebe zu 
Kobanna Sapp. Und den Beichluß des 
Buches bildet Scheffel, der ja die frijcheften, 
befannteften Lieder zum Breife Heidelberg?, 
der „Stadt an Ehren reih”, gefungen hat. 

Bie ihon gejagt, ift da Werk, wenn e8 
au Teine literaturhiftoriihe Xat bedeutet, 
recht unterbaltiam und belebrend zu leſen 


zumal zahlreihe Gedichte, Briefe und Tage» 
buchblätter lebendige Wirkung vermitteln. 
Der Verlag bat für eine vornebme Aus- 
ftattung Sorge getragen und dad Buch mit 
Abbildungen und Schattenriffen geziert, fo» 
daß es auch Äußerlih einen Schmud jeder 
Bibliothet bedeutet. 
Ernft £udwig Schellenberg 








Allen Mannfkripten ift Borto Binzuzufügen, ba andernfalls bei Ablehnung eine Rädfenbung 
nicht verbärgt werben Tann. 





Rahdrud fämtliher Anffäge nur mit ausbrädiicher Erlaubnis bed Berlagd gefattet. 
Berantwortlih: der Herausgeber Georg Eleinomw in Berlin- Lichterfelde Weil. — Wanuffriptiendungen und 
Briete werben erbeten unter ber Abrefle: 

Un den Serandgeber ber Grenzboten in Berlin - Lichterfelde Weit, Steruftraße 56 
Yerniprecder bes Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, bes Verlags und ber Schriftleitung: Amt Rägon 6510. 
Berlag: Berlag ber Srenzboten &. m. b. G. in Berlin SW 11, Tempelhofer Ufer 84. 
Drud: „Der Neihsbote” &. m. 5. H. in Berlin SW 11, Deflauer Straße 86/87. 


Wir bitten die Sreunde der 


Grenzboten 


.. .. +. +. 
.. .. +. .s 


das Abonnement zum I. Quartal 1916 
erneuern zu wollen. — Beftellungen 


nimmt jede Buchhandlung und jede 
Poftanftalt entgegen. Preis 6 M. 


PBerlag der 


Orenzboten 
®m.6.£. 


Berlin SW ıı. 











Nationalfirchliche Phantafien eines Engländers 


Don Dr. Albert Werminghoff, Profeffor der Gefchichte an der Univerfität Halle 


4 or uns liegt der Auszug aus einem Auffate, den der englifche 
u Schriftiteller R. B. Sheridan in der Oftobernummer der „Nineteenth 
K Century“ veröffentlicht hat, — eS verlohnt ihn zu wiederholen 
VE und alsdann mit Anmerkungen zu verjehen, die der Bedeutung 
der darin ausgebreiteten Gedanken das Urteil fprechen follen. 
Der Berfaffer erinnert zunädhft an das bittere Gefühl der Verlafjenbeit, 
das ih der Katholifen in den Ländern des Vierverbandes bemädhtigt habe, 
dan! nämlich der „wenig heldenhaften Neutralität”, zu welcher der Bapft in 
einem Augenblid feine Zufludht genommen, als feine geiftlihen Untertanen nad) 
feiner Führung verlangten. Sie hatten eine Verurteilung der unausfpredlichen 
Greuel erwartet, gegen die das Haupt der belgifchen Kirche, Kardinal Mercier, 
proteitierte. Sie fühlen fich faft bloßgeftellt durch das Schweigen ihres Ober- 
hauptes. Geraten dadurch nicht die Bifchöfe der Tatholifchen Kirche in den 
friegführenden Ländern in eine zweideutige Lage? Die neuerliden Unterredungen 
des Papfte8 mit Yournaliften, die eine nur wenig verfchleierte Parteilichleit für 
die Sahe der Barbarei durchbliden Iaffen, mehr noch die Vorjchrift eines 
Gebetes um Frieden für englifche und franzöfifhe Katholiten, deffen Wortlaut 
mehr im Sinne ihrer Feinde ald in ihrem eigenen ijt, hindern die Be— 
mähungen der Bilhöfe um die Förderung der Sache der Zivilifation. Belgien 
wird e8 nimmer verwinden, daß der Papft im kritifden Augenblid fein Wort 
in der Offentlichfeit für fein Märtyrertum fand. Er hätte dazu gar nicht nötig 
gehabt, die ihm zugefchriebene Gabe der Unfehlbarfeit durch ein ex cathedra- 
Urteil anzuwenden. SYedenfalls, meint der Verfaffer, würde es für die fatholifche 
Glaubensgemeinſchaft weniger verhängnisvoll gewefen fein, wenn fi der Papft 
bei einer Gelegenheit diefer Art einmal geirrt hätte, al3 daß er gleichgültig 
blieb. Selbft eine neutrale Haltung fehließt noch nicht die Möglichkeit aus, 

Grenzboten I 1916 b 





66 Uationalfirhlihe Phantaflen eines Engländers 


— 


gegen grobe Verlegungen internationaler Gefege, gegen jeheußliche, zumeift an 
Tatholiihen Frauen und Kindern begangene Berbredhen zu proteftieren. Ein 
zwingender Schluß aus diefer Untätigfeit ift der, daß nicht die Furcht, fih zu 
irren, nicht die NRüdficht auf eine mit Necht oder Unrecht angenommene Neu- 
tralität, fonbern bdireltes ntereffe an der Zulunft der germanifhhen Mächte, 
befonders LOfterreihg, der wirflihe Grund für das Friedensgebet und andere 
unfreundliche Zeihen war. Nichts, was der Papit von nun an tun fann, 
um feine Gleichgültigleit gegen den Auffchrei der leidenden Menjchheit wieder 
gutzumadhen, nicht einmal in zwölfter Stunde, der Eifer für feine eigene 
nationale Sade, Tann den beflagensmwerten Eindrud verwildhen, den jeine 
Haltung bervorgebradit bat. Seine belgifhen und franzöfiſchen Glaubens⸗ 
genofien werden wahrfcheinlich fhon in der nädjiten Zeit Schritte ergreifen, um 
fi von feiner Bormundihaft zu befreien. Wohin werden fie fi wenden? 
Nun, der enge Zuſammenſchluß Frankreichs, Englands und Rußlands und bie 
zunehmende Wertihägung der Einrichtungen des legteren Landes werden fiherlich 
au der ruffiihen Kirhe und ihrem Glaubensbelenntnis höhere Bedeutung 
verleiben. 

Diefe Kirche ift nicht neutral geblieben. Hätte fi die ruffiiche Kirche 
hinter dem Schleier einer opportuntftifchen Neutralität verborgen, fo wäre ein 
unmittelbarer deutfcher Triumph die notwendige Folge gemwefen, denn der 
ruffiiche Soldat verdankt feine Baterlandsliebe und feinen Kreuzfahrergeift haupt⸗ 
fächlich diefer Kirche. Die rufftifhe Kirche aber vereinigt, wie neuerdings Stephen 
Graham, der Berichterftatter der „Times“ in Petersburg, der Fürzlid nad 
England zurüdtehrte, aud) dem britiichen Lefer bemiefen hat, Nationalität mit 
Katholizität. Ste übt darum einen bemerfenswerten Einfluß auf die große 
Mehrheit der Untertanen des Zaren aus. 

Die Emanzipation der flamwifchen Völker von der öfterreidhifdh-ungarifchen 
Herrſchaft, unter der fie jebt jhmachten, wird deshalb für die Tatholifche Pro- 
paganda in jenen Ländern ein fhwerer Schlag fein. Das haben auch fchon 
einflußreiche römifche Kreife gefürchtet und vorausgefehen. Zransfylvanien, bie 
Bulomwina, Bosnien, die Herzegowina und Dalmatien werden ficherlich, für den 
Fall einer öfterreihifchen Niederlage, ein großes Wiederaufflammen der Be 
geifterung für die Religion des St. Chryfoftomos erleben. in größeres 
Serbien wird aud) eine große Mehrheit griehiij-orthodorer Serben umfaffen, 
und der Fall KonftantinopelsS und der Wiedereinzug des griedhifchen Patriarchen 
in die Hagia Sophia wird die Wiederherftellung der griedifch-orthoboren Kirche 
vollenden und das 1453 dur) die Einnahme Konftantinopel3 gejtörte Gleich. 
gewicht der öftlihen und weltliden Kirche wieberberitellen. 

Am Verein mit der Unzufriedenheit, die die unmürdige Auslegung ber 
Neutralität feitens des Papftes mit Recht hervorgerufen hat, werden dieje Er- 
eigniffe auf die befpotifche Herrihaft der weftlichen Kirche einwirken. ine 
VBerwerfung des vatilaniihen Konzild wäre der erite Schritt, um bie römifdh- 


Zationallirchlidge Phantafien eines Engländers 67 


tatholifhe Kirche von der übertriebenen Zentralifatton freizumachen, die während 
des Krieges foldhe beflagenswerte Refultate gezeitigt bat. Rußland würde 
eine foldde Bewegung in jeder Weife unterftüben. Die rufftiche Religion könnte 
al Borbild für die Wiederberftellung einer autonomifchen belgtfchen und fran- 
zönfhen Nationalliche dienen, die von päpftlicder Obftruftion befreit wäre. 
Belgiens Streit ift ein Streit mit dem Bapfttum al8 SYnftitution. Mit 
jhmweigender Zuftimmung diefes überfhägten Heiligen Stuhls find feine Felder 
und Städte verwüftet worden. Wenn e8 nad dem Stiege an den Wieber- 
aufbau feiner Heimftätten und Altäre gebt, wird der neutrale Papft vielleicht 
finden, daß er zu lange beifeite geftanden, und baß biefes fchmwer buldende 
Bolt feinen väterlichen Rat als verfpätet und unannehmbar ablehnen wird. 
„Sollte eine nationale Kirche aus den Ruinen Lömwens filh erheben, jo wird es 
die Gejhichte fpäter beftätigen, daß das belgifche Volt damit den richtigen und 
logifhen Schluß aus feiner bitteren Erfahrung gezogen und den Schritt getan 
bat, der e8 einzig und allein vor einer Wiederholung einer folden Erfahrung 
bewahren Tann.“ 

Soweit R. B. Sheridans Darlegungen, die, wenn wir nicht irren, in 
Deutſchland und Ofterreich noch wenig oder vielleicht gar nicht befannt geworden 
find. 8 Tann dahingeftellt bleiben, in welddem Umfang aus ihnen ein einzelner 
oder ein größerer Kreis von Gefinnungsgenofien fpridt — möglicherweife hat 
der Berfafjer mit diefem oder jenem nach England geflohenen Belgier Rüd- 
fprae genommen —, jedenfalls verraten auch fie, wie tiefe Furchen die Pflug- 
Ihar des Weltfrieges zwiichen dem Geftern und dem Morgen gezogen bat, um 
alte Brüden zwifdhen den Nationen einzureißen und an neue, andere denken 
zu laſſen. 

Seit dem Erſcheinen des Aufſatzes iſt der Traum eines größeren Serbien wie 
eine Seifenblaſe zerplatzt; ob England und Frankreich noch in der Folge ihre 
Truppen für Rußland bluten laſſen wollen, um dem Zaren die Herrſchaft über 
Konſtantinopel zu verſchaffen, ſteht in weitem Felde. Jede Erörterung über 
die Stellungnahme des gegenwärtigen Papſtes — er wurde am 4. September 1914 
gewählt — zu den einzelnen Kriegshandlungen ſei vermieden, wenngleich bemerkt 
werden mag, daß Sheridan mit keinem Worte der Kriegserklärung Italiens an 
Hſterreich vom 28. Mai 1915 und der dadurch weſentlich beeinflußten Lage 
Benedilts des Fünfzehnten gedenkt). Unbedingt ſpricht aus dem Artikel ein 
Mann, deſſen Kenntniſſe vom inneren Weſen des Papſttums ſchlechthin ſtümper⸗ 
haft zu nennen find; ſeine ironiſch klingenden Ausfälle auf die päpftlide Un« 
fehlbarkeit verraten, gelinde geſagt, naive Harmloſigkeit, da ſie nicht berück⸗ 
fichtigen, wie gerade das Dogma von der Infallibilität jedem Nachfolger Petri 


*) Vergl. darũber J. Bachem in den Süddeutſchen Monatsheften 19156 (uni) ©. 454 ff. 

8. Hilgenreiner, bie römiſche Frage nach dem Weltkrieg. Prag 1916. Unmittelbar nad 

Abſchluß des Manuſtkripts wurde die Anſprache des Papſtes im Konſiſtorium am 6. Des 
zember 1915 veröffentlicht. 
5* 


68 Uetionallirdlihe Phantaflen eines Engländers 


—— 


Schranken auferlegt, weil eben jeder feiner Ausfprühe ex cathedra aud) die 
Gefamtheit der Tünftigen Päpfte bindet. ES Hieke der in langer Tradition er- 
worbenen Erfahrung und Vorausfiht Roms Abbrud) tun, wollte man annehmen, 
der Papft hätte „bei biefer Gelegenheit zu irren“ fich entichließen Tonnen. Seine 
Entfcheibungen ex cathıedra gelten nicht Zatfacdhen, fondern Glaubensfäten und 
Sittenvorfchriften; fie Haben Andersdenkende und Anderöglaubende zu verfludhen. 
Men aber würde er zu verfluchen gehabt haben, hätte er dem Wunfche Sheridans 
Rechnung getragen? Die Deutichen, fo meint natürli unfer Gegner, — aber 
im Heere der Deutfhen lämpften gläubige Katholiten; follte er fie verfluchen, 
um der Belgier willen, die dem Sriegsredht Hohn Ipradden, um der Franzofen 
willen, die den Dom von Reims zum Stübpunlt ihrer Beobadhtungsftation 
madten? Soll er jebt die Jtaliener verfluchen, weil fie den Dom von Börz 
unter das Feuer ihrer Batterien nahmen, und mit dem ganzen Nahdrud feiner 
Mürde auf die Seite der Ofterreicher treten, der Bundesgenofien alfo ber 
Dentfhen? Dan fieht, Sheridan gerät in einen Wirbel fi) gegenfeitig auf- 
hebender Tatſachen; feine Forderung tft Tindiich. 

Er droht des weiteren mit dem Abfall der belgifhen und franzöfifchen 
Katholiten vom Bapfttum und feiner „deipotifhen Herrihaft“, vergibt aber 
leider, daß der Papft das Oberhaupt der Katholiken des gejamten Erdfreifes 
ift und daß die eigene Prophezeiung völlig in der Luft jüwebt. Wem würde 
der Abfall Ihaden? Die römiich-Tatholiihe Kirche bat den „Abfall“ der Pro- 
teftanten erlebt und überwunden; fie würde alfo aud) den der Yranzojen und 
Belgier zu tragen willen. Qirügen nicht Beobaditungen in Sranfrei, fo ift 
gerade in diefem Lande unter dem Eindrud des Krieges der religiöfe Sinn zu 
neuem Leben erwacht, wie nicht anders zu erwarten in ber Ausprägung, wie 
fie ihm der römifche Katholizismus gewährt. Und diefer religiöfe Sinn fol 
als fein erftes Lebenszeichen den Abfall vom Bapfttum offenbaren? Das wird 
nur der glauben, der die Trennung von Staat und Kirche in Frankreich als 
eine Zerfehneidung auch der ibeellen Bande anfleht, die den franzöfifchen Katho- 
Iifen mit Rom verknüpfen. Noch heute gibt es in Frankreich „Ultramontane”, 
und diefe follten fi von Rom fcheiden wollen? Das franzöfifche Voll hat im 
Laufe der Zabrhunderte wiederholt mit dem Papft im Stampfe gelegen; e8 er- 
innert fi) jehr wohl feiner gallifanifchen Freiheiten, die fein Köntgtum ihm 
einft erwirkte, mit feiner ganzen Naturanlage aber, mit feinem Drange zur 
Bentralifation ift es innerlih dem Katholizismus und folgemetfe dem Bapfttum 
derart wejensverwandt, daß e8 dem Kultus der Vernunft nicht noch einmal 
rafch zeritörte Altäre errichten wird. in breiten Schichten religiös indifferent, 
befigt e3 unter feinen Angehörigen der Gläubigen noch genug, die troß aller 
„separation‘“ den organiihen Zufammenhang der kirchlichen Einrichtungen in 
threm Lande mit der allgemeinen Kirche nicht zerftört mwiffen wollen. Wider 
den Sinn feiner eigenen Vergangenheit belämpft e8 heute als gefnechteter Sklave 
Englands die Türkei und den Slam, beraubt es fi) damit wertvoller Stüßen 


Xationalfirhlihe Phantaflen eines Engländers 69 


feines Einfluffes im Drient, die jemer Ausfprud eines Minifters: „L'anti- 
clericalisme n’est pas un article d’exportation“ in Schub und Pflege nahm. 
Soll e8 nunmehr, um der furdht- und mitleiderregenden Drohung Sheridans 
willen, im eigenen Lande zu allem no den Kampf zwifdhen romtreuen 
und romfeindlien Katholifen entfahen? Sol das Schaufpiel der Parteiung 
unter dem Klerus Frantreichs fid wiederholen, wie e8 die franzöftfche Revolution 
durch den Bruch zwilchen beeidigten und unbeeidigten Prieftern gewährte? 
Befebt den Fall, Sheridans Borausfage würde im Hinblid auf Frankreich zur 
Tat, ihre Folge wäre die Bildung von romfreien und romtreuen Gemeinden 
innerhalb desfelben Volles, alfo alles andere eher denn eine nationale Kirche, 
deren @igenart gerade darin befteht, dak fie die Angehörigen Besjelben Volles 
ımd desfelben Glaubens zu einer rechtlichen Gemeinſchaft zuſammenfaßt. Geſetzt 
ferner den Fall, e8 bildeten fi) jene beiden Gruppen von Gemeinden in Frant- 
reih, welde von ihr würde dann das Bee der Trennung von Staat und 
Kirche aufrechterhalten wünfhen? Die romfreien müßten, wenn in der Minder⸗ 
beit, die Hilfe des Staates für fi in Anfprucdh nehmen, um ihr Dafein zu 
friften, wenn aber in der Mehrheit, die Trennung der Kirche vom Staat als 
einen Hemmfdhuh empfinden, der es vereiteln würde, die romtreuen Gemeinden 
ihrem Willen zu unterwerfen. Das Schlagwort von der „liberte* würde au 
bier zum Spott, ganz abgefehen davon, daß nad) aller geihichtlicden Erfahrung 
eine Nationallirde nur in Anlehnung an den Staat denkbar tft; Verfuhhe einer 
Rationallirde ohne den Staat, wie fie etwa die deutiche Gefcichte kennt, find 
geicheitert. Sollte Frankreich eine romfreie Nationallicche fih fchaffen wollen, 
jo müßte es zunädft da3 Zrennungsgefeg wieder aufheben und die Erinnerung 
an die Kämpfe, die feiner Einführung vorangingen, dürfte nicht ermutigen, 
ihre Wiederholung zu wünjden, wenn e8 gilt, nad) einem Friedensfchluß mit 
Deutihland, die materiellen und völlifhen Wunden des Landes einigermaßen 
zu beilen, die der Krieg ihm gefchlagen hat. ES frommt nicht, dem Staate 
eine neue Berfaffung zu geben während eines auswärtigen Krieges, und ebenfo- 
wenig der Kirche eines Landes, wenn ihre Kräfte insgefamt in den Dienjt der 
inneren Ermeuerung des Volles gezogen werden müflen. Der Strieg bat au 
in Franfreih den geiftig hochftehenden Kreifen Berlufte zugefügt; follen nach 
{dm die romfreien unter ihnen fi jondern von den romtreuen, um allein das 
Privileg für fich zu beanfpruchen, als vaterlandsliebend zu gelten? — Etwas 
anders liegen die Dinge in Belgien, über die aber deshalb jchwerer zu fprechen " 
it, weil das Schidfal Belgiens als Staat no im Schoße der Zulunft ruht. 
Man hat das beigifche Syftem bes Verhältniffes zwifchen Staat und Kirche als 
das „der freien Kirche im unfreien Staat“ bezeichnet. Angenommen, in Belgien 
lehrte alles auf den status quo ante zurüd, in Belgien vollzöge bie Sirdhe 
den von Sheridan angefündigten Abfall von Rom: würde das an die Leitung 
durch -Geiftliche gemöhnte Voll, dem die Untertanfhaft unter den Papft alt- 
ererbte Vorftellung ift, feinen Führern folgen, jebt, wo e8 erlebte, wohin bie 


70 Xationalfirhlie Phantaflen eines Engländers 


Ratfchläge mander fanatifierter Kleriler trieben? Belgien ift das mit Klöftern 
und Drbensleuten am meiften gefegnete Land, die Sefuiten find einflußreich 
und in ihrer Bollandiftenfchule wiflenfchaftliden Arbeiten zugelehrt, die nur 
wiederum im Anfhluß an Rom ihren guten Sinn behalten. Dan frage fi), 
ob nit au in Belgien eine Löfung vom Zentrum der römtjdh-Fatholifchen 
Kirche in fich felbft ntoptfch tft, nicht zulegt ein Bruch mit der ganzen Ber- 
gangenheit des belgifchen Volles, defjen Erinnerungen im Kampfe für Rom 
gegen den Proteftanttsmus gipfeln. — Aud an die englifhen Katholifen fcheint 
Sheridan zu denfen, wenngleich er ihre Mitwirfung nur verfhämt andentet, 
ähnlich wie feine Landsleute im Kampfe der Waffen die farbigen Engländer 
und ihre Bundesgenoffen vorzufchiden Lieben, fofern fie nicht neutrale Völker 
in ihren Dienft zu preflen trachten, wie fie eg einft mit den Matrofen ihrer 
Flotte taten. No popery war einft die Lofung Englands im Zeitalter der 
Reftauration; in anderem Sinne wird fie jebt von Sheridan erneut. Gewiß, 
es tft befannt, daß auf der britifchen nfel heute ein ziemlich ftarker Zug zum 
Katholizismus beitebt, daß die Verfafiung der englifhen Kirche mit ihren 
Biihhöfen, daß ihre Liturgie mit ihren prunlvollen Gottesdienften fich den römiſch⸗ 
fatbolifden Ordnungen nähern, — wird es möglich fein, diefe Neigungen und 
diefe Ähnlichkeiten in ihr Gegenteil zu verkehren, weil Sheridan e8 für nötig 
halt? Wie follen fi die Katholifen in den englifchen Kolonien verhalten? 
Sollen fie und ihre Glaubensgenofien in England in einer romfreien, vom 
Staate geleiteten Nationallirhe fih zufammenfinden? Der tühne Ratgeber 
ſchweigt — und jagt damit alles. 

Am eigentümlichiten bleibt die Reihe der Säbe, in denen der englifche 
Kichenpolitifer, wenn anders diefe Bezeichnung überhaupt auf Sheridan an- 
gewandt werden darf, von den Maßnahmen berichtet, die das ihm vorfchwebende 
Biel herbeiführen Tönnten. Zunädjit: wer fol das vatilanifhhe Konzil ver- 
werfen, um damit dem Papfte Abbruch zu tun? Die einzelnen Gläubigen in 
Belgien, Franfreih und England? Nach Tatbolifher Auffaffung ift die Kirche 
Khtbarlih in ihren Biihöfen und Geiftliden verkörpert, hat fie alfo die Laien 
durch die hierarchia ordinis zu beiligen, zu leiten und zu belehren; fie fennt 
fein allgemeines Prieftertum ihrer Gläubigen und fann darum auch fein Plebiszit 
unter den Tatholifhen Bewohnern eines Landes über die Frage zulafien, ob fie 
fortan romfrei oder romtreu fein wollen. Sollen die Bifchöfe und Geiftlichen 
. das Vaticanum verwerfen? Die Gefhichte Tennt episkopaliftiihde Neigungen 
unter dem Klerus mehr als eines Landes, ihre Tendenz aber befehdete nicht 
ben Glauben, ber das Welen der Kirche ausmadt, fondern die Verteilung 
firhlider Madt, demnad Schöpfungen des SKirchenrehts. Angenommen ein- 
mal, die fatholiihen Bifhöfe und Geiftlichen insgefamt in Frankreich, Belgien 
und England kündigten die Unterwerfung unter das vatifanifche Konzil: würden 
fie dann Katholifen bleiben Tönnen? Würden fie nicht ipso facto aus ber 
Glaubensgemeinſchaft mit Rom und den übrigen Katholiten ausfcheiden? Nein 


Qationallichhliche Phantafien eines Engländers 1 
Zweifel, unter ihren Laien würden fih alsbald diejenigen von ihnen abfondern, 
die am Baticanum feithalten und ihrer alten Kirche mit allen ihren Dogmen 
die Treue bewahren. Die abtrünnigen Bilchöfe und Geiftlichen würden aller 
Wahrjheinlichleit nach Felbherren ohne Heere fein und über kurz oder lang 
wieder in den Schoß der alleinjeligmadhenden Kirche zurüdzulehren tradhten, 
jene wie ihrer Borgänger, die einft ber Verkündigung der{infallibilität wiberftrebten. 
Das Papfttum befämpfen, indem man aus feiner Krone den Stein der Unfehl- 
barkeit entfernt, beißt Reber fein; Die furdhtbare Wucht jene Dogmas befteht 
nicht zum wenigften auch darin, daß es von jedem Katholifen Unterwerfung 
fordert oder ihn als unnübes Glied vom Körper der Kirche löf. Sub dogmate 
infallibilitatis sit catholicus aut non sit, — bat das nicht die Bewegung 
des Altkatholizismus fchmerzlih erfahren? Weiterhin aber, Sheridan unter- 
hätt mit einer Art halsbrecheriichen Leichtfinns die ftarfe Kraft der gemein. 
jamen Einridtungen in Kultus und Verfaffung, der gemeinfamen Kirchenfprache 
und der gemeinfamen Traditionen, der perfönlihen Beziehungen fonder Zahl, 
die den Katholifen einerlei welcher Nation und Lebensitelung mit der Gefamt- 
beit aller übrigen Katholifen zufammenjhhweißen. Er erhofft für fein Ziel die 
Unterftägung durch die ruffifche Kieche, deren Haltung während des Weltkrieges 
ihm Worte der Bewunderung entlodt. Wie er fich diefe Unterftüung dentt, 
wird wohlweislich verfchwiegen; nur das Endergebnis ift durch die fchillernde 
Phrafe von der Wiederberftellung des Gleichgewichts der äftlichen und der meit- 
lichen Kirche angedeutet. ft fchon das Wort vom Gleichgewicht unter ben 
Staaten des feftländifchen Curopa längft als der Dedmantel erlannt, unter dem 
England die Ausnusung feiner Herrfhaft in der Welt bemerlitelligte, gleich 
al ob es nicht erlaubt wäre, ein Gleihgewicht unter den Weltmächten auf dem 
ganzen Erdenrund zu fordern, fo erjcheint daS Berlangen nad einem Gleich. 
gewicht der Kirchen des Ditend und des Weftens deshalb in fich felbit wider- 
finnig, weil auch protejtantifhe Kirchen beitehen, weil der Slam und die fog. 
beibnifchen Religionen Dafeinsberechtigung haben. Sheridan deltetiert: die 
ruffiihe Kirche wird die neuen Nationallivchen fördern, — fdhade, daß feine 
Stimme verhallen wird wie die des Predigers in der Wüfte.e Der Gegenfag 
zwiſchen der griechiſch⸗katholiſchen Kirche und der römifch-latholiihen nach 
Glauben, Kultur, Recht iſt ſo alt, ſo tief eingewurzelt, ſo unüberbrückbar, daß 
bisher alle Wiedervereinigungsverſuche geſcheitert ſind und ſcheitern mußten; 
man braucht etwa nur Döllingers Vorträge über „die Wiedervereinigung 
der chriſtlichen Kirchen“ oder diejenigen Harnacks über „das Weſen des 
Chriſtentums“ mit ihrer Würdigung ſeiner verſchiedenen Formen zu leſen, um 
aus ihrem Tiefſinn und Weitblick abzuleiten, daß dem Worte von der Unter— 
ſtützung katholiſcher Kirchen — und das ſollen doch jene neuen Nationalkirchen 
bleiben — durch die griechiſch⸗katholiſche nur das Gewicht eines Staubkorns 
zuzumeſſen iſt. Für Sheridan verſchlägt geſchichtliche Erinnerung wenig, ſo ſehr 
er ſich mit der Schülerweisheit brüſtet, daß Konſtantinopel im Jahre 1458 


72 Xationalfirhliche Phantaflen eines Engländers 


von den Türken erobert wurde; er gleicht jenen zahlreichen Stribenten, bie 
ihren Heinen Gedantenbligen Beadhtung, Durchführung wünfchen, ohne darüber 
Har zu fein, daß im Leben der Völker al8 unvergänglicder Gebilde die Vergangenheit 
nachwirkt, wie auch unfere Zeit dermaleinft Vergangenheit fein wird. Gerade von 
Bauwerlen wie fie alle Kirchen, eine jede in ihrer Art, Darftellen, von Bauwerlen, an 
benen bie Jahrhunderte Ihufen, um fich für ihre religiöfen Bebürfniffe jchirmende 
Heimftätten zu errichten, gilt da8 Wort Yalob Grimme, daß über diejenigen, 
welde nichts von der Vergangenheit wiffen wollen, fehr bald auch die Zukunft 
den Stab brechen wird. Zugegeben felbft, daß im Fluß biftorifhen Geichehens 
die Kraft des biftoriichen Befinnens fi) abjehwäcdht, wer Fragen aufmwirft von 
der Tragweite, von der Schwere, von dem Ernte wie die, in weldem Augen- 
blide, unter weldden Borausfehungen und mit weldden Mitteln Nationallicchen 
eritehen Fönnen, gerade ein folder Mann follte fi nicht derartige Blößen 
geben, wie Sheridan e8 getan bat. 

Edendeshalb, fo wird man einmwenden, lohnte es nicht der Mühe, den 
Phantasmagorien jenes Artilels im „Nineteenth Century“ entgegenzutreten; 
Utopien, wird es heißen, widerlegten fich felbft durch ihre Undurchführbarteit. 
Unfer Gedanfengang war ein anderer. Sheridans Aufſatz bezeugt zu feinem 
Zeil nicht zulet die Vielgeftaltigleit der Begleiterfcheinungen des Strieges, der 
eine Welt umzuwandeln fih anjhidt. Die gemeinfamen Ynftitutionen, die vor- 
dem die Menden einander näherten, find außer Kraft gefebt, feitdem ein Volk 
ber weißen Rafje gegen feinen Nebenbuhler die Stämme der Schwarzen und 
Gelben aufbot, fetten es die Glode der Lüge und ber Verleumdung ertönen 
ließ, um einer angemaßten Sittlihleit und oft genug zur Schau getragenen 
Bornehmheit den Abfchied zu geben. Die Unterfchteve der Staatenformen 
trennen nicht mehr die Völfer wie einft, feltvem das ariftofratifehe England fic 
mit dem zarifhen Rußland und dem poincariftifchen Frankreich verbunden hat, 
ganz abgefehen von feinen Trabanten in Portugal, Stalien und Serbien. Das 
ftolge England, das einst den König binrichtete, weil er zum Katholizismus 
neigte, ift der Genofje des Latholifhen Frankreichs und des griechiich-Tatholifchen 
Rußlands. Wie ann e8 uns Deutfchen vorwerfen, daß wir uns mit Dfterreich, 
Bulgarien und der Türkei verbanden? Wir planen feine Imgeftaltung ber 
firliden Drganifation der Welt, fondern Erhaltung der beitehenden, weil mir 
nicht aud) fie in den Strudel der Waffenfämpfe gezogen wünjdhen. Als Schild 
und Schirm ftellen wir uns vor die evangeliide und die römifich-Tatholifche 
Kirche, weil beide in unferem Volke verankert find, und überlaflen es dem 
Walten und Weben gefamtoölfifcher Erlebniffe, die Glaubensunterfhiede beftehen 
zu laffen und gleidmohl gemeinjfames fittliches Streben zu adeln.*) Wir glauben 
nit an die werbende Kraft jenes Nufes nach je einer franzöftfchen, einer 

*) Bgl. die Nede des Bifchofs bon Speyer, Midhael von Yauldaber, am 19. März 1915 


(Germania vom 20. März 1915, ee Rr.67; 9. %. Helmolt, Das Buch dam Kriege, 
Berlin 0. %., ©. 869 ff.). 


Uationallirchliche Phantaften eines Engländers 73 


belgifehen und einer englifchen Nationallirche Tatholifhen Belenntniffes, weil fie 
Hindernifien begegnen werden, die ftärler find als Sheridan au) nur von ferne 
ahnt. Sener Ruf ift ebenfo viel wert wie jenes Lob, das englifche Miffionare 
ihree Miffion unter den Heiden zu fpenden lieben: fie war der Schleier — 
lange und leider war er allzudiht —, der englifches Herrichergelüft verbedite, 
um Bölfer zu Tnedhten und englifhe „Tsreibeit" zu erzeugen. Shberidans 
Forderungen fehen die von ihm gewäünfchten Nationallichen in einen unlös- 
baren Widerjpruh zum Satholizismus, deflen Preisgabe der Sohn Albions 
vorfichtig nicht ihren Angehörigen zur Pfliht macht, zur Entmidlung des Katho- 
liismus, dejjen Dogmen in dem von der Unfehlbarfeit des ‘Papftes derartig 
gipfeln, daß mit und in ihm entweder alle übrigen anerkannt oder verworfen 
werden. Einen Mittelweg, einen Halblatholizismus fanın es nicht geben. Sene 
Rationallircden würden fi nur halten Lönnen im Anfchluß an die entiprecdenden 
nationalen Staaten, von denen ber franzöfifche fi) von der Kirche getrennt hat, 
während der belgifhe fich ihr unterwarf. So bliebe nur der englifhe Staat 
al8 Schirmherr feiner Tatholifden Nationallicdhe, als Patron derer von Franl- 
reich und Belgien. Wer wird es bei folder Perfpeltive wagen, den Bapft zu 
tadeln, daß er zurüdhielt, um nicht den engliihen Einfluß au auf die Firch- 
lihen Dinge in den von England politifd und wirtfchaftlich abhängigen Staaten 
beraufzubefhwören? Auf Ummegen plant Sheridan die Machtiphäre Englands 
u vermehren und zu verewigen, die Klugheit Benebilts XV. aber wollte der 
Unverjehrtheit und Selbitändigfeit jener Kirche dienen, die für fich die Ver- 
 keikung in Anfprud) nimmt, daß die Pforten der Hölle fie nicht übermältigen 
jolen. Die Gerechtigleit verlangt au vom Broteftanten, daß er den Dienft 
anerfenne, den Rom der Sache nicht zulegt unferes deutfchen Vaterlandes 


geleiftet bat.*) 


*) Bgl. zu diefem Gedanken au M. Made, Die Kirche nach dem Sriege (Tühingen 
1916), ©. 49 ff. 





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Slawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 


Don Dr. Buftav Rauter 


u icht nur die Grenzen der Staaten, fondern aud) diejenigen der 
Fa Sprachen haben im Laufe der Gefchichte große Veränderungen 
AN durchgemacht. So wurde das heutige Gebiet der Mark Branden- 
burg in den Zeiten vor Beginn der Völlerwanderung von dem 
beutfchen Stamm der Semnonen bewohnt. Dann aber verließen 

biefe ihre Wohnfige, gingen nad) Süddeutfchland und nahmen bier den Namen 
Ulemannen an. Sn das nunmehr nur noch fchmach bevölferte Land drangen 
dann von Dften ber flawifche Stämme ein, die Liutizen, Heveller und Sorben. 
Deren Sprache, das MWendifche oder Sorbifhe, wurde dann au) von den Reften 
der deutjchen Urbevölferung angenommen und beberrfähte das Land, bis im 
fpäteren Mittelalter wieder Deutfde vom Weften ber erobernd eindrangen. 
Erſt Albreht dem Bären gelang es dann im 12. Jahrhundert, Brandenburg 
endgültig wieder für das Deutfchtum zu fihern. Koloniſten, namentlich auch 
aus den Niederlanden, wurden berbeigerufen, und die Bevölferung nahm raich 
faft überall die deutfche Spradhe wieder an. Das fiel ihr freilich umfo leichter, 
als fie ja einesteils fchon von Haufe aus halbdeuticher Abkunft war, andrer- 
feit8 aber au) die bier anfälfigen Slawen Teineswegg — im Gegenfaß zu den 
fpäteren Berhältniffen in Polen und ARupland — etwa mit aflalifhen Bölfer- 
Ihaften gemifht waren. Die ſlawiſche Sprade als folche Iebt heute in Branden- 
burg nur in jener Landfhaft noch fort, die als Spreewald befannt ift. Aber 
weit darüber hinaus Hat fih im Brandenburgifden — mie au) in fehr vielen 
anderen Zeilen des deutfchen Sprachgebietes — als dauerndes Andenten an 
die einft berrjchende Sprache eine große Zahl flawifcher DOrt3-, Flur-, Gemwäfler- 
und Perjonennamen erhalten. Hierauf wollen wir nun beute unfer Augenmerf 
richten und zwar in erfter Linie auf die Ortsnamen. Dabei wollen wir ung 
im wejentliden auf das Gebiet Brandenburgs befchränten, ohne aber aud 
gelegentliche Hinweife auf ähnliche Verhältniffe anderer Gegenden auszufchließen. 
Nun ift freilih die Kunft der DOrtsSnamendeutung nicht fo einfah. Als 

ein auffälliges Beifpiel, wie leiht man bier daneben greifen Tann, fei 3. 3. ber 
Name des Drte8 Marquart bei Potsdam angeführt. Da diefer in der wen- 
diihden Mark, dicht an der früheren Grenze gegen jlawiiches Gebiet gelegen ift, 
fo liegt nicht8 näher, als anzunehmen, daß fi urfprängli dort eine Warte 
befunden habe, von wo aus man etwa verdädtige Bewegungen von jenjeits 
der Grenze habe überwachen wollen. Aber es ift Yeider nichtS mit biefer 





Slawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 75 


Markwarte; der Dirt bieß bis ins 18. Jahrhundert Schorin und wurde dann 
erft nad) dem Bornamen des damaligen Rittergutsbefiger® Marquart genannt. 
Um mit Namensdeutungen filjer zu gehen, müßte man alfo eigentlich in jebem 
einzelnen Falle wifien, weldem Umftande der betreffende Drt wirklich feinen 
Ramen verdantt. Außerdem müßte man aber auch wiffen, wie ber betreffende 
Name urfprünglich gelautet bat. So fcheint 3.8. auch die Deutung des 
Namens Fiſchhauſen (in Dftpreußen) fehr einfach; die Ableitung von Filchen 
oder Yilhern wird aber dadburdh unmögli, dab wir zufällig willen, daß der 
Drt von einem Bifchof gegründet ift und erft Bifhofshaufen geheißen hat. 
Wir wollen nun in vorliegendem Auffage nicht fo verfahren, daß wir 
einfach dasjenige zufammenftellen, was fi) in anderen Büchern oder Auffähen 
an Namensdeutungen fehon fertig vorfindet. Denn abgefehen von allem an- 
deren lafjen diele älteren Angaben vielfach nicht einmal erfennen, worauf fie 
fußen, und wenn fie Worte als flamwifch anführen, fo weiß man oft gar nicht 
einmal, ob es fi etwa um. das Altwendifche, oder um eine der beiden heutigen 
wendifhen Mundarten, das Niederforbiiche oder das Oberſorbiſche handelt, oder 
um da8 no bis ins 17. Jahrhundert geiprochene Polabifhe oder Nieder- 
elbifhe im bannöveriihen Wendland, oder um das Tichechifche, oder um was 
font. Yerner wird auch nicht einmal immer angegeben, ob bie betreffenden 
Formen wirklich feiter Überlieferung entnommen, oder ob fie nur, wie man es 
nennt, „eriloffen” find, alfjo mehr oder weniger auf Mutmaßung beruben. 
Denn es ift dDurdaus zu beachten, daß wir gerade für da8 bier in Frage 
fommende Gebiet faft niemals in der Lage find, über die Entftehung und die 
erfte Form der alten Ortsnamen etwas Beitimmtes zu wifjen, zumal auch font 
von der altjorbifchen Sprache fo gut wie nichts erhalten if. Immerhin aber 
Iönnen wir einerfeit3 die noch heute gefprodhenen wendiien Mundarten, an- 
dererjeit8 auch andere flawifhe Sprachen zum Vergleiche beranziehen. Bei der 
großen Ähnlichkeit der verfchtedenen flawifchen Sprachen, und angefihtS des 
Umftandes, daß es fi für unfere Zmwede nur um die Wortitämme handelt, 
Iönnen wir uns 3.3. gut auf das Rufftiche ftüben. Dabei bietet diefe Sprache 
noch den großen Vorteil, daß ihre Kenntnis einerfeitS verhältnismäßig weit 
verbreitet ift, und daß andererfeit3 die ruffiiche Nechtfhreibung auf einem recht 
frühen Zeitpuntt ftehen geblieben if. Das Schriftbild eines ruffiihen Wortes 
gipt uns dann eine alte, für uns brauchbare Yorm aud) da, wo daS Lautbild 
ganz anders ausfieht. So heißt Honig im Ruffifchen gejchrieben med (deutfch: 
Meth), geiprocdhen aber mjod. Das Tſchechiſche ſchreibt und fpricht bier noch 
die ältere Yorm: med. Wir werden uns im Nachfolgenden — wo nidht3 an- 
dere3 ausdrüdlich bemerkt ift — durchgängig an das Nuffiiche Halten und hierbei 
die Umjchreibung in unfere Schrift möglichft jo vornehmen, wie e8 der im 
Deutichen üblichen Bedeutung der Buchitaben entipricht, dabei aber insbefondere 
das wie jo gefprochene e durch & und das wie a geiprodhene o durd) o wieder- 
geben, ba für uns, wie aus dem angeführten Beifpiel erhellt, das Schriftbild 


76 Slawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 


die Hauptfadhe it. Ermweichte Konjonanten werden wir, wo e8 die Ausipradhe 
erfordert, außer vor e und &, durch bintergefehtes j andeuten. Den weichen 
frRaut werden wir mit |, den harten mit & wiedergeben, den z.Laut, um 
Mibverftändniffe zu vermeiden, durch d. Die über ihre Ausfiprache ftet$ 
Bmeifel Iaffenden Buchftaben y und vd werden wir vermeiden. Damit wir den 
deutfhen Lefer nit dur ungewohnte und unverftändlide Bucdhftaben ver- 
wirren, werden wir aber außer den ruffifden auch die im folgenden erwähnten 
tiheifhen und forbifchen Namen der deutfchen Ausfpracdhe gemäß umichreiben, 
alfo fämtlide Halten und Striche durchaus verbannen. 

Mas nun zunäcdft den alten Namen Brandenburg anbetrifft, fo wird diefer 
gewöhnlich von einem flawiihen Worte Brennabor oder Brennaburg abgeleitet. 
Es iſt fraglidh, ob dies zutrifft, da eben Brandenburg ein auch fonft in Deutjc- 
land nicht ungewöhnlicher Ortsname ift und eine Anfleblung auf einer durd 
Ausbrennen des Waldes erzeugten Lichtung bedeutet. Slawifh würde branj 
Kampf und bor Fichtenwald bedeuten; alfo ein Wald, um defien Befit gefämpft 
wird. Im Tichechiichen heißt, nebenbei bemerkt, brambori Kartoffeln, angeblich, 
weil man fie zuerft über Brandenburg bat fennen lernen. Einen damit überein- 
ftimmenden Sinn haben Reitwein (bei Küftrin) und Natibor (in Oberfchleften); 
bier bedeutet ratj oder rjet Kampf, bor wieder Fichtenwald und wina Urfadde 
(oder woina Srieg). 

Die heutige Hauptftadt Brandenburgs, Berlin, bat dagegen ganz unbe- 
ftritten einen flawifhen Namen; jedod tft man über feine Herleitung noch 
nicht ganz einig. Nad der Ortlichfeit Iag bier zunächft auf der Spreeinfel ein 
flamwifches Fiicherdorf auf einem aus Wafler und Sumpf fi erbebenden 
Hügel, da8 den Namen Köln führte. Diefer Hügel Tann freilic nicht ſehr 
hoch gewefen fein; denn es tft heute nichts mehr davon zu fehen; immerhin 
muß aber do innerhalb des fonft jumpfigen Spreebetteg menigitens foviel 
Sand zu Tage getreten fein, um die Entftehung einer Infel und die Erridtung 
eines Filcherdorfes auf ihr zu ermöglichen. Köln (ältefte deutiche Form Kolne) 
bezeichnet einen folden Hügel; das Wort ericheint in den verjchiedenften 
Formen: Solm (an einem Berge) bei Potsdam; Gollnow (auf einem niedrigen 
Hügel) in Pommern; Köln in Weftpreußen; SKolin, Kulm und Chlum in 
Böhmen. Eholm in Polen (ruffifh Kholm, Iateinifh culmen). Mit Köln am 
Nhein (damalige Form Köllen) bat dies Köln nur eine zufällige Namens- 
gleicäheit gemein. 3 ift namentlie} der ganzen Lrtlichfeit nach ausgefchloffen, 
daß etwa Nheinländer aus Köln den Drt gegründet und nad ihrer Heimat 
benannt hätten. Gegenüber jenem Yijcherdorf wurde dann eine ftädtifche, 
deutfche Anfieblung errichtet, die man nad) irgend einem flawifchen Örtlichfeits- 
namen Berlin nannte, und zwar in der älteften überlieferten Form to dem 
Berlin. Ortsnamen mit dem Ürtilel bezeichnen nun im Deutfchen eine An- 
ftedlung, die ihren Namen erft vor Furzem einem Flurnamen entlehüt bat; 
jpäter, wenn die Flur hinter dem Ort verjehwindet, fällt dann der Artifel weg. 


Slawifde Ortsnamen im Brandenburgifchen 77 


So 3. B. Ehrenfeld bei Köln am Rhein; erft fagte man das Ehrenfeld, eine 
Hedeweife, die die Bewohner mit zunehmender Größe des Orts als beleidigend 
empfanden, indem fie durdhaus nur in Ehrenfeld (ohne das) wohnen wollten. 
Ähnlich Grüne in Weftfalen, fonft die Grüne oder auf der Grüne genannt. 
Was bedeutete num der Berlin? Dtan bat hier von einem Pranger geiprochen, 
der ih an der Stelle des heutigen Berliner Rathaufes befunden und dem 
Drt feinen Namen gegeben habe. Hiernady fol der Name Berlin vom Worte 
wertel berlommen, das Bratipieß oder Bratenwerder beißt und mit wertetj, 
dreben, in Zufammenhang fteht. Died Wort, aljo etwa in der Form wertelina, 
babe dann ein Brehhäushen oder einen Pranger bedeutet; auch fei das 
italienifde Wort berlina, Pranger biervon abzuleiten. Aber wo in aller Welt 
bat man denn einen Pranger jemals anderswo errichtet als im Mittelpunlte 
des Berlehr8? Diefer Pranger aber hätte weit draußen an der Landftraße 
gelegen. Man wirb alfo den Namen lieber fo deuten, daß er fi) der Drtlich- 
feit anpaßt. Da ift nun zu beadten, daß Köln am Wafler lag, und daß 
bemgemäß bie gegenüberliegende Vrtlichleit wohl einen Namen gehabt haben 
dürfte, der damit zufammenftimmte. Am Waffer nun aber wachen Weiden, 
die bredina oder werba genannt werden. Bon brebina (Stamm bred) fommen 
Namen wie Brebdin und Bredow, von der Form werba: Werben, Werbig, 
Werbellinjee, Febrbellin und Land Bellin. Dabei wäre dann Yehrbellin nicht 
etwa die Fähre nad Bellin, fondern Bellin nur die übrig gebliebene zweite 
Hälfte eines Wortes werbelina, Weidenland. Ebenfo wird aber auch Berlin 
aus werbelina verfürzt fein. Dann wäre die urfprünglihe Bedeutung des 
Namens etwa die: im MWetdicht. 

Die einwandernden Deutfchen nun, die al Eroberer namentlih auch auf 
ihre Gicherheit und auf die Beherrfhung der Land- und Waflerftraßen bedacht 
fein mußten, fanden gerade diefe Stelle für eine Anflevelung fehr geeignet. 
Denn einmal lief eine alte Straße von Teltom nad dem Barnim bier durch, 
und zweitens war gerade hier der jumpfige Zeil des Flußtals befonders eng, 
wie auch der Fluß felber infolge feiner Teilung in zwei Arme leicht zu fperren. 
Lepteres wurde dann noch dadurch vervollftändigt, daß man nach dem gegen- 
überliegenden Dorf Köln einen mit Mühlen befegten Damm, und im anderen 
Spreearm ein Wehr anlegte, etwa dort, wo fich jeßt die Gertraudtenbrüde be- 
findet, die übrigens, der Drtlichfeit entfprechend, früher Teltower Brüde bieh. 
Durch dieſe Gunft der Lage geihah es, dak die Stadt von vorneherein im 
Beiit eines Umfchlagrechtes war und. eine Schifferftadbt wurde. Man weibte 
deshalb auch die neuerbaute Stadtkirche dem heiligen Nikolaus, dem Schugpatron 
der Schiffer. Diefe Kirche nun lag naturgemäß ganz in der Nähe des Marktplabes. 

Diefer wurde fpäter, fhon gegen das Naht 1300, der Alte Markt ge- 
nannt, nadhdem ein neuer Stadtteil nördlich der heutigen SKönigftraße mit der 
Marienicde und dem Neuen Markt binzugelommen war. Die Benennung 
Moltenmarkt für ihn tft erft viel fpäter entftanden. 


78 Slawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 


At-Röln war alfo dem neueren Berlin gegenüber zum Range einer von 
Tilhern bewohnten Vorftadt herabgefunfen. Noch heute erinnern GStraßen- 
namen, wie Filchergaffe und Filderbrüde an diefe Vergangenheit. Auch wurde 
die auf dem damaligen Dorfplate — früher Teltower —, jet Getraubten- 
und Scarrenftrage — erbaute Kirche dem Patron der Filcher, dem heiligen 
Petrus, geweiht. Der Drt war mithin das, was man fonft den Sieß, die 
Slawenvorftadt nannte, verwandelte fi aber fchon früh aus einer foldden in 
eine gleichberechtigte ftäbtifche Anfledlung. Noch heute finden mir einen Sieb 
genannten Stadtteil 3. 3. in Potsdam, in ARummelsburg, in Köpenid. 

Mit Vorliebe nannten die alten Cinwohner Brandenburgs aber aud 
fonft ihre Wohnftätten nad) den dort wadjenden Bäumen. Hier tft zunädjft 
die Linde zu nennen, die lipa hieß. Drte wie Liepe, Liebenow, Liebenwalde, 
neben deutfchen Benennungen mie Linde, Lindenberg, Linderode zeugen bier- 
für. DVielleiht Tommt au Lieberofe von lipa in Verbindung mit dem 
deutfden rode (Rodung). Auch Leipzig und das benadbarte Lindenau haben 
ihren Namen von der Linde. Cbenfo hat auch die Buche (buf) ihren Namen 
für viele Drte bergegeben, wie Budom und Budau, Buch und Buchholz. 
Bulowina, der Buchenwald, beißt das befannte öfterreichifcehe Kronland, wie 
au ein Ort (Bulowien) bei Berlin. Dub beißt die Eiche; davon der Dubrow 
binter Köpenid und der Drt Dubraude, fomtie andererfeit3 Eiche, Eihow und 
Eichwalde. Polniſch: Dombogora, Eichberg; Dombrowa, Eichwald; Dom⸗ 
browla, Eichenhain. Die Birke hat deutſchen Ortsnamen wie Birlenwerder 
und Birfholz ihren Urſprung gegeben; im polniſchen Sprachgebiet leiten ſich 
ſehr viele Namen von ihr ab, die dem deutſchen Leſer durch ihren Anlaut 
Brz unverſtändlich ſind. Dieſer wird geſprochen bear-weiches ſch, der Orts⸗ 
name Brzezinka dabei noch mit weichem ſ in der Mitte, alſo ber- weiches 
ſche-weiches ſ uſp. Davon der Perſonenname Brzeſinski, deutſch etwa: 
von Birlenheim. Die Berefina tft der Birlenfluß (berefina: umgefallener 
Birkenftamm). Ym Brandenburgifhen mag der Ort Brefh von Birke (ber&fa) 
berfommen. 8 mag auffallen, daß fi von ber Birke zwar in Polen fo 
viele, hierzulande aber nur fo wenige Ortsnamen ableiten. Das lommt da- 
ber, weil die Birke urfprünglich nur öftlich der Weichfel ftärler verbreitet war; 
erit feit dem Beginn des neunzehnten Yahrhundert3 ift fie bei uns in größerem 
Umfange angepflanzt worden. 

Wollſchow kommt von olcha (wendiſch wolſche) Erle; desgleichen Ollſchen 
in Schleſfien; Galluhn und Kallinchen von lalina, Feldahorn oder gemeiner 
Schneeball; Buſchow oder Büſſow von bus (andere Form bufſina), ſchwarzer 
Hollunder. Auch in dem Worte Kiekebuſch wird der zweite Teil Hollunder 
bedeuten, während der erſte Teil vielleicht von kiklimora, Waldgeiſt, abzuleiten 
iſt. Alſo: Kiekebuſch, ein Geiſt im Hollunder. Dagegen Kiekemal ſchlechthin: 
Waldgeiſt. Weiter kommt Grabow von grab, Weißbuche; Jaſchinitz in Weſt⸗ 
preußen und Haßberg in Böhmen von jaßen, Eſche; Töplitz bei Potsdam leitet 


Slawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 19 





fi) von topol, Bappel, ber, (dagegen Teplit in Böhmen von teplo, warm, 
nad) den dortigen Quellen); Wofchlow von der Zitterpappel (oBina, ferbifc) 
woßa). Schlieffen und Schliebenbufd, auch das befannte Stimowiß,, fommen 
von Blima, Pflaume; Gablenz (Kreis Sorau) und Gablonz (Böhmen) von 
jablonj, Apfelbaum; Lehnig und Lehnin von len, Flachs, Leinkraut; Rabitz von 
rjabina, Eberefhe; Tornomw, wie au) Tirnowa in Bulgarien von ternije, Dorn- 
fraud; Modau, Mödern und die Mäfrit von mod, Moos; Kamiffom von 
kamiſch, Schilfrohr; Strelitz, Stralſund und Stralau von Btrela Stengel (Röhricht) 
Pfeil; daher au) der Name der Strelien, Pfeilfhüten in Rußland. Leichwik und 
Letihin leiten fih von Ieß, Wald, ab; Drewig von derewo, Baum; Küffel bei 
Potsdam von Luft, Straudd; Trave von trama, Gra8. 

Nadelholz bat nur ganz felten feinen Namen hergeben müflen, wie denn 
auch vor taufend Jahren Brandenburg no) nicht das Land der Kiefern, fondern 
ber Eichen war. ft Do aud) der Grunewald erft feit wenig hundert Jahren 
fein Eihwald mehr. So enthalten, wie bereit bemerkt, Brennabor und Ratt- 
ber, anbdererfeit8 au) Borel (in Schlefien) und Burfchen den Namen bor: Fichten- 
wald in fandiger Gegend; Sofnomwig in Polen und Sapnik auf Rügen fommen 
von Boßna, Kiefer. 

Gar keine alten Ortsnamen leiten fi von der Alazie ab; biefer heute fo 
weit verbreitete und dem brandenburgifhen Boden fo fehr angemefiene Baum 
ftammt aus Nordamerila. Erft im Jahre 1720 wurde er in Deutichland ein- 
geführt, und zwar gefhah die erite Anpflanzung damals im Schloßgarten zu 
Brit bei Berlin. 

Bon Iug, Wiefe, Leiten fi Luc (Moor) und deffen viele Zufammenfegungen 
ab, ferner 3. B. Ludau, Ludenmwalde oder Ludom in Polen. PBobrilug! (mit 
dobrü, gut zufammengejfebt), heißt gute Wiefe. 

Gehen wir nunmehr zur Tierwelt über, fo mar bier früher eine der ver- 
breitetiten Tiere der Biber (bobr); davon Namen wie Boberow und Boberd- 
berg; aud der Flußnamen Bober in Schlefien und Polen. Er ift jet bei 
uns ebenjo verfhwunden, wie das Clentier (Ioß, olenj), von dem fi Namen 
wie Lofjom und ellen (Weftpreußen) ableiten. Auch der Yalle hat in feinen 
verihiebenen Abarten viele Namensbildungen veranlaßt. Bon feinem Namen 
Bofol leitet fi) ab Sokolik in Bofen, fowie zahlreihe Orte fonft im polntichen 
und ruffifhen Spracdhgebiet. Der weiße Falfe heißt Trebet, davon in Verbin. 
dung mit ucho, Dhr (Bergvorfprung): Krebsjaude (KreiS Guben), das alfo 
Faltenberg bedeutet. Der rotihmwänzige Falfe heißt Iunj, davon Lunom. Nach 
dem Neiher (tihaplia; forbifch tichapla) heikt Zfchapel in Schleften; nach dem 
Geier (korihin) Körzin; nad dem Wolf (wolf) Willanu. Wollin fommt von 
wol, Dehſe, Stier; Konitz von konj, Roß; Liſſek (in Schlefien) von Iiß, Fuchs; 
Lista (Dftpreußen) von Iisfa, Fühschen, einem Namen, den auch (nach ihrer 
Zarbe) die Rohrbommel führt. Gabebufh in Medlenburg ift von gad, Ger 
würm, abzuleiten; Schmtegel in Pofen von fmeja, Schlange; Linom von lin, 


80 Slawifhhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 


Schleihe. Medewig kommt von m&d, Honig; auch der ruffifche Name des Bären, 
medwjedj, fommt hiervon und Heißt: Honiglenner. 

Befonders fennzeichnend für Brandenburg tft das viele Wafler. Bon ofero 
(iſchechiſch: jeſero) See kommt Jeſerig; von refa, Fluß, Nedom, wie aud) Reg- 
nis in Franlen. Tetfhen in Böhmen von tetfchenije, Strömung; Saaz und 
Saatwintel (bet Spandau) von fatol, Flußkümmung. Die nämlide Bedeutung 
mag auch der Krögel in Berlin haben, eine Örtlichleit, wo die Spree fi, von 
Dften kommend, nad Norden wendet. Der Name fäme dann von Krjul, Haken. 
Brod heißt Furt, davon Deutih- und Tichechiflh-Brod in Böhmen, Brodowin 
(Kreis Angermünde). Ein anderer Name für Furt ift breit (von breftj, Tang- 
fam gehen, filchen, waten); davon Brieft und Briejht, wie aud) Breft-Litowst 
(Littauifch Breft) und Breft MWolhynst (Wolhyniſch Breſt). Dolgenbrod kommt 
von bolgü, lang und brod, Furt; Dolgenfee — deutſch und wendiſch gemiſcht 
— heißt Langer See; ähnlid Sebdinfee von Bebdina, das Grau: grauer See. 
Kösfchenbroda (Sachen) fommt von kotid, Totichla, Hügel und brod, Furt. 
Breege von bereg ober breg, Ufer; Yuftin von uftje, Mündung, einem Wort, 
das aud in der ruffifden — neuerdings leider au im Deutichen Reiche 
manchmal gebrauddten — Überfegung von Dünamände ins Ruffifhe zu finden 
iſt: Uſt⸗Dwinsk. oo: 

Mit Wafler zufammenhängende Namen find no: Klübom von Kjutid, 
Duelle; Bahn von banja, Bad. Safenis von jas, Wehr. Stavenhagen von 
ßtavenj, Schleufe; Plottendorf und Plöbig von plot, Fähre; Möftchen (Züllichau) 
von moßt, Brüde; Mellen (Teltow), wie Melnit (Böhmen und Numelien) von 
melniga, Mühle; Damnit von damba, Damm; Gatomw von gat, Knüppeldamn; 
Kladom (wie Kladowo in Serbien) von Had, Steg; Sandow von Bandoff, 
Fiſcherhaken. Oßtroff, Anfel, hat viele Namen abgegeben, wie Dftrow, Dftran, 
Dftra, Dftrowo (in Bofen, wie in Mazedonien) und dergleichen. Nebenbei jei 
bemerft, daß die nfel in deutichen Ortsnamen Werder, Wörth, Weert und 
dergleichen beißt. Die Pfaueninfel bei Potsdam bat ihren Namen erft jeit 
dem neunzehnten Jahrhundert; früher hieß fie Kanindhenwerder; bei der lim- 
benennung des benachbarten Sandwerderd in Schwanenmwerder bat man fid) 
dem beutfchen Sprachgebrauch beffer angepaßt. Bon palanla, Befeitigung ans 
Pfahlwerk, kommt wohl Polenzwerder (bei Eberswalde), wie die mandherlei 
fonftigen, mit Polenz zufammengefegten Namen; jedenfall® auch Pelonten bei 
Danzig und PBalanla in Serbien. 

Sonftige, auf die Bodengeftaltung Hindeutende Namen find wetter 3. B. 
Peffin von pebtihina, Sandlorn, Glienide von glina, Lehm (glinniha, Lehm- 
grube). Krinig deutet auf die dortigen Lager von Töpferton und auf die heute 
dort no) al8 Hausgewerbe betriebene QTöpferei (frinfa, Topf; Perfonennamen 
Krinke). Kemnit, Ehemnig, Kammin kommen von lamenj, Stein; Lohme (von 
lom, Bruchſtück, auch Windbruch) ift ein Steinbrud. Zinni und Klofter Zinna 
find von tina, Schlamm, abzuleiten; Qöpchin von topj, Moorgrund; ZTrafjen- 


Slawifche Ortsnamen im Brandenburgifchen 81 


beide von trjaffina mit der nämlidhen Bedeutung; Sudomw von ßucho, trocken. 
Bolje heißt Feld, davon Pölik; nis, das unten Liegende, gibt Niefchen, wie 
in Serbien Nifh. Auch Niesiy in der Laufib ift vom gleihen Stamm; e$ 
fommt von nisfi, gering, niedrig gelegen und fol, wie man behauptet, hiermit 
die Demut der Gründer, proteftantifcher Tjchecden, andeuten. Von niwa, Flur, 
fommt Riewis; von femlja, Land, Semlin in Wefthavelland, wie bei Belgrad, 
au Nowaja Semlja (Neue Welt) im Eismeer. Schwedt kommt von Eiwjet, 
Licht, Welt (mie die ruffifhe Zeitung Kwjet). Lögow und die Lödnih kommen 
von log, verwachjenes Land; ähnlich) Dievenow von dimi, wüſt; Rochwitz von 
rog, Horn, Ede; Podejud von pod, unter, und udo, Ohr (Bergvoriprung); 
Noßdorf von noß, Nafe, Vorfprung; Koben, wie au) der Name Kutfchle, von 
totid oder Totichla, Erbhügel. Etwas Aufgehendes, Auffteigendes heikt oft, 
davon roftof, Keim, woftol, Sonnenaufgang; auch Namen wie Roftod (Medlen- 
burg und Böhmen), Roftom am Don und Wladimoftol. Lebterer Name tft 
zufammengefegt mit wlabüla, Herricher, und heißt alfo: Beherricherin des Dftens. 
Ähnlich auch Wladimir, Veherrfcher der Welt, aus wladüfa und mir, Welt. 
Nebenbei bemerkt, nannte fi auch der Gebieter Montenegros früher Wladüla 
(geiftlicher Herr), erft fpäter Zürft. 

Werch heißt Gipfel; davon Wierſch, Werchow, Virchow, Ferch. Von gora, 
Berg, leiten ſich viele Namen ab, wie Gohra, Göhren, Göritz, ferner Görlitz 
und in Galizien Gorlice. Auch der bekannte polniſche Name Lyſa Gora iſt 
hier zu nennen, mit dem Eigenſchaftswort lißü, kahl, alſo: Kahlenberg. Von 
letzterem Wort allein kommt Lüſſe (Kreis Zauche⸗Belzig). Eine ähnliche Be⸗ 
deutung hat auch Golwitz, von golü, nackt, bloß. Auch das Wort Tal liegt 
in mehreren ſlawiſchen Formen Ortsnamen zu Grunde (dolina, dol, udol), z. B. 
als Dollna, Döllnitz, Döllen, Wedell, auch in Perſonennamen wie Döllner, 
Jüdel. Die Dolinen des Karftgebirges find ebenfalls foldde Täler. 

Gehen wir nunmehr zu Stadt, Haus und Hof über, fo find gard und 
gorod Namen für Stadt oder Burg; vergleihe auch im Deutichen Stuttgart 
und Midgard. E8 heißen hiernad Garz (Ruppin), Graz (Steiermark), Grüß 
(Pofen), Königgräp (Böhmen), Brädit (Schlefien), ferner verweliht: Gradisfa 
(Küftenland). ZTichechifche Formen find Krad und hradeb, daher der hrabiäin 
(Stadtſchloß, Zitadelle) in Prag und in Zmwidau; fowie Wyfchehrad (mit 
wifchla, Höhe, zufammengefept) bei Prag. Ahnlich Wildhegrad (deutiher Name: 
Blintenburg) in Ungarn und in Bosnien; für diefe Orte mutet man dem 
Zeitungslefer heute die Schreibweife Vifegrad zu; er mag dann raten, wie man 
es ausſpricht. Belgard in Pommern, wie Belgrad in Serbien heißen Weißen- 
burg (belü, weiß); Naugard wie Nomwgorod: Neuftadt (nowäü, neu); Stargard 
(ftard, alt) Altftadt. Berfonennamen find bier Gräger und Radetzky, letzteres 
in halb tidechifcher Form. Schloß heißt aud) famol; davon Samotihin in Polen. 

Ein Bau ober Gebäude heikt bud (forbifeh buda; but: Grundmaner). 
Davon Teerbude, gleich Teerhütte; au) Buda-Peft, nach einem Ban oder Dfen 


Grenzboten I 1916 6 


— 


= 


82 Slawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 


zum Brennen von Kalk, deutich daher Dfen-Peft. Ferner Budomw in Pommern, 
Beuthen in Brandenburg und Oberfchlefien. Die Bauden im NRiefengebirge, 
fowie Kofiebaude bei Dresden, gehören auch bierher. Lebteres ift mit Tofja, 
Landzunge, zufammengefegt, vielleicht auch mit dem deutichen Kathe, fo daß es 
aus Kathebaude entitanden fein und etwa Bauernhof bedeuten Tann. Diemitz 
und Domnig find von büm, NRaud, Bauernhof oder dom, Haus, abzuleiten. 
Hhnlihe deutfhe Namen find 3. 8. Schönfchornftein und Nauchfangwerder. 
Auch Ktroi heißt Bau, ußtroitj, bauen; davon DVobriftroh (Schönbau, Schön- 
haufen) und Wuftrom. Wuftrow wurde dann mehrfach zu Wufterhaufen, wobei 
Haufen die Überfegung von ßtroi bildet; inshefondere wurde aus Wendifch- 
Wuftrom unter FYriedrihd Wilhelm dem Erften: Rönigsmufterhaufen. Wand 
heißt Btjena, davon Stienib. 

Ein Dorf heißt Belo; davon Namen mie Seelow und Gellin; ruififeh 
3. B. Tzarkloje Belo: Zarendorf, bei St. Petersburg; Belo tft dem Stamme 
nad) das deutihe Saal, das z. B. in Brucdjfal, andere Form Brüffel, id 
findet: Anftedelung am Brud. Gleichen Namens ift auch Bedlo, Sattel (Gib); 
davon Siedlce In Polen, und bei uns Seydlig. in anderer Name für Dorf 
tft weflj, wovon Weffelin und Wesloe (in Lübed; mit dem deutfchen Ioh, Wald, 
zufammengefett). Miftiz oder Maften kommt von meßto, Plab, Städtchen; 
Torgau von torg, Handel (tihehifh: tr, Marktplad); Ullitz von ulitza, 
Straße; Stebih von Ftesja, Pfad; Stahnsdorf von Btan, Lager, Dorflrug; 
Stolpe von Btolp, Säule. 

Potsdam tft ein Name, deffen Bedeutung viel umftritten worden it; 
wahrjheinfih fommt es von pod, unter, und Btupa, Tenne (Mörſer). Es 
würde dann alfo Ort unter den Tennen bedeuten; vielleicht brachte man das 
Getreide aus den Vrtichaften der Amfel Potsdam dorthin zum Ausdreichen. 

Biele Ortsnamen find im mefentlichen Eigenfhaftsworte.. Manche davon 
wurden fon an einer pafjenden Stelle erwähnt. Hier ift etwa nod) folgendes 
nadhzutragen. Bobrü beißt gut, davon kommen Dobrit und Döberit, wie 
Vobritih in der Dobrudfha und, in italtenifcher Aufmahung: Doberedo im 
Küftenland. Bon Ijubo, lieb, fommen Lübben, Lübbenau, Lubow, au Lüble, 
ſowie das polniſche Ljublin. Bon bolfdot, groß: Bölzig und Bölfhe; von 
welili, groß, erhaben: Wella; Mahlow und Mablif$ von malü, Mein; der 
Perfonenname Krätle von Tratli, Kurz. 

Bon Farben tft namentlich zu nennen: Traknü, rot, fhön. Hiervon fommen 
Krausnid und Kraſchen. Ähnlich der polniſche Perſonenname Krasnopolsk: 
von Schönfeld. Belũü heißt weiß; davon Beelitz, Bielitz, Bilin. Von tſchernü, 
ſchwarz, kommen Zorndorf, Tſchirnhauſen, Tſchernitz, Tſchernowitz und das 
Land der ſchwarzen Berge Tzrnagora, italieniſch Montenegro. Auch Perſonen⸗ 
namen wie Zörner und Tſchirner kommen von „ſchwarz'“, wobei noch zu 
bemerlen iſt, daß tſchernu auch der Leibeigene, und tſchern das gemeine Volk 
heißt. Von kari, braun, kommt Karow. 


Slawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 83 


Namen, die fi auf frühere gottesdienftlicde Stätten beziehen, find ins- 
befondere LieBom oder Lühom, von litt, Geficht, Verfon, verwandt mit It, 
Heiligenbild (daher Lyf in DOftpreußen), eine Benennung, die in der hier allein 
in Betraddt Tommenden beibnifchen Zeit Götterbild bedeutet und damit eine 
Anbetungsftätte bezeichnet haben mag. Ähnlich iſt Trebbin von treba, Opfer 
und Nudom von ruda, Blut, abzuleiten, al8 Stellen blutiger Opfer. Bon 
Kram, Tempel, fommt Sremmen. Bon Sielemal und SKielebufhd als von 
Hindeutungen auf Waldgeifter war fon die Nede; auch die heiligen und 
ZTeufelsfeen find bier zu nennen, obfchon ihre Namen jeht deutih find. An 
beiderlei Stellen mag man Natur- oder Waldgeifter verehrt haben. Dabei 
find die beiligen Seen größere Seen neben einem anderen, noch größeren 
Gemwäffer, die ZTeufelsfeen Kleinere, vereinzelt liegende Seen. 

Mandhe Ortsnamen find auh deutih und flawifch gemifcht, wie deren 
fhon einige erwähnt worden find; bei anderen bat man, dem Landesverbraud 
entiprechend, an einen deutihen Namen eine flawifhe Endung angehängt, wie 
bei Templin (nach einer Beflgung der Tempelherrn benannt), bei Schönow oder 
Eichow. Andere Orte wieder haben zwar einen flawifchen Namen, aber Doc 
feinen alteinheimifhen. Bon diefen wurde Niesfy Ion genannt; ähnlich ift 
au Nomwamwes bei Potsdam eine Gründung eingewanderter Tihedhen, vom 
tichehiihen Rowa-Weh, Neuendorf, Sadowa (von Bad, Garten) ift nur eine 
Namensübertragung aus Böhmen, zu Ehren der Schlacht von Königgräb oder 
Sadowa; Neukölln tft eine ganz neue Ummennung von Rirdorf (urfprünglich 
Richardsporf), deffen Bürger plöglih mit ihrem alten, ehrlichen Ortsnamen 
nicht mehr zufrieden waren. Ahnlih famen aud) die Einwohner von Kielemal 
vor einiger Zeit darum ein, der Drt follte Königsmal heißen, wurden aber 
glücklicher Weiſe abgewieſen. Auch Nilolstoe ift bier zu nennen, die bübi 
gelegene Anfteblung bei Potsdam, mit dem falfh gefchriebenen und darum 
jedem Befucher unausfprechlicden Namen: Nikolskoje, zu deutih Nikolai. E8 
ftammt aus jener unglüdlihen Zeit nad) den reiheitsftiegen, al8 Preußen 
faft eine ruffiide Provinz war, und ift dem damaligen ruffiiden Großfürften 
Nikolaus zu Ehren benannt. 

Biele Namen wurden jhon erwähnt, die fheinbar deutih, in Wirklichkeit 
flawifh find. Der wahre Sachverhalt könnte allerdings in vielen Fällen nur 
dann ermittelt werden, wenn bie Umftände aufgellärt würden, unter Denen der 
Name entitanden if. Im früherer Zeit fuchte man diefem Mangel durd 
Ramens- und Wappenfagen abzubelfen, Erzählungen, die feinerzeit fogar von 
Gefhichtsforfhern und Dichten ernjt genommen wurden, uns Heutigen aber 
foft wie faule Wite Flingen. Wir fpradhen von diefer Schwierigkeit fchon 
eingangs und wollen bier noch ein anderes DBeifpiel erwähnen. In Branden- 
burg gibt e8 zwei Drte, Lömwendorf und Löwenberg, in Schlefien auf ein 
Zöwenberg. Woher lommen diefe Namen? Vielleiht von loff, Yang oder 
lomeg Yäger? Dber von Namen oder Wappen des Ürtsgründers? Bel 

6* 


84 Siawifhe Ortsnamen im Brandenburgifchen 
einem anderen, gleihfals vom „Löwen“ fi ableitenden Ort fönnen wir dies 
beantworten. &8 ift Lemberg in Galizien, polntiih Lwow. Diefe Stadt wurde 
1259 zu Ehren des Füften Leo oder Lem von Halitih benannt, woraus dann 
mit deutider Endung Lömwenberg, Leonberg oder Lemberg, mit polnifher Lemow 
oder Zmomw wurde. Der Name kommt alfo nicht, wie fcheinbar ganz jelbit- 
verftändlih, von Lehm ber. 

Kaum zu ermitteln fit es auch, ob nicht etwa eine Anzahl, oder vielleicht 
viele der biefigen Ortsnamen urfprünglid” deut gemwefen und dann beim 
Eindringen der Slawen flawifiert worden find. Dies Iönnte 3.8. bei Branden- 
burg der Fall fein. Aber bier fehlt e8 faft ganz an Anbaltspunften; fo läßt 
auch weiter nur einer der befannteren Ortsnamen eine folche germaniihe Urform 
vermuten, nämlich Danzig. Gewöhnlich leitet man biefen Namen von Banft 
(dänifh) ab und erklärt den Drt für eine dänifche Gründung; aber dann bleibt 
e3 immer rätfelhaft, wie die polnische Form Gpanfl und die Iateinifche Gedanta 
zu ihrem & fommen. Berüdfidhtigen wir aber, daß vor den Slawen bie 
deutfden Guttonen oder Goten jene Gegenden bewohnten, fo fann der Name 
zuerft etwa Gotenburg oder Buttonia gelautet haben, woraus dann Gedania 
und nad Abfall des Anlaute® Ge, und mit flamifcher Endung, Danzig ent- 
ftanden fein fann. Das ift aber nur ein nereingeltes Beifpiel; jebenfalls aber 
dürfte das eine feftftehen, daB die eindringenden Wenden mit den vorhandenen 
germanifhen Ortsnamen rüdfihtslofer umgefprungen find, als wir nad ber 
Rüderoberung des Oftens mit den inzwifchen alleinherrichend gewordenen flawifchen. 

Spradlih fällt unter den befprochenen Namen befonders das auf, dab ber 
vofalifde Anlaut faft ganz fehlt. Wir haben feinen Namen mit A, & und 5, 
nur wenige mit D und U gebradt. So fangen au im Ruffifchen faft nur 
Sremdwörter mit A oder E an; darüber hinaus fchlägt aber das MWenbifche 
au no) da ein W oder % vor, wo dort volalifcher Anlaut no vorhanden 
ft. So 3.8. in ofero (See): jefero; in olda (Erle): woliha; in ofina 
(Bitterpappel): woßa. Sn beiden genannten flawifhen Spracdhen mit vor- 
geſchlagenem 3, dagegen im Deutjchen mit volalifhem Anlaut beginnen Stämme 
wie jaßenj, Eiche und jablonj, Apfel. 

Und nun zum Schluß nod) eine Bemerkung. 3 follte nicht die Aufgabe 
vorliegender Abhandlung fein, den Stoff zu erfhöpfen, alfo weder alle in 
Brandenburg vorlommenden Namen auf ihren Stammbaum zu prüfen, noch 
aber aud) alle irgend einmal und irgendwo geäußerten Anfichten mitzuteilen 
und je nachdem anzunehmen oder zu verwerfen. Demgemäß find aud) folde 
anderen Meinungen nur ganz gelegentlich einmal erwähnt; im übrigen erfdhien 
es dem Berfafjer befjer, dem Lefer eine Anregung, als ein Nachfchlagewert 
zu geben. 








Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutichland 
im Weltfriege 
Don Profefior Dr. Johannes Wendland 


(Schluß) 

Wie ftarl das Anterefje der Schweiz an dem tragifchen Schiedfal Belgiens 
ift, zeigt eine umfangreiche Hilfsaktion, die für Belgien ins Werk gefegt wurde. 
&3 zeigt fh aud darin, daß Bücher und Brofehüren über Belgien eines 
weiten NAbfabgebiete8 fiher find. Das Befte, was von Schweizer Seite 
auf Grund umfafjender, don vor dem Sriege betriebener Studien über Belgien 
gefchrieben ift, ift die in der 5. Auflage vor mir liegende Schrift von Eduard 
Blocher, „Belgiſche Neutralität und Schweizerifhe Neutralität.” Zürich 1915”) 
Auch Blocher beginnt wie Wernle und wie überhaupt jeder Schweizer mit dem 
Ausdrud des VBebauerns: „Die Überrumpelung des Heinen neutralen Staates 
Belgien hat und Schweizer alle fehmerzlich berührt. eder von uns bat fi) 
fogleid) gefragt: Könnte e8 uns nicht auch einmal fo gehen? Springt man 
fo mit mit den Kleinen Staaten um?“ (Seite 3). Aber Blocder zeigt Har 
den großen Unterfchied zwifchen der jchweizerifhen und belgiichen Neutralität. 
Sein Urteil gründet fi auf ein umfafjendes Studium belgischer Publikationen 
und Zeitungen. Er ftüßt fidd nicht auf die von deutjdher Seite ausgegangenen 
Beröffentlihungen. Seine Ausführungen gewinnen dadurch um jo größere 
Durdfchlagstrafl. Er kommt zu dem Ergebnis, „daß Belgien erftens erftaun- 
fi) wenig Baterlandsliebe Tennt” (Seite 4). Angefehene walloniide Partei- 
führer haben es nicht einmal, fondern wiederholt erklärt: „Eine ungeheuere 
Anzahl von Wallonen wäre fogleich froh zu Frankreich zu gehören“. (Seite 
10). „Wir Iteben Frankreich als unfer wahres Vaterland und wir werben bei 
jeder Gelegenheit unjere franzöfiihe Baterlandsliebe bemeifen und für unfere 
franzöfifde Nationalität Zeugnis ablegen“ (ebenda). Kurz Belgier Tonnten un- 
widerfprocdhen erflären, e8 gebe tein belgifches Vaterland, die Annerion dur) 
FStantreid) fei das erjtrebenswerte Ziel. Den ungeheuren Unterfchied von ber 


*), Erihienen in dem Berlag der „Stimmen im Sturm”. Die Eridheinungen diefes 
Berlage® machen e8 fih zur Aufgabe, einer einfeitigen Stellungnahme gegen Deutich 
Iand entgegenzutreten. &8 Handelt fi bier nicht um eine reich8deutihe Gründung, fondern 
um ein von deutfch-fchweizerifher Seite außgegangened Unternehmen. 


86 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfchland 


Schweiz hebt Blocher gebührend hervor. Der Schweizer bat ein ftarfes Bater- 
landsgefühl, für das er Opfer zu bringen gemillt ift, fein Schweizer Tann für 
eine Annerion von Teilen feine® Landes eintreten. ine folde Meinungs- 
äußerung ft in der Schweiz undenkbar. Aus Blodhers Schrift befommt man 
den Eindrud, daß eine Bergleihung der fohmweizerifhen und ber belgiichen 
Neutralität im Grunde eine Beleidigung der Schweiz ff. Denn das ift das 
zweite, was Blocher berausftellt: Belgien bat „feine Neutralität und feine Neu- 
tralitätspflicht immer ganz anders aufgefaßt al8 wir Schweizer die unfrige.“ 
Belgien hielt ih für völlig frei, im Kriegsfalle zwifchen den ftreitenden Mächten 
Bartei zu ergreifen. Daher erklärt Blocher es für begreiflih, daß Deutſchland 
dem belgifhen Neutralitätswillen fein rechtes Vertrauen fehenten Tonnte. „Zur 
Schweiz hatte Deutfchland Berirauen, zu Belgien nit. Kann man fidh da- 
rüber wundern? Konnte ein Land, das feit Jahren in jeder Weife für Yranl- 
reich Partei ergriffen hatte, verlangen, daß man ihm unbedingtes Vertrauen 
ſchenke? War wirklich von einem foldhen Lande zu erwarten, daß es fih mit 
aller Kraft widerfehte, wenn ein franzöflfches Heer den Durdygug zu erzwingen 
fuhte?“" Blocher macht feinen Landsleuten den großen Unterj&hied Har und 
zeigt, daß aus der Verlegung der Neutralität Belgiens auf keine Bedrohung 
der fchweizerifhen geichloffen werden darf. „Vielmehr bedeutet die Uber- 
rumpelung Belgiens und die Achtung unferer Grenzen geradezu eine Aner- 
fennung unferer Art, die Neutralität aufzufaffen und jdhon in riedenszeiten 
zu üben, im Gegenfat zu der Art Neutralität, wie fie in Belgien gehandhabt 
worden ift.“ (Seite 30). Blocdhers Schrift bildet eine wertvolle Ergänzung 
deflen, was von deutfcdher Seite zu der belgifchen Neutralität gejagt worden ift. 
&3 wäre zu wünjden, daß fie die öffentlihe Meinung in der Schweiz nod 
ftärler beeinflußte. 

Die Schweiz ift auf ein freundliches Verhältnis zu den vier Großmädhten 
angemwiefen, die fie einfchließen, und bie feit dem 23. Mat 1915 fämtlich im 
Kriege befindlih find. Ungeheure wirtfchaftlide Schwierigkeiten find für ein 
Land darin einbegriffen, daß es felbft nirgends an das Meer beranreidit. 
&3 ift auf den guten Willen feiner Nachbarländer angemiefen, bie die Zufuhr 
von Kohlen, Öetreide, Eifen, Baummolle, Seide und von Halbfabrifaten troß 
des Srieges nicht abjchneiden. Allerdings leiftet Die Schweiz auch jebem der 
Kriegführenden einen gewiffen Dienft. Unfer Katfer bat anläßlich feines Be- 
fuches in der Schweiz 1912 erflärt: „Die Schweiz erfegt mir fech8 Armee 
forps.“ Deutihland bat das volle Bertrauen, daß die Schweiz jedem Verfudh 
Frankreichs, durch die Schweiz hindurch in das füdlihe Baden oder zum Bodenſee 
vorzuftoßen, mit bewaffneter Gewalt fidh entgegenfehen würde. Das Vertrauen 
auf die Leiftungsfähigleit der Schweizer Armee, daß fie einen Durchbruchs⸗ 
verſuch im Schweizer Jura erfolgreich abzuwehren imftande fei, ift ficherlich 
durch ben Kaijerbefuch von 1912 bejtätigt worden. Db Frankreich tm Auguft 
1914 den ernftlihen Plan gehabt hat, einen Vorftoß durch die Schweiz nad 


Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfdhland 87 


Süddeutihland zu machen, wird erft eine fpätere Gejchichtsichreibung feftftellen 
Tonnen. un der Schweiz war jedenfalls dieje Beforgnis weit verbreitet. Bon 
Schweizer Soldaten, die an der Grenze im ura ftanden, ift mir er- 
zählt worden, daß fie darauf gefaßt waren, binnen wenigen Stunden in die 
Schlacht einzugreifen. Dasfelbe erzählt der Schweizer Arnold von Salis, „Die 
Neutralität der Schweiz”, Leipzig, ©. Hirzel, 1915 Seite 38. Der Aufmarid 
der franzöfifhen Armee an der Weftgrenze der Schweiz war bedrohlich, „und 
mit der Möglichkeit eine8 DVerjuchs, die Yurapäffe zu forcieren, um dem 
deutfhen Heer in die Flanfe oder in den Rüden zu fallen, war zweifellos zu 
rechnen. u der fiheren Erwartung, kämpfen zu mäfjen, und mit einer Be- 
geifterung, welche derjenigen der bdentichen Heere faum nadjitand, zogen die 
Schweizer Soldaten an die Grenze.” Db etwa Franfrei dur den Vorftoß 
der deuten Armee nach Belgien hinein feine Abficht, dur) die Schweiz durch- 
zubredhen aufgegeben hat oder diefen Plan nicht ernitlih gehabt hat, Tann 
heute noch nicht feitgeftellt werden. Yedenfall Ieiftet die Schweiz den frieg- 
führenden Parteien den Dienft, daß ihre Front wefentlic) verlürzt wird und 
daß ihre beiderfeitigen Ylanlen gededt werden. Freili fommt ihr dabei die 
gebirgige Lage de Landes zugute, die im Verein mit einer gut ausge. 
bildeten Truppe die Verteidigung des Landes fehr erleichtert. 

Don dem Weltkrieg bat die Schweiz nur Laften zu tragen, umd zwar 
[hwere. Wenn aud die männliche Bevölkerung nicht auf den Schladtfeldern 
bluten muß, fo macht fi) doch die Einberufung der Dienftfähigen tıı den ver- 
ichiedenen Berufen jtörend bemerkbar. Die Koften der Unterhaltung des ftehen- 
den Heeres betragen bereit8 200 Millionen Franlen, eine Summe, die dag 
nicht reihe Land nur fhwer aufzubringen vermag. XVabei hat die Schweiz 
nicht die geringfte Ausficht, irgend etwas dur den Weltkrieg zu gemwinnen. 
Begreiflih genug, daß die Vollsftimmung fi in einem Schimpfen über den 
Weltkrieg und feine Anftifter Luft madt. Ia man fann den Wunjh aus- 
geiproden hören, alle Kriegführenden möchten fi blutige Köpfe holen und 
nichtS beim Kriege berausfommen, jo daß allen die Luft vergehe, noch einmal 
die Ruhe der neutralen Welt zu ftören. Biel politiide Weisheit zeigt fih in 
folden Worten nicät, aber fie kennzeichnen die Stimmung des Yndividualiften, 
der ungeftört bleiben will. 

Ungeheuer leidet die Schweiz unter dem Weltkrieg. Die Hotelinduftrie, 
die in der Sommer- und Winterfaifon, befonder8 aus Deutichland, England, 
zum Teil au aus Amerika einen Golditrom in das Land hineinzieht, muß 
auf die fremden Befucher beinahe ganz verzichten. Gerade die großen Lugus- 
hotels haben in der Sommerjatfon teilweife ihre Pforten gejchlofjen gehalten 
und werden num fon den Ausfall der zweiten Winterfaifon zu erfahren haben. 
Dhne nachhaltige Hilfe der Banklonfortien geraten fie in Konkurs. Zugleid) 
ift das Heer der Hotelangeftellten mit einem Schlage brotlo8 geworben. 

In ebenfo fchwerer Lage befindet fih die Vollswirtihaft. Die Schweiz 


38 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfchland 


hat in Friedenszeiten faft alle Kohle aus Deutichland bezogen. Täglich fahren 
eine große Zahl von Güterzügen über die deutfche Grenze, mit Kohlen jchwer- 
beladen. Cbenfoviele Wagen kehren, faft immer leer nad Deutiland zurüd. 
Auch in Kriegszeiten tft die Kohlenzufuhr nicht gefperrt worden. Wie wichtig 
bier freundliche Beziehungen find, Iiegt auf der Hand. Aber au) daS zur 
Ernährung des Landes notwendige Brotgetreide wird nicht im Lande felbit in 
genfgendem Umfange produziert. Die fchmweizerifhe Landwirtiaft ift vor- 
wiegend Mild- und MWetdewirtfhhaft.e Befonder in den höher gelegenen 
Gegenden tft diefe weit rentabler als die Getreidefultur, erfordert auch weniger 
Arbeitskräfte als diefe. Sfnfolgebeffen führt die Schweiz in großem Umfange 
Käfe, Butter, Tondenfierte Mil, im Grengverlehr auch friihe Mil aus und 
muß Weizen- und Noggenmehl einführen. Cine Sperrung der Grenzen würde 
dem Lande bie nötigen Lebensmittel binnen kurzem entziehen. Deutichland 
fann feit Kriegsausbrud) die NVerproviantierung der Schweiz nit auch noch 
übernehmen. Nur in beigränktem Umfange ift Getreide gegen eine entiprechende 
Lieferung von Butter und Käfe in die Schweiz eingeführt worden. Statt defien 
bat die Schweiz fich nach Überfeeifhen Bezugsquellen umgefehen. Die Einfuhr 
über ttaltentfche oder franzöfiihe Häfen ftieß auf mande Schwierigkeiten. Vie 
Überfühung des Hafens von Genua und der Mangel an rollendem Material 
führten zu Stodungen in der Zufuhe. Auf Grund von Verhandlungen mit 
Sranfreih wurde der Hafen von Gette im Mittelländifchen Dieer für den Import 
von Waren nach ber Schweiz zugeftanden. Do hat fie immer gegen das 
Miktrauen zu Tämpfen, als follien die ihr bewilligten Waren im Durdgangs- 
verkehr Deutichland zugute fommen. Werner fehlt e8 öfter an Eifenbahnwagen. 
Die Beforgntis, als Lönnte die Entente dur Abfchneiden der Zufuhr die Schweiz 
zur Teilnahme am Sriege an ihrer Seite zwingen wollen, bat fih glüdlicher- 
weife als falfh ermwiefen. Ein folcher Berfuh, den Bruch) der Neutralität 
dur wirtiaftliden BDrud zu erzwingen, hätte ficher gegenteilige Wirkungen 
ausgeübt. | 

In viel ſchwierigerer Lage iſt Die Induftrie. Die in der Schweiz beftehende 
Eifen- und Mafhineninduftrie tft ebenfo wie die Uhreninduftrie für ihren Abſatz 
auf das Ausland angemwiefen. Ehbenfo werden die Yabrilate der Schweizer 
Stiderei- und Bandfabrifen hauptfähli nach England und Nordamerila aus- 
geführt. Die Rohmaterialien und Halbfabrifate, die diefe Induftrien brauchen, 
werben meift nicht von den Ländern bezogen, die die Yertigfabrifate beziehen, 
fondern oft von Ländern ber entgegengefegten Mächtegruppe.e Wenn die 
Lieferung der Rohmaterialien von der einen Mächtegruppe davon abhängig 
gemacht würde, daß die Yertigfabrilate nicht den Ländern der Gegenpartei 
dienen follen, würden mande mduftriezweige ganz lahm liegen. Mühjame 
Verhandlungen find darum nötig, um die Einfuhr- und Ausfuhrbemwilligungen 
unter Bedingungen zu erhalten, die die nduftrie nicht fchädigen. England bat 
genau biefelben Mittel anzuwenden gefucht wie in Holland und Norwegen. Es 





Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfchland 89 


hätte am liebften den gefamten Handel der Schweiz dur englifhe Beamte 
Iontrollieren laffen, ferner die Entfernung der vielen in fehweizeriichen Betrieben 
angeftellten deutfchen und öfterreichifchen Beamten und Arbeiter verlangt. Aber 
der Schweizer Unabhängigleitsfinn bat fich erfolgreich gegen bemütigende Be- 
dingungen gemwehrt. Der Schweizer Einfuhrtruft, der durch Zuſammenſchluß 
der meiften einführenden und ausführenden Firmen gebildet ift, läßt durch 
Schweizer Bürger die Durchführung der Verpflicdtungen Tontrollieren, auf die 
die einzelnen Yirmen bezügli des Erportes von Waren eingegangen find. 
Aber die Klagen der fchweizeriihen Ynduftrielen über das mangelhafte 
Funktionieren des Ginfuhrtruftes mehren fih. ine eibliche Verfiherung, daß 
die Waren nicht zur Durchfuhr nah) dem Feindesland beftimmt find, wird 
verlangt. Ferner verlangen die ausländifhen Firmen in Frankreich und Stalien 
meift Vorausbezahlung. Und wenn diefe geleiftet ift, faun der BBefteller oft 
Monate lang auf die Lieferung warten. Alle Rellamationen führen nicht zum 
Biel, jet e8, daß der Lieferant inzwifchen feine Mare zu teurerem ‘Preife 
anderswo verlauft hat, oder daß die Ware in irgend einem Lagerhaufe liegt 
und wegen Mangels an Eifenbahnwagen verfommt. a, der Verdacht ift bereits 
aufgelommen: der ganze Einfuhrtruft führe eher zu einer Schädigung der 
Fuduftrie, wenn die einzelnen Firmen nachweifen müflen, wieviel Robftoff fie 
in normalen Zeiten bezogen haben. Manche Geichäftsgeheimniffe werden fo 
verraten und Lönnen zur Stärkung der ausländiichen Konkurrenz benubt werden. 
So äußert fich ftarler Unmille über die gewaltige Störung der Ynduftrie durch 
den Weltkrieg. Es iſt z. B. fraglich, ob die Bandfabrifen und Stidereien die 
nötige Baumwolle erhalten werden. Das Ausbleiben der Zufuhr würde mit 
einem Schlage viele Fabrilen ftill legen und Zebntaufende von Arbeitern 
brotlos machen. M 
&8 ift nicht zu leugnen, daß in induftriellen und faufmännifchen Streifen 
der Schweiz die Meinung berriäht: für die Schweizer AJmbuftrie wäre es das 
Beite, wenn durch den Krieg Feine mefentliche Verichiebung des europäifchen 
Sleihgewichts eintritt. Von der Konkurrenz Frankreichs fürchtet man nichts, 
da Frankreich mit feiner nicht mehr wadhjenden Einwohnerzahl feine mduftrie 
nit ausdehnen Tann. Bon einem fliegenden Deutfchland dagegen fürchten 
mandje Schweizer, daß feine SKonturrenz der Schweizer Juduftrie gefährlich fein 
werde. Daher haben mandde Schweizer e8 offen ausgefprochen, ihre Sympatbieen 
ftänden ftetS auf der Seite des Unterliegenden. Befonders wirft der Gedante 
wie ein Schred'gefpenft: im Gefolge des Sieges Deutfehlands würde eine mittel» 
europäifche Wirtfhaftsvereinigung die Zentralmädhte famt den um fie berum- 
gelagerten Fleinen und mittleren Staaten vereinigen. Die Schweiz würde 
Ichwerlich geneigt fein, einer foldden wirtichaftlichen Vereinigung fih anzufchließen, 
in welchen Yormen fie auch immer zuftande käme. Sie würde in ängitlicder 
Sorge um ihre Unabhängigkeit den Verdacht hegen, die Wirtichaftsvereinigung 
fönnte eine politifche Verbindung vorbereiten wollen. Und biergegen jträubt 


= 


90 Die Stellung der neutralen Schweiz zu Deutfdhland 


— 
— 


fih der fchmweizerifche Unabhängigfettsfinn aufs Außerfte. CS wäre der erfte 
Schritt zur Aufgabe der Neutralität, wenn die Schweiz mit einem auch nod) fo be- 
freundeten und ftammpverwandten Voll in eine engere Gemeinjchaft treten wollte. 
Die allgemeine Bollsabftimmung, die den legten Entfcheid über. jedes Gefeb zu 
treffen hat, würde mwahrjheinlid ein derartiges Gejeg verwerfen. Wenn da- 
gegen ein folder Wirtihaftsbund mindeftens Franfreih oder auch Frankreich 
und Stalien umfafjen könnte, läge die Sade ganz anders. Dann würde die 
Schweiz einem folden Bunde beizutreten gemwillt fein. Gaudenz von Planta 
vertritt in feiner Heinen Schrift „Die Schweiz im Staatenbunde”, Chur 1915, 
jogar den Gedanken eines europäifchen Staatenbundes, eines Zufammenfchluffes 
Europas mit Ausfehluß des wejentlih afiatifden Ruklands, um die europäifche 
Kultur gegen die allmählich herannahende gelbe Gefahr zu jchüßen. 

Es iſt verftändlih, daß die internationale Sriedensbewegung in der Schweiz 
beionder8 viele Anhänger bat. Yhre Neutralität würde am beften daburd) 
geihüst werden, wenn fämtlide anderen Staaten um die Schweiz herum fi 
verpflichteten, ihre Streitigfeiten durch friedlihe Abmadhungen beigulegen. Die 
Schwierigkeiten, die dem entgegenftehen, werden meift unterfhäht. Die findliche 
Meinung tft weit verbreitet, mit ein wenig gutem Willen und Gerechtigfeits- 
gefühl Ließen fi) die nationalen Konflikte Löjen. Einen folden naiven Stand- 
punlt vertreten 3. B. die Brofhären von Dr. Yohannes Erni, „Die europäifche 
Unton al Bedingung und Grundlage des dauernden Friedens”, Zürich 1915 
und „Vorfhläge zu einem baldigen und dauernden Frieden”, Bafel 1915. 
Der Berfafler teilt von feiner Studierftube aus die Welt unter die ftreitenden 
Barteien, übermweift Konftantinopel an Bulgarien ujmw. und glaubt wahrfcheinlidh, 
daß fein Gerechtigfeitgefühl von allen Vernünftigen geteilt werden müffe. 
Ebenſo bat er bereit8 35 Paragraphen für eine Verfaffung der europäiichen 
Unton bereit, die ihren Sig in Bern haben müffe, da dies das Zentrum 
Europas ſei. Ich würde folde Bhantaften nicht anführen, wenn fie nicht die 
Stimmung weiter Kreife wiedergäben. Ernithafter ift die vom „Schweizerifchen 
Komitee zum Studium der Örundlagen eines dauerhaften Friedensvertrages“ 
herausgegebene Denkfrift über „Die Grundlagen eines dauerhaften Friedens- 
vertrages”, Dlten 1915. Sie erwägt gleichfalls die Möglichkeit eines europäifchen 
Staatenbundes und madt im übrigen allerlei Borfehläge zur Herftellung inter- 
nationaler Redtsordnungen und eines Schiedsgerihts. Das treibende Sntereffe 
ift dabei immer, die ntegrität der Schweiz, die bereits bisher auf dem guten 
Millen der benachbarten Großmädhte ruht, durch eine internationale Rechts» 
ordnung endgültig fiher zu ftellen. 

Ein gewiffer Stimmungsgegenfaß gegen Deutfchland pflegt in den demo- 
fratifchen Einrichtungen der Schweiz zu liegen. Diefe find gegenüber ven 
früheren ariftofratiiden Kantonsverfafjungen 1848 nad) dem die Schweiz zete 
Müftenden Sonderbundfrieg durchgeführt, 1874 revidiert und haben fi) im Ganzen 
fo bewährt, daß der Schweizer feine Verfaflung für die befte auf der Erbe 


Die Stellung der neutralen Sdweiz zu Dentfchland 91 


hält. Obwohl fie kaum mehr als den Namen mit der zum einheitlichen 
Zwangsftaat neigenden franzöfiichen Republif gemein bat, übt doch das Wort 
Demokratie eine Zaubergewalt aus. Ya die demokratifhe Verfaffung wird 
geradezu als das patriotifche deal angefehen, das die verfehiedenen Kantone 
zur Einheit verfuüpft. Daß Deutihland eine Fülle demokratifher Einrichtungen 
in der GSelbftverwaltung der Städte und Gemeinden, in den Provinzial» 
ausfhüflen, Landmwirtfchafts- und Handelsfammern befitt, ift gewöhnlich un- 
befannt. Ebenfo wird ganz überfehen, daß Deutfchland wegen feiner erponterten 
Grenzen eine ftarfe Zentralgewalt braudit, ebenfo daß die demofratifch-liberale 
Bewegung von 1848/49 mit dem Auf nad) der Ginigung Deutichlands unter 
der einbeitlihen Führung eines Kaifer8 endete. Wohl wenige Schweizer haben 
es fi Har gemadt, dak Deutichland ohne feine Hiftorifche monardhiihhe Führung 
dasfelde Schidjal erlebt hätte, wie wir es an Ditpreußen erlebt haben. Es 
würde heute ein großer Zrümmerhaufen fein. Belannt find nur gemilje 
Reibungen zwifhen der Regierung und den Parteien, unbelannt dagegen, 
welche Gefahren eine wechlelnde parlamentarifhde Barteiberrichaft zwiichen dem 
ſchwarzen und dem roten Blod für Deutichland mit jich bringen würde. Der 
Stimmungsgegenfat gegen Deutihland fpielt fiher eine bedeutfame Rolle. Er 
führt den Weitmächten mande Sympathien zu. Vielleicht zeigt der Weltkrieg 
vielen, daß ohne eine ftarfe Negierung mit monardiidher Spige Deutichland 
nicht feine wunderbare Drganifationskraft im Felde und daheim hätte durd- 
führen können. Unfere Taten haben doch auch viele Schweizer mit Bewunde- 
rung erfüllt. Sm der Offentlickeit ift unter anderen Pfarrer Hans Baur in 
Bafel vol Bewunderung für Deutfehland eingetreten. Er berichtet in ber 
Brofhüre „Das Tämpfende Deutfchland daheim“, Zürich 1915 (Heft 1 der 
don erwähnten „Stimmen im Sturm“), was er auf einer Ferienreife in einem 
Gefangenenlager in Deutihland gefehen bat. Ebenfo weiß der bedeutendfte 
Prediger Bafeld, Guftan Benz, die fchwierige Aufgabe muftergültig zu erfüllen, 
ohne Berlegung der Neutralität den Familien Troft und Erhebung zu bieten, 
von denen viele in feiner Gemeinde ihren Ernährer im deutfchen Heere haben. 
Biele feiner in der Kriegszeit gehaltenen Predigten find in Einzeldruden ver- 
breitet. Er ift gerecht und erfennt Gutes überall an, wo e8 anguerlennen ift. 
Er fpridht für Schweizer wie für Deutfhe in gleicher Weife. Jedem hat er 
etwas zu fagen, und niemand wird filh durch ihn verlegt fühlen. Die fhwierige 
Aufgabe der Kriegspredigt im neutralen Lande ift hier von einem Schweizer 
in hervorragender Weife gelöft. 

Zroß der wirtichaftliden Schwierigkeiten, die das Land bedrohen, hat die 
Schweiz als das Land, in dem die Genfer Konvention vom Noten Kreuz 1864 
gefchloffen wurde, eine humane Friedensarbeit zu Gunften ber Triegführenden 
Länder geübt. Die Bolt für die Kriegsgefangenen in Deutichland wie in 
Hrankreih wird unentgeltlid von der Schweizer Poft befördert. Ein Büro für 
Kriegsgefangene verfieht viele Gefangene mit Liebesgaben. Gin alademifcher 


92 Die Stellung der nentralen Schweiz zu Deutfchland 


Hilfsbund für Triegsgefangene Afademiler verforgt diefe mit geeigneter Lektüre, 
vor allem wifjenjchaftlicden Büchern. Bejonderd bat fi die Schweizer Liebes- 
tätigleit bei dem Austaufh der fehwerverwundeten Sriegsuntauglien und 
Zivilinternierten bewährt. Dies darf ihr niemals vergefjen werben. 

Wenn wir enttäufcht find, daß die öffentlihe Meinung in der deutfchen 
Schweiz nicht ungeteilt auf deutfcher Seite fteht, jo liegt der legte Grund dafür 
darin, daß eine politiihe Sonderftelung auf die Dauer troß aller Kultur- 
gemeinfhaft ein immer ftärleres befonderes Nationalgefühl wirkt. Noch im 
17. und 18. Jahrhundert haben alle Deutfchichweizer auf die Frage, ob fie 
Deutiche feien, mit einem felbitverftändlichen Ya geantwortet. Die politifche 
Konfolidation des Deutfchen Neiches im 19. Jahrhundert, die mit der Gründung 
des Reiches 1870 ihr Ende fand, hat das deutfche Nationalgefühl ungemein 
gefteigert. Aber während noch das Vaterlandslied Ernft Mori Arndts „Was 
tt des Deutfchen Vaterland?“ die Schweiz unbedenflid) zum Baterlande rechnete, 
ift dies feitdem unmöglich geworden. Auch das politifhe Schweizerbemußt- 
fein tft duch die Berfaflungen von 1848 und 1874 bebeutend geftärlt. 
Der Mann aus dem Volle wird heute in den meiften Fällen die ftrifte Ant- 
wort bereit haben: „Wir find feine Deutfchen“. Der Gebildete wird die 
deutliche Unterſcheidung machen: „Politiſch ſind wir feine Deutichen, aber 
fulturel find _wirägute Deutſche“. 





LapcAe 
— 





Der heilige Berg 


Von Pfarrer Edmund Kreuſch 


Jen heiligen Berg der morgenlaändiſchen Chriſtenheit umrauſchen 
die Kiele der feindlichen Schlachtſchiffe; es brüllen die Kanonen 
über das Meer herüber zu den Dlivenhainen, Kirchen und 
Kloſterzellen; um Saloniki dehnen ſich die Lagerzelte der Eng⸗ 
länder und Franzoſen und ſperren die Wege zum Hagion Dros. 

Die Mönche auf dem heiligen Berge, dem Hagion Dros, der ſich faſt 
zweitauſend Meter über das ägäiſche Meer erhebt, ſchauen bekümmert aus ihrer 
heiligen, göttergleichen, himmelnahen Ruhe auf das männermordende Kriegs⸗ 
getümmel der Ebene hernieder. 

Unter den Stämmen, die ſich nordwärts befehden, haben ſie ihre Freunde 
und Verwandten. Unter den Griechen, die Saloniki kampfgerüſtet bevöllern; 
unter den Serben, die ſchreckensbleich die Grenze überfluten oder in verzweifelter 
Gegenwehr fih den nachdrängenden Bulgaren entgegenſtemmen; unter ben 
Bulgaren, die fiegestrunfen die Serben und Serbenfreunde mit ihrem Granaten- 
bagel überfehütten — überall haben fie ihre Angehörigen. Ä 

„Heilige Sungfrau, des Athos Königin, Mutter Chrifti, hilf den Armen!“ 
So beten fie in ihren Zellen mit Treuzweis ausgebreiteten Armen; fo plalmo- 
dieren fie in ihren ebrmwürbigen SHeiligtümern, Tag und Nacht, ftundenlang 
ftehend, fi niederwerfend, den heiligen Boden füffend — entfagend — büßend 
— ein ganzes Boll von Anacdhoreten, Mönchen, Brüdern. 

Sorgenvoll ftudieren fie in den heiligen Schriften, den koſtbarſten Schägen 
ihrer Bibliothefen, ob fih aus der Gefchichte der vergangenen Tage da8 
Schidjal der ungeheuerlichen Wirren der Gegenwart enträtfeln laffe. Dreizehn- 
taufend Handicriften der Kirchenväter, griehifhe und flawifhe Urkunden, 
Kleinodien der Diplomatit und Paläographie: fie verftummen vor dem un 
gebeuerften Erlebnis, das bis Heute die MWeltgefchichte Tennt. in Gericht 
ergeht über die Völker, von dem fein Prophet noch geweisfagt. 

Die Mönche wandeln dur) die Rebhügel, die Dlhaine und Obftgärten, die den 
heiligen Berg mit bunten Blüten und lodenden Früchten befränzen, und ftaunen 
nicht mehr die Wucht der Telskolofie an. Was will der Kampf der Giganten und 
Bötter bedeuten, damals als der Gigant Athos den Hagion Dros von Thefjalonich 
auf die Kalkidifhe Halbinfel fehleuderte, gegen den dumpf dröhnenden Donner 





94 Der heilige Berg 





der fohmeren Gefüge, die das Herz erbeben maden, die Luft erjehfittern, Die 
Eingeweide der Mutter Erbe aufmühlen, fo daß fie das Blut ihrer Kinder 
teintt?! Was bedeutet die Flotte des Mardonios, die 492 v. Chr. den um ben 
Athos tobenden Stürmen zum Opfer fiel; mas bedeuten die taufend Dreirubderer, 
denen fünfzehn Jahre fpäter Xerxes einen ficheren Kanal dur) die Halbinjel 
graben ließ, gegen die Meeresriefen, die heute wie gefett gegen Sturm und 
Schidfal das ägätjche Meer durchraufchen, um Hunderttaufende von Kriegern 
und Kriegsmafhhinen ans Land zu fpeien? Kleine fchlanke Jäger pirhen hinter 
ihnen ber, jagen ihnen ben Torpedo in die Seite, und die Giganten verfinfen 
in den lichtlofen Abgrund, aus dem es Teine Wiederlehr mehr gibt. 

Die Augen der Anacdhoreten weiten fih vor Entfegen und das Ylut erftarrt 
in ihren Adern, wenn fie au8 der heiligen, göttergleichen, himmelnaben Rube 
ihres Heiligtums durch fo graufige Gemwalten aufgejchredt werden. 

Ehemals thronte auf der Bergesfpite der thrafifche Zeus; heute erhebt fi) 
dort die Maria-Himmelfahrt-Kapelle. Unten in einem Zempel am Meeresufer, 
deflen Stelle jett die Abtei des Philotheos einnimmt, feierten die alten Athoniten 
ihre Volksfeite, von denen die Tradition nod) lebendig geblieben if. Schon 
früh jedoch in der chriftlicden Zeit follen Einfiedler auf dem waldreidhen Giland 
BZufludt vor den Irrungen und Wirrungen des Lebens gefuht und gefunden 
haben. Die eigentlichen Klöfter aber wurden erft im neunten Jahrhundert 
erbaut. 

Der Mönd Athanafius gab allen durch fein Klofter Mufter und Regel. 
Heute gibts deren zwanzig; das jüngfte ftammt aus dem Jahre 1542. Griedhifche 
Kater, flawifche Fürften, fromme Gläubige wetteiferten mit Stiftungen. Das 
erfte Meine Kirchlein ward umgeftaltet zum prächtigen Zempel, die gras- 
bedaditen Hütten der erften Einfiebler wichen fteinernen laufen mit Gärten, 
Adern und Obftpflanzungen. 

ALS die Türken den Balkan eroberten, unterwarfen fi) die Mönche frei- 
willig. Dadurd) erlangten fie gegen einen jährlihen Tribut völlige Freiheit in 
der Verwaltung ihres Gemeinwejens. Kein Mufelmann, außer dem Vertreter 
der Pforte, durfte den Athos betreten. Selbſt dann, als die Mönche den 
griedifhen Freiheitsfampf unterjtügten, büßten fie ihre Unabhängigkeit nicht 
ein; jo große Rüdfiht mußten die Türken auf fie nehmen wegen des Anfehens, 
das fie im ganzen Drient genoffen. 

Das Mönchsleben hat auf diefem Eiland Erfdheinungsformen gezeitigt, 
die fonjt in der Chriftenheit unbelannt find. Urfprünglich befaken bie Mönche 
eine monarhilhe Verfaffung und forderten das gemeinfame Leben nad) der 
Regel des hl. Bafilius (F 379). An der Spihe eines jeden Kloſters ſtand ein 
Abt, Hegumenos, die Hegumenoi aller SKlöfter aber bildeten in der Synais 
unter dem Proto8 die oberfte Behörde des Klofterftantes. Seit dem vierzehnten 
Sahrhundert jedoch loderte fi) das gemeinfame Leben; die ftrenge Zucht ließ 
nad und erlaubte den Mönchen perfönliches Eigentum. Diejenigen, weldde von 


Der heilige Berg 95 


diefer Erlaubnis Gebraud) machen, erhalten von dem SKlofter, zu dem fie ge- 
hören, Brot und Wein; den übrigen Lebensunterhalt verdienen fie fidd durch 
Handarbeit, Gartenzucht und Aderbau. Sie werden Stellioten genannt und wohnen 
in Heinen Häufern, den Kellien, zu dreien oder vieren zufammen. 

Eine weitere Eigentümlichleit des Mönchsftante auf dem Athos find bie 
Stiten, Heine Dörfer von vier bi8 fjechzig Häufern, in denen je drei bis vier 
Einftedler in Abhängigkeit vom Slofter leben. Kein Weib darf den Athos be- 
treten, feine weltlichen Händel dürfen die befehauliche Nuhe des Berges. ftören, 
feine leibenfchaftlicden Begierden den Sinn für das Himmlifhe trüben. Sa, 
die Stiten leben noch ftrenger als ihre Brüder in dem Klöftern, verbinden mit 
dem Gebet und der Betrachtung, wie die Karte Förperliche Arbeit. 

Die gegenwärtige Berfafjung diefer taufendjährigen Mönchsrepublit ftammt 
aus dem Jahre 1788. Die zwanzig Klöfter find felbitändige Körperfchaften. 
Nur die Hälfte von ihnen find eigentliche Klöfter, Koinobien, Stätten des 
gemeinfamen Lebens, unter der Leitung eines Abtes. Die anderen haben eine 
demofratiige Berfaffung und beißen Monastira idiorythma. Yhre oberfte 
Behörde beiteht aus einem Nat mehrerer Mitglieder; die Gefamtregierung liegt 
in der Hand der Synode zu Karyes, dem DVerfammlungsort der Vertreter der 
zwanzig Klöfter. An deren Spige fteht ein Ausfhuß von vier Epiftaten, die 
von ben Klöftern jährlich neu gewählt werden. 

Ein Sit der Wiffenfhaft ift der Athos nit, wenn er auch als folcher 
im Mittelalter gepriefen wurde. Die Schäte der Batriftif modern unbelannt, 
unberührt und unvermwertet in den Bibliothefen der zwanzig Klöfter. Ste find 
indefien bei weitem nicht fo zahlreich und wertvoll, al8 man erwarten follte. 

Man zählt über neunhundert Kirchen und Kapellen, unter denen fidh 
Ihöne Denkmäler der byzantinifchen Kunft befinden follen; doch find fomwohl fie 
felbft al aud) ihr Fünftlerifcher Innenihmud kaum zugänglid. ES unterliegt 
wohl laum einem Zweifel, daß die Zeit auch darin Wandel [haffen wird; denn 
der Sturm der Weltgefchichte umbrauft den Athos mit einer Gewalt, der auch 
die ftarrfte Tradition nicht zu widerftehen imitande ift. 

Sm Frieden zu Bulareft 1912 fiel der Athos mit feinen Klöftern Griechen- 
land zu. Rußland fuchte aber trogdem die internationale Verwaltung der 
Möndisrepublif feitzubalten. Die Synode erklärte fi) jedoch gegen alle Brojelte, 
die irgendeine Einmifchung einer fremden Macht in Ausfiht nahmen und arbeitete 
am 3. bezw. 16. Dftober 1913 eine diesbezügliche Dentichrift aus, die fie der 
Londoner Konferenz, dem König von Griechenland und dem Patriarchen von 
Konftantinopel vorlegte. Rußland gab nad) und begnügte fi damit, daß bie 
ruffiiden Möndde Untertanen des Zaren und mit ihrem Baterlande durch eigene 
Voft in Verbindung bleiben follten. AS diefe jedoch Unruhen erregten, wurden 
ihrer etwa taufend nah Rußland zurückgeſchickt. 

Die zu Baris erfcheinende Zeitfchrift der Affumptioniften „Echos d’Drient“ 
gibt nad dem „Kirchlichen Herold“ von Eypern eine Statiftil vom 15. Dezember 


96 Der heilige Berg 


1918 über die Klöfter und ihre Bewohner, nach deren Angaben es zwanzig 
Klöfter gibt, zwölf Skiten, 204 Kellien, 456 Cinfiedeleien mit 5831 Griechen, 
1914 Ruffen, 379 Rumänen, 243 Bulgaren, 89 Serben und 14 Georgiern; 
im ganzen: 7970 Möndhe. 

Werden fie, fragen wir Abendländer, wie die deutfchen Ordensleute ihre 
ftreng verjehloffenen Zore öffnen, um nad Ehrifti Vorbild die Wunden und 
Kranken, die Opfer des Weltkrieges aufzunehmen? Üder Ieben fie noch immer 
nur dem Gebete, der Beichaulichkeit, ven Werken des friedlichen Alltags? 





Allen Manuflripten ift Borto Binzugufügen, da andernfalls bei Ablehuung eine Rädfenbung 
nicht verbärgt werden laun, 


Nahdrnd Tämtliher Auffäge nur mit ausbrädiidher Erlaubnis bed Verlags geftattet. 
Berantwortli: ber Herausgeber Beorg Eleinow in Berlin. Lichterfelde We. — Manuftriptiendungen ımd 
Briete werden erbeten unter der Abrefle: 

Un den Serausgeber ber Brenzboten in Berlin - Lichterfelde Wer, Gteruftraße 56 
— des Herausgebers: Amt Lichterfelde 408, des Verlags und der Schriftleitung: Amt —X 65610. 
erlag: Berlag der Brenzboten &. m. b. S. in Berlin SW 11, Xempelbofer Ufer 85a 
nt: „Der Neihebote" &. m. 5. 9. in Berlin SW 11, Definuer Straße 86/87. 


Wir bitten die Sreunde der : :: :: :: 


Grenzboten 


das Abonnement zum I. Quartal 1916 
erneuern zu wollen. — ZBeftellungen 
nimmt jede Buchhandlung und jede 


Doftanftalt entgegen. “Preie_6 M. Berlin SW ıı. 


Verlag der 
Grenzboten 


G. m. b. H. 





EEE EEE ABER, SEE ———— — —— — 





Ein mitteleuropäifch-vorderafiatifcher 
Schiedsgerichtsbund 


Don Dr. Karl Mehrmann 


er edanten, einmal ausgeiprodhen, fterben nidht. Sie können ver- 

ART trüppeln; fie können vervolllommnet werden; fie lönnen in andern 

X Ideen aufgehen. Aber ihre Spur läßt fich niemals ganz ver- 
4 —8 wiſchen. 

— Selbſt ein Gegner des Pazifismus, erlenne ich ſogar in 
einer Zeit, die ſeinem Wollen ſo ganz entgegengeſetzt iſt wie die heutige, in 
ſeinem Syſtem lebendige Kräfte, die nicht verloren gehen können. Die Sehn⸗ 
ſucht nach ewigem Frieden freilich hat die ſchönſte Formulierung ihres Programms 
ſchon vor bald zweitauſend Jahren gefunden, in der Weihnachtsbotſchaft für alle 
Menſchen, die guten Willens find. Bis die Welt in Rauch und Flammen 
verzehrt oder in Schnee und Eis erſtarrt iſt, wird die Friedensſehnſucht ewig 
neue und immer zartere Töne veredelter Menſchlichkeit aus dem Gebot chriſt— 
licher Nächſtenliebe hervorlocken. Jedoch, wer in aller Welt wird jemals den 
Punkt entdecken, an dem die Politik glatt in das Gedankenreich der Friedens⸗ 
freunde mündet und reſtlos darin aufgeht? Der Staatsmann und der Hiſtoriker 
haben in dem Kampf von jeher eine gottgewollte Notwendigkeit gejehen. Und 
wenn Moltle als Soldat den ewigen Frieden einen Traum und nicht einmal 
einen jhhönen nannte, jo hatte ihm der Philofoph Heraklit fhon vor mehr als 
zweitaufend ahren die Begründung vorweg genommen: der Kampf ift der 
Bater aller Dinge. Nun ift der Weltkrieg in alle Phantafien, die die lepte 
riedenszeit wieder fo üppig hatte wuchern lafjen, mit rauher Hand binein- 
gefahren. Die blühenden Hoffnungen der PBazififten find gefnidt. Im Haag 
fteht der Friedenspalaft verödet, und Mars regiert die Stunde. 

Und alles wäre unter dem Schutt und den Trümmern, die der große 
Weltenbrand auf die geftürzten Utopien der Fyriedensliebhaber gehäuft bat, 
erftidt? Aus fchmalen Rigen und Fugen ringelt fi) der Schiedsgerichtsgedante 

Grenzboten I 1916 7 





98 Ein mitteleuropäifch»vorderafiatifcher Schiedsgericdhtsbund 


— — — — 


immer und überall wieder ins Freie. Selbſt bei den kriegführenden Parteien 
iſt er lebendig geblieben. Wenn Deutſchland den Neutralen im Verfolg der 
Verhandlungen über Schiffsverſenkungen die Einſetzung von Schiedsgerichten 
vorſchlägt, wenn ſoeben England und ſeine überſeeiſchen Beſitzungen mit den 
Vereinigten Staaten die Richterliften für das ſchon früher verabredete ſtandige 
Schiedsgericht austauſchten, ſo ſind dieſe Tatſachen ſprechende Zeugen für die 
Zahigkeit eines Gedankens, der im Frieden nicht ſterben und nicht leben zu 
Iönnen dien. 

Denn wie war e8 do auf den beiden Friedenskongrefien im Haag, bie 
dem Weltkrieg vorausgingen? in allgemeiner Vertrag aller vertretenen 
Staaten über ein Zwangsſchiedsgericht und über einen Weltihiedsgerichtshof 
war nit zu erzielen. 3 blieb beim „fafultativen“ Schiedsgericht und beim 
Zugeftändnis: wenn ein Schiedsgericht von beiden ftreitenden Parteien gemünfcht 
werde, dann follten die Richter aus der Lifte des Haager Zribunals gewählt 
werden, falls Leine andere Zufammenfegung des Gerichtshofes beliebt würde. 
Freiherr v. Marihall, der Vertreter des Deutichen Reiches auf der zweiten 
Haager Friedenskonferenz, gab in fnapper Form einem Gemwährsmann des 
„Betit Parifien” am 25. September 1907 die Gründe befannt, die e8 Deutfdh- 
land unmöglih madten, mit allen Staaten der Welt ohne Ausnahme in ein 
Zmwangsihiedsgerichts-Verhältnis zu treten. Die gefebgebenden Körperfchaften 
und die politiihen Zuftände, fagte er, feien in den einzelnen Staaten zu 
verſchieden. 

Die Vorausſetzung für einen dauernden Schiedsgerichtsſpruch zwiſchen zwei 
Staaten iſt zunächſt, daß es zwiſchen ihnen für abſehbare Zeit niemals zu 
Konflikten kommen wird, die Ehre, Unabhängigkeit und Lebensnotwendigkeiten 
berühren. Ein Staat, der von Revancheſucht oder Raubgelüſten gegen uns 
oder unfere Verbündeten erfüllt iſt, bietet nicht die pupillariſche Sicherheit, die 
wir für nötig halten, wenn wir uns die dauernde Verpflichtung auferlegen 
laſſen ſollen, auch nur Streitfragen zweiten Grades unbeſehen einem Schieds⸗ 
gericht zu überweiſen. Eine weitere Bedingung iſt annähernde Gleichheit der 
Kulturhöhe. Ein Schiedsgerichtsvertrag auf Dauer mit einem Staat, deſſen 
politiſche Moral tiefer ſteht als unſere, wäre ein zweckloſes Poſſenſpiel und 
eine Herabwürdigung unſerer nationalen Ehre. Umgekehrt haben die Vereinigten 
Staaten ſoeben die unter dem Präſidenten Taft begonnene Politik, mit England 
zu einem Schiedsgerichtsbündnis zu kommen, unter Wilſon durch die Ernennung 
ftändiger Schiedsrichter zu einem günftigen Abſchluß gebracht. Die mittel⸗ 
europätfhen Verbündeten fpüren die Wirkungen diefer amerifantjch- britifchen 
Sintereffengemeinfchaft In ihrem heutigen Dafeinstampfe. 

Der Weltfrieg hat aber auch) die ganze Imnigleit und Verflechtung der 
militär-, wirtfchafte- und verfehrspolitiichen Intereſſen der mitieleuropäiſchen 
Großmädte und ihrer Verbündeten im nahen Orient offenbart. Die kulturellen 
Berfhtedenheiten im neuen Vierbund find bei allen Raffeeigentümlichleiten und 


Ein mittelenropäifch »vorderaftatifher Schiedsgerichtsbund 99 





innerpolitiiden Eigenartigleiten leineswegs größer oder auch nur fo groß, wie 
zwiſchen manden Böllern, die im britifchen, ruffiihen oder franzöſiſchen Welt⸗ 
reich dur viel ftärfere ftantsrechtlihe Bande enger mit einander verknüpft 
find. Die Unterjhiede zwifchen den verfchtevenen Formen des Chriftentums 
und dem Slam wird niemand leugnen wollen. Aber al8 gemeinfam ift bei 
allen Böllern des Vierbundes die ritterlide Kampfmweife des ftaatlihen Selbft- 
erhaltungstriebe8 bemerkbar geworden, und in innerpolitiider Hinficht tft Die 
Ahnlichleit des Berfaffungslebens diefer Monardhten mit gewählten PBarlamenten 
unverfennbar. Bas Gebiet zwifhen der Nord⸗Oſtſee und dem Indiſchen Ozean 
fann dur Kanäle zwiihen den nach Norden ftrömenden deutfchen Flüffen und 
der oftwärtS gerichteten Donau fowie durd) die von ber anatoliihen Bahn 
abzweigenden Linien nad) dem Roten Meer und dem Perfiihen Golf zu einer 
um das Ägäifhe und das Schwarze Meer gelagerten Bertehrseinheit zufammen- 
gefaßt werden. Das mitteleuropätich-vorderafiatifche Wirtfhaftsgebiet reicht aus 
der nördli) gemäßigten Zone hinein in die tropifhe und erzeugt alle Bedarfs- 
g’genftände des menfhlichen Lebens. | 

Bor allem aber ift die Einigleit der Gefinnung vorhanden, die Zufammen- 
gebörigfeit der Landmafjen zwifchen Nordfee und Indifchem Ozean anzuerkennen, 
und des Willens, fie auch nad) dem Kriegsende zu behaupten. Herr dv. Bethmann- 
Hollweg, Fehr. v. Plener, Graf Andrafiy, Minifterpräfident NRadoslamom, 
Halil Bey, fie alle geben nach diefem Ziel einig. Hundert Zungen, taufend 
Federn find am Werke, nicht mehr, um die Notwendigkeit eines dauerhaften 
Zufammenfchlufjes zu beweifen, fondern um die Form der Einigung zu erörtern. 
Bismard hinterließ uns in feinen „Sedanten und Erinnerungen“ als politifches 
Zeftament den Wunfch nach einer Verewigung des deutfch-öfterreihiich-ungariichen 
Bündniffes dur Verfaffungs-nartikulierung ; fein Werk, fo wie e8 heute, nad) 
dem Abfall Ztaliens vom Dreibunde, in Kampf und Not feine Lebenstraft be» 
wiejen hat, tft militärpolitiich durch den Anfchluß Bulgariens und der Türkei 
erweitert worden. Man erörtert den Gedanken einer Militärkonvention im 
Bierbund. Man ftreitet, ob Zollunion oder VBorzugszölle mit Zwifchenzollinien 
prattifh vorzuziehen fein. Man ift fich jedenfalls in dem Gedanlen einig, 
daß fi) bie Bierbundsftanten, bevor fie mit den Neutralen und dem heute nod) 
feindliden Ausland Handelsverträge abichließen werden, vorher untereinander 
fiber die Zulunft ihrer HandelSbeziehungen zu einander Far werben mülffen. 
Und niemand fann leugnen, daß die Notwendigfeit, die verfehrspolitiiche Einheit 
Mitteleuropad und Borderafiens wirffam zu machen, immer wieberlehrende 
Berftändigungen über den Ausbau der Wafler- und Schienenftraßen jowie bie 
Berhinderung einer die gegenfeitigen Sintereflen der Vierbundftaaten ſchädigenden 
Tarifpolitit gebiet. Das Gefeb der gemeinfamen Verteidigung gemeinfam 
erworbener Errungenfchaften unterfagt die Wiederlehr auch der geringften Un- 
einigleit. So wird der Schtedsgerihtsbund für den Bierbund eine Waffe der 
Selbfterbaltung. 

7* 


100 Ein mitteleuropäifch»vorderaftatifcher Schiedsgerichtsbund 


Eine ftraffere Staatenverbinduug, felbft nur in der lofen Yorm des Staaten- 
bundes, will, fo fcheint e8, Teiner der verbündeten Staaten in eiferfüchtiger Sorge 
um fein Hoheitsredht dulden. Sie würde eine Duelle des Mibmutes werben 
und den madtpolitiihen Einfluß des Bierbundes fhädigen. Umgelebrt aber 
dient da8 Bewußtfein, daß eine unpartetifche Nechtipredung den Mißbrauch 
wirtſchafts⸗ und verfehrspolitifcher Vorzugsftellungen ausichließt, der Befeſtigung 
auch des militärpolitiihen Bündnifjes. 

Schon die Zeit vor dem Weltkriege Tannte Kompromifje auf Schiedsgerichte, 
die fi) aus der Auslegung von Handelsverträgen ergeben könnten. Ein Schiebs- 
gerihtsbund des mitteleuropätfch-vorberafiatifchen Vierbundes würde in allen 
Streitfällen, die nicht die Ehre, die Unabhängigkeit und das Lebensdafein be- 
rühren, einen ftändigen Schiedsgerichtshof automatiidh in Zätigleit jeben, fobalb 
fi der Streitpunft nicht durch direlte biplomatifche Berbandlungen von Kabinett 
zu Kabinett im Handumdrehen aus der Welt fchaffen ließe. Der jedesmalige 
Obmann Tönnte aus der Reihe der an dem zur Erörterung ftehenden Streit- 
fall unbeteiligten Schiedsrichter ernannt werden. Für Meinungsverichieben- 
beiten zwifchen Deutfchland und Üfterreich »- Ungarn 3. B. würden Bul- 
garien und die Türkei, für eine foldde zwiichen dem beutihen und dem 08 
maniſchen Reich der habsburgifhe und der bulgariihe Staat abwechſelnd den 
oberften Schtedsmann ftellen und fo fort. Schwierigfeiten beftehen bier nur 
theoretifch umd find im Übrigen dazu da, überwunden zu werden. 

Sedanten, einmal ausgefprochen, Tönnen nicht fterben. Der SchiedSgericht- 
gedante ift unfterblih. Der Weltihiedsgerichtsvertrag fcheiterte an der Un- 
möglichkeit, die Intereffengegenfäge zu üiberfehen. Der mitteleuropätfch-vorber- 
afiatiſche Schiedsgerichtsbund ift bie Verlörperung der Intereſſengemeinſchaft des 
Gebietes zwiſchen Nordſee und Indiſchem Ozean. Er bedeutet in ſeiner Ein⸗ 
fachheit einen Foriſchritt der politiſchen Kultur und wird der Freiheit und der 
Entwicklung der dem Mittel- und dem Schwarzen Meer anliegenden Staaten 
eine zukunftsreiche Stütze bieten. 








Der neue Sohn des Himmels 


Don Erih von Salzmann 


brachte der Welt die nicht ganz unerwartet Tommende Kunde, daB 
der verwaifte Dradhenthron in Beling von einer kraftvollen Berfön- 
ss lichleit befitiegen und damit eine neue Dynaftte im Himmlifchen 
eich begründet fe. Diefer Vorgang, den uns der Draht in 
wenigen furzen Worten meldet, und den wohl die meiften Lefer jebt im Welt- 
frieg wenig beachtet haben, ift alles andere als einfach. In dem auf bubdhiftifch- 
fonfuzianifder Grundlage ruhenden oftaflatifhen Riefenreih ift das gefamte 
Denten und Fühlen der vierhundert Millionen Ginwohner, alle Äußerungen 
ihres Lebens von der Geburt bi8 zum Qode, ihre Anfhauungen und ihr Tun 
und Treiben, bewußt oder unbemußt fo eng mit dem Kult defjen verknüpft, 
was wir „Bott“ nennen, daß der Gedanke einer Nepublil ein volllommenes 
Unding if. Das wählbare Oberhaupt einer Republit, alfo ein Mann, der 
vielleicht furz vorher im Alltagsleben gejtanden bat, und den mwomöglid) jeder 
Menich auf der Straße Iennt, Tann nad) oftafiatiichen Begriffen nie der Vermittler 
zwilhen den armen Erdenmenfdhen und dem „Sroßen unbefannten Etwas“ fein. 

Das Oberhaupt des Staates ift zugleich der höchite Ausprud des Stants- 
fults, d. b. eben der myftifhe, dem profanen Auge der alltäglichen Dtenfchen 
verborgene Sohn des Himmels. Der Staatsklult in China ift identifch mit 
dem Kaiferfult. Der Kaifer als Vater eines ganzen Volles, das fi} ftetS als 
eine große Familie gefühlt bat, ift der Mittler zwiihen Himmel und Erde. 
Htmmel und Erbe find greifbare Dinge, es find leine Dämonen, feine unficht- 
baren Geifter, Himmel und Erde find etwas, was der Menfch täglich vor fi) 
fieht, und darum find fie es, denen der Ghinefe in allererfter Linie opfert. 
Zürnt der Himmel, fo findet das feinen Ausdrud in großen Überschwemmungen, 
in den fchredlichen da draußen fo verheerenden Zatfun-Wirbelftärmen, in großen 
Seuchen, jeberart täglichen Mißgefhids, daß die Menfchen treffen kann, und 
nicht zum wenigften in Revolutionen und Sriegen. Diefe lebteren haben in 
China ftetS Menfchenopfer nad) Millionen gefordert. Bor ihnen bat der Chineje 
eine befonders große Angft, denn der Krieg treibt ihn vielleicht von Haus und 
Hof. In keinem Lande auf Erden aber hängt die Familie ebenfo wie der 
einzelne derart an feiner eigenen Scholle, wie da draußen in China. Der Krieg 





102. ::.:e,nytıı Dei nene Sohn des Bimmels 
— — * * — ö— — — — — —ñ— —ñ ⸗ — Denn 





madt die Männer landflühtig und verdirbt die Frauen. Die Kriege und 
Nevolutionen der vergangenen Jahrhunderte Haben dem Lande wohl an hundert 
Millionen Menfchenleben geloftet. Site haben ganze Provinzen vermüjtet, große 
Städte in Schutt und Afjche gelegt. Ach habe folde Städte in Trümmern, die 
aus der furdtbaren Zeit des Aufitandes der „Ianghaarigen Nebellen“ gegen 
die berrfdende Dynaftie Mitte des vorigen Jahrhunderts ftammten, no) zahl- 
reich vor einem ahrzehnt im Innern des Neiches durchritten. Seine Menjchen- 
feele beherbergten die zerfallenen Mauern, fogar die Ratten und Mäufe hatten 
die Auinenftätten verlaffen. Dort war nichts mehr zu holen. Wo einft Zehn- 
taufende von fleißigen Menfhhen für ihr tägliches Brot fehafften und arbeiteten, 
da fchleiht heute der Fuchs und balgen fi) ein paur Krähen. Das tft alles, 
was geblieben ift. 

Schon damals fagte das Boll: „Der Himmel zürnt, der Himmel entzieht 
unferen Herrfhern das Mandat.” Schon damals glaubte man feit und ficher, 
daß die Zeit einer neuen Dynaftie gelommen fe. Die Chinefen hatten wohl 
recht, aber fie rechneten nicht mit den Fremden, die bereits ein großes “Interefje 
am hinefiihen Reihe Hatten, im Bejonderen den Cngländern, denen ein 
Ihwades China willlommen war. Die Fremden halfen der Dynaftte den 
. Aufftand niederfchlagen, und ein englifder General, der befannte Zaiping Gordon, 
der fpäter in Khartum von den Anhängern des Mahdi erfchlagen wurde, machte 
fih zu ihrem Werkzeug. Wo England damals fon hinfam, brachte e8 Nieder- 
gang und Blend über die Völker, und nubte fie in feinem grenzemlojen 
Egotsmus zu feinem eigenen wirtichaftlihen Vorteil aus. 

Der lebte große Kaifer der vergangenen Dynaftie, welde die Führer der 
im 17. Jahrhundert aus dem Norden gelommenen Retterhorden der Mandichus 
begründet hatten, war der Safer Kienlung. Defjfen Hauptregierungszeit und 
glanzoollfte Periode war etwa identifh mit derjenigen Tyriedrih8 des Großen. 
Seit diefer wirklich große Herriher Ehinag, — der von feiner höheren Mijfton 
und dem ihm vom Himmel gewordenen Auftrage, über das Volk zu berrfchen, 
mindefteng ebenfo überzeugt war, wie 3. 3. ein Ludwig der Bierzehnte, — 
Ende des 18. Jahrhunderts geftorben war, fette der Niedergang der Dynaftie ein. 
Es war merkwürdig, das Herriherhaus dien entnerot und nicht mehr fähig, 
einen Traftvollen Mann bervorzubringen. Ein fhwadher Herrfcher folgte dem 
anderen, und das Land litt darunter. Diefes einft jo mächtige Reich, vielleicht 
feiner Zeit das mädhtigfte diefer Erde, befjen Katfer über nahezu ganz Afien 
gebot, jhhien retiungslos dem Niedergang geweiht. Wieder wurde es, wie fhon 
fo oft in feinem Jahrtaufende währenden Dafein als Monarchie, langfam aber 
fiher die Beute der von außen von allen Seiten anftürmenden Barbaren. 
Denn Barbaren nach Kinefifden Begriffen waren fie alle, die da zu Schiff, zu 
Noß und zu Yu famen, um fi) ein Stüd aus dem Körper Chinas heraus» 
zufchneiden, oder um eine befannte chinefiſche Redensart zu gebrauchen, „um 
die Melone zu zerteilen“. 


— 


— 


Der neue Sohn des Himmels 108 


Die Chinefen blidten von dem Podium ihrer Taufende von Jahren alten 
Kultur auf die Fremden mit einem von maßlofer Überhebung getragenen Dünfel 
herab. Sie hatten nur Spottnamen für die Fremdlinge und verachteten fie 
gründlid. Die fremden Weißen waren die rothaarigen Teufel, die Japaner 
die Inſelzwerge. Wir haben übrigens einen merkwürdigen PBarallelfal in diefem 
Weltfriege, denn Herr Salandra in Nom reiht fi würdig feinen chinefifchen 
Borgängern aus der alten Beamtenklaſſe an, wenn er fagt, daß er von der Höhe 
zweier Jabrtaufende herab fi) unfagbar erhaben über die deutichen Barbaren bünfe. 

Bölferjhicfale entfheiben fh nicht von heute auf morgen. Sriege, Ne 
volntionen und Dynaftieftürze find nicht das Ergebnis einer nächtlichen Über- 
legung, oder der plößliche Willlüralt einer bezahlien Rotte von Bollsverderbern. 
Solche elementare Ereigniffe find die ftetS Logifche Folge einer langen Entwid- 
Iungsreibe, meift vieler Jahre. So find au die Ummälzungen zu betrachten, 
bie wir in den lebten Jahren in China erlebt haben, die heute zur Regeneration 
eines Boltes führen, das wohl für jeden Menfchen fomohl in feinem Ganzen, 
wie in der einzelnen Perfon bie verlörperte Rückſtändigkeit darſtellte. Ich will 
nit von den vergangenen hundert Jahren fpredden, die den Niedergang bis 
zur volllommenen Berlotterung aller Verhältnifie im NReide der Mitte herbei 
führten. Wer im Borerjahre 1900 draußen im fernen Dften weilte, weiß 
ungefähr, wie weit diefer Zuftand der Chinefen gebiehen war. Das Land fhien 
damals hoffnungslos im Verfall, und die Aufteilung unter die fremden Reiche, 
zum mindeften aber die fremde Verwaltung, wie in Ägypten, Indien oder Korea 
ſchien ihm nad) demilrteil all der vielen, fich als Kenner fühlenden Fremden ficher. 

Der Schein trog. Diefes Volk tft viel lebenszäher, als die meilten anderen 
anf Erden. Die ganze Strultur des Bollsdafeins, auf dem patriarchaliichen 
Tamtilienfyftem fußend, gab ihm eine innere unbezwingliche Kraft, die weder 
dur die als Eifenbahn, Zelegraph und Dampfidiff eindringende Majchine, 
noch durch die fih breit machende individualiftifche weftliche Lebensanjdhauung 
zu brechen war. 

&3 gab wohl eine riefige Ummälzung, die fi in einer Revolution, dem 
Dynaftiefturz, der Ummandlung zu einer Scheinrepublifl, und einer weiteren 
Revolution äußerte. Wieder waren es die Yremben, die bier die größte Rolle 
fpielten, in der Hauptfache die Japaner, die weder Geld noch fonftige Mittel, 
noch jogar das offene Eingreifen von bezahlten Freibeutern jcheuten, nur um 
das Niefenreich zu fhmwächen, um es endgültig unter ihre wirtihaftliche Kontrolle 
zu bringen. Japan betraditet China genau fo als feine unantaftbare Domäne, 
wie Amerifa für den eigenen Kontinent die Monroe Doltrin aufgejtellt bat, 
oder wie England das europäifche Feitland für feine egoiftiihen Zwede mono» 
polifieren möchte. 

Der Chinefe bat einen lächerlich feinen Inſtinkt; es find jegt mehr als 
zwanzig Jahre her, daß er fühlt, auf den öftlich vorgelagerten nfeln, nämlich 
dem japanifchen Reiche, figt der Feind. Die Staaten Europas find heute ja 


104 Der neue Sohn des Himmels 


leider noch nicht einmal fo weit, dasfelbe in ihrem Kalle zu erlennen, nämlich, 
daß England ihrer aller Feind tft. Wenn der Ehinefe erft einmal anfängt in 
feinen Mafjen tnftinktio politifch zu empfinden, dann fhaut er aud), praftifch 
umd realiftifh, wie er veranlagt ift, nad Rettung aus. Son frühzeitig er- 
fannten die Führer des Volles, daß ihnen die Rettung nidht aus einer weiteren 
Dezentralifation, das beißt aus einem Kampf aller gegen alle erwadjien könne. 
Die Zuftände im Reiche wurden vor wenigen Jahren geradezu anardhifche, und 
ale Welt rief nad) einem ftarfen Manne, der, wie einjt die mächtigen Kaifer 
auf dem Draddenthron, alle Fäden in feiner Hand vereinigen und ein richtiger 
Herrfdher von Gottes Gnaden fein würde. Chinas große Zeit war im Kommen, 
und große Zeiten gebären befanntlic) auch immer große Männer. Heute ift 
ber große Dann da, den fchon feit zwei Jahrzehnten die Menfchen dort draußen 
fommen fahen. Das ift Yuanichilai. AK könnte ja nun den beute jeit feinen 
Anfängen wohlbelannten Lebensgang des Mannes jchildern, aber daS beforgen 
[don die Tageszeitungen zur Genüge. Außerdem babe ich immer gefunden, 
daß dem mit der Materie wenig bekannten Lefer foldhe Biographien mehr oder 
weniger nicht fagen, und deshalb möchte ich lieber einige mehr eptjodenhafte 
Züge aus dem Leben bes Mannes berausgreifen, den die Gefchichte einmal zu 
den „Großen“ reinen wird. 

Yuanſchikai ift aus einer alten Beamtenfamilie und ftammt aus der Provinz 
des Neiches, die den Anfprud macht, urchineftfh zu fein. Das ift die Provinz 
„Honan“, was überfegt heißt: „Sübdlich des Flufies". Der damit gemeinte 
Fluß ift der Schreden und die Sorge Chinas, nämli der gelbe Yluß, der 
Hoangho. Der junge Yuan mus auf, wie all die Söhne aus djine- 
Ricden Beamtenfamilien, mehr oder minder in einem Schmug, von dem man 
fi bei uns nur wenig Begriffe maden Tann. Die Erziehung der Kinder 
folder Familien war damals über das ganze Reich eine rein fhematifhe. Auch 
der junge Yuan lernte mit dem, dem jungen Chinefen eigenen rührenden 
Stumpffinn, Dubende von meilt wenig verftandenen Büchern auswendig. Er 
verbaute den Anhalt ebenfowenig, wie neunundneungig Prozent feiner Schul. 
follegen, und ber Erfolg war ja aud) der fehr einfache, daß er Dur alle 
Eramina burdfiel. Cr erflärte bereit8 damals, er hätte genug von dem ganzen 
Schwindel, daS wäre alles heller Blödfinn. Diefe Äußerung tft verbürgt, denn 
fein Geringerer bat fie einmal lachend in Beling erzählt, al® der alte Tluge 
Sfüfchifdang, ein Freund von Yuans Vater, und fpäterer Bormund des Kaifers, 
ber nad) glänzender Laufbahn vor Kurzem geftorben if. Yuan war das 
enfant terrible der Familie. Seim eigener Wille trat fehr früh hervor. Er 
ließ fih nicht in den Schematismus dhinefiiher Beamtenfindererziehung ein- 
zwängen und als alle anderen fonftigen Verfudhe, ihn bei bochgeitellten Ber- 
wandten unterzubringen, damit er die bequeme Leiter der Proteltion herauf⸗ 
freche, fheiterten, da tat er das Schredlichite, was ein junger Mann aus guter 
Htnefifher Familie tun fann, er ging zu den Soldaten. &8 blieb dem alten, 





| 


Der neue Sohn des Bimmels 105 


———— m  [TT 


au Hier in Deutihland mwohlbelannten Lihungfchang vorbehalten, zu entdeden, 
daß in dem jungen Manme außerordentliche Gaben ftedtten. Di fchicdte ihn nad) 
Korean al3 Statthalter Chinas. Das war um 1885 herum, und für Yuan 
wurde Korea die Hohe Schule oftafiatifcder Geheimpolitit. Dieſe Politik ſcheut 
fein Mittel: Mord, Geld, Überrebung, Lift, brutale Gewalt, alles ift will. 
fommen. Der Zwed heiligt die Mittel. _ Yefuitismus und Machiavellismus 
find wundervoll gepaart. Yuan ließ rüdfichtslos alle Minen fpringen, er fpielte 
alle TZrümpfe aus, die er in der Hand hatte, aber er mußte doch weidhen. Da 
waren nod) Stärlere wie er; er war noch zu jung, bie Gegner waren ihm 
über. Das waren die Japaner. Dort in Korea, im Lande der Morgenrube, 
zankten ih Nuffen, Japaner und Chinefen um den Beflt des Landes. Auch 
dort war Bott wieder einmal mit den ftärfiten Bataillonen, genau, wie unter 
dem alten Friten, und der japaniiche Gott erwies fih in biefem Falle als ber 
Träftigfte, oder wenn man jo will, die japanifchen Bataillone Yuan lernte 
Daraus, daß man mit „Bluff” Teine Kriege gewinnen fann, ferner, daß bie 
Stufen zur Höhe, auf der die Nuhmgelrönten figen, mit Erfolgen gepflaftert 
fein mäüfjen. Yuan batte keine folden aufzumelfen. Cr hatte mit fchlechten 
Xrümpfen gefpielt, und mußte den Krieg gegen Japan verlieren. Nach alt- 
Hinefiiden Anihauungen mußte er, befonder8 aber fein Gönner Lihungtihang, 
der die Strippen gezogen hatte, in Ungnade fallen. | 

Ein richtiger Chineje pflügt nicht nur mit einem Pferde. Prinzipienreiteret 
ift gänzli undinefifd. Kurze Zeit fon nad dem Sturz hatte Yuan neue 
Freunde gefunden, die ihn ftühten. Er verftand es, mit allen Wölfen zu heulen. 
Als der junge Kater Kwangfü 1898 gegen feine große Tante Zfuhft Tonfpirierte 
und fie unfhädlih machen wollte, um feine nicht fchlechten, aber etwas ver- 
worrenen speen in die MWirflichleit umzufehen, da war e8 wieder Yuanfchilai, 
der den Vertrauten des Kaifers fpielte.e Der Kaifer fuchte gerade ihn aus, um 
den großen Schlag zu führen. Man wollte den erften Dann des Reiches, den 
Bertrauten der berrihfüchtigen Katferin-Witwe, Yunglu, Hinriddten und bie 
Kaiferin gefangen fegen. Dann follte China modernifiert werben. 

Es find welthiftorifhe Ereigniffe, vom Abendland noch wenig gewürdigt, 
die fih hier abipielten. Wieder war e8 Yuanfchilat, dem die Hauptrolle, eine 
nad) unferen Begriffen im altgermantfchen Sinne unfchöne, zugedadit war. Denn 
er verriet feinen Kaifer und opferte ihn. Warum er es tat, wer weiß e8? 
Der Ehinefe, der nicht zugleich DOpportunift tft, der in grenzenlofer Selbftjucht 
nicht immer zuerft an filh denkt, ift noch nicht geboren. Yuan fpielte ein großes 
Spiel. &8 ging ohne Yrage um alles, fogar um Leben und Tod. Er mag 
eines Tages in wenigen Sekunden erfaßt haben, daß das Spiel verloren war, und 
ebenfo jchnell fhwenkte er um, und war mit höchfter Eleganz auf der anderen, 
ber feindlichen Seite, im Sattel. — Die Gefhichte jagt und kurz: 1898 beging 
die Katferin-Witwe Tfuhfi einen Staatsftreih. Sie jegte den Katfer Kwangjü im 
Snfelpalaft gefangen und ergriff die Zügel der Regierung felbfl. Das war der 


106 Der neue Sohn des Himmels 








Erfolg der Tätigkeit Yuanfchilais. Wer will heute jagen, wo damals feines 
Herzen Stimme war, ob bei den NReformern, oder bei den Realtionären? 
Niemand weiß e8. Er felbit jedenfalls hatte fich gerettet, und fiel prompt die 
Treppe herauf. 

Noch war fein Name dem fernen Europa unbelannt. Erft furz darauf 
fam der Augenblid, wo er in Deutjchland wenigftens in aller Munde war. 
Das war während der Borerunruben. Yuan faß 1900 auf dem Gouverneur- 
fefjel in Zfinanfu, der Hauptftadt Schantungg. Auch er Hatte den ftrengen 
Befehl aus Beling: „Schlagt die fremden Teufel tot!” Aber bier erwies fich 
zum erften Male die wirklich ftaatsmännifche Klugheit diefeg Mannes. Yuan 
hatte noch nicht viel gejehen. Er Tannte weder den Süden noch den Weften 
feines eigenen Landes. Er kannte nicht ein einziges der fremden Reiche, und 
Do fühlte er mit feinem Imftinkt: Die Fremden find uns in DVielem über, 
man darf fie nicht totichlagen, denn das nehmen ihre Regierungen ganz be- 
denflih übel. Yhre Sitten find ganz anders als die unfrigen. So hielt er 
eine verhältnismäßige Auhe in der ibm anvertrauten Provinz, und gute Nahbas 
[haft zum böfen Spiele, als das man damals ohne Frage unferer Kolonie 
grüändung Zfingtau anfah. 

PVeling und die Kaiferin-Witwe verstanden wohl, was Yuan getan hatte. 
Wiederum griff man auf ihn aurüd. ALS der Hof aus der Verbannung 
zurüdfam, da erhielt Yuan den Poften eines Befchükers des Thrones, nämlich) 
den des DVizelönig in Tienfin. Dort fah ich ihn zum erftenmal. Ich werde 
den Augenblid nie vergeffen. Diejer Chinefe machte ohne Frage fofort Ein- 
drud. Die brutale Stirn, das vieredige Kinn, die großen bezwingenden Augen 
mußten unvergefjen bleiben. 8 war damals eine Art Empfang im vizelönig- 
lihen PBalaft in der Ehinefenftadt. Da ftand der verhältnismäßig Kleine, ſehr 
gebrungene unterfegte Mann, raucdhte nad) weftländifher Sitte eine Zigarre, die 
ihm wahrjheinlic garnicht fchmedte, und unterhielt fih freundlich, oft gänzlich 
unmotiviert lachend, mit den Yrembden, deren fchlechtes Chinefifeh er filher in 
neun von zehn Fällen nicht verftand. Sein Beamtenkleid war au nad) 
KHinefiihen Begriffen fchlecht zugefchnitten, und etwas fhmuddelig. Der Rand 
feines Beamtenhutes war fettig, ebenfo wie der breite Streifen, den hinten auf 
dem Seide der eingefettete Zopf binterlaffen hatte. Der Kragen war vorm 
nicht zugelnöpft, was die meiften Chinefen verabfäumen zu tun. Man fab 
einen weißen niedrigen Kragen, der bewies, daß der Träger wenig auf Äußerlich⸗ 
feiten gibt. Draußen fpielte eine Militärlapelle, und drinnen waren Hunderte von 
Srembden, die meift ihre fchlechten Wige über die hinefifhe Soldatesta machten, 
deren Hornfignale von weither herübertönten. 

Nur einige wenige dachten vielleicht weiter. Wer draußen bei der Ehi- 
nefenftadt herumgeritten war, der hatte nichts wie Soldaten und wieder Sol. 
baten gefehen. Ka war aller Art Kriegsmaterial, da waren Geſchütze, da 
waren Zelte, und auch der Henfer war bei jeder Kompagnie nicht fern, ber 


Zur Reform der Pferderennen 107 


— — — — — — on 
— 


auf HYuans Geheiß mit ſeinem breiten Schwert rückſichtslos die Köpfe herunter⸗ 
ſchlug, dort, wo man etwa gewagt hätte, ſeinen Befehlen nicht auf der Stelle 
zu gehorchen. Muan hatte gelernt. Er hatte im Boxerjahr und der darauf—⸗ 
folgenden Zeit geſehen, wie die Fremden Politik machen. Cr hatte erfahren: 
es gibt keine Völkerfreundſchaften, es gibt keinen Schutz für die Schwachen, es 
gibt keine Logil, wenn Völker miteinander verlehren, es gibt nur Eines, und 
das iſt brutale Macht. Niemals ging Macht mehr vor Recht, als damals — 
und heute. Alſo, dachte Yuan, ich muß mir Macht ſchaffen. So drillte er 
Soldaten und Soldaten, und ſchuf das Heer, das ſpäter den Grundſtock der 
modernen chineſiſchen Armee bildete, das ihm aus der Hand glitt, das auch 
einmal revoltierte, das aber heute, wie damals bei ſeinem Entſtehen, auf den 
ſchwoͤrt, dem es u Entftehung verdanlt, auf feinen Meiſter Yuanſchikail 


(Schluß folgt) 





Sur Reform der Dferderennen 
£os von England! 
Don H. Rohne, Generalleutnant 3. D. 


BUS a dem Kriege wird eine fehr wichtige Aufgabe — Sicherftellung 
—— A der Remontierung der Kavallerie — an uns berantreten. Dazu 
L 9 AR a ift die Zucht von Vollblutpferden unentbehrlih; denn auf eine 
7 2 reiche Zufuhr von ausländifhem Vollblut wird faum zu rechnen 
BESSER: fein. ine rationelle Zucht tft aber ohne eine Leiftungspräfung 
nit denkbar. ALS foldhe Prüfungen gelten allgemein die Pferderennen, ohne 
die eine Prüfung ber Pferde in bezug auf Gejchwindigkeit und Ausdauer un- 
möglich if. Es iſt aber die Frage, ob die bei uns nad engliihem Mufter 
abgehaltenen Rennen als geeignete Leiftungsprüfung angejehen werben dürfen. 
In England, deflen Pferdezucht dur Klima und ausgedehnte Weiden außer- 
ordentlich begünftigt tft, dienen die Nennen bauptfählih dem Vergnügen und 
der Anregung zu Wetten, und leider haben fie auch bei uns mehr in diefem 
Sinne gewirkt, als der Hebung der Pferdezucht gedient. Das wird von 
den Sport3leuten beftritten, ift daher eingehend zu begründen. 
In jeder Prüfung foll der Prüfling zeigen, was er lann und daß feine 
Leiftungen ein gemifles von Sachverjtändigen feitzujegendes Mindeitmaß über- 






108 Sur Reform der Pferderennen 


ſchreiten. Mie fteht e8 nun damit bei unferen Pferberennen? Eine wirkliche 
Nenngefhwindigfeit wird überhaupt nicht gefordert; es fommt bei den „Rennen“ 
lediglich darauf an, den Siegespfoften als Erfter zu paffieren, um den vorher 
feit beitimmten Preis ausgezahlt zu erhalten. Db die hierbei gezeigte Ge- 
ſchwindigleit groß oder Hein ift, hat gar feinen Einfluß; ob der Sieg mit einer 
Nafen- oder zehn Pferdelängen gewonnen wird, ift für die Höhe des zu zab- 
lenden Preiſes ganz bedeutungslos. 

Reiter und Beſitzer haben daher gar kein Intereſſe daran zu zeigen, was 
ihre Pferde leiſten können, ſondern nur, daß ſie ſchneller laufen als die übrigen. 
Sie haben ſogar ein doppeltes Intereſſe daran, daß die Pferde ihr volles 
Können nicht zeigen. Einmal werden Pferde durch ein ſcharfes Rennen mehr 
angeſtrengt und verlieren vielleicht die Ausſicht, bei ſpäͤteren Rennen zu ſiegen, 
und dann werden Pferde, die ſich anderen als ſehr überlegen gezeigt haben, 
bei Handicap⸗Rennen mit höherem Gewicht beſchwert, was ebenfalls die Aus⸗ 
ficht auf den Sieg herabſetzt. Der Pferdezüchter hat aber ein großes Intereſſe 
daran, zu wiſſen, was ein für die Zucht in Ausſicht genommenes Pferd leiſten 
kann, nicht, was es bei einem Rennen zufällig geleiſtet hat. 

Es iſt alſo mindeſtens notwendig, daß bei der Prüfung eine gewiſſe, nicht 
zu niedrig bemeſſene Geſchwindigkeit gezeigt wird. Bis vor Kurzem konnte man 
dieſe in Deutſchland überhaupt nicht einwandfrei angeben, denn die Meſſung 
der zur Zurücklegung der Strecke aufgewendeten Zeit iſt erſt ſeit dem Jahre 1903 
vorgeſchrieben, obwohl der gründliche Kenner des Rennweſens, Major R. Henning 
fie ſchon im Jahre 1887 gefordert und 1902 im Heft 24 der Sammlung 
„Unfere Pferde“ (Stuttgart, Schidhardt und Ebner), begründet bat. 

Bis zu welchem Grade die Nennen unter der Herrfhaft des geltenden 
Rennreglements ausarten konnten, dafür bietet ein Vorfall, der fi) in Hamburg 
(1887) beim Sagdrennen ereignete, ein geradezu Haffifches Beilpiell. Das 
Nennen follte über 5600 Meter führen; „gerannt” wurde aber nur über 1600 
Meter; bis dahin ritten die Jockeys abwechſelnd Schritt und Trab, hielten fogar, 
weil Teiner die Hinderniffe als Erfter nehmen wollte Um foldden Unfug 
fortan unmöglich zu madjen, beftimmte im folgenden Jahre das Reglement, daß 
für das Durdlaufen der Strede für je 1000 Dieter höchftens drei Minuten 
Zeit aufgewendet werden dürften. Das ift eine fo lächerlich geringe Forderung, 
daß jeder Drofhhlengaul fie fpielend erfült. Ste erlaubte daher die Wieder- 
holung ähnlicher Karrikaturen einer Nennleiftung; fo wurde no im Jahre 1903 
beim Münchener Jagdrennen genau wie in Hamburg abmwechfelnd Schritt und 
Trab geritten. Sogar beim Flachrennen Tonnten fih Reiter, deren Pferde ben 
übrigen bedeutend überlegen waren, erlauben, ftredenmweife zu traben — ber 
Gradiger Vollmond in dem über 2000 Meter führenden Prinz Hermann zu 
Sachfen-Weimar-Rennen am 28. Auguft 1898. Diefe Beifpiele könnten nod) 
beliebig vermehrt werden; fie genügen aber zu zeigen, was ba8 berrichende 
Reglement geitattet. 


Sur Reform der Pferderennen 109 


Im Jahre 1908 wurde das Höcdftmak der für je 1000 Deter auf 
zumendenden Zeit für Flachrennen von drei auf zwei Minuten berabgefegt. Die 
bierburd) geforderte Geihmwindigfeit von 81/, m/sek. tft aud) noch lange feine 
rennmäßige. Auf der Zrabrennbahn fit eine Gefhwindigkeit von 12 m/sek. 
durchaus feine Seltenheit, und es tft auf der Nennbahn, wenn auch) vielleicht 
nur einmal, eine mehr als doppelt jo hohe Gefchwindigfeit gezeigt worden 
(Little Dut 1884 Derby Ehantilly 16,9 m/sek). 

Abgejehen davon, daß die geforderte Gefchmwindigkeit viel zu niebrig ift, 
hat bie geftellte Korderung nod) einen grundfägliden Mangel. Es iſt klar, daß 
auf einer langen Strede Teine jo hohe Gefchwindigkeit gezeigt werden Tann, 
wie auf einer furzen; darum muß fih die Forderung nad) ber Ränge ber Bahn 
abftufen. 

Sollen die Nennen wirklich ernfte Leiftungsprüfungen werden, fo muß eine 
erheblich höhere, jedoch nad) der Länge der zu durdhlaufenden Strede abgeftufte 
Sefhwindigkeit gefordert werben. 

Major Henning bat, fußend auf der Rennftatiftil, genaue Vorfchläge über 
bie für jede Strede zu fordernde Tleinfte Gefchwindigleit oder, was basfelbe 
fagt, die zuläffig größte Zeit zufammengeftelt.e Er fordert 3. 3. für bie 


ge 
von 1000 Metern eine Miindeftgefhwindigleit von 15,3 m/sek. 
” 2000 ” ”n ” n 14,8 ” 


„ 800 „u E „ 143 
Diefe Gefehwindigfeiten befagen, daß die Strede 
von 1000 Meter in rund 1 Minute 5 Gefunden, 
„20 4» un 2 „lu _ 
” 3000 n ” ” 3 n 30 n 

zurüdgelegt werden müfjen, wenn anders die Preife gezahlt werden follen. 

Srüher war man in Preußen mit den Anfprühen an die Gefchwinbigkeit 
nicht fo beicheiden wie jebt. So war bi zum Jahre 1861 die hödjite zu- 
läffige Zeit 

für 1875 Meter 3 Minuten, die Mindeftgefehwindigfeit alfo 10,4 m/sek. 
„ 150 „ 12 „ m " „ 104 „ 

Der Fehler war, daß die für die kürzere Strede geforderte Geſchwindigkeit 
nicht höher war. Am Yahre 1862 wurde die zuläffige Zeit erhöht und zwar 
fo, daß für die Strede von 1875 Meter die Zeit von 3 auf 4 Minuten, für 
bie von 7500 Meter von 12 auf 15 Minuten beraufgefegt wurde; m. a. W.: 
für die Gtrede von 1875 Meter wurde eine Mindeftgefchwindigfeit von 
7,8 m/sek., für die von 7500 Meter eine folde von 81/, m/sek. geforbert. 
Es ift gänzlich unverftändlih, daß für die kürzere Strede eine geringere Ge- 
ſchwindigleit zugelaſſen wurde als für die längere. Diefe Anderung war alfo 
eine Beriäjlehterung nach zwei Seiten hin. Bom ahre 1864 ab wurbe von 
der Forderung einer Mindeftgefehwindigleit ganz abgefehen, bis ber oben er- 


110 Zur Reform der Pferderennen — 


wähnte Unfug in Hamburg 1887 zu ber lächerlichen Forderung von 5,5 m/sek. 
führte, die erft 1908, aber nur für Flachrennen, auf 81/, m/sek. erhöht wurbe”). 

Während bei Prüfungen von Kraftwagen, Luftichiffen, Ylugzeugen jehr 
fttenge Forderungen an die Mindeftleiftungen geftellt werden, begnügt man fid) 
bei Pferden, obwohl man fie nad) ihren Leiftungen zur Zucht auswählen will, 
mit fo lächerlich Heinen Forderungen. Gelbft bei Mannfchaftsrennen fordert 
man angemefjene, nad) der Bahnlänge richtig abgeftufte Gefchwindigfeiten. Auf 
der Strede von 1000 Meter wird für die Olympia eine Mindeftgeichwindigleit 
von 7,7 m/sek., auf der von 400 Meter eine foldde von 6,1 m/sek. verlangt. 
Beide Gefhmwindigfeiten find höher als die den Pferden bei Hindernisrennen 
abverlangte (5,5 m/sek.). 

Erft die Forderung einer angemeffenen Gefchwindigleit kann die auf ben 
Rennbahnen gezeigten Zerrbilder befeitigen, ohne jedoh alle Mikbräuhe aus- 
zufchließen. Wird eine Minbeftgefchwindigleit gefordert, fo muß erftens bie 
Länge der zu durdlaufenden Strede genau gemeffen und nicht, wie e8 nod 
jest vielfach gefhteht, „annähernd“ angegeben werben, und zweitens ift bie 
zur AZurüdlegung der Strede gebrauchte Zeit genau zu meflen. Aud das 
findet biS jegt nur auf wenigen Bahnen ftatt. Erft, wenn man die gezeigte 
Geihmindigkeit zahlenmäßig genau fennt, Tann man von einer gezeigten Leiftung 
Ipreden, die aber leineswegs der Xeiftungsfähigfeit des Pferdes zu ent|precdden 
braudt und jedenfalls dann nicht entfpricät, wenn der Sieger „verhalten“ Durch8 
Ziel gebt. 

Daß der Sieger feine wahre Leiftungsfähigfeit verfchleiert, indem er ver- 
balten dur) das Biel geht, kann durch Abitufung der Preife nach der Höhe 
der gezeigten Leitung verhindert werben. Nennen zwei Pferde von gleicher Güte, 
jo it eg Sade des Zufalls, ob das eine oder da8 andere um eine Kopflänge 
zuerft dur das Ziel geht. Sit das eine aber bedeutend überlegen, fo Tann 
der Steger den zweiten um viele Pferdelängen fhlagen. Dazu bat er aber 
gar Feine Beranlafjung; denn die Höhe des MPreifes fteht fon vor dem 
Nennen feft. 

Sept man die Preife aber erjt nad dem Rennen unter Berädfichtigung 
der gezeigten Leiftung feft, fo erreiht man dadurch nicht nur eine gerechte 
Berteilung, fondern veranlaßt auch die Reiter die wahre Leiftungsfähigteit 
ihrer Pferde zu zeigen. Es ift nur nötig, die Höhe der Preife nach der Größe 


*) Während des Drudes ift, wie der Berliner Lofalanzeiger meldet, eine Anderung 
ded Mennreglement3 eingetreten und bei allen Flachrennen, fowie bei Sindernisrennen 
unter 6000 m die Höchftzeit für je 1000 m der zu durdjlaufenden Strede auf 11/, Minuten 
feftgefegt worden, wad einer Mindeftgefhtwindigleit von 11,1 m/sek. entipridt. Für 
Hindernidrennen, die über mindeflend 6000 m führen, wird eine Geihwindigfeit von 
mindeftend 81/, m/sek. gefordert. BDiefe Underungen tönnen, jo erfreulich fie an fi find, 
nur alß ein erfter Schritt für weitere Neformen angefehen werden. 3 ift dadurch grund» 
fäglih die bis dahin ftet? geleugnete Rotwendigfeit einer Meform be Nennreglements 
augeftanden. 


Sur Reform der Pferderennen 111 





der Abftände, mit der die Pferde dur das Ziel gehen, abzuftufen, 3. B. zu 
beftimmen, daß für je !/, Meter (Kopflänge) Abftand vom eriten Pferde ber 
Preis um je Y/ıoo de8 Gefamtpreifes herabgefett wird. in Beilpiel wird bie 
Sade Har madhen. Für ein Rennen fei eine Summe von 125000 Marl 
verfügbar, fo würde nad) dem jeht beftehenden Brauch der 1. Preis vielleicht 
100000, der 2. 20000, der 3. 5000 Darf betragen. Kommen die Pferde 
mit Abftänden von !/, Pferdelänge (1'/, Meter) und 4 Pferdelängen (12 Dieter) 
Binter dem erften ein, fo müßte nad) dem hier gemachten Vorfchlage das zweite 
Pferd 3750, das dritte 30000 Mark weniger als das erfte erhalten. 

Der erite Preis würde 52916?/, Mark betragen, 

„ weite „ z 49166, „ 

dritte „u 22916, „ 


Zufammen 125000 Darf. 

Die Adftufung ift beliebig gewählt; man Lönnte auch ftatt 1/,oo feftiegen 
ao oder 1/0 uw. | 
Eine foldhe Verteilung der Preife nach der Höhe der Leiftung tft gerecht 
und nötigt die Reiter, aus den Pferden herauszubolen, was in ihnen ftedt 
und fo ihre wahre Leiftungsfähigleit zu zeigen. Zu dem Zmwed muß das 
Reitbonorar einen prozentualen Zeil des errittenen Gewinns bilden. Jeder 
Reiter wird ih dann beitreben, dem andern möglichft weit vorzufommen, 
bzw. dicht zu folgen. So wird nit nur die innezuhaltende KHöchitzeit, 
fondern aud jedes im Felde laufende Pferd ein treibender Faktor. 

&3 ift Teineswegs ausgeihloffen, daß mehr als drei, ja daß fämtliche 
Pferde einen Preis erhalten, wenn fie nur die Höchitzeit nicht überfchreiten 
und nicht zu weit hinter dem Sieger dur) das Ziel gehen. AndrerfeitS Tann 
aber aud ein Pferd den Preis allein davon tragen, wenn die anderen ftarten- 
den Pferde viel fchledhter find. Zrifft 3. 3. das zweite Pferd 50 Meter 
Binter dem erften ein, jo erhält das erite Pferd den ganzen Preis, alle anderen 
geben leer aus, au) wenn die Mindeftgefchwindigkeit überjchritten fein follte. 

Mit dem Wettrennen ift der Zotalifator, diefe zum Spiel verführende 
Rechenmaſchine, auf das engfte verbunden. Bon interejfierter Seite wird be» 
bauptet, ohne Totalifator feten Pferderennen und fomit aud Vollblutzudht 
unmöglid. Das ift eine unbewiefene und unbeweisbare Behauptung. Abge- 
 fehen davon, daß England den Totalifator nicht Tennt, gab e3 jhon vor dem 
Sabre 1875, in dem ber Zotalifator fi) einbürgerte, eine deutſche Vollblutzucht. 
Seitdem hat die Zahl der Nennpläge, der Nennen und der NRennpferde fehr 
zugenommen; ob aber aud) die Qualität der Pferde, das Tann niemand be- 
weifen, weil die Gefchwindiglett bei den Nennen faft nie gemefjen tft und jelbfi 
wenn fie gemeflen wäre, nur über die gezeigte Leiftung, nicht aber über bie 
Leiftungsfähigfeit der Pferde Aufihluß gibt. 

Der ZTotalifator ift das denkbar größte Hafardfpiel, fchlimmer als die 
Spiele in den feit 1872 gefchlojfenen Spielfälen der deutfhen Badeorte. Schon 


112 Sur Reform der Pferderennen 


der Ausgang der Rennen hängt fo vom Zufall ab, daß der Leiter des Trakehner 
Geftüts, Landftallmeifter v. YBurgsborff 1827 fagen konnte: „Das englifche 
Wettrennen ift das größte Hafard der Welt und bat nur als folches Anterefje.“ 
Damals gab es aber noch feinen Totaltfator, ber die Auswücdhle im Nennwejen 
fehr befördert. Kann man fhon das in hohem Grade von Zufall abhängige 
Nennen ein Hafardfpiel nennen, fo gilt das in weit höherem Make vom 
ZTotalifator, weil bier die Höhe des Gewinns nicht, wie bei jedem anderen 


Spiel befannt ift, fondern wefentlih davon abhängt, wie die Pferde von dem. 


am Xotalifator fegenden Publitum bewertet wurden. Siegt ein aus irgend» 
einem Grunde vom Bublitum niedrig eingejchägtes Pferd, fo werden ungeheure, 
ein Vermögen darftellende Gewinne gezahlt. So wurde 3. 3. bei dem Nennen 
in Hoppegarten am 15. Auguft 1915, wo in diefem Kriege der Totalifator zum 
erften Male wieder zugelafien war, für die Wette auf Sieg mehr al3 ber 
72fache, für die Plagwette mehr al8 der 172fadhe Einfab gezahlt. Das ift 
aber teineswegs der böchfte, überhaupt am Xotalifator gezahlte Gewinn. Bei 
einem Zrabrennen in Weißenfee am 13. Dftober 1899 wurde das 391, in 
Maifon Lafitte am 28. September 1910 fogar das 667 fache des Einfages als 
Gewinn ausgezahlt. Solde Gewinne überfteigen den günftigftenfals am 
Noulette erreichbaren um das zehn-, ja faſt zwanzigfache. In dieſen ſchwindel⸗ 
haften Gewinnen liegt der große Anreiz zum Spiel, dem große Maffen unferes 
Bolles gerade aus den unteren Ständen unterliegen. Welch fchwindelhafte 
Höhe der Umfag am Zotalifator erreidht, davon haben wohl nur wenige eine 
Borftelung.. Im Jahre 1913 find nicht weniger als 78 000 000 Marl um- 
gefeht und an einem Nenntage des Kriegsjahres in Hoppegarten über 700 000 M. 
Daß der Totalifator in fo fhwerer Zeit in Deutfchland zugelafien wurbe, ift 
im bödhften Grade bedauerli und gereicht uns wahrlich nicht zur Ehre. 

Der Totalifator trägt aber aud) in hohem Grade dazu bei, den Wert 
der Nennen als Leiftungspräfung noch mehr berabzufehen. 8 liegt die Ber- 
führung vor, das unmiffende Publilum irrezuführen, indem zum Beifpiel minder- 
wertige Pferde als Favoriten auspofaunt, hervorragende Öffentli als frank 
oder nicht bdisponiert erflärt, gute Pferde verheimlicht werden. Die Ein- 
gemweihten ziehen daraus am Xotalifator ihren Nugen. 

Daß Seine Majeftät von der verberblidden Wirkung des Totalifators durch⸗ 
drungen tft, geht daraus hervor, daß er fhon im Jahre 1894 den Offizieren ber 
Armee und Marine — leider nur ihnen — das Spiel am Xotalifator ver- 
boten bat. 

Am beiten wäre e8, den Zotalifator ganz zu verbieten. Yyreilih bringt 
er 162/, v. 9. Steuern ein, im Jahre 1913 aljo allein etwa 18 Millionen, 
wovon die Hälfte den Nennvereinen zufließt. Läßt fich diefer für die Hebung 
der Pferdezucht beftimmte Betrag nicht anderweitig aufbringen, fo follte man 
den Xotalifator nur bei joldden Rennen zulafien, bei denen eine wirflidh renn- 
mäßige Geidhwindigleit gefordert wird und die Abftufung der Preife nad) der 


Sur Reform der Pferderennen 113 





Höhe der Leiftung ftattfindet. it diefen beiden Bedingungen genügt, ver- 
mindert fi die Gefahr des Zotalifators, da dann die Nennen reeller durdh- 
geführt werden möäflen. 

Man wird einwenden, daß es fehr fchmwer fei, die Abftände der Pferde 
richtig zu beftimmen. Das trifft aber durchaus nicht zu. In der Moment- 
pbotographie und der photographifchen Mefjung befigen wir ein mit größter 
Zuverfihtlichleit arbeitendes Mittel. 

Daß die nad) engliidem Mufter abgehaltenen Nennen für unfere Zucht 
nit den ihnen nachgerühmten Wert befiten, daß fie feine erniten Prüfungen, 
fondern nur Schauftellungen find, dürfte nach) dem Gefagten einleuchten. Man 
wird auf die vorzügliche Nemontierung der deutfhen Kavallerie und das her- 
vorragende englifhe Vollblut verweifen, die nur den Nennen zu danlen jelen. 
Das eben beftreite ich. 

Gewik find die guten Eigenichaften des deutichen Kavalleriepferdes ber 
Beredelung der Raffe dur) Vollblut zu danlen; aber das beutfche, d. b. von 
deutihen Eltern im Inlande geborene Volblutpferd ift dabei nur in geringem 
Stade beteiligt... Bon den im Sabre 1914 in die Geftüte neu eingeftellten 
32 Hengiten find nur drei von deutfchen Müttern, fünf von fremden Eltern im 
Königlihen Hauptgeftüt Gradig, dagen 24 (alfo 75 v. 9.) im Auslande ge- 
zogen. Wer darin eine erfreulide Entwidelung der deutfchen Vollblutzucht 
fieht, legt eine wirklich beneidenswerte Anfpruchslofigkeit an den Tag, befonders 
wenn man berüdfichtigt, daß im Reihe und den Rennvereinen aus dem Tota- 
lifator in den Jahren 1906 biß 1912 einfchließlih die Summe von je über 
281/, Million zugefloffen if. ZTatfache ift, daß jährlich ehr viele Fohlen in 
England und Franfrei von Rennftallbefigern gelauft und in Deutfchland ein- 
geführt werden und bei den Nennen befjer abjchneiden als die in Deutichland 
gezogenen. Das Einftellen folder Ausländer in die deutſchen Geſtüte kann 
man dod wahrlich nicht a8 eine erfreuliche Entwidelung unferer Pferdezudt 
bezeichnen. 

Die guten Eigenfchaften des englifhen VBolbluts find feineswegs die Folgen 
der Rennen — fonft hätten fie fih auch bei den nach demjelben Diufter „ge- 
prüften” deutfchen Pferden entmwideln müffen — fondern vielmehr Folgen der 
die Zucht befonders fördernden Verhältniffe: ausgedehnte gute Weiden und 
günftiges Klima. 

Da wir uns in der Pferdezucht möglicit unabhängig vom Auslande machen 
müffen, fo ift eine ernjte Prüfung der für die Zucht in Ausficht genommenen Pferde 
dringend geboten. Wo in aller Welt fommt es fonft vor, daß die Prüflinge 
— mil bier fagen die Nennftallbefiter — felbit die für da8 Beftehen der 
Prüfung geltenden Bedingungen aufftellen? Überall fonft werben beftimmte 
Mindeftleiftungen verlangt; nur bei den Pferderennen ift davon abgejehen; bier 
Iönnen BPreife für Leiftungen gezahlt werben, die alles andere als Nennletftungen 
find, wenn nur die der anderen Pferde noch jchlechter find. Wir müfjen daher 

®renzboten I 1916 8 


114 Sur Reform der Pferderennen 





die Nennen fo umgeftalten, daß aus Schauftellungen ernfte Leiftungsprüfungen 
werden. 

Wil man eine ernfte Prüfung der Pferde durchführen, fo muß der Zufall, 
d. h. alles, wa8 außer der Qualität der Pferde Einfluß auf den Ausgang des 
Nennen haben Tann, nad) Möglichkeit ausgeichaltet werden. ES ift Iange nicht 
befannt genug, welden Einfluß die Gefchidlichleit der Yodeys beim Nennen 
bat. Der allgemein als erfte Autorität anerkannte Landftallmeifter Graf Lehn- 
dorff erflärte im Jahre 1880, daß Osborne, der Reiter des Siegers im Union- 
rennen auf jedem ber drei als erjte eintommenden Pferde hätte gewinnen 
fönnen, wahrjdeinlid aber auf dem als dritten eingelommenen geflegt haben 
würde. Damit ift doch zweifellos zugeftanden, daß bier eine einwandfreie 
Brüfung der Pferde nicht ftattgefunden hat; die Gewandtheit des Fodeys, nicht 
die Gefchmwindigkeit des Pferdes bat den Sieg entfehieden. Die Rennftallbefiger 
wiflen das aud) fehr genau und zahlen daher den odeygg — jungen Leuten 
von 18 bis 30 Jahren, namentlid wenn e8 Engländer find — Gehälter, 
welche die eines Minifters oft weit Hinter fi) laffen und an die von Bank. 
direftoren beranreihen. Natürlich können nur fehr reiche Leute foldhe Gehälter 
zahlen, und das ift einer der Gründe, weshalb auf den Rennbahnen die großen 
Mennftälle filh den Fleinen jehr überlegen zeigen. Man bat daher vorgefchlagen, 
die unter fo hervorragenden Neitern laufenden Pferde mit einem höheren Ge 
wicht zu belaften. Dagegen fträuben fi aber die Rennftallbefiger, obwohl 
ihon jest unter gemwiflen Bedingungen unerfahrenen Reitern eine Gemwichts- 
erleihterung zugebilligt wird. 

Daß die Pferderennen in ihrer jegigen Berfaffung gründlicher Reformen 
bedürfen, um ernfte Leiftungsprüfungen zu werden, gebt aus dem Gefagten 
wohl Mar hervor. Gegen die gemadten Vorjläge können jadhlicde Einwände 
faum vorgebradht werden. Die Reihe der nötigen Änderungen ift damit jebod) 
durhaus nicht erfchöpft; es handelte fi) hier nur darum zu zeigen, in welchem 
Make die jetigen Nennen unter dem Einfluß des Zufalls ftehen und wie Diefer 
eingefchränkt werben könnte. Erſt wenn das gejchehen ift, fan von einer 
wirflihen Prüfung dur) das Nennen die Rede fein; vielleicht gelingt e8 dann 
durch forgfältige Auswahl der Zuchittiere das deutjhe Vollblut fo zu heben, 
daß man mit Stolz fagen darf: „Made in Germany“. 








Kriegsliteratur 
Don Dr. jur. Kurt &d. Jmberg 
V. 

Amerika 


und Broſchüren betrifft, während die Zeitungen und Zeitſchriften 
im Laufe des Weltkrieges oft genug Gelegenbeit hatten, fih mit 
den amerifanifhen Nepublifen, insbefondere mit dem größten 
der noch neutralen Staaten, den Vereinigten Staaten von Amerika, zu befchäftigen. 
Die bei weitem größte Beachtung ift dem zur Genüge befannten LZufitania- 
Falle gefchentt worden, und über dieje deutich-amerilanifche Angelegenheit find 
aud) einige, zum Zeil recht brauchbare Schriften erfchienen, von denen wir in 
diefer Überfiht jedoch nur zwei Arbeiten kurz erwähnen wollen, während eine 
genauere Überfiht über die Literatur diefes völferrechtlihen Falles einer 
ipäteren Beiprechung vorbehalten bleiben fol. 

An eriter Stelle von den Büchern, die bisher über Amerila erfchienen 
find, ift da8 Buch des bekannten Piychologen an der Harvard-Univerfität, 
Hugo Münfterberg, zu nennen. Diefer tapfere Verfechter des Deutichtums in 
den ZBereinigten Staaten, defjen vor einigen Jahren in Berlin erjchienenes 
Werl „Die Amerikaner“ in weiteften reifen mohlverdiente Verbreitung gefunden 
hat, veröffentlicht jet feine Tagebuchblätter, die er während der erjten acht 
Kriegsmonate gejchrieben hat. Der erfte Teil diefes Buches erſchien im 
September 1914 in New Hork unter den Titel „The War and America“, 
und ihm folgte im April 1915 als Fortfegung „The Peace and America“. 
Unter diefen Titeln ging da8 Buch aud in die deutfhe Tauchnig-Kolleltion 
über, die eine zweibändige Ausgabe des Münfterberg’ihen Werkes veröffentlichte. 
In danlenswerter Weife ijt alsdann im Verlage von Yohann Ambrofius Barth 
in Zeipzig aud) eine deuifche Ausgabe erjchienen, fodaß zu hoffen fteht, daß 
diefe beachtenswerten Aufzeichnungen au in Dentfchland einen weiten Lefer- 
freiS finden werden, wenn der Lefer fi) auch ftetS vor Augen halten muß, 
daß diefe Zagebuchblätter in erfter Linie für das amerilantfhe Publikum 
beftimmt gewejen find. 

Mit großer Klarheit und Schärfe behandelt Münfterberg in diefem Buche 
den Standpunlt und die Entftehung des Weltkrieges für das amerilanifche 
gr 





116 Kriegsliteratur 


— e— — 


Volk. Ruhig und ſachlich tritt der berühmte Gelehrte für die Wahrheit ein, 
die in der zum größten Teile deutſchfeindlichen Preſſe Amerikas oft ganz ſinnlos 
entſtellt worden iſt. Die Kraft, mit der der Verfaſſer ſeine Anſicht vertritt, 
und die gewichtigen Gründe, auf die er ſeine Überzeugung ſtützt, werden auch 
bei den von Reuter und Havas irregeleiteten Amerikanern, wenigſtens bei den 
nicht ganz mit Blindheit geſchlagenen, ihren Eindruck nicht verfehlen. In 
intereſſanter Form ſchildert Münſterberg die Eindrücke, die das große Kriegs⸗ 
drama in der Volksſeele Amerikas hervorrief, beſchreibt er die heftigen, wenn 
auch unblutigen Kämpfe, die unſere Volksgenoſſen jenſeits des Ozeans gegen 
die aus England und Frankreich in reichlichem Maße importierten Lügen für 
die deutſche Sache auszufechten hatten und auch heute noch zu beſtehen 


en. 

Die reiche Fülle des Stoffes, die in dieſem Buche verarbeitet iſt, verbietet 
uns, in dieſem engbegrenzten Raume näher auf die Einzelheiten einzugehen 
und einen auch noch ſo kurzen Abriß ſeines Inhaltes zu geben. Bemerlt ſei 
nur, daß Münſterberg das Verhalten der Amerikaner aufs ſchärfſte tadelt, die 
Sonntags für den Frieden beten und in den ſechs Tagen der Woche Munition 
und anderes Kriegsmaterial an die Ententemächte liefern, wodurch der Krieg 
nur unnüb in die Länge gezogen wird. Unummunden gefteht er ein, „daß 
das amerilanifhe Voll feine gewaltige Aufgabe, der wahrhaft unparteiifhe 
Schiedsrichter der Welt zu fein, Häglih vernadjläffigt hat“, zugunften einiger 
weniger, die aus den Sriegsmateriallieferungen ihre Zajhen mit englifchem 
und franzöftlihem Gelde füllen, von dem fie feinesmegs das befannte Wort 
Veipaftans behaupten Tönnen: „non olet“. Mit voller Schärfe fieht der 
Berfaffer au die Gefahren, die für die Vereinigten Staaten von Amerifa 
durch die Teilnahme Japans am Kriege am Horizont beraufziehen, und auf 
die wir bereit8 an anderer Stelle (vergleiche „Die Grenzboten”, 1915, Heft 15) 
des Ausführlidieren bingewiejen haben. Auch England wird fidh feines gelben 
Bundesbruders nicht allzulange mehr erfreuen; denn „die Freundihaft von 
Sapan und England wird ebenjo fehnel fi in Feindichaft verwandeln, wenn 
die Zeit gefommen ift, die Engländer aus Andien zu weifen“, wie fich die 
Feindfhaft zwiichen ARupkland und Japan in Brüderfhaft verwandelte, als fidy- 
die Gelegenheit bot, Aber unjer Pachtgebiet im fernen Dften berzufallen. 

Nicht weniger interefjant als das foeben genannte Buch find die Briefe, 
die der frühere amerifanifche Konful in Aachen, Robert %. Thompfon — wie 
man aus dem Namen fieht, fein ſogenannter „Bindeſtrich-Amerikaner!“ — 
unter dem Zitel „Der deutfchrenglifche Krieg im Urteil eines Amerilaners” im 
Verlage von Karl Eurtius (Berlin) herausgegeben hat. Diefe Briefe ftammen 
aus den eriten Kriegsmonaten und find an den amerilanijchen Staatsjelretär 
gerichtet. Nachdem Thompfon nolens volens den amerifanifhen Staatsdienft 
verlaffen hatte, veröffentlichte er im Yebruar 1915 diefe Briefe zuerit in der 
Chicagoer „Zribune”. 


Kriesgsliteratur 117 


Mit großem ntereffe wird auch der deutiche Lefer diefe Briefe Iefen, bie 

aus Gründen der Gerechtigkeit gefchrieben find, um mit einer Menge Über⸗ 
treibungen und Irrtümern aufzuräumen, bie die öffentliche Meinung im Lande 
der Streifen und Sterne irregeleitet haben. Auf Grund eigener Erfahrungen, 
die er während feiner amtlichen Tätigkeit in reihem Make fammeln Tonnte, 
erhebt der Verfaffer Proteft gegen die von der gegnerifchen Lügenpreffe ver- 
breiteten Märchen von der Sraufamleit und Trunlfuchht des beutfchen Heeres, 
und widerjpriht er der Verleumdung Deutichlande, e8 habe die Neutralität 
Belgiens verlegt. Am fünften Briefe befaßt er fih mit dem fo oft zitierten 
„Milittarismus” und fommt am Schluß feiner Unterfuhung zu dem Ergebnis, 
daß Militarismus, gleichviel ob zu Lande oder zur See, Militarismus bleibe, 
und daß es der engliihe Militarismus zur See fei, der den DBereinigten 
Staaten am meilten Schaden zufüge, da er den amerllanifchen Erporthandel 
mit Deutfhland, Ufterreih) und Rußland völig Iahmgelegt habe. Beſonders 
hervorgehoben zu werden verdient ferner, daß Thompfon die grunderhaltenden 
deutfhen Staatsprinzipten richtig erfannt hat, und daß er frei zugibt, daß in 
Deutihland mit feiner nationalen politifden Einheit und feinen intellektuellen 
fozialen Erfolgen die Vorbedingungen zu einer Weltmacht gegeben find. 

Mer diefe Briefe Thompfons aufmerlfam durchlieft, wird fih nicht ver- 
beblen Lönnen einzugeftehen, daß der Berfaffer offen und ehrlich feine Meinung 
fagt, daß er mit offenen Augen und Harem Berjtändnis die Verhältnifie im 
Deutihland ftudiert hat, und vor allem den Mut gehabt hat, feine wahre 
Überzeugung auch auszufpredhen. Mit Genugtuung erfüllt e$ einen, wenn man 
diefe Briefe gelefen hat, und man freut fi, daß es auch unter den „echten“ 
Amerilanern, deren Urteil — nad englifher Auffaffung — durch Teinen 
„Bindeftrih” getrübt ift, Leute gibt, die der Wahrheit die Ehre zu geben 
wagen und auch Deutijland Gerechtigkeit widerfahren Yafien. 

Unter dem Zitel „Nordamerifa und Deutfchland“ (Verlag von Karl 
Gurtius, Berlin) behandelt der bekannte Berliner Univerfitätsprofeffor Eduard 
Meyer, deflen hervorragendes Buch über England bereit früher an diefer 
Stelle ausführlich beiprodden wurde, das Verhältnis der beiden Weltmächte 
zueinander. Meyer unterfuht die Gründe, weshalb das amertlanifche Volk, 
als Sanzes genommen, wenn aud) vielleicht nicht geradezu deutichfeindlicdh, fo 
doch ftarl ententefreundlich ift. 

Wie überall in der Welt, jo gebührt au) für die Stimmung in Amerika 
der englifch - franzöfifchen Lügenpreffie — wenn man fo fagen darf — ein 
großes Verdienft, obgleich die Lügennadhrichten, wie Dieyer hervorhebt, nicht bie 
Urfache, fondern nur ein Symptom der Gefinnung der Amerikaner find. Die 
eigentliche Urfache diefer Gefinnung liegt viel tiefer; mannigfache Gründe und 
Faltoren haben dazu beigetragen, diefe deutichfeindliche Stimmung im amerifa- 
ntihen Bolfe aufleimen zu lafien. An dieſer Tatſache iſt leider nicht viel 
zu ändern. Durch unfere Leiftungen und Erfolge im jetigen Striege vermögen wir 


118 Kriegsliteratur 


— — — - - — — 


den Amerilanern wohl zu imponieren, wir fönnen fie durch unſere Erfolge zwingen, 
uns zu achten; „aber mehr können wir nicht erreichen, und follen und dürfen 
wir nicht verfuchen“, denn bie Gefinnung der Amerilaner gegen uns wird ftet8 
die gleiche bleiben, vielleicht wird die Ablehnung gerade durd) unfere Erfolge in der 
Drganifation hinter der Front und draußen auf den Schlacdtfeldern noch ge- 
fteigert werden. Die Lehren, die wir aus diefem Verhalten ziehen follten, faßt 
Meyer dahin zufammen: „Wir müfjen und follen ale Berfudhe aufgeben, bie 
Anglo-Amerifaner zu belehren und für uns zu gewinnen. Das Liebeswerben, 
das wir fo lange unermüdlich betrieben haben, muß aufhören, jest und in 
Zulunft; e8 bat uns nur gefhadet, weil e8 uns in den Augen der Amerilaner 
als inferior und zugleich als bilfsbedfrftig erfcheinen ließ, geglaubt hat man 
ung do nicht, fondern nur um fo fhlimmere Abfichten dahinter gemittert. 
Höflich follen und wollen wir bleiben; aber je vornehmer und kühler wir auf 
treten, um fo befjer und mirfungspoller ift es“. Diefe Worte follen wir uns 
für unfer Verhalten gegen alles Ausland merken und fie beberzigen, auch wenn 
wieder normale Zeiten in die Welt zurüdgelehtt fein werden. 

Schließlich fei noch bemerkt, daß Meyer feinem Buche einen Auffag von 
Brofefior Th. &. Hale aus New Norl, der eine Charalterljtit der englifchen 
PVrefie enthält, jowie ein Urteil über Deutfehland aus der Feder des Drforder 
Profeſſors Conybeare beigefügt hat. 

Diefelde Mahnung, „alles zu vermeiden, was wie eine Bitte um ameri- 
fanifche Hilfe ausfieht”, die Meyer als erften Grundfat in der Haltung Deutich- 
lands Amerila gegenüber aufgeftelt bat, wird aud) von Nudolf Leonhard in 
feiner Rede „Amerila während des Weltkrieges“ angelproden. Dieje Rede, die 
am 29. Januar 1915 in Berlin gehalten wurde, tft ald 16. „Deutfche Nede 
in fchwerer Zeit” in Carl Heymanns Verlag (Berlin) erfchienen. Leonhard 
führt bier u. a. aus, daß uns das freimütige Eingeftändnis, die belgifhe Neu- 
tralität verlegt zu haben, in der Neuen Welt außerordentlich gefchadet bat; 
„denn das Unredt darf nad dem ftrengen Sittenfoder auch im Notfalle nicht 
anders begangen werden al man Whisty trinkt, nämlich unter allen Umftänden 
nur heimlich“. 

An Meineren Schriften wäre zunäcft ein Aufruf des Heidelberger Hiftorifers 
Hermann Dnden an die Deutfhamerilaner zu nennen. Syn Heft 6 der von 
Ernft äh bei der Deutihen DVerlagsanftalt in Stuttgart herausgegebenen 
Sammlung „Der deutfhe Krieg” richtet Dnden an unfere Vollsgenoflen jenfeits 
des Dzeand den Mahnruf, in diefen ernften Zeiten ihr altes Vaterland nicht 
zu vergefien. Wenn fie auch nicht mit den Waffen die Scholle ihrer Vorväter 
verteidigen könnten, fo follten fie do nad Kräften aufflärend und zum Wohle 
und Nuben Deutihhlands mit friedlichen Waffen in ihrer neuen Heimat für ihr 
altes Vaterland Tämpfen. — Mit Stolz und Genugtuung mag bier feftgeftellt 
werben, daß die Deutih-Amerilaner — von ganz verfehwindenden Ausnahmen 
abgefehen — dies au, fo weit e3 in ihren Kräften ftand, getan haben. 


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Kriegsliteratur 119 


rn nn HIERBEI DRITT ISSUE 





So verfudt 3. B. Profefjor Karl Anory aus Nem York in einer Schrift 
„Die Deutichfeindlichleit Amerifas“ zu erflären. Mit vollem Necht hebt der 
Berfafler hervor, daß die Teutfhen drüben herzlich willlommen waren, „fo 
lange der arme deutfche Einwanderer zufrieden war, die niedrigften Arbeiten 
willig und billig zu verrichten und fi} außerdem an Wahltagen als Stimmoteh 
benügen zu laffen”. Sobald er fi jedod durdy Fleiß und Sparfamfeit empor- 
gearbeitet hatie, und auf Grund feiner Leiftungen die entſprechenden Anſprüche 
zu erheben wagte, wurde er von den Amerilanern mit Neid, Miktrauen und 
Haß betrachtet. Bezeichnend tft e8, daß die tätige Mithilfe der Deutfchen bei 
dem Aufbau der Vereinigten Staaten felbft von ben bebeutendften Gejchichts- 
ſchreibern Amerikas garnicht oder nur nebenbei erwähnt wird. 

So interefjant und fcharffinnig diefe Brofhüre fonft gefchrieben ijt, fo 
berührt es faft fomifch, wenn der Verfaffer auf Seite 39ff. einen mit „B. 4. 
Haufe“ unterfchriebenen Brief an die „New Norker Staatszeitung” für ernft 
nimmt, durch den Knork zu bemweifen fucht, „daß ber rechte Amerilaner gegen 
eine fcheinbare Beleidigung feines englifhen Better noch empfindlicher ift, als 
John Bull felber”. Wenn man fi) den Namen des Briefichreibers, der 
feinbar Proteft gegen die Aufführung von „Zriftan und Solde” erhebt, 
genauer anfieht, hinter dem B und A die Punkte fortläßt und das Ganze in 
einem Wort fchreibt, fo erkennt man, daß fi) der Verfafjer von dem „Banaufen“ 
elendiglich ins Bodshorn hat jagen laffen. — XTrob diefes Kleinen, verzeihlichen 
Frrtums enthält die Knorbfhhe Schrift manches Beachtenswerte. | 

AS Ausdrud des Beitrebens in Amerika aufllärend zu wirfen, mag 
die englifhe Überfegung eines Heinen Büchleins, das Francis Delaifi im 
Jahre 1911 unter dem Titel „La guerre qui vient* in Paris im Berlage 
der „Guerre sociale“ veröffentlicht bat, gelten. Die Überfegung erfchien 
bei Small, Maynard und Company in Bofton und trägt den nicht 
ganz genauen Titel „The inevitable war“. Der ungenannte Überfeter recht» 
fertigt diefe Heine Abweichung vom Original damit, daß er auf die von Delaffi 
am Ende feiner Schrift getane Außerung, der Krieg fei unvermeidlich, anfpielt. 

Mögen au nit alle von Delaifi in diefem Buche gemachten Prophe- 
zeiungen im jebigen Kriege eingetroffen fein, mag er 3. ®., wie der Überfeper 
im Borwort betont, die finanzielle Stärke Dentihlands völlig falfch eingejhäßt 
haben, fo find die von Delaift bier niedergelegten Gedanlen gerade heute von 
großem Interefie. Der Verfafier jah die europäifche Krifis lommen und fürchtete 
vor allem die englifche Freundichaft für Frankreich, weil er einfah, daß Ietteres 
im Kriegsfalle die Kaftanien für feinen Verbündeten aus dem euer holen 
mußte. Die Meine intereffante Schrift, die in franzöflicder und englifcher Sprache 
nebeneinander gedruckt erjcheint, dürfte jenfeits des Dzeans großes Interefje und 
einen weiten Leferfreis finden. 

Ein andere® Bud, das in Amerila gute Dienfte zu leiften ver- 
mag, ftammt aus der eder des früheren amerilanifhen Senators Albert 


120 Kriegsliteratur 





J. Beveridge: „What is back of the war“ (The Bobbs-Menill Company, 
Indianapolis). 

Beveridge weilte Anfang 1915 längere Zeit in Europa, er befuchte Deuticdh- 
land, Frankreich und England, um in diefen Staaten die Lage während bes 
Krieges zu ftudieren, und er bat nach feiner Rüdklehr in diefem Buche feine 
Eindrücke niedergelegt, die zu fammeln er in Europa reichlich Gelegenheit gehabt 
bat. m erfter Linie hat es fich der Verfafler angelegen fein laffen, zu ſehen, 
„what is back of the war“, d. h. wie es hinter der Front, im Innern der 
Irtegführenden Staaten ausfieft. Gemwiß war er vorübergehend auch an ber 
Front, in den Schügengräben und in ben Artillerieftellungen, feine Hauptaufgabe 
blieb jedoch ftetS, die Anfichten und Stimmungen im Lande Tennen zu lernen. 
Dies glaubte er am beften in der Weife zu erreichen, indem er — nad) bem 
befannten Dtufter amerilanifcher Yournaliften — eine Anzahl berporragender 
Bertreter der verjähtebenften Berufe „interviewte”, wenn man biefes Fremdwort 
noch gebrauchen darf, und deren Äußerungen in einer Reihe von Kapiteln 
niederlegte. So hatte Beveridge in Deutihland Unterrebungen mit Erzellenz 
dv. Harnad, Generaldirektor Ballin, Dr. Walter Rathenau, mit „dem Führer 
der deutfhen Sozialdemokratie” Dr. Sübelum und bem 2. GSeltetär des Snter- 
nationalen Gewerlfchaftsverbandes. Bon größerem Sfnterefie für uns find jedoch 
die Unterrebungen mit Staatgmännern, Gelehrten, Smduftriellen und Yinanz- 
leuten in Yranfreih und England, die Beveridge in den Kapiteln 11, 12, 14 
und 15 wiedergibt. In Frankreich find e8 die Gründe für den Ausbrud) des 
Weltkrieges, Die in erfter Linie den Gefprächsftoff bildeten. Ein ungenannter 
franzöfifder Staatsmann Hält durch das immer mächtiger werdende Deutfchland 
das europäifhe Gleichgewicht für bedroht, das zu erhalten die Hauptaufgabe 
der übrigen Staaten Europas fein müffe, während Gabriel Hanotaur den Ur⸗ 
Iprung des Strieges fieht „In dem großen Unrecht, das Deutſchland mit der 
gewaltfamen Fortnahme von Elfah-Lothringen beging“. Weit törichter Hingt 
der Grund, den der franzöflihe Philofoph Henri Bergfon angibt, der bie 
Wurzeln des Weltkrieges in der „aggreifiven Bolitit Deutichlands” gefunden 
zu haben glaubt. Weniger bebeutend find die Äußerungen des Inhabers der 
Schneider-Creufot-Werfe und eines franzöflihen Friedensapofteld, der feinen 
Kamen vorfichtigerweife verfchweigt, und zwar mit Necht; demn er bezeichnet 
al8 den wahren Beginn des Krieges die Haager Yriedenslonferenz, auf der 
Deutfhland die von den Übrigen Großmäcdhten vorgeichlagene obligatorijche 
Schiedsgerichtsbarkeit zu Fall brachte. 

Doch wir Tönnen nicht näher auf diefe Äußerungen eingehen, nod) wollen 
wir an diefer Stelle verfuchen, fie zu widerlegen, obwohl es Teinesfalls fhwer 
fallen würde. @8 fei nur noch furz erwähnt, daß die Engländer, mit denen 
Beveridge fpradh, die verichiedenften Gründe für den Ausbruch des Weltkrieges 
und für das Eingreifen Englands insbefondere angaben, die Berlehung ber 
belgifhen Neutralität, die Furt vor der Vernichtung Frankreichs, das von 


Kriegsliteratur 121 


— — — — nn — — — — — — — — 


Grey verheimlichte Bündnis mit Frankreich uſw. Jedenfalls erfieht der Leſer 
aus dieſen Äußerungen, daß man ſich in Frankreich und England nicht einmal 
über diefe Fragen einig fft. 

Mit dem wictigiten Problem, das während des Krieges zwifchen Deutich- 
land und den Vereinigten Staaten aufgetaucht ift, befchäftigt fi Hans Wehberg 
im 11. Heft der „Sriegsberidte aus dem nduftriebezirt" (Verlag von 
©. D. Baededer in Efjen): „Die amerilanifhen Waffen-e und Munitions- 
lieferungen an Deutfchlands Gegner”. 

Wehberg jagt, daß bisher allerdings Teine feften Regeln in Bezug auf ein 
Ausfuhrverbot beitehen, und daß in früheren Kriegen die Lieferung von Waffen 
und Munition an die Kriegführenden mit der Neutralität wohl vereinbar ge- 
wejen war. Aber der Zuftand fei jet garnicht mehr derjelbe wie früher. 
Nah einigen ftatiftifden Angaben über die von Amerika gelieferten Mengen an 
Munition und Waffen weiit der Verfaffer alsdann darauf hin, daß man in 
diefem Falle auf die allgemeinen Prinzipien der Neutralität zurücdigreifen müfje, 
und bieje lehrten: „Wenn die Munitionslieferungen gegenüber früher einen nie 
geabnten Einfluß auf die Entfcheidung des Krieges ausüben, jo kann nicht mehr 
das Prinzip der formellen ®leichheit, der Dffenbaltung der Märkte für alle 
Kriegführenden, maßgebend fein. Dielmefrt muß dann die Einjtellung ber 
Lieferungen erfolgen, wenn der Transport nad der einen Partei durch bie 
Beherrihung des Seeweges von Seiten des Gegners ausgeichloffen ift. In 
foldem Falle ift ein Ausfuhrverbot ein dringendes Erfordernis der Gerechtigleit”. 
Diefe müßte allein bei der Entjcheibung der Frage ausfchlaggebend fein, und bie 
Rüdfihten auf die amerilanifche Waffeninduftrie müßten fchweigen. Dan 
kann fi) diefen Ausführungen Wehbergs wohl voll und ganz anfchlieken. 

Wie bereits eingangs bemerkt, wollen wir an biefer Stelle nicht die Literatur 
beiprechen, die über die Lufitania-Angelegenheit gefchrieben worden ift, obwohl 
fie ja in gewiflen Sinne hierher gehört. Die über diefen Fall erfchienenen 
Bücher und Broſchüren find faft durchgängig rein vom völferretlihen Stand- 
punlte aus geichrieben, und fo mag ihre Beipredung für die Behandlung eines 
‚Ipäteren Themas aufgeipart bleiben. Nur zwei Arbeiten, die wohl die beften 
find, die bisher über den Lufitania-Fal erjchienen find, mögen aud) bier, wenn 
au nur ganz kurz, genannt fein. 8 ift Dies zumächft die von der „Zeitichrift 
für Böllerreht" (%. U. Kerns Berlag, Breslau) herausgegebene Sammlung 
„Der Lufitania-Fal im Urteile von deutichen Gelehrten”, in der einundzwanzig 
der heruorragendften Gelehrten Deutichlands und Vfterreihg unabhängig von 
einander diefe höchft interefiante Frage behandelt haben. Der wertvolle An- 
bang, der biefem Buche beigegeben tft und Urkunden zur Vorgefchichte fowie 
den Rotenmwechfel über den Lufitania-Fal enthält, dürfte diefeg Buch zu einem 
unentbebrlichen Hilfsmittel für das fpätere Stubium diefer völlerredhtlih To 
bebeutfamen Frage machen. Man vergleiche die Beiprechung des Buches durch 
Prof. Bornhat in Heft 40 db. %. 1915 diefer Zeitichrift. 


122 Kriegsliteratur 





Die andere Arbeit, die wir hier erwähnen wollen, ftammt aus der Feder 
des befannten Würzburger Profeffors für Offentliches Aecht, Chriftian Meurer. 
Diefe, „Der Lufitania-Fall“ betitelte völferrechtlihe Studie ift im Verlage von 
3. &. 3. Mohr in Tübingen erjhienen. Der Berfaffer weift in feiner Ab- 
handlung nad, „daß die Lufitania als Hilfsfreuzger umgewandelt, auf die 
Kriegsichiffslifte gefegt, in den Dienft der Marine geftellt und nicht zurüd- 
verwandelt worden tft“. Die Torpedierung der Lufitania ift demnach zu Recht 
erfolgt, mag der Berluft fo vieler unfchuldiger Menfchenleben aud) noch fo fehr 
zu bedauern fein. 


* * 
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Im Borftehenden haben wir uns nur mit der Literatur befakt, die über 
Nordamerifa erfchienen if. Weit ftiefmütterlicher ift Mittel- und Sübdamerifa 
behandelt worden. 8 ift dies eigentlih um fo unverftändlicher, als gerade 
Südamerifa, wenn e8 auch politifch für uns nicht allzu wichtig tft und die aus- 
wärtige Bolttit der füdamerilanifchen Staaten eine wichtigen Probleme während 
des Weltkrieges aufgerollt hat, do auf wirtichaftlidem Gebiete einer der wid 
tigiten Erdteile für den deutfhen Handel gemefen ift und, wie zu hoffen und 
au mohl zu erwarten ift, dies nad) Beendigung des Krieges in noch 
geiteigerterem Maße werden wird. Allerdings dürfte die Konkurrenz der Ber- 
einigten Staaten infolge der augenblidlichen faft völligen Ausfchaltung des 
deutihen Marktes einen nicht zu unterfhägenden Borfprung erhalten, und der 
Kampf, den der beutiche Handel und bie deutfche Induftrie nach dem Kriege 
bier auf wirtihaftlihem Gebiete wird auszufechten haben, wird fein leichter fein. 
E38 ift aber mit Beftimmtheit zu hoffen, daß auch in diefem friedlichen Wett- 
ftreite deutiche QTüchtigkeit und deutfche Tatkraft das Schlachtfeld als Siegerin 
behaupten wird. 

In weldem Maße nun Mittel- und Südamerika in wirtfchaftlicher Be⸗ 
ziehung dur) den Weltkrieg beeinflußt wird, ift von Wilhelm Bürklin in an- 
Ihauliher und Marer Weife in feinem bei Dtto Hapfe (Göttingen— Berlin) 
verlegten Bude „Süd- und Mittelamerila unter dem wirtfchaftliden Einfluſſe 
des Weltkrieges” dargelegt worden. Die intereffanten Ausführungen des Ber- 
fafler8 dürften für Bolitifer und Gelehrte, in erfter Linie jedoh für den 
deutfhen Kaufmann und mduftriellen von Wert fein, zumal — man fann 
wohl fagen „leider” — die füd- und mittelamerilanifhen Staaten und ihre 
Wirtſchaftsgeſchichte, ihre wiriſchaftlichen Kräfte und ihre wirtfchaftlihe Zukunft 
in weiteſten Kreiſen noch recht wenig bekannt ſind und oft ſogar ſehr unter⸗ 
ſchätzt werden. Denn in vielen Köpfen malt ſich das Bild jener amerikaniſchen 
Staatsweſen als das Paradies von Revolutionen und Revolutiönchen, von 
Präfidentenſturz und Staatsbankerott aus, während das rege Wirtſchaftsleben, 
das in vielen dieſer Republiken, insbeſondere in den ſogenannten ABC-Staaten 
blũht, allzu oft überſehen oder wenigſtens nicht in gebührender Weiſe gewürdigt 
wird. Die Anhänge, die Bürklin ſeiner Schrift angefügt hat, und die einen 


Kriegsliteratur 123 


kurzen Abriß der Geſchichte Süd- und Mittelamerifas, eine Literaturüberficht 
und einige ſtatiſtiſche, recht anſchauliche Tabellen enthalten, dürften ebenfalls 
aufklaͤrend wirken. 

Zum Schluß ſei noch einer Arbeit gedacht, die, mag ſie auch nicht direkt 
zur ‚Kriegsliteratur“ gehören, doch gerade in dieſer Zeit von beſonderem 
Intereſſe ſein dürfte, da die Vereinigten Staaten als Geldgeber unſeren Gegnern 
eine nicht zu unterſchätzende Beihilfe zur Bekämpfung Deutſchlands und ſeiner 
Verbündeten gewähren. In Heft 18 der von Prof. von Schanz und Prof. 
Julius Wolf herausgegebenen „Finanzwirtſchaftlichen Zeitfragen“ (Verlag von 
Ferd. Enke, Stuttgart) behandelt Dr. Paul Marcuſe „Die Bankreform in den 
Bereinigten Staaten von Amerika“. Nach einer kurzen geſchichtlichen Einleitung 
der finanzpolitiſchen Entwicklung ſchildert der Verfaſſer das Notenbankweſen 
und den Geldmarkt in den Vereinigten Staaten unter dem Nationalbankgeſetz 
und die Reformbeſtrebungen, die ſchließlich zur Reform von 1913 führten, als 
deren wichtigſte Neuerungen die Errichtung der Reſervebanken und des Reſerve⸗ 
amtes als Auffichtsbehörde der erſteren zu nennen ſind. Die Wirkungen, die 
dieſe Reform im amerikaniſchen Bankweſen hervorgerufen hat, find, wie Marcuſe 
ausführt, ſoweit dies ſich bis jetzt ũüberblicken läßt, als durchaus gute zu be- 
zeichnen. 

Die Marcuſeſche Schrift wird ein wertvoller Beitrag ſein für das Studium 
der auch für Europa wichtigen Frage des Banlkweſens in der größten Republik 
jenſeits des Atlantiſchen Ozeans. 








Sliegerlied 


... und wir gleiten an den Städten 
Hoch vorbei in Windes Armen, 
Weil der Himmel uns gerufen, 

Um in feinen blauen Ziefen 

Uns die Walftatt zu bereiten, 

Die in unfren Träumen lebt. 


Aus den Tiefen, aus dem Staube 
Steigen wir dem Licht entgegen. 
Wie die jungen Adler fteigen 
Aus des Horftes dDumpfer Enge, 
Steigen wir, der Felleln Iedig, 
Stolz empor, der Somne zu. 


Und wir beten, und wir fingen, 
Weil wir an die Zukunft glauben, 
Worte ftolzer Lebensfreude, 
Worte, aus der Kraft gemeißelt, 
Worte, die der Sturm gefungen, 
Worte, die die Sonne fang. 


Und wir ftürzen aus der Höbe 
‘ah herab, vom Blit getroffen. 
Und wir leiden, und wir fterben. 
Doh — wir rangen. — 

Aus der Heimat, 
Wo am Rhein die Linden blühen, 
Grüßen uns vertraute Klänge, 
Die wie eine lichte Woge 
Uns umbraufen, uns umfdlingen: 
Die die Mutter uns gefungen, 
Die uns taufend Herzen fingen, 
— Die das Vaterland uns fang. 

Werner Peter Larfen 





Hriegstagebuch 


17. Dezember 1915. Frangöfiicher Fliegerangriff auf Meg. 

17. Dezember 1915. Bei Bijelopolje 1960 Serben und einige 
Montenegriner gefangen; in den legten fünf Tagen machten die öfterreichifch- 
ungarifhen Truppen norböftlih der Tara 18500 Gefangene. 

18. Dezember 1915. Teile unferer Slotte Treuzten während ber 
legten Boden in der Nordfee, unterfudhten im Stagerraf 52 Schiffe und 
braten einen Dampfer mit Banniware auf. Der Feind wurde nirgends 
gefichtet. 

19. Dezember 1915. Wögefchlagener Angriff feindliher Monitore 
auf Weftende. Kine unferer Flugzeuggeſchwader bombardiert Poperinghe. 

19. Dezember 1915. Nüdzug der Engländer auf Gallipoli bei 
Anofarta und Ari Burun. Große Kriegdbeute der Türken. 

20. Dezember 1915. Der Handelsfrieg brachte bi Ende November 
vom Kriegsbeginn an folgende Zahlen: 784 feindliche Handelsfdiffe verſenkt 
mit einem Tonnengehalt von 1447 628 t; davon durd) U-Boote 568 Fahre 
geuge mit 1 079402 Br.-Meg.-T. Die englifhe Handelgflotte verliert hierbet 
624 Schiffe mit 1281 944 t = 5,9 Prozent der gefamten engliihen Han- 
delötonnage. 

21. Dezember 1915. Schwere Kämpfe am Hartmanndiveilerfopf 
und am SHiljenfirft; die Srangofen befegen die Kuppe des erfteren und 
nehmen ein Tleinere® Grabenftüd des Ietteren. 

21. Dezember 1915. Bei Ipel weitere 69 bon den Serben ber« 
grabene Gefüge erbeutet. 

21. Dezember 1915. Die Türken verfenfen bei Kut el Amara. 
zwei feindlihe Monitore. 

21. Dezember 1915. General vd. Emmid, der Eroberer Lüttich, 
geftorben. 

22. Dezember 1915. Die Suppe des Sartmannsweilerfopfes don 
der 82. Landwehrbrigade wiedererobert; 1558 ranzofen gefangen. 

24. Dezember 1915. WVeftlid) La Baffee erfolgreiche Minenfprengung.- 

24./25. Dezember 1915. Stärkere Patrouillengefechte an der Oft 
front bei Dünaburg, Czartoryft und Vereftiany. 

24. Dezember 1915. Die Senufien jchlagen die Engländer bei 
Matrub, 240 Kilometer öftlih don Sollum. 

26. Dezember 1915. Sprengungen bei Neuville und auf der: 
Lombreshöhe. 

26. Dezember 1915. Die Engländer beihlagnahmen auf hollän- 
diſchen Dampfern die holländiſchen Poſtſäcke. 

27. Dezember 1916. Im Weſten lebhaftere Artillerie, Hand⸗ 
granaten⸗, und Minenkämpfe. Franzöſiſcher Vorſtoß am Hirzſtein. 

27. Dezember 1915. An der beßarabiſchen Front und am Dujeſter 
nördlih von Zaleszcayfi ſtarke ruſſiſche Angriffe abgewieſen. 


126 


Kriegstagebudh 


27. Dezember 1915. An Montenegro für die Ofterreicher erfolg- 
reihe Verfolgungsfämpfe bei Bijoca. 

28. Dezember 1915. MWiederbolte franzöfiihe Angriffe am Hirzſtein 
und am Sartmanntweilerfopf verluftreih für die Feinde abgewiejen; über 
200 Gefangene gemadit. 

29. Dezember 1915. Engliihe Angriffe nordiweftlih von Lille abe 
geiwiefen. — Der Hartmannzweilerfopf wieder gänzlich vom Feinde gefäubert. 

29. Dezember 1915. Ctarfe ruffiihe Angriffe gegen den Brüden- 
fopf von Burlanow an der Strypa abgewiefen. — 900 Gefangene. 

298. Dezember 1915. Stalienifhe Angriffe auf Torbole und gegen 
den Monte Carbonile abgeiwviefen. 

29. Dezember 1915. SGfterreihiihhe Zerftörer und Kreuzer vernichten 
dad franzöfiide U-Boot „Monge" und im Hafen von Durazzo einen 
Dampfer und einen Segler. Babei ftießen die Berftörer „Lila” und 
„zriglam“ auf Minen. 

29. Dezember 1915. Heftige, für die Türken erfolgreihe Kämpfe 
bei Sedd ul Bahr; der franzöflihe Banzer „Suffren” beihädigt. 

29. Dezember 1915. Die Frangofen befegen die griedifche Synjel 
Raftelorifo an der Heinafiatifhen Küfte. 

80. Dezember 1915. Bei Holluh den Engländern ein Graben 
entriffen — Feindlicher Fliegerangriff auf DOftende. 

80. Dezember 1915. DWiederholte ftarfe ruffiihe Angriffe unter 
fhwerften Berluften für den Feind zwifhen Buczacz und Wißniowayf 
abgewieſen. 

80. Dezember 1915. Der engliſche Panzerkreuzer „Ratal” bei 
Le Havbre infolge Exploſion geſunken. 

80. Dezember 1915. Der engliſche Poſtdampfer „Perfia“ (7950 t) 
auf der Augreife nah Bombay im Mittelmeer verfentt. 

81. Dezember 1915. Bel zriedrichitadt ruffifher Angriff gejcheitert. 
— In Oftgaligien und an der beßarabifhen Front erneut heftige ruffifche 
Angriffe unter außerordentlich großen Berluften gefceitert. 

1. Januar 1916. Südlich des Hartmannsweilerkopfes einen feind« 
lihen Graben genommen, 200 Gefangene. 

1. Zanuar 1916. Ber Bierverband verhaftet die Konfuln des Bier 
bundes in Salonifi. 

2. Januar 1916. Erfolgreiche große Sprengung nördlich der Straße 
Za Baflee—Bethune. 

2. Januar 1916. An der Sralfront weilen die Türlen alle Entfaß- 
berfuche der Engländer in Hut el Amara zurüd., 

2./8. Januar 1916. An Oftgalizien und Beßarabien 860 Ruſſen 
gefangen, alle Angriffe unter ſchwerſten blutigen Verluſten des Feindes ab⸗ 
geſchlagen. 

8. /4. Januar 1916. Heftige Artilleriekämpfe an der italieniſchen Front. 

5. Januar 1916. Nordöſtlich von Le Mesnil vereitelter Hand⸗ 
granaten-Angriff, erfolglofer feindliher Luftangriff auf Douat. 

5. Sanuar 1916. Das engliihe Tauhboot „E 7” gefunten. 

6. $anuar 1916. Erfolgreiches VBorrüden der Hfterreicher in Montes 
negro in Nicdhtung Berane. 

6. Kanuar 1916. Das englifhe Unterhaus nimmt die Dienftpflicht- 
bil mit 403 gegen 105 Stimmen an. 








Kriegstagebud 


7. Januar 1916. Südlich des Hartmannsweilerlopfes den Sranzojen 
ein Grabenftüd entriffen, 60 Alpenjäger gefangen. 

7. Januar 1916. In Oftgaligien und Beßarabien 1000 Aufien ge- 
fangen, darunter einen Oberft und zehn andere Offiziere. 

8. Januar 1916. Am Hirzftein den legten der in Feindeshand ber« 
bliebenen Gräben zurüderobert, 1103 Franzofen gefangen, 15 Majchinen- 
geiwehre erbeutet. 

8. Januar 1916. Nordöftlih von Berane die Montenegriner ge» 
ſchlagen, ein Geſchütz erbeutet. 

8. Januar 1916. Rach heftigem Kampfe zwingen die Türken die 
Engländer und Franzoſen zur vollſtändigen Räumung der Halbinſel 
Gallipoli; der legte Reſt der Ententetruppen aus Sedd ul Bahr und Telle 
Burun vertrieben. 

9. Januar 1916. Rordweſtlich Maſſiges bei Maiſon de Champagne 
mehrere feindliche Beobachtungẽſtellen und Gräben genommen, 480 Franzoſen 
gefangen, 5 Maſchinengewehre erbeutet. 

9. Januar 1916. Das engliſche Schlachtſchiff, Eduard VII.“ geſunken. 

9. Januar 1916. Nördlich Bioca das öſtliche Limufer vom Feinde 
geſäubert. 

10. Januar 1016. Bei Wroumen, ſüdlich von Dirmude, ein mit 
einer 8,8 cm Kanone ausgerüftetes franzöſiſches Flugzeug erbeutet. 

10. Januar 1916. Die Oſterreicher ſtürmen den Lowcen, 45 Ge⸗ 
ſchütze, darunter 7 ſchwere, erbeutet. Im Nordoften Montenegros Berane 
und die beherrſchenden Höhen in den Händen der Oſterreicher. 

11. Januar 1916. Vergeblicher franzöſiſcher Angriff nordöſtlich von 
Le Mesnil. 

11. Januar 1916. Bei Teuenfeld, ſüdweſtlich von Illuxt, einen 
ruſſiſchen Angriff abgewieſen. 

11. Januar 1016. An der beßarabiſchen Front ſtarke ruſſiſche An⸗ 
griffe unter großen Verluſten des Feindes zurückgeſchlagen. 

11. Januar 1916. Die Höhen weſtlich und nordweſtlich von 
Budua, den 1560 Meter hohen Babjak ſüdweſtlich von Cetinje genommen, 
die Montenegriner über Njeguſi zurückgeworfen. Der Reſt der ſerbiſchen 
Truppenverbände aus Dugain weſtlich Ipek vertrieben. 

11. Januar 1916. Ein öſterreichiſches Geſchwader von Seeflugzeugen 
bewirſt die Anlagen von Rimini mit beſtem Erfolg mit Bomben. 

12. Januar 1916. Nordöſtlich von Armentières ein engliſcher Vor⸗ 
ſtoß vereitelt. Bei Le Mesnil und bei Maiſon de Champagne franzöſiſche 
Angriffe abgeſchlagen. Vier engliſche Flugzeuge an verſchiedenen Stellen 
der Front abgeſchoſſen. 

12. Januar 1916. Franzöſiſche Truppen beſetzen die griechiſche 
Inſel Korfu. 

12. Januar 1916. Die Montenegriner aus Budua vertrieben. 
Erfolgreiche Gefechte bei Grahavo. 

18. Januar 1916. Cetinje, die Hauptſtadt Montenegros, von den 
Oſterreichern beſetzt, bei Grahavo 8 Gefchüge, 500 Gewehre erbeutet. 

13. $anuar 1916. Der König und die Regierung von Montenegro 
bitten die Ofterreiher um Einleitung von Friedensverhandlungen. 

14. Xanuar 1916. Wiederholte Heftige ruffifhe Angriffe in Oft 
galizien und Beharabien unter [hwerften feindlichen Verluften abgeichlagen- 


127 


128 Uriegstagebuch 





14. Januar 1916. Eine ſtark ausgebaute italieniſche Stellung bei 
Oslavija von den Hſterreichern geſtürmt, 988 Gefangene, 8 Maſchinen⸗ 
gewehre, 8 Minenwerfer erbeutet. 

14. Januar 1916. In Cetinje 164 Geſchütze, 10000 Gewehre, 
10 Maſchinengewehre und viel anderes Kriegsmaterial erbeutet, 800 Ge⸗ 
fangene gemacht. Südlich Berane die Schanzen auf der Höhe von Gradina 
erſtürmt. 

8. — 14. Januar 1916. Für die Türken erfolgreiche Kämpfe an 
der Kaukaſusfront. 

16. Jauuar 1916. Die montenegriniſche Regierung nimmt die von 
den Oſterreichern geftellte $orderung bedingungslofer Vaffenftredung an. 

17. Januar 1916. (rfolgreiher öfterreihiiher Wliegerangriff auf 
Ancona. 

18. Januar 1916. Zufammentunft Kaifer Wilhelms und des Zaren 
Ferdinand von Bulgarien in Rild. 

18. Januar 1916. Fliegerangriff auf Meg, ein feindliche Flugzeug 
bei Xhiaucourt adgeftürgt. 

18. Januar 1916. Hſtlich Czernowitz, bei Toporoug und Bojan 
ftarle ruffiihe Angriffe abgewiefen. 

19. Zanuar 1916. Nördlich Frelingbien englifher Angriff ab» 
geihlagen. Nancy mit Bomben belegt. 

19. Januar 1916. Ermeute Kämpfe an der beßarabiihen Front. 

20. Januar 1916. Am Eol di Lana Trommelfeuer der italienifhen 
Front. 


Allen Manufkripten ift Borto Kinzuzufügen, da andernfalls bei Ablehnung eine Rädjenbung 
nicht verbürgt werben Tann. 





Nachbruck ſamtlicher Aufſaͤtze ur mit ausbrüädiiher Erlaubnis bes Berlags gefattet. 
Berantwortli: ber Herausgeber Georg Gleinomw in Berlin. Lichterfelde Well. — ranuffeiptiendungen und 
Briefe werben erbeten unter ber Adreffe: 

Un ben Herausgeber der Grenzbaten in Berlin» Liigterfelde Welt, Steruftraße 56. 
Berniprecger des Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, bes Verlags und der Schriftleitung: Amt Yügomw 6510. 
Berlag: Verlag ber Grenzboten ©. m. 5. &. in Berlin SW 11, Tempelhojer Ufer 85a 
Drad: „Der Neiäbote" ©. m. 5.9. in Berlin SW 11, Deflauer Strake 86/87. 


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nimmt jede Buchhandlung und jede 
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TE ———— — — — 








Auf dem toten Punkt 


Ruſſiſcher Brief 


PR ie fragen mich, melde Eindrücde ich gegenwärtig von Rußland 
r Sn: babe, wie es fteht mit der Regierung, mit der öffentlihen Dtei- 

N nung, mit der Scele des Volkes in Diefeın Lande der „un« 
| 5 Jbegrenzten Möglichkeiten“? 

Ich kann Ihnen eine erſchöpfende Antwort darauf nicht geben, 
denn diejenigen Kreiſe, die ſchließlich einmal, wenn es zum Schluſſe kommt, den 
Ausſchlag über die Geſchicke des Landes geben werden, ſind unberechenbar. 
Nur Gott weiß, was dort einmal beſchloſſen wird. — 

Und Nibkolai Nikolajewitſch und ſeine Clique? Der Großfürſt thront im 
Palaſte der Woronzow, denen der Zar ſoviel verdankt. Er hat verſucht, die 
geſunkene Popularität dadurch aufzufriſchen, daß er ſich gegen die Regierung 
auf die Seite der Liberalen ſtellte. Er wollte in ſeinem kleinen Deſpotenbezirk 
auf deſpotiſche Weiſe diejenigen Freiheiten der Selbſtverwaltung oktroyieren, bie 
der Fürſt Tſcheidſe bisher vergeblich für ſeinen Heimatsbezirk in Anſpruch ge— 
nommen hat. Nikolai und Tſcheidze, nicht wahr, ein ſchönes Bild? Er ſcheints 
auch aufgegeben zu haben, denn über ſeine Pläne iſt auf einmal ein verdäch— 
tiges Schweigen hereingebrochen. Alſo, wenns damit nicht zu machen iſt, ſo 
vielleicht mit dem Kampf gegen die Türken? Winkt nicht Erzerum und von 
ferne ein anderes Ziel, das einſt Herrn Saſonow ſo nahe dünkte und das doch 
ſo fern war? — 

Aber die Leute find keine Illufioniſten mehr, wie einſtmals. Sie ſind 
beſcheidener geworden in ihren Zielen. Dieſe Ziele haben faſt an Wert für 
ſie verloren, niemand ſpricht mehr von ihnen. Man weiß, es handelt ſich nicht 
mehr um den großen Einſatz, nicht mehr „um Sieg“ gehts — nur noch „um 

Grenzboten lJ 1916 9 


130 , Auf dem toten Punft 





Pla” — und da möchte man einigermaßen anftändig herausfommen.. Dan 
zeigt, daß man noch ba ft, daß man die „Befreiungsmiffion“ nicht ganz ver- 
geffen bat, daß man zur Not au) noch eine Tleine Dffenfive maden fanın — 
und Taufcht dabei ängftlih nah Weiten, nad) dem Balkan, nad) Egypten, — 
wie man einft nad) den Dardanellen laufchte. 

Es war eine tiefe Enttäufhung für die ruffifche Gefellfchaft, diefen Tag 
erleben zu müffen, al England es für richtig hielt, feine Deere von Gallipoli 
abzulöfen, fiel doch damit der ruffifhe Traum, mit Hilfe derfelben Macht, die 
einftmals bei San Stephano ihr Veto gegen das weitere Vorbringen der Nuffen 
eingelegt hat, in Zargrad einzuziehen und an den Wänden der Hagtia Sophia 
die alten ortbodoren Glaubensbilder wieder aufzufrifchen. 

Man träumt nit umfonft folde Träume, um nicht das Erwachen wie 
den Berluft eines nah gefdjauten PBaradiefes zu empfinden. Das Erwaden 
nach ſolchen Träumen tft [chmwer und bleiern IiegtS einem in allen Öliedern. 
Alle Ihönen Neden aller englifhen Botfchafter können da nichts mehr nüben 
— der Blaube ift dahin, und was foll diefes Boll ohne Slauben 
maden? 

Wenn e8 den Glauben verloren bat, fo denlt es an nichts mehr. 3 
vergibt feine Ziele und lebt für den Tag, fhwärmt und Tneipt in den Mos- 
fauer großen Gafthäufern vom Abend bis zur Frühe und entihädigt fih für 
verloren gegangenen Enthufasmus — durd) Selt. Die Stimmung des Spielers, 
ber verloren, aber noch Geld genug übrig hat, um ben heutigen Tag luftig 
zu feiern. | 

Und Rumänien? Die Hoffnungen auf die ruffiihe Dffenfivet Waren 
ängftlide Hoffnungen, nervöfe Erwartungen, die begraben find. An „Rumäniens 
Eintreten in den Krieg” hat in Rußland jeder geglaubt fett Beginn des Krieges, 
dann lam eine verfehlte Gelegenheit nad) der andern; e8 Tam „der Abfall 
Bulgariens”, der Zweifel an Griechenland, an das man troß aller politifchen 
Gegenjäte „jo Eindlii geglaubt hatte”, und mit dem man fmollte und troßte, 
bis Herr Migulin dem ruffifden Publitum das Unfinnige biefesg Schmollens 
Har bewies und den Blumenvorhang zerriß. Rumänien war der Strohhalm, 
an den man fi) Mammerte, von dort aus dadte man das Bild wieder aufzu- 
rollen — an Stelle des politifhden Druds follte ein militärifcher Eindrud treten. 
Gzernowigs Fall wurde von der Petersburger Telegraphenagentur bereit$ ver- 
fündigt, ehe noch eine öfterreichifch-ungarifhe Schügenlinie ins Wanfen geraten 
war. Aud die Schumstis find jebt ftiller geworden. Salonili ſolls jetzt 
maden — aber einer glaubt mehr daran .. . 

Man fängt an nachzudenken. 

Kennen Sie unfern alten Freund Vurifchlewitfh, den früheren Mitarbeiter 
der Kreuzzeitung, ihn, der zu Beginn diefes Krieges aus einem einft begeifterten 
Deutihenfreund ein erbitterter Deutichenhafjer geworden if? Er, der betont, 


Auf dem toten Punft 131 


daß er niemals feine Meinungen geändert habe, und ändern werde — mit 
Ausnahme der polniihen Frage” (mo die Meinungsänderung leider zu fpät 
war), bat das für ruffiiche Ohren Fühne Wort auszufpredden gewagt, daß es 
Do falfeh fei, wenn die ruffifche öffentliche Meinung fih immer wieder vor- 
ftelle, e8 jet die Abficht Kaifer Wilhelms gewefen, Rußland dur die Erflärung 
und Durdführung bdiefes Srieges zu vernichten. „Nicht Nukland ift das 
eigentliche Kriegsziel für Wilhelm, fondern England“. Deutichland jtrebe 
danach, England in ein Portugal zu verwandeln. Rupland bleibe doc immer 
dasfelbe mächtige Land, felbit wenn e8 gefchlagen werde, England aber werde 
zur Null berabfinten, wenn diefer Fall einträte — und nun die bödhft fomijche 
Schlußfolgerung: Deutſchland müſſe alfo „vernichtet“ werden. Cartha- 
ginem esse delendam — um ber f&önen Augen Englands willen, Herr 
Puriſchlewitſch? 

Und dann nach dem Kriege. Welche innere Politik werde Rußland treiben? 
Nach Herrn Puriſchlewitſch, dem einſtmaligen Juden; und zeitweiſen Deutſchen⸗ 
haſſer wird es nötig ſein, „eine verſöhnende Politik den Fremdſtämmigen in 
Rußland gegenüber zu treiben“ — alſo auch den Deutſchen gegenüber, den 
Freunden von Herrn Chwoſtow, und den Gegnern desſelben Englands, das 
die Deutſchen im Leben Rußlands ſo gern erſetzen möchte? — 

Und nun eine andere Stimme. Sie kennen den „Kolokol“, jenes halb 
fröhliche, halb offiziöſe Blatt, das dann und wann zum Sprachorgan einfluß⸗ 
reicher Kreiſe benutzt wird? Da findet man mitunter merkwürdige Sachen. Ich 
will Ihnen eine ſolche erzählen. 

Geſpraͤch in einem Petersburger Salon. Die vornehme Herrin des Hauſes 
iſt eben aus dem Auslande nach Rußland zurückgelehrt, nun wird ſie umdrängt 
von ihren Belannten, die alle auf die Offenbarung von draußen lauſchen. So 
ähnlidd, wie Ste jest laufchen auf das, was ich Ihnen erzähle. „Was denfen 
Sie, liebe Yreundin, über diefen Krieg, der fo rätfelhaft, fo unfaßbar von 
Wilhelm heraufbeſchworen wurde? Sie fennen ihn perfönlid, waren einftmals 
befreundet mit ber Kaiferin Augufta, Sie Innen Deutſchland und Äſterreich fo 
gut, Sie fennen das Leben bei Hofe dort, faft die Geheimniffe diefer Höfe. 
Wie interefjant wäre c$, wenn Sie uns etwas von dem erzählen würden, was 
Sie dort gehört und erlebt Haben!” — 

Und nun faft diefelbe Antwort, wie fie Purifchlewitih gab: „Sie irren 
fid — das ijt fein politifder Krieg, um den es fich bier handelt, bier gehts 
nicht um Privatintereffen, um Abenteuer, Ddiefer Krieg bat rein öfonomifche 
Urfacdhen, die weit, weit zurüdliegen .... Nicht Kaifer Wilhelm bemegt diefe 
Kraft, die in den Deutfchen ftedt, Tondern die Lofung: „Deutfchland über alles.“ 
Sie Ihafft die deutfhe Drganifation „auf dee Erde, unter ber Erbe, auf 
dem Wafjer, in der Luft”. Willenfchaft und Technik und Teufelskunft, Geduld, 
Sartnädigleit, weder Sparen von Geld, von SKrafl, von Menſchen, das ſieht 
man da draußen bei den Deutſchen. 

g* 


132 Auf dem toten Punft 


— — — 
— — — 


„Sie werden geſtehen, daß das Organiſation iſt, wie ſie niemals da war, 
und wie fie bei feinem anderen Bolfe zu finden tft. Es iſt traurig, ſchmachvoll, 
ärgerli, aber man muß anerlennen, daß e& fchwer ift für die Desorganifation, 
mit folder Organifation zu lämpfen ... . .“ 

„Wa3 wollen Sie damit jagen?” warf hier ein energijher junger Herr ein. 

„Rur was ich gejagt habe. Bei uns ift alles desorganifiert vom Tleinen 
bis zum großen, vom lächerlichen bis zum erniteften, von unten bis oben.“ 

„Was folgern Sie daraus?” 
„Unfere Ohnmacht.“ 

„Mit anderen Worten: daß die Organifation über Die ——— 
ſiegen wird?“ 

„Nein, ich habe mich etwas anders ausgedrückt....“ 

„Das heißt?“ 

„Das heißt, daß es ſchwer iſt, wenigſtens theoretiſch, daß eine 
Desorgantfation eine Drganifation bemältigt . “ — 

Iſt dieſes Geſpräch, deſſen Schlußakkord vom ruffifchen Benfor unterdrückt 
worden iſt, nicht charalteriſtiſch für die Stimmung in denjenigen ruſſiſchen Kreiſen, 
die noch nachdenken? 

Das Gefühl der Ohnmacht iſt es, das das Herz des ruſſiſchen Patrioten bedrückt, 
das er nicht los werden kann. Der ſchöne Traum iſt zum Alpdruck geworden. 

Und niemand fieht einen Ausweg. 

Auch im Amnern ift e8 fchlecht beftelt. Da gibt e8 eine Kohlennot und 
viele andere Nöte. Beinahe die Hälfte der rufiiihen Koblenproduftion, die 
man fonft hatte, fehlt — und doch fol die Induftrie weiter Schrapnell3 machen. 
Denn wenn aud einige Fabrilen, wie Korefhlom-egorow in Moskau, um viel 
zu verdienen „Dred“ liefern, fo tft doch die Mehrzahl diefer Kriegslieferanten 
patriotifd genug, um möglidhft viel von foldem Zeug beritellen zu wollen. 
Mie fol man da8 aber machen, wenn es an Kohlen, an Holz, an Elektrizität, 
an Arbeitern mangel!? Sol man denn alles Geld nad England und dem 
Vereinigten Staaten geben, fol die englifhe und amerilanifhe „Vergemaltigung“ 
die deutſche ablöfen? 

„Wir find, fo fagte der ‚Kolokol’ in feiner Nummer vom 28. November, 
froh über die englifch-ruffifche Annäherung, aber das ift nicht der befte, nicht 
ber fürzefte Weg dazu, um im vollen Sinne des Wortes ruffiider Bürger zu 
werden. Wir brauden dazu nicht die englifche Kultur auswendig zu lernen... 
wir folen da8 Studium der englifchen Kultur nicht dem der ruffifchen vorziehen. 
Alles, was wir bei den Engländern lernen können, um wirllide 
Staatsbürger zu werden, das lönnen wir aud) bei unferen eigenen 
vergeffenen ruffifhen Denfern und am ruffifhen Wefen finden.“ — 

Sollten Englands Bolitiler in Rußland allzu ungejhicdt mit ihren Plänen 
berausgerüdt fein? ft Northcliffe und feine Trabanten dem ruffiiden Bublilum 
auf die Nerven gefallen? 


Auf dem toten Punkt 133 





Wo bleibt, fo fragt fih jebt wohl mancher Rufe, der Exrfag alles deſſen, 
mas die Aufjen wirtfchaftli” durch diefen Krieg um Englands willen geopfert 
haben? — 3 gibt eine Teuerung und eine Not in diefem zum gefchloffenen 
Handelsftaate gewordenen Lande, womit verglichen unfere Meinen Butterforgen 
umd anderes, was uns bewegt, reines Sinderfpiel find. 

Am 6. Januar find die Abordnungen der Petersburger Arbeiterlonfum- 
genofjeni&haften beim Landwirtichaftsminifter gemeien, um ihm ihre Klagen 
vorzutragen. 

„Der Minifter erlundigte fih,“ fo berichtet „Ruskoje Slomo“ vom 6. d. M., 
„ausführlich bei den Mitgliedern der Deputation nad) dem Eindrud, den Die 
Rahrungsmittelfrifis auf die Arbeiter mache. Die Arbeiterabgeorbneten Bopom 
und Zfcherpal verheblten dem Minifter nicht, daß, wenn die Arbeiterlonfum- 
genofienfhaften weiter in ihrer Tätigfeit behindert werden, Erzeffe möglich 
feien, die zurzeit nur durch die Autorität der Führer ber Cooperatip- 
genoffenfhaften verhindert werden.” 

Die Nahrungsmitelnot und die Desorganifation, das find die Tages« 
fragen in Rußland, die augenblidlich alles andere in den Hintergrund drängen. 
Die Regierung fämpft mit aller Kraft, um hier zu helfen, denn fie hat begriffen, 
ma3 eine weitere Desorganifation für die Stimmung im Lande bedeutet. 

Chmoftow bat, wie einft Menenius Agrippa in feiner Fabel, die Wichtigkeit 
der Frage erlannt: „Wie fann ich das Volk regieren, wenn es nicht fatt tjt? 
Ich will e8 fatt machen, gebt mir dazu die Gewalt.” — 

Und nun begann der Kampf zwildhen Chwoftom und dem Landmwirfchafts- 
minifter Naumomw, der, unterftügt vom Eifenbahnminifter Trepom, an feine 
Kompetenzen nicht rühren lafjen wollte, um dieſe Gewalt. | 

Ties Schaufpiel der feindlichen Minifter fehen wir nun fehon fajt vier 
Wochen. Und was tft dabei berausgelommen? — Nihts, rein gar nichts, 
al daß der Zuftand des Landes immer fehlimmer geworden it und daß eine 
Kommiffion der vier beteiligten Minifter eingefegt wurde, die in ihrer erften 
Sigung die Vorfragen der Kompetenz zu Iöfen verfuchte und die Frage wahr. 
fheinlid ex fundito ftubieren wird. Das ift Nußland, das echte Rußland, 
das Rußland der Worte, nit der Taten, da8 Nukland der Kommilfionen, 
nicht der feiten Hand, das Rußland der Yntrige und Beftehung, das reiche 
und doc das hungernde Rußland! 

Und ebenfo troftlos fiehts in der Barteipolitift aus. Da ift daS Land 
wirflih, wie der Dumaabgeordnete Alerandrow gejagt bat, „auf dem toten 
Bunlte”. 

Chwoſtow Hatte ein eigenartige Rezept zurechtgemacht. Cr wollte die 
öffentlide Meinung umfrenpeln — mit Hilfe der Monardiitenlongreffe, 
die in Petersburg unter Maflaloms und Sceglomwitows Aufpizien vom 
Ministerium begünftigt, tagen durften, während dem Städte und Semjtwo- 
fongreffe „in der nervöjen MoStauer Luft” die Tagung verboten ward. Der 


134 Auf dem toten Punft 





fortfchrittlide Blood follte geiprengt werben, der Hebel dazu mwurbe beim 
Neichsrat angefet, wo nad dem nötigen Drud auf die ernannten Mit. 
glieder, Fürft Obolensfy und feine Gefolgichaft, ihrer Stellung bei Hofe 
zu Liebe deutlih vom Blode abrüdten, indem fie erfärten, daß fie Teinerlei 
Aufrufe des Blodes mitunterzeichnet hätten und daß es auch verfafjungstechnifch 
gar nicht möglich fei, daß fich ein parlamentarifcher Blod zu gleicher Zeit auf 
beide Häufer des Parlaments erftrede. 

Die Preffe Chmwoftows jubelte fhon: e8 habe einen Ylod überhaupt nie 
gegeben und es fei gar nicht nötig, etwas, das überhaupt nit da ge- 
weſen jet, zu zerftören. Aber der ubel war verfrüht. Daburd, daß es 
Chmwoftom nicht gelungen war, die wirtfchaftlihen Nöte des Volkes zu heben, 
wozu er fi jtarf gemacht hatte, war ihm der Hebel aus der Hand gerillen 
worden, ber die Menge anders hätte einftellen fönnen. Die Beichlüffe der 
Monardiftentongrefje, die offen gegen die Tuma und die wenigen Freiheiten 
auftraten, die man dem Dolfe noch gelaffen hatte, ließen den Becher der Gebulb 
überlaufen, Selbit „Nowoje Wremja” und „SRolokol” rüdten von Chwoftom ab, und 
das bedeutendite Boulevardblatt des Landes, „Rußfoje Slowo”, jegte den Punkt 
aufs t, ald e8 am 31. Dezember erflärte, daß die Berfammlungen der Budget- 
tommiffion und das Auftreten Chmoftomws gezeigt hätten, „daß es zwiidhen 
den DBollsvertretern und dem Minifter des Innern in der Tat 
feinerlei Berührungspunfte mehr gibt.‘ 

Chwoftom hat fich felbft ifoliert, er hat die Regierung ifoliert, er hat die 
Bolitit auf jenen toten Punkt gebracht, auf dem fie heute ift. 

„Und was wird weiter werben? läßt fih die ruffiihe Geſellſchaft dieſes 
Verfahren geduldig fo lange gefallen, bis es zu ſpät iſt?“ 

„Auch dafür gibts Rezepte in Rubland — die Brovolation und bie 
Drufbhinen der [hwarzen Hundert.“ ch Habe eine Lojtbare Reliquie 
aus dem heiligen Lande der Zaren aufbewahrt. ES ift die Initruftion, Die 
an alle Mitglieder derjenigen Verbände überfandt worden ift, die an den 
Monardiftentongreffen teilgenommen haben. ch will Ihnen die Ginzelpunfte 
biefer Snftruftion wörtlich überfegen. E3 Iohnt fi), fie kennen zu lernen. Hier ift 
diefes eigenartige zeitgefchichtliche Dokument. &$ wird den Verbändlern empfohlen: 

„1. wöchentlich allgemeine Verfammlungen gu veranftalten. Tabei ruhig und überzeugend 
da8 Mäntefpiel der Linken zufhanden zu machen; fcharfe oder gar fhmähende Ausfälle gegen 
die Linken in feinem Falle zuaulafien; 

2. ala Mitglieder in die rebolutionären erbände einzutreten. Die Obmänner, als 
die Leute, die die umerjhütterlichften, geiftig ausgeprägteften und wiflendften find, und die man 
nit bluffen fan, müfjen fi al® Mitglieder in die von den LXinfen für ihre revolutionären 
Zivede gegründeten Vereinigungen einjchreiben laffen, ald da find: Arbeiterverbände, Hand» 
lungsgehülfenvereine, Arbeiterſchutzvereine, wie auch die verſchiedenen Wirtſchaftsgenoſſenſchaften, 
in denen Sozialdemokraten an der Spitze ſtehen; ſie ſollen dies tun, damit ſie die revolutionäre 
Propaganda der Mitglieder verfolgen und ihre verſtändige Stimme gegen Einbringung revo⸗ 
lutionaͤrer Anträaäͤge erheben können, um wenigſtens in den Herzen der Mitglieder Zweifel zu 
erwecken, wenn es ihnen nicht gelingen ſollte, ſte zu beſtimmen, dagegen aufzutreten; 


Auf dem toten Punft 135. 


3. forgfam auf die Tätigkeit des Semftwo- und Städtebundes zu adten und auf 
deren Freiwilligendruffinen für Propaganda an der ront; 

4. die Gouverneure um ihre Mitwirfung zu bitten, bag die Bündler im Augenblid 
des Ausbruhs von Wirren auf ber Straße da Bolt zum WViderftande gegen 
die Berfhwörer fammeln können; 

5. mit den Behörden gefhäftsmäßig und Torreft zu verfehren, in enge Freundſchaft 
mit ihnen nicht zu treten, aber andrerfeitd, um nicht in ihren Handlungen eingeengt zu 
werben, obne bejondere Notwendigkeit fie nicht zu behelligen und nicht zu intrigieren; 

6. der Bevöfferung zu erflären, daB die Sintelligenz, die Reichen, die induftriellen 
Kaffen, Banken und Yuden das Unglüd Nußlands, den Krieg mit den grimmigen Deutichen, 
außnügen wollen, um Wirren zu ftiften, den Herricher der feldfiherrlihen Gewalt zu be⸗ 
rauben, die für daß einfache Bolt fo notivendig ift, und fie in die Hände einer unverant- 
wortlihen Mehrheit von Neichgdumamitgliedern zu legen, auß denen aud die Minifter 
genommen werden follen, um dann mit Hülfe erfaufter und unverantwortlicher Reichsduma⸗ 
mitglieder folhe Gefege zu erlaffen, wie e8 in Zranfreih, Amerifa und anderen parla- 
mentarifchen Ländern gemadt wird. Diefed verbrecdheriiche Beginnen wird von der Mehrzahl 
der Stadtdumen, Semftwos und Börfenbereinigungen unterftügt; 

7. ben Herrfcher zu bitten: fefte, tätige und ala Mechte befannte Minifter und Minijter- 
gebülfen zu ernennen, namentlich ala Minifter des Innern und des Verkehr: ferner um 
ftarfen Schu der Armee und oberften Negierungegewalt gegen den Einfluß der linten 
Sntriganten, insbeſondere Gutſchkows; 

8. wenn die Wirren auf die Straße getragen werden, über das ganze 
Land den Kriegszuſtand zu verhängen, einen feſten, entſchloſſenen Diktator zu er⸗ 
nennen, alle linken haupiſtädtiſchen Blätter zu ſchließen, in erſter Linie „Rußkoje Slowo“, 
als das verbreitetſte, die Provinzialblätter zu konfiszieren und ſie in hoffnungsvolle Hände 
zu legen.“ 

Sie ſehen, hier ſind alle Requiſiten vereint, die wir aus den Zeiten von 
Herzenſtein und Jollos, aus den Attentaten gegen Witte her kennen. Wie 
kann die Stimmung der „ruſſiſchen Geſellſchaft“ ſein, wenn ſie fieht, welche 
dunkle Kräfte gegen fie ins Werk geſetzt werden? 

Und es ſcheint faſt, als ob dieſe Geſellſchaft aufgehört habe, einen Aus—⸗ 
weg zu ſuchen. Eine Zeitlang konnte man es noch hören, daß ſo wenig nötig 
ſei, um „aus dieſer Sackgaſſe herauszukommen, aus dieſen ſchweren Unſtimmig⸗ 
keiten zwiſchen Geſellſchaft und Regierung; dieſe drücken auf die Stimmung 
im Lande und ſchaden der Sache des Krieges ...“ Da wurden wieder ganz 
leiſe Namen wie Kriwoſcheĩn, Scherbatow, Samarin ausgeſprochen und Stolypins 
Schwager A. B. Neidhardt, deſſen Seellung im Reichsrat nicht unwichtig iſt, 
bot ſeine Dienſte an, um die „Ideen eines gemäßigten Konſervatismus“ zur 
Geltung zu bringen. 

Aber iſt nicht die Zeit dieſer Leute vorbei? Irgend jemand hat einmal 
geſagt, daß man in Rußland alle Maßregeln einen Poſttag zu ſpät treffe. 
Wenn Gutſchlow für einen Miniſterpoſten reif ſei, denke man an Kriwoſcheĩn. 
wenn nur noch Miljulow die Lage retten könne, an Gutſchkow, wenn Tſcheidſe 
für das Land reif ſei, dann werde ſicher Miljulow berufen, um es zu retten ... 

— „Und die Arbeiter, die Chwoftow nad) Gaponfcher Methode lödern wollte? 
Wie verhalten fie fich in diefen Zeiten der Not? Wie hat Plehanomws Aufruf gewirkt? 


136 Auf dem toten Punft 








— Die Ürbeiter find jetzt klüger als damals. Sie ſind ſchließlich 
in die Kriegswiriſchaftskomitees gegangen, aber es ſind doch eigenartige Töne, 
die man von dorther hört. Sie benutzen alle dieſe ſtaatlichen Einrichtungen, 
an denen ſie mitarbeiten ſollen, für ihre eigene Organiſation, und 
bringen damit auch andererſeits in die Kriegswirtſchafts⸗Organiſationen, die 
gerade zur Ablenkung des Volkes von der Politik und zum poſitiven Arbeiten 
erfunden worden ſind, einen rein politiſchen Zug. 

Die Moslauer und Petersburger Arbeiterdelegierten haben ſich verſammelt. 
Die Petersburger haben glatt erflärt, fie wären für die Zofung der Ber- 
teidigung des Landes, für jenen fühen Blehanomwfchen Lodruf, nit zu 
haben — Gie wifjen, die Petersburger Arbeiter waren immer revolutionär —, 
beide Delegationen aber waren darin einig, daß man mit aller Madt auf 
Ginbernfung eines allgemeinen Arbeiterfongreffes und auf 2er- 
fammlungsfreiheit, Möglichkeit einer Ausiprade zwifchen Arbeitern und ihren 
Delegierten dringen müffe. Diefe Forderungen merden jeht in jeder Sikung 
des Kriegsfomitees vorgebradt werden. Gutfhlom hat neulih im Zentral- 
fomitee fhon einen fehweren Stand gehabt, vorläufig gibt es noch den Aus- 
weg, daß man ih „im Prinzip fympathifch“ den Forderungen der Arbeiter 
gegenüberftellt und fie im übrigen an diejelbe Regierung verweift, gegen bie 
fie vorgehen wollen. Aber mit der Zeit werden diefe Forderungen größeres 
Gewicht erhalten, — wenn erft die ganze gefhhloffene Drganifation hinter den 
Torbdernden fteht. Und auch die bürgerlichen Mitglieder ber Somiteeg werben 
angeftedt werden. Schon jett hat fih das Gutihlomfhe Zentrallomitee unter 
dem Eindrud diefer Verhandlungen auf das rein politische Gebiet begeben und 
fid mit einer Nefolution, die von der Zenfur unterbrüdt wurde, über die 
Notwendigkeit der baldigen Einberufung der Duma ausgeiprocden. 

Inzwiſchen hat Herr Chmwoftom eine Enquete über Lage und Stimmung 
der Provinz veranftalten laffen. Die Ergebniffe liegen dem Dtinifterrat vor. Die 
nädjften Wochen werden uns zeigen, welche Folgerungen die Regierung aus 
diefen Feltftellungen der Gouverneure zieht. 

Denn das Dorf ift auch für den Ruffen in der Hauptitadt ein Nätfel, — 
ein Rätfel, von dem die Regierung garnicht wünfcht, daß es geraten wird. 
Bark hat verfucht in feiner großen Denkfchrift über bie ruffifche Wirtjchaft, in 
ber alles rofa in rofenrot gemalt ift, die Lage de3 Dorfes als glänzend bin- 
zuftellen. Die Ernte 1914 fet gut realifiert worden. — Aber über die Ernte 
von 1915 fchweigt er fih aus. ingeweihte Leute finden das bezeichnend 
und „Nußloje Slowo“ hat noch neulich folgendes gejagt: 

„Wir ale willen, welde Periode unfinnigfter Lebensmittelteuerung 
die Bevölferung fait aller großen Städte Rußlands zurzeit durchlebt. 
Zugegeben, daß diefe Teuerung in beträdtlihem Maße von der Des- 
organifation unferes Verlehrsmwefens abhängt, wir müffen aber immer- 
bin mit der Tatſache rechnen, daß lebten Endes die Haupt- 


Auf dem toten Punft 137 


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rolle die Ergebniſſe der Ernte ſpielen. Wären die Reſultate der 
Ernte glänzend, und im Lande noch beträchtliche Vorräte aus der Ernte 
des vergangenen Jahres vorhanden, ſo würde die Spelulation natürlich 
niemals die Preiſe ſo hinauftreiben können, wie dies moͤglich iſt, wenn 
die Ernte ſchlecht war und Vorräte aus der vorhergehenden 
Ernte nicht mehr vorhanden ſind.“ 

Feſt ſteht jedenfalls, daß die Ernte an Sommerkorn und Hafer miſerabel 
geweſen iſt und daß auch für das kommende Jahr die große Gefahr droht, 
daß keine Ausſaat für die Bauern vorhanden iſt. „Auch die diesjährige Herbſt⸗ 
ausſaat iſt infolge der Witterungsverhältniſſe und der Einwirkung des Krieges 
ungünſtig verlaufen. Allein mit Roggen ſind, wie die „Nowoje Wremja“ feſtſtellt, 
im Auguſt beiſpielsweiſe ein Drittel der Felder weniger bebaut worden als 
gewöhnlich.“ 

Die Abrechnungen der Bauernagrarbank zeigen, daß es auch in anderen 
Punkten auf dem Lande nicht gut beſtellt iſt. Der Drang der Wirte nach 
Erwerb von Einzelgütern bat bedeutend nachgelaſſen und die Bank iſt ge⸗ 
zwungen, die Richtlinien ihrer Politik zu mildern, und mehr an Genoſſen⸗ 
ſchaften und Geſellſchaften zu verkaufen, als ſie das früher zu tun pflegte. 
Der befannte Nationalölonom Bernatzky hat darauf aufmerkſam gemacht, daß 
„die Ziffer des Deſizits auf die Zahlungen der Bauern an die Bauernbank 
beſonders erſchreckende Dimenfionen angenommen hat. Statt 18,4 Mill. Rubel 
fehlende Zahlungen im Jahre 1913 hat die Bauernbank 1914 — 33,7 Mill. 
Rubel Einbuße gehabt, d. h. 52 Prozent Nichteingänge.“ Wenn man dieſe 
Ziffer zuſammenhält mit dem Fallen der Durchſchnittspreiſe für die Deſſjatine 
von 112 Rubeln auf 110 bis 107 Rubeln, ſo bekommt man ein recht ge⸗ 
trübtes Bild von dem gegenwärtigen Zuſtand des ruſſiſchen platten Landes. 
Und wenn die Ausſaat nicht gut in die Erde gelommen iſt und die Saat 
mangelt, ſo können auch die Kriegsgefangenen, die nach dem Innern Rußlands 
zurückgeführt werden ſollen, ſchließlich nicht helfen. 

Und fragen Sie mich ſchließlich nach den Konſequenzen alles deſſen, fragen 
Sie mich danach, ob es nicht vernünftige Leute gibt, die in Rußland das alles 
ſehen und auf die eine oder die andere Weiſe all dieſe Gefahren durch einen 
großen Ruck vom Volk abwenden wollen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß nach 
meinen Beobachtungen zwar das Faltum erlannt, aber der Schluß nicht gezogen 
wird. Denn allzu feſt hat ſich dieſe „ruſſiſche Geſellſchaft“ in die Idee dieſes 
Krieges hineinverbiſſen und diejenige, die davon loskämen, predigen bewußt 
eine Politik der Verzweiflung. Die Karre iſt zu tief im Sumpf. Man fürchtet 
zu viel zu erſchüttern, wenn man ſie jetzt mit einem Ruck herauszuziehen ver⸗ 
ſuchte. Sie kennen Menſchikows berühmten Artikel über „den Umbruch der 
Geſchichte“, in dem er auf die unglückliche Finanzlage Rußlands, auf die ver— 
mehrte Kinderſterblichkeit des Landes hingewieſen hat, die es bewirlkte, daß 
während des Krieges ohne die militäriſchen Verluſte das Wachsſtum der 


138 Auf dem toten Punft 


Bevölkerung von 17,2 Prozent auf 15,7 Prozent zurüdging! Sein Schluß ift 
derfelbe, den Purifchlewifch gezogen bat: wir müljen bdiefen Strieg weiter 
führen — fonft find wir ganz verloren. 

Daher auch die Aufregung der liberalen Sreife bei dem geringften Ge- 
danken an einen Sonderfrieden, die uns fo fomifch anmutende Entrüftung über 
die harmlojen Verfuche einer Petersburger Dame, ihre Ydeen über eine Iinderung 
der ruffifhen Bolitif einigen leitenden Männern mitzuteilen. 

Man Hat den Sinn für die Verhältniffe verloren, man zittert, man ift 
nervös. 

Und denkt man denn nicht an den Frieden? 

— GBemwiß denlt man anihn. Man denkt nur an ihn, — aber man weiß 
eben nit, wie man ihn fehließen fol, wenn man nicht jegt noch weiter lämpft. 
Man figt zu tief in der Tinte. | 

— Und die großen politifhen Ziele? IK babe Thon gefagt, daß man 
nur no zu reiten fucht, wa8 zu retten ift. Yon der Stadt der Hagia Sophia 
wird nicht mehr gefprohen. Bezeichnend aber fcheint mir die neulich in 
der „Zürcher Boft“ von einem Nuffen geäußerte Meinung, „daß in Rußland die 
Zahl derer wädft, die nad) Perfien und nad) dem Indifchen Dzean hinweifen“ 
und „daß die ruffifhe Regierung fi in allerlegter Zeit entfhloffen zu haben 
iheint, diefen Weg zu gehen und ernfte militärifche Vorbereitungen trifft, um 
Perfien zu befegen und mohl aud, um am Yndifden Ozean Fuß zu fafjen“ 

Wer Ohren but zu hören, der höre! 





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Die Dienftpflicht in England 


Zu chon vor einigen Wochen, ehe noch die Faffung der neuen Bill 
befannt war, meldete der ftetS gut unterrichtete Londoner Sorre- 
1 Ipondent de Mandefter Guardians, daß ihre Annahme im Unter- 
bauje als filher gelten fünne. Cr fchähte die Oppofition auf nicht 
2 mehr al8 140 Abgeordnete, obwohl er die Partei der irifchen 
Nationaliften einrechnete. Seitdem haben die ren, da die grüne Infel von 
der Wirkung des Gefehes ausgenommen tft, fi) Darauf befhränft, ihrer Oppofition 
prinzipiell Ausdrud zu geben, ohne die Bill, die nur für Großbritannien 
Geltung haben fol, weiter zu befämpfen. Die Gegner des Dienftzmanges find 
fomit numerifh noch fhwächer geworden, wenn fie aud) in dem früheren Staats- 
fefretär des Synnern einen Führer von unzweifelhafter Bedeutung gewonnen 
haben. 3 war feine Frage mehr, daß die Bill! mit fehr großer Mehrheit 
durchgehen würde. Freilich fcheint ihre Faffung verfhhiedene Abfhwädhungen 
erhalten zu haben und die radilale „Daily News“ fpriht die Hoffnung aus, 
daß fie überhaupt feine praftifche Bedeutung haben werde, zumal, wenn die 
wieder eröffnete MWerbelfampagne Lord Derby3 auf. freiwilligem Wege die Zahl 
von Relruten Tiefert, die Kitchener für notwendig hält. | 
An ih tft die Bill nur ein fehr bejcheidener Anfang zur militärifchen 
Dienftpflict. Ste gilt nur für die Dauer des Krieges und für Die Unverheirateten, 
die fi der Werbefampagne Lord Derbys entzogen hatten. Tatſächlich Hatte 
freilid eben Ion der Derbyfhhe MWerbefeldzug ein tiefes Loch in das Prinzip 
der Freimilligfeit geriffen, denn alle denkbaren Formen moralifhen Zwanges 
waren angewendet worden, um die Männer wehrfähigen Alters zu veranlaffen, 
fi) zum Heere zu melden. Gleihmwohl rief diefer fo allmähliche Übergang zur 
legalen Feftlegung des Prinzips des Etaatszwanges eine fehr ftarfe Oppofition 
bervoor. Wenn fie im Parlament bald verjtummte, fo erhoben die Arbeiter- 
organilationen ihre Stimme um fo lauter. Bor allem die großen Gewerlichafts- 
verbände der Bergleute und Eifenbahner, die bisher die einzigen gemwefen find, 
die fi} in corpore vernehmen ließen. Die heißblütigen Bergleute von Südmwales 
tebeten fogar von einem politifhen Streil, und alle die, die aus Gemillens- 
bedenfen (mie einjt unfere Dtennoniten) gegen die Dienftpflit find, haben fi 
in einem Derein zufammengejchloffen. Aber den Gewifjensbedenken trägt die 
BIN Rechnung, und die großen Gewerkfchaftsverbände werden ſchwerlich Gelegen⸗ 
heit finden, in einen Konflitt mit dem Gefege zu geraten, denn bereit im 





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140 | Die Dienftpfliht in England 





Anfang des Krieges waren viel zu viel Bergleute und Cifenbahner angemworben 
worden, jo daß man die Angehörigen diefer Berufe wohl fämtlich als unablömmlich 
behandeln wird. 3 tft daber wohl möglid, daß feine neuen Konflikte für 
die Regierung aus dem Gefege entftehen werden, und daß namentlich feine 
große Bewegung eines paffiven Widerftandes herausfommen wird. ine parla- 
mentarifde Schwähung würde die Regierung allerdings erfahren, wenn 
die Mrbeiterpartei, die zu ihrer Generalverfammlung zufammengetreten ift, 
bei dem früheren Beichluß der nationalen Arbeiterfonferenz verharrt, und 
den Rüdtritt der drei Minifter Henderfon, Brace und RobertS verlangt. Dann 
träte die Arbeiterpartei endgültig aus der Koalition aus, und diefe beftünde 
nur nod) aus den beiden großen Parteien, Liberalen und Unioniften. 

Ein zweifellos großer Verluft war für die Regierung und befonders für 
den Premierminijter der Rüdtritt von Sir Yohn Simon. ALS diefer bei ber 
Bildung des Koalitionsminifteriums das Amt des Lordfanzlerd, auf das er als 
bisheriger Attorney-General von Rechts wegen Anspruch hatte, ablehnte und 
id) zum Staat3fefretär des Innern machen ließ, wurde befannt, daß Asquith 
ihn zu feinem dereinftigen Nachfolger als Führer der liberalen Partei beftimmt 
hatte. rüber hatten abmechielnd Sir Edward Grey und Lloyd George als 
die künftigen Parteiführer gegolten, aber der Krieg hat aud) alles dies geändert. 
Grey bat vollends in den lebten Monaten ftarf abgemirtfchaftet, und Lloyd 
George bat gerade in den entichiedenen liberalen Kreifen, deren Abgott er 
früher gewejen war, nahezu alles Vertrauen eingebüßt. Einen Dann wie Simon 
zu verlieren, zumal mit der Ausficht, damit der Oppofition einen Führer zu 
geben, der ihr bisher fehlte, ift für die Negierung mißlich genug. Wnderfeits 
fann eS faum überrafhen, daß fie aud) diefen Schlag überwunden bat. Denn 
noch immer befteht feine Möglichkeit, eine andere Regierung zu bilden. Die 
offizielle Oppofttion hörte auf zu beftehen, al die Untoniften eine Koalition 
mit den Liberalen eingingen, und ihre Führer in das Kabinett eintraten. Was 
fih feitdem an oppofitionelen Stimmen im Unterhaufe vernehmen Tick, beitand 
aus einzelnen liberalen und unioniftiihen Abgeordneten, denen e8 untereinander 
an Zufammenhang und Organifation fehlte und die feinen Führer bejaßen, der 
gegebenenfalls mit der Bildung eines neuen Kabinett3 betraut werben fonnte. 
Ein Teil der unioniftiihen Prefje bat fih zwar bemüht, Sir Edward arfon 
auf das Piedeftal eines künftigen Premierminifters zu erheben, aber nur der 
allerbefchräntteiten Parteimeinung lan folder Mangel an Sinn für Proportion 
verziehen werden. Ba ift Sir John Simon ein Mann von ganz anderem 
Kaliber. Freili, ob in abjehbarer Zeit Sir John eine Führerftellung einnehmen 
oder fie au) nur anjtreben wird, wird von den Umftänden abhängen. Einit- 
mweilen bleibt alle& bein alten, d. 5. die Koalitionsregierung, die im Grunde 
eine Kombination Asquitb-Balfour ift -— man bdenft unwillfürlih an den 
Premierminifter Balsquitd in dem Suffragettenftüd Bernard Shams — ijt 
unerfegbar und jchwer zu bejeitigen. Das ändert daran nichts, daß fie innerlic) 





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Die Dienftpfliht in England 141 
nicht ftärfer wird, fondern ihre Kräfte mehr oder weniger langjam verbraudt. 
Man braudt nur die Neden zu lefen, die Asquith feit den Zage, als er die 
Koalition ankündigte, im Unterhaufe gehalten hat, um den Unterfhied gegen 
fein früheres Auftreten zu ermeilen. Bon den Neden GreyS gilt basfelbe. 
Freilih, die Erfolge des Foreign Office geben feinen Stoff für oratorifche 
Slanzleiftungen. Grey ilt ein ftiller Mann geworden, und es ift wohl glaublich, 
daß er, wie man fagt, amtSmüde ift und fi) fchon lange mit Rüdtrittswünfchen 
trägt. Aber au er ift fchwer zu entbehren. Zwar hat man jegt in 
Lord Robert Cecil einen Mann, der ba8 Foreign Office mit Gefchid und 
Erfolg im Unterhaufe vertritt, fo daß man einen Peer zum Staatsfefretär 
maden Tönnte, aber der Rüdtritt Greys, der vor allen anderen mit der Strieg3- 
politif England3 identifiziert wird, würde in Baris einen allzu peinliden Eindrud 
bervorrufen. So fchleppt fi das Kabinett durch die lUingunft der Zeit Hin, 
an der inneren Unnatur der Koalition Tranlend, ein Kabinett unausgleichbarer 
innerer Gegenfäge und emwiger Komproniiffe, ein Kabinett der langjanen und 
widerſpruchsvollen Entſcheidungen. Man kann es ſchon glauben, daß in England 
der Wunſch weit verbreitet iſt, von dieſem Miniſterium des Wirrwarrs (muddle) 
erlöſt zu werden. Gäbe es eine verantwortliche Oppoſition und damit eine 
alternative Regierung, ſo wäre das jetzige Kabinett längſt geſtürzt. Aber die 
jüngſten Vorgänge haben deutlich gezeigt, daß eine viel größere Kriſis und ein 
viel ſtärlerer Anſturm dazu gehören würde, um ein neues Miniſterium zur 
Herrſchaft zu bringen. Im Dezember iſt ja viel von einem Kabinett Lloyd 
George geſprochen worden. Aber ein neues Kabinett könnte nur durch einen 
gewaltſamen Sturz des jebigen und auf den Trümmern der Koalition auf 
gerichtet werden. Wenn Lloyd George ans Ruder küme, fo würde er fein 
liberales und fein Koalitionsminifterium bilden, fondern ein unioniftifches. Gerade 
von liberaler Seite ift da8 mit aller Deutlichleit ausgeiprodhen worden. Wohl 
die meilten liberalen Minijter würden ablehnen, unter Lloyd George zu dienen, 
no würde die große Mehrheit der Partei ihn als Führer anerkennen. 

Aber aud) Unioniften wie Balfour werden fehwerlihd mitmachen. Dielleicht 
würde eine ganz neue PBarteigruppierung entjtehen, aber jedenfalls erft auf den 
Zrümmern der Koalition. Unmögli wäre eine foldde Entwidlung nicht, denn 
einmal muß doch die Hückehr zu dem alten Syftem der Parteiregierung erfolgen, 
und ob da8 erjt nach dem Kriege geihehen wird, fteht dahin. Vorläufig aber 
find wir no nit fo weit, und die Tage des Koalitionskabinett3 find noch 
nicht gezählt. 

Was ift nun vom militärifehen Gefihhtspunlt als das Ergebnis der Dienft- 
pflitbil zu erwarten? Man erinnert fih, daß beim Ausbruch des Krieges 
England über ein Tleine8 Expeditionslorp8 von 160 000 Mann verfügte, das 
für den Überfeedienft beftimmt war, und eine Territorialarmee, die nur zur 
Zandesverteidigung verpflichtet war. Das war das Nefultat der Haldanejchen 
Heeresteform, die, nach verjchiedenen mißglüdten Verfuchen des KabinettS Balfour, 


142 Die Dienftpfliht in England 


die Armeefrage nah dem volftändigen Zufammenbrudh ber militäriihen Dr- 
ganifation im Burentriege gelöft hatte. Zwar hatte der verftorbene Lord Robert 
zehn Jahre lang die Notwendigkeit eines großen Zandheeres gepredigt, aber er 
fand kein Gehör. Ameifellos beftand ein flarfer innerer Widerfprud zwiichen 
biefer britifden Wehrverfaffung und einer britifhen Kontinentalpolitit, wie fie 
durch die balbamtliden Abmadungen der englifhen mit den belgifhen und 
[päter mit den franzöflfchen Militärbehörden angebahnt war. Aber zugleich 
beitand in ber damaligen PBolitil des Liberalen Kabinett$ eine Tendenz, fi aus 
ber Bolitif des europäifchen Kontinents berauszuziehen, und obendrein ftanden 
der Vermwirklihung von Lord Robert Ydeen im Frieden ungleich größere 
Schwierigleiten gegenüber, als fpäter während des Krieges. ener Widerfprud) 
zwiihen Webrverfaffung und Bolitit wurde alut, al England durd) feine Kriegs⸗ 
erflärung die Wiederaufnahme feiner Kontinentalpolitit aufs jehärfite betonte. 
Die Wehrverfafjung mußte alfo vollftändig geändert werden. Das Erpeditions- 
forp8 war nad) den erften Kämpfen in Frankreich) nur noch ein Bruchteil feiner 
früheren Stärke. Hier febte nun Lord Kitchener8 Drganifation ein, und aud) 
der Gegner barf fein Werk nicht verlleinern wollen. Er bat die heutige britiiche 
Armee geichaffen, und zwar unter den allergrößten Schwierigfeiten, denn es 
fehlte an allem, an Waffen, Munition, Kafernen, Uniformen, und vor allem 
an Offizieren. Sein Werbefyitem hatte einen großen numerifhen Erfolg, und 
bis in die legte Zeit ift England mit feinem freiwilligen Spftem ausgelommen. 
Der Appell an den Patriotismus verfehlte feine Wirfung nicht, wenn aud 
freilich vielfach mit den alergröbften Mitteln gearbeitet werden mußte. Aber 
die heutige britifche Armee ift nach ihrer fozialen Zufammenfegung in demjelben 
Sinne eine nationale Armee wie die des übrigen Europa, während bisher ihr 
nationaler Charakter nur dur das Dffizterforps verkörpert war, wie in der 
Armee Friedrihs des Großen. Die Engländer brauchten felbft einige Zeit, um 
fi diefe Ummandelung zu vergegenwärtigen; anfänglich erregte e8 großes Auf- 
fehen, wenn ein gewöhnlier „Zommy” in einem vornehmen Reftaurant oder 
Hotel erfhien. Somohl die oberen als die unteren Klafjfen haben dem Werberufe 
in großen Scharen Folge geleiftet, Dagegen fcheint von den Mittelflaffen ein ver- 
bältnismäßig größerer Teil fih „gebrüdt”“ zu haben. 

Welche Nachteile diefe improvifierte Armee haben möge — am meiften 
fol das neue Difizierforps zu wünfcdhen übrig Iaflen, was aber bis zu einem 
gewiffen Grade durch den Stellungsfrieg weniger fühlbar wird — die Drgani- 
fation Kiichener8 ift geglüdt, und fie fit feit einer Anzahl von Monaten im 
wefentlihen fertig. Bezwedt nun die neue PDienftpflichtbill eine weitere Der- 
mebrung der Effektivftärle? Und tft eine foldhe überhaupt no möglih? Für 
England beftehen gewilje Grenzen, über die hinaus es fein Heer nicht gut ver- 
mehren Tann. England Hat fidh felbit und feine Verbündeten mit Krieggmaterial 
zu verforgen, e8 bat den Strieg der gefamten Koalition zu finangteren, und e8 
muß feine Staatsfinanzen durch feine Ausfuhrinduftrte folvent erhalten. 8 


Die Dienftpflidt in England 143 





darf alfo nicht einen fo großen Zeil feiner Bevöllerung in die Armee fteden, 
daß es dadurch die Yähigleit verlöre, jene andern wichtigen Aufgaben zu er- 
fülen. Lloyd George felbit hat, alS er noch Schaklanzler war, dies als erfter 
formuliert. Im Iebter Zeit haben der neue Schaklanzler Me’Kenna und ber 
Handelsminifter Runctman diefen Grundfat energifch betont. Es wurbe fogar 
ohne Widerfprucy) von angefehenen Zeitungen gemeldet, daß fie mit ihrem 
- Rüdtritt gedroht hätten, wenn das Kabinett nicht einen formellen Beihhluß gegen 
die uferlofe Bermehrung der Armee fahte. Nach den Iekten Nachrichten fcheinen 
fie mit diefer ihrer Forderung durhgedrungen zu fein, und dadurch erflärt fidh 
au, daß fie im Kabinett geblieben find. Stitchener hat im Unterhaufe erklären 
lafien, daß die Mannfhaften, die die Dienftpflichtbill verfpräche, genügten, um 
„den Sieg zu fihern“. ES ift nicht ganz deutlich, ob diefe Grenze, die man 
jest für die Heeresftärke gezogen hat, dem Beichluffe entipricht, den das Kabineit 
bereit8 vor mehreren Monaten gefaßt hatte. Damals befchloß es, eine beftimmte 
Anzahl von Divifionen aufzuftellen, und biefer Beichluß ift der franzöfifchen 
Regierung mitgeteilt worden. E83 lag aljo zwar feine förmliche Verpflichtung 
gegenüber Frankreich vor, jene Anzahl von Divifionen wirklich aufzuftellen, aber 
bo etwas ſehr Aynliches, denn die Franzofen haben natürlich ihre eigenen 
Pläne diefen Ausfichten gemäß eingeritet. ES ift nun nicht ganz deutlich, ob 
die Forderung Me'Kennas und Runcimans darauf binausging, die Vermehrung 
des Heeres nicht über jene Zahl von Divifionen zu vermehren, oder ob fie 
diefe Zahl verringert willen wollten. Nach einigen Außerungen der „Zimes“ 
Iheint das lehte der Yall zu fein. ebenfalls fcheint das ganz Mar zu fein, 
daß es fich bei der neuen Bill nicht um die Aufftellung neuer Truppeneinbeiten 
bandelt, fondern lediglich um die Beichaffung von Erfat und Neferven. Es iſt 
ja wiederholt darüber gellagt worden, daß gemwiflen Truppeneinheilen der nötige 
Erfap fehle, und die Bildung der Neferven fcheint in der Tat ein fhwader 
Punkt der Kitchenerfchen Drganifation zu fein. Was immer das zahlenmäßige 
Ergebnis der neuen Aushebung auf Grund des neuen Gefehes fein wird, das 
wird man annehmen dürfen, daß die neuen Mannſchaften nur bazu dienen 
werden, die bereit3 beftehenden Divifionen aufzufülen. Und wenn ihre Zahl 
dennoch nicht, wie Kitchener fo zuverfichtlich erflärt hat, „den Sieg fihert”, fo 
wird die Regierung einen Schritt weiter auf bem fteinigen Wege zur allgemeinen 
Wehrpflicht gehen müflen. 








Der neue Sohn des Himmels 


Don Erih von Salzmann 


(Schluß) 

Die fremden Bejagungstruppen ftanden no) an den verf&iedenften Punkten 
der Provinz Tidhii. Wo man jedoch binfam, fand man fehon neben ihnen, 
neuartig ganz in Schwarz gelleidet, chinefifche Truppen. Das waren die TZurban- 
träger Yuanidilais. yhre Heidfame einfache Kopfbededung gab ihnen ben 
Namen. Der dunkle Ernft ihrer Uniformen ftad merfwürdig [harf gegen die 
legten bunten zerlumpten Überbleibfel der alten dinefifchen Armee ab. Pie 
Leute fühlten fi al3 Diener ihres Herrn, fie waren ftol3 und zurüdhaltend, 
ein ganz neuer Schlag Menihen unter den Chinefen. Die Yührer waren 
Nuan treu ergeben. Sie wurden prompt bezahlt, fie plünderten nicht, fie 
raudten fein Opium, fie bebrüdten das Boll nit, und — fie taten Dienft 
von morgens bis abends. Wer fi von ihnen jchleht aufführte, dem flog 
fhnell der Kopf herunter. Der große Herr in Zientfin fadelte nicht ange. 

So wuchs Yuans Madt geradezu unheimlid an. Aber auch auf anderen 
Gebieten hatte er von den Yremden gelernt. Bi8 zum Jahre 1902 hatte 
Zientfin Stadt und den großen zu ihr gehörigen Bezirk eine internationale 
proviforifhe Regierung verwaltet. Kein geringerer war ihr Herz und ihre 
Seele gemwejen und hatte fie in geradezu genialer und vorbildlider Weife ein- 
gerichtet, alS der jetige Chef des Generalftabes der deutichen Armee, General 
ber Infanterie von Fallenhayn. Er ift nicht nur ein Meifter des Schwertes. 
Er bat damals zum Staunen der Beteiligten gezeigt, daß er auch außerordent- 
liche Fähigkeiten auf den Gebieten ziviler Verwaltung und Drganifation befigt. 
Auf dem Ergebni$ der [hamlojen Mikmwirtihaft vieler Jahrhunderte, auf einer 
innerli und äußerlich total verrotteten Verwaltung aufbauend, hatte Fallenhayn 
e3 verfianden, in furzer Zeit einen neuen Keinen Mufterftaat zu jchaffen. Er 
hatte den größten Teil einer verbrannten und zerfhoffenen Millionenftadt nieber- 
gerifien und eine neue größere, modernen Anforderungen entiprehende Stadt 
wieder aufgebaut. 3 Täpkt fih hier nicht aufzählen, was da alles in zwei 
Jahren gefhaffen worden war. Niefenhaftes war entftanden, und neues Leben 
blühte überall. Die Kafien waren gefüllt, und es war nicht [chwer für 
Yuanfdilai, nun von neuem anzufangen. Yuan fann heute Yaltenhayn viel 
danken, denn nur an Yallenhbayns Schöpfung anlnüpfend, war es ihm nun 


Der neue Sohn des Bimmels 145 


aud) jeinerfeitS möglich, mit al dem fürdhterlihen Wuft chinefifcher Überlieferung 
rüdfichtslos zu bredien und modern zu wirtichaften. Sabre jegenzreichen 
Schaffens vergingen auf diefe Weile. Yuan feitigte feine Pofition immer mehr. 
Die Zahl feiner Anhänger wuchs ins Niefenhafte, den Machthabern in Peling 
wurde der Dann unheimlid. Ging das fo weiter, fo war vorauszufeben, 
daß er eines Tages den fowiefo wadeligen Thron ftürzen und fi felbit auf 
den neu aufgerichteten jehen würde. Ein folder Fall wäre ja nicht der erfte 
in der hinefiichen Gefchichte gemefen. So feste die Intrige ein. Die Wühl- 
arbeit der um bie Haiferin-Witwe fitenden PBrinzenclique — durch Jahrhunderte 
alte Erfahrung gewißigt wie feine andere Hoflamarilla — vermochte den 
großen Mann nicht ganz zu ftürzen. Seine Amtsführung war unangreifbar. 
Der Fuchs war zu fchlau gewefen, ih auch nur die geringfte Blöke zu geben. 
@3 war nicht leicht, ihn zu befeitigen, aber e8 gelang do. Das Unerhörte 
geihah. Yuan, der feines der großen Ktonlurrenzeramina auch nur als Iehter 
zu beftehen vermocht hatte, wurde eines Tages gewürdigt, al8 Großfelretär 
in den Pelinger Staatsrat berufen zu werden. Um ihm die Pille zu ver- 
zudern, berief man zu gleicher Zeit feinen [härfften politiichen Gegner, den 
erften Literaten des Reiches, den zugleich reaktionären und doc fortichritilich 
gefinnten Bizelönig von Hulwang, Zihangtihitung, in den gleichen Staatsrat 
nah Peling. Man ftellte auf diefe Weife mit einem Schlage die beiden 
politiih mädhtigften Männer des Reiches Lalt, fperrte fie in den goldenen Käfig, 
hette fie damit aufeinander und entlleidete fie jedenfall aller realen Madht- 
mittel. Dem Yuan nahm man fein Heer, feine ureigenfte Schöpfung fort, und 
übergab fie dem reaftionären mandfhurifhen Kriegsminifter Tiebliang. Durch 
diefen Schlag f&haltete man auch diefen leteren jchwerwiegenden Yaltor glatt 
aus. Das Heer zählte nicht mehr. 

Zbeoretifch arbeiteten die beiden großen Männer in Peling ein umfaffendes 
Neformprogramm für alle Gebiete der StaatSverwaltung und des Neiches aus. 
Sole tbeoretifche . Ausarbeitungen machen fih in China ftetS wundervoll. 
Sie find wie die Heeresbefehle Foffres. Wenn alles das einträte, was in ihnen 
verfprocdhen wird, dann hätten wir bald das Paradies auf Erden. Sie wirken 
auch wie Soffrefhe Ziraden, alles ift begeiftert, und hinterher iſt — nichts. 

Die Wühlarbeit gegen Yuanfdhilai ruhte troßdem nie. Sein Sprecher bei 
Hofe war der damals mädtigfte Mann des Neiches, der Senior des Taifer- 
lichen Hauſes, Fluang, Prinz von Tihing. Wiederum vergingen zwei Sabre. 
Die Alte auf dem Throne regierte nach probatem Mittel: Divide et impera. 
Sie war Müger alS die meilten ihrer Zeitgenoffen und badjte im übrigen wahr- 
iheinli: Nah mir die Sintflut. Mögen meine Nachfolger für fich felbft forgen. 

1908 ftarb fie und mit ihr — auf heute noch nicht aufgeflärte Weife — 
der Kaifer Kmangfü. Das Durcheinander ded Damals noch volllommen mittel- 
alterliden Hofes war geradezu entfeglih. Ber Kampf der Prinzen und Hof- 
parteien tobte, alle Mittel waren wieder einmal geredht. Die Alte hatte wohl 

Stengboten I 1916 10 


146 Der neue Sohn des Bimmels 


weniger an das Wohl ihres Reiches gedacht, al8 an das ihrer eigenen Familie. 
Gie ift aus dem Stamme Vehonala der Mandjhus und dachte, den Sproffen 
diefe8 Stammes die Macht zuzumenden. Gie hatte Mare Bahn gemacht, indem 
fie Kmwangfü aus dem Wege räumen ließ. Yhre Wahl führte den Enkel ihrer 
letbliden Schweiter, den Sohn des Prinzen Tihun und der Tochter Yunglus 
auf den Thron. Ein unmündiges Kind war damit der neue Sohn des Himmel. 
Das Unglüd wurde geradezu beraufbefhmworen. Die Partei des Prinzen 
Tihing und Yuanfhilais war Taltgeftellt, denn der Vater des Kaifer$ war der 
Halbbruder Kmwangfüs, der feinerzeit gerade durch Yuanfdilais Verrat auf 
dem Stnfelpalaft zu freublofem Dafein interniert worden war. Der Vater bes 
Kaifers war zugleich ReichSverwefer, er ift auch in Deutichland wohlbelannt. 
3 ift der Sühneprinz Tfehun, der im Jahre 1901 die Entjehuldigungen für 
bie Ermordung des deutfchen Sefandten von Kettler in Potsdam vorzubringen 
hatte. In feinem laum entzifferbaren Zeftament batte der fterbende Kwangfü 
feinem Bruder Thun geboten: „NRädhe mid an Yuanfchilai!” 

Für Beling gab e3 damals bange Monate des Wartend. Die Ein- 
geweihten wußten, daß durch die Neubefegung der großen Staatsämter Yuans 
Stunde geidhlagen hatte. Am Januar 1909 traf ihn der Bannftrahl der In- 
gnade. Durd Taiferlihes Edit nahm der Neichsverweier ein Gefuh Yuans 
um Entlaffung aus allen feinen Ämtern an. Zugleih wurde er angewiefen, 
fein „Beinleiden” in feinem Heimatsorte in der Provinz Honan auszulurieren. 
Man warf ihn einfach, wie einen läftigen Nichtötuer, hinaus. Das war der 
Dank des mandfhurifhen Satferhaufes für Yuans viele dem Vaterlande ge- 
leifteten Dienfte. Sein Hund hätte noch ein Stüd Brot von ihm genommen, 
lein Straßenluli au) nur einen Kupferfäfch mehr für fein Leben gegeben. Auch 
der alte Prinz Tiing fehlen ihn nicht retten zu Lönnen. Nur wenige Leute 
von Yuans LKeibgarde blieben ihrem Herrn Ireu. Yuan floh nad) Zientfin und 
ftieg dort .unerlannt im Hotel der Fremden ab. Der Bizelönig follte ihm 
helfen, er war feine Kreatur. Der verfagte fi ihm. Dankbarleit ift in China 
unbelannt. Der Chinefe ift der fchlimmfte Opporiunift uhd Mtaterialift. Alles 
&ien verloren. Yuan reifte nad Peking zurüd. Er war ein gebrodener 
Mann. Die Stadt war voller Gerüchte Drientaliſche Gropftädte haben im 
ganz anderer Weife Augen und Ohren für die Gefchehniffe des Tages, wie 
unfere Städte. Niemand Half dem Berlaffenen. Niemand kannte ihn mehr. 
An einem trüben Januarmorgen ftand er fat allein auf dem Chienmen-Babndof 
und beftieg einen nach Sübmelten gehenden Extrazug, um in feine Heimat zu 
reifen. Nur zwei Leute fahen ihn dort. Der eine war fein Yreund Sunpautfdt, 
bis dahin Gefandter in Berlin, und ein deutfher Yournalift, Dr. M. Krieger, 
weldder dur Zufall Kenntnis von der Stunde ber Abreife befommen hatte. 
Bis zur lekten Minute glaubte man allgemein, daß ein Attentat es gnädig 
mit dem Geftürzten machen würde. Jedoch das Schidjal hatte Größeres mit 
biefem Manne vor. 3 verfhonte ihn; er hatte Jahre Zeit, fi in feiner 


Der neue Sohn des Himmels 147 





Heimat zu fammeln. Ber Bollsmund fagte damals, er führe das Leben eines 
einfahen Landmannes, der Gincinatti Chinas. Pod Yuan war nicht ftil. 
Auch in diefer Zeit Tiefen die politifhen Fäden in feiner Hand zufammen. 
Ständig gingen die Boten bin und ber. In Peling bielt unterdeijen jein 
ältefter Sohn, Yuanloting, die Wacht für ihn. 

Sin den Jahren bis zu feiner Verbannung babe id Yuan mehrfad in 
Beling gefehen. Er war hagerer im Gefiht geworden. Die Haare fingen an, 
leiht zu ergrauen, die Stirn hatte Falten befommen, nur die bezmwingenden 
Augen brannten im alten Feuer. In feiner Kleidung war er oft merkwürdig 
vermadläffigt. ALS er Peling verlafien hatte, fügte es fi, daß ich mit feinem 
Lieblingsfohne Yuankoting fehr oft in Berührung fam. ch bin in biefer Zeit 
viel in dem dem alten Yuan gehörenden Haufe nahe dem öftlihen Blumentor 
der faiferliden Stadt gemefen. E38 ift einer jener großen aber doch nicht ſehr 
weitläufigen Damen, der in feinem Innern zahlreiche, durch) Galerien verbundene 
Häufer, Felfengärten und Heinere Höfe aufweilt, wo Yuanfdilai und feine 
Familie, wenn fie in Beling weilten, wohnten. Der ältefte Sohn bes jegigen 
Kaifers tft ein jehr intelligenter, wenn auch neroöfer Menfh. Er befitt eine 
außerordentliche Kernbegier und hat fi) zu diefem Zmwede eine fehr umfangreiche 
und gediegene Bibliotbel europäifher Schriftfteller zugelegt. Unter biefen 
Werken fand ich viele unferer großen Militärfchriftfteler.. laujewig und 
Moltle, fogar Friedrich der Große waren vertreten. Einem Chinefen fehlt aber 
leider jeglide Grundlage zum Studium der Gedanlen diefer großen Gelfter. 
Milttärifcheftrategifche Ausführungen find dem Chinefen genau fo fremd, wie ung 
die Jrrwege und merkwürdigen Mittel orientalifher Politit. In meinen Unter- 
baltungen mit dem jungen Yuan, die wir neben unjeren Spradjftudien oft führten, 
fand ich daher ‚bald heraus, daß ihm die Auffaflung, die wir von Baterlands- 
liebe und Hingabe unferes Beiten für das Baterland haben, fremd blieb. 
Diefer Lieblingsfohn Yuanfchilais hatte fpäter das Unglüd, fich bei einem Sturz 
mit dem Pferde einen fchweren Schädelbrudy zuguziehen, der fehr fchleht aus⸗ 
geheilt wurde. Am Winter 1913/1914 verfudte er — zu fpät allerdingg — 
bier in Deutichland Heilung, eventuell duch Hirurgifhen Eingriff. Der drohende 
Weltkrieg z0g ihn vorzeitig nach feiner Heimat zurüd. In der Zeit meines 
Berfehrs mit ihm babe ich oft in feinem Haufe die Männer gefehen, die jest 
wieder um Yuanfcilai figen und feine treueften Stüben find. 

Die Zeit ging unterdefjen ihren Lauf. In den Jahren 1909, 1910 und 
1911 mwirtfchaftete der fchwadhe Prinzregent volllommen auf Abbrud. Die 
Zuftände bei Hofe fann man wohl ruhig al8 fchamlofe bezeichnen. Weiber, 
befonder8 aber die Veit Ehinas, die Eunuchen, eine unglaublide Zahl ruchlofes 
Gefindel von Hofbedienfteten, babgierige Prinzen und Beamte, und nicht zum 
wenigften europätfhe Charlatane aller Nationen, fpielten eine gemiffe Rolle, 
was in China gleichbedeutend ift mit fynellem Geldverdienen. Riefentonzeffionen 
wurden an Unmwürdige verjchleudert, das Geld lag wirklich in Beling manchmal 

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148 Der neue Sohn des Bimmels 








auf der Straße. Die Weiberwirtichaft in der Stadt und au an vielen anderen 
Bunkten des Reiches ftieg ind Unglaublide. Niemand fhien mehr an bie 
Zukunft zu denken, nad) dem Prinzip: Lat uns leben und Iuftig fein, denn 
morgen find wir tot. Der Knocdenmann ließ denn auch nicht Iange auf fi 
warten. Die Eingeweibhten wußten es längjt, daß man in China auf einem 
Bullan tanzte. Die Revolution ftand vor der Tür. 

Ym Herbft 1911 brady fie aus und fand ein fhwades Gefhledht. Die 
Mandſchus und ihr Anhang, die jämmerlihen Nahlommen großberziger Er- 
oberer, wurden in wenigen Monaten binweggefegt. Mich felbft traf die Nad)- 
richt des Ausbruch der Revolution im innerften Sumatra, im Hochgebirge, wo 
ih Heilung von fhwerem Tropenfieber fuhte. Mit allen Möglichkeiten reifte 
ih nad Norden. Mein Weg führte mic über Padang, die Norbipihe 
Sumatras, nad Penang, Singapore, Hongkong und fchlieklih Schanghai. Als 
dort unfer Dampfer morgens einlief, erlebten wir gerade den großen Augenblid, 
al8 die hinefifhe Kriegsflotte das gelbe Taiferlide Dracdhenbanner nieber- 
holte und zum fünfftreifigen Revolutionsbanner überging. Wir fahen Motor- 
barfafjen an einzelne Kriegsfchiffe heranfahren. Einige Difiziere fliegen an Ded 
der Kreuzer, und Eurz darauf fand der Flaggenmwechfel — ohne daß es zum 
Kampf fam — ftatt. Die gejamte Flotte Chinas war damals, ebenfo wie nod) 
gegenwärtig, ein Element, das die Negierenden nicht in ihre Berechnung einzu- 
ftellen vermodhten. Heute dient fie dem und morgen jenem. Das Bünglein der 
Mage hält der in der Hand, der am meijten zahlt. Ach fagte fchon einmal, 
die Begriffe von Ehre und Vaterlandsliebe find in Deutfchland und dem fernen 
Drient außerordentlich verfchieden. | 

Sm Dezember 1911 war ich wiederum in Peling. Der Regent und bie 
Leute um ihn waren wie bülflofe Kinder, als ob fie nie etmas von Volksrecht 
und Bollswillen gehört hätten. Alle biefe Leute Yebten mit ihren Anfhanungen 
no um zweihundert Jahre zurüd. Das Prinzip des Herrfchers war: „L’etat 
c'est moi“, und al8 e8 nun anders fam, da verftanden fie nicht einmal wie 
ihre großen Ahnen, mit Anftand in den Tod zu gehen. Das Bild, das der 
berrihende Mandichuadel bot, war das denkbar Häglichfte und erbärmlichfte der 
Well. Man fehrie nad dem Danne, den man drei Inappe Sabre vorher wie 
einen [omugigen Kuli aus dem Haufe gejagt hatte. Der follte nun das 
Baterland retten. — Yuanfhilai. — Und der große Dann fam aus feiner 
Verbannung. Er ficherte fih Vollmadhten. Im befonderen verhandelte er erft 
mit den Fremden, um das fiher zu ftellen, mas befanntlid) erftens, zweitens 
und dritten? zum SKriegführen gehört, nämlid — Geld. Die Fremden 
hatten Vertrauen zu diefem Manne und fagten ihm nur feiner Perfönlichkeit 
wegen bie Gewährung der Anleihen zu, die er verlangte. Dann fhidte Yuan 
das faiferlihe Heer gegen die Rebellen. Yu diefem Heere faß noch immer ein 
Tunle feines Geiftes und Willens. Die Faiferlihe Armee flug die Rebellen 
leiöt, wo fie au immer zufammentrafen. Yuan hatte viel Undant erlebt, er 


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fannte feine augenblidlichen Herren, die Mandfhus. Die Boten gingen bin 
und ber, und wie er mit dem Hofe verhandelte, jo verbandelte er auch mit ben 
Nebellen, mit den Fremden in Beling und auch mit den vom englifchen General« 
fonful geführten Fremden in Schanghai. Die Fremden waren nämlich auch ge- 
teilt. Die Gruppe der Fremden in Peling, befonders die Diplomaten, wollten 
die Oynaftie — nad) dem Mufter der Vorgänge vor einem halben Jahrhundert mäh- 
rend der Taiping-Revolution — ftügen. Dem ganz entgegengefeht arbeitete bie 
Schanghaier Großlaufmannfchaft, vertreten dur die Dandelöfammer und den 
englifchen Generallonful Sir Frazer, der fi jo merkwürdig in ausgeiprochenen 
Gegenjag zu feinem Gefandten in Peling fegte. Um da3 Maß voll zu machen, 
fhrie die einflußreiche Gruppe der amerilanifhen Miffionare in Schanghai, nad) 
dem probaten Mufter von „Moral und Humanität”“, nach Abhilfe der unerhörten 
Mipftände. MWahrfcheinlich hat Tehtere8 am melften gewirkt, denn kurz darauf 
war bie faiferlihde Sade nicht mehr zu halten. Der Bertraute Yuanfchilais, 
ber zugleih Spezialgefandter in Schanghai war, um mit den Führern der 
Aufftändifchen zu verhanteln, der vielgewandte und ausgelodhte Fuch8 Tangfhauyi 
— felbftverftändlid ein amerifanifches rziehungsprodultt — ging glatt ins 
republifanifche Lager über. Und das war der Beginn vom Ende. Die An- 
leihen der Belinger Regierung fielen durh, und ohne Geld lann man feinen 
Krieg führen. 

Die Ereigniffe nahmen einen fchnellen Lauf. Yuans Heer demoralifterte 
und verbrüberte fih bald mit den Aufitändifden. Der Laiferlide Hof verlor 
vollfommen den Kopf und fonnte fih zu nichts mehr aufraffen. Schließlich 
beiraute die nomjnell die Regierung führende SKaiferin-Witme Lunyü den 
Yuanjdilai mit Generalvollmadt in jedem Sinne. Yuan hatte längjt im Ge- 
beimen gehandelt. Nun konnte er offenes Spiel wagen. Yuanfdilai war mit 
einem Schlage der Yührer des ganzen Nordens geworden. Langjam aber 
fiher ftellte er nun den ganzen Hof Talt. Er beruhigte die Aufftändifchen und 
verfprach ihnen goldene Berge. Auf gut hinefiih beißt das: er bezahlte ihre 
Anführer, gab ihnen hohe Anftellungen, Zitel und Orden, und damit waren 
fie, wenigftens vorerft, til. 

Am Februar des Jahres 1912 erließ dann der junge Kaifer jene brei 
berühmten im alt-fonfuztantfhen Stil gehaltenen formoollendeten Ebdilte, in 
welchen er auf den Thron verzichtete. Yuanfcilat war damit auch Außerlic) 
almädtig. Noch drohte jedoch der Süden, denn die Sunyatfen, Huangfhing 
und Genofjen waren mit den unglaublid) hohen ihnen zuteil gewordenen Ab- 
findungsfummen nod nicht zufrieden. Site wählten zwar Yuanjchilai zum 
Präfidenten, forderten aber zugleich, daß er nad) der alten jüdlichen Hauptitadt 
der legten nationaldhinefifchen Dynaftie, dem am Yangtfeftrom gelegenen Nantling 
fomme, um dort den Eid als Präfident abzulegen. Die Füdfe im Süden 
wollten Yuanfdilai damit aus dem Schuhe feiner Bajonette und des mauer- 
umgürteten Peling berausloden, um feine Perfon tn die Hand zu bekommen. 


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Das Ionnte Yuan niemals tun, denn dann wäre er verloren gewefen. Go 
griff er zu einem verzweifelten Mittel. 

Man führt das, was nun gefhah, oft auf ihn zurüd. Ermiefen ift fein 
Anftoß zu den fehmweren Unruhen, die Ende Februar ganz Norbchina umtobten, 
jedenfalls nit. Die politifche Konftellation aber muß um$ jeht, vier Jahre 
nad) den Vorfällen, geradezu zwingen daran zu glauben, daß Yuans Partei 
den Aufruhr anzettelte, um die Perfon des Präfidenten in der Hauptitabt 
feftzubalten. 

Am 29. Februar 1912 brad) in Peling — felbft allen Beobadhtern der 
Lage unerwartet — eine große Soldatenrevolte aus. Die dritte Divifion der 
Kerntruppen Yuans meuterte, erzwang den Eintritt in die Mandichuftadt Pelings 
und plünbderte, fengte, zerihlug und verbrannte einen großen Teil der Stadt. 
%h babe in diefer Schaltiahrsnadht ein fehr merfwürdiges Erlebnis gehabt, das 
fi wohl lohnt, erzählt zu werden. 

E3 war gegen elf Uhr Nachts. Der ganze öftliche Teil der Mandfchuren- 
ftadt brannte Yichterloh.' Die Schüffe Trachten von allen Seiten. Die Gefandt- 
ſchaftsſchutʒzwachen hatten das gefamte Gefandtfchaftspiertel abgeipertt. Das 
Durcheinander und Elend unter den Chinefen war entfeblih. Ih Hatte mir 
alles angefehen und war nad) der deutichen Gefandtichaft gegangen, um dem 
Gefandten, Herrn von Harthaufen, meine Eindrüde zu erzählen. Dort traf ih 
den Neferendar Wagner, einen Herrn der Gefandtfaft. Diefer bat im Namen 
de8 Minifters Sunpautfht um einige Soldaten al Schub, um die an den 
Sohn des Prinzen Ticjing verheiratete Tochter des Minifters zu retten. Der 
im Innern der Stadt Tiegende riefige Palaft des Prinzen war bereit8 in großer 
Gefahr, erftärmt und geplündert zu werden. Soldaten konnte Herr von Hart- 
haufen nicht geben. Die fiedzig Mann unferer Schubwache genügten faum, um 
die außerhalb des Gelandtfchaftsviertels Iebenden bdeutichen Frauen zu reiten. 
So erbot id mich freiwillig, dem mir mohlbelannten und befreundeten Sunpautfchi 
zu helfen. “ch ging nad) dem benachbarten Fremdenhotel. Dort traf ich ihn. 
Nach kurzer Unterredung beihloß ih, mit einem Wagen nad dem Palaft zu 
fahren und dort mein Heil zu verfuhhen. Nach langem Hin und Her erhielten 
wir einen Wagen vom Hotel. Kein chinefifcher Pferdefnecht wäre um Millionen 
zu bewegen gewefen, den Wagen durch die brennende Stadt zu fahren. So 
jegte ich mich Furz entfcploffen auf den Bod und fuhr felbft. Hinten im Wagen 
faß der Minifter Sun, übrigens ein fehr liebensmürbiger und uns Deutfchen 
recht befreundeter Mann. Für einen anderen hätte ic) mein Leben nicht fo 
ohne weiteres in die Schanze gefhjlagen. Die Fahrt ging log. Die fi} ftets 
dur) ihre Brutalität auszeichnenden amerifanifhen Soldaten verweigerten mir 
— ohne jeden Grund — die Durdfahrt an der amerilaniihen Gefandtichaft, 
ihrien mid rüdjihtslos an und riffen mid) beinahe von Bod herunter. Gegen 
wehrloje Leute find biefe amerifanifchen, in Norbchina tibel beleumbdeten 
Helden immer tapfer gewefen. So mußte ich umfehren und durd) das ganze 


— — — 


ns 


Der neue Sohn des Himmels 151 


Sefandiihaftsviertel und die brennende Dftitabt fahren, um den Palaft zu 
erreihen.. Wie gerufen fam mir ein Deutfher in den Weg, ein Herr Kraife 
vom PBoftminifterium. Diefen fehte ich Hinten in den Wagen ald Schub bes 
Minifter8 gegen allzufreche chinefifhe Soldaten. Dann ging es binein in da8. 
Feuermeer. Das war nicht jo einfach, denn das Pferd ftreilte fortgefeht, und 
alle paar Schritte ftarrte un3 ein blankes Bajonett entgegen. Wie ftetS im 
Leben half aber auch, bier gut zureden. Manchmal gab c8 aud auf gut 
Hinefifh Iharfe Worte und für das Pferd die Peiifhe. Nicht umfonft habe 
ich fo manchen ftörrifchen Gaul über grobe Hinderniffe geritten. euer, Schießen, 
Plünderer, Raub, — nichts Tonnte uns aufhalten. Um Mitternacht waren wir 
an den Wachen des Palaftes. Go Tonnte id — allerdings zu einer etwas 
merkwürdigen Stunde und Gelegenheit — die Belanntihaft des mädhtigften 
Mannes des Reiches, des Prinzen Tſching, machen. Ich bradte dann die 
Familie in Sicherheit in das Gefandtfchaftspiertel und befite als Dantlesgabe 
bes Prinzen und zur Erinnerung unter anderem eine wunderbare fünffarbige 
chineſiſche Vaſe, die mir ftetS ein befonders mwertvolle8 Andenten bleiben wird. 

Yuan war an jenem Abend — im Auswärtigen Amt mit feinen Freunden 
Sunpautfdi, den id) Stunden fpäter in unferer Gefandtfchaft traf, und Liangfhiyi 
beim Abendbrot fitend — von der Meuterei überrafcht worden. Der Strom 
der plünderungsläfternen Soldatesfa braufte an den Mauern des Auswärtigen 
Amtes vorüber. Die Wachen hatten die Mauern befeht, die Mafchinengemwehre 
waren in Stellung. Sedo fein Schuß fiel dort, troßdem e8 ein leichtes ge⸗ 
wejen wäre, das in engen Straßen eingejchachtelt liegende Auswärtige Amt zu 
überrennen, auszuplündern und feine Bewohner zu töten. Augenjcheinlich 
wollte man Yuan nidts tun. 

Der Aufruhr nahm weit größere Dimenflonen an, als feine Anftifter 
urjprüngli” wohl erwartet hatten. Die großen Städte Tientfin, Pautingfu 
und viele andere Tleinere wurden geplündert und zum Zeil niedergebrannt. 
Die Tatfadhen verhinderten den Präfidenten abzureifen. Niemals war feine 
Unmwefenheit im Norden des Reiches dringender notwendig geworden als in 
biefen Tagen. Der Henler befam nun Arbeit. Der alte Haudegen General 
Kiangfweti wurde Kommandant von Peling. Er fuhr in feiner Glastutjche 
berum, ließ am Morgen des 1. März an jedem der vielen Tore Pelings kurz 
halten, und wenige Minuten darauf riefen fchon die Henkersfnedgte: „Schal Schal” 
(Tötel Titel) Die Köpfe von Plünderern rollten im Staube. An allen großen 
Straßenfreuzungen hingen die graufigen Wahrzeichen prompter chinefiicher “Suftiz 
mit den Zöpfen an den Telegrapbenftangen. Außere und innere Mittel der 
Bolitit und Landeshoheit im fernen Drient find anders wie bei uns daheim. 
Manſchikai und die um ihn hatten ein gefchictes Spiel gefpielt. Und bod 
weiß heute noch niemand in Dftaften: Hat Yuanfchilat nun diefe große Revolte 
angezettelt oder nicht? Beweije dafür find nicht vorhanden. 

Einige Monate fpäter. 


152 Der neue Sohn des Eimmels 


Es war im Frühjahr. Das Land Hatte fi) beruhigt. Der Präfident 
leiftete den Eid auf die Verfaffung. Diefe Verfafjung war rein iheoretifch über- 
nommen und diente nur dazu, den Sremden Sand in die Augen zu ftreuen. 
Die Hinefifhen Machthaber haben fih in ihren Maßnahmen nie an Parlament, 
öffentliche Meinung oder Zeitungsrummel gelehrt. Beſonders Yuanicilai ift 
feinen Weg ruhig geradeaus gefchritten auf das eine Ziel Io8, daS er beute 
erreicht hat. Er Tannte fein Hindernis. 

Die Eidesleiftung gefhah unter Betfein aller derer, die zu jener Zeit an 
der Staatsleitung teilnahmen. Auch die Nepräfentanten des Volles, ſowohl 
der Mandihus und der Chinefen, al8 aud) der Mongolen, waren eingeladen. 
Ih ftand bei der Zeremonie dicht neben dem PBräftdenten. Diefer fprad) nad) 
ber Zeremonie einige freundliche Worte mit mir. Cr war fehr grau geworben. 
Das Gefiht war wieder voll und rund, die Augen unverändert. Die Uniform, 
die man ihm zuredhtgemadt hatte, faß ihm fchleht. Die alten Trachten der 
hHinefifhen Großen waren viel würbiger und fhöner geweien. Yuanfchilai hat 
feine gute Figur. Er ift fehr breit und unterfegt. Dazu paßt das alte weite 
geſtickte Staatsgewand ſehr viel befer. Er ſah gut aus zu bdiefer Zeit und 
Datte etwas Freundliches im Gefiht. Das abgeriffene, unvermittelte und laute 
Laden Hang noch ebenfo merfwürdig wie damals, als ich ihn zum erften 
Male fah. 

Wieder vergingen Monate. Unruhe war ftändig im Reihe. Der Dann 
an der Spite rang weiter um die Macht. Der Süden empörte fi ſchließlich 
erneut gegen den Norden. Der uralte Gegenfat war noch nicht endgültig 
überbrüdt. &8 fam zu neuen Nevolten, zu blutigen [hweren Kämpfen. Yuanjdilat 
batte jedoch vorgeforgt.. Mehr und mehr hatte er es verftanden, mit feinen 
Getreuen und den ihm duch did und dünn anhängenden Soldaten die ftrate- 
giihen Punkte des weiten Neiches zu befeen. &8 gelang ihm, den Aufftand 
in der Mongolei niederzufchlagen. Die Rufen, die mit dem mongolifdden Groß- 
lama zufammen gegen Yuanfchilai intrigierten, wußte er jehr gejhidt zu be 
friedigen.. Ymmer und immer mußte er lavieren, denn obwohl feine Soldaten 
auf ihn fchmworen, fo faß boch der Geift der Revolution, ein Geift der udilziplin 
in der Soldatesfa. Raub und PBlündern Iodte diefe Berufsfoldaten wie einft 
die Söldner im lebten Drittel des Dreißigjährigen Krieges. Dft genug kam 
e3 zu jchweren Iofalen Ausbrühen. Der Kaufmann hatte darunter zu leiden, 
und der Handel lag in manden Zeilen des Landes gänzlich danieder. Aber 
Yuans Macht ftieg. Sie wuchs leife und unmerkbar, faft unheimlid. Diefer 
Mann fafzinierte allein mit feinem Namen die Gemüter. Dan fprad) in den 
Herbergen, auf den Landftraßen und den Hafenftädten nur leife von ihm. 3 
war faft gefährli, den Namen zu nennen. Wer mußte denn, ob nicht der 
Horder und Spion in der Nähe war, der es dem Gemaltigen da binten im 
Raiferpalaft in Peking hinterbradjtel Den berufsmäßigen VollSverderbern begann 
der Boden unter den Füßen zu brennen. Shre Hinterleute, die Japaner, dachten 


Der neue Sohn des Bimmels 153 








nod einmal im Sommer 1913 einen großen Schlag zu führen. Die zweite 
Revolution bradh aus. 

Ih war im Nahre 1913 gerade aus der Mongolei gelommen, wo wieder 
einmal Aufftand drohte. Man begann fi am mittleren Yangtfe zu fchlagen. 
Ein weiteres revolutionäres Heer rüdte von Nanling unter japanifhen Be- 
ratern längs der Tientfinpulaubahn vor, um dur) die Provinzen Siangfu und 
Schantung ins Herz bes Reiches, die Provinz Tfchili, einzubrechen. 

Yuanfdilat hidte feinen treueften Diener, den Feldmarfchall Fengkuotiehang, 
mit erprobten Truppen entgegen. Mit dem Feldmarfhall zufammen operierte 
der alte Zihangfün, eine der merfwärdigften Erfcheinungen des neuen China. 
Der joeben ermordete Tihang war ein Herr aus eigenen Gnaden mit eigenem 
Heer, der In Weitihantung faß und dem niemand — nicht einmal Yuanfdilai 
— zuleibe konnte. Alle Barteien mußten mit ihm rechnen, da8 heißt in China: alle 
Barteien bezahlten ihn. Zu diefem Heere reifte ich und erlebte dort das, was bie 
Ehinefen „Schladten“ nennen. Eine große Komödie, bei welcher die Feldherren 
Sieg und Niederlage wahrjhheinlich Längft vorher ausgemacht haben. Zumeilen — 
fo fagt man — joll e8 bei foldden Ereigniffen au Tote und Vermundete 
geben. Die Rebellen gingen zurüd.. Ich felbjt wechfelte die Heere — e3 ift 
wahrhaftig fo —, da e3 mir bei den Nordtruppen zu langweilig wurde und 
ging zum Nebellenheer über. Den Rüdzug des Iebteren machte ic) mit und 
gelangte mit den Truppen nad) Nanling hinein. Bon da aus ging ih nad) 
Schanghai. Dort erlebte ic) wie auf einem Zheater die Kämpfe um die Wufung- 
Forts und bie große „Schladt” in der Nähe von Schanghai bei Kiangmwan. 
Davon ein andermal. Ym Anflug nahm mich unfer tapferer Admiral Graf 
Spee auf feinem ruhmbededten Flagefhiff Scharnhorit mit nad Zfingtau, von 
wo aus ih nad Peking zurüdtehrte. 

Es war Herbft geworden. Wiederum batte ich die Ehre, den Präfidenten 
zu fehen. Sunpautfdht war mittlerweile Minifterpräfident und Minifter des 
Äußeren geworden. Er blieb mir immer bderfelbe liebenswäürbige Freund und 
Gönner. 9 fragte bei ihm an, ob ich dem Präfidenten vorgeftellt werben 
könne, da ich beabfidhtigte, nad der Heimat zurüdzufehren. Meine Bitte wurde 
mir fofort gewährt, und fo fah ich den großen Mann vor etwas mehr als 
zwei Sahren in feinem Palaft, den ich ja aus der Zeit der Borermirren von 
1900 ber genau fannte.e Yuan empfing mid) ganz allein, nur Sunpautict 
war zugegen. Yuanfhilai trug ein einfaches rohfeidenes hineftfches Kleid. Er 
fah gut gepflegt aus. Das Haar war ganz grau geworden. Der fonft jo 
bufchige Schnurrbart war etwas dünner. Das Geficht zeigte nicht mehr die- 
jelben gebieterifchen trogigen Züge. Ih Hatte den Eindrud, daß es weicher 
geworben war. E3 hatte etwas Gemwinnende in feinem Ausdrud. Wieder waren 
e8 die Augen, bie fofort feffelten. Wer diejes Geficht gejehen bat, der wird 
e8 nicht vergefien. Wir unterhielten uns in volllommen freier Weife. Die 
große Politit wurde nicht berührt, abjihtlich nit, denn es war ja eine Privat« 


154 Der neue Sohn des Bimmels 





audienz. Ach wollte die hohe Auszeichnung, die darin lag, daß er mich allein 
und fofort auf meine Bitte bin empfangen hatte, nicht mißbrauden. Der 
Präfident fchenkte mir, als ich mich verabfchiedete, fein großes Bild in der neuen 
Paradeuniform. 

Zwei Jahre find feitdem verfloffen. Mehr und mehr hat es Yuanidilai 
verftanden, die Macht in feiner Hand zu zentralifieren. Der Weltkrieg ift für 
China nicht eine derartige Duelle des Übels geworden, wie er e8 für das alte 
- Europa tft. Die ftetS eiferfüchtigen Großmädte haben einen anderen Ab- 
lenfungspunft für ihre Machtgelüfte belommen. China hatte Zeit zur Rube, 
Zeit fih zu fammeln. Yuanfchilat hat diefe Zeit genugt. Nur feine alten 
Feinde und Neider, die Japaner, bemühen fi) nad Kräften, feine Sreife zu 
ftören. Den Japaneın ift nur daran gelegen, China zu fhwächen, China nicht 
groß und einig werden zu laffen. 8 ift ein emwiges bdiplomatifches Ringen. 
Die Antrige, Hab, Neid, find wohl nirgends fo tätig, wie dort draußen, in 
der Maste des glatten Jächelnden Gefichtes, mit dem der Drientale auch noch 
in den Tod gebt. Das Land — dur) eine grenzenlofe Mikmwirtfchaft erihöpft 
und zerrüttet durch die Revolutionen — fehnt fi) nad Ruhe. China befinnt 
fi auf die Grundlagen feiner Kraft, die im patriarchalifhen Syftem liegen. 
E3 ift eine Naturnotwendigfeit, wie in leinem anderen Lande auf Erben, daß 
diefes große Volk etwas befikt, woran e8 glauben fann, einen Dann, welder 
dem ganzen Volle ein Bater if. Das Bolt hängt an dem Kult feiner Ahnen. 
E3 glaubt an die Macht des Himmel! und der Erde. Das Boll fudht einen 
Mittler zwifchen fi, . dem niederen Erbgeborenen und dem Überfinnlihen — 
von dem es nichts weiß — dem Himmel. Wer Tönnte dies befier fein, als 
ber Stärkite, ber zudem noch ein wahrer Sohn ber dhinefiichen Erde tft, den 
das Land felbit hervorgebradit hat, der nit von fremdem Stamme ift — 
Yuanfilail Die Herrihaft der Iandfremd gebliebenen Mandihus hatte das 
Land fatt. 

Yuanfdilat wird der neue Hoangtt, der Gelbe, jein. Er ift es in diejen 
Tagen geworden. Wir Kinder des Mbendlandes nennen ihn einen neuen 
Kaifer. Diefer Begriff ift den Dftafiaten weniger geläufig. Yür fie ift er eben 
der Tientfe — der neue Sohn des Himmelß. 


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Wie fam $ranfreich zu Lothringen und dem Eljaß? 


Don Profeflor Dr. Earl Srante 


a thundertfiebzig war im Vertrag zu Merjen, der Deutichland 
© und Frankreich im mefentlihen nad der Spradigrenze fhied*), 
Lothringen, das ſeinen Namen von dem Karolinger Lothar dem 
ji ER 4 Zweiten belommen batte, als fünftes Herzogtum an Deutfchland 
a ie gefallen, desgleichen auch das Elfaß, das zum Herzogtum Schwaben 
fam. Schon 959 ward Lothringen in die Herzogtümer Nieder- und Uber- 
lotbringen zerlegt. Da aber erfteres fich fpäter in einer Reihe von reiche- 
unmittelbaren Sleinftaaten auflöfte, fo ging fein Name verloren”*), und Dber- 
Iothringen warb nun fhleddtweg Lothringen genannt. Seine Weftgrenze Tief 
von der Duelle der Maas an zunächft zmifchen diefer und der Marne, dann 
zwifchen Iebterer und der Aisne faft bis Mtezieres, die Nordgrenze ein wenig 
füblih von Boutllon und nörblid) von Prüm bi8 Hammerftein bei Andernach, 
die Dftgrenze zunächft am Rhein faft bis Rüdesheim, dann über den Hunsrüd 
und die Vogejen bi8 etwas füdlih von der Mofelquelle, die Südgrenze von 
biefem Bunft bis etwas nörbli der Saar- und der Mantquele. Demnad 
umfaßte das Herzogtum Lolhringen im fpäteren Sinne (Oberlothringen oder 
Herzogtum an der Mofel) das heutige deutfche und franzöfifcehe Lothringen, die 
füdmweftlide Nheinpfalz bis Pirmafens, das füdliche Drittel der Nheinprovinz, 
fowie da8 Herzogtum und das belgifhe Luremburg, abgejehen von dem nörd- 
lihen Biertel. Aber die Hohenftaufen Jöften von Lothringen die Grafichaft 
Zuremburg los und bas öftlich davon gelegene Gebiet, das zu Kurtrier lam; 
im vierzehnten Jahrhundert waren au Met, Toul und Berdun und deren 
Umgebung reidh’gunmittelbar geworben, fodaß Lothringens Macht jehr gefhmwächt 
wor. Dazu lam, daß in diefem hochdeutfch fprechenden Lande der Abel feit 
dem zwölften S$ahrhundert immer mehr die franzöfifhe Sprade annahm; fo 
änderte er den hochdeutfhen Namen Lügelburg —= lleine Burg in die franzöfifche 






*), Do am alles Land weftlich der Schelde an Frankreich, wiewohl vlämiſch, alſo nieder⸗ 
deutih, noch jet in Belgifch-Flandern durchweg und in dem franzöfiihen Flandern jowie Artrecht 
(Artoiß) von 150000 Seelen geiproden wird, während fhon damals in Weftlothringen eine 
Minderheit wallonifch oder franzöfifh [pradh. Berg. hier 74. Jahrg. Nr. 89 ©. 411. 

“®) Bergleiche hier 74. Jahrgang der Grenzboten Nr. 6 ©. 171—172. „Die Stellung 
Belgiend zum alten Neihe” von &. Bornhat. 


156 Wie fam Srankreih zu Lothringen und dem Elfaß? 


Horm Luremburg um. Sein Wunder, daß alles dies bei dem erjtarfenden 
Frankreich Eroberungsgelüſte erweckte. 

Die erſte Gelegenheit zu deren Befriedigung boten die deutſchen Religions⸗ 
kriege des ſechzehnten und fiebzehnten Jahrhunderts, in denen das katholiſche 
Frankreich die Proteſtanten gegen den katholiſchen Kaiſer unterſtützte; denn dort 
überwogen, anders als damals bei uns, die politiſchen die religiöſen Intereſſen. 
1552 verbündete fi der franzöfifche König Heinrich der Zweite heimlich gegen 
KRaifer Karl den Fünften mit dem Kurfürften Mori von Sachjfen, der jenem 
geitattete, die Neichsftädte Me, Toul und Verdun mit Vorbehalt der Rechte 
des Neichs zu befehen. Während nun ber Saifer von Morig angegriffen 
wurde, eroberte der franzöfiihe König diefe drei Neichsftäbte und fügte fo 
einen Zeil des weltlichen Zothringens zwar nicht rechtlich, aber tatfächlich zu 
Frankreich. 

Im dreißigjährigen Kriege bot Frankreich dem König von Schweden Hilfs⸗ 
gelder an, um ihn zum Kampf gegen den Kaiſer zu veranlaſſen. Auch Bern⸗ 
hard von Weimar zahlte es jährlich vier Millionen Franken, damit er für ſich 
das Elſaß eroberte. Außerdem beteiligte ſich Frankreich von 1634 an mit einem 
eigenen Heer am Krieg gegen den Kaiſer. Nach dem Tode Bernhards von 
Weimar nahm es auch deſſen nur aus Deutſchen beſtehendes Heer in Sold, 
um ſich die von dieſem im Elſaß gemachten Eroberungen anzueignen. Tat⸗ 
ſächlich erhielt Frankreich im Weſtfäliſchen Frieden 1648 für die den Proteſtanten 
geleiſtete Hilfe etwa ein Viertel von dieſem deutſchen Lande, nämlich den 
Sundgau und die Gegend um Hagenau ſowie die Landvogtei über zehn elſäſſiſche 
Reichsſtädte und Reichsdörfer, während alle anderen reichſsunmittelbaren Gebiete 
im Elſaß dem Reiche allein unterſtellt blieben. Außerdem wurden ihm die 
Städte und Bistümer Metz, Toul und Verdun nun auch förmlich zugeſprochen. 

Schon während des Krieges gegen Holland (1672—78) hatte Ludwig der 
Vierzehnte die elfäffiichen Reicheftäbte Hagenau, Weißenburg, Landau, Uber 
ebenheim, Roßheim, Münfter, Kaifersberg und Zürfheim befeten laffen, und 
1679 trat das Deutfhe Reich im Frieden zu Nymmegey fämtlidhe zehn elfäffifche 
Reichsftäbte und Neichspörfer an Frankreich ab, über die diefes jchon 1648 die 
Landoogtei befommen hatte. Um die Befigungen Franfreihs in Lothringen 
und Elfaß weiter zu vermehren, griff Ludwig nun zu dem Mittel der offen- 
baren NRecdhtsverdrehfung und Verlegung des Weftfälifchen Friedens nicht bloß 
dem Sinne, fondern auch dem Wortlaute nad. Er errichtete Reunionstammern, 
bie feitzuftellen hatten, welche Gebiete zu irgendeiner Zeit zu den 1648 und 
1679 an Frankreich gefallenen gehört hatten, und nahm fie dann gemaltjam 
in Befig. Die gefamte NReichsritterfhaft des Elfaß zwang er zur Huldigung, 
wiewohl im Weftfälifchen Frieden ausprädlich beftimmt war, daß die reich$- 
unnıtttelbaren Herrf&haften, Abteien und Bistümer fomie die Reichsftadt Straß- 
burg dem Reiche allein unterjtellt bleiben follten. Hinfichtlich diefer Stadt ließ 
fi nicht einmal ein Scheingrund finden. Da erflärte Ludwig, dur den 


Wie fam Frankreich zu Lothringen und dem Elfaß? 157 


Triedensihluß von Münfter fei ihm das Elfah abgetreten, und durch den von 
Nymmwegen der Beflb beftätigt worden, zu dem Elfaß aber gehöre Straßburg, 
und fandte 1681 plößlich ein Heer gegen diefes, das vom Reiche im Stiche 
gelafien, dem franzöfifhen Räuber feine Tore öffnete. Der den Pfälzer Raub- 
frieg (1688— 97) beendende Friede zu Nysmijl fprad) Frankreich diefe Reunionen 
im Elfaß fowie Saarlouis keineswegs zu; doch blieb es in deſſen Befit. Ab⸗ 
gejehen von einigen Heinen dem Neiche verbleibenden Enflaven: Müblhaujen, 
Srafihaft Salm, Saarwerden, war diefem nun ganz Elfaß entrifjen. 

Das Herzogtum Lothringen erlangte Ludwig der Fünfzehnte von Frankreich 
durch betrügerifhen Schader. Der KHaifer Karl der Sechste hatte dur Die 
pragmatifde Sanltion das Habsburger Hausgefeb dahin ungeändert, daß nad 
feinem Zode die öfterreihifchen Erblande ungeteilt an fein einziges Kind Dtaria 
Zherefia fallen folten. Frankreich erlannte 1738 die pragmatiihe Santtion 
unter der Bedingung an, daß Maria Xherefind Gemahl, der Herzog von 
Lotbringen, gegen Zoslana fein angeftammtes Herzogtum vertaufchte, welches 
an Stanislaus Lesczinsti und nad) deifen Tode an feinen Schwiegerfohn 
Ludivig den Fünfzehnten von Frankreich Tommen folte. Diefer aber unterftügte 
trog feiner Anerlennung der pragmatifchen Canltion und des vollgogenen 
Zaufches 1740—48 im dfterreihifchen Erbfolgelriege Karl Albrecht von Bayern 
mit Heeresmadt gegen Maria Therefla, brach aljo den Bertrag; doch erbte er 
gleichwohl 1766 nad feines Schwiegervater Tode Lothringen. Nur das Tleine 
Kridingen verblieb Deutfchland als Enflave. 

Da 1792 der Raifer Franz der Zweite von Frankreih die Wieder- 
berftellung einer geordneten monardhifchen Regierung und aller lehensherrlichen 
Rechte, welche deutfche Fürjten im Elfaß und in Lothringen befaßen, verlangte, 
fo erflärte jenes den Krieg. An diefem eroberte es den Reft der Iinfärheinifchen 
Gebiete Deutfhlands. Das war die erjte und einzige Eroberung, die e8 auf 
deutfchem Boden ohne deutiche Hilfe in einem ehrlichen Kriege madte. 1795 
willigte Preußen in dem Sonderfrieden zu Bafel, 1797 Öfterreich in dem zu 
Sampo Formio und 1801 das Deutfche Reich in dem von Luneville in die 
Abtretung des Linfen Nheinufers an Frankreich. Somit war nun ganz Ober⸗ 
Lothringen und Elſaß an dieſes gekommen. 

Zwar wurden beide Länder ſchon 1814 im großen Befreiungskriege von 
den deutſchen Waffen mwiedererobert, aber ihre Rüdgabe an Deutichland hinter- 
trieben England und Rußland, unjere damaligen Berbündeten. m erjten 
Barijer Frieden ward Frankreih auf die Grenzen vom 1. Sanuar 1792 be- 
Ihräntt, aber nur im wejentliden, denn es bebielt die damaligen deutfchen 
Enllaven in Lothringen und im Elfaß. Erjt 1815 mußte e8 im zweiten Parifer 
Frieden menigftens Saarlouis und Saarbrüden mit Umgebung an Preußen 
und Landau an Bayern abtreten. Bitter enttäufcht mar danıal3 das deutiche 
Boll, das mindeitens die Wiedergemwinnung des im Kerne beutjch gebliebenen 
Elfaffes und der Feftungen der Mofel und Maus erhofft hatte. 


158 Wie Fam Stanfreih zu Lothringen und dem Elfaß? 


Die Berwelfdung des Abels hatte ben Verluft Lothringens vorbereitet. 
MWiewohl diefes 1815 bei Sranfreich verblieb, trat hier doc) im 19. Jahrhundert 
eine jenem Borgange entgegengefebte Bewegung ein: es bildete fi in den 
franzöftfh Ipredhenden wejftlothringiihden Städten infolge von Einwanderung 
aus Deutfchland eine allmählich wachfende deutfchredende Minderheit. In Mep 
beitand eine foldhe don vor 1870, und 1900 zählte Nancy etwa foviel deutfche 
Einwohner wie Me 1870. Sicherlich ift das eine politiih in Rechnung zu 
ſtellende Erſcheinung. 

Doch auch in Frankreich blieb das Verlangen nach dem Beſitz des ganzen 
linlken Rheinufers rege und war einer der Gründe des Krieges von 1870 und 71, 
den Frankreich an Preußen eiklärt hatte. Wiederum erſtürmten deutſche 
Truppen des Elſaß' und Lothringens Berge und Feſtungen, und wiederum 
forderte das deutſche Volk die Einverleibung dieſer alten Reichslande in das 
neu errichtete Deutſche Reiich. Doch es hatte vergeſſen, wie weit ſich einft 
Lothringen nach Weſten erſtreckte, und daß Frankreich ſo lange ein friedlicher 
Nachbar geweſen war, als die Argonnen und die Weſtoogeſen es von Deutſchland 
ſchieden. Die deutſche Regierung hatte Bedenken, dieſem mehrere Millionen 
verwelſchter Lothringer einzuverleiben, befürchtete auch eine Friedensvermittlung 
durch England und Rußland bei längerer Verſchleppung der Friedensverhand⸗ 
lungen. Vom 1. und 2. Pariſer Frieden her wußte ſie aber, was dieſe für 
Deutſchland zu bedeuten hatte. Daher ſtellte ſie hinſichtlich des abzutretenden 
Gebietes äußerſt mäßige Friedensbedingungen, zu deren Grundlage ſie in erſter 
Linie die Sprachgrenze und erſt in zweiter den Grenzſchutz machte. Bismarck 
forderte daher zunächſt in der Friedensunterhandlung zu Verſailles ganz Elſaß 
und das nordöſtliche deutſch ſprechende Lothringen, von dem daran ſtoßenden 
mittleren, wo das Sranzöfifche herriähte, aber nur Me mit Umgebung. Sclieh- 
ih fah er auch unter Moltfes Billigung von der überwiegend franzöfifch 
redenden Südweftede des Elfaß mit Belfort ab. So hatte denn Frankreich 
nur 14513 Quadratfilometer mit 1!/, Million Ginwohner an das Deutide 
Neich abzutreten. Don diefen waren nur 200 000 franzöfifher Zunge. Den 
Neutralen, die bieran Anftoß nehmen, ift zu ermwidern, daß TDeutiland in 
Artois und Franzöfifch-Flandern faft ebenfoviel Niederbeutihe unter Frankreichs 
Herrihaft und zwar gegen beren Willen ließ. CS hat daher nicht mehr fran- 
zöftfehe Untertanen zu deutſchen gemadt, als ihm die Spradhgrenze aumwies. 
Das 1871 Frankreich” wieder abgenommene Gebiet ift aber nur zum aller- 
Heiniten Zeil von deffen eigenem Heere erobert worden, und zwar aud) dann 
nur im Bunde mit deutfehen Fürften, zu einem größeren von deutjchen Zruppen; 
einen anderen hat es betrügerifch erfchachert, die Hälfte teils mit, teils ohne 
Scheingrund mitten im Frieden geraubt. Etwa zwei Drittel des und entriffenen 
Lothringens und Elfaß’ gehören ihm jcht noch, und darin liegt die alte Hauptftadt von 
jenem Herzogtum Nanzig (Nanzy), die alten Reichsftädte Toul und Berbun 
fowie die neue ftarle Vogefenfefte Belfort. Anftatt aber für Deutichlands 


Maͤrkiſche Reiter 159 
Mäßigung beim Friedensichluß dankbar zu fein, bat Frantrei 43 Jahre lang 
fih als gefränkte Unfchuld aufgefpielt, hat es die Zurücdinahme eines Drittels 
von dem ung Entriffenen als himmeljchreiendes Unrecht bingeitellt, hat e3 dur 
Yalldung der Geihhichte im Unterricht feine Yugend zu Nevandhefchreiern er- 
zogen, indem e3 uns, die e8-während 31/, Jahrhunderte mit Raubfriegen 
überzog, als ein Eroberervolf Tennzeichnete, hat es fi mit dem auf Europas 
Unterjodung finnenden Rußland und dem die Freiheit der ‘Dieere bedrohenden 
England verbündet, hat feine Preffe in der Zerftüdelung Deutfchlands mit der 
Feder jelbit die diefer zwei anderen großen Welträuber überboten. Ohne beren 
Schuld an dem jebigen Kriege verringern zu wollen, muß daher betont werben, 
daß beffen erfte Urfache der Zeit nad Franfreihs Nevandeluft tft. 





Märkiſche Reiter 


Piſtole und Pallaſch und Lanze und Sporn, 

Vier Hufe, die ſturmſchnell fliegen, 

Die heil'ge Standarte als Führerin vorn, 

Im Herzen nur Haß, in den Fäuſten nur Zorn ... 
Was brauchen wir mehr noch zum ſiegen? 

Blas auf zur Attade, hellſchmetterndes Horn! 

Wir folgen dir willig dur Didiht und Dorn, 
Mag’8 breden und beriten und biegen. 

Der Feind fol uns doch unterliegen! 


Was madt’s, ob wir Hölifh umbrüllt und umbrauft 
Bon donnernden Schladhtengemwittern, 

Db lüftern der Tod uns umgrinft und umgrauft, 

Db Wetter und Wind uns die Wirbel zauft, 
Granaten uns bagelnd umifplittern: 

Solange noch trukig in nerviger Fauft 

Die Lanze fi reckt und der Pallaſch ſauſt, 

Soll keinem verzagendes Zittern 

Die Luſt und die Laune verbittern! 


Voll Ungeduld tänzelt mein Rappe und bäumt 
Sich fröhlich im Sonnenglanze. 


160 Märfifhe Reiter 


€3 funfelt fein Auge, er wiehert und fchäumt 

‘m blanfen Gebiffe, gar feftlich gezäumt, 

Als ging’s zu Zumier oder Tanze. 

Drum vorwärts Kam’raden! Nicht länger gefäumt | 
Die Stunde ift da, die wir fehnend geträumt! 
Schon rantt fi zu blühendem Kranze 

Der Lorbeer um Lode und Lanze 


Schon want unfrer Feinde gebredhliche Reid’, 

Ein Häuflein verzweifelter Streiter! 

Was nutt der Kanonen verftedtes Gejpei? 

Die Lanzen gefällt und die Klingen freil 

Nur vorwärts, der Himmel hilft weiter. 

Und trifft uns die Kugel und bafcht uns das Blei, 
Mir fterben mit röchelndem Hurrafchrei 

Gelafjien und furdhtlos und beiter 


Als deutiche, als märliihe Reiter... . 
NRoderih Ley 


Allen Manuflripten ift Borto Hinzuzufügen, da andernfalls bei Ablehnung eine Nädfendung 
nicht verbärgt werben laun. 


Nachdruck ſanttlicher Aufſaͤtze nur mit ausdrücklicher Erlaubnis bes Berlags geftattet. 
Berantwertlig: ber Herausgeber Beorg Cleinow in Berlin⸗VLichterfelde Weſt. — Manuſtriptſendungen und 
Briefe werden erbeten unter der Abreſſe: 

Un den Herausgeber der Grenzboten in Berlin⸗ Lichterfelde Weſt, Sternſtraße 86. 

Bernfpreiger bes ae Amt Bichtesfelde 498, des Berlags und der Schriftleitung: Amt Sügom 6510. 
Berlag: Berlag der Srengboten &. m. 5. $. in Berlin SW 11, Xempelhofer lfer 86a 
Dind: „Der Neigäbste” ©. m. 5. 9. in Berlin SW 11, Deflauss Etrabe 88/37. 


Dir Sitten die Freunde der x: x: 


Grenzboten 


das Abonnement zum I. Quartal 1916 


erneuern zu wollen. — Beftellungen Derlag ber 


nimmt jede Buchhandlung und jede — um. 


Poftanftalt entgegen. Preis 6 M. Berlin SW ıı. 





= |. DER En ee Sa 


— — 


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Aurch unſere Tagespreſſe ſind vielfach einzelne Fälle bekannt ge— 
—Avworden, aus denen hervorgeht, wie von den neutralen Staaten 
beſonders Holland als Werkzeug der engliſchen Aushungerungs— 
politik benutzt wird. Es iſt daher vielleicht nicht ohne Intereſſe, 
im einzelnen zu verfolgen, in welcher Weiſe dieſer engliſche Druck 
ausgeübt worden iſt, und wie er immer ſchwerer auf Holland laſtet. 

Was England vor allem anſtrebte war, die Durchfuhr von überſeeiſchen 
Waren durch Holland nach Deutſchland ſo weit wie irgend möglich zu ver— 
hindern. Dem ſtand jedoch entgegen, daß Holland feine Durchfuhrverbote er- 
lafjen wollte, teil$, weil dadurch die Neutralität zu offenkundig verlegt worden 
wäre, teil3, weil Holland durch die Rheinfchiffahrtsakte zur Geitattung der freien 
Durhfuhr verpflichtet if. ES blieb alfo nur der Weg übrig, daß Holland Die 
Durhfuhr überfeeifher Erzeugnifje zwar unbehelligt ließ, aber die Ausfuhr 
berjelben verbot. Ein foldhes Ausfuhrverbot mußte dann der Natur der Sache 
nad einfeitig gegen Deutijchland wirken, da Deutjchland im Gegenjag zu Eng- 
land diefe Waren nicht felbjt über See beziehen konnte, jondern dafür auf die 
Vermittlung neutraler Länder, insbejondere Hollands, angewiefen war. Daher 
bat England immer wieder auf den Erlaß folder Ausfuhrverbote gedrungen, 
und Holland hat eine große Menge derjelben ergeben lafjen. Nun ift allerdings 
zu beadten, daß die niederländifchen Ausfuhrverbote fi nicht durchweg auf 
überfeeifche Produfte beziehen (wie 3.8. Baummwolle, Olfaaten, Getreide ufw.), 
fondern aud auf die eigenen Erzeugnifje Hollands (mie Butter, Käfe, Schweine- 
fleifh), auf die Produkte des Hinterlandes, insbefondere Deutfchlands (mie Zint, 
Salz, Kali, Kohlen, Teerfarben) und jchließli auf Kriegsbedarf (wie Pferde, 
Automobile, Leder ufw.). ndeflen find die Verbote für überjeeifhe Produlte, 
auf die fi die Abfperrungspolitif Englands vor allem richtet, bei weiten Die 
zahlreihiten. In gemiffen Sinne find auch die anderen Berbote alle oder Doc) 

Grenzboten I 1916 11 





162 Holland und der englifhe Wirtfchaftsfrieg 


beinahe alle auf England zurüdzuführen. Denn, wenn England den See- 
verfehr ganz freigegeben hätte, fo würde Holland feine Grenzen vermutlich offen 
gelafien haben, weil e8 damit rechnen Tonnte, feine Vorräte jederzeit auffüllen 
zu Tönnen. 

m Anfang des Srieges wurden faft nur folhe Ausfubrverbote erlafien, 
die den Zwed hatten, die bolländifhe Mobilmahung zu fihern.. Das Gefek 
vom 3. Auguft 1914, das die Grundlage für alle fpäter ergangenen Ausfuhr- 
verbote bildet, war urjprüngli nur für Kriegsbedürfniffe berechnet, wenn diefe 
auch nicht ausdrüdlich genannt waren. Sehr bald madte fi aber dann der 
Einfluß Englands fühldar. Die daraufhin ergangenen Ausfuhrverbote hatten 
mit der Mobilmadung nichts mehr zu tun, fondern waren ganz offenkundig 
dazu beftimmt, im Dienfte des englifden MWirtfchaftsfrieges Deutfchland von 
überfeeif den Erzeugniffen auszufchließen. rft fpäter traten daneben hin und 
wieder aud) Ausfubrverbote auf, die deutfche oder holländifche Erzeugniffe be= 
trafen. Doch blieben nach wie vor die überfeeifchen bei weitem im Übergewidt. 

Sieht man von den Ausfuhrverboten des Auguft 1914 ab, bei denen, wie 
erwähnt, da8 militärifche Antereffe Holands vor allem maßgebend war, fo 

wurde unterfagt unter anderem: 


im September 1914 die Ausfuhr von Baummwollgarn, Häuten, Schwefel- 


fäure, Neis, Mais, allen Erzeugniffen aus Hafer, Weizen, Spelt, Roggen, 
Gerfte, Buchweizen und Mais, von Leinfaat, anderen Olfaaten und Vlfuchen, 

im Dltober 1914 von Kupfer, Schaffellen, Wolle, Wollgarn, verfchiedenen 
MWollwaren, Yute und Yutemwaren, Säden, Leinengarn, Petroleum, Blei, 

im November 1914 von weiteren Wollmaren, von Bleilegierungen, toben 
Ralaobohnen, Ehilifalpeter, Gerbftoffen, Gerbertraften, Sped, Schmalz, Knochen, 
PByrit, Gasöl, Benzin, Kupferlegierungen und jchwefelfaurem Ammonial, 

im Dezember 1914 von wollenen Lappen und balbwollenen Waren, 

im Yanuar 1915 von wollenen Deden, Vafeline, Guano, Superphosphat 
Harz und Zerpentin, 

im Februar 1915 von Kupfervitriol, Kupferoryd, Fahrradreifen und Rüböl, 

im März 1915 von Kupferwaren, Lederwaren (Leder war von Anfang an 
verboten), Fleifchlonferven, Kafaopafte, Kalaomafje, Bleiröhren, Gummiabfall, 

im April 1915 von weicher Seife, Nidel und Nidelmaren, Robphosphaten, 

im Juni 1915 von allen tierifden Fetten und Mifhungen davon mit 
Pflanzenfetten, fowie von Rohbaummolle (deren Ausfuhr |chon früher verboten, 
jedoch zeitweilig wieder gejtattet worden war), 

im Juli 1915 von Schelad und Nußbaumbolz, 

im September 1915 von Werggarm, 

im Dftober 1915 von Zinn, allen Arten von Speifeölen unb Speifefetten 
(einfhließlih Kalaobutter) fowie von Leinöl und Flachs, 

im November 1915 von Zinnmwaren und Zinnlegterungen, feiter Seife, 
Anttmon- und Flahsabfall, 


4 ar rn |. * 


Holland und der englifhde Wirtfchaftstrieg 163 


im Dezember 1915 von Graphit, Glycerin und Türkifh Rotöl, 

im Januar 1916 von Hanf, Baummwoll- und Leinenlumpen, Stearin. 

Tajt alle diefe Ausfuhrverbote find, wie bemerkt, in ihrer Wirkung nur 
gegen Deutfchland gerichtet. Die meiften betreffen Waren, die England fi) 
jederzeit, Deutihland aber augenblidlih nur mit großen Schwierigleiten ver- 
Ihaffen kann. 

England bat fih aber nicht damit begnügt, Holland diefe Ausfuhrverbote 
aufzuzwingen, fondern es überwacht aud deren Durdführung mit ftetS zu- 
nehmender Schärfe. 

Sp wurde am 25. September 1914 die ganze Rorb-Dftgrenze Holland3 
vom Rhein bis zum Meer in Belagerungszuftand erflärtt. Diefe Maßnahme 
hatte feine militärifden Gründe, fondern ledigli den Zwed, die Durdhfuhr 
nah Deutfhhland zu erfehweren. Kurz, ebe das Verbot erging, war der da- 
malige Handelsminifter, jebige Yinanzminifter Treub, in London gemejen. 

Ende Dftober folgte dann eine Verfügung der bolländifhen Regierung, 
worin die Bedingungen der Durchfuhr, die, wie erwähnt, vertragsmäßig frei- 
zulaffen war, derart verflaufuliert wurden, daß von einer freien Durchfuhr, 
die ohnehin fon fo gut wie aufgehört hatte, nur noch dem Namen nad) die 
Nede fein Tonnte. 

Der Hauptihlag Englands gegen den beutfhen Handel erfolgte dann im 
November 1914 mittel8 der Gründung ber Nederlandfchen Dverzee Truft Mant- 
{Happy (R.D.T.), die am 24. November 1914, im Haag errichtet wurde und 
ihre Tätigkeit im Januar 1915 aufnahm. An der Spite der Gefellihaft fteht 
Herr van Aalft, der Präfident der Nederlandfhen Handels Maatihappy. Gr. 
fowohl wie feine Mitgründer find Niederländer und arbeiten, wie fie jagen 
und — wie wir gerne annehmen wollen — aud) glauben, lediglih im bol- 
ländifchen Intereffe. In Wirklichkeit wurde der N.D.T. fehr bald ein Werl. 
zeug Englands, das ihn als Mittel zur Durchführung des englifhen Aus», 
hungerungsplanes zu benugen gedadte. An fi fchien die Gründung ganz 
harmlos, wie e8 ja England — Meifter in Heuchelei jeder Art — überhaupt 
verfteht, weitgreifende Abfichten mit einer unauffäligen und unfcheinbaren Form 
zu umlleiden. Gngland erklärte lediglich, eS fei gerne bereit, Waren, die wirklich 
für Holland beftimmt feien und dort verkauft werden follten, durchzulaſſen. 
Nur fei es zu umftändlid, von jedem der vielen Befteller einzeln die Bapicre 
nachzuprũfen. E83 fei daher erwünfct, eine Zwifcheninftanz zu jhaffen, Die biefe 
Kontrolle übernehme und ber engliiden Regierung eine Gewähr dafür biete, 
daß die Ware wirklih im Lande verbleibe. Die an diefe Zwifcheninftanz kon⸗ 
fignierten Güter werde England dann ohne weiteres durdhlaffen. Anfangs 
wollte die Niederländifhe Negierung felbft fih dazu verjtehen, in gemifjen 
Fällen diefe Bermittlerrolle zu fpielen und überfeeifhe Waren für Private in 
&mpfang zu nehmen. Sie wäre aber dadurch früher oder jpäter in eine 
A&ywierige Lage gegenüber ber englifchen Regierung gelommen und begrüßte 

11* 


164 _ Holland und der englifhe Wirtfchaftstrieg 


baber die Gründung des N.D.T. als einen milllommenen Ausweg. Denn 
eine private Gefellfchaft konnte fi) mehr von England bieten lafien, und das 
Abhängigkeitsverhältnis trat nach außen nicht fo deutlich in die Ericheinung. 

Hätte freilich die holländifche Regierung vorausgefehen, wie fidh die Dinge 
entwideln würden, fo würde fie fi) doch vielleiht befonnen haben, einen fo 
folgenfhweren Schritt zu tun. Der R.D.T. tft von Tag zu Tag mehr unter 
englifhen Einfluß geraten und andererfeits in Holland immer mädjtiger ge» 
worden. Der bolländifchen Regierung find die Zügel entglitten, fie ift längit 
nicht mehr Herrin im eigenen Haufe, fondern die Beitimmung über Wohl und 
Wehe des ganzen Üüberfeeifchen Handels und des größten Teils des Landhandels 
liegt jebt in den Händen des N.D.T. oder, was dasjelbe jagen will, Englands. 

Einen weiteren wichtigen Schritt zur Abfehliegung Deutfchlands tat England 
Mitte April 1915, indem es den Niederländifchen Reedereien verbot, Erzeugniffe 
Deutihlands oder jeiner Verbündeten zu verfhiffen, außer in ganz wenigen 
von England ausdrüdlic zugeitandenen Ausnahmefällen. Hierdurch) wurde die 
Ausfuhr aus Deutihland in vderfelben Weife Tabmgelegt, wie früher die 
Einfuhr dorthin. 

Sm Auguit 1915 wurden eine Reihe von Dlaßnahmen getroffen, die 
bezwecten, Deutichland die Zufuhr von ett abzufchneiden. Die Ausfuhr von 
Dien und Fetten aus Holland war damals nod) erlaubt, das Verbot erfolgte 
erit im Dftober. Da die Fette aber faft alle über See kommen, mußten fie 
an den N.D.T. lonfigniert werden, der die Gewähr dafür übernahm, daß fie 
weder unverarbeitet, noch verarbeitet nach Deutfchland weiter ausgeführt wurden. 
Um den R.D.T. diefe Kontrolle zu erleichtern, erließ die Holländifche Regierung 
am 7. Auguft 1915 eine Verordnung, wonach alle diefe Ole bei der Ausfuhr 
angemeldet werden mußten. Zugleich errichtete der N.D.T. eine befondere 
Abtellung für efbare Fette und Dle. Hierdurh wurde die Ausfuhr nach 

„Deutihland fo gut wie unmöglich gemadt, während England nad wie vor 
nit nur die Robjtoffe beziehen fonnte, fondern auch die daraus in Holland 
bergeitellte Margarine erbielt. | 

Ym Zufammenhang damit ftand die gleichfalls im Auguft von dver®.D.T. 
eingejegte Kommilfion zur Beaufjihtigung des SKoprahandeld. SKopra ift ein 
wichtiges Produft von Holändiich-Indien, das in Holland größtenteils zu 
Margarine verarbeitet wird. England befchränfte aber ohne weiteres dieſe 
Ausfuhr nah Holland auf ein beitimmtes Kontingent und verbot den niedere 
ländifhden Schhiffabrtsgefelliaften, darüber hinaus Kopra nad Holland zu ver- 
[hiffen. Ebenfo wurde dem N.D.T. unterfagt, mehr als biefes Duantum an 
ih Tonfignieren zu laffen. Ähnlich wie mit Kopra wurde aud) mit anderen 
folonialen Erzeugniffen verfahren, 3. 3. mit Tapiola und Gummi. Holland. 
bat aljo kein Verfügungsrecht mehr über die Erzeugniffe feiner eigenen Stolonien, 
fondern ift für deren Bezug auf die Gnade Englands angemwiefen, das fie ihm 
nur noch in bejähränlten Dofen zumißt. Nur Tabak, Kaffee und Ehinarinde 


Holland und der englifhe Wirtfchaftskrieg 165 


läßt England — bis jegt noch — unbehelligt aus Niederländifch-ndien nad 
Holland dur, und diefe Produkte dürfen daher einftweilen mit englifcher 
Erlaubnis von Holland aud) nad Deutfchland ausgeführt werden. Diefe Aus- 
nabhmejtellung des bolländifchen Kaffees gab im Dftober 1915 Anlaß zu dem 
fogenannten Kralatau-Zwifchenfal. Der Dampfer „Sralatau”, der mit Kaffee 
aus Niederländifh-Indten nad Holland unterwegs war, wurde in England 
angehalten, weil der Verdacht beftand, daß es fi in Wirklichkeit um Brafil- 
laffee handele, der in Java nur umgeladen worden fei. Schließlich) wurde das 
Schiff freigelaffen, aber nur unter der Bedingung, daß der Kaffee an den 
N.D.T. Tonfigniert werde, d.h. alfo, daß er in Holland bleiben müßte. Der 
N.D.T. erriätete darauf eine befondere Kommiffion, um allen aus Nieder- 
ländifch-ndien eingeführten Kaffee auf feine Herkunft zu unterfuchen. 

Mie rüdfichtslos England die holländifhen Kolonialprodulte behandelte, 
zeigte fih ferner auch in der Zinnangelegenheit, die gleichfalls im Dftober 1915 
fpielte. Die bolländiihe Regierung hatte im Austaufh gegen Anilinfarben 
mehrere bundert Blöde Bankazinn nad) Deutichland verfauft. E3 handelte fich 
um NRegierungszinn, d.h. um Ware, die nicht an ven N.D.T. Ionfigniert war, 
fondern die dem Staat gehörte, fhon feit längerer Zeit in Holland mar, und 
über die die holländifche Regierung daher völlig frei verfügen fonnte. Trogdem 
mifhte id England Hinein, indem es einfach) den Dampfer „Rindjani“ mit 
einer neuen Zinnladung fefthielt und erft freigab, nachdem Holland ein Ausfuhr 
verbot für Zinn erlaffen Hatte. In Zukunft läbt England auch das Zinn, 
ebenfo wie die meiften anderen bolländifchen Kolonialprodufte, nur noch in 
genau abgemefjenen, dem bolländifchen eigenen Bedarf entipreddenden Mengen 
nad Holland hinein. 

Alle diefe Nachgiebigleit Hollands genügte England noch nit. In der 
engliiden Brefie tauchte immer von neuem die Behauptung auf, daß Holland 
den Schmuggel nad) Deutihland begünftige. In Holland felbft machte fi das 
befannte deutfchfeindfiche Hebblatt „Zelegraaf”, das gänzlich unter englifchem 
Einfluß ftebt, zum Anwalt diefer Beihuldigungen und Iieß feinen QTag vorbei- 
gehen, ohne in feinen Spalten Fälle von angeblidem Schmuggel ans Licht zu 
ziehen und ftrenge Maßnahmen dagegen zu verlangen. Geftügt hierauf feßte 
England bei der holländifhen Regierung im November 1915 einen Gefeh- 
entwurf Durch, der die Lagerung und die Beförderung von Waren im Grenz- 
gebiet ftarken Beihhränkungen und einer fharfen Aufficht unterwarf. Das Gefep, 
das am 10. Januar 1916 in Kraft getreten ift, zieht gewiffermaßen innerhalb 
Hollands eine zweite Grenzlinie.e Die zmwilchen diefer und ber eigentlichen 
Staatsgrenze lebenden Einwohner erhalten nur foviel Waren, wie fie felbft 
unbedingt nötig haben, damit fie nicht in die Verfuhung fommen, etwas davon 
an Deutichland abzugeben. Diefelbe Tendenz verfolgte eine königliche Ver⸗ 
ordnung vom 4. Dezember 1915, durch die der in Belagerungszuftand befind- 
lie Streifen längs der deutjdd-holländifchen Grenze erheblich verbreitert wurbe. 


166 Bolland und der englifhe Wirtfhaftsfrieg 

Mar hierin fhon ein Eingriff Englands in die innere holländifhhe Ver- 
waltung deutlich erfennbar, fo trat Dies noch) offenkundiger in der Häutefrage hervor, 
bie gleichfalls Ende des Jahres auftaudte. Anfang Dezember 1915 ftellte bie 
bolländifche Regierung an die holländifchen Lederfabrifanten plöglid) das Anfinnen, 
fie follten den Schlädtern 100 000 Häute von in Holland gejchladhtetem Nindvieh 
ablaufen. Wenn fie e8 nicht tun, fo beftehe die Gefahr, daß die überfeeifhe Zufuhr 
von Häuten, Leder und Gerbitoffen abgefchnitten werde. Daß England hinter 
biefem ungewöhnlichen Vorgehen ftand, und dadurch die Ausfuhr der Häute nach 
Deutichland verhindern wollte, wurde von der holländifchen Regierung direkt 
angedeutet. Der Fal zeigt befonders Mar, wie England feine Seemadt dazu 
auszunußen fucht, nicht nur den Handel mit überfeeifhen Einfuhrwaren, fondern 
auf dem Ummege über diefe auch den Handel mit den eigenen Erzeugnijjen 
Hollands in feine Gewalt zu belommen. 3 ijt daher Teineswegs unwahr- 
icheinlich, daß es fpäter feine Hand in gleicher Weije auch nod) auf andere 
Produlte Hollands legen wird. 

Die vorftehende Zufammtenftellung macht auf Vollftändigkeit feinen Anſpruch, 
auch befchräntt fie fih auf den Warenvertehr. ES jet daher nebenher darauf 
bingewiefen, daß England neuerdings auch die Zufuhr von Gold aus den 
Vereinigten Staaten, das nicht an den N. O. T. konſigniert war, abgefähnitien 
bat und daß auch der PBoft- und Baffagierverfehr ähnlihen unberedtigten 
Eingriffen ausgefebt war und immer mehr ausgefett wird. Qirogdem unterwirft 
fi das bolländifche Volk, das doc früher auf feine Freiheit und Unabhängig- 
feit jo ganz befonders ftolz war, diefen fortgefegten Pladereien und Demütigungen 
ohne weiteres. Dabei erntet es nicht einmal den Danf der Alliierten. In 
der franzöfifchen fomohl wie in der englifchen Preile wird den Holländern immer 
wieder der Borwurf gemadit, daß fie Deutichland begünftigten und es wird von 
ihnen verlangt, fie follten den Wünfchen Englands noch weiter entgegenfommen. 
Mt Doch fogar derN.D.T., Englands getreuer Diener, im englifchen Unterhaus 
angegriffen worden. Demgegenüber bleibt Holland dabei, der englifhen Anmaßung 
ftet8 von neuem nachzugeben, und eine Grenze für diefe Nachgiebigfeit ift über- 
haupt nicht abzufehen. Daß Holland fih in einer fchwierigen Lage befindet, 
iit ja ohne weiteres zuzugeben. Cinen Bruch mit England muß e8 ohne Zweifel 
zu vermeiden fuchen. immerhin hätte e3 vermutlich, wenn es von Anfang an 
feinen Standpunft energifch vertreten hätte, wenn nicht einen gänzlich freien 
Berlehr zur See, fo doch immerhin eine beffere Stellung einnehmen fönnen, 
als diejenige, in die es fich jegt gedrängt fieht. Nachdem man fich aber einmal 
auf die fchtefe Bahn der bedingungslofen Nachgiebigleit begeben hat, und inS- 
befondere, naddem man den N.DO.%. bat fo groß werden laffen, daß er 
geradezu die Rolle eines Staates im Staate fpielt, wird e8 für Holland immer 
jhmwerer, eine feite Haltung einzunehmen und weitere Zumutungen Englands 
zurüdzumeifen. Die Furt vor England fheint alle anderen Erwägungen und 
Gefühle aufzumiegen. &3 ift nicht nur die Beforgnis, daß England eines Tages 


Die Sufunft des Dölkerrechts 167 


die überfeeiihe Zufuhr von Robftoffen und Lebensmitteln abfehneiden Tönnte, 
fondern vor allem die Angft für die Kolonien, die England fon einmal vor 
hundert Sabren im Befite gehabt bat, und die jebt außer von England, aud 
noch von Sapan bedroht find. Hat doch der „Xelegraaf”, der häufig das 
ansipriht, was fi) andere Blätter nicht zu jagen getrauen, fich nicht gefcheut, 
feinerzeit der bolländifchen Regierung ganz offen mit der Befehung Javas durd) 
die Sapaner zu drohen, falls die Ausfuhr von Zinn nad) Deutichland nicht 
fofort eingeftellt werde. 


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Die Sufunft des Dölferrechts 


Don Dr. jur. Julius $Sriedrich, Profeffor an den Hölner Bochfchulen 


TAIer Weltkrieg hat die Menfchheit vor neue, bis dahin nicht ge- 
N Weannte, gewaltige Aufgaben geftelt. Es wettelfern in Theorie 
und Praxis ale Berufe, Nationalölonomen und Finanzleute, 
Naturwiflenfhaftler, Techniker und Kaufleute, Theologen und 
Pädagogen, diefen Aufgaben gerecht zu werden. Auch den Juriften 
ift in Sriegs- und Sriegänotgefegen, in der inneren, namentlich der wirtjchaft- 
lihen Verwaltung und in der Verwaltung der befebten feindlichen Gebiete Tein 
Hein Stüd Arbeit zugefallen. Nur ein Zweig der Nedtswilfenihaft fheint 
beifeite zu ftehen, ja feheint faft feine Eriftenzberechtigung verloren zu haben: 
Die Wiffenfchaft vom Völferreht. Der Bonner Hiftorifer Schulte hat Fürzlic) 
geäußert: Das Wölferrecht ift der QTummelplah gelehrter Konftrultionen, die in 
der Praxis unmöglich find. Und Bismard hat einmal gefagt: In der au$- 
wärtigen Bolitit befolge ich feine Grundfäße, fondern ich tue von Fall zu Fall, 
was mir richtig feheint; und ein andermal: Mit juriftiichen Theorien läßt fi) 
feine auswärtige PBolitit treiben. Der Mann der Wifjenfhaft, der Piltorifer, 
und der Mann der Praxis, der Staatsmann, haben damit dem Böllerrecht als 
praltiſcher Wiſſenſchaft das Todesurteil geſprochen. Hat die entſetzliche Praxis 
des Weltkrieges dies Todesurteil vollſtreckk? War es ein Wahn, in dem wir 
lebten, als wir im Völlkerrecht etwas als wirkſam anſahen, das nicht wirkſam 
geweſen iſt? Haben wir mit dem Völkerrecht etwas als vorhanden angenommen, 
das nicht vorhanden war? Ja und nein. Das, was wir Völkerrecht nannten, 
war wirkſame Wirklichkeit; aber es war kein „Völker“⸗Recht und es war kein 
Voölker⸗, Recht“ im ſtrengen Sinne der „Jurisprudenz“. Was war es denn? 
Iſt es noch heute? Wird es in Zukunft ſein? Das ſind die Fragen, die wir 
uns ſtellen wollen. 






168 Die Zufunft des Dölferrects 


Es war kein „Völker“⸗Recht. Das bemeift feine Gefhichtee Das Wöller- 


recht hat eine kurze Geſchichte. Kaum 800 Jahre ift e8 alt, wenn wir von. 


den primitiven Anfängen des Gefandtichaftsrechts, des Kriegsgefangenen- und 
Brertragsrehts in der Römerzeit und im Mittelalter abfehen. Hugo Grotius 
und der Weitfälifhe Frieden haben es geihhaffen. Hugo Grotius in feinem 
Mare liberum, Die Freiheit des Meeres, und in feinem berühmteren Werke 
De jure belli ac pacis, YBom Recht des Krieges und des Friedens. Für ihn 
war das Völlerredht das Net, „quod inter populos aut populorum rectores 
intercedit“, das Recht, welches zwiichen den Völkern und deren Herridern 
gilt. Daher ftammt der Name „Völlerret“. ES war für ihn in erfter Linie 
„Böller"-Necht, in zweiter Linte Völlerrecht vermittelndes Herrſcherrecht. Der 
Art nad war es ihm teils Naturrecht und göttliches Recht, teils menfichliche 
Sitte (mores) und menfhlier Gebrauh (iura tacito pacto introducta). 
Berträge (federa, pactiones, conditiones) erfannte er nicht al8 Völferredhts- 
quellen an. Der Weitfälifhe Frieden bat diefe Gedanken erftmalig praftiih 
ausgebaut, zugleihd aber aud fon die Reinheit der Konftruftion verlafien. 
Er hat die „Freiheit des Meeres“ übernommen, aber auch die deutichen Zerri- 
torien als Staaten, als Wölkerreditsfubjelte anerlannt und damit einer Ent- 
widlung den Weg gebahnt, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts abgefchlofien 
tft: Im Jahre 1797 Tonnte Kant in feinen Metaphyfifchen Anfangsgründen der 
Nectslehre vorfhlagen, den Namen „Völlferret” dur „Stantenredht” zu er- 
fegen.. Und in der Tat fft das Völkerrecht bis dahin immer Staatenrecht 
geweien und ift e8 geblieben bis auf den beutigen Tag. 3 war und ift fein 
Net zwifhen den Völkern, fondern zwifhen den Staaten, ein zmwilchenftaat- 
lies Nedt. Und als die Stantsgewalt mit der Herrichergewalt volllommen 
zufammenfiel, al8 die Herrfäher fagen durften: l’etat c'est moi oder — was 
dasfelbe bedeutet —: Ich bin der erfte Diener des Staates, allerdings der 
erite, wie e8 Friedrich der Große gemeint bat, als das Preupifche Allgemeine 
Landredt die Fülle der Nedte und Pflichten, des Staates in dem OSerhaupt 
des Stantes vereinigte, da wurde das Völkerrecht zum Herrſcherrecht, zum 
Diplomatenredt. Das Völkerrecht hatte die Völker vergeffen. Auch die Stände 
wurben, wo fie noch beftanden, nur zugezogen, wenn die Sache etwas Toftete, 
und man nicht durch die reichägejehlide Bemwilligungspflicht der Stände, wie 
fie der Jüngfte Neihsabichied von 1654 feflgejegt hatte, gededt war. Erft die 
Aufflärer Rouffeau, Wolff und andere, und die franzöfiide Revolution haben 
ja die Bedeutung der Individuen, aus denen fi) der Staat zufammenfett, für 
das Staatsganze unterftrihen. Das war ja auch der Hauptgrund für den 
BZufammenbrud des unter Friedbrid Wilhelm I. und Friedrih dem Großen in 
ftraffer Beamten- und Dffizterszucht fo mächtig empor geblühten Preußen, daß 
man etwas vergefien hatte in der Drganifation von Staat und Gemeinde, von 
Heer und Verwaltung: das Boll. Erft das 19. Jahrhundert hat ja Vollsheer 
und Selbftverwaltung der Gemeinden, VBolfsvertretung und VBollsreht in Preußen 


* 2 ut * = 
% > RE ERLERNTE Sb rn ee n 


Die Zukunft des Dölferrechts 169 


— — — — — — 


geſchaffen. Aber das Völkerrecht hat man wiederum dabei vergeſſen; es blieb, 
was es geweſen war: Herrſcherrecht, Diplomatenrecht. Denn was die konſti⸗ 
tutionellen Verfaſſungen des 19. Jahrhunderts über völlerrechtliche Vertretung 
und völlerrechtlichen Vertragsſchluß enthalten, iſt innerſtaatliches Verfaſſungs⸗ 
und Verwaltungsrecht, Recht der Grundlagen der auswärtigen Verwaltung, 
Staatsrecht, kein Völlerrecht. 

Das Völkerrecht haben alſo die Völker nicht geſchaffen. Es war aber 
auch nicht für ſie beſtimmt. Die es handhabten und fortbildeten, waren 
wiederum die Herrſcher, die Diplomaten. In ſeltenen — und nicht den 
wichtigſten — Faͤllen wurden auch die Parlamente, aber ohne das Recht der 
Initiative und der Abänderung, zugezogen und die wichtigeren Normen wurden 
meiſt Jahre lang vor ihnen mehr oder weniger geheim gehalten, — aus 
Gründen der auswärtigen Politik. Deshalb iſt — nach Anſicht Gneiſts und 
Labands, anderer Anſicht ſind E. Meier, Iellinel, Zorn, Schoen — die Mit- 
wirkung der Parlamente bei völferrechtlihen Verträgen lediglich „Itaatsrecht- 
Iider“ und nicht „völlerrectlicher" Art. Die auswärtige Bolitit beforgten ja 
die Herrfcher, die Diplomaten. 

Damit haben wir den Übergang zur zweiten Thefe gewonnen: Tas 
jogenannte Völlerreht war und tft auch fein WVölfer- „Necht“ im ftrengen Sinne 
der „Surisprudenz“. Nicht, weil es feine Zmangs-, feine Crekutionsinftanz 
für das Völferrecht gibt; denn der phyfildhe, der natürlihe Zwang ift Tein 
Wefenskriterium des Rechts, die meiften Necdhtsnormen werden vielmehr frei- 
willig anerlannt oder au unfreiwillig anerkannt, alfo rein pfychifch erzmungen. 
Und es gibt auch RecdhtSnormen ohne die Möglichkeit der Zwangsvollitredung, — 
die übrigens ftetS nur für die Verwirklichung ſubjektiver Anſprüche da ift, nicht 
zur Sicherung der objeliiven Necdtsordnnng. Auch nicht deshalb, weil ein 
ftaatsähnliches Gebilde über Staaten begrifflih unmöglich jei; denn der Bundes- 
ftaat ift ein folches, fogar ein Staat3gebilde, ein Staatenftaat.e. Auch nit 
beshalb, weil das Völlerreht „das Wichtigfte nicht regele”, nämlich die Ver- 
bältnifje, die fih auf die Ehre, die Eriftenz und die Lebensintereflen der Staaten 
beziehen; denn das Net fol und Tann nicht alle menfclichen Verhältnifje 
regeln, und jene Verbältniffe könnten auch völferrechtlich bis zu einem gemifien 
Grade geregelt werden. ndlic) auch nicht deshalb, weil das Völkerrecht für 
den einzelnen jelbitändigen Kulturftaat nur infofern und infoweit bindend ift, 
als er e8 anerlannt, durch feinen Herrſcher „ratifiziert” hat; denn die Anerfennung 
der Reditönormen ift der lebte Verpflichtungsgrund allen menſchlichen Rechts, 
und es gibt auch, im Bundesftaatsrecht Normen, die nur durch) die Anerlennung 
einzelner Öliedftanten abänderungsfähig find. — Sondern au3 ganz anderen 
Sründen. 

Das fogenannte Völferreht tft fein Necht im Sinne der ftrengen „urise 
prubenz“ — einmal deshalb, weil das „Recht“ begrifflih zu beftimmen tft 
als die von Herriher und Volk einer beitimmten Denfchengemeinihaft aner- 


n 


170 Die Zufunft des Dölferrecdhts 


fannte Wortformel zur Regelung der wirtichaftlihen und fonftigen Macht. 
verhältniffe der Menfchen diefer Gemeinfhaft, e8 aber weder einen Völlerredht3- 
berrfcher no auch ein WVölferrechtSvolf gibt, fondern nur die ideell zufammen- 
gefaßte Mehrheit ftantliher Herricher und ftaatliher Völfer, — die jedod alle 
rehhtlih „in“ den Staaten ftehen, nicht „über“ ihnen. Deshalb ift auch die 
Gemeinfhaft der Wölferrechtsftanten Leine „Menichengemeinfhaft” im jtrengen 
Sinne des „Rechts“, feine Nechtsgemeinfchaft, fondern eine tatfächlihe Kultur- 
gemeinfhaft. Ale Berfuche, ihr mit „juriftiihen” Gemeinfchaftslategorien 
beizulommen, find als mißglüdt anzufehen. Sie ift fein Staat oder Bundes- 
ftaat oder ftaatsähnliches Gebilde; denn fie ift weder grumdgefeblih nod) 
gewohnbeitsrehtlih nah Art einer DVerfaffung zufammengehalten. Sie tft 
überhaupt feine juriftiiche Perfon, fein Verein, feine Genofjenfchaft, feine Gefell- 
ichaft im Sinne des GStaatsredhts; denn fie hat Fein DVertretungsorgan nad) 
innen und außen, feinen Borftand. Sie ift aud) fein Staatenbund oder fonftiger 
völferrechtliher Verband aus demfelben Grunde. Dan Lönnte fie allenfalls 
eine völferreht3politifche Korporation auf gleichfam genoffenjchaftlicder Grundlage 
nennen, obwohl fie aud) als folche Teine rechtlich umjchriebenen Yunktionen hat. — 
Wir müffen daher jagen: Das von ihr durch allmählicde Anerkennung jeitens 
der einzelnen SKulturftaaten in Staatengebräudhen und Staatenverträgen ge- 
Ihaffene WVölferredht ift mithin auch fein „Necht” im ftrengen Sinne der 
„Surisprudenz“. 

Das DVöllerredt war und blieb ein Necht nicht über, fondern zwifchen 
den Staaten, jodaß die einfeitige Aufhebung einer Vertragsbeftimmung aud) 
den oder die Vertragsgegner ermädhtigte, von der Norm abzugeben, und man 
heute noch in gewillem Sinne berechtigt wäre, das Vertragsrecht als joldde8 — 
als Völferrecdtsquelle — mit Hugo Grotius überhaupt nicht anzuerfennen. Zumal 
die „clausula rebus sic stantibus“, d. i. die Klaufel, daß eine vertragliche 
Rechtsnorm nur folange gelte, als die tatfächlihen Vorausfegungen, die zu 
ihrer Schaffung geführt haben, noch vorhanden find, oder fih nicht wefentlich 
geändert haben, in der Praxis eine viel weitere interpretation erfährt als in 
ber Theorie, — und das Alles bezieht fiy nicht nur auf fpezielles, d. i. von 
einzelnen Staaten zur Regelung einzelner Rechtsverhältnifje gejchaffenes Recht, 
fondern aud auf allgemeines und umfaflendes Völkerrecht, wie z. B. die beiden 
Haager Friedensablommen von 1899 und 1907. Diefe gelten, wie wir aus 
den Erfahrungen des Weltkriegs heraus feftftellen müfjen, nicht fomweit und 
weil fie vereinbart find, fondern weil fie vielfach Tängft durch Gebräuche 
anerfanntes Gemohnbeitsrecht vertraglich feftgelegt haben, und diefes gilt nad 
wie vor, ob e& darin oder ob nicht, ob es Mar und vollftändig oder unvoll- 
ftändig und mangelhaft darin enthalten ift, ob e8 von einzelnen oder von 
vielen oder von allen Völferrecitsftaaten anerkannt, ratifiziert worden ift (die 
Anwendung der „Allbeteiligungsklaufel” — die fogleich zu erwähnen ift — auf 
den Weltkrieg 3. B. würde zu ganz unmöglichen Folgerungen führen)... Aud 


Die Sufunft des Dölferredhts 171 


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diefe allgemeines Völferreht enthaltenden völferredtlicden Verträge haben als 
Böllerreitsquellen nur fehr relativen und mehr biftorifhen Beweiswert als 
juriftifde Bedeutung. 

Überall im Völferredjt fehen wir außerdem ein Vorherrfchen politifcher 
Zmwede über die juriftifhe Grundlegung, einen Erfenntnisgrund und eine Er- 
fenntnisweife, die wir nicht mehr nur als „urisprudenz”, fondern aud) und 
überwiegend als „Nechtöpolitif“ anzufprechen beredtigt find. Das Völkerrecht 
teilt in diefer Hinfiht das Schidfal des Kolontalrehts8 und des Verbredhen3- 
befämpfungsredt3, die ebenfalls überwiegend rechtspolitiiden Charalter tragen. 
Hier wie dort handelt eS fich weniger um rechtliche Bindungen und umfafjende 
Feftlegungen von langer Dauer (Kobdififationen), wie das etwa im Zivilrecht 
oder im Strafredit im engeren Sinne mwünfdhenswert tft, fondern um freiere, 
mweitherzigere, leichter abänderbare, den jemweiligen Kulturbedärfnifien anpaßbare 
Bindungen, wie fie etwa das Vermwaltungsredht im Gegenfag zum Verfafjungs3- 
recht aufmweift. Freilich auf fefter allgemeiner Grundlage des Necht3 und mit 
feft beftimmten allgemeinen Zielen. | 

Der Überwiegend „rechtspolitifche” Charakter des Wölferreht8 muß aud) 
aus dem Grunde mehr als feither unterftrichen werben, weil bie meiften Völfer- 
rechtler ihn nicht anerkennen. Damit find wir bei den fogenannten „Qölfer: 
rechtstheorien” angelangt, nnd müffen fie furz ftreifen, um zu ihnen Stellung 
nehmen zu lönnen. Diefe Theorien wollen das Völkerrecht zu dem „Net“ in 
Beziehung jeen, meift mit dem Unterziel, den „juriftifden“ Charafter des 
Völlerrechts darzutun. 

Man unterſcheidet „dualiſtiſche“ und „moniſtiſche“ Völlerrechtstheorien, je 
nachdem man Völkerrecht und Staatsrecht (dieſes im denkbar weiteſten Sinne 
als das vom einzelnen Staate für ihn ſelbſt geſchaffene Recht, alſo alles inner: 
ſtaatliche Recht) in zwei verſchiedene Rechtskreiſe verlegt, von denen keiner den 
andern deckt, oder man ſie in einem einzigen oder in mehreren konzentriſchen 
Kreiſen unterzubringen verſucht. Innerhalb der dualiſtiſchen Völkerrechtstheorien 
ſind diejenigen hervorzuheben, die Völkerrecht und Staatsrecht als „qualitativ“ 
untereinander verſchieden anſehen und die beiden Rechtsarten deshalb in ver—⸗ 
ſchiedene Ebenen verlegen. Man kann ſie ſich dadurch veranſchaulichen, daß 
man fi) den Staat auf der unierften Stufe einer fünfteiligen Stufenfolge vor- 
ftelt. Dann fteht über ihm auf der zweiten Stufe das auch ihm übergeordnete 
Staatsredit, auf der dritten das DBölferredht, auf der vierten der ethilche 
$mperativ und auf der fünften und oberjten Stufe das Gebot des Glaubens, 
die Religion. Gehen wir die Stufen von unten nad) oben, fo erfcheint die 
Staats- und Herrfcheridee als einzige Nechtsquelle, als allein treibende Kraft, 
die außerhalb ihrer felbft und über fi) binaus das Staatsreht und durd 
diefes hindurch vermittel® des Verfafjungsreht8 durch weitere Abjtraktion in 
höherer Ebene das Völferredht fchafft, diefes wiederum in höherer Ebene zur 
Völkerethit und zum Völlerfrieden verallgemeinert, um im Glauben und in der 


172 Die Zufunft des Dölferredts 





Staatsreligion das Werk zu Irönen. Alfo ein allmählicher Auskryitallifierungs- 
prozeß, ein Auslefeverfahren, ein Menfchenwerl, um das Redt bis in den 
Bereich des Göttlichen zu heben, — ein Werk des Staates. Ind gehen wir 
umgelehrt die Stufen von oben nach unten, fo fehen wir jene andere Theorie 
entitehen, der das göttliche, daS geoffenbarte Necht die Duelle allen Rechts ift, 
das fih auh in menschlicher Ethil und im natürlichen, d. i. der Menjchheit 
gemäßen Nette, dem Naturredht, von dem das Völkerrecht ein Teil ift, noch 
wiederfpiegelt, das aus dem Völkerrecht das Stantsrecht hervorgehen läßt und 
mittels biefes8 den Staat felber, der auf folche Weile ebenfalls feinen göttlichen 
Urfprung nachgemwiefen erhält. Die ganze Reihe — entweder von oben nad) 
unten oder von unten nach oben — finden wir in ber NaturrechtSpbilofophie 
des fiebzehnten und neunzehnten Yabrhunderts, erftere aud) in der orthodor- 
katholiſchen NRedtsphilofophie von heute. Teile der Reihe find in der neueften 
weltlichen Rechtsphilofophie zu finden. Für Laffon, E. %. Beder und Berolz- 
heimer 3. B. it das Völferrecht fein „Recht“ im ftrengen Sinne, fteht alfo auf 
„höherer“ Stufe. Nach Pohl iſt das Völkerrecht durch Abftraltion aus dem 
national⸗internationalen Recht gewonnen worden. Krabbe erlklaͤrt die ganze 
Staatsperſönlichkeit aus dem Völkerrecht, ordnet dieſes dem Staatsrecht über. 
läßt das Staatsrecht ganz in dem (freilich von dieſem „delegierten“) Völlerrecht 
aufgehen. Anderſeits ſtreicht Zorn (und ähnlich Fricker) die Völkerrechtsſtufe 
vollſtändig und läßt die Völkerrechtsverträge nur moraliſch binden. Fur ihn 
hört mit dem Staatsrecht die Rechtsſphäre überhaupt auf, ſodaß das ſogenannte 
Völkerrecht, ſoweit es als „Recht“ erſcheint und angeſehen werden kann, mit 
dem Staatsrecht zuſammenfällt. Man kann daher ſeine Theorie als einen Kreis 
darſtellen, in deſſen Zentrum das Staatsrecht ſteht, und innerhalb deſſen 
Peripherie ſich das Völlerrecht als „Recht“ befindet. Ihm ſtehen Leoni und 
Meyer nahe, die einen Widerſpruch im Staatswillen (welcher das Völlerrecht 
und das Staatsrecht geſchaffen hat) als unmöglich empfinden und deshalb beide 
zuſammenfallen laſſen. Dann verpflichtet der völlerrechtliche Vertrag rechtlich 
höchſtens zum Erlaß eines Staatsgeſetzes, wie es auch ſchon Gneiſt, E. Meier 
und Laband angenommen haben, die deshalb bei Staatsverträgen die ſtaats⸗ 
rechtliche Bindung von der völlerrechtlichen unterſcheiden mußten; Ethik und 
Glauben ſtehen hier ganz außerhalb des Kreiſes der Rechtsſphäre. 

Damit find wir ſchon in die Gruppe der moniſtiſchen Theorien eingetreten. 
Ein Übergangsſtadium bildet Triepel, der Völkerrecht und Staatsrecht zwar als 
zwei gleichzeitig nebeneinander in Geltung befindliche Normenkomplexe anfieht, 
als zwei Rechtskreiſe, „die ſich höchſtens berühren“, ſie aber doch in eine Ebene 
verlegt. Und verwandt mit der Triepelſchen und der Zornſchen Theorie iſt die 
Theorie von Walter Jellinek und Kelſen, daß die völkerrechtlichen Staats⸗ 
verträge „Staatswille kraft Ermächtigung oder Verweiſung“ ſeien, ſo daß die 
beiden Rechtskreiſe ſich ſchneiden, aber nicht vollkommen decken, — wobei nur 
zu befürchten iſt, daß das gemeinſchaftliche Gebiet des (materiellen, nicht for⸗ 


Die Sufunft des Dölkerredts 173 
mellen) Staats- und Völferreht8 fo groß wird, daß wir uns dem einen Sreife 
3orns nähern, wo, wie wir fahen, das Völkerrecht” im Staatsrechte, oder, 
wie wir e8 oben an der Stufenfolge bei der Theorie Krabbes andeuteten, wo 
das GStaatsredht im Völferrechte aufgeht. 

Die eigentlid — und fonfequent — moniftifhen Theorien find nit nur 
burdjaus auf eine Ebene zu verlegen, fondern auch in einen Kreis oder in 
mehrere lonzentrifcde reife. — Die ältefte der eigentlichen moniftifchen Theorien 
ftammt von dem NRecdtsphilofophen Chriftian de Wolff, demjelben, vdeijen 
Institutiones juris naturae et gentium von 1754 auf das Preußifche AL- 
gemeine Landredit fo großen Einfluß gewonnen haben. Sie ift piuchologifch 
begründet. Wie das Stantsrecht die Nechtsüberzeugung der einzelnen Staaten, 
fo ftelt das Völlferreht — quantitativ — die Nechtsüberzeugung der Staaten- 
gemeinfchaft dar, die er deshalb eine civitas maxima nennt. Das Völferrecht 
wird jo zum „gemeinfamen“ Recht der Staaten, da8 von jedem einzelnen Staat 
ber Gemeinfhaft „gewollt und gefollt“ werden fol. Die Theorie wird mit 
ähnlicher Begründung von Kohler, Ullmann, Heilborn, v. Lilzt, v. Holtendorff, 
Bergbohm, Niemeyer, E. Kaufmann, Huber, Fleifchniann, Zitelmann und Herrnritt 
vertreten. Hier fteht der Staat alS Hauptredhtsquelle im Zentrun dreier (bei 
Wolff zweier —; denn bei den-Neueren ift no) das Bundesftanisreht als 
weiterer Nechtsfreis binzugelommen) FZonzentrifher SKreife, die als „Recht“, 
„Bundesftaatsreht” und „Wöllerrecht” zu bezeichnen find. — Wenn aber der 
Staatswille fi ändert? Wie fol er dann ohne Vorbehalt in der Lage fein, auf 
Bundesftaatsreht und Völkerrecht einzumirfen, das er mit geihaffen bat? Gr 
bleibt gebunden, bis die übrigen beteiligten Bölferrechtöftanten ihn löfen. — 
Abweichend hiervon Tonftruiert deshalb eine andere Theorie das „Recht“, und 
zwar das ftaatliche Verfafjungsreht, alS einzige Quelle für die Eniftehung des 
Staates felber, der auswärtigen Verwaltung des Staates und des Völferredhts, 
die ebenjo viele Fonzentrifche Kreife um das Zentrum „Recht“ bilden. Nur die 
eigene Rechtsordnung wird als Ausgangspunkt auch der freiwilligen Völferredht3- 
bindung angejehen. Der Staat „ift“ nur, jagt dieje Theorie, durch feine Ver- 
fafjung, Tann alfo au) nur wollen, was fie erlaubt. _ Go neueftens Verdroß, 
ähnlich aber fhon Georg Yellinel, Lammafdh, Seligmann und — al3 andere 
möglide Berfion — auch Seljen. Der Staat fann dann aud) Dritten, außer- 
balb feines Nechts- und Machibereihs Stehenden in feiner Verfaffung erlauben, 
mit Wirkung für ihn Völkerrecht zu fegen. Das ift aber ein gar zu formeller 
Standpunlt, mehr verwaltungs- als verfafjungsrechtliher Art und kann fi) Do 
nur auf den Vertragsihluß und feine Folgen beziehen, nicht auch auf den Ber- 
tragsbrud) und feine Folgen (joweit diefer völferrechtlich erlaubt ift), der lediglich 
völferredhtlich bedingt fein kann, nicht verfaſſungsrechtlich. 

Die Bölferrechtstheorien befriedigen alle nicht recht. Das Recht erſcheint 
bier allzu formaliſtiſch als Filigranarbeit von Begriffen und wird der Wirklichkeit 
des Völlerrechts nicht gerecht. Ich ſchlage daher einen anderen Ausgangspunkt vor. 


174 Die Sufunft des Dölferredts 


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Nicht nur der Staat fhafft Recht, fondern jede Menſchengemeinſchaft kann 
e3 produzieren, die Herrfher und Voll und eine Organifation dafür bat. Ge- 
länge es, der Kulturgemeinfchaft der Völferrechtsftaaten eine Nechtsorganifation 
zu geben und darin die Nechtäbegriffe Herrfher und Voll Wirklichleit werden 
zu laffen, fo wäre das Völferrecht „Recht“ im ftrengen Sinne der Yurisprudenz 
geworden. Da aber zurzeit noch) Herrfher und Volk fowie die Drganifation 
(die man fih ja nah Art eines Weltbundesftaates oder -ftaatenbundes wohl 
vorftellen fönnte) lediglich der dee nach erijtieren, fann von überftaatlihem 
Völkerrecht nicht Die Rede fein, fondern höchftens von zwifchenftaatlidem. Das, 
was wir meift „zwifchenftaatliches” Recht nennen, das fogenannte internationale 
Bermwaltungs-, Straf-, Privat- und Prozekredt ift nun dDurdaus nur gemein- 
fames oder in der Hauptjadhe übereinftimmendes oder Rüdfiht nehmendes 
Staatsreht (im weiteften Sinne). 3 gibt aber ein „zwifchenftaatlihes” Recht, 
das viele zu unrecht Staatsredht nennen, obwohl es nicht fraft ftaatlider An- 
erfennung gilt, fondern dem Staate gegenüber allenfalls für ftaatlidh geduldetes 
Net angefehen werden Tann: da8 von der Fatholiihen Weltlicche gefchaffene 
fatholifche Kirchenrecht. Diefes zwifchenftaatliche ARecht ift auch nicht deshalb 
ftaatliches Recht, weil der Staat heute die Grenzen zwifchen Staat und Kirche 
beftimmt. Man könnte es ein „Recht zwilchen den Völkern” nennen, das dod) 
nicht ftaatliches Net geworden ift, — daS einzige „Völferreht“ im Sinne des 
Hugo Grotius, welches die Völferrechtsentwidlung überdauert hat. 

Wir wollen alles ftaatlide und nichtftaatlihe Net unter einem Gefidt3- 
punft zufammenfaffen, den germanifhen Gedanken von der grundjäglichen 
Einartigkeit allen (öffentlichen und privaten) Rechts, auch des Völkerrechts (der 
Zulunft) zugrunde legen. 

Das pofitive, d. i. jeweils innerhalb einer organifierten Menjchengemeinichaft 
von Herriher und Bol anerkannte Recht Tann einmal aus fi) felbft, in feinem 
biitoriiden Zufammenhange oder rein dogmatiich erfakt, erforiht und an« 
gewandt werden. Bas ift der Erlenntnisgrund und die Erlenntnisweife der 
„Surisprudenz”. Es Tann aber aud) in fonfrete Zwedzufammenhänge gebracht 
und fo erforjcht, feitgeftellt und gehandhabt werden; das ift „Rechtspolitik“. Und 
e3 fann endlich in einem Weltanfchauungszufammendhange erlannt und theoretifch 
und praftifceh durforfcht und feitgehalten werden. Das ift der Standpunlt der 
„Rehtsphilofophie". Stellt man fi nun diefe drei Methoden als Tonzentrifche 
Kreife vor, deren Mittelpunkt das Recht ift, fo wird die Rechtsphilofophie zum 
Mapitab für NRechtspolitit, Yurisprudenz und Net — oder diefes für jene 
drei Methoden der Necdtsforfchung, je nachdem ich das im Zentrum der drei 
tonzentriihen Kreife ftehende Net in diefe oder diefe in das Recht hineiu- 
projiziere. Außerhalb der jo dargeitellten Gejamtrechtsiphäre aber berührt fid 
der äußerjte Kreis (der NRechtsphilofophie) mit anderen — überſtaatlichen — 
Weltanfhauungsmwerten (äfthetiihen, ethifchen, religiöfen Charakters) und anderen 
abjoluten Mapftäben, wie fie Naturwiffenfhaft und Technik liefern (3. B. den 


Die Sufunft des Dölferredts 175 


— 
— 


Naturgeſetzen). Dann wird das Recht als machtverteilendes und Verletzungen 
der Machtverteilung ausgleichendes Prinzip zur „Gerechtigkeit“ im Sinne des 
Ariſtoteles. — Und das Völkerrecht? — Es findet ſeine Stelle mehr im zweiten 
als im erſten Kreiſe; es iſt mehr Rechtspolitik als Juriſterei. Die Völkerrechts⸗ 
praxis iſt überwiegend Rechtspolitik, das Völkerrecht ſelbſt nur dann „Recht“ 
im ſtrengen Sinne der, Jurisprudenz“, wenn man die herrſchaftliche Organiſation 
fingiert, falls man nicht die ideelle Einheit der ſtaatlichen Herrſcher (und Völker) 
als Erſatz gelten laſſen will. Es iſt dann ein auf der gleichſam genoſſenſchaft⸗ 
lichen Grundlage der Kulturgemeinſchaft der Völkerrechtsſtaaten durch gegenſeitige 
Bindung im Wege der ausdrücklichen oder ſtillſchweigenden Anerkennung als 
gemeinſame und für notwendig erachtete Rechtsüberzeugung erwachſenes „Recht“ 
in denlbar freieſtem Sinne der Jurisprudenz, das die Ausũübung von Hoheits⸗- 
rechten der Völkerrechtsſtaaten zum Gegenſtande hat und das nur pſychiſch oder 
im Wege der Selbſthilfe erzwungen werden kann. — 

Was gilt vom Völkerrecht noch heute? Was hat im Völlerkrieg bis jetzt 
gegolten? Man könnte auch fragen: Was haben fie aus dem bis zum Böller- 
kriege von uns al3 geltend angenommenen Völferrehte gemaht? Denn was 
bis zum Auguft 1914 an Böllerrecht als geltend angenommen wurde, willen 
wir. E38 fohien eine ftetige Fortentwidlung des WVöllerrehts zu fein, im Sinne 
fortichreitender Kultur, der fi fortentwidelnden Wöllerfriedensidee, der Ver⸗ 
menſchlichung des Krieges, der Vervollkommnung des Menſchengeſchlechts. 
Humanifierungsverträge für das Kriegsrecht begegnen uns ſchon im 18. Jahr⸗ 
hundert. Der Pariſer Vertrag von 1856 ſprach ſchon von Vermittlung völker⸗ 
rechtlicher Streitigkeiten, und die Seerechtsdeklaration vom ſelben Jahre regelte 
das Neutralitäts- und das Seekriegsrecht. Das Nationalitätenprinzip führte — 
neben manchen Auswüchſen — zur Befreiung Griechenlands, zur Einigung 
Italiens und ſterreichs, zur Gründung des Deutſchen Reiches. Milde und 
Menſchlichkeit waren die Motive, welche die Genfer Konvention 1864, das 
Verbot der Dum⸗Dum⸗Geſchoſſe 1868, die Anerkennung der Verbindlichkeit 
internationaler Verträge 1871, die Bekämpfung des Sklavenhandels 1890, die 
Friedensidee auf den Hager Konferenzen 1899 und 1907 gezeitigt haben. Die 
Genfer Konvention war 1906 erneuert, 1907 auf den Seekrieg ausgedehnt, 
das internationale Verwaltungs⸗, Privat- und Tropenrecht weiter ausgebaut 
worden, die Londoner Seekriegserklärung von 1909 ſchien der Ratifikation nahe, 
ſchon träumte man von einem Welt⸗Oberpriſengericht, von einem obligatoriſchen 
Weltſchiedsgericht, — da brach der Weltkrieg aus und hat gleich in ſeinen 
Anfängen ſcheinbar einen völligen Zuſammenbruch der Völlerrechtsidee gebracht. 
Neutralität, Meeresfreiheit, Beſchränkung des Landkrieges auf die Heeres— 
ſtreitkräfte und die Staatsgebiete, des Seekriegs auf die Kriegführenden, Genfer 
Konvention und andere internationale Vertragsberedungen ſchienen tote Buch—⸗ 
ſtaben geworden zu ſein. Deutſchland und ſeine Verbündeten, ängſtlich bemüht, 
ihren kriegsrechtlichen Verpflichtungen, auch dem Feinde gegenüber und in den 


176 Die Sufunft des Dölferredhts 


von uns befegten Gebieten, nachzulommen, mußte erfennen, daß feine zehn 
großen und fleinen Gegner anders dachten. ES mußte erfahren, daß das Wort 
de8 Hugo Grotius „bellum est duellum pacis causa“, der Krieg it ein 
ehrenvoller Kampf um des Friedens willen, verwandelt war in dem Schwur: 
„bellum est instrumentum delendi ac diruendi causa“, der Srieg ift ein 
Mittel, zu zerftören und zu vernichten, — zu zerftören und zu vernichten die 
deutfche wirtfchaftlie und politifche Macht, Das deutfche Anfehen und den deutidhen 
Kredit in der Welt, den Erfolg deutfcher Arbeit und berechtigten deutſchen 
Entmwidlungsftrebens. Wir mußten erfahren, daß jedes Mittel des Haffes, der 
Leidenſchaft, der Verleumdung, ja der Aushungerung friedlicher Bürger, recht 
Ihien, um zu jenen Zielen zu gelangen. Daß das Völkerrecht abfichtlich gebeugt, 
verdreht, entjtellt, in fein Gegenteil interpretiert wurde, um fi vor der Welt 
zu rechtfertigen. — Aber daß man dies tat, daß man filh auf angebliches Völfer- 
re&t berief, daß man dem Gegner Völlerrehtsbrud auf Völlerrehtsbrud — 
mit Recht oder Unreht — vorwarf, beweift eben, wie tief der Böllerrechts- 
gedante bereit3 in der Menichheit Wurzel gefaßt bat, wie feit man von der 
Notwendigkeit internationaler Bindung überzeugt ift, wie man von ihr das Heil 
der Zulunft erwartet. Und die fraffeften Ausmüchfe des nationalen Egoismus 
und des Völferhafjes bemweifen eben in ihrer Kraßheit jedem, der fehen Tann, 
daß die Vergeltung der Vergeltung und die Vergeltung der Vergeltung ber 
Vergeltung zum Srieg aller gegen alle führen muß, zum Menſchenchaos. — 
Aber Funlen von Vernunft und allgemeiner Menfchenliebe glimmen nody in der 
erfalteten Ajche des Menfchenhafjes unferer Feinde, wie uns die Beobadhtung 
der Kriegderflärungsnormen, des Bündnisrehts (außer italien), des Ent» 
Ihädigungsrehts, der Kriegsgefangenenaustaufd, die Stimmen ber ruhig und 
unparteiiih gebliebenen Neutralität, die allmählich wiederlebrenden $ormen 
internationalen Verfehrs- und Sanitätsrecht8 bemeifen. Aber viel ift es nicht, 
was beobadtet wurde und beobaditet wird. Don dem ftolgen Gebäude des 
Völlerrehts find nur die Grundmauern ftehen geblieben. 

Lohnt es fi noch, darauf wieder zu bauen? Was wirb das Völlerrecht 
ber Zufunft fein? Borjehung fpielen ift auch in der Völkerrechtspolitik zwecklos, 
weil unmöglid, und Prophezeien ein undankbares Geſchäft. Wir müffen uns 
darauf befchränten, die Hauptmängel und »Jhmächen des heutigen Böllerredhts 
aufzuzeigen und Ziel und gangbare Wege der Reform ins Auge zu faflen. 

Der treformbebürftigfte Hauptmangel des Völferrehts ift wohl der, daß 
nidt einmal feine Grundlagen, fein „Allgemeiner Teil”, irgendwo eindeutig 
niedergelegt find. Die Magna Charta des Völferrechts tft ungefchriebenes Recht. 
Wo allgemeine Völferrechtsfäge in Verträgen gelegentlich erwähnt find, ift dies 
eher zu bedauern, als zu begrüßen. Denn felten gefchteht e8 in ganz un« 
mißverftänblicher Weife; und wir haben gefehen und erfahren, daß der völfer- 
rechtlihe Vertrag noch heute die Furzlebigfte, veränderlichfte und deshalb 
unfiherfte aller Völferredhtsquellen if. Den Stürmen des Weltkriegs getroßt 


Die Sufunft des Dölkerredhts 177 


haben faft nur Zeile der „mores populorum“, der „jura pacto tacito intro- 
ducta“. Hugo Grotius hat recht behalten. — Die BVöllerredhtsgebräuche gilt 
es deshalb neu zu jammeln, zu formen, feitzulegen. Auch muß das Bölfer- 
recht mehr „allgemeines” Gemwohnheitsrecht als „Ipezielles" Vertragsrecht werden. 
Freilich geht die gewohnheitsrechtliche Entwicklung im Völkerrecht langſamer von 
ſtatten, als im Staatsrecht im weiteſten Sinne. Was hier Jahre und Jahr⸗ 
zehnte, ſind dort Jahrhunderte. 

Von Einzelheiten iſt hervorzuheben: Die „elausula rebus sic stantibus“ 
darf nicht aus dem ſtaatlichen Zivilrecht oder aus dem ſtaatlichen Verwaltungs⸗ 
recht, ſondern muß ans jenen BölferrechtSgebräuchen autbentifch interpretiert 
werden. Ferner kann zwar die Verfügung über Ehre, Exiſtenz und Lebens⸗ 
intereſſen der Staaten ſelbſt nach wie vor nicht völkerrechtlich geregelt werden, 
wohl aber kann und muß die „Klauſel“ von der Ehre, der Exiſtenz und den 
Lebensintereſſen der Staaten in einer Weiſe formuliert werden, daß ſie nicht 
mehr als Vorwand dienen kann, jeden Angriffs⸗ oder Präventivkrieg zu recht⸗ 
fertigen; der einzelne Kriegsfall müßte zwecks (ſofortiger) Feſtſtellung der Vor⸗ 
ausſetzungen der Klauſel einer internationalen Kommiſſion, einer Spruchbehörde, 
— keinem obligatoriſchen Schiedsgericht — zur Prüfung und den beteiligten 
Volksvertretungen zur Würdigung und Entſchließung vorgelegt werden. Die 
„Allbeteiligungsklauſel“ (Zitelmann), d. i. die Klauſel, daß im Kriege ein 
Völlkerrechtsſatz nur dann anwendbar ſei, wenn ſämtliche am Kriege beteiligten 
Staaten ihn anerkannt, ratifiziert haben — eine Klauſel, deren Anwendung 
im Völkerkrieg, wie geſagt, zu den unglaublichſten Konſequenzen führen würde — 
muß hinter der ſtärleren Geltung des Gewohnheitsrechtes zurückſtehen, wo ſie 
ſich in Verträgen findet. — Die „Klauſel von der Geltung des früheren Rechts“, 
d. i. der Satz, daß die Völkerrechtsſtaaten an die frühere Formulierung einer 
Völkerrechtsmaterie ſolange gebunden ſeien, bis ſie der neuen Formulierung 
zugeſtimmt haben, muß im Sinne einer klareren und engeren Bindung der 
früheren Vertragsſtaaten umgeändert werden. — Die „Neutralität“ muß neu 
umſchrieben werden, damit die Berufung auf einen „Rechtsſatz“ für neutrale 
Geſchütz⸗, Geſchoß⸗ und Geldlieferungen an Kriegsführende nicht den Umfang 
aunehmen kann, den ſie im Weltkrieg angenommen hat. — Das internationale 
Verfahren in Verwaltungs⸗- und Prozeßſachen iſt zu reformieren — und vieles 
andere. An das freilich, was viele für das Wichtigſte halten: die Möglichkeit 
einer allgemeinen Abrüſtung, glaube ich nicht; neque quies gentium sine 
armis — fagt Tacitus (Hift. IV). 

Aber alle diefe mehr oder weniger formaliftifhen und juriftifhen Dinge 
müflen zurüdtreten hinter das eine große redtpolitifhe Ziel des Völferrechts 
der Zukunft: den Bölferfrieden. Er war ja auch feither fhon das Ziel oder 
wenigftens ein Ziel der Völlerrehtsentwidlung. Erleichterung der internationalen 
wirtichaftlichen, rechtlichen und ſonſtigen Verlehrsmoͤglichkeiten, Vermenſchlichung 


des Kriegs und Völlerfrieve waren — Tann man jagen — bie Hauptzwede” 


Grengboten 1 1916 12 / 


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178 Die Zufunft des Dölferredhts 


der bisherigen völferredtlihden Bindung. Sie waren aber allzufehr zufammen- 
gehalten von dem Gedanfen der völferreditlihen Staatenberedhtigung, des 
nationalen Egoismus, und häufig feineswegs diltiert von univerfaler Dienfchen- 
und Lebensweisheit.. Nur, wo der nationale Egoismus vereinbar fchten mit 
dem Egoismus der anderen, lam es zu einem Kompromiß. Das Böllerrecht 
der Zulunft fan aber nur erftehen und fich entwideln mit einer ftarfen Dofis 
von nationalem Altruismus. Wenn England, Rußland und Frankreich, vielleicht 
au Stalten, dabei nidht mitmachen wollen, müffen fie eben in die zweite 
Stellung, die Stellung des „sacro egoismo“, zurüdgebrängt werden. — E8 
gibt außer dem Völlerrecht auch eine Völkerpfliht. Diefe gilt es zu erkennen. 
Es gilt das DVölfergewiffen zu weden und zu verfeinern. So lange nod 
Diplomaten vom Schlage eines Safonow, Sonnino, Asquith, Grey, Ehurdill 
und Delcafie das Völferredt machen und handhaben, folange das Bölfer- 
gemwiffen ihrer Völfer no nit in die Wagfchale fällt, wenn es fi um eine 
Entioließung handelt: Krieg oder Nichtkrieg, Sein oder Nichtfein, folange gibt 
es wohl für folde Staaten Völler- und Staatenmadt, aber lein Völferredit. 
Dem, was fie fo nennen, fehlt der Tategorifchde Nechtsimperativ, fehlt das etbifche 
Mintinum, fehlt die das Völkerrecht zu tragen allein befähigte Völferethit, fehlt 
das Völkergewiſſen. — 

Der Staat iſt aber nur ein formeller Rechtszuſtand, ſeine Materie iſt 
Herrſcher und Volkl. Das Voll, der Volksmann, das Volksheer, die Volls⸗ 
vertretung verlörpern es ſo gut, wie der Herrſcher und ſeine Organe, — das 
Völkergewiſſen. Man ſollte auch jenen die Geheimniſſe der auswärtigen Politik, 
ſoweit ſie Völkerrechtsnormen ſchafft, nicht in dem Maße vorenthalten, wie 
ſeither. Der Berliner Hiſtoriker Meinecke hat zwar umgekehrt Frankreich als 
warnendes Beiſpiel von Volkskontrolle internationaler Abmachungen hingeſtellt. 
Allein das franzöfiſche Volk läßt ſich auch in der Politik nur ſchwer mit dem 
deutſchen vergleichen, und die Deputiertenkammer iſt keiñe freie Vertretung bes 
Volks in unſerem Sinne, ſondern ein Werkzeug in der Hand einer kleinen 
kapitaliſtiſchen Intereſſentengruppe. Jedenfalls hat nichts dem deutſchen Namen 
im Weltkrieg mehr genützt, mehr Anerkennung verſchafft — nach innen und 
nach außen — als die Wahrhaftigkeit der deutſchen Kriegsberichte. Der Welt⸗ 
krieg hat fich hier als der große Erzieher zur offenen Intereſſenvertretung be⸗ 
wahrt, die trotzdem vorfichtig, klug, im beſten Sinne „diplomatiſch“ ſein kann. — 
Das zwiſchen den Staaten geradezu ungeheuerlich gewordene Völkermißtrauen 
muß mehr und mehr verſchwinden, — wie es zwiſchen uns und Frankreich 
ſchon einmal nahezu verſchwunden war und lediglich durch Englands Raͤnke 
wieder in ſein Gegenteil verwandelt wurde —, muß mehr und mehr einer 
internationalen Politik gegenſeitigen Vertrauens, gegenſeitiger Achtung Plat 
machen. 

Das Völkerrecht muß wieder an den Ausgangspunkt anknüpfen, den im 
fiebzehnten Jahrhundert Hugo Grotius geſchaffen hat. Nicht als ob wir uns 


Die Sufunft des Dölferredts 179 


— — — 
—— 





damit um Jahrhunderte in der Kulturentwicklung zurückſchraubten. Inzwiſchen 
iſt der heutige konſtitutionelle Staat entſtanden, der den abſoluten Staat ab⸗ 
gelöft hat. Beide hat Hugo Grotius noch nicht gekannt. Aber hätte er ſie 
auch gelannt, er hätte ſein Völlerrecht doch nicht anders definiert als das „jus, 
quod inter populos aut populorum rectores intercedit“. Und haͤtte noch 
mehr Nachdruck auf das Recht der Völker gelegt, als auf ein das Völlerrecht 
vermittelnde Herrſcher⸗ und Diplomatenrecht. Jetzt, da wir in faſt allen Kultur⸗ 
ftaaten ein organifiertes Staatsvolk, einen organiſierten Vollswillen haben, den 
die Vollsvertretung darſtellt, jetzt, da ſich die Vollsheere bewährt haben, wo 
ſie beſtehen und herbeigeſehnt werden, wo ſie noch nicht beſtehen, jetzt, da an 
der Juſtiz und in der Verwaltung das Volk in breitem Maße beteiligt iſt, da 
ein Vollsrecht die feſteſte Stütze der Staaten im Innern zu werden beginnt, 
jehyt ſcheint es an der Zeit zu ſein, auch der Völker des Völlerrechts zu ge⸗ 
denken. Denn auch die kraftvolle und ſegensreiche Fortentwicklung des Völker⸗ 
rechts ſeit der Wende des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Weltkriege hatte — 
zum dritten Male in der Weltgeſchichte — die Völker vergeſſen. 

DOhne daß aber den Völlern der ihnen gebührende Rang beim Zuſtande⸗ 
kommen und bei der Handhabung der Völkerrechtsnormen zugeſprochen wird, 
ehe das Staatenrecht, das Herrſcherrecht, das Diplomatenrecht zum „Völker“⸗Recht 
im vollen Sinne des Begriffs geworden iſt, kann auch das Völker⸗, Recht“ der 
Zukunft nicht erſtehen. Nicht als ob damit ein neuer Gegenſatz zwiſchen 
Herrſcher und Volk im einzelnen Staate heraufbeſchworen würde, im Gegenteil: 
die neue Entwidlung wird eine völlige Einigung der traditionell-autoritären, 
der im beiten Sinne „tonjervativen”, und ber freier gerichteten, da8 Recht der 
Individuen, die den Staat bilden, mehr betonenden, wahrhaft „Liberalen“ 
Kräfte im Stante herbeiführen. 8 wird Wirklichkeit werden, was Bismard 
einmal zum Ausdrud brachte, als er im Reichstage fagte: Ich verbitte mir 
diefe Monopolifierung des Wortes „Boll“; ich gehöre auch zum Boll, und 
Seine Majeität der Kaifer au. — Sn biefem freieften und fchönften Sinne 
fol das Vollsganze an der Entwidlung des VölferrehtS teilnehmen und fo bie 
Entftehung eines „Völfer“-Nechtes erft ermögliden. Wenn nicht alles täufcht, 
wird die wunderbare militärifche, politifche und wirtichaftliche Einigkeit, Die das 
Deutſche Reich Ichon jebt als Außerlich aller Welt erfennbare Yrudt des Welt. 
friege8 errungen bat, auch bei der Bildung des Völlerrecht8 der Zukunft aller 
Melt voranleuchten. Es wird der Welt den Frieden diktieren, nicht wie ein 
Gäfar, Diktator oder Imperator, der den Sieg davongetragen bat, fondern als 
Friedensmacht, die den ftarfen Friedenswillen dur die Tat fund tun und der 
Welt zur Verfügung ftellen will, — ein lebendiges Beifptel allen Völkern! 
„Bellum est duellum pacis causa“ und „exempla docent non verba“ wird 
feine Zofung fein. Wie e8 in freiwilliger Selbftbindung als „Boll“ im neuen 
und erhabenen Sinne in die Erfeheinung treten wird, fo wird e8 aud durd 
jein Beifpiel der Völkerrechtswelt ein Bild des fi) den anderen Völlern gegen- 

12” 


180 König Nifola von Montenegro und feine Politik 


über freiwillig bindenden Kulturftaates der Zulunft fein. Dann wird fi) die 
Freiheit des Volls- und Staatsganzen, die in fultureller Nugbarmadung aller 
materiellen und geijtigen Güter der Menjchheit für das Ganze beiteht, zur 
Böller-Freiheit erweitern, und ein Schritt weiter auf dem Wege der Menjähheit 
gegangen fein. 

„Noch blendet uns der neue Tag”. — Die Vorfehung aber, die uns im 
Völlerkrieg das Schwert geführt hat, wird uns aud) Hammer und Meibel in 
die Hand geben, das Völferreht der Zukunft aufe und auszubauen. Noch 
ftehen die Grundmauern des Völferreht3; der Weltkrieg hat fie nicht zerftört, 
im Gegenteil: er hat fie neu gefeitigt. 

3b möchte das Völkerrecht einer gewaltigen Eiche vergleichen, unter deren 
fhübendem Blätterdadh die Völfer des Erbball$ ruhig und fiher wohnen oder 
wohnen follten. Gar arg zerzauft worden find im Völferfriege Blätter und 
Alte. Wir aber denfen an das ftolze Horazwort: Exagitant frondes immoto 
stipite ventus. Mag der Sturmmwind die Blätter zerzaufen, — der Stamm 
bleibt unbemegt. 





König Nifola von Montenegro und feine Politit 


Don Spiridion Bopcevic 


Montenegro, verbunden mit ber rätfelhaften Flucht des Königs 
Nitola*) nach Frankreih. Nicht ald ob dies in militärifcher Be⸗ 
ziehung viel bedeutet hätte. Die 40 000 Montenegriner fpielten 

n im Weltkrieg feine Rolle und aud) die 100 000 Öfterreicher, welche 
jest für andere Zmede frei werden, kommen angeficht3 der vielen Millionen, 
die unter Waffen ftehen, nicht allzu fehr in Betradht. Die Bedeutung des Er- 
eigniffes liegt nur auf politifhem Gebiete Denn wenn König Nilola feine 
Zuftimmung zum Niederlegen der Waffen gab, ftatt fih nad Albanien zurüd« 
zuziehen und dort den nutlofen Kampf meiterzuführen — fo wie dies die ftet8 





*) So heißt der König und nit, wie alle deutihen Zeitungen mit unverftändlider 
Hartnädigkeit fchreiben, „Nikita — ein Wort, da8 garnicht® bedeutet und auf einem bereit® 
vor einem halben Yahrhundert in ein Wiener Blatt eingefhlihenen Drudfehler berubt. AH 
babe da8 fhon vor mehr ald 40 Kahren in Wiener Blättern und dann in meinem Erftlingd- 
werte „Montenegro und die Montenegriner” erklärt und damals hatte e8 auch den Erfolg, 
daß alle Wiener Blätter „Nikola“ oder „Rilolaus“ fchrieben. Daß jegt wieder jener läcdherlidhe 
Name auftritt und nit audzurotten ift, erfcheint unverftändlid. Aber Tatjade ift, daß ich 
fogar in Zeitungen, welche meine diesbezüglide durch die „DktadeKorreipondenz” an viele 
Yundert Blätter übermittelte Aufklärung abdrudten, in derjelden Nummer den alten Sehler fand! 


König Aifola von Montenegro und feine Politif 181 


törit gemwefene ferbifhe Regierung ihrem Heere zumutet — fo zeigt dies 
deutlih, daß er jede Hoffnung aufgegeben hat, der Vierverband werde fliegen. 
Wenn er trogdem nadträglih die Flucht ergriff und von Frankreih aus 
glauben machen will, daß Montenegro fi nicht unterworfen habe, fondern den 
Kampf weiterführen werde, fo erklärt fi dies aus feinem Charalter, der e3 
ftetS liebte, zwei Eifen im euer zu haben. Daß man dabei leicht zwilchen 
zwei Stühlen auf dem Boden zu figen fommen lann, fcheint dem alten Machiavellt 
nicht Har geworden zu fein. Seine Schlaubeit ift nämlich mehr eine Bauern- 
fhlauheit. Diefe Bemerkung führt naturgemäß zur Unterfuhung der bisherigen 
PVolitif des Königs. 

Nitola wurde am 7. Dftober 1841 zu Niegufht geboren und folgte nad 
Ermordung feines Vorgängers und Dheims Danilo als Fürft in der Regierung. 
Bis dahin war er teils in Trieft bei meiner Muhme Marianna, teils in Paris 
erzogen worden. ALS er am 14. Auguft 1860 zum Fürften ausgerufen wurbe, 
war feine Ausbildung noch lange nicht vollendet. 

Gleich im erſten Jahre feiner Regierung fah er fich in fehwierige politifche 
Berhältniffe verfegt, weil 1861 in der Herzegowina ber Aufftand des Lufa 
Bulalovitf) ausbrad), den die Montenegriner nach Kräften unterftübten, obgleich 
der Fürft unter dem Drude Ofterreichd amtlich Neutralität angeordnet hatte. 
Weil aber die Pforte filh nicht täufchen ließ, kam e8 1862 zum Irieg mit 
Montenegro, wobei der Fürft dem von drei Seiten mit faft 100 000 Mann 
anrüdenden DOmer Bafcha nur 17000 Mann mit zehn Gefchügen entgegenitellen 
fonnte. Dur fünf Monate leifteten die Montenegriner Widerftand, wobei fie 
in acht Feldſchlachten und ſechzig Gefechten fiegreich blieben, namentlich bei 
Zagaratih, wo 50000 Türken von nur 12000 Montenegrinern eine ver- 
nidhtende Niederlage erlitten, und bei Koloti. Endlih, nadhdem die Türken 
don 40 000 Dann eingebüßt hatten, gelang es Dmer PBaflha vom Sfutarijee 
ber bis Nijela zu dringen, worauf das erfchöpfte Montenegro den ungünftigen 
Srieden von Cetinje abfchloß, defjen harte Beftimmungen aber nie zur Aus- 
führung gelangten. 

Diefer Krieg bildete Nikolas Lehrjahtre.e Er erlannte, daß Montenegro 
allein und obendrein ohne genügende Vorbereitung unmöglich die türkijchen 
Serben befreien könne. Denn deren Befreiung hatte fich der junge Fürft von 
vornherein in den Kopf gefeht. Cr fagte mir nämlich 1875 wörtlih: „Ich 
fage dir, alle Serben muß und werde ih no vom Zürkenjoch befreien und 
wenn darüber mein Schädel in Trümmer gehen follte!“ 

Zunächſt ſah fich alfo der Fürft nach Bundesgenoffen um. Fürft Michail 
von Serbien fand fich fofort bereit, aber man bedurfte au einer Groß- 
madt. Die nädftliegende wäre Dfterreich gemwefen, befonders weil Nifolas Vor⸗ 
gänger fi mehr auf Vfterreih und Frankreid) als auf Rußland geftüst hatte. 
Aber Napoleon und Alexander der Zweite verftanden filh zu jährliden Hilfs- 
geldern und das gab vorläufig den Ausichlag. 


182 König Nikola von Montenegro und feine Politif 


So lam das Jahr 1866 heran. ALS der Krieg taliens und Preußens 
gegen Dfterreich unvermeidlich erfehien, trat die ttalienifche Negierung mit Nilola 
in Unterhandlungen. Ste flug ihm eine gemeinfame Eroberung der Bocche 
di Battaro vor: zu Land durd) die Diontenegriner, zuc See durch die italienifche 
Flotte. Zu dieſem Zwecke zog auch ſchon Stalien in Taranto die Ylotte und 
in Barletta eine Heine Landungstruppe zufammen. Als man in Wien davon 
Wind befam, beeilte man fi, den Kreishauptmann von Kotor („Cattaro”), 
Koportiäitih, nach Getinje zu fenden, um den Yürften zur Neutralität zu be- 
wegen. Die Verhandlungen wurben feitens Montenegro im Mai 1866 vom 
Großherzog Mirko (Vater des Fürften Nikola) und Nilolas Gebeimfdhreiber 
Jovan Sundetſchitſch geführt. Mau einigte fich fchlieklih dahin, daß Fürft 
Nikola verfprady, nicht nur neutral zu bleiben, fondern fogar im Falle eines 
Angriffs der Staliener auf die Bocche diefe zu verteidigen, wogegen Üfterreich 
fich verpflichtete, für „ewige“ Zeiten ein Jahrgeld von 20000 Gulden zu zahlen 
und alle montenegrinifhen Flüchtlinge — namentlich die Verwandten des Yürften 
— aus Dalmatien, mo fie gegen Nikola Ränle fohmiedeten, zu entfernen. ALS 
dies in Stalien befannt wurde, verzichtele man auf den Angriff gegen die 
Boche und richtete ihn lieber gegen Lifja. 

Das erfte felbitändige politiiche Auftreten des Fürften war aljo ein wirklich 
Huges und ber Vorteil, den er aus dem freundfchaftlichen Verhältniffe zu Diter- 
reich 309, hätte ihn darüber belehren können, daß es für Montenegro befjer war, 
das nahbeliegende Gute zu erfaffen, ftatt in die Yerne (nah Moslau) zu 
fhweifen. Aber leider übermog fpäter feine Habfucht und er bielt fih an dem, 
der ihn befler zahlte. Und das war leider Rußland! 

Im Yahre 1869 trat abermals eine kigliche Frage an Nikola heran: bie 
Boccheſen hatten die Waffen ergriffen, um ihre vertraggmäßigen Vorrechte zu ver- 
teibigen, die von der Wiener Regierung unter Berufung auf die verfaffungs- 
mäßig gleihen Pflichten aller Untertanen aufgehoben worden waren. Nach 
dem Wortlaut ded Vertrags, durch den Montenegro die von ihm eroberte 
Boche 1814 freiwillig und ohne Entfhädigung an Vfterreich abgetreten hatte, 
bieß e8 aber ausdrädlih, daß im Falle der Aufhebung der Vorrechte der 
Bochhefen, diefe wieder an Montenegro zu fallen hätten. Nikola hätte alfo 
jegt Gelegenheit gehabt, diefe Bertragsbejtinmungen geltend zu machen. Daß 
er e3 nicht tat, war die Folge eines Winfes aus St. Petersburg, daß jebt nicht 
bie Zeit fei, einen großen Krieg zu entfeffeln. Denn e8 war anzunehmen, daß 
Dfterreih die Bocdhe nicht freiwillig herausgeben würde und an Gewalt war 
nur dann zu benlen, wenn Rußland belfend zur Seite ftand. Gortſchakow 
wollte aber damals feinen Krieg. So ging alfo die Gefahr vorüber, um fo 
mehr, als Dfterreih ohnehin nach zweimonatlichen fruchtlofen Kämpfen mit den 
Bochhefen den Frieden von Knezlac ſchloß, in welchem die Vorrechte der Boccheſen 
weiter anerkannt blieben. 

Das gute Verhältnis des Fürſten zu Äſterreich war aber den Ruſſen ein 


König Xifola von Montenegro und feine Politik 183 





Dorn im Auge und anfangs der fiebziger Yahte trat eine Spannung zwifchen 
St. Petersburg und Getinje ein, die fo arg wurde, daß Nikola, als er behufs 
Ausföhnung perfönlich zum Zaren fommen wollte und deshalb anfrug, ob fein 
Beiuc, willlommen wäre, die fühle Antwort erhielt: „Jeder mit einen regel- 
rechten Paß verfehene anftändige Menich darf nad) Rußland kommen“. 

Yun jene Zeit dürfte es fallen, daß Nilola der öfterreichifcehen Regierung 
den Borjhlag machte, fie möge ihm die Bocche abtreten, wogegen er filh an- 
Beilhig made, in der Herzegomwina einen folden Aufftand bervorzurufen, daß 
er Vfterreich Gelegenheit biete, Bosnien und die Herzegowina zu befegen. Ich 
glaube nämlid, daß diefer Vorichlag es war, der die erwähnte Verftimmung 
zwifchen Rußland und Montenegro bewirkt hatte, trogdem Lfterreih auf ben 
Borichlag nicht eingegangen war. Aber fhon der Rorfchlag an fih wirft auf 
den Fürften Rilola ein eigentümliches Lit. Yür ein Linfengericht wäre er 
fofort bereit gewejen, alle von ihm fonft fo bochgepriefenen Ziele preiszugeben. 
Sp benahm er fi übrigens immer! 

Das fehnfüchtigfte nächfte Ziel der Montenegrineer war die Erwerbung 
eines Hafens gemejen, der ihnen ungehinderte Verbindung mit der Außenwelt 
ermöglicht hätte. Nikola batte deshalb fehon 1866 mit der Pforte Unter- 
bandlungen angelnüpft (mahricheinlicd während des öjterreichiichen Krieges, um 
einer Einiprache feitens Ofterreich3 vorzubeugen), die tatfächlich dazu führten, daß 
die Pforte den Heinen an Ofterreich ftoßenden Hafen Spitfh an Montenegro 
abtrat. Da legten fidh aber England und Frankreich ins Mittel, melde — in 
Unfenntmis der wirklichen Beichaffenheit diejes „Hafens“, der höchftens für 
Filherbarlen geeignet ift — dagegen Einipradde erhoben, weil fie fürchteten, der 
Hafen könnte dann — ruffiihde Flottenftation werden! Um alfo menigjtens 
auf Ummegen mit der Außenwelt in Verbindung zu treten, ließ Nikola einen 
Dampfer am Scutari-See bauen und dafür einen Landeplap in Rijela an- 
legen. 8 war allerdings nur eine Art Dampfbarkaffe von höchftens 20 Tonnen, 
aber dafür fonnte fie durch die Bojana bis zum Meer fahren. Als fie dies 
aber verfuchte und dabei natürlich durch türfifches Gebiet fahren mußte, legten 
die Türken Verwahrung gegen den Gebrauch der montenegrinifchen Flagge ein, 
die bisher unbelannt gemefen fei. Aber Nikola verjtand es fo gefchict zu ver- 
handeln, daß er die Anerkennung feiner Slagge durchfegte. Er erreichte dies 
dadurch, daß er den Türken Freundichaft heuchelte, indem er ihnen vorfpiegelte, 
daß nur feine Untertanen jo unrubige Köpfe feien, er aber verjtehe es, fie im 
Zaum zu halten, und wenn die Türkei ihm Kleine Gefälligfeiten erweifen wollte, 
fo verpflichte er fih, die Montenegriner ftet3 zurüdzubalten. Diefes Spiel fonnte 
er dank der türkifchen Leichtgläubigfeit bis zu feiner Kriegserklärung fortſetzen! 
Wie wenig gewiffenhaft er fidh dabei der Türkei gegenüber benahm, zeigt 
folgender Vorfall: in den fechziger Sahren hatte Nikola die auf türkifchem 
Gebiet Iiegenden, aber ftrittigen Weidepläge von Velje Brdo für eine Million 
Viofter an die Türkei verlauft. Weil dies in Montenegro böjes Blut machte 


184 König Nikola von Montenegro und feine Politif 


und die Montenegriner erflärten, daß fie ohne die MWeidepläbe ihr Vieh nicht 
ernähren Tönnten, nam Nilola fie 1870 gemütlid) wieder in Beil. Das 
wollten fi die Türken natürlih nicht gefallen Taffen und fie fehlugen Lärm. 
Und was war das Endet... Die Türken zahlten, um den „guten Freund” 
in Getinje nicht zu verfchnupfen und feine Stellung gegenüber feinen Unter- 
tanen nicht zu erjchättern,  abermald eine Million Piafter und — ließen die 
Weideplätze in montenegriniihen Händen Diefes feltfiame Geihäft fand 
natürlich den größten Beifall feitens der braven Montenegriner und feit jener 
Zeit galt ihnen ihr Fürft als die Krone aller Geriebenheit! 

| Ende 1874 wurden 22 waffenlos auf den Markt nad) Podgorica fommende 
Montenegriner ohne Anlaß von fanatifden Türken ermordet. Dies führte faft 
zum Kriegsausbruh. Aber Montenegro war damals noch nicht gerüftet. Es 
befaß nur 16 gezogene Gebirgsgeihhüke, 10000 ruffiide Krnla-Hinterlader, 
einige taufend öfterreichiiche Werndl- und Wänzel-Gemwehre, fonft nur Vorder- 
lade. Das genügte nicht zur Bewaffnung aller Montenegriner. Deshalb 
begann Nikola fid mit Rußland behufs Einfuhr von Waffen zu verftändigen, 
doch war eine foldde ohne Zustimmung Dfterreich8 und der Türkei unmöglich, weil 
Montenegro vom Meere'abgefchnitten war. Da dadite Nikola an eine Aufftacdhlung 
der Herzegominer, die längft mit dem ZTürfenjodh unzufrieden waren und von 
denen die NRechtgläubigen den Anflug an Montenogro, die Katholifen jenen 
an Üfterreih wünfhten. Aus legterem Grunde machte fi Nikola die Reife 
des Kaifers Yranz Yofef nad Dalmatien zunuge, um den Herzegominern weis- 
zumachen, daß auch Dfterreich den Aufftand wünfde, und fo erhob fi bald 
darauf die Herzegowina, indem fie — öÖfterreihifhe Fahnen aufpflanzte.. Db 
der Führer Ljubibratitfch dies im Einverftändnis mit Ofterreich tat, wie Nikola 
behauptete, bleibt unflar. Xatfache ift aber, daß der Fürft Sorge trug, daß 
Liubibratitiö befeitigt und an feine Stelle Pelo Pavlovitih zum Yührer der 
Aufftändifchen gewählt wurde, der ganz fein Gefhöpf war. Allerdings war er 
wirfiih ein Außerft tüchtiger Führer, der fih an ber Spike der 7000 Herzego- 
winer im Krieg von 1876/78 unfterblicden Ruhm erwarb, aber fpäter von 
Nikola ebenfo undankbar behandelt wurde, wie fo viele andere, die ihm große 
Dienfte geleiftet hatten, fo daß er gefräntt nad) Bosnien auswanderte und 
Dfterreicher wurde, — ein Beifpiel, dem viele andere Unzufriedene in den 
aßtziger Jahrer folgten, darunter der reichite Mann Montenegros, der Minifter 
Maſcho Vrbica. 

Als der Aufſtand im beſten Gange war, lud Nikola den Fürſten Milan 
ein, mit ihm gemeinſam der Türkei den Krieg zu erklären, um Bosnien und 
die Herzegowina zu befreien. Milan ging wohl darauf ein, traute aber dem 
geriebenen Fuchs der Schwarzen Berge ſo wenig, daß er zur Bedingung machte, 
erft müßte ſich Montenegro im Krieg befinden. Nikola wollte davon nichts 
wiſſen, weil er ſeinerſeits Milan auch nicht traute. Rußland mahnte ab, weil 
es mit ſeinen Rüſtungen noch lange nicht fertig ſei, aber Nikola erkannte bald, 


König Nikola ven Montenegro und feine Politif 185 


Daß er die Geifter, die er gerufen Hatte, nicht mehr Ioswerden Tonnte. Cr 
begann alfo Unterhandlungen mit den Mirediten, deren Sendling mir fagte, 
er hätte als Lohn für das Mitwirken am Aufitand vollitändige Unabhängigkeit 
und Herrfhaft über die anderen Norbalbanefen, fowie eine bedeutende Summe 
Geldes verlangt, welch lettere der Fürft — geizig und babfüchtig wie immer! — 
nicht zugeftehen wollte. Auch 5 Häuptlinge der Hoti, die nach Cetinje ge- 
fommen waren und fi) erboten hatten, mit Montenegro gemeinfame Sache zu 
madıen, wenn fie Geld und Waffen erhielten, murden abgemiefen. Auf meinen 
diesbezüglichen Vorhalt fagte mir der. Fürft, er traue den Albanefen nicht; fie 
fönnten daS Geld nehmen und dann die erhaltenen Waffen gegen ihn Tehren. 
&o fam e8,' daß dann im Krieg von 1876/78 die Maljiforen auf Seite der Türken 
gegen Montenegro fämpften. Und das alles, weil Nilola nicht mit Gelb beraus- 
rüden wollte; denn fein Grundfaß war immer: „Nehmen ift feliger als Geben!“ 

Um Milan zum Mittun zu bewegen, mwühlte Nilola in Serbien gegen ihn 
und ließ ihn für fein Leben fürchten. Dennoch Eonnten fild die beiden Fürften 
no) nicht einigen, als im Frühjahr 1876 im Bulgarien der Aufftand aus- 
brach, der von den Türken niedergefchlagen murbe. 

Fest erit am es zmwifchen den beiden Fürften zur Einigung und Nikola 
verpflichtete ih, fofor nach der ferbifchen Kriegserflärung die jeinige folgen zu 
ofen. Um aber die Türken einzulullen, verficherte er ihnen, er werde neutral 
bleiben, jofern fie ihm einige Kleine Grenzabtretungen madten. Im Vertrauen 
darauf ließen die Türken die Herzegowina unbefegt, jo daß es Nilola ein 
Leichtes geweien wäre, binnen vier Tagen in Moftar zu fein. Statt dem ver- 
trödelte er zwanzig Tage zur Zurücdlegung einer Strede, die er beim Rüdzug in 
drei Zagen zurüdlegtel Dadurch) wurde der Angriffsfrieg zu einem Ber- 
teidigungsfrieg, der zwar den Montenegrinern unfterbliden Ruhm eintrug, 
aber nicht die erhoffte Eroberung der Herzegowina. Die Schuld trug Fürft 
Nifola allein, denn feine ftrategifche Unfähigfeit überjtieg alle Grenzen und 
die Stege famen nur auf Nedinung der monienegriniihen Zapferfeit und der 
glänzenden Eigenfchaften mehrerer montenegriniiher Bojvoden. 

Nach) dem Krieg brach für Montenegro eine neue Ära an. Das fon 
früher mit fpärlichen Mitteln begonnene Kulturwert wurde jeht mit größeren 
fortgejegt, aber das koftete Geld und der Fürft, ftatt die ihm zufließenden 
Gelder zum Beten deB Landes zu verwenden, behielt fehr viel für fi. Seine 
Gegner werfen ihm fogar vor, er habe 1878 die herzegomwinifchen Aufftändifchen 
für etlide Millionen (man nannte mir die Summe, doc) habe ich fie vergefjen) 
an Öfterreih verlauftl. Wenn etwas daran ift, dürfte es vielleicht fo zu 
erflären fein, daß LOfterreih dem Fürften eine Entihädigungsjumme zahlte, 
wogegen diefer fich mit der Heinen Grenzregulierung in der Herzegowina begnügte 
und feinen Einfluß verwendete, daß ſich die Herzegowiner der öſterreichiſchen 
Herrſchaft fügten und daß er dann dieſe Summe er ſich behielt. Ahnlich 
fieht ihm derlei allerdings. 


186 König Xifola von Montenegro und feine Politif u 

Das nädfte Jahrzehnt nad) dem Kriege war für Montenegro ein jehr 
trauriges. ine fürdterliche Willtürmwirtfhaft riß ein. Der Fürft herrjchte als 
unumfchränkter Tyrann, beutete das Volt aus und ließ feine Günftlinge derart 
wirtihaften, daß viele anftändige Elemente e8 vorzogen, ihrem Waterlande den 
Rüden zu lehren. Einige fuchten in Bosnien Zuflucht und wurden Dfterreicher, 
andere wanderten nach Amerila aus. Berfhmörungen wurden angezettelt und 
entdeckt, die Kerfer füllten fih mit Schuldigen und Unfuldigen. Wie des Fürjten 
Gegner mir mitteilten, verwendete er verfchiedene elende Subjelte ald „agents 
provocateurs“, indem er dur fie jene Unzufriedenen, die ihm gefährlich 
i&hienen, gegen die er aber nicht vorgehen Tonnte, ins Garn loden und dann der 
Berihwörung anflagen und unfehäblich machen ließ. Da mir dies aud) von Leuten 
unanfechtbarer Nechtlichkeit (3. B. Garafhanin und Horvatopitich) beftätigt wurde, 
muß e8 wahr fein. Die Auswanderung aus Montenegro nahın [&hließlidh einen 
folden Umfang an, daß eine völlige Entvölferung drohte. Bon kaum einer 
Viertel Million waren über 50000 ausgewandertl Dazu verarmte das Bolt 
vollftändig, während der Fürft zum mehrfahen Milltonär wurde. Das hatte 
aber auf feinen Geiz feinen Einfluß. Er machte fich nichts daraus, feine 
nächften Verwandten übers Dhr zu hauen. Seinem Eidam, dem König Peter 
von Serbien, fehuldet er heute noch nicht nur die Mitgift, die er felbit feiner 
älteiten Tochter Zorka ausgefegt hatte, fondern auch jene 100000 Rubel, die 
ihm der Zar zur Erhöhung der Mitgift gefpendet Hatte! Er behielt nämlich 
beide Summen für fi, mas Peter Karagjorgjeviti für immer verfchnupfte. 
Sogar in Kleinigfeiten zeigte fich feine Habfudt. ALS der Bladika (Biſchof) 
von Montenegro ein prächtiges Pferd zum Gefchen! erhielt, fagte ihm der Fürft: 
„Was braudft du als Bilchof ein Pferd! Übendrein ein fo fhönes! Wo 
bo der Heiland felbft nur auf einer Efelin geritten ift! Das Tann ich felbit 
viel befjer brauchen!” Sprads, fhwang fih aufs NRoß und verfhwand damit 
zum Schmerz de8 armen Dlabifa. Überhaupt Tonnte man nicht vorfictig 
genug gegen ihn fein. ALS ich feine militärifche Unfähigkeit und feine fonftigen 
ichledten Seiten in meinem Erftlingswerle, fowie in meinem breibändigen 
„zurlo-montenegriniihen Krieg 1876/78" in der fehärfften Weife gegetßelt 
hatte, fuchte er 1879 Annäherung, indem er mir durch Brbica die Stelle eines 
montenegrinifhen Minifterrefidenten an den europäifchen Höfen antrug, fofern 
ih die öfterreihifhe Staatsbürgerjchaft mit der montenegriniien vertaufche und 
dann nad Getinje zurüdlehre, um alles zu befpreden. Weil ih nicht traute, 
verlangte ich von ihm die Hinterlegung von 100000 ©ulden in Wien, bie 
meiner Schweiter zuzufallen hätten, falls Nikola entweder feine Zufage nicht 
balte oder mir in Montenegro ein Unglüd zuftoße. Das lehnte Nikola „als 
gegen feine Monarchenwürbe verftoßend” ab und ich wußte nun, was id) Davon 
zu balten hatte. Nikola war eben ftet$ bereit, alle mit denen er zu tun hatte, 
übers Ohr zu bauen. 

Dies zeigte fich auch in feiner zwifchen Ofterreich und Rußland fhwanfenden 


König Yifola von Montenegro und feine Politif 187 


— 


Politik. Üfterreich gegenüber verfucdhte er diefelbe Nole zu fptelen, die er bis 
1876 der Pforte gegenüber gefpielt hatte. Cr beucdhelte Freundfchaft für 
Dfterreih und Verehrung für den Raifer, deffen koftbare Gefchenfe er ftetS gern 
annahm. In Wirklichleit aber war er Koftgänger Ruklands. Dies nüßte er 
aus, um fich zu bereichern, indem er das aus Rußland zur Verteilung an die 
Dungernden Montenegriner gefandte Getreide diefen nicht fchenlte, wie bie 
Spender verlangt hatten, fondern es ihnen zu hoben Breifen verfauftel Auch 
fonft wanderten zahlreihe aus Rußland für das Volk gelommene Geld- und 
fonftige Sendungen in feine Tafhe. Dadurch fanf fein Anfehen im Bolte 
ganz bedeutend. . 

Nußland hielt ih ihn feit der Zeit, da Alexander ‚der Dritte ihn als 
„einzigen Freund“ bezeichnet hatte, warn. Der heutige Zar Nilolaj der Zweite 
war als Kronprinz in Nilolas Tochter Selena ganz verliebt und wollte fie 
durchaus heiraten. Alexander der Dritte legte fein Veto ein, weil es ihm 
demätigend erjchien, daß der Gefarevitfh mit der Tochter eines Tleinen Fürften 
vorlieb nehmen jollte. So gab man denn Sfelena dem Kronprinzen von Stalien 
zur rau, der weniger anfpruchsvoll war. Dies bradte ein neues Leitmotiv 
in das europäifche Konzert. talten hatte längft die Abficht, an feinem öfter- 
reihifehen Bundesgenoffen zu gegebener Zeit Verrat zu üben und dazu bedurfte 
e3 der montenegrinifchen Mithilfe, weil es fonft nicht auf die Adria-Herrichaft 
rechnen Fonnte. Nilola hatte allerdings nicht die Abficht Jtallen fi) am öftlihen 
Adria-Ufer feftjegen zu laffen, fondern er wollte nur nad) alter Gewohnheit 
jeinen italienifhen Eidam gleichfalls übers Dhr hauen, d. h. ihn nur ausnüßen. 
Da aber die Italiener geradefo berechnend find, wie Nilola, famen die beiden 
bald übereinander und Rußland hatte viel zu tun, zu befehwichtigen und aus- 
zugleihen, denn auch Rußland war von Jtaliens Abfiht, die Treue zu breden, 
unterrichtet und batte fie in Rechnung gezogen. 

m Frühjahr 1912 gelang es der ruffiihen Diplomatie zwifchen Serbien 
und Bulgarien einen Geheimvertrag zuftande zu bringen. Griechenland und 
Rumänien lehnten den Beitritt zu einem folden Bunde ab und Montenegro 
fheint nad alter Methode eine ausmweichende Antwort gegeben zu baben. 
MWahrjcheinlich wollte Nilola (der mittlerweile 1910 zum König vorgerüdt war) 
fein Mittun von den erften Erfolgen im Krieg abhängig machen. Venizelos 
erhielt durch die von Nukland ausgeftredten Fühler die dee zum Ballanbund. 
Er ftellte den Serben, Bulgaren und Montenegrinern vor, daß es am beiten 
wäre, ohne Mittun einer Großmadt die Drientfrage endgültig zu löfen, wozu 
man ftarf genug fei. Das unmöglid Scheinende wurde zur Tat. Dem fchlauen 
Benizelos gelang es wirklich alle vier Staaten zum Baltanbund zu einigen. 

m Bundesvertrag war feitgefegt worden, daß Bulgarien einhundertund- 
zwanzigtaufend Mann zur Unterftübung der Serben nad) Dtaledonien entjenden 
folle. m Wirklichkeit fandte e8 aber nur zmanzigtaufend, weil es feine Hauptmadht 
lieber gegen Adrianopel bzw. Konftantinopel verwendete. Im Gegenteil, als e3 


188 König NXifola von Montenegro und feine Politif 











außerftande war, Abrianopel zu bezwingen, erbat e8 von Serbien Hilfe und 
diejes fandte den General Stefanomwitich mit achtzigtaufend Dann, die die Feftung 
zum Yal braten. Diefe Umkehrung der Hilfeleiftung wurde von den Serben 
zum Anlaß genommen, als Entfhädigung die größere Hälfte von Makedonien 
zu fordern. Weil Bulgarien dies nicht gelten lafien wollte, brach der zweite 
Balfantrieg 1913 aus, in dem die Montenegriner au) gegen die Bulgaren 
Tämpften. 

Rußland fuchte den neuen Ballanbund für feine Zwede auszunügen. 8 war 
nämlich zwifchen Serbien und Griechenland ein Bündnis abgefchloffen worden, das 
feine Spige gegen Bulgarien richtete und dem Rumänien infofern al$ ftiller Zeil. 
nehmer beitrat, al3 e3 verficherte, e8 werde gleichfalls, wenn aud) ohne Vertrag, die 
Waffen gegen Bulgarien Tehren, wenn dieſes Miene machen jollte, ben 
Qufarefter Vertrag zu verlegen. Nubland wußte dies und bewog Montenegro 
zu einem Sondervertrag mit Serbien, durch den fich jeder der beiden Staaten 
verpflichtete dem anderen beizuftehen, falls er von Ofterreich angegriffen werden 
follte. MS dann 1914 Dfterreih an Serbien den Krieg erflärte, faß Nikola 
in der Yale; denn er war jeher gegen ben Krieg, von dem er nichtS Gutes 
erwartete und er flo fih nur wegen bes beftehenden Vertrags an Serbien 
an, führte aber den Srieg ziemlich läffig. Uffenbar hoffte er, auf diefe Weile 
zwifdhen Scyla und Eharybdis lavieren zu Lönnen. Aber er hatte fidd getäujcht, 
und nach der Niederwerfung Serbiens fam an ihn die Feihe. 








Gallieni 


Aus meinem Briefwechfel mit dem franzöfifchen Kriegsminiſter 
Don Rudolf Wagner 


Be 5 war zwar im mejentlien nur ein Tolonialpolitifcher Gedanken 

| g x austaufd, der mir die Gelegenheit zu näheren freundlien Be» 
0 ziehungen zu General Gallieni, dem damaligen Gouverneur von 

Hd 9 A NMadagaslar und nachherigen Korpskommandeur von Lyon ver⸗ 
u Ihaffte.e Aber als mir jüngft feine zahlreichen Briefe, die aus 
den ‘jahren 1900—1907 ftammen, wieder einmal in bie Hände fielen, babe 
id doc fo mandherlei Bemerkungen darin gefunden, die uns einen Blid in die 
Gedanfengänge unferes jebigen vornehmften Feindes tun laſſen. Ich Tann 
Herrn Profefjor Dr. M. %. Wolff (Grenzboten, Heft 2) nur beiftimmen, wenn er 
den Kriegsminifter Gallieni alS eine der wenigen felbjtändigen Berjönlichleiten des 
gegenwärtigen franzöfiichen KabinettS bezeichnet. Er ift — 3. 3. im Segenfat 
zu dem Nur-Militär Yoffre — entfejieden eine politiiche Berfönlichkeit, die fich 
nicht |cheut, der befannten franzöfifchen Großfprecherei und dem Bureaufratismus 
zu Leibe zu gehen und feine Anfichten unverblümt auszufpreden. Aus 
mandherlei fritifhen Berygrlungen in feinen Briefen an mich geht dies un- 
zweifelhaft hervor. Außerdem aus feiner praftifden Bolitil, die dem Vermwal« 
tungSapparat auf Madagasfar im Gegenfa zu mandherlei Verordnungen vom 
Grünen Tiſch, über die er gelegentlich Hagte, etwas wirtichaftliches Denken ein- 
zuhaudden verjudhte. 

3 möchte gleich vorausfchiden — weil mir dies viele Worte erfpart — 
daß Gallieni an mich deutfch fehrieb, und zwar ein recht anftändiges Deutich. 
Und das Bemerfenswertefte tft, daß er diefes Deutfch nicht in der lateinifchen 
Schrift des Franzojen, fondern in beutfchen Buchftaben fchrieb. Das ift für 
einen tomanijhen Ausländer feine Kleinigkeit. Man merkt feinen Briefen an, 
daß es ihm entfchieden Freude machte, mit einem beutfchen Publiziften feine 
Gedanlen über die und jene Folonialpolitifchen Fragen auszutaufhen. Er las 
offenbar eine Reihe beuticher Zeitungen und Zeitfhriften, 3. 3. finde ich bie 
„Kölnifche Zeitung”, das „Militär-Wochenblatt“, die „Deutfche Kolonialzeitung“ 
und aridere wiederholt zitiert. Seine folonialpolitif hen, manchmal febr treffenden, 
mandmal auch einfeitig franzöfifchen Urteile intereffieren hier weniger. Dagegen 
fiel mir auf, daß feine Abneigung und fein Mibtrauen gegen die Engländer, 





190 Gallieni 


die jüngft befanntlich in feinem Sriegsrat in Paris zutage traten, au) aus 
feinen Briefen an mich deutlich herauszulefen find. Er ftand ber englijchen 
Kolonialpolitit entfehteden weniger jyınpatbifch gegenüber wie der beutfchen, die 
er mit freundlichem Snterefje verfolgte. 

Eine Äußerung Gallienis nur möchte ich wörtlich anführen, weil fie aufs 
militärifch-politifehe Gebiet herüberfpielt und nach verfchiedenen Seiten Schlüfie 
auf die politifhen Anfchauungen des gegenwärtigen franzöfifden Kriegsminifters 
zuläßt. Der betreffende Brief ftammt vom März 1904, aus der Zeit des 
großen Aufftandes in Südmeft. Er fchreibt darin: „ch verfolge meinerfeits 
mit Aufmerlfamleit die Fortfchritte der deutihen Kolontalentwidlung. Die fehr 
eingehenden Artilel des ‚Milttär-MWochenblatts’ Halten mich auf dem Laufenden, 
was die Ereigniffe im Damaralande und die verfchiedenen Zufälle des Herero- 
aufftandes betrifft. Ich fehe mit Vergnügen, daß biefer Aufftand zu Ende zu 
fein fcheint und die$ wegen der Gejchiclichleit und der Entieidungskraft, mit 
welcher die militärifhen und politifchen Maßregeln getroffen worden find, und 
aud dan? der fchönen Eigenfchaften des deutfchen Soldaten, der von Anfang 
der Operationen an foviel Diut und Ausdauer gezeigt hat. 

Erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß meiner Anfiht nach Ihre Regierung 
gut täte, fobald als möglich eine Kolonialarmee zu fchaffen. Diefe, durch forg- 
fältig refrutierte europätfhe Formationen eingefaßt, müßte aus zahlreichen 
Eingeborenentruppen bejtehen, welche allein fähig find, lange einem tropifchen 
Klima zu widerftehen und ihre Rafjegenoffen mit Erfolg zu befämpfen.“ &s 

folgen dann Einzelheiten, die bier außer Betracht bleiben Lönnen. 

| Aus diefen Äußerungen Galienis geht m. €. zweierlei hervor. Zunädjit 
fann man aus ihnen unzweifelhaft freundliche Gefinnungen gegenüber Deutich- 
Iand herauslefen. Dies beftätigen mir gelegentliche Außerungen in anderen 
Briefen, die die Vorteile eines Tolontalen Zufammengehens mit uns andenten. 
- Aber au), wenn man die beifälligen Äußerungen über die Beendigung des 
Hereroaufftandes, über unfere militärijch-politifhde Energie und die Tüchtigkeit 
des deutichen Soldaten als franzöfifche Höflichkeiten einjchäht, jo bleibt Doch bie 
ZTatfadhe beftehen, daß Gallient (was er fpäter aud) direft äußerte), Teinen Sinn 
für die englifche Politif hatte, die die Aufftändifchen in Süomelt als kriegsführende 
Macht anerlannte und auf Ummwegen begünftigte, ftatt im SInterefie einer 
tolontalpolitiiden Gemeinbürgfhaft der Europäer und im nadhbarlichen Snterefie 
eine rajhe Niederwerfung des Aufftands zu wünfdhen. Für Gallient als 
ebrlihen Kolonialmann war der Krieg in Südweft eben felbftverftändlich ein 
Eingeborenenaufftand und nichts anderes. 

Aus dem zweiten Teil feiner Äußerungen geht ferner deutlich hervor, daß 
ein Kampf zwilchen Franzofen und Deutfhen in Afrifa außerhalb feiner 
Gedanken lag, denn fonft würbe er uns nicht die Schaffung einer Kolonialarmee 
empfohlen haben. Hätten wir bdiefe Kolonialarınee gehabt, fo wäre mohl 
mandes anders gelommen. 


— 


⸗ 


Gallieni 191 


Es iſt doch Mar, daß Gallieni als franzöftfcher Dffizier zweifellos im 
Gedanken an die Möglichkeit eines fpäteren Krieges mit Deutichland groß ge- 
worden if. Er nahm aber offenbar als felbftverftändlih an, dab in einem 
folden Krieg die Kolonien im Hinblid auf die gemeinfamen SYntereffen der 
weißen Raffe gegenüber den Eingeborenen aus dem Spiel bleiben müßten. Ein 
im Kolonialdienft grau gemordener Offizier wie Gallieni Tennt zu gut bie 
Schädlichleit folder Kämpfe: er weiß, daß das Schidfal der Kolonien auf den 
beimifhen Schlachtfeldern entjchteden wird und daß es daher finnlos tif, Die 
fower erlauften Kulturerrungenihaften draußen und das Anfehen der weißen 
Raſſe bei den Eingeborenen aufs Spiel zu fehen. 

Bei aller Herzlichkeit felbft eines langjährigen Gedanfenaustaufcdhes mit 
Deutihen brauchen wir uns aber feineswegs einzubilben, daß Gallieni etwa 
deutichfreundlich im politifchen Sinne genannt werden Tann. Er denit in feiner 
jegigen Stellung jchwerlid daran, ung irgend etwas zu erfparen, und wird im 
Gegenteil alles daran fehen, uns zu fhaden und uns niederzuzmingen. Er ift 
unfer Feind, ‚und ein energifcher und geiftig hochitehender dazu, und wenn wir, 
wie wir zuverfichtlich hoffen, der Franzofen endgültig Herr werden, jo hat dies 
fiherlih nit an Gallieni gelegen. Aber darüber hinaus wird auch eines 
Tages die Zeit fommen, dba man über den Frieden reden wird, da auf beiden 
Seiten Männer gefucht fein werden, die nicht finnlofe Hafler find, fondern in 
verftändnisvoller Würdigung des Gegners die Dinge zu mwägen verftehen. Da 
Iönnen wir wohl annehmen, foweit dabei der gegenwärtige franzöfiiche Kriegs- 
minifter in Betracht fommt, daß fi) mit einem Manne, der fidh fo fehr bemüht 
bat, in deutfches Wefen einzubringen, daß er Deutfch fogar mit deutichen Buch- 
ftaben fchreibt, eine8 Tages auch deutih reden läßt. 








Dioniere 


Wir Eopfen und hbämmern in Gruben und Gräben 
Und fohlagen die Bogen der Brüden fo ftolz 

In Stein und in Holz 

Uber Schludhten und Grfinde 

Trogß brüllender Schlünde. 

Wir ebnen den Weg für Menfhen und Ziere, 

Für den Mari der Kanonen, 

Und will man uns ehren, und will man uns lohnen, 
Gereiht ung das Wort zur berrlichiten Ziere: 

„But gemadt, Pioniere!’ 


Wir Ichaffen in unterirdiihen Tiefen 

Und fchaufeln, in Not und Gefahren vereint, 
Das Grab für den Feind. 

Seht, wir fitten die Stollen, 

Meil wir vorwärts wollen, 

Nicht mit Kall oder Lehm — nein, getreu dem Paniere, 
Unter Schmerzen 

Mit dem dampfenden Blut unfrer jungen Herzen, 
Und fragte uns jemand, was uns dazu führe, 
60 fagen wir nur: 

„Wir find Pioniere!‘ 


Wir bahnen den Weg für die, die uns folgen. 
Aus Wirfal und Naht und Sturmesgebraus 
Führt ein Weg hinaus, 
Der muß unfer werden: 
Zum Frieden auf Erden. 
Und hoffen wir, daß alle Not fi} verliere, 
Alles Leid und Haffen, 
So wollen wir do den Glauben nicht Iafien, 2 
Daß die Wahrheit dereint in der Welt triumpbiere: 
„Sie find do Pioniere!‘ 
Don Werner Peter Larfen 


Allen Manuftripten ift Borto hinzuzufügen, ba andernfalls bei Ablehnung eine Rädienbung 
nicht verbürgt werden Tann. 


Nachdruck ſamtlicher Aufſaͤze nur mit anusprädiicher Erlaubnis bed Berlags geftattet. 
Berantweortli: der Herausgeber Georg Eleinomw tn Berlin- Lichterfelde Weit. — Wanuftriptiendungen und 
Briete werben erbeten unter der Adreſſe: 

Un den Herausgeber ber Srenaboten in Berlin - Kichterfelde We, Eternftrate 56. 
Berufpuodher des Heranscebers: Amt Bichterfeide 498, bes Berlags und der Schriftleitung: Amt Kkyemw E50. 
Berlag: Berlag der Grenzboten &. m. B. 9. in Berlin SW 11, Zempelbojer Ufer 85a 

Drul: „Der NReidyöbote" ©. u. 5. 9. in Berlin SW 11, Defianer Straße 38,37. 


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Die amerikaniſche Organiſation in China 






EFeitdem ſich in den Vereinigten Staaten der Entſchluß, die Be— 
TR hinderung der weltwirtichaftlichen Betätigung Deutfchlands für die 


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REN 1 Eroberung der deutfehen Gejchäftsbeziehungen zu den aufnahnıe- 

ER fähigiten Märkten der Erde auszunugen, zu einem forgfältig durch. 

= gearbeiteten Feldzugsplane verdichtet hat, Fönnen wir beobachten, 

daß fih außer Lateinamerifa und Rupland vor allem China der Yebhafteiten 
Liebeswerbungen de3 rührigen Nanteegeiftes erfreut. Bon einer Welle freund- 
Ihaftliher Gefühle der über Japans gemalttätigen Egoismus tief empörten 
Chinejen für die Vereinigten Staaten getragen, bemühen fi) amerifanifhe Ka- 
pitalien und Unternehmungen angelegentlichjt um die Förderung der wirtfchaft- 
Iihen Wiedergeburt der ältejten und volfreichiten aller Iebenden Nationen, welche 
jegt al3 eine der legten endlich darangeht, ihre gewaltigen natürlichen Hilfs- 
quellen zu entwideln. BiS zum Beginn des großen europäifchen Krieges waren 
die Vereinigten Staaten nur mit act Prozent an Chinas Einfuhr beteiligt. 
Ein genial organifierter Angriff der dur) daS „Bureau of Foreign and 
Domestic Commerce“ gejhidt und nahprüdlich unterftügten und vor allem 
zuverläffig unterrichteten, durch die außerordentliche Gelegenheit mächtig auf- 
gejtahelten Unternehmungsluft der amerifanifhen Großfinanz, der amerifanifchen 
Gropßinduftrie, des Großhandel und der Technik fol nun durch ein Vorzugs- 
tet der Bereinigten Staaten auf die Verforgung des größten gefchlofjenen 
Kundenkreifes der Erde gekrönt werben. 

Eine glänzend angelegte, höcdjt wirkungsvolle Propaganda Härte die 
amerifanijhe Gejchäftswelt zunädhjt über die allgemeinen Ausfichten und Voraus: 
jegungen für eine Förderung des Handels zwilden Amerifa und Ehina auf. 
Sn den erften Jahren des neuen Jahrhunderts waren die amerilanifchen Handels- 
interefjen in China noch jehr gering. Seitdem wirkten mehrere bedeutungsvolle 
Umftände zufammen, um Amerifas Einfluß im Rei der Mitte zu fteigern. 
Die Erwerbung der Philippinen Ientte die Aufmerkfamkeit der Vereinigten 


Örenzboten I 1916 13 


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194 Die amerifanifche Organifation in China 


Staaten auf den pazififchen Dften und diejenige Chinas auf den amerilanifchen 
Weiten. Der Bau des Panamalanals regte mächtig zur Beichäftigung mit ben 
Möglichkeiten an, die fi dem Ausbreitungsprange des amerikanischen Handels 
ienfeitS des Stillen Ozeans boten. Die erfte Aborbnung von Geichäftsleuten, 
welche im Auftrag der Vereinigten Handelstammern der amerikanischen Pacific- 
tüfte vor ein paar Jahren nah China fuhr, hatte, obwohl fie freundliche Auf- 
nahme fand, nicht viel Bofitives mit nach Haufe bringen Tönnen. Die Weftküfte 
der Vereinigten Staaten tft felbft noch fehr wenig induftrialifiert. Außer Bau- 
holz, Mehl, eingemacdten Früchten und Heineren Artileln vermochte fie dem 
chineſiſchen Marlte zunächft noch nicht viel zu bieten. Der fam als Abfahgebiet 
in erfter Reihe für die Induftrieerzeugniffe in Betracht, die vorwiegend der 
Diten der Staaten bervorbradte. Befaken aber New York und Pittsburg erft 
einmal im Kanal eine direfte Verbindung mit dem Bacific, dann bot fich nicht 
nur dem Verlangen der amerilanifchen Fabrifanten nad) ausländifhen Märkten 
das Neid der Mitte als ein fait unbegrenzt aufnahmefähiger Abnehmer dar, 
die billige Arbeit aus Europa Tonnte auch leicht und ohne nennenswerte Koften 
nach der Weftlüfte Amerila® weitergeleitet werden ‚und dort neue SYnduftrie- 
zentren begründen helfen, denen dann China fozufagen vor der Türe lag. 

Mit diefer billigen Arbeit aus Europa, das heißt aus Deutfhland, wird 
im Zufammenbang mit den Plänen für die Gewinnung des Hineftichen Marktes 
von den Strategen des amerilanifgen Erpanfionsfeldzuges neuerdings geradezu 
gerechnet. Auf einer Konferenz, die im vorigen November in Pittsburg ftatt- 
fand, meinte ein Regierungsvertreter ganz felbitverftändlich: „Nach dem Striege 
findet die deutfehe Erportinduftrie alle Türen zugefchlagen. Ihre tüchtigften 
Arbeiter werden in Maffen zu uns berüberflommen. Wir werden fie nad) dem 
Weiten jchaffen, und fie werden uns dort in neuen amerilaniſchen Induſtrie⸗ 
zentren jene Artikel herftellen helfen, mit denen ihr Vaterland einft fo erfolg. 
rei den Wettbewerb auf dem Chinamarkt aufgenommen hat”. 

Die „Chamber of Commerce of the United States of Amerika‘, der 
„National Foreign Trade Council“, die „American Asiatic Association“, 
die neuerdings gegründeten Außenhandellomitees zahlreicher amerilanifcher Han- 
belsfammern, gewaltige großfapitaliftifche Unternehmungen wie die American 
International Corporation und die American Industrial Corporation, bie 
Regierungsagenturen zur Förderung des Handels, die ihr Betätigungsfelb be- 
ftändig erweitern und ausbauen, die Konfular- und Handelsattadhes, die um- 
ermädliid und wahrhaft erfinderifh neue Mittel und MWege entdeden, das 
Bureau of Foreign and Domestic Commerce, die Austunftsbureaus Der 
größten Banfen — alles arbeitet, wie eleftrifiert von dem nenen Antrieb zur 
Gewinnung auswärtiger Märkte, nad einem großen einheitlichen Plane zu- 
fammen, um das ausgedehntejte Ahfaßgebiet mit den forgfamft erwogenen 
Methoden für die Aufnahme amerifanifher Fabrifate zu organifieren. Und 
nicht nur bie Leiltungsfähigkeit des heutigen, die Leiftungsfähigfeit bes Fünftigen 


Die amerilanifhe Organifation in China 195 


Amerila faßt diefer Plan Fühn ins Auge. Die Leiftungsfähigleit jener Ver- 
einigten Staaten, denen, wie Robert S. LZovett jüngft verficherte, aus dent 
verarmten, unter [hwerjtem Steuerdrud fast zufammenbrecdhenden, „zerjchundenen, 
gemarterten, gequälten Europa”, insbefondere aber aus dem „von ben über- 
feeifchen Märkten durch unerbittlihe, auf dem Meere übermädtige Feinde aus- 
geichloffenen Deutihland” nicht mehr wie einjt der Abhub, fondern die Tüd- 
tigften, die Kapitalkräftigften, die Zähejten, die Klügften und die Gefchickteften 
zuftrömen werden. Sie werden, jo rechnet man, froh fein, im freien, reichen, 
mächtig aufftrebenden Amerika die vorteilhafteften Anlagegelegenheiten für ihre 
vor dem Steuerhunger der alten Welt in Sicherheit gebrachten Vermögen, ein 
weites Betätigungsgebiet für ihre Arbeitskraft, ihre Gefchiclichkeit, ihren Er- 
werböfinn zu finden. Und fie werden daburdh zu Streitern für die große 
Triedensarmee der Arbeit werden, melde den Vereinigten Staaten von Amerila 
den Weltmarkt erobern fol. 

„Während“, fo führte Ende vergangenen ahres bei einem Klubfrühftüc 
eriter New Norler Gefchäftsleute ein großer Bankherr aus, „man uns in Enropa 
mit der Vorbereitung Tleinlicder Gejegesmaßnahmen für die Abwehr der nad 
dem Sriege zu erwartenden Einwanderung befehäftigt glaubt, müflen wir uns 
für den providentiellen Augenblid des riedensfchluffes in aller Stile durd 
organifatoriihde Maknahmen rüjten, welche e8 uns ermöglichen, ohne jedwede 
Schädigung der nationalen Arbeit auch die ftärkfte Hochflut potenter und tüd)- 
tigfter Sinwanderung in unfer Wirtfchaftsieben einftrömen zu lafien. Wir 
mäflen in der Lage fein, jedem, der zu uns fommt, alsbald einen ihm zu- 
fagenden Plab anzuweilen, auf dem er unjeren ntereffen dient, indem er für 
feine eigenen wirt. Dann wird e3 zu einer ftarlen neuen Quelle unferer wirt- 
Thaftliden, kommerziellen, induftriellen und technifchen Kraft werden, wenn 
Europa im Vertrauen auf unfere engberzige Ängftlichkeit von einer energifchen 
Abbindung der aufgeflagenen Adern abfieht, au8 denen das beite Blut, das 
ihm geblieben, in unjeren Wirtſchaftsorganismus !hineinfließen wird. Wir ver- 
mögen die europätjche Einwanderung aber nur zu verdauen, wenn wir ben 
Augenblid nugen, um jene großen Unternehmungen anzupaden, durd) weldje 
ein wabhrbafter Weltmarkt für amerifanifhe Produkte gejchaffen werden Tann. 
Zu dieſen Unternehmungen rechne ich in erfter Reihe die Erichliekung des 
hinefifden Abfahgebietes, wo eine friedliebende, fleiige und zäbe Bevölkerung, 
die adht- oder neunmal fo groß alS die von ganz Südamerila ift, amerifanifches 
Kapital und amerifaniihe Zatkraft freundlich einläd zur Zeilnahme an einem 
Werle, das unferer ftolzgen Nation würdig ift“. 

Lieft man Blätter wie „The Nations Business“ und andere Publikationen, 
fo erfennt man, wieviel Überlegung die verfhiedenen Handelsvereinigungen einer 
den Außenhandel ftübenden großzügigen Gefebgebung mwinmen. Die neuen 
Bankgefege enthalten Beitimmungen zur Förderung des Außenhandeld. Das 
neue Schiffslaufgefeh der Regierung hatte diefes Ziel birelt im Auge Die 

18* 


196 Die amertfanifhe Organifation in China 


— 
an 


Agitation zur Abänderung der Antitruftgefege, welche für die Zuläffigfeit eines 
Zufammenfchluffes nur für Außenhandelszwede warb, erwies Iar, wie weite 
Kreife hon an der Ausdehnung des Erportes Anteil nehmen. Die Verbeflerung 
des Sonfularbienftes und die Beftelung von Handelsattadhes veranlakte ber 
Kongreß auf Grund von Borfehlägen, die ihm die Handelsorganifationen ge» 
madt hatten. 

Bei den Anleitungen für das Studium bes dinefifhen Marktes tritt am 
deutlichiten die Anlehnung an die fo erfolgreihen deutfhen Methoden hervor, 
bie natürlich höchftens ganz obenhin erwähnt werden. Man ift peinlich beitrebt, 
alles zu vermeiden, wa8 darauf bindeuten Tönnte, daß man einen einft be- 
neideten Konkurrenten aus dem Sattel heben will. Dem amerilanifhen Kauf- 
mann wird eingefchärft, daß er dem Khinefiiden Produzenten und Konjumenten 
näher treten muß: „Er muß Männer in den Spraden und Gewohnheiten des 
hinefiihen Volles heranbilden. Er muß gemwillt fein, wejentlicde Ausgaben für 
Gefhäftsreflame zu machen. Er muß lernen Preife cif Shanghai zu berechnen. 
Der hinefifhe Käufer will wiflen, was die in feinem Laden und nicht die in New 
Dort oder Podont ausgelegten Waren koſten. Der amerilanifhe Kaufmann 
muß feine Waren, wo e8 möglich tft, dem befonderen Bedarf des dhineflihen 
Marktes anpaffen, wie es die Deutichen und die Japaner tun. Zum Beifpiel 
verlangen chinefifde Drogiften oft Drogen in Unzenflafhen, während ameri- 
lanifhe Erporteure unentwegt in PBintflafchen liefern. Einige dhineflide Schrift- 
zeichen auf der Etilette helfen oft, einen Abfamarkt für Artikel zu fchaffen, die 
fonft nur in fehr befhhränktem Umfange verfauft werden Tönnten. Der hinefifche 
Händler legt dem „chop" oder der Yabrilmärle große Bedeutung bei, bie, 
wenn einmal eingeführt, in fich felbjt einen befonderen Wert hat und bie, um 
Nahahmungen zu verhindern, durch das Generallonfulat in Shanghai und Die 
Gefandtihaft in Zolio eingetragen werden follte.” 

Beionder8 wird den amerilaniihen Fabrilanten and Herz gelegt, ihre 
Vertretung in China amerikanischen Firmen zu übertragen. Ungefähr 80 Prozent 
des amerikaniſchen Handels wurden bisher durch nicht amerilanifhe Firmen 
betrieben. Chinefifhe Kaufleute geben ald Grund dafür, daß fie nicht mit den 
Vereinigten Staaten Handel treiben, an, daß Amerila feine Ein- und Ausfuhr- 
bäufer in Ghina habe. Die Deutihen und Japaner, fo wird dem ameri- 
Tanifhen Handel immer mwicder eingebläut, haben foldhe. Sie fiten nit in 
thren Kontoren in Shanghai und warten, biS der Handel ihnen dur ihre 
„compradores“ (dinefiide Zwijhenhändler) allmählich zufließt. Einige amert- 
tunifche Artikel find wohl mit Erfolg von europäifhen Firmen in China auf 
den Markt gebracht worden, aber größtenteils waren diefe Waren Tleine 
Konkurrenzfabrifate des Landes, welches die Agenturen unterhält. „ES ift außer- 
den“, jo beißt e8 in einem geheimen Dierfblatt einer oftamerilanifchen Handels- 
fammer, „beluunt, daß europäifhe Firmen in China amerilanifhe Agenturen 
Abernommen haben, um die Waren bdiefer Firmen vom Marlte fernzuhalten.“ 


Die amerifanifhe Organifation in China 197 


Man kann, zumal unter den heutigen VBerhältniffen, an bie Drganifterung 
des Chinamarktes für amerilanifhe Erzeugniffe nicht wohl denten, ohne fich 
mit der Frage der Berihiffungsmöglichfeiten zu befaffen. Hier beitehen aber 
beträtlide Schwierigkeiten. Die jopanijhen Schiffe, die einen wichtigen Plah 
im Fradtentransport über den Stillen Dzean einnehmen, behalten grundjäglid) 
adtzig Prozent ihres ZTeeichiffraumes ihrem japanifhen Tee vor, wodurd) die 
rafhe Hebung des hinefiihen Teeerportes nad) den Vereinigten Staaten, 
die eine wichtige Borbedingung für die Ausgeftaltung der Hineftfch-amerifanifchen 
Handelsbeziehungen ift, faft unmöglich wird. Anbderfeit verlangen britifche Schiffe 
von den Berladern aller Nationen eine dolumentierte Erflärung, daß ihre 
Ladung in feinerlei Verbindung mit deutichen Firmen jteht. Um den Kampf 
gegen die Deutfchen geht es dabei aber nicht allein, wie die ſehr bemerkens— 
werten Ausführungen der „New York World‘ vom 16. November 1815 äußerft 
Mar dartın. Das Blatt fchreibt: 

„Sroßbritannien bat feine Beftrebungen, den amerifantfhen Handel zu 
vernichten, iS auf den fernen Dften ausgedehnt. E38 ftrengt fih aufs Außerfte 
an, ihn britifhen Firmen zuzumenden. Unter dem Kampf ber britifchen 
Regierung um die Oberherrfhaft im Handel hatte lebthin bie American Spice 
Trade Association zu leiden. 

Amerilanifhe Firmen, die in China, Stam und anderen Teilen bes 
DrientS gefehäftlich tätig find und die in Verdacht ftehen, deutfehe Sympathien 
zu begen, werden auf der ‚hwarzen LKifte‘ vermerkt und ihre für die DVer« 
einigten Staaten bejtimmten Ladungen werden auf unbeftimmte Zeit zurüd- 
gehalten. Bon dem ‚State Department‘ eingereichte Protefte haben Teine 
Beflerung der Lage herbeigeführt. Die Konfulate in Auslande fchreiben fogar 
offen, daß zwar ‚promptes Handeln verfprocden ift’, aber ‚wahricheinlich nicht 
erfolgen wird.‘ 

Die Unterdrüdung der für Amerifa bejtimmten Warenfendungen wird 
dadurh no) vollftändiger, daß die transpazififhen Schiffahrtslinten ausfchließ- 
Lich in englifhen und japanifdhen Händen find. 

Sendungen hinefiiher Gewürze und Matten von fünf großen Nem Norker 
Smporteuren wurden von ber brittichen Regierung nur deshalb zurüdgebalten, 
weil man fie verbächtigte, deutfche Zmweigniederlafjungen oder deutihe Namen 
zu haben. Auch bier blieben die vom State Department eingereichten Proteite 
und Bürgfhhaften ohne Erfolg. 

Dadurch, daß die Engländer den Hafen von Hongkong beauffichtigen, ift 
e3 ihnen möglid, die Berfehiffungen nad den Vereinigten Staaten vollftändig 
zu überwaden. Das neutrale China darf feine Waren nah dem neutralen 
Amerila jenden. Ladungen im Werte von Hundertaufenden von Dollars werden 
willtürlih aufgehalten. 

Faft alle Kaufleute, deren Waren zurückgehalten wurben, erhielten von britifchen 
Firmen Angebote auf entfprechende Mengen Waren zu erhöhten Preifen gefabelt. 


198 Die amerifanifhe Organifation in China 

Schiffsladungen, die nur die fühnfte Phantafie als „deutſch' verdächtigen 
fann, werden angehalten, und dann folgen die endlofen Verhandlungen zwiſchen 
den britiſchen Konſulatsbeamten und London.“ 

Nach all den Liebesdienſten, die ſie den Briten geleiſtet, iſt es für bie 
Landsleute des Präſidenten Wilſon natürlich bitter, derartige Feſtſtellungen vor⸗ 
nehmen zu müſſen, aber Schwierigkeiten ſind für die amerikaniſchen Geſchäfts⸗ 
leute da, um überwunden zu werden. Man iſt denn auch ſchon dabei, eine 
beträchtliche Anzahl Schiffe unter amerikaniſcher Flagge in Dienſt zu ſtellen, 
und die weitgehenden Pläne eines von den größten Handelskammern für das 
Studium der Verſchiffungsfrage zwiſchen amerikaniſchen und chineſiſchen Häfen 
gebildeten Sonderausſchuſſes dürfte nach dieſer Richtung hin noch bemerfens- 
werte Überraſchungen bringen. 

Im September vergangenen Jahres meldete der amerikaniſche Handels⸗ 
attaché in Peking, Herr Arnold, dem Handelsdepartement, daß die Mitglieder 
der chineſiſchen Kommiſſion, welche die Vereinigten Staaten bereiſt hatte, um 
den Handel zwiſchen Amerika und China zu fördern, in ſeiner Audienz bei 
Yanſchikai nicht nur die Errichtung einer transpazifiſchen Schiffahrtsgeſellſchaft, 
ſondern auch die ſofortige Begründung einer chineſiſch-amerikaniſchen Bank, 
empfohlen hätten. Sofort ging man daran, das Hemmnis zu beſeitigen, das 
die Bankverhältniſſe in China für die raſche Ausbreitung des amerikaniſchen 
Handels bedeuteten. Die amerikaniſchen Intereſſen ſollten fürderhin wie die 
britiſchen, deutſchen, japaniſchen, ruſſiſchen, franzöſiſchen und belgiſchen durch 
Bankinſtitute ihrer eigenen Nationalität bedient werden. Allerdings beſtand ja 
auch eine amerikaniſche Bank in China, die aber wegen ihres beſchränkten 
Kapitals eine ſehr konſervative Politik verfolgte und für den neuen Organiſations- 
plan auch deshalb nicht in Betracht kam, weil ſie kein gut ausgebildetes 
amerikaniſches Perſonal beſaß. Der Konzern der National City Bank von 
New York hat die Vorbereitungen für die Einrichtung einer chineſiſch-ameri⸗ 
kaniſchen Bank großen Stils inzwiſchen ſoweit gefördert, daß die Eröffnung des 
neuen Inſtituts bereits in der erſten Hälfte dieſes Jahres zu erwarten ſteht. 

Der chinefiſche Markt ſoll von amerkaniſchen Gewerbetreibenden zunächſft 
gewonnen werden für Bergwerk⸗ und Eiſenbahnunternehmungen, induſtrielle 
Anlagen und Maſchinen, Stahl- und Metallwaren, Baumwollſtückgüter, Bau⸗ 
holz, Drogen, Chemikalien und Konſerven. Beſondere Ausſichten bietet, wie 
man verſichert, den amerikaniſchen Beſtrebungen u. a. der Umſtand, daß eng⸗ 
liſche elektriſche Maſchinen ſeit Kriegsbeginn eine Preisſteigerung von über 
20 Prozent erfahren haben, während deutſche Maſchinen augenblicklich über⸗ 
haupt ganz vom Markte verſchwunden find. China braucht Baumwollſpinnereien, 
Glasfabriken, Gerbereien uſw. Es führt jetzt jährlich Baumwollwaren im Werte 
von über 125 Millionen Dollar netto ein. Mr. Ralph M. Odell, Handels⸗ 
agent des „Department of Commerce“, der fich das ganze letzte Jahr über 
in China aufhielt, legt dar, daß amerikaniſche Fabrikanten in einer Anzahl 


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Die amerifanifhe Organifation in Ehina 199 
Baummwollfabrilaten, die bis jet von anderen Ländern eingeführt wurden, 
fonkurrieren Tönnen, befonder3 in grauen und meiken Shirtings, Popelins, 
gelöperten Halbleinen und Kattunen. | 

Mit den Deutfchen rechnen die Amerilaner auch für ihre MWünfche nad 
der Begründung einer nationalen Farbftoff-nduftrie. Wenn deutfche Fachleute 
nad dem Sriege nad) Amerila fommen und dort eine nationale Farbitoff- 
induftrie fhaffen würden, dann könnte China in Zulunft aud ein Abfahgebiet 
für einen etwaigen Überf—huß werden. Eine etwas fanguinifhe Rehnung! 
Aber gleihviel: man fieht, planlos zum mindeften ift die Unverfrorenheit der 
Amerilaner nit. Sie gehen auf8 Ganze und ihre Abfihten und Bemühungen 
verdienen jedenfalls unfere Iebhafte Aufmerlfamfeit. Db ihre chinefiichen Blüten» 
träume fo raid Früchte anjegen werden, fann allerdings dabingeftellt bleiben. 
Solange der Krieg dauert, werden fie zunädit das Hindernis, daß der Mangel 
on Scıhiffsraum und die unmäßtg hohen Fradtlähe dem Einfuhr- wie dem 
Ausfuhrhandel in den Weg legen, nicht überwinden Tönnen. Dann aber Tann 
ihnen das Verhalten der Engländer wie das der Japaner heute fchon zeigen, 
daß man die deutfche Konkurrenz auf dem Chinamarkte nicht totichlagen will, 
damit fih die amerilanifchen Fabrilanten an der Beute mäften. Erft vor furzem 
bat die japanifhe Regierung dem Parlament einen Antrag zweds Crridtung 
einer Bank vorgelegt, die in Shanghai ihren Hauptfig und in allen größeren 
Städten Chinas Zmweigniederlaffungen haben fol. Das Betriebsfapital biefer 
Bank ift mit 20 Millionen Den feftgeftellt. Die Bank foll das Net der 
Notenausgabe haben. Japan verbürgt eine Mindeftverzinfung von 7 Prozent, 
aber nur Japaner und Ehinefen fönnen Altionäre werden. 

Mit welden Augen die Sjapaner die „amerifanifhe Gefahr” betraditen, 
zeigt ein Artifel der „Osaka Mainichi Shimbun“. Warnend weilt das Blatt 
auf die freundichaftlihen Beziehungen zwifchen Amerila und China hin. Nah 
dem Kriege, fchreibt e8, wird e8 zu einem Bündnis zwifchen den beiden Staaten 
fommen und verbündet werden fie alles tun, um den in ftarfem Fortfchreiten 
begriffenen politifchen und wirtfhaftlichen Einfluß Japans in den Gebieten des 
Stillen Dieans und insbefondere in China zu lähmen. Auch fhon, daß man 
von folden Unternehmungen wie einer chinefifch-amerifanifchen Bant oder einer 
Sinefifch-amerifanifhen Schiffahrtägefellfchaft fpricht, zeigt, wie nahe die „amert- 
Taniiche Gefahr” gelommen ift. Unter Berüdfihtigung deijen, daß die Stimmung 
in Amerila wie in China ausgefprodhen japanfeindlich fei und immer ungünftiger 
werde, daß ferner die Vereinigten Staaten ihre Seemadt übermäßig vergrößerten, 
und daß endlich Deutichland auf irgend eine Weife einen Drud auf Japan 
ausüben werde, müffe man zu dem Schluß lommen, daß nach Beendigung des 
europäifchen Krieges die Lage für Japan recht gefährlich werden Tönne. 

Wie man fi) mit diefer Gefahr abzufinden gedenkt, dafür enthält eine 
fehr merkwürdige und beadtensmwerte Schrift Anhaltspunkte, die in Japan unter 
dem Titel „Krieg zwifchen Japan und China“ erjchienen und von Mr. 2. Mott 


200 Die amerifanifhe Organifation in China 





und dem Ehinefen Haui Yu Kia ins Englifhe überfegt worden ijt. Bezeichnend 
tit, daß diefe Schrift von dem nationalen DVerteidigungsverein in Japan aus⸗ 
geht. Dies ift eine fehr bedeutende Bereinigung, der zahlreiche Dfftziere und 
bobe Beamte angehören. hr gegenmwärtiger Vorfigender ift der Mintfterpräfident 
Graf Dfuma. Der Inhalt der Schrift läßt fih allgemein dahin Tennzeichnen, 
daß fie den Angriffstrieg gegen die Vereinigten‘ Staaten predigt, den, wie in 
dem Buch behauptet wird, alle Japaner brennend erfehnen. Als Kriegsgrund 
wird die widerrechtlihe und inhbumane Behandlung der japanifhen Einwanderer 
in die Vereinigten Staaten bezeichnet. Saliformien wird als natürliches japanifches 
Kolonialgebiet, Merifo als der gegebene Bundesgenofje gegen Amerika angefehen. 
Offen wird ausgeiproden, daß Sapan bereits jet feine Tünftige amerilantiche 
Kriegspolitit vorbereite. Ausgebildete japanifche Soldaten würden als Arbeiter 
und Kaufleute nach den Philippinen und den Sandwidinfeln gefandt, und wenn 
fie auf den lebteren Bürger geworden feien, fiedelten fie nach bejtimmter 
Beit nad Kalifornien über. Auf den Infeln befänden fich bereit$ jet 80 000 
Sapaner, die ihre Pflicht und ihren Dienft Tennten. Die Eroberung der Sand» 
wih8- wie der Philippineninfeln wird als felbftverftändlih und unumgänglid) 
bezeichnet, damit Japan fpäter feine Hand auf die Pazificküfte Tegen Tönnte. 
Der Panamalanal fei mit großer Leichtigfeit dur Sprengung zu jperren, und 
ehe die amerilanijche Kriegsflotte den langen Weg um Südamerika herum zurüd- 
gelegt hätte, würden die Snjeln, die die Brüden zum Angriffe auf die Ber- 
einigten Staaten bildeten, längit in der Hand der Sapaner fein. Amerifa kenne 
nur einen Gott, den des Goldes, nur eine Philofophie, die der Geldgier. Die 
japanifhe Bivilifatton fei die höhere und die Vereinigten Staaten müßten froh 
fein, fle zu empfangen. Die Darlegungen laufen auf nahdrüdlichftie Empfehlung 
unaudgefester Vermehrung der japanifhen Land» und Geeftreitlräfte Hinaus. 
‘jeder einzelne müfle fparen, fi in feiner Lebensführung befcheiden, jeder 
Grofhen, der zu erübrigen jei, müfje auf Rüftungen verwandt werden und in 
den Schulen müßten alle Lehrer ihren Schülern immer wieder feft einprägen, 
daß die Vereinigten Staaten der Feind feien. 

Man fieht, es tft, felbft wenn die deutfhe Konkurrenz in China wirklich 
fhon tot und England, ftatt die zarten Steime der amertlantifch-chinefifchen wirt- 
IHaftliden Annäherung brutal zu zertreten, bereit wäre, fie mit aller Liebe zu 
begen, dafür geforgt, daß die amerilanifhen Bäume nicht in den chineftfchen 
Himmel wacdjfen. 








Deutfhe Kultur im englifchen Spiegel 


Don Rihard Kiliani 


. 
—— ine der auffallendſten Erſcheinungen der Kriegs-Publiziſtik Aller 
Länder iſt das von neun angeſehenen ſchottiſchen und engliſchen 
Gelehrten durch den Profeſſor W. P. Paterſon an der Univerſität 
Edinburg herausgegebene Buch: 


Deutſche Kultur 
(German Culture) 





mit dem Untertitel: 


Der Anteil der Deutſchen an Wiſſenſchaft, Literatur und 
Kunſt im Leben der Menſchheit. 
(The Contribution of the Germans to Knowledge, 
Literature, Art, and Life) 
(2!/, sh. net, London: T.C. &E.C. Jack, 
67 Long Acre, W.C. and Edinburgh.) 

Syn neun Abjchnitten werden von in der englifhen mwifjenjhaftliden Welt 
bodhangefehenen, ausgezeichneten Fachgelehrten in gründlicher Weife — da3 
Buch hat 384 Seiten — 


Veutihland und Preußen (Germany and Prussia) 

Deutihe Philojophie (German Philosophy) 

Was die Wiflenfchaft deutichen (What Science owes to German 
Erfindern ſchuldet Investigators) 

Teutiche Literatur (German Literature) 

Deutfhe Kunft (German Art) 

Deutihe Muſik (German Music) 

Starle und Ihwache Seiten der (Strength and Weakness of 
deutihen Erziehung German Education) 

Bolitiiche und wirtichaftlihe Züge (Political and Economic Aspects 
des deutjhen Nationalismus of German Nationalism) 


Deutjche Religion und Theologie (German Religion and Theology) 

ebandelt und die Schlukfolgerung gezogen, daß 
„die Deutfchen ohne den Schatten eines Zweifel eines der größten Völker 
der Gefchichte find, das in fi einen Teil der intelleftuellen und äfthetis 
hen Attribute der alten Griechen und der praftiichen Weisheit der alten 
Römer vereinigt und daß ihr Beitrag zum gemeinfamen Schage der 
zivilifierten Menjchheit fehr groß if. Sie Haben die Spur ihrer Mit- 
wirftung — und oft war diefe Mitwirtung eine fehr tiefe — in allen 
höheren Gebieten des Lebend und der Arbeit des menjchlichen Geilte# 
binterlaffen. 


202 Deutfhe Kultur im englifhen Spiegel 


Der Zmwed des Buches ift „einen Überblid über die Hauptiphären 
menfhlier Tätigleit in diefer Richtung ohne Einfeitigleit und Bartei- 
nabme zu geben.“ 

Wir haben es alfo bier mit einem Haffifhen Dokument der Einfhäßung 
des beutichen Anteils an der Weltkultur, den ihr unabhängige, mutige und 
fadhlundige Männer in Großbritannien notgedrungen einräumen, zu tun, 
Männer, die noch dazu nach ihrer Herkunft und ihrem Amt, fowie nach diefen 
ihren Außerungen felbft, al8 nichytS weniger al3 beutfchfreundlich bezeichnet 
werden Tönnen. Der Lärm, den eine gewifle PBreffe der in den Krieg gegen 
Deutfhland verwidelten und neutralen Länder gegen die fulturelle Bedeutung 
Deutichlands gefchlagen hat, muß fürderhbin — nad) dem Erfdheinen diejes 
Buches — entweder als auf böfem Willen oder grober Unfenntnis berubend 
bezeichnet werden. Dabei tft nicht nur das erfte Kapitel: „Germany and 
Prussia“ von einem ganz ausgeprägt antideutfchen Standpunft gejäärieben, aus- 
gehend von der VBorausfegung, daß die Gründung des Deutichen Kaiferreiches, 
„jedenfalls die eines befjeren und mehr balancierten Deutfhlands ohne die rohen 
und brutalen Mittel Bismards“ möglich gewejen wäre. ES heikt da: „Bismard 
nahm feine Zuflucht zu einer gemwaltfamen, hirurgifchen Dperation, um ein 
Ergebnis zu erreihhen, das au auf dem Wege gewöhnlicher mebdizinifcher Be- 
handlung möglid) gemefen wäre und Arroganz und Gelbftüberhebung find bie 
Eigenfchaften, die fi dabei in einer teutonifhen Rafje aller Wahrfcheinlichkeit 
nad entwideln mußten.” (S. 27 und 28.) Der Verfaffer diefes Kapitel Hat 
fogar die Anſchauung, daß eine gewiffe neue bdeutfche Literatur die ganze 
Geihichte des Mittelalter8 zu dem Zwed abfihtlich falfch darftellt, um angeblich 
zu bemweifen, daß der Purpur des Taiferlihden Roms auf die Schultern Deutich- 
lands übergegangen fei und daß die Hohenzollern die Macht und Prätentionen 
der Karolinger, der Ditonen und der Hohenftaufen erbten und aljo in die Fuß- 
ftapfen des heiligen römtjchen Reiches traten, deffen Gefhichte „ein unvergäng- 
ides Zeugnis der politiichen Unzulänglichfeit Deutfchlands fei“. (S. 31.) Sa, 
noch mehr: die Konzeption einer jolchen göttlichen Miffion fet ein Inventarſtück der 
Borftellungen des deutfchen Volles geworden, deifen Sinn für Humor feitdem durch 
eine ertravagante Selbjtüberfhägung eingefchläfert fei. Der englifde Berfafler 
kann fi natürlich au) am Schluß nicht enthalten, zu bemerken, daß ihm zweifelhaft 
eriheine, ob die Welt eine ftarfe Sehnfucht empfinde, „die Segnungen der 
Zivilifation fünftig von einem Staat zu beziehen, der Vertragsperpflidhtungen 
mißadte, den jhmwäcdheren Nachbar zermalme, den zu verteidigen feine Aufgabe 
gewejen wäre, und der den Srieg mit zynifcher Brutalität führe.“ 

Kann man biernad) Über die prinzipielle Stellungnahme der DVerfaffer zu 
dem deutfch-englifhen Problem nicht im Zmeifel fein, fo wirken die Urteile 
diefer Fachmänner, die fämtlih Feinde Deutfchlands find, in ihrer eigentlichen 
Sphäre um fo ftärfer, als dieje Anerkennung mit echt englifcher rejeroterter 
Kühle und der uns nun fo mwohlbelannten Gefte des „arbiter mundi“, fozu« 
fagen nur widermillig und mit zufammengepreßten Zähnen, vorgetragen wird. 


Deutfhe Kultur im englifchen Spiegel 903 


So wird denn in ber Einleitung zum zweiten Kapitel: „Philosophy“ 
trobdem gejagt, daß die Deutichen in der Metaphyſik ſchlechthin unübertroffen 
fetien. Dazu gehöre nicht nur ein bejonderer Mut und eine befondere Tiefe 
des Denkens, fondern au die arbiträre Sicherheit, welche Eigenſchaften fämtlich 
gleichermeife echt deutfch fjeien. (©. 38.) „Deutichland allein war imftande 
eine Philofophie zu fhaffen, welche romantifch genannt werden muß und daß 
e8 dies Tonnte, ift ebenfo ein Beweis ber Größe als der Mängel feiner Philoſophie.“ 

Sede Metaphufil beginne mit einem Überblid fiber das ganze Feld menid)- 
lihen Wiffend und fee „bie gebuldige Gründlichleit und den immenfen Tleiß 
voraus, in dem der Deutiche niemals übertroffen worden fei.” Natürlich feien 
andererfeit8 die Deutfchen mit ihren methodifchen Syitemen niemals Entdeder, 
fondern ftetS Konftrulteure. AL vom englifhen Standpunkt befonders rühmlic) 
wird hervorgehoben, daß die deutiche Philofophie eine Leiftung „der Perjön- 
lichkeit” fe, Ale deutichen Philofophen, mit Ausnahme von Kant, jeien 
endlich in dem Sinne Monijten, daß fie daS Geheimnis der Welt dur ein 
PBrinzip zu erflären verjucden. 

&3 folgt dann eine außerordentlich gründliche und eingehende Studie über 
den Anteil Deutfchlands an den praftiichen Wiffenichaften, befonders während 
der legten 100 Sahre, namentlih in Biologie, Phyfit und Chemie. E3 wird 
gefagt: „Die Deutfchen feien in ihrer normalen Berfaffung mwahricheinlich die 
geordnetiten Geifter in Europa und der größte englifhe Philofoph Spencer 
erfcheine in diefem Sinne durchaus als ein vollftändiger Deutfcher, nur daß er 
leider die Literatur feines Gegenftandes nicht Tannte. (1) In Großbritannien [heine 
die Neigung zur methodtfhen Syftematifterung bedauerlichermeife nicht groß zu fein.” 

Sn einer großen Anzahl von Entdedungen und in der Weiterentwidlung 
von been hätten die deutfhen Forfcher einen folden Einfluß ausgeübt, daß 
er al8 „von ewiger Dauer“ (ever lasting) bezeichnet werden müfle. Die Eng- 
länder müßten als MWahrheitsfuhher um ihrer Selbjtahhtung willen der Ber- 
juhung mwiderftehen, das zu verkleinern, was fi) als groß erwiefen babe: die 
Arbeit der deutfden Erfinder. (S.70.) E83 fei abjurd, ein Land zu beihimpfen, 
daß Männer von der willenihaftlihen Größe, wie: Behring, Bolgmann, Bunjen, 
Gantor, Claufius, Dedelind*), Du Bois-Reymond, Ehrlich, Fifcher, Frege, Gauß, 
Gegenbaur, Goethe, Haedel, Helmholtz, Keppler, Kirchhoff, Koh, Kopp, Leibniz, 
Liebig, Lobe, Ludwig, Mayer, Meyer, Yohannes Müller, Ohm, Oftwald, Pend, 
Richthofen, Riemann, Ritter, Rojenbufh, Rour, Sa, Sueß, Virchow, Weber, 
MWeismann, Wislecenius, Wolff, Wundt, Zirkel, Zittel (S. 70) hervorgebradt habe. 

Die lange Reihe großer Namen, die der Feind hier und zwar mit ber 
ganzen Rube tiefer innerer Überzeugung zufammengeftelt, wird jeder für bie 
Rultur der Menfchheit Empfängliche mit Genugtuung Iefen. Das ganze Kapitel 
wirkt wie eine mit englifher Grünbdlichleit verfaßte Enzyflopädie von Großtaten 


*) Mathematiter. 


204 2 
des menfchlichen Geijtes. nm allen einzelnen Abteilungen des enornien Wiffens- 
gebiete8 wird der außerordentlih große Anteil deutfcher Arbeit an der XBelt- 
fultur überzeugend nadgemwiefen. Im Ganzen eine unvergleihliche Leiftung 
ehrliher Gerechtigleit, die den Feind ebenfo ehrt wie die deutſche Wiſſenſchaft. 

Das nächte Kapitel behandelt die deutfche Literatur. Der Verfaffer gebt 
von der Anfhauung aus, daß ihre Glanzperiode mit Leffing, Goethe und 
Echiller fpät fam, lange nad) ÖShafefpeare und Milton in England, und 
Sorneille und Moliere in Franfreid. Das fechzehnte und fiebzehnte Yahr- 
hundert fet ein weißes Blatt Papier, was die Bedeutung Deutichlands für die 
internationale Literatur anlange. Er fchließt daraus, mit einer eigentlich nicht 
engliiden Abmefenheit bHiftorifhen Sinnes, auf einen gewiffen Mangel an 
Driginalität. Was das Nibelungenlied anbetrifft, fo fei e8 Teinesmweg$ eine neue 
Fliade; die Konjtrultion als Ganzes aber fet großartig. 

Die neuere deutfehe Literatur fei in Nahahmung und Tritifcher Diskuffton 
der engliichen und franzöfifhen entftanden. 

Bei der Haffifchen Beriode der deutichen Literatur wird der Einfluß der 
„edlen Einfalt und ftillen Größe” der griedhifhen Kultur auf Schiller und 
Goethe hervorgehoben. 

Goethe fommt natürlich nicht fehr gut weg mit feinen naturmwiffenfchaftlichen 
Forfhungen, fon weil er es gewagt bat, Newton zu widerfprehen; Schiller 
noch weniger, der ja fein Leben lang fi) um das tägliche Brot quälen mußte. 
Smmerhin wird die Haffifche Periode der deutfchen Literatur als einzig in Ihrem 
Sndividualismus und in ihrem Kosmopolitismus bezeichnet; al8 die Wurzel 
der Größe diefer Periode gilt natürlich die deutfche Sleinftaateret. 

Nietzſche wird als das Idol und Mujfter vieler junger deutfcher Autoren 
geſchildert. Im allgemeinen wird für die Neuzeit das Nachlaſſen der ſchrift⸗ 
ſtelleriſchen Produktivität im Vergleich zur Goetheſchen Periode hervorgehoben, 
ſowie die deutſche Inferiorität in der Epik und im Luſtſpiel, aber auch bemerlt, 
daß, wenn früher Weimar das Zentrum der ganzen deutſchen Literatur war, 
in der neueren Zeit eigentlich alle deutſchen Provinzen, wozu auch Deutſch⸗ 
Oſterreich und die Schweiz gerechnet werden, gut vertreten ſeien. (S. 195). 

Was die Kunſt betrifft, ſo wird behauptet, daß, da der charalteriſtiſche 
Zug der deutſchen Kultur Tiefe des Intellelts ſei, Deutſchland eigentlich nur in 
der Philoſophie und in der Muſik zur Suprematie gelangt ſei. In einer Reihe 
feiner Bemerkungen, die von dem hohen Standpunkt des Verfaſſers Zeugnis 
geben (wie z. B.: daß die Kunſt darin beſtehe, Gott nachzumachen, der jedes 
Ding zu ſeiner Jahreszeit ſchön gemacht habe, oder: daß die Größe und Fein⸗ 
heit der mönchiſchen Kunſt zum Teil darauf beruhe, daß der Künſtler damals eben 
auch ſein eigenes Material und ſein eigenes Handwerkszeug ſelbſt anfertigte). 
wird jedoch ausgeführt, daß die deutſche gothiſche Kunſt im allgemeinen nicht 
das große Intereſſe biete, wie die deutſche romaniſche; ferner, daß die Deutſchen 
mehr zeichneriſch als maleriſch veranlagt ſeien und daß die Lebenslage der Be- 


Deutfhe Kultur im englifdhen Spiegel 203 


—— 
— — — — — 
— ⸗ 


wohner des deutſchen Nordens eben doch bellagenswert ſei, wenn man das 
opulente Leben in einer Stadt wie Venedig damit vergleiche (l). Immerhin 
wird die Reinheit der religiöſen Bewegung, die idylliſche Süßigkeit und die 
talentvolle Hingebung der deutſchen Malerei des Mittelalters anerlannt, die 
darin alles der Art in Italien Entſtandene weit übertreffe. Längere Ausfüh— 
rungen werden über Holbein, Peter Viſcher und andere gemacht, die nicht nur 
von kunſtgeſchichtlichem Intereſſe find, und manchmal hat man den Eindruck, 
daß der Verfaſſer gänzlich vergißt, dab er eigentlich nur den Anteil Deutfch- 
lands an der Weltfultur bejchreiben wollte: jo wenig erwähnt er andere Länder 
und fo fehr tritt die Bedeutung Deutfchlands in den Vordergrund. | 

Die deutjche Malerei des neungehnten SahrhundertS wirb al8 durch ruman- 
tifde und Haffiide Erinnerungen belebt gejhildert, DOverbed, Kornelius, Kaulbadı, 
Zboma, PBiloty, Liebermann und namentlich Böclin werden erwähnt und fehließlich 
1Ihde befonders hervorgehoben. 

Als Schlukfolgerung wird bemerkt, dab das beutfhe Bedürfnis in der 
Formlunft mehr ein künftlihes als ein fpontanes jei. Die Deutfchen hätten 
zweifelgohne Großes vollbradit in diefen Künften, worauf die Welt ftolz fein 
möffe, aber fie feien im wahren Sinne des Wortes eigentlich feine Tünft- 
leriſche Raſſe. 

Am intereſſanteſten ſind vielleicht die drei letzten Kapitel über Erziehung, 
Politit᷑ und Religion. 

Das deutſche Erziehungsſyſtem iſt hiernach durch den Krieg aus einem 
Muſter für Großbritannien eine Warnung geworden. Es habe durch die Über⸗ 
treibung des Staatsbegriffes, deſſen fich die verantwortlichen Leiter ſchuldig 
machten, einen großen Mangel an Einficht und Gerechtigkeit bewieſen. Der 
deutſche Eifer auf intellektuellem Gebiete ſei zur einſeitigen Parteilichleit geworden. 
In Deutſchland träten aggreſfiver Ehrgeiz und individuelle Selbſtſucht unter dem 
Deckmautel des Patriotismus auf. Daher komme es allerdings auch, daß die 
deutſche Nation in dieſem Kriege ſo einmütig ſei in den Opfern von Leben und 
MWohlftand. (1) 

Ter Unterricht fei zuleßt rein intelleltuell geworden; ein gewifjer realijtifcher 
Zug, der auf dem Gebiete der Technik feit 1870 zwar eines der größten Wunder 
der Welt hervorgebracht habe, hat die Nation als Ganzes jedodh auf einen 
falfchen Weg geführt. Der außerordentliche Wert einer ftarken Staatsauffidt 
auf dem Gebiete des Unterrichtsweiend wird dabei allerdings hervorgehoben, 
aber behauptet, daß ald Ganzes do das engliide Syitem den böheren 
Menfchheitstypus hervorgebradht Hat. | 

Sin der Bolitil wird ohne weiteres eingeräumt, daß der Drang nad) Welt- 
politit auf der englifchen Seite ebenfo vorhanden ift wie auf der deutfchen, daß 
alfo die Engländer ebenfo „panbritifh“ find wie die Deutjchen „pangermanijch“, 
ia fogar, daß die deutfche Weltpolitit berechtigter ift, als die engliije, da 
Deutichland fo fpät auf dem Kampfplah erfchien, während England jo vieles 


906 Deutfhe Kultur im englifhen Spiegel 


als leichtes Erbe zugefallen fei. (I) Die Grundlage der deutfhen Weltpolitik, 
wie fie von Lift und Treitfchle gelegt worden jet, jel dabei nicht im mindejten 
materialiftifcher Natur. Wenn die Grundlage des Krieges das deutijhe Welt. 
madtideal war, fo fei England Deutfchland in der Formulierung von Welt- 
machtidealen vorangegangen. Der Krieg fei im Grunde ein Srieg zweier Welt- 
anfhauungen und es müfje zugegeben werden, daß für ein Deutfhland, das 
nicht innerlich im Niedergange gemwefen fei, der Krieg unvermeidlich war. Der 
Berfaffer bedauert, daß der Grundfat der Arbeitsteilung zwifchen den Nationen, 
den fehon Lift gepredigt habe, in der britiihen Welt fo wenig Anklang gefunden 
bat. Diefe Arbeitsteilung wird vom Berfaffer allerdings dahin verftanden, daß 
England’ Kolonifation und Berwaltungstätigfeit, Deutfhland Kunjt, wiljen- 
Ichaftlihe Forfhung, foziale Gefeggebung und Städtebau () vorbehalten bleibt. 
Zugegeben wird, daß die Welt al$ Ganzes ärmer wäre, wenn man aus ihr die 
deutfhen Weltherrfchaftsideale hinwegdenten müßte; immerhin fei „the honour 
of colonisation“ nit mehr zu gewinnen, da fie England fon gewonnen 
babe, übrig bleibe für den Nahhlommenden lediglid) „the pride of colonisation“. 
Der Dften Aftens fei bereit angeljächttiich, ebenfo die Vereinigten Staaten von 
Amerila. Deutichland habe aljo allen Grund gegen diefe „powerful tendencies“ 
anzugehen und dabei feine Zeit mehr zu verlieren. Der Verfaffer ftellt Pro- 
feffor CrambS belanntes Bu: „Germany and England“ ohne weiteres den 
Kauviniftifhen Werfen ZTreitichles gleih und führt aus, jede bdiejfer Theorien 
müffe zum Kriege führen. Die legten großen Fragen in „Bolitif und Wirt- 
ſchaft“ ſeien tatfählih nur dur die Religion zu löfen. 

Der Begriff „Weltpolitil" wird fodann an Lift und Treitfchle einerfeits, 
an Geeley andererjeitS analyfiert und vor allem des lesteren Bemerkung: 
„za in den lebten 150 ahren der Menjchheitsgefchichte nichts fo über- 
tafhenden Erfolg gehabt habe alS die Borufjifizierung Deutfchlands“ bervor- 
gehoben. Demgegenüber müfje England nicht nur den Anfpruch erheben, in 
der erften Reihe der Staaten, fondern über den Staaten des Kontinents zu 
tangieren, wenn e8 feinen Handel nicht neuen und ernften Gefahren ausfehen 
wolle. Die Deutichland zugefchriebenen Ausdehnungs- und Kolonifationsideen 
werden unter Anführung von Zitaten englifher Schriftjteller im übrigen als 
durchaus berechtigt dargeftellt, jo 3. B. Seite 327 als „an integral element, 
of what Seeley calls the ‚significance‘ or first rateness of a modern 
State‘, Man traut wirklich feinen Augen faum, wenn man ba lieft: „ein 
großes Volt Tönne der Kolonien oder der koloniſatoriſchen Tätigkeit ebenſo 
wenig enibehren wie eine Kirche der Miffionstätigkeit“ und daß Deutſchland 
zwar die „missionary idea‘ hatte, aber „without any adaequate colonial 
‚outlet‘. Die wahren Feinde Deutfchlands feien eben Gefchichte und Geographie, 
die an feinem AZufpätlommen die Schuld trügen. Der englifhe Verfafjer gibt 
aud den enormen und ganz ungebührliden Verluft zu, der für Deutichland 
bur die Auswanderung feiner Bürger in fremde Länder „without obtaining 





Deutfhe Kultur im englifchen Spiegel 207 





the slightest compensation“ entftanden jei. Für England würde — wie 
immer der Krieg auch ausgehen mag — es fi nit nur darum handeln, 
ein „settlement after the war“ zu erreichen, fondern wirklichen Frieden zwijchen 
den beiden Völlern herzuftellen, mwodei der neue Wein des Imperialismus auf 
der ganzen Welt in den alten Schlau der europäilchen Grenzen gegoffen 
werden müfle. Diefer Prozeß fet allerdings unlöslich mit der Frage der See— 
gewalt verbunden. 

Den größten Raum in ben weiteren Ausführungen nimmt Lift ein, der 
mit großer Gerechtigleit gewürdigt wird in feinem natürlichen Gegenfah zu 
Adam Smith und dem „Smithianism“. 3 wird offen zugegeben, daß aud 
für Deutichland das oberite Gefeh die Erhaltung des Staates fei und daß es 
ſchließlich keine Beſchränkung für das Recht der Selbfterhaltung des Staates 
gebe. Danach hätte ſich auch der Begriff der Freiheit zu regeln. 

Man kann nicht leicht einer offeneren Anerlennung der Relativität der 
Staats⸗ und Machtauffaſſung begegnen als wie ſie ſich in den folgenden Zeilen 
offenbart: 

„Die geographiſchen Landgrenzen haben den großen Nationen 
des europäiſchen Kontinents gewiſſe ſtaatsbürgerliche Beſchränkungen 
auferlegt, denen unſer Land entrinnen konnte“ 

oder: 

„Der Staat muß ſich ſelbſt behaupten, denn er braucht ein Gebiet, 
innerhalb deſſen dieſer beſtimmte Menſchheitstypus ſeinen Genius aus⸗ 
drücken und entfalten kann“. 

Dem in England ſonſt ſo viel geſchmähten Treitſchle wird großes Lob 
gezollt und zugegeben, er habe auch für den Staat nicht mehr Macht gefordert, 
als dieſer brauche; ſein bekanntes Wort: „Die Strahlen des göttlichen Lichtes 
brechen ſich in unendlicher Strahlung in den einzelnen Nationen; jede Nation 
hat das Recht zu glauben, daß gewiſſe Kräfte der göttlichen Vernunft gerade 
in ihr, das heißt in dieſer ſpeziellen Nation, ihre höchſte Entwicklung finden“, 
wird auf eine Stufe geſetzt mit dem alten engliſchen Wahlſpruch: „My country, 
right or wrong“. Auch die angebliche Machttheorie Treitſchkes, die nach des 
engliſchen Schriftſtelless Meinung der viel weniger bedeutende Bernhardi 
ſelbftaͤndig weiterentwickelt habe, wird auf ihr richtiges Maß zurückgeführt, 
Indem gejagt wird, daß es ganz unbedenklich fei, Staatöverträge, die fich über- 
lebt haben, zu kündigen. 

Die ganz ungewöhnlichen Darlegungen des Berfaflers jchließen mit dem 
Bitat des Profeffjor Eramb:; „Wir dürfen nicht die Aniprüdhe und Pläne einft 
anderen Nation durchfreuzen, deren großer Hijtorifer ebenfo über den Staat 
frieb wie wir, den Staat, der unfere Vorfahren mit feiner Gerechtigleit be- 
(hügte, den fie verteidigten mit ihren Leibern, den die Lebenden berufen find 
weiter auszubauen und den höher entwidelte Kinder und Sindeskinder einft 
erben follen. Für die Verteidigung bdiefer Erbichaft muß ebenfo der Grundjag 


208 Deutfhe Kultur im englifchen Spiegel 


gelten, daß Macht die Grundlage des Staates ift, wie der Glaube die der Kirche 
und die Liebe die der Familie.” Das bochintereffante Kapitel fehliegt mit der 
bangen Frage: „Sind wir mit diefem Prinzip oder mit einer perverfen Abart 
davon im Kampf? ft der deutide Militarismus ein wahrer oder ein entartetex 
Ausdrud deutfcher Kultur? Was find wir ausgezogen zu zerjtören?” 

Das Schlußfapitel ift vom Herausgeber jelbit verfaßt; es Handelt von 
Religion und Theologie. Bei tiefer Achtung vor den inneren Beweggründen 
der deutfhen Reformation, ihrer Sehnfucht, ihrer friedlichen Innerlichkeit, ihrer 
direlten Beziehung zu Gott, wird doch behauptet, daß diefe im Grunde deutichen 
%oeen in England eine größere praltiihe Ausbildung erfahren hätten, als in 
Deutihland. Die Weiterbildung der Reformation in Deutfchland fei zwar duch 
die Wirren und Opfer der napoleonifchen Kriege ebenfo gefördert worden wie 
durch die erjtaunliche Geduld und Gründlichleit der deutfchen Theologen, denen 
endlih auch noch eine fait fchrankenlofe Liberalität feitens des Staates zugute 
gelommen fei; zulegt aber habe fich der deutfdhe Proteftantiemus in pietiftifche, 
rationaliftifede und deiftifcde Richtungen zeriplittert. Allerdings wird eingeräumt, 
daß es Luther gewefen, der den Rahnıen für die Größe bes britifchen religiöfen 
Lebens geipannt babe. Ehbenfo wird in großer Ehrerbietung anerlannt, daß 
die Entwidlung der deutichen Religions-Philofophie dbe3 vorigen Yahrhunderts 
durhd Schleiermadher und Hegel ohne jedes Gegenftüd in der Welt fei, dex 
namentlid in Großbritannien nichts ähnliche8 an die Geite zu ftellen fei. 
Die deutfehe Iutherifche Kirche fei eines der größten aller organifierten chriftlichen 
Gemeinwefen und ftelle al$ eine Schule der Frömmigkeit und Charalterbildung, 
fowie als Inftrument chriftlihen Gottesdienftes eine Mufterleiftung dar. — 

Das Buch als Ganzes ift eines der ftärkften Dolumente in dem englifchen 
Teldzug auf Zod und Leben wider „die deutjchen Feinde ber Zivilifation,“ wie 
er in der feindlichen daupiniitifhen Breffe gepredigt wird, zu unferen Qunften; 
e3 berubt auf gründlichen, fahmänniichen Kenntniffen und ift, da es von fpezififc) 
angelfähfiihem Standpunkt gefchrieben ift, die glänzendite Anerkennung deutſchen 
Geijtes, die die Kriegsliteratur bervorgebradit hat. 

Wie ftart das Erjheinen des Buches in Frankreidy verjtimmt hat, beweifen 
Beröffentlihungen im Julie und Dftoberheft der „Revue des deux mondes“, 
in denen auf da$ Unzeitgemäße einer folchen Anerlennung der Bedeutung Deutidy 
lands für die Zivilifation der Menfchheit in diefem Augenblid hingewiejen wird. 





A nn. 


>. ee — —— — 


N 
N, 
3 





Gewerbliche Kinderarbeit 


Ein Beitrag zur Bevölferungsfrage 
Don Dr. Bueg 


a ine naturgemäße Begleiterfcheinung fi) lang ausdehnender Kriege 
ift die Neubelebung aller ragen der Bevöllerungspolitik, die 
eine Bermehrung der Ktopfzahl gewährleiften. Das heutige gigantifche 
Ringen der Völler, das fo jhmerzlihe und unerhört große Opfer 
an Menjchenleben fordert, hat der Bevölferungsfrage den Eharafter 
einer ftaatlihen Epriftenzfrage verliehen, da die nationale Leiftungsfähigkeit 
von dem Borbandenfein beftimmter arbeitstauglider Kategorien abhängig 
ft. Die Probleme der Friedenspolitit: die Verteilung der Bevöllerungs- 
gruppen, die Hebung des Nahrungsfpielraunes einer Klaffe entfprechend ihrer 
Dervielfältigung, die menfhliche Überprobuftion im Verhältnis zur Boden- 
vermebrung, das alles find Probleme, welche plößlich der reinen VBollsvermehrungs- 
frage gegenüber in den Hintergrund gedrängt werden. Der BZeugungsmille, 
das Anfchwellen der Fruchtbarkeitsziffern, Turz, die Mittel und Wege, welche 
einer Bermehrung der Geburten fördernd zur Seite ftehen, find das Leilmotiv 
unjerer heutigen Bevölferungspolitif geworden, und was nit unmittelbar 
oder mittelbar in den Dienft der neuen Aufgabe einzureihen tft, erhielt felundäre 
Bedeutung. — Die Begründung der Gejelfchaft für Bevölferungspolitif im 
Dftober 1915 bofumentierte das ftarle neue Streben Außerlih, die Ziele der 
jungbegründeten Gefellfhaft laffen fi furz in dem Schlagworte: Mehrung und 
Erhaltung unferer Bollstraft, zufammenfaflen. 

E3 war eine Folge der Gelbitverftändlichkeit, daß die Begründung der 
Gejelichaft für Bevölferungspolitif in der Allgemeinheit zu Kundgebungen und 
Stellungsnahmen führte; e8 bat fih bierbei nun gezeigt, daß man innerhalb 
des breiten Publitums wie au teilweife in Fachkreiſen, das Haupt» 
gewicht auf „!jem Gebiete denjenigen Maßnahmen zufhiebt, weldhe die Ber- 
mebrung der Geburten begünftigen. Der Mahnruf an die Frauen, lindermilliger 
zu fein und zu werden, ift mit einer Intenfität erjhallt, daß darüber des Pro- 
grammes zweiter Teil, die Maßnahmen zur Erhaltung beftehender Bollsträfte, 
in das Hintertreffen gelangen. — umieweit e8 zwedentiprechend tft und In« 
wieweit e8 fich mit den gefühlsmäßigen Fragen des Zaltes verbinden läßt, 
unferer Frauenwelt heute, da bereits jo vieles drüdend auf ihren Schultern 
zubt, Schon mit neuen Forderungen zu lommen, die in elementarfter Weife in 

Grengboten 1 1916 14 





210 Gewerblihe Kinderarbeit 


ihr fubjeftiveg Leben einjchneiden und ihr in offener und verftedter Art Bor- 
würfe über wenig entwideltes Muttergefühl zu machen, mag bier dahingeftellt 
bleiben, offenfichtlich erwäcdht uns aber ein Mangel aus dem Streben, in erjter 
Linie nur dahin wirken zu wollen, die Geburten ziffernmäßig zu beben. 
Das erhaltende Moment innerhalb der Bevölferungspolitit ift für unjeren 
Staatsförper von der gleichen mweittragenden Bedeutung. Allein mit der ver- 
mehrten Geburtenzahl und dem Schute des Neugeborenen ift das weite Ziel 
einer gefunden Auffülung unferes wirtihaftlid und militärif$ notwendigen 
Volfsbeftandes nicht zu erreihen. ES ift zudem eine Sache der Nealpolitit, 
ih das vorhandene But zu Nugen zu machen, ftatt feine Hauptlraft auf bie 
Erhebung von Wünfchen zu legen. Wenn zweifellos die bequeme Gattheit 
unferer SRulturperiode den Willen zur Geburtenhäufigkeit erftict, oder jagen wir, 
wenigftens vermindert bat, fo trägt doch die wirtſchaftliche Baſis der einzelnen 
Chegemeinihaft nit am wmenigiten zu der vielfach beobadteten Stinder- 
beichränfung bei. Man wünfht in den Familien fowmohl fi al8 aud dem 
Kinde die wirtfhaftliche Eriftenz nicht herabzudräden: da nun der Kriegszuftand 
nur wenige Familien begüterter macht, die Regel in einer Verminderung, ja Ber- 
beerung der wirtfchaftlichen felbitändigen Griftenzen bejteht, wird der Wille zu 
einer VollSvermehrung nur zu einem geringen Zeile von dem Geburtenmwillen ber 
Zrauenwelt abhängen, fondern fih lehten Endes von der finanziellen Leiltungs- 
fraft der Einzelfamilie abhängig ermweilen, da erfabrungsmäßig das wirtfchaft- 
liche Niveau einer Yamtiltenhaltung nie freiwillig beruntergebrüdt wird, fondern 
lediglich) zwangsweife zu einer Einfchränkung gelangt. Statt alfo den Frauen 
ins Gemiffen zu reden und eine Umformung der Samilienhaltung zugunften der 
Bevölferungsfrage zu propagieren, wende man fi) zunädjit einmal dem Schupe 
des Vorhandenen zu und ftelle das, was heute an der Spige ftebt, in die 
zweite Reihe. Ä 

Zweifello8 treiben wir noch immer Raubbau auf Koften der Bevöl- 
ferung; taufende von wirtihaftlicden Sräften gehen Jahr um Jahr verloren 
oder enimwideln fih nicht zu ihrer vollen wirtichaftlien Kraft, geben dem 
nationalen Leben gleih dem verlümmerten Baume weder Blüte noch Frudit, 
faugen aber dennoch bedeutende Kräfte des Bodens an ih. Mit dem Schube 
der Arbeitshand ift ja denn auch befanntli unfere moderne Sozialpolitif in 
das Leben getreten. Die Wirtichaftsgeftaltung der Staatsgemeinichaft gründet 
fi auf den Schuß, den man dem gefährdeten Individuum angebeihen läßt. 
Se weitfhauender die Wirtfchaftsgeftaltung ber Gefelfhaft und ihre Bedingungen 
in der Zulunft vor die Augen der Gegenwart gerüdt werben, um fo nadprüd- 
Sicjer wirb eine wirtichaftlihe Mehrwertvergrößerung angebahnt. 

Gegenüber dem Schuge des Säuglings Läßt fi die Allgemeinheit heut⸗ 
zutage fo ziemlich jeden Cingriff moderner Sozialpolitif gefallen und das ziel- 
bemwußte Bingreifen in das freie Spiel der Kräfte, um die zahlenmähigen Dafeins- 
bedingungen eines Volles zu heben, erjcheint bier als felbftverftändlih. Der 


Gewerblihe Kinderarbeit 211 


Körper des Säuglingg muß geihütt werben, darüber ift fi der Belfimiit 
genau fo einig, wie der Gfeptifer und der Bhilifter, deflen Horizont 
nur zwölf Stumden reiht. — Ginem ganz anderen Bilde ftehen mir 
indeffen gegenüber, wenn es fi um die ragen des Staatsfhubes für das 
Kind Handelt. Wir ftehen zwar heute weder in der Sogialpolitif noch in 
der Allgemeinheit auf dem Standpunft jenes Pjeudoölonomen Ure, der bie 
Kindertätigleit „entzüdend” fand und die gefehliche Beichränkung der Kinder- 
beichäftigung als ein Mittel anfah, „den unglüdlichen Objekten mißverftandener 
Humanität ein Mittagbrot oder Abendefjen zu nehmen“, dennoch ift es feltfam, 
daß, obgleih wir unfere Staatsfozialpolitit im wefentlihden mit dem Schube 
des Kindes begonnen haben, nod) fo vielfach Trafies Unverfitändnis gegenüber 
der Notwendigleit der Staatsforge für das Kind befteht. Wir ftehen auf 
diejem Gebiete noch immer einer Unfumme fehr trüber Mißverhältniffe gegen- 
über; jeder Gewerbebericht, jede Erhebung, jede Enquete bemweiit uns das. 
Die breite Allgemeinheit aber überrafht ung nur zu oft durch) eine völlige 
Berftändntslofigleit gegenüber den Werten, bie bier gefährdet find. Statt einer 
Unterftäßung begegnet man nicht felten einer Abwehr. Es ift erftaunlidh, daß 
man fi in einer Epoche, in ber für den Muiterfchug, für Säuglingspflege, 
Krippen und Kinderhorten eine jo danlenswert rege und erfolgreiche Tätigkeit 
entwidelt wird, immer no nicht im Klaren darüber ift, daß ein Sind aud) 
über die erften Lebensjahre hinaus des Schubes bedarf, der in minder be- 
mittelten Kreifen eben nur durch einen jtaatlihen Eingriff zu erlangen ift. — 
St das Kind glüdlih bis an das Schulalter berangewadhfen, fo erachtet man 
e3 für unfchädlih, nunmehr das junge Leben fich felbft zu überlaffen und gibt 
fi der irrigen Annahme hin, dur Schulipeifungen und die Errichtung Tom- 
munaler Spielpläge und Badeanitalten, den jungen Nahmuchs vollswirtihaft- 
li ausreichend gefihert zu baben. Am bedauerliiten aber tft, daß einer 
Agitation für eine Erweiterung der ftaatlichen Machtbefugnis dem Kinde gegen- 
über nod vielfah die Thefe von dem umberedhtigten Staatseingriffe in die 
Elternrechte entgegenfteht. Die Familie ift, ftantsrechtlich betrachtet, heute keine 
Einheit mehr, fondern ftellt einen Verband von Einzelteilen dar. Sozialpolitifche 
Mabnahmen, Gefegesnormen und Verordnungen ergreifen mit ihren Beftim- 
mungen nicht mehr die Familie als Komplex, fondern wenden fi) je nach ber 
Lage des Falles, nad) Bedarf und Notwendigkeit, dem Einzelobjelte innerhalb 
des Hamilienverbandes zu. Wir jteben bezüglich der Warnung vor der Weiter- 
entredhtung der Familie Durch neue Staatseingriffe, einem völligen Mangel an Logil 
gegenüber: gegen die Vorkehrungen der Reichsverfiherungsordnung mit ihren 
elementaren Rechtseingriffen in die Yamilie erhebt man feine Einwendungen 
und pläbiert für verftärkte Maßnahmen, im gleichen Atemzuge aber warnt man 
dem Sinderfchuge gegenüber vor der Yamilienentredjtung. Der Unterfchied in 
der verihiedenen Behandlung diefer ähnlichen Sragen ift vom Standpunfte des 
menihliden Egoismus aus betrachtet, nicht unfchwer zu begreifen. Die meiften 
14* 


212 Gewerblihe Kinderarbeit 





fozialen Maßnahmen bringen, wentgftens für den empfangenden Teil, nur er- 
hebliche Vorteile, die Schußbeftimmungen für Kinder aber bürbden fomohl den 
Samilien als aud) beteiligten dritten Perfonen Nachteile und Unbequemligkeiten 
auf. Dem einen Zeil wird die Entlohnung, dem anderen die Arbeitsleiftung 
durch unfere Kinderarbeitsfchußgefege vermindert oder ganz entzogen. 

Egoiftiide Motive, die, von zwei Seiten ausgehend, fi zu einer farlen 
Waffe vereinigen, gefährden die Entwidlungsbedingungen eines unbemittelten 
Kindes und es ift doch fo abfjolut notwendig, fi) Har darüber zu werden, daß 
‚der Schub der Fünftigen Generation nicht mit dem Kindesihuße in den erften 
fünf Lebensjahren Genüge getan tft. Das Kind bedarf gerade in den erften 
Entwidlungsjahren körperliche Schonung zu einer gefunden Entfaltung der ein- 
zelnen Drgane; es bedarf des unbedingten Schutes vor Ermübung des Körpers 
und Überanftrengung. Das Kind benötigt einer gewiſſen körperlichen Ruhe 
zu der Ausbildung feiner geiftigen Funktionen. Gefellen fich zu einer unge 
nügenden Nahrungsaufnahme nod) dauernde Förperlide Anftrengungen, bie 
dur) die geiftige Bürde des Schulbefuhes für das Kind nod) vermehrt und 
vertieft werden, fo erwachfen uns jene fchweren Übel Förperlihen Naubbaues 
am Sindesleben, durch den unfere nationale Leiftungsfähigleit auch heute nod) 
fo vielfach beeinträchtigt wird, obgleih wir auf einen bereits zehnjährigen 
altiven ftaatlien Kinderfhug zurüd bliden können, obgleich die erften Staat% 
maßnahmen im Syfteme der fozialpolitiiden Schadenabwehr mit der Regelung 
der Kinderarbeit eröffnet wurden und bereitS im Jahre 1839 mit dem preußifchen 
Regulativ begannen, welches die Arbeit von Kindern unter neun Jahren für 
Fabrifen, Berg-, Poch- und Hüttenwerken unterfagte. 

Gewiß gehört Deutfhland (neben England) zu denjenigen Ländern, in 
denen der gejegliche Schuß des Kindes weiteitgehend geregelt wurde. Unjer 
gefeglider Kinderfhug beruht heute im wefentliden auf dem Kinderſchutzgeſetz 
vom 1. Januar 1904, dem Fürforgeerziehungsgejeg (preußifhes von 1900), 
den Schugbeitimmungen für Kinder innerhalb der Gewerbeordnung, die in den 
88 107, 185, 148, 154 ©. D. niedergelegt find, den Beftimmungen bes Haus- 
arbeitsgefeges und zwar des 8 6 Abf. 29... ©. und des 8 1, 2 des K. Sch. ©. 
Dazu kommen noch die Maßnahmen innerhalb der Strafgefegnovelle vom 
Suni 1912, 8 235 und die Beflimmungen der 88 55 und 56 bes Strafgefty- 
buches, fowie die 8$ 169, 173, 174, 176 Ziff.8, 181 Ziff. 2, 221, 239, 361 
Ziff. 3 und 4 ©t. ©.B. — Rechnet man zu diefen bejtehenden Normen Hinzu, daB 
der Schuß des Kindes ein abfoluter ift, das beikt, daß er unabhängig von 
dem Borhandenjein eines vertragsmäßigen Arbeitsverhältniffes befteht — denn 
nur das Vorhandenfein eines Arbeitsverhältnifjeg begründet ja fonft den An 
Iprrud auf die verjhiedenen fozialen Schugmaßnahmen — fo erjcheinen die 
Klagen über den no) immer durchaus mangelhaften Schuß des Kindes dem 
Publitum häufig als übertrieben. Leider entfpricht e8 den ZTatfadhen, daß die 
Kinder des Volles trog der mannigfaltigen gefetlihen Eingriffe und mohl« 


Gewerbliche Kinderarbeit 218 


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gemeinten Beſtimmungen auf dem Papiere, noch immer zu Tauſenden dem 
Moloch Kinderarbeit anheimfallen. Man leſe nur einmal die Berichte der 
Gewerbeinſpektoren. Allenthalben zeigt die Praxis, daß, ſoweit die Schutz⸗ 
beftimmungen gewerblicher Natur in Frage kommen, die Erfolge nur dort von 
Erfolg begleitet ſind, wo, wie zum Beiſpiel in Heſſen und neuerdings in Köln, 
Aachen und Marienwerder, die Schutznormen durch eine poſitive Fürſorgetätigkeit 
an den Kindern unterſtützt werden, die für die Geldopfer, die das Geſetz den 
Eltern auferlegt, entſchädigt. Gewiß haben wir heute nicht mehr die Zahlen 
von 1898, durch welche laut amtlicher Erhebungen feſtgeſtellt wurde, daß von 
632 283 Rindern, die erfaßt wurden, — 57,64 Prozent in der Induſtrie taͤtig 
waren. Doch als das Jahr 1904 uns den grundlegenden Ausbau unſeres 
geſetzlichen Kinderſchutzes brachte, hat man ſchwerlich angenommen, daß man mit den 
neuen Maßnahmen nach elf Jahren noch den heutigen Ergebniſſen gegenüber⸗ 
ſtehen würde. Als wir mit dem ſtärleren Kinderſchutz begannen, hatte man 
mit einer Periode von Übertretungen gerechnet, ihre Ausdehnung und ihre 
Stärke indeflen unterfchäßt. 

Es ift menfhlih natürlidh, daß eine ftändig mit peluniären Sorgen 
fämpfende Arbeiterfchaft fih gegen eine Beichhränfung der Ausnubung der vor 
bandenen Sinderfräfte wehrt, und es ift felbftverftändlih, daß die Unannehm- 
lichleiten, die dem Tapitaliftifhen Unternehmertum durch die Sperrung der 
billigen Stinderarbeit bereitet werden, den Gejegesbeftimmungen jhon von vorn- 
derein eine ftarle Gegnerfchaft bringen. Dort aber, wo Einfiht und forgende 
Elternliebe den mannigfadhen Beftimmungen Willigfeit entgegenbringt, wo man 
ber Kinderarbeit nach Möglichkeit entraten möchte, ftellt fid dem rechten Wollen 
da3 barte Muß der Not entgegen. Noch immer find uns leider Schleflen, 
<hüringen und ganze Teile Sachfens traurige Beftätigungen bierfür. Der 
Kriegszuftand aber, der fo verheerende Wirkungen auf Zaujende von Familien- 
baltungen ausgeübt hat, bringt dem Finde eine doppelte Neubelaftung feiner 
Ihmwaden Arbeitstraft. Eine Vermehrung der Kinderarbeit aus Gründen der Not 
wird eine der vielen foztalfhädigenden Folgen des gewaltigen Ringens der Völler 
fein. Die Fälle werden fih erfchredend mehren, in denen Gemwerbeinipeltoren 
bei ihren Snfpeltionen finden, daß vierjährige Kinder im Bette aufrecht ftehen 
und Wolle zupfen. Das Hauptübel der bis zu fchädigenden Grenzen aus» 
gebehnten Kinderarbeit befteht in dem Unvermögen, die Kinderarbeit einer Kon- 
trofle zu unterwerfen. Die arbeitenden Kinder entgehen zu einem Diertel und 
darüber hinaus dem Gefebesfchuge, denn ein großer Teil der Kinder wirb von 
der Kontrolle überhaupt nicht erfaßt, da fie außerhalb der feiten Betriebsftätten 
arbeiten. Sn Großftäbten, gerade den Herden der Kinderarbeit, ift auch bie 
Kontrolle der feft befchäftigten Kinder fehmer, da der häufige Wechjel des Ar- 
beitsplahes e8 auch dem guten Willen oft unmögli” macht, die arbeitenden 
Kinder überhaupt aufzufinden. Zu all diefen Gründen gefelt fi dann nod) 
die große Unüberfigtlichleit unferer gefehlihen Kinderfhugbeitimmungen, die 


214 Gewerbliche Kinderarbeit 





— 


bunt in Yudilatur und Gemerbepolizei verftreut find, und mit ihren vielfachen 
Derweifungen dem Laien feine Mare Überfiht bringen. Aus dem Zufammen- 
wirfen all diefer Umftände entftehen dann die zahllofen Übertretungsfäle und 
Zumiderhandlungen. Der Gemwerbebericht meldete allein für Baden 1911 44114 
Zumiderhandlungen und ber jüngfte Bericht vom Februar 1914 2190 Zumiber- 
Dandlungen bei einer Beichäftigungszahl von 6538 Kindern. In unzuläffiger 
Meife waren davon befchäftigt 69 fremde und 61 eigene Kinder. Eine un- 
erlaubte Beichäftigung wurde in er Heimarbeit in 28 Fällen feftgeftellt. Die 
Statiftil der verbotswidrigen Befchäftigung tft oft eine geradezu erjchredende, 
wenn man bebdentt, daß dies das Ergebnis eines fo Iangjährigen Kinderfchuges 
ft. So waren zum Beifpiel nad Berichten von 1912 in einer Konjerven- 
fabrit allein 30 Kinder, in einem öftliden Regierungsbezirk (Oberfchlefien) von 
6824 Rindern 2323 = 84 v. H., in einem anderen 20 v. 9. gefebwidrig be- 
Häftigt. In einem unferer Koblenbezirfe fand zur gleichen Zeit eine unge 
jegliche Verwendung eigener Kinder in 79 von hundert Fällen ftatt. In dem 
ihlefifgen Leinenbezirt waren 1911 34,4 v. 9. der Finder unerlaubt und 28 
v. 9. verboten bejdäftigt.. Traurig find noch immer die hohen Ziffern ber in 
zu jugendlidem Alter befhäftigten Kinder. Ba gelten für Schlefien folgende 
Zahlen: 98 fremde 10 eigene Kinder (1911), Sacdfen 50 v. 9. (1911), Welt 
deutichland 33 v. H. Kindern (1912). Das find alles befte Beweife dafür, wie 
langfam die Fortjchritte auf diefen Gebieten find. Nach fünfjähriger Gültig. 
feit der Beitimmungen von 1903 waren in einzelnen Bezirlen nody 51 und 
42 v. 9. der Kinder „ohne“ Arbeitsfarte befhäftigt! ... .. In einem Bezirke 
batte man 1909 55 Arbeitsfarten ausgegeben, erfolgt aber waren nur — 13 
Anzeigen. Die formellen Borfchriften werden auch jegt noch in überrafchend hoben 
Zahlen übertreten. — Ein gutes Teil der hohen Übertretungsziffern ift auf die 
niederen Geldftrafen zurüdzuführen, welche die Übertretungen nad) fi ziehen. Die 
Geldftrafen halten fi durhfchnittlich zwifchen 1—5 Mark, oder zwifhen 5—20 
Mark. Es find allerdings aud) Beitrafungen von 600—800 Mark vorgelommen. 
Das find aber außergewöhnliche Fälle. Sendr Fabrilant, der, wie zuvor am 
geführt, in feiner Konfervenfabrif 30 Kinder verbotswidrig befchäftigte, erhielt 
nur eine Geldftrafe von — 30 Marl. 

In wie hohem Maßftabe gewerbliche Kinderarbeit in Deutfchland heute 
nod) verwendet wird, zeigen folgende Zahlen. ine Stichprobenerhebung von 
1913 ergab, daß in Groß-Berlin in den früheften Morgenftunden 3595 Sinder 
vor der Schule tätig find und zwar in folgender Weile: 1863 Kinder trugen 
Beitungen aus, 1067 Badwaren, 1165 Mild. 1904 waren nod) 15,5 Prozent 
aller Vollsfhüler unter 10 Jahren gewerblich beichäftigt. Dazu kommen nun 
no die zahllofen in der Landwirtichaft befchäftigten Kinder. Da die Land 
wirtihaft ja leider noch immer ohne Kinderfchug ift, foweit Allgemeinbeftimmungen 
die Kinder nicht ipso jure mit erfafjen, find die Zahlen hier fehr fchwer zu 
erlangen. Nach einer Beröffentlihung für Bayern waren dort 146 492 Kinder 


Gewerbliche Kinderarbeit 215 





in der Rindimirtfhaft tätig, darunter 45 716 Kinder unter 10 Jahren. Dazu 
wurde kitgeftellt, daß 1910 in 27 von 33 Drten Kinder nad) dem Unfall- 
geſetz verbotsmäßig bei Dreſchmaſchinen befäftigt wurden. Es fand im Durch— 
ſchnitt in 5 Prozent Fällen eine verbotene Beſchäftigung ſtatt und es wurde 
die Einſtellung von 42 Mädchen zur Dreſchmaſchinenarbeit bei einer Arbeitszeit 
von 10 Stunden nachgewieſen. Wenn man dieſe Tatſachen neben die Ergebniſſe 
der Krüppelſtatiſtik für Landkinder hält, wenn man ſich vergegenwärtigt, daß 
dieſe Kinder z. B. im Sommer oft ſchon 2 Stunden vor dem Schulbeginn 
arbeiten und dann haſtig den meiſt weiten Schulweg zurücklegen müſſen, ſo 
kann nur immer von neuem wiederholt werden: wir brauchen den Kinderſchutz 
auf dem Lande mit der gleichen Dringlichkeit, wie er für Handel, Induſtrie 
und Verlehr gefordert werden mußte. 

Neben dem Umfang der Kinderbeſchäftigung beſteht noch der Übel- 
ſtand, daß die Kinder erfahrungsmäßig mehrere Arten von Tätigkeiten aus⸗ 
zuführen haben. Die jüngſte größere Kinderſtatiſtik, die öſterreichiſche vom 
Ottober 1918, gibt einen genauen Beleg für dieſe in volksgeſundheitlicher Hin⸗ 
ſicht recht unerfreuliche Tatſache. Seit dem Kaiſerwort von 1908: „Alles für 
das Kind“, iſt in Ofterreich ja eine fehr lebhafte und dankenswerte Agitation 
gegen die Sinderarbeit entftanden. Die öfterreichifche Statiftit zeigt, daß 
44,4 Prozent aller Finder mehrere Berufe hatten und zwar im Durdhfanitt 
drei bi8 vier VBeichäftigungen! Die Kinder wurden als Austräger und Lauf 
jungen in der Heimarbeit und in den Abendftunden in den Schankwirtichaften 
beim Gfläferfpülen befchäftigt; fie trugen Badwer! aus, arbeiteten in ber Xn- 
duftrie ihre gefegmäßige Zeit, um dann in der Heimarbeit weiter verwendet 
zu werben. Ein Drittel diefer Kinder waren 7 Jahre, 8 Prozent 6—8 Jahre, 
85 Prozent 9—10 Sabre, 49,7 Prozent 11—12 und 52,3 Prozent 13—14 
Sabre alt. — In Deutichland Iiegen die Verhältniffe nicht anders. Auch hier 
finden wir da8 Stapeln von Steinen, das Falzen von Zeitungen, Heim- 
arbeit und Austragebienfte, Kohlentragen und dergleichen Handreihungen mehr, 
täglich in der Tätigkeit „eines” Kindes vereinigt. Badwerk trugen in einem 
Bezirle 92 v. H., in einem anderen 86 dv. 9. aller beichäftigten Kinder aus. 
Nah dem jüngften badenfchen Februarbericht waren 80,95 Prozent aller Kinder 
im Austragedienfte befchäftigt. Bon 4500 Kindern arbeiteten allein 3600 Kinder 
in der Heiminduftrie. — Die Beihäftigungsart der Kinder in der Snduftrie ift 
ja befannt. Sie ift für die Augen, die Lungen, den zarten Körperbau der 
Kinder ja die chädlichitee Dian bedenke nur, daß 3. B. tm Aachener Bezirte 
im Durdfchnitte nicht weniger als 2500 Kinder nur danıit beichäftigt waren, 
die feinen Federn in die Drudinöpfe zu fehen. Soldde armen Kinder müſſen 
ferner Ührenfedern einfegen, Hutfedern leimen, Blumen drehen, Nadeln paden, 
fortieren, Glasperlen aufreihen ufm. Sn der Belleidungsinduftrie waren 
1912/13 etma 1200 Kinder tätig, in der Zertilinduftrie etwa 3000. 

MWie fehädigend die gewerbliche Arbeit der Kinder ift, zeigen uns die DBe- 


216 Gewerbliche Kinderarbeit 


richte der Schulärzte faft monatlid. Im Landespolizeibezirt Berlin fchäpte 
anfangs 1914 ein Berliner Schularzt, daß 15 v. 9. aller Volfsichüler — alſo 
jener Kinder, welche in der Hauptfache gewerblich befchäftigt werden! — Trant 
oder leidend find. Yür unfere Vollsgefundheit bedeuten derartige Zahlen doch 
recht bedenflihe Tatfachen. Gerade heute, da man fi mit den Problemen 
bes Kindes fo nachhaltig befchäftigt, follte man dazu helfen, daß unfere 
Kinder des Volles Törperlih und fittliö gefund aufwachlen können, daß fie fi) 
nicht mehr, wie e8 heute in der Heiminbuftrie noch der. Fal ift, in einer 
zehnftündigen Arbeitszeit einen Lohn von B0—40 Pfennigen erarbeiten mäüflen. 
Das Publilum lan in diefer Frage manches tun. Wenn man bie Ramid- 
und Schleudertage für den Handel weniger rentabel machte, wenn man wieber 
anfinge, mehr nad) guter al$ nach guticheinender billiger Arbeit zu verlangen, 
wenn man die Ausnahmetage weniger befuchen würde, wäre [hon manches getan. 
Günftige Erfolge find auf diefem Gebiete nur zu erreichen, wenn ein Zufammen- 
arbeiten von Gefebesnorm, gutem Willen und einfidtigem Pflichtgefühl ermög- 
licht wird. Gemiß, man könnte einfach fagen: hebt die Elternlöhne, dann wird 
auch die Kinderarbeit fortfalen. Abgefehen davon, daß von der erhöhten Lohn- 
quote vieles den fteigenden Anfprüden anheimfallen würde und die Kinder, 
inSbefondere die fremden, doch weiter beichäftigt würden, ift es zwecklos, 
mit Forderungen operieren zu wollen, die fich nicht verwirklichen laſſen. 
Auf den Boden der Wirklichlett muß man fi} ftelen. Soziale Zweckmäßigleit 
und Mitleid find felten fo widerſpruchslos harmoniſche Träger der ſozial⸗ 
politifiden Maßnahmen wie auf diefem Gebiete. Soweit ift die foziale Wirt- 
Ihhaftlichlett heute ja do fchon gefördert, daß angefichts gewiffer Zatfachen der 
Kinderausnugung zu gewerblichen Zmeden der Gedanke an die lommenden 
Generationen rege wird. 8 tft fehr zu hoffen, daß man fi angefichtS ber 
neuen Propaganda für das Kind au mit neuem, nachhaltigen Eifer dem 
Wohl und Wehe des gewerblich arbeitenden Kindes, dem Kinde von 6—14 
Sahren zuwenden wird. E38 tft nötig, daß nicht nur das Fachinterefie, fondern 
das breite Allgemeininterefje ſich Hilfreih Ddiefem Gebiete erſchließt! — Der 
Mandel, der fi in der Beurteilung der gewerblichen Arbeit des Kindes feit 
einem Jahrhundert vollzogen bat, tft bezeichnend für das Wachstum der Kraft 
des fozialen Gefichtspunftes in der Betrachtungsweife des Phänomens de3 
Arbeitsverhältnifies. Aber diefe Ummandlung ift eben leider zumeift nur 
theoretifch, nur gedanklich erfolgt; darum das Schweigen der intereffierten Streije 
und die vielfach) zwedwidrige Handlung. 

Die Theoretifer „aud Prinzip” aber mögen fi) bod erinnern, das allein 
1918 in Deutfchland 10 546 Fälle der brutalften Kindermikhandlung an bie 
Offentlichkeit Tamen. An bie Öffentlichfeit! Wie viele aber blieben nod) ver- 
borgen. Bedenten möge man dod) au, daß bei der Kinderarbeit nicht nur 
bie gefundheitlihen, fondern gleihermaßen auch die „moralifhen” Werte auf 
das Spiel gejebt werden. CS Tommt bei der gewerblichen Arbeit der Kleinen 


Gewerbliche Kinderarbeit | 217 











do niit nur die Schädigung des Körpers in Betracht, fondern auch die Ab- 
nahme der Schuldifziplin, die Lehrmißerfolge. Die ungeftörte Sicherung des 
Schulbeſuches ift für unfere Kinder bes Volfes doppelt notwendig, weil fie Ab- 
fömmlinge von Arbeitenden find und demzufolge des Crziehungselementes, 
das die Schule zu bieten vermag, nicht entraten lönnen. Die Eltern können 
ihnen meift feine genügende Erziehung, fei e8 aus Zeitmangel, fei e8 aus Un- 
vermögen, zuteil werden lafien. Daß zwiichen fittlicher Schädigung, jugend» 
Iiher Kriminalität und der Beichäftigung in gewerblichen Betrieben Zufammen- 
Dänge beitehen, ift eine leider nur zu oft erwieſene Tatſache. 

Der Abgeordnete Lieblneht hat bei der Beratung bes SYuftizetats im 
Srübjahr 1914 im Abgeordnetenhaufe behauptet, die Kriminalität der Yugend- 
Iihen babe fi eher verringert als vermehrt. Leider widerfpricht dem die 
tm April 1914 erj&ienene Kriminalftatiftit für 1912. Aus ihr geht eine recht 
erhebliche Steigerung der Zahl der verurteilten jugendlichen PBerfonen hervor. 
&3 find nad) der Statiftit verurteilt wegen: Verbrechen und Vergehen gegen 
Reichsgefehe 54902 Perfonen unter 18 Yahren, gegen 50880 im Jahre 1911 
und 49647 Perfonen im Yahre 1910. Gegenüber der Gefamtlriminalität ftieg 
die der Jugendlichen aud) in bedauernswertem Umfange. Die Gefamtkrimtnalität 
ftieg um 5,2 v. 9., die der Yugendliden um 7,3 v. 9. Somit ift aud) der 
Anteil der Jugendlichen an der Gefamtkriminalität geftiegen, der in den Jahren 
1902—1908 ftet3 um 10 v. 9. geichwanft, im Jahre 1909 auf 9,18 v.9. 
zurüdgegangen war. m ahre 1912 ift er auf 9,45 v. 9. geitiegen. 

Im Einzelnen verteilen fih die verbrecheriihen Handlungen wie folgt: 
den SHauptanieil tragen die Verbrechen und Vergehen gegen das DBermögen. 
Hier ftieg die Zahl der Verurteilten im SYahre 1912 von 37745 auf 40769. 
Die Handlungen gegen die Perfon fteigerten fi) von 11043 (6511) auf 11883 
Fälle. Wegen gefährlicher Körperverlegung find allein 6769 Jugendliche ver- 
urteilt. Bedauerlich ftarf war auch der Anteil der Jugendlichen an Sittlichleits- 
delikten. Es kommen 1379 Berurteilungen vor, gegen 1141 Verurteilungen im 
Jahre 1909. 

Alle Triminele Typenforfchung, ebenfo die Erhebungen der Leitung der 
Fürforgeerziehung, die Fortbildungsichulftatiitifen, Die Erhebungen der Schul» 
bebörben, die Feftftellungen von Schulärzten und Schulihäweftern Iafien ung 
tmmer deutlicher erfennen, daß gemwille Verfrüppelungen der Seele, moralijche 
Defekte, die zu Sriminalhandlungen ausarten, im Kindesalter ihre Wurzeln 
haben. Sie wucern auf in der überanftrengten Sinderfeele, fowohl in ber 
unũberwachten, als auch in der, die vor Arbeit und Ausnugung nie Zeit fand 
für ein Stinderlachen, ein Kinderfpiel, in der Seele jener, die in den früheften 
Jahren in die Sielen eingeftellt, nie Rinder waren. 

Es wird fid niemals ermöglichen lafjen, die Tätigkeit unferer Kinder ganz 
einzufchränten, denn fie wird immer dort notwendig fein, wo die Not aud) der 
Heinften Handreichung nicht entraten fann. 3 werden fi auch immer ndi- 


“ 


218 Salonifi 





viduen finden, denen ber erworbene Silberling über ein Sinderleben geht. Die 
‚ Ausbeute der Kinderarbeit aber Tann vermieden werden! m utereffe unferer 
gefamten Vollsentwidelung jet deshalb heute mehr denn je eine unferer lauteften, 
eine unferer nachhaltigften Forderungen: hütet die Kinder, aber nupt fie nit... 
Das Ausnuben der Kinderkraft ift ja immer das erjte Mittel, den Nüdgang des 
Tamilienverdienftes auszugleihen. Unfere Witwen, die Yamilien, denen der 
Ernährer zum Strüppel geichoffen wurde, werden die Kinderarbeit in Anfprud 
nehmen; gerade in den unlontrollierbaren Zätigleiten, die auf feinem feiten 
Arbeitsverhältnis beruhen, wird die Verwendung der Kinderarbeit erjchredend 
fteigen. Der Heimarbeit werden Unfummen von Kindergefundheit zum Dpfer 
fallen. Die Erweiterung des Schubes des beftehenden Lebens, der vorhandenen 
nationalen Werte an Lörperlider und jeelifcher Gefundheit, ift daher eine der 
wichtigſten vollswirtſchaftlichen Gegenwartsaufgaben. 





Saloniki 


Von Profeſſor Dr. Max J. Wolff 


ET 4 reift er an, greift er nicht an?” Seit Wochen beichäftigt fich die 
Ad WE feindliche Prefie, befonders die franzöftfhe, mit diefem barmlofen 
Ü —*— Rätſelſpiel. Werden die Truppen des Vierbundes auf Saloniki 
u ut marjdieren oder weiter an der griechifchen Grenze ftehen bleiben? 
Die Antwort wechfelt beftändig: Bald fol der Angriff unmittelbar 
bevoritehen, bald ift er angeblich völlig ausgefchloffen. Dft fteht beides in einer 
Nummer derfelben Zeitung vereinigt. Auf der eriten Seite tritt der bervor- 
ragende Militärkritiler und Oberftleutnant a. ©. den unmiberleglihen Beweis 
an, daß ein Angriff aus ftrategifhen Gründen unmöglich fei, auf der lebten 
telegrapbiert der Spezialberichterftatter al „Allerneueftes”, daß die feindlichen 
Truppen ſich ſchon in Bewegung gefebt haben. Anı nädjften Tag wird das 
Spiel in unverminderter Frifhe fortgeführt, nur daß die beiden Sachverftändigen 
die Rollen taufhen, daß der militärifhe Mitarbeiter den Angriff bejaht, der 
Berichterftatter ihn verneint. „reift er an, greift er nicht an?“ 

ALS die Frage zum erjtenmal aufgeworfen wurde, gefhah es in ernftejter 
Bejorgnis. Die Bulgaren hatten den verbündeten Engländern und Franzofen 
eine jchmwere Niederlage am Wardar beigebracht, und diefe drängten, wie immer, 
in einem „meifterbaften Nüdzug”, darum aber nicht weniger eilig nach Salonifi 
zurüd unter den Schuß ihrer Schiffsfanonen. Die Bulgaren folgten nit. Ob 





Saloniki 219 
politiſche oder militäriſche Gründe ſie zurückhielten, wird eine ſpätere Zeit lehren. 
Unterdeſſen hielten die Verbändler eifrigſt Kriegsrat mit dem Ergebnis, daß 
neue Streitkräfte nach Salonili gefchicdt, daß fchmere Gefhühe, Lebensmittel, 
Eifenbahbnmwagen und anderer Heeresbedarf in ungeheuren Mengen dorthin ver- 
Ihifft wurden. Die größten militärifhen Autoritäten des Verbandes fegten fid) 
in Bewegung, Kitchener, Yoffre, Caftelnau eilten in fliegender Haft nad) dem 
Drient, um die dortigen Generäle durch weifen Rat zu unterftüben. Die Stadt 
wurde mit allen Mitteln moderner Technilt zu einer Feftung ausgebaut, bis 
man endlich die tröftliche Gemwißheit zu haben glaubte: Salonili tt uneinnehmbar. 
Aber die Bulgaren famen noch immer nit. Mit wütender Kampfbegier lagen 
Sranzofen und Engländer in ihren Schügengräben, alle Brüden im neutralen 
griehifhen Gebiet Tieß Sarrail in die Luft fprengen, fein feindlicher Soldat 
zeigte fih, außer Hoch in den Lüften ab und zu ein deutfcher Flieger. Ber- 
gebens bewies die Verbandöprefle in allen ihr zu Gebote ftehenden Sprachen, 
daß es Pflicht des Yeindes fei, NH an den Befeitigungen von Saloniki die 
Zähne auszubeißen, fein Deutfcher, kein Dfterreicher, fein Bulgare ließ fich bliden. 
Nicht einmal die Türken zeigten fih, für deren fiegreihen Cinzug der öfter- 
reichifche Generallonful angeblih Thon zweitaufend Halbmondfahnen im Keller 
feines Dienftgebäudes aufgefpeichert hatte. Deutfchland und feine Verbündeten 
zeigen nicht bie geringfte Eile und berzlich wenig Sinterefle, die Berbändler aus 
Salonifi zu vertreiben. Die Stadt befist einen trefflihen Hafen, aber für 
Zeute, die ihre Siege auf dem Trodnen erlämpfen, bat der trefflichite Hafen nur 
einen bedingten Wert, zumal, wenn er durch eine dibermädhtige Flotte jederzeit 
gefperrt werden fanı. Wir haben volles DVerftändnis für die Bedrängnis des 
griehifen Volkes und volle Anerlfennung für die Haltung feines Königs, aber 
darum können wir ihnen die Sorge, wie fie die unerwünfchten Bäfte loswerden 
follen, do nicht abnehmen. Die Frage kann für uns bis zum allgemeinen 
Triedensihluß vertagt werden. 

England und Frankreich haben zum mindeften eine Viertelmilion Menfchen 
in Saloniti feitgelegt.._ Was nübt ihnen aber der Befih der Stadt, wenn fie 
nicht angegriffen wird? Man bat doch die Loftipielige Erpedition nicht aus- 
gerüftet und Griechenland vergewaltigt, um den Soldaten, die man an anderer 
Stelle fo notwendig gebrauchen fann, eine gewiß Iehrreiche, aber zurzeit ziwedlofe 
Drientreife zu jpendieren? Die Erkenntnis dämmert unferen Gegnern auf, daB 
fie fih in eine verhängnisvolle Sadgafje verrannt haben. Die Engländer haben 
von dem Salonilier Unternehmen von Anfang an nichts wifjen wollen, und es 
bedurfte eines ernten Drudes durch Briand und Koffre, um fie zur Teilnahme 
zu beitimmen; jeßt zeigt fich, daß britifche Kaltblütigfeit die Sachlage Mlarer 
beurteilte, als gallifhe Leidenihaft, die in Wut über die Erfolge der Mittel« 
mädte auf dem Balkan eine fofortige Gegenaltion im großen Stile verlangte. 
Die Scham über die Preisgabe Serbiens mag bei den Sranzofen mitgefprochen 
haben, während die Engländer längft gewöhnt find, foldde edle, aber unpral« 


220 Salonifi 





tifche Gewiffensregungen von ber Rechnung fernzuhalten. Der von der Erregung 
eingegebene Plan Tonnte feinen Erfolg haben. In England wird die Aufgabe 
von Salonili [don ausgiebig erörtert, in Frankreich wagen das einftweilen nur 
die Geifter der ewigen Verneinung wie Clemenceau und Berenger. Die Mehr 
beit Hammert fi noch an den Bel der Stadt, allerdings in der Hoffnung, 
daß von dort aus eine wirkfame Dffenfive gegen Konftantinopel und Sofia 
eröffnet und Serbien zurüderobert werden Iann. 

Für einen Angriff reichen aber die Kräfte nicht aus, die allenfalls für die 
Verteidigung genügen. Man muß aljo ftil figen, und deshalb follen ja bie 
Deutſchen angreifen, um die ganze Zwedlofigleit des Salonikier Unternehmens 
zu verdeden. Weder England noch Frankreich ift in der Zage, weitere Truppen 
nad dem Dften zu fenden, und eine Dffenfive, die auch nur die geringite Aus- 
fit anf Erfolg bietet, würde ungeheure Maffen erfordern. Die Trümmer des 
ferbifhen Heeres find viel zu dürftig, und bie Griechen bleiben einftweilen der 
Gewalt fo unzugänglic wie vorher Verfprehungen und Drohungen. Rumänien 
glaubt, warten zu lönnen und will fi) nicht die Singer verbrennen. Bleiben 
bie Staliener. Schon längft macht es die englifche und franzöfiiche Preffe den 
Anbängern des heiligen Egoismus Mar, daß fie ihr Leben mehr lieb haben, 
als es fi in einem Kampfe für „Recht und Freiheit” geziemt und daß fie bisher 
fo gut wie nichts geleiftet haben. %talien befigt angeblich ungeheure Truppen- 
referven, die e8 an der befchränkten Nordfront nicht einmal entwideln kann. 
Aber England und Franfreih brauchen fe. Wo immer der Vierverband in 
ber Klemme faß, ertönte der Auf nad italienifher Hilfe, aus Mazedonien, 
Albanien, Montenegro, Serbien und von den PDarbanellen. Nun ift Briand 
felber in Rom erfcheinen, um Stalien zu ummerben. Mit fchönen Reden 
wird er nicht8 ausrichten, in diefer Hinfiht find die “Staliener zu verwöhnt; 
und felbft wenn fie wollten, vermögen fie ein ftarle8 Heer, das von Salontli 
aus den Angriff vortragen Tann, nicht zu ftellen. 

So bleiben nur zwei Möglichkeiten; entweder man verteidigt die Stabt 
beldenmütig weiter gegen einen nicht vorhandenen Yeind oder man ftedt bie 
bulgarifde Niederlage ein und zieht wieder nad) Haus. England neigt dem 
feßteren zu. Es fühlt fich ftark genug, einen zweiten Rüdzug im Orient und 
den damit verbundenen Verluft an Anfehen zu ertragen, Yranfreih dagegen 
zittert um feinen Kredit. E83 befindet fild in der Lage eines Kaufmanns, ber, 
je rafder er feine eigenen Mittel fehwinden fieht, um fo eifriger alles vermeiden 
muß, was Zweifel an feiner Zahlungsfähiglett erweden könnte. in neuer 
Rückzug würde aber das Anfehen der Republit aufs Schwerfte gefährden, im 
Inland fomohl wie im Ausland. Yede Hoffnung auf den Beiltand Griedhen- 
lands, Rumäniens und Portugals, das neuerdings wieder in Betradht fommt, 
wäre endgültig zerftört, und nicht nur das, fondern auch einzelne der bisherigen 
Bundesgenofjen würden das finfende Schiff vielleicht verlaffen. Die leitenden 
PVerfönlichleiten haben der gefamten Welt verkündet, daß der Sieg Tranfreid) 


Salonifi 221 





nicht entriſſen werden lönne, und Caſtelnau hat ſogar hinzugefügt, er ſei mathe- 
matiſch ficher. Der beſte Mathematiker kann ſich verrechnen, aber wenn ſich die 
Rechenfehler ſo häufen wie die franzöfiſchen auf dem Balkan, ſo laſſen ſich die 
Zweifel an der Fähigkeit der Rechenkünſtler allmählich nicht mehr unterdrücken. 
England kann das Märchen noch aufrecht erhalten, daß es ſich um Fehler 
handle, die ſich nicht wiederholen werden, die Unfähigkeit und Erſchöpfung 
Frankreichs läßt fich nach einem nochmaligen Mißerfolg nicht mehr beſchönigen. 

Der Zug nad Salonili ift das eigenſte Werk Briands; es galt als ein 
beſonderer Triumph des Miniſterpräſidenten und ſeines Landes, daß die wider⸗ 
ſtrebenden Engländer ſich zu ſeinem Standpunkt bekehrten. In willfährigen 
italieniſchen Blättern ließ man es ſich beſcheinigen, daß Frankreich die ihm nach 
ſeinen Leiſtungen gebührende Führerſchaft im Verband übernommen habe. Die 
Enttäuſchung wäre ungeheuer, wenn Briands Ruhm ſich als leerer Schaum er⸗ 
weiſen würde. Sein Miniſterium könnte den Rückzug von Saloniki nicht über—⸗ 
leben, aber auch der vielgefeierte Joffre und der mit ſo großen Hoffnungen 
begrüßte Caſtelnau würden aus dem Abenteuer zum mindeſten mit einer ſchweren 
Schädigung ihres Feldherrurufes hervorgehen. Einen Erſatz beſitzt Frankreich 
nicht, weder einen Staatsmann noch einen neuen Heerführer, an denen die ge—⸗ 
täuſchten Hoffnungen ſich aufrichten könnten. Ein Miniſterium Clemenceau, 
ſchrieb vor kurzem eine Pariſer Zeitung, wäre nicht nur der Anfang vom Ende, 
ſondern das Ende ſelbſt. Aus politiſchen Gründen muß Frankreich Saloniki 
halten und dort ein Heer untätig feſtlegen, während in der Champagne der 
letzte Mann gebraucht wird. Damit es ſo ausſieht, als ob etwas geſchehe, 
ſpielt General Sarrail im Oſten den wilden Mann, brutalifiert die Griechen, 
verhaftet harmloſe Konſuln und ſprengt alle Brücken in die Luft. Es hat keinen 
Zweck, aber es macht zu Hauſe den Eindruck, als ob Saloniki von äußerſter 
Wichtigkeit ſei und nur durch ein Aufgebot verzweifelter Energie gehalten werden 
könne. Es bietet neuen Stoff für das bewährte Rätſelſpiel: „Greift er an, 
greift er nicht an?“ 





— — — > 
em — —— — —— nn mm 


Großfürſt Georg Michailowitſch in Japan 
(Tach der ruffifchen Preffe.) 


elbung des Korreipondenten der Petersburger Telegraphen-Agentur 
aus Tokio vom 29. Dezember 1915 (Rußloje Slovo vom 31. De 
1 zember n. St.): 
Die Zeitung „Kolumin“ bringt einen Artikel ihres Begründers 
Tofutont: „Der VBefud) des Großfürften hat natürlich Teinerlei 
politifde Bedeutung” — die guten Beziehungen zwifhen Japan 
und Rußland entiheidender Faltor für den fernen Dften. 
„Nußloje SIovo“ vom 4. Januar 1916 n. St.: 

Tolto, 3. Januar 1916. Befuch des Großfürften trägt nicht 
Charakter militärifcher oder fonftiger Miffion, lediglich Erwiderung bes 
Befuchs des Prinzen Fuſhima zu den Zaren-Strönungsfeierlichkeiten. 

„Rowoje Wremja” vom 11. Januar 1916 n. St.: 

Tolio, 10. Januar 1916. (Korrefpondent der Pet. Tel. Ag.) 
Dfuma erflärt, die Reife des Großfürften müffe die freundfchaftlichen 
Beziehungen zwifhen Rußland und Yapan nod) mehr feitigen. 

„Rowoje Wremja” vom 13. Januar 1916 n. 6t.: 

Tokio, 12. Januar 1916 n.&t.: DerKorrefpondent der Bet. Tel. Ag. 
meldet: Die Preffe aller Schattierungen begrüßt einmütig den 
Großfürften. 

„DRdN“ erklärt u. a.: Aapan, das nicht imftande fein wird, 
Truppen gegen Deutfchland zu entjenden, erweift Rußland auf andere 
Art und Weife Hilfe. 

Der Dffiziofus „Ehozi“ erflärt: Für die Japaner fei der geeignete 
Moment gelommen, ihre innerlihen Wünfche auszufpredhen. Die Reile 
bes Großfürften nad) Japan werde ald Grundlage dienen für die 
Teltigung des Bandes zwifhen Japan und Rußland. 

Das Blatt „Yomiuri” fchließt feinen Begrüßungsartitel: Wir 
boffen, daß Seine Kaiferlicde Hoheit nicht verfehlen wird, feinen Einfluß 
für eine noch größere Feitigung der Freundfchaft zwifchen den beiden 
Nahbarnationen auszunügen. 

„Rowoje Wremja* vom 1./14. Januar 1916: 

Tofio, 12. Januar 1916. (Meldung der Pet. Tel. Ag.) Auf 
dem Paradediner im Schloß mwecdjlelten der Großfürft und der Mifado 
zoaite; die Worte des Großfürften find in dem Agentur-Telegramm 
wiedergegeben, die Worte des Milado hingegen find in den 
ruffifhen Blättern nicht enthalten. 

zolio, 13. Januar 1916. Bet der Rüdtehr des Bremiers Dfuma 
von dem Paradediner im Schloß wurde ein Bombenattentat auf 





Großfürft Beorg Michailowitfch in Japan 293 


— — — — > 





ihn verübt. Der Attentäter warf eine Bombe, die aber am Automobil, 
in dem fich Okuma befand, vorbeifiel, ohne zu explodieren. Die zweite 
Bombe explodierte, als das Auto längſt vorüber war. Der Attentäter 
iſt entlommen. 
„Dirfhemija Wijedomofti” vom 2./15. Januar 1916: 

Zolio, 13. Januar 1916. (Tel. der Pet. Tel. Ag.) Die japanijche 
Brefie fährt fort, der Reife des Großfürften angeftrengte Aufmerkfamteit 
zu widmen. „Yamato“ erflärt: Rußland und Japan fteht bevor, eine 
neue Richtung in ihrer Politif einzufchlagen, welche die fattiich zwifchen 
beiden Ländern bereits beftehenden Bündnisbeziehungen feftigen 
foll. Auf die verfhiedenen im Zufammenbang mit der Großfürften- 
reife aufgetauchten Fragen eingehend, meint die Zeitung: E38 liegt 
feine Zeranlafiung vor, die Großfürftenreife dur) Entfeeidung Heiner 
Fragen zu fomplizieren; die Gefelihaft darf der japanifden Diplomatie 
leinen Vorwurf machen, wenn fie den jebigen Moment nicht ausnügt 
für die Erlangung von Vorteilen jeitens Rußlands, denn ein derartiges 
Gebahren der japanifhen Diplomatie könnte der japanifchruffifchen 
Freundſchaft nur ſchaden. 

Tokio, 1./14. Januar 1916. (Pet. Tel. Ag.) Die Preſſe ver⸗ 
urteilt einſtimmig die Tat des Wahnwitzigen gegen den Premier und 
ſpricht ihr Bedauern aus, daß dieſer Vorfall den Aufenthalt des teuren 
Gaſtes in Japan verdüſtern könne. 

„Yomiro“ druckt ein Interview mit dem Premier ab, in welchem 
es heißt: Das japaniſche Volk muß dem Großfürſten einen möglichſt 
freundlichen Empfang bereiten und darf die Großfürſtenreiſe nicht als 
Anlaß benutzen, irgendwelche Vorteile in Geſtalt von Kompen⸗ 
ſationen für die Unterſtützung Rußlands in dieſem Kriege zu erwarten. 

„Rußkoje Slovo“ vom 3./16. Januar 1916; 

Tokio, 2./15. Januar 1816. (Pet. Tel. Ag.) Der Aitentäter 
iſt verhaftet; gerũchtweiſe verlautet, daß die Fühlung des Attentäters 
mit einer der Oppofitionsparteien feſtgeſtellt ſei. 

Außer den oben angegebenen Agenturtelegrammen, die in den ruſſiſchen 
Blaͤttern mit gleichlautendem Text erſchienen ſind, liegen weitere Korreſpondenten⸗ 
telegramme über die Großfürftenreife nicht vor. 

Zeitartifel über die Großfürftenreife find in den ruffiihen Blättern gleich⸗ 
jſalls nicht erſchienen. 

Die „Birſhewija Wjedomoſti“ bemerlen kurz: Für den Abſchluß eines feſten 
Vvuündniſſes zwiſchen Rußland und Japan ſetze ſich auch die führende japaniſche 
preſſe ein. 

„Die geſunde Politik, der gute Wille und das offene Belenntnis der gegen⸗ 
ſeitigen Intereſſiertheit, — dieſe Elemente ſind genügend für die Verwirklichung 
jener Ziele, die jetzt auch von japaniſchen politiſchen Kreiſen ſo heiß unterſtützt 


224 Großfürft Georg Midailowitfh in Japan 
werden. Wünfchen wir, daß die Verwirklihung nicht mehr Iange auf fid 
warten läßt”. (Birfd. Wi. vom 3./16. Januar 1916). 

Die „Nomoje Wremja“ fchreibt zur Großfürftenreife: „Der Gedanten- 
austaufch zwilchen dem zarifhen Abgefandten und dem japanifhen Monarchen 
fand auf einem befonderen ‘Paradediner ftatt. Infolge einer ärgerlichen Ver 
zögerung bes Zelegraphen find die Worte des Milado bis jet noch nicht zur 
Kenntnis der ruffifhen Allgemeinheit gelangt. Aber wir täufchen uns nicht, 
wenn wir der Überzeugung Ausdrud verleihen, daß fie fich in völliger Überein- 
jtimmung mit den Erklärungen des zarifhen Abgefandten befinden“. 

Das Blatt fehließt feine Ausführungen mit den Worten: „Der Großfürft 
endete feine Rede mit der Verficherung, daß die gewichtigen Dienfte, die Japan 
Rußland erwiefen babe, bei der ruffiichen Regierung Gefühle tiefer Anerkennung 
hervorrufen und in der fernereıt Gejchichte der freundfchaftlichen Beziehungen 
zwilhen Rußland und Japan nicht fpurlos bleiben werben. 

Wir fügen dem no hinzu, daß die Gefühle der Regierung in biefem 
Yalle von der ruffiihen Gefelfhhaft und dem ruffifhen Volle alljeitig geteilt 
werden”. (Nom. Wr. 3./16. Januar). 

Die „NRetih“ ftreift den Bejuchh des Großfürften nach Japan in ihrer 
MWocenüberfiht mit einigen kurzen Worten. 

„Die ruſſiſche Geſellſchaft“ — heißt es dort — „verfolgt mit unzweifel- 
hafter Sympathie die Erfolge in der Annäherung der beiden Länder, die, nach 
ehrlicher Beilegung der ſie trennenden Streitfragen, den gemeinſchaftlichen Boden 
für ein enges, tätiges Zuſammenarbeiten gefunden haben. Man kann nur ein⸗ 
ſehen, daß, ſo lange der Krieg währt und Rußland von ſeinen europäiſchen 
Angelegenheiten und jenen im nahen Oſten gänzlich in Anſpruch genommen iſt, 
die ruſſiſch japaniſchen Beziehungen ſich etwas einſeitig entwickeln werden. Die 
richtige Prüfung für die ruſſiſch-japaniſche Freundſchaft wird erſt nad Be- 
endigung des Krieges kommen“. (Retſch 4./17. Januar 1916). 

Aus allen dieſen Stimmen klingt der ruſſiſche Wunſch nach Feſtergeſtaltung 
der Beziehungen mit Japan, aber auch das Eingeſtändnis der Erfolgloſigkeit 
der ruſfiſchen Bemühungen heraus. Das Attentat auf den Großfürſten, denn 
gegen dieſen war es in Wirklichkeit gerichtet, zeigt, daß die öffentliche Meinung 
in Japan in bezug auf die Beziehungen des Landes zu der Entente keineswegs 
einheitlich iſt. 


Allen Manufkripten iſt Porto hinzuzufügen, da andernfalls bei Ablehnung eine Rädfendung 
nicht verbürgt werden lann. 


Rabdrud fäntlicher Auffäge nur mit ansprüdficher Erlaubnis bes Werlagd geftattet. 
Berantwortlih: ber Herausgeber Georg Gleinom in Berlin Lichterfelde Wet. — Manuffriptiendungen und 
Briete werden erbeten unter der Abrefle: 

Un den Herandgeber der Grenzboten in Berlin - Lichterfelde Welt, Eternftrabe 56. 
Bernipredder bes Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, des Berlags und der Gchriflleitung: Amt Lügomw 6510. 
Berlag: Verlag ber Brenzboten ©. m. b. 9. in Berlin SW 11, Xempelbofer Ufer 85a 
Dınl: „Der Neichsbote" ®. m. 5. &. in Berlin SW 11, Defiauer Straße 86/87. 








Das Nationalitätsprinzip und der Hrieg 


Don Profefior Dr. Conrad Bornhaf 


RN a" größter Willfür hatten vor hundert Jahren NeichSdeputations- 
REN wa hauptihluß, Napoleon und Wiener Kongreß Länder und Völker 
zu Wi Durcheinander geworfen. Gefchichtlicher und nationaler Zufammen- 
— bang ſpielten keine Rolle. In einigen Gegenden hatten bis zum 
a Wiener Kongreile ganz nad) des Korjen Willfür die Bewohner 
alle paar Jahre den Herren gewechſelt. Erit der Wiener Kongreß brachte 
wieder einen dauernden Zuftand, an deffen Dauer zunädhjft nur wenige glaubten. 
Dieſer ſchwache Glaube rührte freilich im mefentlichen daher, weil die Schöpfungen 
des Wiener Kongrefjeg mande Regierungen wenig, die Völker gar nicht be- 
friedigten.. An den verjchiedeniten Eden züngelte die Revolution empor und 
fonnte durch die hohe Polizei der Heiligen Alliance nur mühfam unterdrückt 
mwerden, bi8 auch diefe gegenüber der “Sulirevolution von 1830 verjagte. 

Die Befreiung von der Napoleoniihen Gewaltherrichaft erfchien den Völkern 
bald nicht mehr als Erlöjung, weil ihre nationalen Wünjche nicht befriedigt 
waren. In Stalien fjehnte man geradezu aus diefem Grunde die Zeiten 
Napoleons zurüd. Gegenüber der Wiederherftellung der feit AlterS beftehenden 
Gemwalten dur das vom Miener Kongrefje aufgeftellte Legitimitätsprinzip 
erbob fich jebt als neues Prinzip der Zukunft das der Nationalität. Un- 
befümmert um die alten legitimen Gemalten follte jedes Bolt im ethnifch-Tpracdh- 
lihen Sinne aud) einen Staat für fich bilden, follten die in verfhiedene Staaten 
zerteilten oder unter fremder Herrichaft ftehenden Zeile eines Volles zur ftaat- 
lichen Einheit gelangen. | 

Man bat in Napoleon dem Erften den Schöpfer des Nationalitätsprinzips 
ſehen wollen. Geltfamer Gedanke, er, der nach Zaunen die Länder und Völfer 
immer von neuem durcheinander warf, war von dem Gedanken des Nationalitäts- 
prinzips ganz unberührt. Selbit Frankreich war ihm nicht Nationalftaat, jondern 
nur die Grundlage einer Univerfalmonardhie, die alles nationale Leben erjtidte. 

Grenzboten I 1916 15 


e® 





226 Das XHationalitätsprinzip und der Krieg 


Und do tit das Nationalitätsprinzip auf niemand anders zurüdzuführen als 
auf Napoleon den Erften. Er war nur ein Schöpfer wider Willen. Gr lehrte 
die unterdrüdten und gepeinigten Völfer fi aus dem Weltbürgertum des adj 
zehnten FahrhundertS auf ihre Nationalität zu befinnen, er lehrte feindliche, 
Nachbarn der bisherigen Zwergftanten fi) in größeren StaatSweien zu gemein- 
famer Arbeit zufammenzufinden. So gebt das Nationalitätsprinzip allerdings 
auf Napoleon den Erften zurüd. 

Aufgabe der Heiligen Alliance wurde es nun, ben dur) den Wiener 
Kongreß bergeftellten Zuftand der Iegitimen Gewalten gegen Angriffe der Re- 
volution zu verteidigen. 

Die lebendige Verlörperung ber Heiligen Alliance, obgleich nicht ihr Schöpfer, 
wurde nın Metternid. Die Erhaltung des in den günftigiten geographifcen 
Grenzen wieberhergeftellten öſterreichiſchen Kaiſerſtaates war die Aufgabe des 
Metternichichen Syftems. Diefe Aufgabe konnte bei dem Völfergemifch Ofterreihs 
nur erfüllt werden, wenn die Nationalitäten Öfterreihs nicht aufeinander 108- 
fchlugen. Das war nur möglich in einem abfolut regierten Dfterreih. Die 
Tonftitutionelle Bewegung in Deutichland und alten mußte alfo derart unter- 
bunden werden, daß fle nicht auf Ofterreich übergriff und im Konftitutionalismus 
die Nationalitäten ftärttee So wendet fi) das Metternihihe Syiten gleid- 
mäßig gegen Konftitutionalismus und NationalitätSprinzip. 

Dadurch fanden fi aber die urfprünglih getrennten Richtungen des 
Konftituttionalismus und des Nationalitätsprinzips zufammen. In Deutichland 
wie in Stalien wurde die nationale Einheit eine liberale Forderung und wurde 
zuerft vom Liberalismus gegen abfolutiftiihe umd altitändifche Strömungen ver- 
treten. Die Lonftitutionelle Bewegung Staliens vor 1820 bewegte fi) nod 
durchaus auf partilulariftiihem Boden, fie war eine befondere in Sizilien, in 
Neapel, in Piemont. hre Unterbrüdung durd Dfterreich zeigte, daß man nur 
auf einer breiteren nationalen Grundlage zum Ziele gelangen Tönne. wie 
neuen Berfafjungen im Südmeften Deutfchlands zogen geradezu in den will. 
fürlihen Bildungen der Rheinbundszeit ein partilulare® Staatsgefühl heran. 
Doh die Bevormundung des Bundestages unter Metternich Leitung führte 
ben fübdeutfchen Partitularismus zu der neuen Formel: „Dur Einheit zur 
Freiheit”. 

Die Bewegung des Jahres 1848 ift daher in Deutihland wie in Stalien 
bereit8 vom Nationalitätsprinzipe beberrfht, ohne dody den Beitand der Einzel- 
ftaaten bejeitigen zu wollen. Am zielbewußteften fommt das in dem Werke der 
Paulsfirde zum Ausdrude, deren Berfammlung e8 leider nicht verftand, ben 
Anihluß an den einzigen Madhtfaktor deutfchen Lebens, den preußifchen Staat, 
zu finden. In der italienifchen Revolution von 1848 überwiegt nod) bie 
liberal-konftitutionelle Richtung auf dem Boden des Ginzelftantes, wenn aud) 
bie Vertreibung ber fterreicher aus Lombarbo-Venetien und beffen Bereinigung 
mit dem Königreiche Sardinien als erite Vorausfegung der Freiheit galt. Aber 


Das Nationalitätsprinzip und der Krieg 2327 





national wagte man über einen loderen Staatenbund der ae Staalen 
unter dem Borfige des Papftes nicht binauszudenken. 

Sn zielbemußter Wetfe hat erft Napoleon der Dritte das Nationalitäts⸗ 
prinzip zum leitenden Grundſatze ſeiner auswärtigen Politik gemacht trotz der 
Warnungen Thiers, daß die Einigung Deutſchlands die weitere Folge der 
italieniſchen Einheit ſein werde. Selbſtverſtändlich erwärmte ſich das Oberhaupt 
des fitreng geſchloſſenen franzöſiſchen Nationalſtaates nicht uneigennützig für 
fremde Nationalitäten, um auch ihnen den Segen nationaler Einheit zu bringen, 
den Frankreich ſchon lange ſeit ſeinen alten Königen beſaß. Das Nationalitäts⸗ 
prinzip war ihm nur das Mittel, um ſterreichs Herrſchaft in Italien aus den 
Angeln zu deben und die Frankreihs, geftüht auf ein fardinifch-fubalpinifches 
Königreih, an die Stelle zu feben. An die italienifhe Einheit dachte er mit 
nichten. Dann wuh3 ihm aber die Bewegung über den Kopf, und er hatte 
die ganze Übrige Zeit feiner Negierung damit zu tun, wenigftens Dämme zu 
ziehen, um die Nefte des Kirchenftaates zu retten, deffen Untergang ihm bie 
für feine innere Bolitif jo notwendigen franzöfifchen Ultrtamontanen nie verziehen 
hätten. Gleichzeitig hatte fi) aber der franzöftiche Kaifer durch feine Vertretung 
des Nationalitätsprinzips Deutichland gegenüber in gewiffen Sinne die Hände 
gebunden, wie das Thierd ganz richtig vorausgefagt hatte. Daß er daneben 
im Prager Frieden dem Nationalitätsprinzip gemäß auf Rüdabtretung der 
vorwiegend dbänifchen Teile Nord-Schleswigs an Dänemarf nad einem Fünftigen 
PVlebiszite drang, war gegenüber der gewaltigen EinheitSbemegung Deutichlands 
ein unfchuldiges politifches Spiel. Im der Tat [cheiterte Napoleons des Dritten 
auswärtige Bolitit daran, daB er die Geifter, die er gerufen, nicht wieder 108 
wurde. Und das Fonnte ihm niemand weniger verzeihen als das franzöfiiche Volt. 

Obgleich Napoleon der Dritte al$ erfter unter den Negierenden fi auf 
das Nationalitätsprinzip berief, hat fich die Einigung Staliens und Deutfchlands 
nicht mit ihm, fondern gegen ihn vollzogen. yn den beiden EinheitSbewegungen 
fand das Nationalitätsprinzip feine freilich nicht reftlofe Verwirklichung. 

Doch ſchon hatte der neue Grundfa angefangen, in dem zerbrödelnden 
türfifhen Reiche id auf die Balkanhalbinfel zu verpflanzen zur Befreiung der 
Hellenen, Rumänen und Slawen von türfifher Fremdberrfchaft. Auch bier 
bediente fi wieder eine europäifhe Großmadt des Nationalitätsprinzips als 
Hebels ihrer auswärtigen Politit, Außland. Eigentümlicher Widerſpruch der 
Dinge. Diefelbe Macht, die Polen vernichtet und des lekten Refte8 von Selb- 
ftändigleit entlleidet hatte, die die Ufrainer nur als Beltandteil des ruffiichen 
Volles Tannte, fühlte fich berufen, den Balfanvölfern die Freiheit zu bringen. 
Und das lebte Ziel der ruffifhen Ballanpolitif, der Erwerb SKonjtantinopels 
und der Meerengen, wo Feine Ruffen noch überhaupt Slawen wohnten, für 
Rußland, ſchlug doch dem Nationalitätsprinzip geradezu ins Gefidt. Hier 
wurde das Nationalitätsprinzip zur Umlleidung des Widerjprudes mit emem 
neuen Einfchlage verjehen, e8 tt die Idee des Banflamismus und der Drthoborie. 

15* 


228 Das Nationalitätsprinzip und der Krieg 


Der Panflamismus rechtfertigt die Einverleibung der Ulrainer und Polens in 
Aukland und gibt dem ruffifden Zaren die Schubherrfaft über die Ballan- 
llawen. Und wo, wie gegenüber Griehen und Rumänen, der Banflawismus 
nicht ausreicht, muß die Glaubensgemeinfchaft der DOrthodorie nachhelfen. 

Unter diefer Devife begann mit NRuplands Segen der erjte Ballanfrieg 
zur Befreiung der Ballanvölfer von türkifher Herrfhaft. Nur die legte Frucht 
zu pflücden, die Türken aus SKonftantinopel zu verjagen, hatte Rukland fi 
felbft vorbehalten. Freilih war auch bier das Nationalitätsprinzip nicht Selbit- 
zwed, Rußland teilte da8 Schidjal Napoleons des Dritten, es mußte bald ein- 
dbämmend wirkten. Bulgarien als mächtiger Slawenftaat vor den XQoren 
RonftantinopelE wäre der befte Schu der Türkei gegen Rußland gewefen. 
Bulgarien mußte alfo auf Koften des Nationalitätsprinzips möglichſt geſchwächt 
werden. So begann der zweite Ballanfrieg der bisherigen Verbündeten gegen 
Bulgarien. Freilih eine reinlihe Scheidung nad) der Bolls- oder Sprad) 
grenze ift in dem Bölfergewirr der Ballanhalbinfel ein Ding der Unmög- 
lichkeit. Aber daß die große Mafje der maledonijen Bulgaren an Serbien 
überantwortet wurde, lag einzig daran, daß biefes ber willfähigere ruffijche 
Bafall war. 

Doh der Ballanbund follte in dem erjten Ballankriege gegen die Türe 
nur die Probe beitehen. ALS Hauptaufgabe für fpäter war ihm im Bunde 
mit Rußland die Zertrümmerung bes Nationalitätenftantes Dfterreich geftellt — 
wiederum im Namen des Nationalitätsprinzips. Nur fehade, daß durch den 
zweiten Ballanfrieg gegen Bulgarien das Werkzeug zerbrodhen war, ehe man 
es zu feinem SHauptzwede gebrauchen konnte, und alle Berjuche, eg wieder zu- 
fammenzuleimen, an der bulgarifch-jerbifhen Feindfchaft feheiterten.. So mußte 
man fi denn mit Serben und Diontenegrinern allein begnügen und daneben 
auf andere mächtige Bundesgenofjen verlaffen. 

Der Weltkrieg begann auf der ganzen Linie mit dem Programm des 
Nattonalitätsprinzips der Befreiung der Meinen unterdrüdten Völler. 

Am beiten hätte man bdiefe Aufgabe im eigenen Haufe erfüllen Tönnen, 
ohne dazu des Krieges zu bedürfen. rland, Indien und die Buren boten für 
England, Finnland, Polen und Ukraine für Rupland, Matebonien für Serbien 
reichliche Gelegenheit. Doch auch bier galt das Wort: der brave Mann denit 
an ſich ſelbſt zuletzt. 

Rußland wollte gegen Deutſchland und Äſterreich das Nationalitätsprinzip 
zur Geltung bringen. Zu dem Zwecke war die Wiederherſtellung Polens unter 
ruſfiſcher Leitung ins Auge gefaßt. Daraufhin konnte man die halbpolniſchen 
Landesteile Preußens und Weſtgalizien beanſpruchen, während Oſtgalizien als 
von Ruthenen bewohnt unmittelbar für Rußland beſtimmt war. Auch hier 
mußte der Banflawismus wieder dazu herhalten, das Unzureichende des Nationali- 
tätSprinzipe8 zu verdeden. Die Ulrainer gab man für NRuffen aus, und bie 
Polen waren Slawen. So Tonnte man beider Gebiet beanfpruchen. Dap in 


Das XHationalitätsprinzip und der Krieg 2929 


den Dftprovinzen Preußens auch no Millionen von Deutfhen wohnten, tat 
nichts zur Sache. 

Ym Süden follte Ofterreich gleichfal8 im Antereffe der Befreiung der Völker 
zerftücelt werden. Die von Serben, Kroaten, ja aud) bie von Slomenen be- 
wohnten Gebiete waren für das große Serbenreich unter „Peter dem Mächtigen“ 
beftimmt. Gewiß find Kroaten und Serben ein Boll, aber durch Religion und 
Schriftzeichen voneinander getrennt und bi8 auf die neuefte Zeit aufs Bitterfte 
verfeindet. Erft der gemeinfame Gegenfat gegen die Magyaren hatte neuerdings 
die Feindichaft etwas gemildert. Niemals aber hätten filh die römifch-fatholtichen 
Kroaten von den Serben beherrfchen Iafjen, auf die fie tief herabfehen. Die 
Slowenen vollends find ein jelbjtändiges, von ben Serbofraten ganz ver- 
ſchiedenes Voll. 

Den Rumänen war, entſprechendes Wohlverhalten vorausgeſetzt, das 
natürlich nur durch Beteiligung am Kriege im Bunde mit Rußland bewieſen 
werben konnte, das vorwiegend von Rumänen, aber doch auch von Sachſen 
und maqyariſchen Szeklern bewohnte Siebenbürgen zugedacht. Über die Bukowina, 
die Rußland, und den Banat, den Serbien beanſpruchte, kam man nicht ins 
Reine, ſo lange man über das Bündnis verhandelte. Für Siebenbürgen hätte 
aber Rumänien die Moldau bis zum Sereth mit der Hauptſtadt Jaſſy und die 
Dobrudſcha an Rußland, das ſich darüber bereits mit England verſtändigt hatte, 
abtreten müſſen und wäre damit vom Meere abgeſchnitten worden. Und in 
dieſen rumaͤniſchen Gebieten, die Rußland für ſich beanſpruchte, mögen nun alle 
möglichen Völkerſtämme wohnen, Ruſſen fehlen darin ganz gewiß gänzlich. 

Und endlich kamen im Namen des heiligen Egoismus auch die Italiener 
und forderten kraft des Nationaltätésprinzips von Äſterreich die zur Vollendung 
der nationalen Einheit erforderlichen noch unerlöſten Gebiete. Dieſe Stellung⸗ 
nahme Italiens gegen den bisherigen Bundesgenoſſen war ziemlich einſeitig. 
Denn weshalb hätte man das Erlöſungswerl nicht ebenſo gut in Nizza, Korfika 
und Malta beginnen können? Aber auch ſterreich gegenüber gingen die 
italienifchen Forderungen weit über das Nationalitätsprinzip hinaus. Bon der 
Grenze al Brennero ganz zu fehweigen hatte doch bei den amtlichen Ver- 
handlungen das italienifhde Miniftertum die Unverfrorenheit, in Zirol bie 
Grenzen des italtenifchen Königreich Napoleons des Erften von 1811, alfo damit 
die urbeutfdde Stadt Bozen zu fordern. Mit der italieniihen Beilgergreifung 
des Dodelanes im grieifchen Archipel und der albanijhen Stadt VBalona war 
Ofterreich fogar einverftanden, indem e3 gleichzeitig fein Desinterefjement an 
Albanien zu erflären bereit war. Mit der Befreiung der unerlöften italienifchen 
Gebiete Traft des Nationalitätsprinzips fingen die ttalienifchen Forderungen an, 
um fehr bald zu der Forderung der natürlichen Grenzen überzugehen, biefe 
lagen nad ttaltenifcher Anfiht im Norden am Brenner, wa$ nod) geographijch 
begreiflich if. Weshalb aber gerade in Albanien und im griehifchen Archipel, 
vermag man nicht annähernd zu ahnen. Die Fraft des Nationalitätsprinzips 


J 


230 Das Xationalitätsprinzip und der Krieg 


erhobenen italienifChen Forderungen hätten bei ihrer Verwirklihung zu der 
ungeheuerlichften Vergewaltigung fremder Nationalitäten, von Deutfchen, Serben, 
Albanefen und Griechen geführt. 

Dog Elfah-Lothringen Traft des Nationalitätsprinzips als Siegespreis zu 
Stankreich zurüdkehren müffe, war felbftverftändlid. Da die gemaltfame 2o8- 
reißung durch den Frankfurter Frieden null und nichtig war, gehörte e8 eigentlich 
fon dazu. Ohne weiteres erflärte daher Joffre vor dem Nathaufe zu Mül- 
haufen die Wiedervereinigung mit Franfreih. Nicht einmal eine Bollsabftimmung, 
auf die man do fonft franzöfifcherfeits fo viel Wert gelegt hatte, follte ftatt 
finden. Dabei vergaß man ganz, daß das Reiseland nur zu einem Zehntel 
von Bewohnern franzöfifden Spradjftammes namentlih an der Lothringiichen 
Grenze bewohnt ift. Für die übrigen neun Zehntel Deutfche, Allemannen und 
Franken, etwa anderthalb Millionen an Zahl, hätte die Vereinigung Elfak- 
Kothringens mit Frankreih um ber paar hunderttaufend Yranzofen willen wieder 
eine ungebeuerlihe Vergewaltigung des NRationalitätsprinzips bedeutet. 

Und damit auch hier das Satyrfpiel nicht fehle, war unter den Tünftigen 
Sriedensbedingungen die Neutralifterung des Norboftfeelanals und die Rüdgabe 
des nörbli davon gelegenen Gebietes an Dänemark in Ausfiht genommen. 
Man dachte fi augenfcheinlih ganz Schleswig und Norber-Dithmarfchen als 
von Dänen bewohnt. 

Wenn fhließlih England zum Schube Belgien! oder, wie man fpäter ver- 
allgemeinernd fagte, zum Schute der Heinen Nationen überhaupt den Krieg 
erflärte, fo fpielt auch bier das Nationalitätsprinzip hineln. Babei überjah 
man wieder, daß es vom Standpunlte des Nationalitätsprinzips ein belgifches 
Volk nie gegeben hat, ja der Beitand des belgiihen Staates von feinem Anfange 
bi8 zu feinem Untergange ein Widerfpruch in fich felbft war. 

Außer dem erften Ballankriege tft noch niemals ein Sieg fo zielbewußt 
von allen Seiten im Namen des Nationalitätsprinzipg begonnen worben. War 
doch eine der beiden Großmächte, gegen die er fi) von Anfang richtete, Dfterreich 
als Nationalitätenftaat bei Durchführung des Nationalitätsprinzipes von felbit 
geliefert. Andererjeits ift überall erfennbar, wie das Nationalitätsprinzip nur 
den Vorwand bildet. Die Durchführung der von Rußland, England, Frankreid), 
Ftalien und ihren kleineren Verbündeten geftedten Kriegsztele hätte überall die 
Dergemwaltigung fremder Nationalitäten bedeutet. 

Damit fcheint aber das Rationalitätsprinzip den Höhepunft feiner ge 
fchichtliden Miffton überfehritten zu haben. 

&3 Tiegt im Wefen jedes deals, daß es fi in der Welt der Wirklichkeit 
nicht rein durchfegt, Tondern mit Widerftänden zu Tämpfen bat, fih an ihnen 
abjchleift und mit ihnen Kompromifje fchließt. So hat eS in der neueren 
Geihichte auch noch) nie einen Staat gegeben, der dem “Ydeale des Nationalitäts- 
prinzips voll entiprochen hätte, daS ganze Volk im ethnifhen oder fprachlichen 
Sinne und nur biefes Boll in einer ftaatlihen Gemeinfhaft zu vereinigen. 


Das Nationalitätsprinzip und der Krieg 981 


Doh ein Staat ftand dem Ydeale näher, ein anderer ferner, am fernften die 
Nationalitätenftaaten, wie Dfterreih, die Schweiz und Belgien, und das Völfer- 
haoS von Kolonialreihen wie bie Vereinigten Staaten. 

Gleichwohl Hat filh das Nationalitätsprinzip da, wo nationale Staaten 
no& nicht aus der gefhichtlicden Entwidlung im Beginne der Neuzeit bervor- 
gegangen waren, al8 gewaltige ftaatSbildende Kraft bewährt in der Einigungs- 
bewegung taltens und Deutfchlands und in der Befreiung der Ballanitaaten. 
Gerade in diefer Kraft lag aber die Gefahr des Mikbrauds als Mittel für 
Dläne einer ehrgeizigen auswärtigen Boliti. &benfo wie einft Napoleon der 
Dritte hat au) der Vierverband mit dem Nationalitätprinztp fpeluliert und 
bat fich verfpefuliert. Der Mikbraud) lag darin, daß das Nationalitätsprinzip 
nur al Vorwand diente, und der Sieg bes PVierverbandes gerade zu einer 
Bergewaltigung besfelben Prinzips geführt hätte, in deflen Namen man zu 
Felde 309. 

Der deutſche Yriede wird vorausfichtlih nicht unter dem Zeichen des 
Rotionalitätsprinzipes ftehen. Denn er fol nicht auf trügerifchen Borfpiegelungen 
beruben. 

Die Nattonalitätenftaaten Öfterreih und die Türkei ftehen durch den Krieg 
fefter denn je. Ihre Zerjtüdelung ift ein ausfidhtSlofes Beginnen. 

Das deutfhe Kriegsziel ift allein der Sicherungszmed für die Zulunft. 
„Wir müflen uns alle nur möglichen Garantien und Sicherheit dafür fchaffen 
und erlämpfen, daß feiner unferer Feinde, nicht vereinzelt, nicht vereint, wieder 
einen Waffengang wagen wird” — erflärte der Neichslanzler in feiner Rede 
vom 28. Mat 1915. Wenn bdiefer Zwed an einzelnen Stellen wie tm Balten- 
Iande und im Blamland dur das Nationalitätsprinzip unterftügt wird, fo ift 
das natürlih an ich fehr erfreulihd. Aber der einzige Zwed ift die Tünftige 
Sicherung. 

Es iſt aber eine alte Erfahrung, daß das, was in Europa dermalen außer 
Gebrauch gekommen iſt, Ausfuhrware wird. So kann es denn kommen, daß 
das Nationalitätsprinzip gerade durch den Krieg außerhalb Europas von Be—⸗ 
deutung wird. In Indien, Ägypten, in Algier, Tunis und Marollko, unter der 
mohammedaniſchen Bevölkerung Rußlands regen ſich mächtig die Nationalitäten. 
Und gleich dem ruſſiſchen Panſlawismus ſteht dahinter ſchon eine Idee, die im 
politiſchen Intereſſe eines Staates über das Nationalitätsprinzip hinauswächſt. 
Unter der Deviſe „Aſien für die Aſiaten“ bedroht die neue japaniſche Welt—⸗ 
macht, die England zur Eroberung Kiautſchous zu Hilfe gerufen, die franzöſiſchen 
Beſitzungen in Hinterindien, Britiſch-Indien und Oſt-Sibirien in gleicher Weiſe. 
Die Bundesgenoſſen haben nur abzuwarten, auf wen ſich das oſtaſiatiſche Raub— 
tier zuerſt ſtürzen wird. 

Die alte Erfahrung beſtätigt fich von neuem: es iſt leicht, Geiſter zu rufen, 
ſchwer fie wieder zu bannen. 





Der belgifche Dolfskrieg im Urteil der Ileutralen 


Eine neutrale Polemit 


und um den Vollstrieg in Belgien bat heute, 18 Monate nad 

el dem Einrücden der erften deutfhen Truppen in das belgifche Land, 
—— ſo ziemlich ausgetobt, ohne daß jedoch dieſer Gegenſtand die alte 
— Anziehungskraft ſchon ganz eingebüßt hätte. Die Frage der 
Neutralitätsverletzung und nicht minder die Geſchichte dieſes beiſpielloſen Krieges 
eines ganzen Volkes mit all ſeinen Folgen bietet noch jetzt und wird noch 
Generationen immer neuen Stoff zum heißen Kampf des Wortes und der Feder 
für und wider bieten, wenn die Wunden des Jahres 1914 längſt vernarbt find 
und der Haß und die Leidenfchaft einer zurüdichauenden, rubigeren Betrachtung 
Bla gemadt haben werben. 

Tie Weltgefchichte wird aber, wir dürfen e3 zuverfidhtlich hoffen, auch dem 
Kapitel Belgien noch einmal eine unbefangenere Würdigung, als es bisher ge 
ſchehen tft, zuteil werden laffen und manden Irrtum aufllären, in gerechterem 
Abmwägen der heute no fo dur Gunft und Haß vermwirrten Gründe ber 
ftreitenden Parteien die Löfung für vieles heute feier unfaßbare leichter finden, 
wenn das ungeheure Zatfacdenmaterial menigftens leidlih) einwandfrei vorliegt 
und die StaatSardhive einmal alle ihre Gcheimfächer geöffnet haben werben. 
Beitgenöffifches Duellenmaterial, al die Dokumente, all diefe Unflut von Literatur 
als Zeugnifje für die Ereigniffe felbft und nicht minder für die Mentalität in 
diefem Kriege des Wortes, der neben dem Kriege der Waffen dahintobt, werden 
dem forfhenden Auge der Nachwelt ja diesmal wie in feiner anderen Epoche 
der Geihichte zur Verfügung ftehen. Wieles, jehr viele davon wird aber von 
einer fühleren Kritil jpäterer Generationen alS ganz oder teilmeife unbaltbar 
abgelehnt werden müfjen, das Tönnen mir fehon heute fagen angefichts biefer 
nie dagewefenen leidenfchaftliden Aufwühlung der Gemüter einer ganzen Welt, 
die fich zurzeit noch zu einem bedauerlich großen Teil in der Krifi8 einer einzig- 
artigen PBiydhofe bzw. Hypnofe befindet, teils jeglicher Objektivität unfähig ift, 
fie fogar gewaltfam erjtict, teils mwenigftens danach ringt, aber vergeblich. 

Sn dem Schmelztiegel der Weltgefchichte wird einmal alles zutage kommen, 
das NRedht und das Unredt; die Schlade wird abfallen und das Gold der 
Wahrheit wird bleiben. Da werden denn auch all die literarifhen Denkmäler 





— — 


— —— — — 


Der belgiſche Volkskrieg im Urteil der Neutralen 233 


dieſes Federkrieges ihre unerbittliche Feuerprobe zu beſtehen haben. Mit all 
den Irrungen, wie ſie menſchliche Unvollkommenheit und die begreifliche Leiden⸗ 
f&aft einer fo gewaltigen Zeit der Ummälzung aller bisherigen Begriffe not- 
wendig zeitigen muß, wird die dereinftige Kritif wohl nahfihtig ins Gericht 
gehen, aber vernidhtend wird fie ihr Urteil fprechen über bemußte Schuld, über 
bie Sünde gegen den heiligen Getft, über all den traurigen Unrat von fhänd- 
Tier Züge, Verleumdung und blindwätigem Haß wider Vernunft und befjeres 
Willen. Bis dahin möge jeder bei feinem „Recht“ verharren, jegliche Ver- 
ftändigung ift einftweilen ausgefcdhloffen. 

Eine erheblide Rolle werden bei diefem zeitgenöffiichen Material fiherlich 
die Urteile der Neutralen fpielen müflen, die fi ja heute, und zum Zeil gewiß 
mit Nedt, die alleinige Yäbigkeit zufprechen, objektiv zu urteilen, und von 
diefem ihnen von den Sriegführenden geradezu aufgebrängten Amt ausgiebigen, 
aber dafür auch recht verj&iedenartigen Gebraud) gemacht haben. Dian wird 
fpäter immer gemeigt fein wollen, angefichtS des Wuftes von gegenfeitigen An- 
Hagen und Widerfprühen die Abfeitsjtehenden, die Neutralen, als Kronzeugen 
berbeizuziehen, um ihre Beobachtungen, ihr Urteil al8 das am meilten wahr- 
fcheinlicde Tatfacdenmaterial gelten zu lafjen. 

Aber — leider auch bier: eine Fülle von Widerfprücen, die fi faum 
minder erbittert gegenüberftehen al3 die der Kriegführenden felbit. Befangenbeit, 
Vorurteile, mehr oder minder unbewußt, aber au) bewußte PBarteilichleit, ab- 
ficätliche Einfeitigfeit und mala fides — mir finden fie heute bei den Neutralen 
in faft gleidem Maße wie bei den näcjjt Beteiligten. So wird fi denn der 
Ipäteren Geihichtsihreibung bei ihrer Klärungsarbeit au) immer wieder bie 
Frage aufdrängen: wer war denn neutral; wie wir heute und aud) immer 
wieder fragen: wer ift denn neutral, wirflic neutral? (E3 handelt fih bier 
natürlih nur um die geiftige Neutralität.) Wir baben da jdhon jet merl- 
würdige Erfahrungen gemadt. Und das Iäßt fich bereits heute mit Gemwißheit 
fagen: au da8 neutrale zeitgenöffifche Material wird noch einer gründlichen 
Sichtung bedürfen. Die Geiichte wird fi fchließlid doh aud nur an Die 
Neutralen halten, die erfichtlich mit der größten Ruhe an ihre Aufgabe heran 
getreten find, Gerechtigfeit und auch ein gemiffes Duantum Stepfis nad) beiden 
Seiten walten und mitten in den Lärm des Wortlampfes hinein mwenigftens 
die Stimme der Vernunft, die Mahnung zunädjit zur Mäkigung ertönen und 
vor allen einem offenbaren guten und ehrlichen Willen zu menſchlichem Be⸗ 
greifenwollen, zum gütlihen beiderjeitigen Zufprud, zur Verftändigung und 
Berföhnung erfennen lafien. ES wird vielleicht fchließlich auf allen Seiten nicht 
ohne Abjtrihe abgehen fönnen, es wird fompenftert werden müfjen und fo legten 
Endes ein erheblich milderer Schiedsfprud für beide Parteien herauslommen, 
der vieles auf das Konto der menihliden Schwächen zu fegen und im übrigen 
recht viel von allem vorgefallenen auf halbes Maß zurüdzuführen geneigt 
fein wird. 


234 Der belgifche Dolfstrieg im Urteil der YXeutralen 


Sa, auch die Verantwortung der Neutralen für das, was fie heute fchreiben 
und nod) fohreiben werden, tft und bleibt jehr groß; fie erfordert Charaktere 
und klare Köpfe, vor allem aber unbedingte Ehrlichkeit. 

&3 fehlt an folden doc) zum Glüd fchon heute nicht; es gibt doch Neutrale, 
denen ber Krieg den Haren Blid! nicht getrübt hat, die ihre eigenen Sympathien 
dem Willen zu ftrifter Objeltivität gewaltfam unterzuorbnen die eitigkeit haben, 
und benen deshalb wenigftens fpäter vorausfichtli alle Parteien den Ruhm 
einer menfhenmöglichen unpartetifchen Kritif zufprechen wollen werden, wenigitens 
den guten Willen dazu und die Aufrichtigfeit. 

Wenn wir heute bier einen foldden Neutralen, der a unferem Dafür- 
halten den Anfpruh auf ehrliche neutrale Gefinnung und Darftelung maden 
darf, zu Worte fommen laffen, fo tun wir dies nicht, um zu feiner Auffafjung 
im einzelnen Stellung zu nehmen. Wir Deutiche müfjen uns binfichtlie) des 
Kapitels Belgiens zunächft an unfere deutfchen Zeugnifie, an unfer ehrlich ver- 
meintes gutes Necht halten, in der Hoffnung, daß unfer Verhalten gegenüber 
dem unglüdlicden Belgien vor dem Urteil der Gefchichte einft ebenfo gut wird 
beftehen fönnen, wie unfere den Erzeugnifien der feindlichen Literatur entgegen- 
geftellten gefchriebenen Beweife ufm., denen wir bei aller Barteilichleit und 
gewiß entfchuldbarer gelegentlicher Einfeitigfeit allerdings fehon heute den Vorzug 
rubigerer, fachlicherer und vor allem anftändigerer Darftellung zuzuerlennen 
geneigt bleiben. 

Wir haben eine Artikelreihe aus der Feder des Dänen Karl Gab in ber 
Zettihrift „Spectator“ vor ung, „Slode Roland“ betitelt. 

Es ift — natürlid — eine Polemik, und zwar aud) gegen einen „Neu- 
tralen”, einen Landsmann fogar. Das fagt ja eigentlich fchon genug. Beide 
nennen fidh neutral, beide behaupten über den Parteien zu ftehen, — und wer 
tut e8 nun wirklich? Wer tft der „Neutralere"? Johannes Jörgenſen heißt 
der andere, und fein Buch nennt fi) die „Slode- Roland“. „An fie follen bie 
Stürme diefes Weltkrieges ftoßen, und fie fol die Wahrheit ehern fünden“.... 
Sie tft ja „neutral”] Laffen wir, da uns die „Slode Roland“ nicht vorliegt, 
Karl Sad nun zu Worte fommen, wir werden von ihm die Auffaffung des 
anderen, des Johannes Yörgenfen, Tennen lernen. 

Es tft eine Polemil, doppelt intereflant, erjtens biftorifd als Tritifcher 
Beitrag zu dem vielbejprochenen Stapitel Belgien, ferner aber au und befonders 
in ideologifher oder pſychologiſcher Hinfiht als eine geiftreiche Abhandlung über 
das Wefen und die Pflichten der geiftigen Neutralität. 

Karl Gab verbreitet fih an der Hand jenes Buches zunädjft über Die 
Piyhologie des Hafjes, der nach feiner Anfiht in diefem Kriege beifpiellofe 
Zriumpbe feiert, der auf der einen Seite aus dem Kampf der Freiheit, ber 
Ziviltfation gegen die befannten Barbaren ufm., auf der anderen Seite aus 
dem Kampf der deutihen Kultur gegen eine halbe Welt einen Kreuzzug macht 
oder in noch anderen Schlagwörtern feinen Ausdrud fuhht. Und die Neutralen? 


Der belgtfhe Deolfskieg im Urteil der Yentralen 235 
Sie find au angeftedt von dem Fieber der Kriegführenden... Auch bie 
Dänen, fonft nicht eben ein Voll von ftarten Leidenfchaften, betätigen fich auf 
biefem Gebiet. | 

„Endlich hat aud ein Däne ein Buch über den Krieg gefchrieben, das 
überfebt, verlauft und verflungen wird in der ganzen Welt. 8 ift die 
‚Slode Roland‘ von Johannes Yörgenfen. Ste bat viele Töne, das große, 
tiefe Pathos und die fchneidende, gellende ronie, die dumpfen Klänge der 
Zrauer und des Mitleids, den Sturmgefang des Fluches und des Zornes 
mächtiges Gebraus. Aber der Grundton ift immer berfelbe: Seht, fo find fie, 
die Lügner, die deutjchen Verbrecher, hakt fie, haßt fiel“ 

Ein ungefähres Bild von Jörgenſens Buch Tönnen wir uns aljo fchon 
maden. 3 ift eine Kampfichrift gegen Deutfhland, aber — fie tft „neutral”. 
Die Deutfchen find der Abjchaum der Erdel Das tft Die ausgeiprochene Tendenz 
diefe8 Buches, jagt Karl Sad, es tjt nicht eine einzige, neue Zatfache darin, e8 
fuht nur das fon Belannte auf eine neue Art zu fagen, fo daß es ftärker 
im Dienfte der Agitation wirkt. Alle Kräfte der Sprade werden mobilifiert, 
alle Macdtmittel dichterifhen Stils werden angewendet, um zu Überzeugen, zu 
überreden, zu bypnotifieren, unfere Abjeheu und unfere Beratung zu weden, 
unferen Zorn und unfere Verbitterung, unfere Leidenfchaft bis zur Naferet zu 
erhiten und ung zu zwingen, unfere Herzen dem Haß zu eröffnen, der wie ein 
verheerender Brand die Erde vermwüftet. 

Warum follen die Neutralen mithafien? fragt Sad. ES muß wohl bie 
Meinung des Glödners fein, daß der Hab fih In Zaten umfeten fol. Soll 
e8 Rade fein? Sol fie fi wie in der fogenannten Tragödie „Armagedden“ 
austoben, wo Köln der Schauplat des Zriumphes der franzöfiichen, englifchen 
und belgifhen Truppen tft und bie Frage der Berftörung des Doms erwogen 
wird, und wo fi der edelmütige englifhe General für die Schonung des 
Gotteshauſes ausſpricht? Oder will Jörgenſen damit die Alte der „Nahe für 
Lufitania” in den Londoner Pöbelvierteln billigen? ES märe naiv, wenn er 
fi) darüber wundert, daß foldhe Früchte fommen, meint Gab. Aber wenn e$ 
nit Rache fein fol, was foll dann der Hank? „Soll er nur der Begeifterung 
Rahrung geben, die die Ententemädhte brauchen, um Deutſchland zu zerſchmettern? 
Die ‚Slode Roland‘ fagt dies zwar nicht direlt, aber nur zu deutlih muß 
jeder Leer dies herausfühlen. Und wenn es den Gegnern Deutfchlands wirklich 
gelingt, e8 diesmal zu zerjeämettern: Was wird die Saat fein, meldes die 
Früchte? Haß und wieder Haß! 

Doppelter Wahnfinn, wenn man neutral fein will! ... 8 tft fo viel ge- 
fprochen worden von der Pflicht der Neutralen, ihre Partei zu wählen, ihren Einjag 
zu madjen, aber e3 wird fo wenig von der Pflicht, neutral zu bleiben, geredet! 
Bon der Pflicht, endlih danad) zu ftreben, daß man nad) Redt und Fug 
urteile, anftatt nach blinder Sympathiel Die ‚Glode Roland‘ ift ein Buch 
des Hafles, und deshalb ein Buch, das Schaden anridtet. Und das würde 


236 Der belgifhe Dolfstrieg im Urteil der Xeutralen 


fie au) fein, felbft wenn fie im übrigen redlih und zuverläffig wäre. Aber 
dazu fommt noch, dak Körgenfens Arbeitsmethode illoyal ift und feine Schluß- 
folgerungen falih find. Das ift wohl das Schlimmfte, was von einem Buche 
gefagt werden kann, das vorgibt, die abfolute Wahrheit zu prebigen!” 

Someit Karl Gad fiber die Wirkung des Haſſes, wie ihn die „&lode 
Roland“ Yäute.e. Man wird ihm, fo follte es fcheinen, zum mindeiten den 
heute ziemlich feltenen redlichen Vorfag, in Ddiefem Kriege der Leidenidhaften, 
der Sympathten und Antipathien erft einmal den Weg ber Vernunft, der Rube 
und Mäßigung für die Abfeitsftehenden zu finden, nicht abjprechen können. &$ 
Mingt aus feinen Worten ein erfreulicher Ton der Menfchlichleit heraus, den 
wir in diefen Tagen nur zu oft verbunfelt finden. Eine Vorbedingung zur ruhigen 
Betraddtung tft fomit erfüllt, und wir dürfen Karl Gads weiteren Ausführungen 
mit Intereffe folgen, in denen er die Berechtigung des Hafjes unterfudht. 

„Wil man nun dies, fo ftößt man gleich auf zwei Schwierigleiten. Denn 
erstens find Dernunftsgründe eine bedauerlih ohnmäcdhtige Waffe, wenn es gilt, 
ein Dogma wie diefes anzugreifen, das ja für %. Yörgenfen wie für fo viele 
andere fo gefühlsbetont ift, daB es einen faft religiöfen Charakter angenommen 
bat. SZmeitens lommt bier das pfychologiihe Faltum, daß Menfchen, deren 
Arbeit nur das eine Ziel bat, die Beredhtigung eines beitimmenden Stand- 
punftes zu beweifen, immer nur fchwer verftehen können, daß andere bei ihrer 
Urbeit nur von der Abficht geleitet werden, ein möglichft zuverläffiges Refultat 
zu erzielen — jelbjt wenn fich zeigen follte, daß es nicht das erwartete oder 
gewänfdte ift. Die erfteren werden dann immer geneigt fein, die anderen mit 
den Borfämpfern des entgegengefetten Standpunkte in einen Topf zu werfen. 
sh wünſche hingegen zu betonen, daß mein Auffah nicht bezwedt, für die 
Sade der einen der Flämpfenden Parteien zu plädieren, fondern im Namen 
des allgemein Menfhliden — das felbft die bitterften Feinde vereint — bie 
Horderung zu ftellen, daß ein Wille zur Verföhnung und vor allem der Wille 
zu redlihem Urteil vorhanden fei.“ 

Wie fteht e8 denn mit Johannes örgenfens Arbeitsmethode ? 

„Die Hauptwaffe, deren er fi) bedient, tft die Sronte, und es fol ihm 
willig eingeräumt werden, daß er auf biefem Wege oft vorzügliche Wirkungen 
erzielt. Er bat ja überhaupt in außerordentlich vielen Einzelheiten recht, un- 
bedingt und in die Augen fpringend redit. Indes allzuoft feiert er billige, 
aber dafür aud falfde Triumphe, indem er die Worte des Gegners eigen- 
mächtig erweitert oder ihnen eine Bedeutung unterftellt, die fte nicht haben.“ 
SJörgenfen nimmt fih 3. 3. die Kundgebung der Vertreter der beutfchen Wiflen- 
[haft vor, darin e3 hieß: es ift nicht wahr, daß eines einzigen belgifchen 
Bürgerd Leben und Eigentum von unferen Soldaten angetaftet worden ift, 
ohne daß die bitterfte Notwehr e8 gebot. Diefen Sa findet au Gad in 
diefer Form unhaltbar und nicht fhwierig anzugreifen, aber, fo fagt er, ber 
Angriff wird unredlih, wenn man ihn überfeßt, wie Jörgenfen e8 tut, daß 


Der belgifche Dolkstrieg im Urteil der Neutralen | 237 


nicht eines einzigen belgifhen Bürgers Leben und Eigentum zugrunde gegangen 
fei, außer, wenn die deutfchen Soldaten genötigt waren, fich zu verteidigen. 
Selbftverftändlih tft eine Menge Belgier zugrunde gegangen, Wenn es ift Strieg 
zwifchen Belgien und Deutichland, und im Kriege geht, Gott befjere es, manches 
zugrunde. „Aber das zu leugnen, haben jene deutjchen Wiffenfchaftler ja auch 
niemals beabfiitigt; fie gebrauden das Wort antaften, das fi) vergreifen be- 
deutet und fi nur bezieht und beziehen fann auf dasjenige Auftreten der 
deutſchen Soldaten, das außerhalb ‚der eigentlihen militärifden Operationen 
fällt.” Oder es gilt der Behauptung der in Rede ftehenden Kundgebung, 
daß Deutihland den Krieg nicht gewollt habe. Die Männer der deutichen 
Wiffenfhaft behaupten: erft als eine fhon lange an den Grenzen lauernde 
Übermadt von drei Seiten über unfer Volk herfiel, hat es fih erhoben wie 
ein Mann. Die „Slode Roland” antwortet nun: e3 ift weder Dänemarf, 
noch die Schweiz, noch Holland, von denen bie Rebe fein kann, denn die leben 
bis dato in Frieden mit Deutfejland; es fann auch nicht Ofterreich fein, denn 
das ift Deutichlands Verbündeter, auch nicht Rußland oder Frankreih, denn 
es war do wahrhaftig Deutihland, das jenen den Krieg erflärte, und nicht 
umgelehrt. Und England grenzt ja nit an Deutihland. So bleibt alfo nur 
Belgien, das große, mächtige Belgien, welches das arme Meine Deutichland 
überfallen hat. — Das ift ja alles jehr unterhaltend, meint Gad, aber nidhtS- 
dbeftoweniger reines Gefhwät. Daß England nicht eine der drei Mächte fein 
fönnte, von denen die Nede ift, weil e8 feine Landesgrenze mit Deutichland 
gemein bat, daß man von Frankreih und Rußland nicht jagen Tönnen follte, 
fie hätten Deutfchland überfallen, weil Deutichland es war, das den Krieg 
erflärtel „ES Tann ja wohl fein, daß fie e8 nicht taten. CS Tann wohl fein, 
daß Deutfchland die größte Schuld am Kriege trägt. Man Löft nur nicht biefe 
Yrage, die noch lange Zeit den Hiftorilern Stoff zum Nachdenken geben wird 
(wie fteht e8 3. B. mit Edward des GSiebenten Schuld?), indem man ung er- 
zählt, daß es Deutichland war, das den Krieg erllärtte. Danke, das mußten 
wir! Die 93 deutichen Wifjenichaftler au). Aber wir wiffen auch, daß der formell 
den Krieg Erflärende und der reell Angreifende nicht derfelbe zu fein braucht.“ 

Dann ift da eine Stelle, wo Yohannes Yörgenfen den deutfchen Reichs- 
fanzler entweder „der Nacdhläffigleit der Wahrheit gegenüber oder der Gleich- 
gültigkeit gegen die Wahrbeit“ beichuldigt. Bethmann-Hollweg habe gejagt, daß 
in einem gegebenen Zufammenhang fein Wort von Belgiens Neutralität ftehe, 
und Sohannes Yörgenjen zählt fie auf: Bitte, 64 Wörter. Da könne doch 
jeder jehen, was für Lügner die Deutichen find, wenn fogar der Reichslanzler 
etwas derartiges Tiefern Tann! „Diefes ganze Stüd in der ‚Slode Roland‘ 
zeugt von einer foldhen Unfähigkeit, ein biftorifches Aktenftüd zu Iefen, daß es 
an das Unglaublicde grenzt. Man made fih Mar, dab es fi darum dreht, 
ber Reichslanzler hat gelogen, indem er vor dem Deutihen Reichstag aus- 
geiprocden haben fol, daß in einer gewiflen Depefhe von Sir Edward Grey 


238 Der belgifde Doltskrieg im Urteil der Xeutralen 


— —— 
— — — 


an Sir F. Bertie keine Rede von Belgiens Neutralität ſei. Aber iſt der Mann 
denn verrückt? fragt man. Ja, unleugbar müßte er es ſein, wenn er ſolchen 
Unfinn gefprochen hätte — ſolche Lüge, wie Johannes Jörgenſen es nennt. 
Aber das hat er natürlich nicht getan. Nur für Jörgenſens nach Lüge und 
Gemeinheit eifrig ſpähenden Blick nimmt es ſich ſo aus. Die Saqe iſt außer⸗ 
ordentlich einfach. Bethmann⸗Hollweg ſpricht vom erſten Teil der Depeſche, 
wo die engliſche Regierung Frankreich Hilfe verſpricht für den Fall eines 
deutſchen Flottenangriffes gegen die franzöfiſche Küſte oder den franzöſiſchen 
Handel. Von der belgiſchen Neutralität verlautete kein Wort, ſagte er da. 
Das tat es auch nicht in dieſem Zuſammenhang. Englands Verſprechen, dies 
geht klar aus der Depeſche hervor, wurde ganz ohne Rückſicht darauf gegeben, 
ob etwas mit Belgien geſchähe oder nicht. Nur dies will der Reichskanzler 
ſagen. Daß ſpäter in derſelben Depeſche ohne den geringſten Zuſammenhang 
mit dem Vorangehenden von den Folgen einer eventuellen Kränkung der belgiſchen 
Neutralität die Rede iſt, hat mit der Sache gar nichts zu tun. Alles dies iſt 
vielleicht ſehr richtig, wird man wohl einwenden, aber es iſt ja ganz un⸗ 
weſentlich. O nein, doch nicht ſo ganz. Derartiges hat ſeine große, ſympto⸗ 
matiſche Bedeutung, weil es klar zeigt, in welch hohem Grade auch bei dieſer 
Gelegenheit die Fähigkeit zu klarem Denken und redlichem Urteil geſchwächt 
wurde infolge des von Haß und Fanatismus aufgepeitſchten Gemütszuſtandes, 
in dem der Verfaſſer ſich befand. Wenn man auf mehrere derartige Fälle 
trifft, lieſt man mit Vorficht weiter. Man verſteht, daß das Buch als Dokument 
keinen Wert hat, weil man ſich nicht darauf verlaſſen kann.“ 

Gad kommt nun auf den Hauptteil des Jörgenſchen Buches zu ſprechen, 
der ſich mit dem Überfall auf Belgien und dem Auftreten der deutſchen Truppen 
dort beſchäftigt. Die Verletzung der belgiſchen Neutralität findet er nicht ent⸗ 
ſchuldbar, wenn auch verſtändlich. Dann fährt er fort: 

„Nur eins ſoll in dieſem Zuſammenhang geſagt werden: Deutſchlands 
Verbrechen iſt nicht ſo groß, wie man im allgemeinen ammimmt. Es ſcheint 
nämlich allmählich ganz mechaniſch in das allgemeine Bewußtſein übergegangen 
zu ſein, daß Deutſchland Belgien überfallen habe, um zu rauben und zu 
brennen und allerhand Grauſamkeiten zu begehen. Aber ſo ſchlimm iſt es nun 
doch nicht; Deutſchland wollte durch Belgien marſchieren auf ähnliche Art, wie 
z. B. nun die Engländer und Franzoſen durch Griechenland marſchieren. 
Belgien wollte e8 nicht leiden,. und. da erklärte Deutſchland Belgien den Krieg, 
um fi den Durchgang mit Gewalt zu erzwingen. Das war das Verbrechen. 
Wie die Deutichen fi dann in Belgien aufgeführt haben, nachdem fie herein- 
gelommen waren, das ijt eine andere Frage, und es ift von Bedeutung, biefe 
beiden Dinge auseinander zu halten.“ 

Wie maht e3 nun “örgenfen, wenn er ein Bild von dem Betragen ber 
Deutihen in Belgien entwerfen wil? Cr nimmt fich zwei beutfche Agitations- 
ihriften, den „Aufruf an die Kulturwelt“ der dreiundneunzig Wifenichaftler 


Der belgifche Dolkstrieg im Urteil der eutralen 239 





und das Buh „Die Wahrheit über den Krieg”, herausgegeben von zehn bervor- 
tagenden Berliner Berfönlichkeiten, vor. Ihnen ftellt er eine Reihe von amtlichen 
und anderen franzöfifhen, engliihen und belgifehen Berichten und Dolumenten- 
fammlungen gegenüber. Er vergleiht fie und lommt zu dem Ürgebni3, 
daß die Deutfhen nur Behauptungen anführen, die anderen dagegen Bemeife, 
und wo fi ein Widerfpruch findet — was ja überall der Fall itt — da find 
e3 fomit die Deutfdhen, die lügen, die anderen, die die Wahrheit fprechen. 

Hierzu findet Gad zweierlei MP bemerken. Erftens: wenn die beutfchen 
Wiflenichaftler behaupten, daß nicht eines einzigen Belgier Leben oder Eigen- 
tum angetaftet worden ift, fo glaubt auch er allerdings, daß fie damit zu viel 
gelagt haben. 

Wenn aber Rene Chambry in „La verit& sur Louvain“ fehreibt: „Vor 
der Ankunft hatte der Gemeindevorftand alle Einwohner aufgefordert, Die 
Waffen, die fie etwa im Befite hätten, auf dem Rathaufe abzuliefern, und es 
war niemand, der dem Befehle nicht Folge geleiftet hätte“, fo zitiert es 
Sörgenfen volllommen ernfthaft als die unbedingte Wahrheit. Dies ift nicht 
„fair play“. Wo bleibt denn hier die Yronie, fragen auch wir. Zweitens: 
E38 liegt eine Dolumentenfammlung von deutfcher Seite vor, die ganz der 
franzöftfch-englifch-belgifchen entfpriht. Warum bat Yörgenfen diefe nicht mit 
in Betradht gezogen? Sie lag vielleicht nicht vor, als er fein Buch begann, 
aber fie lag vor, lange ehe „Slode Roland“ herausgegeben wurde. Wäre e$ 
nun Hörgenjen darauf angelommen, die Wahrheit darzuftellen und nicht bie 
Leer um jeden Preis in eine beftimmte Auffafjung bineinzubegen, fo hätte er 
fi) nicht der unabweisbaren Pflicht entziehen können, den betreffenden Abfchnitt 
umzufhreiben. Denn die erwähnte deutfhe Dokumentenfammlung „Die völler- 
rechtswidrige Führung des belgiichen Vollsfriegs" entzieht Yörgenjens Beweis- 
führung volljtändig den Boden, meint Gab. 

Sörgenfen jagt von den deutfchen Beweifen: „Sie haben durchweg die eine 
Eigentümlichleit gemein — fie find fait alle fehwebend, in Unbeftimmtheit ge- 
balten; feine oder nur [hwadhe DrtSangaben, feine Namen der Perjonen, von 
denen die Nede ift.” Und dies ift der einzige Grund, den er anführen ann, 
um ihnen fyftematifh in Baufh und Bogen fein Vertrauen zu verfagen. Aber 
in dem beutjchen Weißbuch werden außer einer Anzahl Berichte von deutfchen 
Dffizieren in Belgien etwa 200 beeidigte Zeugenausfagen von deutfchen Offizieren 
und Soldaten aufgeführt, die Darauf ausgehen, zu zeigen, daß von jeiten ‚der 
belgifhen Bevölkerung jomwohl Franktireurfrieg in großem Stil betrieben (mas 
Jörgenſen wohlgemut verneint), als auch Graufamleiten gegen die beutjchen 
Soldaten verübt wurden (mas er zur reinften Erdichtung ftempelt). Und alle 
diefe Berichte, die auf gerichtliche Verhöre begründet und durch den Eid befräftigt 
find, geben fehr genaue und ins einzelne gehende Angaben darüber, ma3 bie 
Betreffenden jelbft gefehen und erlebt haben. „ES befteht Teinerlei vernünftiger 
Brund dafür, daß man diefen Dokumenten als hiftorifchem Beweismaterial 


240 Der belgifhe Dolfsfrieg im Urteil der Yieutralen 


auch nur im geringften weniger Glaubmwürbdigleit beimefjen jollte al$ den von 
den franzöfifchen, englifden und belgifchen Regierungstommiffionen berbei- 
geichafften Berichten! 

3 ‚geht aus diefen Zeugenausfagen hervor, daß eine große Anzahl von 
Zivilperfonen ohne irgendweldde militärtfhen Abzeichen wieder und wieder bie 
deutfchen Truppen überfallen, daß fogar Kinder an der Beichtekung teilgenommen 
baben, daß das Note Kreuz mißbraucht worden ift, und daß deutfche Soldaten 
auf verfhtedene Art von der Bevölferun® mißhandelt worden find. AU dies 
gebt ebenfo deutlich und ebenfo zuverläffig befräftigt aus den deutfchen Be« 
rigen hervor, wie aus den franzöftfch-englifch-belgifchen Berichten hervorgeht, 
daß die Belgier fi nichts von alledem zufdhulden fommen ließen, und daß bie 
Deutfhen ohne den geringften Grund gemordet, gebrannt und zerftört haben, 
foviel fie nur Tonnten.“ 

Aber weldher Bartei fol man nun glauben? fragt Sad. Dies zu ent 
jeiden, fei natürlich außerordentlich fehmwierig, aber die Methode des Glödners, 
blindlings der einen Partei Glaubwürdigkeit zuzumenden und der anderen ab» 
zujprechen, jei jedenfalls untauglih. Yörgenjen führt 3. B. Nene Chambry 
als Zeugen dafür an, daß die Bevölkerung von Löwen ganz unfchuldig an 
dem Schidjal war, daß die Stadt betroffen hat. „Aber mweldden Wert bat die 
Verfiherung Rene Ehambrys, daß jeder dem Befehl, die Waffen auf dem 
Ratbaufe abzuliefern, Folge geleiftet hätte, gegenüber den beeidigten und aus 
fübrlichen Berichten von 50 beutichen Offizieren darüber, daß am 25. Auguit 
abends auf ein gegebenes Signal ein befliger Angriff gegen bie deutichen 
Zruppen gerichtet wurde, indem aus Kellern, enftern und befonders aus den 
Daclufen der Häufer gefhoffen wurde, ein Angriff, der fih zu einem erbitterten 
Kampf entwidelte, welcher fich über mehrere Tage erftredte und belgifcherfeits 
von Bioviliften geführt wurde.“ 

Jmmer wieder ftehen, jagt Sad, fcheinbar unbedingt überzeugende Be- 
hauptungen einander gegenüber, unterftüßt von ben beeidigten Ausfagen von 
Augenzeugen. Ya, was foll man da tun? Natürlich) fan niemand den Leuten 
verbieten, die Wahl nad ihren perfönlichen Sympathien zu treffen. Aber e$ 
muß nur feitgehalten werden, daß auf foldhe Art erzielte Ergebniffe Teinerlei 
Wert haben in bezug auf die Klarlegung der bHiftorifhen Tatfachen. „Nein, 
will man im ntereffe der Wahrheit arbeiten, jo muß man einen anderen Weg 
geben. Man muß ehrlich die Zeugniffe von beiden Seiten prüfen und dann 
eine Beurteilung auf Grundlage einer Wahrjheinlichleitsifhägung vornehmen. 
Wenn man nit im voraus vorurteilsvol meint, daß die eine Partei der 
Kämpfenden aus Barbaren beitehe und deshalb zu Verbrechen jeglicher Art 
imftande fei, dann müffen Berichte von Graufamleiten im erften Augenblid unwahr- 
cheinlih wirken, um fo unmwahrfheinlicher, je mehr fie fih von dem entfernen, 
was man erwarten fonnte. Das will natürlich nicht jagen, daß man einen gut 
bezeugten Bericht mit der Begründung, daß er unwahrfcheinlich fei, verwerfen fol. 


Der belgifche Dolfstrieg im Urteil der Xeutralen 241 


Damit lommt man nicht weiter. 3 will aber fagen, daß, wenn Bes 
dauptung gegen Behauptung fteht, wenn zwei von juriftifcher und Yiftorifcher 
Betrachtung aus gleich ftarle Beweife gegeneinander ftehen, der Vericht zunächft 
ber wahrjcheinlichere ift, der die geringfte Abmweihung vom normal Menic- 
lien enthält. Die Methode dürfte unangreifbar und zugleich die einzig an- 
wenbbare fein, wenn es fi um die Unterfuhung und Beurteilung eines 
biftorifchen MaterialS wie die widerftreitenden Berichte fiber die Begebenheiten 
in Belgien handelt. Wenn aber diefe Methode nichtsdeftoweniger weit davon 
entfernt ift, allgemein angewendet zu werden, fo liegt dies in einem beftimmten 
piyhologifhen Prozeß begründet, der faft mit dem ganzen neutralen Bublitum 
vor fi gegangen ifl. Niht nur war die Sympathie faft überall — aus 
mand)erlet Gründen, die bier nicht unterfucht werden follen — auf feiten der 
einen Partei, was eine objeltive Beurteilung erfehwerte, fondern dazu fam aud) 
no, daß die franzöfifh-englifch-belgifchen Berichte zuerft erfchienen und ihre 
Wirkung taten, ehe die deutichen vorlagen. Wir glaubten faft alle, daß bie 
Berichte über die Deutfchen in Belgien fozufagen in ihrer ganzen Ausdehnung 
wahr wären, weil fie an und für fih fo überzeugend wirkten, und weil wir 
bie Berichte von dentjcher Seite, die ebenfo überzeugend wirken, noch nicht 
fannten. Wir hatten die Zeit gehabt, unfer Urteil zu fällen, und das hieraus 
entipringende Gefühl zeigte fih und mußte fich zeigen als Mibtrauen gegen bie 
deutfchen Berichte. Die Berjehiebung, die ftattgefunden hat, ift alfo die folgende: 
erit glaubt man, daß die Deutichen Verbrecher find, weil fie Graufamfeiten in 
Belgten begangen haben, und dann meint man, von biefem Glauben aus- 
gehend, feinen Grund zu haben, den Beweifen, die fie dagegen anführen, Ber- 
trauen zu jchenlen. &8 ift außerordentlich wefentlih, daß man fidh biefe 
Ungeredtigfeit Har macht, denn nur bierdurd) lan man ihr abbelfen.“ 

Sad unternimmt nun den Verfudh, fi ein ruhiges Bild davon zu machen, 
was in Belgien denn eigentlich) wirklich geſchehen iſt; er will in Güte verfuchen, 
zu veritehen, wie das, was etma gejchehen ift, entftehen Tonnte. 

Er glaubt zunächft feftitellen zu follen, daß die deutfchen amtlidden Ber- 
öffentlihungen (vor allem alfo das Weigbudy) in Dänemark mit fo geringer Auf- 
merffamfeit gelefen worden find, daß es ihm nötig erfcheint, fie kurz Ins Ger 
daͤchtnis zurüdzurufen. 

Sn nüchterner und bemerfenswert prägnanter Weife fchildert Bad die Ent. 
ftehung des Franktireurfrieges in Belgien und deffen Wirkung auf ein regel- 
rechtes Heer, das nichtsahnend überfallen wird von anfcheinend friedlichen 
Drtsbemohnern, und — die unvermeidlihen Folgen biefes völferrecätsmwidrigen 
Altes. 
„Ras tft nun die Wahrheit? Ha, was tft das wahrfcheinlichere, d. 5. 
was ift am leichteften verjtändlih, wenn man von den allgemein menfchlichen 
Borausfehungen ausgeht? Daß die belgifche Bevölkerung, getrieben von ihrer 
Baterlandsliebe und von einer fehr leicht verjtändlichen Feindfchaft gegen die 

Grenzboten I 1916 16 


9429 Der belgifhe Dolfskrieg im Urteil der Neutralen 


eindringenden deutfchen Truppen, fi auf diefen Franttireurfrieg in großem 
Stil eingelaffen hat, — oder daß die Deutichen ihre VBerhaltungsmaßregeln ohne 
irgendwelche Notwendigkleit, aus bloßer Luſt am Morden und Brennen getroffen 
haben? Ja, wenn man ehrlich ſein will und nicht voreingenommen iſt, kann 
die Antwort nicht ſchwer fallen. 

Aber außerdem muß man noch ein anderes Prinzip anwenden, wenn 
man ſich ein einigermaßen zuverläſfiges Bild von den Vorgängen in Belgien 
machen will: der Umfang muß reduziert werden. Allein der Umſtand ſelbſft, 
daß Zeugnis gegen Zeugnis ſteht, zeigt, daß nicht alles wahr ſein kann. Und 
ſo liegt es nahe, noch einen Schritt weiterzugehen und anzunehmen, daß auch 
nicht alle die einzelnen Zeugniſſe, denen keine direkte Verneinung gegenüberſteht, 
die nackte Wahrheit enthalten.“ 

Gad meint, die bekannten Erfahrungen aus der Pſychologie der Zeugen⸗ 
ausſagen auch für die von beiden Seiten beigebrachten Dokumente über den 
belgiſchen Volkskrieg gelten laſſen zu ſollen; er nimmt eine aus der ungeheuren 
Erregung der Beteiligten verſtändliche Neigung zur Legendenbildung an, von der 
ſich vielleicht beide Parteien nicht freizuhalten vermochten, die ſich „wie eine dicke 
gallertartige Maſſe von unbewußter Übertreibung und Erdichtung um den Kern 
gebildet hat“. Aber er macht auch darauf aufmerkſam, daß die Gerüchte von 
den „deutſchen Greueln“ ſich eben deshalb um ſo leichter ausgebreitet haben 
mögen, weil ſie im voraus zu gerne geglaubt wurden. 

„Einer der am häufigſten wiederlehrenden Berichte war gewiß der über 
abgehauene Hände. Troh der abſoluten phyſiſchen Unwahrheit wurde die Ge⸗ 
ſchichte bekanntermaßen in weiten Kreiſen geglaubt. Bald waren es engliſche 
Soldaten, bald waren es hunderte von belgiſchen Kindern, die davon betrofſen 
waren. Über dieſe Gerüchte erzählt der engliſche Schriftſteller Harold Picton 
(„Is it to be Hate?“, Zondon 1915), folgendes: Ein junger Mann erzählte 
einem meiner Freunde, er fenne einen Soldaten, der im London-Hofpital Tiege, 
dem beide Hände abgehauen und beide Augen ausgeftochen worden felen. 
Mein Freund glaubte e8 auch umd fühlte natürlich das Entjegen, daS wir alle bei 
einer foldhen Erzählung empfinden würden, ein Entfegen, bei dem ein Übergang 
zum blinden Haß fih jchmer verhindern läßt. Die Gefchichte verbreitete fidh. 
Zulegt wurde im Hofpital nachgefragt. Dort hatte man niemald von einem 
derartigen Fall gehört. Die Gefhichte wurde bald in ein anderes Hofpital 
verlegt, aber mein Freund nahm fich nicht mehr die Mühe, fie zu verfolgen. 
Späterhin wurde erzählt, daß in einem großen Haus in London landesflüchtige 
Kinder feten, denen die Deutfhen die Hände abgehauen hätten. Nachdem bie 
Behörde taufende von Briefen empfangen Hatte, bat fie die PBreffe, mit 
zuteilen, daß die Gefchichten ganz aus der Luft gegriffen feien. Als ich das 
nädfte Mal die Gefchichte hörte, Tam fie aus eıner Stadt in Mittelengland. 
Ich bat den Erzähler darum, die Kinder felbft aufzufuchen, und bier ift feine 
Antwort: einer unferer Freunde erzählte uns, er wifje beftimmt, daß ein Arzt 


Der belgifhbe Dolkstrieg im Urteil der Neutralen 943 
von dort aufs Land gereift fei, um nad) den belgifchen Kindern, von denen 
id fprad), zu fehen; ich habe aber nun herausgefunden, daB das ganze nur 
Altweibergefhwäg gewejen ift, und bin nun behutfamer geworden, an derartige 
Geihichten zu glauben. — Fa, wenn die Leute doch etwas vorfichtiger in biefer 
Richtung wären, dann kämen nicht fo viele YUngeredtigkeiten vor.“ 

Sad jpinnt diefe Betrachtungen in interefjanter Weife nöch weiter aus, 
indem er ber Theorie von der „Erpanfionskraft der Erinnerung“ (Auguft Groll) 
eben aud) für den Yal Belgien eine gemwiffe Geltung einräumt, und ftellt die 
wohl nicht unberedtigte Frage: warum follen die Belgier beffer fein als andere 
Menſchen? 

Dem Glöckner Jörgenſen aber hält er noch vor: „Übrigens gibt e$ nod) 
eine Stufe, und auf der fteht Johannes örgenfen offenbar: der Yournalift 
oder Kriegsbuchverfaffer wendet die Gejhichten im Dienfte der Indignation an. 
Er verallgemeinert und zieht eine Lehre aus dem Gefchehenen. ES wird 
ein Prinzip bei den Deutfhen oder eine igentümlichkeit ihres Wefens, 
Dörfer niederzubrennen, Frauen die Augen auszuftehen und Meine Kinder zu 
ermorden. Die Deutfchen find ein Voll von Barbaren, der Abfchaum der 
Erde. Die ‚Glode Roland‘ läutet unaufhörlich und unerbittlih: Du folft 
bafjen, Du foljt baffen!“ 

Sn dem gewiß lobenswerten Bedürfnis, eben nach beiden Seiten Geredtig- 
feit walten zu lafjen, glaubt Gab auch auf deutfcher Seite mande Fälle von 
Härten annehmen zu follen; es tft eben Krieg, der unmenfchlich genug ift, bie 
Grbitterung auf beiden Seiten tft nur zu verftändli, und entfegt wendet fid 
der Kulturmenfd von den Bildern des Jammers ab. UDhne mit dem Verfafler 
rechten zu wollen, auf welcher Seite diefe Erbitterung ihren fehredlicheren Aus» 
drud fand, auf weldher Seite fie menjhlich verftändlicher war, man wird ihm 
zugeftehen müffen, daß er fih in feiner Fritiichden Würdigung eine Zurüdhaltung 
und vor allem ein wahrhaft menjchliches Begreifenwollen zu eigen gemadht bat, 
das wir in neutralen Ländern nur zu oft mit Bedauern vermifjen mußten. 

Einen lehrreihen Beitrag dafür, daß eben zu vielen feiner Zeitgenofien 
und Mitneutralen diefe Fähigkeit oder wenigftens diefer Wille zur Ehrlichkeit 
gänzlich abgeht, liefert Sad felbit in feiner weiteren Polemif gegen Yörgenfens 
„Slode Roland“. 

„Sörgenfen begnügt fi für alles mit der einen Erklärung, die er darin 
findet, daß dies ein Krieg zwifchen Heidentum und Ghriftentum fe. ES fol 
die germanifche Revolte, der Barbarenaufruhr jein, — das, was vor vier 
SSabrhunderten die Reformation war, vor anderthalb Jahrhunderten literarijcher 
Sturm und Drang, und was nun zu Eifen und Blut geworden tft und bie 
Seftalt von 420-Millimeter-Mörfern angenommen batl Gegen die beutiche 
Kultur fteht die Iateinifhe. Und der Mittelpunkt für die Iateinijche Kultur ift 
(jest wie immer)Rom. Germania gegen Rom — dies ift auf eine Forınel gebracht 
das innerfte MWefen des Weltkrieges. Eine Kultur, die auf Gefühl, auf Leidenfchaft, 

16* 


944 Der belgifhe Doltstrieg im Urteil der Neniralen 





auf Willlär und Egoismus aufgebaut ift, gegen eine Kultur, die auf Vernunft, auf 
Überlegung, auf Willen und Altruismus aufgebaut ift. Eine heibnifche Kultur — 
um das lebte Wort zu fagen — gegen eine driftlihde.. Man laffe fi nicht 
narren von ber fcheinbaren Religtofität der Deutihen! Mit ihr ift es befchaffen, 
wie mit der des Weibes — es ift Religion aus Egoismus .... Na dem 
Karneval und dem Feittenbel wünjcht man Zutritt zur ewigen Seligleit] 

Dies tft Hörgeniens Erklärung und wer Tann fi nod darüber 
wundern, daß die Deutfhen nicht nur die [händlichiten Verbrechen begangen 
haben, fondern infolge ihrer Natur begeben mußten. Nur fhade, daß Förgenfen 
dies nicht beizeiten gejehen bat, danıı hätte er uns warnen Tönnen. — Die 
Erflärung tft weder vernünftiger no) törihter — oder doch vielleicht etwas 
törichter — als die Mehrzahl der Erklärungen, die denfelben Zwed verfolgen. 
Aber die Sade ift vie, daß die Aufgabe einfach unmögli if. Es tft un. 
möglich, irgendweldhe vernünftige Erklärung für die behauptete Zatfache zu geben, 
daß das deutſche Volk ſich plöglih als eine gegenüber uns andern wejend- 
fremde und moralifch tieferjtehende Dienjchenart entichleiert habe”. 

Sn ausnehmend ruhiger und verjtändiger Weile jucht Gad felbft Dagegen 
in einem anderen Umftande eine Erklärung für jo manches Schredliche in diefem 
Kriege, die au für den belgifhen Vollsfrieg notwendig angenommen werden 
muß: warum follen die belgifhen Vorfälle durdaus ein Zeichen befonderer 
moraliſcher Verderbtbeit einzelner Nutionen fein und nicht lieber ein Glied in 
der Fette von Folgen diefer „Kulturform Krieg“? Am Kriege, in dem alle 
Grundmauern der Vorftelungen von Gut und Böfe wanfen müffen, wird das 
Bewuptjein wider Willen gezwungen, einen anderen Maßftab anzulegen. Ente 
jegliches wird bier Alltäglichleit, Schreden zum Handmwerl. Bon Soldaten wird 
eben ein doppelter Mtoralbegriff gefordert: Auf der einen Seite joll er feinem 
Baterlande dienen, muß er „rafen“, auf der anderen tft er ein Schurke, wenn 
er al Privatmann feine Leidenfchaften nicht züget. „Kann man fih dann 
darüber wundern, wenn mandem Soldaten dies Auseinanderhalten nicht glüdt?“ 
Sind denn in früheren Kriegen feine Graufamleiten begangen worden, fragt 
Gad mit Recht, und er unterläßt dabei nicht, des Vorgehens der Engländer in 
Badajos und im Burenkriege zu gedenten. Doc glaubt er zugeben zu müffen, 
daß in dem gegenwärtigen Kriege noch Schredlichere8 vorgelommen fein mag 
al3 früher. Er findet hierfür die zwei Erflärungen: 

„Gritens, die Leidenfchaften und der Haß waren fo ftarf erregt, daß der 
Krieg fozufagen überall als ein Bolfstrieg geführt wurde. ALS die Deutfchen 
1864 Yütland befegten, führten fie fi anftändig auf, weil die Bevölferung fi) 
rubig verhielt. Wenn ein Heer nur gegen Soldaten lämpft, braudit e8 gar 
feine feindfeligen Gefühle gegen die Zivilbeoölferung zu begen und tut e8 aud) 
in der Regel nicht. Aber wenn die Zivtlperfonen handelnd am Stiege teil 
nehmen, fo ift e8 allerdings fehr zu beklagen, aber doch feinegwegs unverftändlich, 
wenn bei den eindringenden Soldaten Mißtrauen und Feindidhaft gewedt werben, 


Der beigifdhe Dolfskieg im Urteil der Neutralen 245 





die leiht au für dem nichtfehuldigen Zeil der Bevölkerung verhängnispoll 
werden können. 

Es find au gleichlautende Berichte, die wir von den verfchledenen Kriegs⸗ 
fhaupläßen, von Belgten und Norbfranfreih, von Dftpreußen und Galizien 
hören. Die Anflagen find immer die gleihen: Franttireurfrieg und Graufam- 
teiten. — 8 find allerdings nur Deutiche, Ofterreicher und Auffen, die Gelegen- 
beit befamen, in Feindesland zu Tämpfen. Wie Yranzofen und Engländer fi 
benehmen würden, wiflen wir niit. Aber die franzöfiihen Nevolutionen, von 
den Taten Nobefpierres und der Tricoteufes bis zu den Schreden der Kommune 
1871 fpreden nicht für das Auftreten der Franzojen, wenn ihre Leidenidhaften 
freien Lauf haben. Und wer den Londoner Mob auf der Deutfhenjagd gefehen 
bat, ift fich jedenfalls Mar darüber, daß die Frage nicht mit der Behauptung 
abgewiejen werden kann, England fet eine Nation von Gentlemen! Die Art, 
wie die Ereigniffe in Dftpreußen in der englifhen Prefje beiprodden wurden, 
fann vielleicht auch einen Yingerzeig geben. So wurde 3. 3. in einer englifchen 
Zeitung (zittert nad) Harold Picton: „Is it to be Hate“?) gejagt, daß bie 
Auffen eine Heine Stadt befegt hätten, wo einige der Einwohner in Heumagen 
verftectt auf den Markt gefahren waren und auf bie ruffiihen Soldaten gefchoffen 
hätten. Dies war fehr fehlimm für fie, fährt das Blatt fort, da die Nufjen 
infolgebefien ‚die Stadt unbemohnbar madten. Das tft ja ganz Diefelbe 
Gefhihte wie in Belgien, — aber was bei den Deutihen ein bimmel- 
fchreiendes Verbrechen tft, da8 wird bier in einer englifchen Zeitung als etwas 
ganz felbitverftändliches Hingeftellt, weil e8 die Rufen find, die es getan haben! 

Aber noch ein Grund befteht, weshalb die Berbredhen in diefem Kriege 
zahlreicher werben mußten al& die anderen. rüber beftand ein Krieg in ber 
Megel aus einer Neihe beftimmt abgefonderter Schlachten in größeren oder 
Heineren Zwifchenräumen. Die Leidenfchaften wurden während der Schladht 
erweckt, aber wenn die Schlacht vorüber war, Tonnten fie wieder zur Nube 
fommen. Diefer Krieg dagegen trägt in ungewöhnlidem Grade das Gepräge 
eines andauernden Kampfes. Dies gilt nicht am wenigften für das Eindringen 
des deutfchen Heeres in Belgien, wo ber Krieg nicht nur mit regulären Heeres- 
abteilungen geführt wurde, fondern wo er hauptfähli ein Guerillaftieg war, 
und wo man fi) niemals ficher fühlte. Niemals befamen die Leidenfchaften 
Beit, fich zu legen, niemals Tonnten die Nerven zur Ruhe lommen. Eine un- 
unterbrochenene Wanderung dur Kampf und Tod und Schreden.” 


* * 


Hiermit ſind Gads Ausführungen im weſentlichen erſchöpft. Der ſchonungsloſen 
Verdammung, die er in ſeinem Schlußwort dem Landsmann Jörgenſen zuteil 
werden läßt (der übrigens auch ſonſt in Dänemark vielfach abgelehnt worden 
iſt)z, können wir nur beipflichten und müſſen es mit ihm bedauern, daß 


246 Don der deutfhen Schrift 


wieder einmal ein „Neutraler“, der zu einem objektiven SKritifer fo gänzlich 
ungeeignet, fi feiner Verantwortung vor der Wahrheit und der Gefchichte fo 
wenig bewußt ift, fi zum Schiedsrichter aufzumwerfen magt, und die abfichtli) 
verleumderiſche Literatur diefes Krieges um ein elendes Bamphlet bereichert. 

Um fo Iteber ftelen wir aber dafür feft, daß fih auch wieder ein Neu. 
traler und au) ein Däne fand, der der bdereinftigen Gejchichtsichreibung einen 
befjeren ienft leiftete und fi den Danf aller Freunde der Wahrheit und der 
Vernunft erwarb. 





Don der deutfchen Schrift 


Don Dr. Buftav Rauter 


efanntlich gilt es in recht weiten Streifen als höcft unmifien- 
Ihaftlih und rädftändig, wenn der Deutfche feine Sprache mit 
deutſchen Buchſtaben fchreibt; daß man etwa fo gefehmadlos fein 
a lönne, fogar für andere Spraden deutfhe Schrift zu benugen, 

= ericheint vielen Leuten heutzutage als fo unmöglich, daß fie diejen 
* überhaupt nicht erſt erörtern. Nun, wir können uns tröſten; die deutſche 
Schrift iſt keineswegs ſo unzeitgemäß, wie man uns einreden möchte, und was 
die Wiſſenſchaft anbetrifft, ſo hat dieſe auch ihre Moden. So durfte in der 
Aufklärungszeit kein Menſch es wagen, an Meteorſteinfälle zu glauben; denn 
daß Steine vom Himmel fallen könnten, war durchaus in das Gebiet der Fabel 
verwieſen. Ebenſo gilt heute der Einfluß des Mondes auf das Wetter vielfach 
nur als ein Bauernmärchen, ſo lange, bis eben einmal jemand das Gegenteil 
beweiſt. Und das Gleiche iſt auch mit der deutſchen Schrift der Fall, nur daß 
hier gar nicht abzuſehen iſt, was die Sache eigentlich mit Wiſſenſchaft zu tun 
haben ſoll. Denn ob ich deutſche oder lateiniſche Schrift verwende, iſt lediglich 
Sache des Geſchmacks und der Zweckmäßigkeit, ſozuſagen der Ausdruckskultur, 
hat aber mit Wiſſenſchaft nichts zu tun. 

Nun aber heißt es: ja, die Wiſſenſchaft leidet darunter, wenn ich eine 
Schrift gebrauche, die nicht in der ganzen gelehrten Welt von jedermann ge⸗ 
läufig geleſen wird, und dieſe Forderung iſt ja nur bei der lateiniſchen Schrift 
erfüllt. Die Herren vergeſſen aber, daß derjenige, der kein Deutſch kann, mein 
Deutſch auch mit lateiniſchen Buchſtaben nicht verſteht, und daß andererſeits die 
Anwendung der deutſchen Schrift nicht allein auf die deutſche Sprache beſchränkt 
iſt. In England findet fie als Zierſchrift in recht weitem Umfange Verwendung, 





Don der deutfhen Schrift 247 


in Frankreich gelegentlich. Finnish, Efthnifch, Littauifch werden mit deutfcher 
Schrift gedrudt; im Bolnifhen mwenigftens vollstümlihe Bücher, wie Ausgaben 
der Bibel. Daß Däniſch und Schwediſch mit deutihen Buchftaben gedrudt 
wurden, tft no) nicht fo lange ber, und bei erfterer Sprache wohl au) nod 
beute nicht ganz ungebräuhlid. Noch früher drudte man felbft Latein und 
überhaupt alle germanifhen und romanifhen Sprachen mit deutfcher Schrift. 
Sind dod deutiche und Tateinifche Schrift nicht zwei verfchiedene Schriften, wie 
bebräifh und KHineflih, auch nicht einmal in dem Sinne verfchieden, wie griechiich 
und ruffifd. ES handelt fi vielmehr nur um zwei Ausbildungsformen einer 
und derfelben, fonft genau übereinftimmenden Schrift, einmal in ediger, fodann 
in runder Form. Man lönnte 3. 3. ebenfogut der rundfchriftlihen Form der 
ruffifhen Schrift auch eine edige, den beutfchen Buchftaben entfpredhende Form 
der nämlichen Schrift zur Seite jtellen. 

Da aber jagt man uns: ja, wenn deutfhe und Iateinifche Schrift Doch auf 
dasfelbe hinauslaufen, wozu dann der Lärm? Bleiben wir alfo bei der Schrift, 
wie fie die andern aud) haben. Aber das ift nur ein Trugfhluß; denn einmal 
ift gar fein Grund vorhanden, warum wir Deutfchen gerade die Schriftform 
wählen müfjen, die man als Iateinifhe oder Aundfchrift bezeichnet. Zwar jagt 
3. B. Meyers Konverfationsleriflon — beflen Meinungen wir al8 Wiedergabe 
desjenigen gern anführen, was in weiteren Streifen geglaubt wird — „in 
Deutſchland befürworteten im neunzehnten Jahrhundert befonders %. Grimm 
und jeine Schüler die Annahme der Antiqua ftatt der gotifchen Schrift, und es 
wird jene jegt hanptfähli in der wiffenfchaftlichen Literatur, aber häufig aud) 
fhon in der f&hönen Literatur, ja in der Tagespreffe angewendet. Dem Durd)- 
dringen der Antiqua bei uns fteht vielfach: das Vorurteil im Wege, als fet die 
gotifhe Schrift von Haus aus eine Cigentümlichleit der Deutichen gemefen.” 
Das ift geradezu ein Schulbeifpiel eines Zirkelfhluffes: „Weil die Lateinifche 
Schrift diejenige der Wiflenfchaft ift, darum ift fie die allein wiffenfchaftlich ber 
rechtigte Schrift.” Und die Gebrüder Grimm in allen Ehren, aber ihre Ge- 
wohnbeit, mit Iateinifcher Schrift zu fehreiben und Hauptwörter Hein zu druden, 
war doc fchlieglih eine Schwäche, wie man fie gelehrten Leuten gerne verzeidt, 
die man aber darum doc; nicht nadhahmen darf. Und wenn man fhon Zeugen 
anführt, fo folte man fi) doc) Iieber an wirflihe Zeugen halten, die Gründe 
angeben lönnen, al® an Eideshelfer, die nur ihre Anfiht in die Wag- 
Ihale werfen. Da fagt nun Sant in feiner Nahfchrift zum Streit der 
Fakultäten: 

„Den Verfaffer der Kunft, das menfchliche Leben zu verlängern, darf ic) 
alfo dazu wohl auffordern, daß er wohlmollend aud) darauf bedadt fei, die 
Augen der Lefer in Schuß zu nehmen .. . Die jehige Mode will es dagegen 
anders, nämlid ... . mit Iateinifher (wohl gar Kurfiv-) Schrift ein Wert 
deutfchen Inhalts (zu druden), von welder Breitlopf mit Grunde fagte, daß 
niemand das Lefen derjelben folange aushalte, als mit der deutſchen.“ 


248 Don der deutfchen Schrift 





Nun, Kant hatte in feinem Leben genug gelefen, um ein Urteil in folden 
Dingen zu haben, und er hat bier gleich fehr richtig den Punkt bezeichnet, auf 
den es anlommt: die deutfche Schrift ift weit lesbarer und fchont das Auge 
vtel mehr als die lateinifhe. Der Verfaffer diefes muß bier befennen, daß 
auch er viele Jahre Iang der falfhen, von Kant befämpften Mode gehuldigt 
und, weil e8 einmal der Braud) war, Yateintiche Schrift für fchöner und beffer 
gehalten hat als deutſche. SYndeflen hat ihn die Erfahrung allmählich doch von 
der Unrichtigfeit diefer Meinung überzeugt. Und in der Tat hieße der Eintaufch 
Iateintfder Schrift für unfere deutiche nur, Gutes dur Schlechtere3 erjegen. 
Wir wollen vielmehr umgelehrt fordern, daß die Iateinijhe Schrift immer mehr 
dur die deutfehe verdrängt werde, und daß nicht nur die Wifjenfchaft, jondern 
auch alle, die e8 angeht, die Lateinfchrift immer mehr verlaffen. Und warum 
follten uns bier nicht auch andere Völker Lieber folgen, als wir ihnen? Denn 
es tft nicht recht einzufehen, warum wir überall dem Ausland nachahmen follen, 
und nicht Diefes gelegentli auch uns. 

Ein anderer, jehr beliebter Trugfhluß ift der, daß, wenn man einen Satz 
mit lauter großen Buchſtaben druckt, einmal lateiniſch und einmal deutſch, man 
dann den lateiniſchen Druck ziemlich flott leſen kann, den deutſchen kaum. Was 
folgt daraus? Nichts weiter, als daß große Buchſtaben ebenſowenig ein Wort 
zuſammenſetzen ſollen, wie etwa lauter Lokomotiven einen Perſonenzug abgeben; 
im übrigen ſind große Buchſtaben da, wo ſie hingehören, wohl am Plate, und 
namentlich iſt die im Deutſchen übliche Schreibart der Hauptwörter mit großen 
Anfangsbuchſtaben ſehr wohl geeignet, dem Verſtändnis des Leſers zu Hilfe 
zu kommen. 

Es wird auch eingewendet, daß die deutſche Schrift nicht die Verwendung 
mehrerer Schriftarten nebeneinander geſtatte, wie es mit Antiqua und Kurſiv 
bei der Lateinſchrift der Fall ſei. Das trifft nicht zu; wir haben wohl mehrere 
Arten deutſcher Schrift, wie gewöhnliche Fraktur, Gotiſch und Schwabacher. 
Wir können auch, wenn es durchaus verlangt wird, der lateiniſchen Kurſiv⸗ 
ſchrift Letiern mit deutſcher Schreibſchrift an die Seite ſtellen. 

Und nun gleich bei Schreibſchrift zu bleiben, ſo ſei darauf noch aufmerkſam 
gemacht, daß ſich auch dieſe vorteilhaft von ihrem lateiniſchen Gegenſtück unter⸗ 
ſcheidet; denn fie ſchreibt ſich wegen des Fortfalls der Rundungen bedeutend 
flotter, wie man gleich ſieht, wenn man z. B. einmal eine ſchräge Zickzacklinie, 
und ſodann eine Wellenlinie hinſchreibt; bei jener ſind nur zwei Schräg⸗ 
richtungen, bei dieſer noch drittens und viertens die wagerechten Richtungen 
oben und unten an den Rundungen zu beobachten, alſo vier ſtatt zwei Richtungs⸗ 
wechſel vorzunehmen. 

Nun, glücklicherweiſe iſt ja die Lage der deutſchen Schrift heute nicht mehr 
ſo hoffnungslos, wie es noch vor einigen Jahren ſchien. Sollte damals der 
befannte Reichstagsantrag auf amtliche Einführung der lateiniſchen Schrift ihr 
ibn für allemal den Hals umdrehen, ſo hat doch gerade dieſer Antrag zuerſt 


— —— 
— — 
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* — 22 


Don der deutfchen Schrift 249 


wieder Veranlaffung gegeben, daß man fi Far machte, was auf dem Spiele 
ftand. Dann bat aud) die Begeifterung des Jahres 1918 der deutfchen Schrift 
wieder manchen Freund zugeführt, namentlich auch nadhdem Rofegger fih warm 
zu ihren Gunjten ausgefprodhen hat. So ift auch zu hoffen, daß die gegen- 
wärtigen Zeitumftände ebenfall$ der deutfchen Schrift wieder an vielen Orten 
zum Gieg verhelfen werden. Zwei Stellen aber find e8 befonders, an die wir 
uns bier wenden möchten, nämlich einmal die Behörden, die Doch in erfter Linie 
alle ihre Drudfachen mit deutfchen Buchftaben druden Iafjen müßten, und die gerade 
bier eine dringende, nahdrüdlich und wiederholt geflellte Forderung Bismards in die 
Tat umzufegen berufen find. Zweitens aber die Herfteller und Benuger von Schreib- 
mafdinen. Leider verleugnet diefer fonft jo nüsliche Gebrauchsgegenftand au 
darin nicht feinen amerifanifhen Urfprung, daß man ihn faum mit deutfchen YBud)- 
ftaben befommt; und wenn man fehon deutiche Schrift hat, fo ift fie meift fo fchlecht 
gefchnitten, daß man faft die Abficht vermutet, dem Käufer fagen zu lönnen, daß die 
Schreibmafchine fi ihrer Natur nad) eben für die deutfde Schrift nun einmal 
nicht eigne. Namentlic aber diejenigen Herfteller, die Majchinen mit ausmwechfel- 
barer Schrift liefern, können bier gar feine Entfhuldigung geltend maden und 
dürfen dem Käufer nicht etwa neben zwei Dubend Arten Iateinifher nur eine 
einzige Art deutfcher Schrift zur Auswahl vorlegen. 





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Richtungen der Pſychologie 
Don Dr. Mar Levy⸗Suhl 


nmitten aller G@ridütterungen der Gegenwart fehen wir im 
deutfhen Volle den edlen Drang nad Erkenntnis und willen- 
Ihaftlicder Bildung um ihrer felbft willen unverändert erhalten 
ITS | AA geblieben. So Tonnten auch auf Gebieten, bie dem Krieg und 
a den Kriegsmiffenichaften fern Liegen, mie die Piychologie, eine 
ganze Anzahl neuer Schöpfungen im Jahre 1915 erfolgreii an die Dffentlichkeit 
treten. Zmei Meinere Werle, der befannten Sammlung „Aus Natur und 
Geiftesmwelt" (Teubner, Leipzig) entitammend, haben in gemeinverjtändlidher 
Meife den gegenwärtigen Stand der pfychologifchen Wiffenfchaft zur Darftellung 
gebradit: Braunshaufen, „Einführung in die experimentelle Piychologie” und 
vd. Alter, „Einführung in die Piychologie”. Daß fie aus der Hand zweier 
verjehiedener Autoren gleichzeitig herausgegeben wurden, entiprang offenbar dem 
von v. After au) ausgejprodhenen Gedanken, daß eine gegenfeitige Ergänzung 
notwendig jet, und führt uns fogleich den feit Jahren berriefenden Grenzitreit 
vor Augen, zwifchen den Vertretern einer philofophifchen und einer naturmiflen- 
Ihaftliden Richtung, von denen jede in gleihem Maße die Piychologie als ihr 
Horihungs- und Lehrgebiet in Anfprud) nimmt. 

Die Betradhtung diefer Gegenfätlichleit zweier fonft voneinander ftreng 
geihiedener Fakultäten vermag uns al Ausgangspunkt für die Frage zu dienen, 
wa3 beute unter Piychologie oder Lehre vom Seelenleben verftanden wird, und 
welde Mittel und Methoden zu ihrer Erforfchung bereit ftehen. 

Zunädft: Wiffenfchafilihde Piyhologie bedeutet nicht Seelenfenntnis im 
Altagsfinn, nicht das Verftändnis feinfter Gedanten- und Gemütibewegungen 
beim Mitmenfhen, das tiefe Nacdhempfinden feelifcher Konflikte, wie wir e8 dem 
Romanfcriftfteller, dem dramatifhen Dichter oder au) dem erfahrenen Arzte 
zujhreiben, — e8 tft auch nicht jene Menfchenkenntnis, die befähigt, den Cha- 
ralter der Mitmenfchen zu durdfchauen, ihre verborgenen Beweggründe und 
Abfihten zu erraten, ihre Handlungsweife in biefer oder jener Lage voraus- 
zufehen und Hug in Rechnung zu ftellen, wie wir e8 vom Diplomaten erwarten, 
vom gemiegten Kaufmann, vom Verteidiger, aber auh vom Schwindler an« 
gewandt jeben. 

Diefe zur allgemeinen Weltfenntnis oder, wie Kant e8 nannte, „Pprag- 
matiſchen Anthropologie” gehörenden Fähigkeiten beruhen einmal auf einer eher 





Richtungen der Pfydyologie 251 


Tünftlerifch-tntuitiven als wifjenfhaftlichen Begabung, in gleihem Maße aber 
auch auf beruflicher Übung und Erfahrung. Sie können ohne jedes pfychologtihe 
Wiffen beftehen und umgelehrt Tann ein mit der erperimentellen Piychologie 
vertrauter Gelehrter durchaus weltfremd und in allgemeiner Dtenfhhenkenntnis 
jedem Öberfellner unterlegen fein. 

Was die mwifjenihhaftlihe Piychologie davon unterfcheidet, ift erftens, 
daß ihr nächites Ziel nit auf das rforfhhen imdivinueller Seelen- 
zuftände gerichtet ift, fondern, daß fie allgemein geltende Regeln und 
Sejegmäßigfeiten des Seelenlebens aufzufinden fucdht; zweitens, daß ihre 
Unterfuhung nit auf perjönlide oder praltifche Ziele gerichtet ift, fondern 
zunädjft lediglich reine Erlenntniszwede verfolgt; drittens, daß fie nicht mehr 
oder weniger zufälligen Einzelerfahrungen ihr Wiffen entnimmt, fondern methodifch, 
d. h. von beitimmten Forfhungsprinzipien geleitet, ihre Beobachtungen anjtellt 
und deren Ergebniffe ordnet. Die Subjeltivität, die zum Begriff des Seelen- 
lebens gebört, bedingt es, daß fi ald Yorfchungsmethode der Piychologie in 
erfter Linie die Selbftbeobadhtung des innenlebens darbietet oder in erweiterten 
Sinne: „Die Selbftbeobadtung und dur Einfühlung vermittelte Beobadhtung 
fremden Geelenlebens”, wie e8 v. After ausprüdt. Sie galt der Philofophie 
als die einzige und natürlich gegebene Methode, und bildet auch für die ftrenge 
philofophifhe Richtung der heutigen PBiychologte bei weiten den wefentlichiten 
Zeil der Forihung. Demgegenüber mußte jebem, der bie außerordentlichen 
Erfolge der experimentellen Forfcehfungsmethode in Naturwiffenihaft und Technik 
gejehen, der Verfudh, das Experiment au in die Piychologie einzuführen, wie 
es Weber und Fechner vor etwa 60 Jahren unternahmen, überaus verheißungs- 
voll eriheinen. Dbmohl die von jenen Forfehern gefundenen Zahlenverhältnifie 
zwiſchen Reizftärfe und Empfindung fih nit als ein wirkliches Gefjeh des 
menfhlihen Seelenleben3 ermiefen, fo haben doch ihre zum erften Male an- 
geftellten Verfuche die Entitehung der heute fo weit fortgejchrittenen Wiſſenſchaft 
der erperimentellen Piychologie herbeigeführt. 

Die ftrengften Vertreter diefer Richtung haben das Ziel, gleich den Natur- 
wiflenicaften, lediglich durch das Experiment die Gefebe des Seelenleben3 zu 
finden, die unfiheren Faftoren, die mit der Methode der Selbfibeobadtung 
ftetS verfnüpf: find, auszufchalten, und damit jegliche philofophifche und meta- 
phufifhe Spekulation in der Betrachtung der Geelenvorgänge zu befeitigen. 
Die Pſychologie ſoll eine medizinifch-naturmiffenfchaftliche Difziplin fein. 

Und do murde fhon von Loge und vor ihm von Kant überzeugend 
dargelegt, daß die unendliche Mannigfaltigfeit der feelifchen Zuftände, ihr Wechiel 
von Berfon zu Berfon, von Sekunde zu Selunde, das Auffinden von Gefeten 
in naturwiffenfhaftlidem Sinne, d. d. mathematifd anmwendbarer, unmöglich 
madt. ES Tann nicht gelingen, einen gegebenen Seelenzuftand irgendwie 
rechnerisch zu erfaffen, und durch Anwendung von Gefegen die künftigen Zu- 
fände vorauszuberechnen, fo wie wir etwa mittelS des Grapitationsgejepes den 


252 Richtungen der Pfydhologie 


Stand von Sonne und Mond oder die Fallgefehwindigleit eines Körpers für 
irgendeinen Zeitpunft vorauszufagen vermögen. Wenn wir aber aud) auf 
diefes böchite Ziel mathematifhen Erfaflens des Seelenlebens verzichten, und 
uns mit der Feftitellung allgemein geltender Regeln begnügen, bleiben für ein erpe- 
rimentelle8 Furfchen in der Piychologie große Erfmerungen und Einjdyräntungen 
gegenüber den Naturmifienichaften beftehen: um die Gejege des Falles zu 
erproben, fann ich mich ein und desjelben Objektes beliebig oft unter verjchiedenen 
Berfuhsbedingungen bedienen, oder mir, etwa bei chemifchen Experimenten, be- 
liebig viel gleiche Mengen desfelben Salzes bereit halten. Der Menich jedoch, 
in dem jedes feelifhe Erlebnis eine Gedädtnisfpur zurüdläßt, fteht der Wieder- 
Holung eines Verfuches, fei e8 auch nur ein Nechenerempel, als ein bereits 
verändertes Verfuhhsobjelt gegenüber, und ebenfo ift eg unmöglid, aud nur 
zwei Lörperlih und geiftig annähernd gleiche Verfuchsperfonen zu befchaffen. 
Schließlid — und auch) diefes Hemmnis führt Kant in feiner Anthropologie 
an — muß das Wiflen der Verjudhsperfon, daB es fih um ein Erperiment 
handelt, die natürliche feelifche Reaktion vielfach ftark beeinfluffen und vermag 
eine völlige Entftelung des NefultatS zu bewirken; am meiften tritt diefe 
Schwierigkeit bei Verfuchen, etwa den Zuftand der Freude, Angft, Liebe, Zweifel, 
Entiloffenheit, oder Eigenfhaften wie Mut, Lügenbaftigleit, Faulheit ufm. 
einem Experiment zugänglich zu machen, zutage. 

Daß fi die experimentelle Piychologie nicht ahfchreden ließ, troß biefer 
Hinderniffe — foweit fie fie zugab — den Aufbau einer Wiffenfchaft zu verfuchen, 
muß vor allem anerfannt werden. reilicd ergab fi dabei die Notwendigfeit, 
fompliziertere und höhere Seelenvorgänge zunächft ganz außer Betracht zu laffen, 
und fi) vielmehr auf Die Unterſuchung einfachſter jeelifher Vorgänge zu befchränlen, 
oder aber, mit Lünftlih vereinfachten geiftigen Prozeffen zu experimentieren. 

So wurden die Reaktionszeiten und ihre Typen für die verfchtedenen Sinnes- 
eindrüde genaueftens erforfät, der Bemuptfeinsumfang für tachiftoffopifch vor⸗ 
geführte Wortbilder feftgeftellt, und damit auch die Vorgänge des Lefens analpyftert, 
die Vorzüge der verfehiedenen Buchitabentypen und Sabmweifen in egalter Beife 
aufgellärt. Die befannten Lernverfuche, mit fünftlich gebildeten finnlofen Silben an- 
geitellt, gaben Aufklärung über die Bedingungen, die Art und die Einflüffe der Merl- 
fähtgfeits- und Gchächtnisleiftungen. Durch die dem wirklichen Leben fremden, in 
der Piychtatrie aber fchon erfolgreich verwendeten Wortzuruferperimente, die jahre. 
lang den pfy&hologtihen Laboratorien Arbeitsjtoff gaben, fuchte man Die Gefeße ber 
Borftellungsverfnäpfung (Affoztation) feftzuftellen, und glaubte damit auch un- 
bemußte, ia felbjt abfi'htlih verborgene Gedanfen- und Gefühlsvorgänge offen 
zutage legen zu Können (Komplerforfhung, erperimentelle Überführung von 
Verbrechern). Ob freilih die Nefultate diefer und ähnlicher VBerfuchhe nicht 
ledigli al8 „Laboratoriumsprodulte” anzufehen find, oder ob ihnen wrifli 
allgemeinere Geltung und Anwendbarkeit zufommt, ift eine bis heute noch nicht 
ganz entfchtedene Frage. 


Ridhtungen der Pfydologie 958 

Sicherer und wertvoller, wenn aud) durch eine Meinere Zahl gelungener 
Grperimente geftüßt, erwiefen fi) die fogenannten Ausfageverfuche, bei denen 
der Berfuchsleiter eine wirkliche Situation des Lebens nad einem vorbedadten 
Plan berbeiführt und die Teilnehmer danach als Zeugen protofollarifch ver- 
nimmt. Schon das erfte im Liszt’fhen Triminaliftiichen Seminar ausgeführte 
Srperiment bradite befanntlicd den Nachweis, wie fehr die Ausfagen auch beft- 
williger Zeugen dur Wahrnehmungstäufhungen und Suggeftionen gefälicht 
werden Tönnen. Eine große Zweigwifjenfchaft der experimentellen Piychologie, 
die Piychologte der Ausfage, wurde unter Zuhilfenahme bildlich dargeitellter 
Borgänge bierauf aufgebaut. 

Ein erafte8 Unterfuhungsverfabren bat die experimentelle Piychologie 
weiter für die fogenannten Begleiterfdeinungen der Gefühle im Anfchluß an 
bie Phyfiologie ausgebildet. Sene heute aufs feinfte mehbaren Veränderungen 
ber Atmung, des Pulfes, der YBlutverteilung und der galvanifchen Leitung im 
Körper, die die Gefühlszuftände in mehr oder weniger charalteriftiicher Weile 
begleiten, Tönnen naturgemäß nur al8 äußere Signale der feelifhen Borgänge 
dienen, vermögen dagegen nicht die fubjeltive Betrachtung und Analyje des 
inneren @rlebens zu erfeßen. 

Eine große Ausdehnung und Bedeutung haben die utelligenzprüfungen, 
befonders durch ihre Beziehung zum Schul- und Hilfsiehulwefen, zum Jugend- 
gericht, Fürforgemwefen, Militärdienft und zur Piychiatrie erlangt. Zahlreiche, teils 
wertvolle Methoden find aufgeftellt worden, um die Altersitufen normaler \yn- 
telligenzentwidlung und ben Grad ihrer Abweichung feftzuftelen... Da eine 
einheitliche Definition des Begriffes Intelligenz nicht eriftiert, Antelligenz ſich 
vielmehr in individuell wechfelnder Weife aus den verfchiedenften Befähigungen 
und Senntniffen zufammenfegen lanın — man denle an mathematifche, 
literarifche, Ipradhliche, Tünftleriihe Begabung — fo wird die Bewertung einer 
Sntelligenzprüfung doch ftet8 eines erfahrenen Beurteilers bedürfen, und ein 
allgemeiner, objektiver Kanon nur in beichränktem Sinne aufitellbar fein. Will 
man diefe Prüfungen den pfychologifhen Erperimenten zurechnen, jo können fie 
eö nur in dem Sinne fein, in dem auch jedes Diktat, jedes Ertemporale ein 
Erperiment bes Lehrers ift, und nur bie fyftematifche Ausführung und Bearbeitung 
der Refultate verleiht ihnen den wifjenfchaftlichen Charakter. Die Berehtigung, 
als ein pfychologifches Experiment zu gelten, muß dagegen ganz abgejprocdhen werden 
dem in Amerila bejonders beliebten Verfahren, durdd ausgefandte Fragebogen 
über alle möglichen inneren Exrlebniffe, über Frönımigfeit, Belehrungen, Lügen- 
baftigleit, Abnungen, BeobadhtungSmaterial zu erhalten. Diefe unfontrollierbaren 
foriftliden Mitteilungen verdienen höchftens die Bezeichnung einer ftatiftiichen 
Sammlung; ihre Fehlerquellen find unberechenbar, und größer als die jeder 
wiſſenſchaftlichen Selbſtbeobachtung. 

Im letzten Jahrzehnt hat ſich die experimentelle Pſychologie in natürlicher 
Entwicklung auch der Analyſe höherer Bemwußtfeinsoorgänge, den Denl- und 


- 


254 Richtungen der Pfychologie 





Willensprogeffen zugewandt, die, wie wir früher fahen, ihr ganz verfchloffen zu 
fein jhienen. Bei genauerer Betrachtung zeigt fi jedod, daß bier nichts 
anderes als eine geordnete Selbjtbeobadhtung vorliegt, mit der Ergänzung, daß 
ein pſychologiſch geſchulter Werfuchsleiter beftimmte Anordnungen dazu erteilt, 
zeitliche Mefjungen ausführt und die Berichte des Selbitbeobadhters protofofliert. 
Will man die fo gewonnenen Angaben der „Denk. und Willenspiychologie” zur 
erperimentellen Wifjenfchaft rechnen, jo Tann dies wohl in fehr ermweitertem 
Sinne gejhehen; man darf fi aber nicht verfchweigen, daß dumit der Unter- 
{chied zwifchen der experimentellen und der belämpften Piychologie der Selbft- 
beobadhtung zufammengejhhrumpft ift auf ein äußerlich erakteres Inswerkſetzen 
und ein genaueres, Teineswegs aber gegen Yehlangaben gefchüttes Protofollieren. 

Nur flüchtig Tann der mit den Fortichritten der pſychologiſchen Forſchung 
vielfeitig verbundenen pfyhologiihen Hilfswifjenichaften Erwähnung getan werden. 
Auch für fie ergibt fih bei der Gefamtbetradjtung, daß die objeltive, erperimentelle 
Richtung der analyfierenden Selbitbeobadhtung und Einfühlung nicht entbehren 
fann, und fie, fei e8 bewußt, fei e8 unbewußt, zu Hilfe nimmt. 

ALS fjolde Hilfszweige gelten die Völferpfychologie, die Pfiychopathologie, 
die bypnotiihe Wifjenfchaft, die Tierpiychologie, die Kriminalpiychologie, ferner 
die Ddifferentielle und die Kinderpfychologie, von denen die beiden lebten, wie 
übrigens au die Piychologie der Ausfage, mit dem Namen W. Sterns eng 
verknüpft find. Während die Piychologte von den individuellen Befonderbeiten 
nod ein unabfehbares Arbeitsgebiet vor fi bat, vermochte Stern, der nad) 
Preyers Vorbild an feinen eigenen lindern forgfältige Beobacdhtungen, gemeinfam 
mit feiner Frau fyftematifch dDurchführte, in einem 1914 erfchienenen Werl „Piycho- 
logie der frühen Kindheit” (Duelle u. Meyer, Leipzig), eine zufammenfafiende, 
treffliche Überfiht der Piychologie des Kindes bis zum fechften Lebensjahr zu 
geben, und darin aud) weiteren Kreifen den praltiichen Nugen der Forfchung für 
eine auf gerechten Grundlagen aufgebaute intellektuelle und fittlihe Erziehung 
zu zeigen. 





Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


255 





Maßgebliches und Unmaßgebliches 


Geſchichte 


Quellenſaumlung fur den geſchichtlichen 
Unterricht an höheren Schulen, herausgegeben 
von G. Lanıbed, Geh. Neg.-Rat u. Ober- Meg.» 
Nat 6. d. Provinzialihultollegium Berlin, in 
Verbindung mit Profeffor Dr. %. Kurze-Berlin 
und Oberlehrer Dr. $. Rähfmann: Leipzig. 
Berlag von B. 8. Teubner, Leipzig und Berlin. 
1918 ff. 

Deutih fein Heißt: den Dingen auf den 
Grund gehen. Die Reformation, die Tantifche 
Bhilofophie, die Wiffenfhaft vom Anfang des 
19. $ahrhunderts bis zur jüngften Gegenwart — 
dDiefe drei unfterblihen Zeiftungen des deutfchen 
Geiſtes — fie zeugen von der Wahrheit jenes 
Borted. An einem befonderen Maße gilt e3 
bon unferer heutigen Gefhichtswiflenihaft. Die 
Ramen Riebubr und Ranle, Mommfen und 
Eduard Meyer jagen genug. ch meine hier 
nicht die Geihihtichreibung, fondern die Ges 
Ihichteforfhung: die Erjchliegung der Quellen: 
ihre umfaffende Auffindung und fyftematifche 
Sammlung; ihre kritifhe Sichtung, unerreichte 
Analyje und dementipredhende Wertung und 
Verwertung. 

Mit der deutihen Viffenihaft Hat unjere 
böbere Schule, d. 5. in erfter Linie unjere 
Gymnafien, ftet® in enger Verbindung ge- 
ftanden. Gerade darauf beruht mit ihr einzig» 
artiger Wert, der fie von den höheren Schulen 
3. ®. Englands grundlegend unterjcheidet. 
Hat doc die deuifche höhere Schule die Fort» 
jhritte der Forihung ftets mit lebendiger 
Zeilnahme begleitet und in vielen ihrer beiten 
Vertreter durch felbftändige Mitarbeit ger 
fördert. Es iſt daher nur natürlid, wenn 
angeficht® der märdenhaften Erfolge unferer 
Geihihtswifienihaft ein berufener Vertreter 
des preußiihen höheren Schulwefens den Ge- 
danlen gefaßt bat, eine Auglefe aus den Quellen 
der geſamten Geſchichte von der myleniſchen 
Periode bis zu Bismards Entlaſſung in einer 
Anzahl von Heften allgemein zugänglich zu 
machen. — Unter Geſchichte verſteht der Heraus⸗ 
geber natũrlich die geſamte geſchichtliche Ent⸗ 


wicklung der Menſchheit, von der die politiſche 
nur ein, wenn auch noch ſo wichtiger, Teil iſt. 

Ein ſo weitausſchauendes Unternehmen 
war nur bei weitgehendfter Arbeitsteilung möge 
lid. Und — man darf ed heute mehr denn je 
mit Stolz fagen: e8 war nur in Deutichland 
möglid. Freilich, wie weit da8 groß Gedadhte 
Birflichleit werden follte, da8 bing in erfter 
Linie von der Bliederung der ungebeuren 
Stoffmafie und von der Auswahl der Mit- 
arbeiter ab. Aber nad den bisher erfchienenen 
etiva 50 Heften zu urteilen, ift der Heraus 
geber in der Auswahl der Mitarbeiter geradezu 
erftaunlic) glüdlih gewefen. Ya, es fcheint 
nit zu viel gefagt, daB die8 Unternehmen’ 
eine neue Epoche in unferem Geichicht3unter- 
richt — hoffentlich auch der Volksſchulel — 
heraufführen wird, in unſerem Geſchichtsunter⸗ 
richt, der gerade durch den jetzigen Weltkrieg 
eine von vielen ungeahnte Bedeutung erhalten 
hat, die nie wieder verdunkelt werden kann. 

Hier aber ſei in äußerſter Kürze verſucht, 
nicht vom Standpunkt der Schule, ſondern 
vom Standpunkt des Hiſtorilers aus anzu⸗ 
deuten, welche Bedeutung dies monumentale 
Unternehmen für unſer Volk überhaupt ge⸗ 
winnen kann. 

Die ganze Sammlung iſt in zwei Reihen 
negliedert. Die erjte (I) gibt in 17 Heften 
(jedes Heft umfaßt 32 Seiten und ift für 40 Pf. 
einzeln Täuflich) eine Auslefe auß den Quellen 
für die Hauptereigniffe der gefhichtlihen Ente 
widlung. Ich nenne einige Titel: 13: Alexander 
der Große und der Hellenismus. 16: Die 
römilhe Kaijerzeit und die Germanen. 17: 
Böllerwanderung und Franlenreih. I 10: Mer 
formation. 116: m neuen Deutfchen Reid. 


"Bon folden der zweiten Reihe, für die etiwa 


100 Hefte in Augfiht genommen find, um für 
die einzelnen geihichtlihen Erjheinungen 
ein erlefened Quellenmaterial zu bieten: Il 1: 
Berifleg. 116: Die Ausbreitung der griedhie 
[hen Kultur. II 9: Die Grachische Bewegung. 
11: Die religiö3-philofophifche Beivegung bed 
Hellenismus und der Kaiferzeit. 18: Staat 
und Berwaltung der römijchen Kaiferzeit. 





256 Maßgeblihes und Unmaßgeblidhes 





34: Die Möndsorden. 87: Die Hanfa. 
42: Soziale Bewegungen im 16. abrhundert. 
97: Breußifche Kulturarbeit im Often. 78: Die 
Gründung de3 Deutichen Neihes. — Al 
Beifpiel ded QDuelleninhalt® nenne id) aus 
Seft 98 „Der deutfhe Ritterorden“ den 
vierten Abfchnitt: I. Ländliche Kolonifation: 
1. Anfiedlung eine3 deutfchen Ritter? (1. %.1286). 
2. Anfiedlung polnifher NMitter (13. Xahre 
Bundert). 8. Zandverleihung an einen Litthaui« 
[hen Bauern (1808). 4. Gründung eines 
deutihen BDorfe® (1298). 5. Erweiterung 
einer Dorfflur (1824). II. Städtifche Kolo⸗ 
nifation: 1. Aus der „Kulmifhen Handvefte”. 
2. Auß der Satung des Kulmer Artushofes. 
8. Auß der Kulmer Billfür: „Won Handiwerlde 
Mmedten und Dienftboten und funderlih don 
Schmiedelnehten“. 4. Sraudenzer Handels 
pribileg (1818). 

Außerdem ift ingwifchen eine Neihe von 
Heften über Vorgefhichte und bißherigen Ver» 
lauf des Weltfrieges in Worbereitung. 

Auch der Geſchichtskundige, d. h. ſelbſt der 
Hiſtoriler, der heutzutage unmöglich das ge⸗ 
ſamte Gebiet der Geſchichte oder auch nur 
der deutſchen Geſchichte quellenmäßig zu be—⸗ 
herrſchen vermag, wird durch die in einzelnen 
dieſer Hefte dargebotenen Quellen vielfach ihn 
überraſchende neue Einblicke und Beleuch⸗ 
tungen erhalten. Es iſt doch etwas anderes, 
wenn wir z. B. von Hannibal ein Papyrus⸗ 
bruchſtück aus dem Werk ſeines Vertrauten 
Soſylos, von Alexanders Verhalten gegenüber 
der Meuterei in Opis die Darſtellung eines 
Augenzeugen wortgetreu überſetzt leſen, als 
wenn wir eine moderne Darſtellung heran⸗ 
ziehen. Und über die Mönchsorden gewinnt 
auch der Proteſtant eine andere, richtigere 
Anſchauung, wenn er 3. 8. die dentwürdigen 


Stüde auß der Regel des Benedict von Rurfia 
lieft. Und wie bewunderndwert, ja berebrung®e 
würdig erjheint un® auf einmal Friedrid 


Wilhelm I. in jenen Urkunden und Alten» 


ftüden, die und da8 ausgezeichnete Heft II 97 
„PBreußiihe Kulturarbeit im Often“ bietet! 
Und auf der anderen Seite geben die Quellen 
befte zur griehifhen Gefhihte und Kultur 
ein fo meifterhaft erlefene® Material, daß 
felbft dem ded Griehifhen nicht Tundigen 
Laien überwältigend zum Bewußtfein lommen 
muß, daß aud in dem blutigen Bölferringen 
der Gegenwart, ja gerade jet, wo fo biele 
ideale Werte in Frage geitellt werden, bie 
Berfentung in diefe unvergängliden Schäge 
einen tiefen Sirm und Ywed hat. 

Man dringt denn do ganz anders in 
ben @eift einer Kulturperiode ein, wenn ihre 
Zeugen felbft zu einem fpreden. Wir erfaßren 
dabei auch aufs neue, wie bedeutende ges 
[Hichtlide Vorgänge und Perfönlichleiten von 
den Beitgenofien ein und derfelben Epode 
oft ganz verfchieden aufgefaßt werben. So 
bei den NRömern die Grachifhe Bewegung, 
bet und der Bauernfrieg oder die Reformation. 
So vermag fi der nachdenflihe LXejer aus 
diefen „Quellen“ in vielen Fällen feldft ein 
biftorifche® Urteil zu bilden, was bei der 
Lektüre auch des beſten Geſchichtswerkes doch 
nur ganz ſelten möglich iſt. 

Kurz, dies Unternehmen iſt wahrlich nicht 
nur für die Kreiſe der höheren Schule von 
nie veraltendem Wert, ſondern für die Ge⸗ 
bildeten deutſcher Nation überhaupt, zumal 
für die kommende Generation, der der Welt⸗ 
krieg die Bedeutung hiſtoriſch⸗politiſcher Er⸗ 
tenntnis info erfhütternder WVeife offenbart hat. 


Dr. W. Eapelle 


Allen Manuflripten ift Porto Kinzuzufügen, ba andernfalls bei Ablehnung eine Nädfenbung 
| nicht verbürgt werben Tann. 








Nachdrud ſamtlicher Aufſatze aur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Berlags geſtattet. 
VDerautwortlich: der Herausgeber Georg Cleinow in Berlin⸗Lichterſelde Weſt. — Manuſtriptjendungen und 
Briete werden erbeten unter der Abreſſe: 

Un ben Geraudgeber der Grenzboten in Berlin - Lichterfelde We, Gteruftrafe 56. 
Bernipredder des Herausgeberd: Amt Lichterfelde 498, be3 Berlags und der Gchriftleitung: Amt Lügom 6510. 
Berlag: Berlag ber Srenzboten ©. m. 5. H. in Berlin SW 11, Tempelbofer fer 85a 
Drud: „Der NReihsbote" ©. m. 5. 9. In Berlin SW 11, Defiauer Gtraie 86,37. 


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— 


— 





Die franzöſiſche Internationale 
Von Dr. Fritz Roepke 


„Die Proletarier haben kein Vaterland“ 
Karl Marx 


Jurch Marx hatte der Gedanke einer internationalen Annäherung 
\ neue Entwidlungsmöglichleiten befommen. Bisher war er Eigentum 
8 der Philanthropen und Aufklärer gemejen, die mit ihm ein geiftiges 
WEN und eihifches deal verbanden. Marr gab ihm eine neue, ma- 
= terialiftiiche Grundlage und forderte die wirtfehaftliche Umgeftaltung 
der x Gefelfeiaft ohne Rüdfiht auf die nationalen Grenzen. Durd) die Schaffung 
des Begriffes Klafjenlampf ergab fi) eine neue Einteilung, ein Duerfchnitt, der 
nicht fo jehr den gefchichtlihen Aufbau der Kulturmenfchheit erkennen Tieß als 
die Gleichheit der Lebensbedingungen unter fich verjchieden gearteter Schichten. 
Sn folgerichtiger Durchführung feines Syftems fahte er den Gedanken einer 
internationalen Arbeitervereinigung. „Arbeiter aller Länder, vereiniget Euch!“ 
E3 hat in vielen Ländern Jahre gedauert, ehe diefer Auf feiner Abftraktion 
entkleidet wurde, biS er greifbar geworden war und Taten auslöfte. Alm 
Inelliten wurde dies in Frankreich erreiht, wo von jeher Syitembildungen 
religiöfen Glauben und praftifchen Fanatismns erzeugt haben. Der Hang zur 
Symmetrie, die Neigung, Jdeen und theoretifhe Konftruktionen in die Wirklichkeit 
zu projizieren, führte von Rouffeaufhen Gedanken, von der Crflärung der 
Menichenrechte und dem „Ecrasez l’infame“ Voltaire geradenwegs zur Gleidh- 
macherei und Demoftatifierung und blindem, einfeitigem Haß gegen alles Kirchliche. 
Revolution und Antiklerilalismus find die unmittelbare Fortführung von deen 
und Theorien mit anderen Mitteln. So fanden fi in Franfreih au am 
ihnelliten bemwußte Anhänger des internationalen Gedantens, der allerdings 
gerade bei der fonjtruftiven, gradlinig dogmatifchen und weniger empirifchen 
Grenzboten I 1916 17 





258 Die franzöfifche Internationale 


Veranlagung der Franzofen einen eigenen, nationalen und ftrengen Zujchnitt 
erhalten mußte. 

1862 famen zum erften Diale franzöfifche Arbeiterführer zu Mare nad 
London, nachdem bereit3 eine internationale Korrejpondenz eingerichtet war und 
die Weltausftelungen einen Gedanfenaustauf nahegelegt und erleichtert hatten. 
Zwar blieb der Begriff der Internationale vorläufig no unfiher umgrenzt. 
Doch bildeten die Zufammenkünfte ein Gemeinfamleitögefühl heraus, daS bei 
drohenden internationalen Werwidlungen fofort Lebenszeihen von fi gab. 
1867, als der Streit über Luremburg ausbrad), wurde in Berlin, Paris und 
der Schweiz proteftiert. Auf dem Kongreß desjelben Jahres zu Laufanne 
wurde erflärt: der Krieg lafte hauptfächhlich auf der Arbeiterflaffe und bebrobe 
das internationale deal des Proletariats; die ftehenden Heere müßten ab- 
geſchafft, der Friede aufrechterhalten bleiben. 

So drohte die ſoziale Internationale im Gegenſatz zur geiſtigen, von der 
ſie gleichwohl die humanitäre Sentimentalität geerbt hatte, ſogleich in das innere 
Leben des Staates einzugreifen. Das erkannte man jetzt auch in Frankreich, 
wo die kaiſerliche Regierung, in liberale Bahnen einlenkend, den Arbeiter⸗ 
vereinigungen zuerſt gewogen war. Die Pariſer Kommiſſion wurde von der 
Polizei aufgelöſt, wirkte allerdings im Geheimen weiter und ſandte auch ihre 
Vertreter zu dem Brüſſeler Kongreß (1868). Der radikale und revolutionäre 
Trieb, der eine Eigentümlichleit der franzöfifchen Raſſe iſt, tritt hier bereits 
Har hervor und fucht fih zur Geltung zu bringen. Das franzöſiſche Mitglied 
Longuet ftellte folgenden Antrag, den die Verfammlung annahm: Der Kongreß 
empfehle den Arbeitern, im Yalle eines Krieges jede Arbeit einzuftellen; im 
Vertrauen auf die Solidarität aller Länder erwarte er, daß alle mittun werben 
in diefem Sriege gegen den Frieg. So ging der erfte Borfchlag, im Falle 
eines Krieges fih gegen bie eigene Regierung aufzulehnen, von ben Fran 
zoſen aus. 

Jedermann, zumindeſt die Eingemwethten der Internationale, mußten banad) 
im Yahre 1870 die Revolution der franzöfifcden Arbeiterpartei erwarten, zumal 
{ihre Regierung den Krieg herausgefordert hatte. Aber e3 fam anders. Die 
Pariſer Internationale batte einige Zage vor Ausbruch der Yeindfeligleiten 
folgende Kundgebung veröffentlit: „Deutihe Brüder! Bleibt taub gegemüber 
den unfinnigen Herausforderungen, denn der Krieg zwifchen uns märe ein 
Bruderkrieg”. Anhänger des programmlofen Blanquismus machten in Marfeile 
den vergeblihen Berjudh, in dem Augenblid das Rathaus zu ftürmen, als fid 
einige Arbeiterführer vor dem Lyoner Gericht wegen Teilnahme an ber Snter- 
nationale verantworten follten. Doch blieb diefes Unternehmen volljtändig ver- 
einzelt und fand im ganzen Lande feine Nahahmer.. Man war allgemein ber 
Überzeugung, daß die Verf ämörer von der Laiferlichen Regierung geftellte Polizei» 
{pigel waren, während bie Negierungspreffe von preußifchem Golde fprad. 
Richard, einer der einflußreichften Sogztaliften, fühlte „angeficht3 diefes großen 


Die franzöfifhe Internationale 259 


Krieges eine patriotifhe Aber in feinem Herzen erzittern” und fhwärmte, als 
der ruffiihe Revolutionär Balunin eine Vollserhebung voriählug, von dem 
„glorreihen Bazaine". Die Verfolgungen der Taiferlihen Polizei hatten bie 
Lebensfähigkeit der internationalen Altion in Frankreich faum bedroht, der Krieg 
vernidhtete fie. Die Kommune war zwar als föderaliftiicher Verſuch ſtaats⸗ 
feindlih, war aber fonft mit dem MWefen und Zwed ber Internationale in Feiner 
Weife verbunden; ihr Ziel war die freie Gemeinde. Was fi fonft an 
fozialiftiicher Tätigkeit bemerkbar machte, war durhaus auf den Ton der 
„guerre A outrance“ (Stil Gambetta) geftimmt und fucdhte nur die nationale 
Berteidigung zu befchleunigen und zu verftärfen. Wie 1792 der Konvent, fo 
gebärdeten fi jebt, befonders nad) dem Sturz des Kaifertums, die Sozialiften 
und Radilalen als die lauteften und unerbittlichften Patrioten und Kriegsfreunde. 

Unter diefen Umftänden erfcheint das Gefe vom Jahre 1872, nad) dem 
die Teilnahme an der Internationale mit Geldftrafe, Gefängnis, Verluft ber 
bürgerlihen Ehrenredite und Polizeiaufficht beftraft wurde, im Gegenfab zu den 
Berfolgungen durch die Faiferliche Polizei al8 eine Maßregel von weit geringerer 
Anwendung. Benn bier folten nur die paar Kommuniſtenführer unſchädlich 
gemacht werden, die fih nad) London geflüchtet und dort nur äußerlihen An- 
fhluß an die Marriche Gefolgichaft gefunden hatten. Eins bewirkte das Gefek 
allerdings: die Zerfplitterung der fozialiftifchen Kräfte und Xpeen. Die meiften 
Arbeiter verliefen fih in die raditale Partei. 

Der internationale Gedanle und der Widerftand gegen den Strieg hatte 
durchaus an Kraft und Synterefje verloren. ALS 1873 der Tonfervativ-Merilale 
Plan, den Kronprätendenten Grafen von Chambord zum König von Franfreich 
zu falben, mißlungen war, beteiligten fidd zahlreiche Soztaliften an der einfegenden 
bonapartiftifhen Agitation, obwohl man über den Sinn de Sabes „I’Empire 
c'est la paix“ nicht mehr im Unflaren fein Tonnte. 

So war die erfte Internationale tot. Geftorben am Krieg, den fie ber 
feitigen wollte. Das Feld überließ man dem Anardhismus, der die freie Per- 
Tönlichkeit verfündigte und die gemwaltfame Loslöfung vom Staate forderte. Cr 
war allerdings zu jehr Utopie, um die Verwirklihung des nternationalimus, 
einer Frage von fo ungeheurer praftifhen Bedeutung, zuzulafien. Der So- 
zialismus entwidelte fi feit dem Srieg innerhalb der nationalen Arbeiter- 
verbände. Auf den erften franzöfifhen Landestongreflen fommt der internationale 
Gedanfe gar nicht zum Ausdrud. Eine Berftändigung fchten au) umfo un- 
möglicher, als die Franzofen fi) immer mehr in den Kreis Baluninfcher Ydeen. 
einzwängen ließen, während 3. B. die Deutfchen Karl Mare anbingen. 

Erit als der Marrismus aud in Frankreich fiegte, befam die Lehre von 
der Solidarität der Arbeiter gegenüber dem Kapitalismus wieder eine größere 
internationale Bedeutung. uesde ftellte in gemeinfamer Arbeit mit Marz und 
Engels ein foztales Programm auf. Auf dem Kongreß zu Paris (1889) bielt 
man zwar an ber Selbftändigfeit der nationalen Verbände und der Bewahrung 

17° 


260 Die franzöfffhe Internationale 


der nationalen Eigenart feft, forderte aber die Herftellung internationaler Be⸗ 
ziehungen (Korrefpondenzen, Erlennungsmarlen ufw.).. In Anwendung Tam 
diefe Forderung gleich im nächften Jahr bei Einführung der Maifeier, die ja 
einen Weltfetertag bedeuten folte Auch die Sriegsfrage fam auf dem inter- 
nationalen Sogialiftenlongreß zu Brüffel (1891) wieder zur Erörterung. Sie 
wurde hier in marziftiidem Sinne dur einen Beichluß gelöft, den Vaillant, 
der „bdeutfchefte unter den Franzofen“ (Bebel) und Liebinecht beantragt hatten: 
alle Arbeiter follen in ftändiger Agitation gegen alle Kriegsmünfche proteftieren; 
um den Krieg abzumenden, tft die internationale Organifation des Sozialismus 
zu beichleunigen; der Sozialismus wälzt im Kriegsfalle die Verantwortung auf 
die leitenden Klaffen ab. Die Betonung der natürliden Entwidlung, bie fi 
in diejfer Refolution ausjpricht, ift durchaus deutfh. Und fo behielt der inter- 
nationale Gedanke dank dem fteigenden bdeutihen Einfluß immer noch einen 
platonifgen Charakter. Nirgends war ausgefprodden, daß die Enteignung ber 
Produltionsmittel die gewaltfame Zerftörung der beftehenden Staatengebilde 
bedingen würde. Man dachte fich für den zulünftigen Arbeitsftant eine fi) 
infolge der Lohnregelung von felbft ergebende allgemeine Harmonie. Der 
Sozialismus war zwar international und revolutionär, aber doch nicht aus 
geſprochen antinational. Diefe anardiftiide Zufpigung erhielt er erit in Franl- 
rei und zwar dur die Entwidlung der franzöfliden Gemwerfichaften. 

Die Gemwerkvereine, die zuerft in Anlehnung an die praftiih ausgebauten 
engliihen Trade Unions ſich jachlihen Berufsftagen zugewandt hatten, wurben 
in den achtziger Jahren beim Siegeszuge des Marzismus in Franfreih von 
follektiviftiihen been überflutet. Erft nach Hinzutritt der rein beruflich und 
wirtihaftlich organifierten Arbeitsbörfen (1895), die bald die Führung über- 
nahmen, fann man wieder von einer eigentümlichen gemwerlfchaftlicden Nichtung 
in Sranfrei fpreden. Zu diefer Richtung verhalfen ben Gemwerllern Elemente, 
die fih anfangs ganz unpolitifch gebärdeten: die Anardiften, die umfo bereit- 
williger aufgenommen wurden, je mehr fi bie fozialiftiide Partei mit der 
demofratiihen Nepublit und dem Parlamentarismus befreundet Diefe gaben 
ihnen den eigentümlichen revolutionären Charakter, den die franzöfifcden Synbilate 
bis zum Ausbruch) des gegenwärtigen Krieges bewahrt haben. Schon auf bem 
erften gemeinfamen Kongreß zu Algier (1902) wird die antimilitariftifche Pro- 
paganda gefordert. Der Antimilitarismus der Gemerfvereine war urfprünglich 
in Grinnerung an fozialiftiihe Ideen entitanden, die von ihnen nur fchärfer 
ausgebrüct wurden. Das Heer galt als die Waffe jener Tapitaliftifchen gefell- 
ſchaftlichen Ordnung, die das Eigentum fhübt und deshalb vom Haffenbemußten 
Proletariat belämpft werden muß. Diefen Widerftand gegen die ftantauflöfenden 
Beitrebungen jebte e8 bejonders Träftig dem neuen, revolutionären — 
mittel der Gewerkvereine, dem Streil, entgegen. 

Im Jahre 1905 droht plotzlich eine europäiſche Verwicklung, — 
durch das ſelbſtherrliche Auftreten Frankreichs in Marokko. Die Kriegsmöglichkeit 


Die franzöfifhe Internationale 261 


gab dem Antimilitarismus fofort einen antipatriotifhen Unterton. m Januar 1906 
erbielt Griffuelhes vom Borftand der Gewerfvereine den Auftrag, fild mit der 
deutſchen Gemwerfichaftstommiffion zu verftändigen, um in Paris und Berlin 
gleichzeitig eine große Kundgebung gegen den Frieg zu veranftalten. Bon ihr, 
fowie von Bebel perfönli erhielt er die Antwort, - daß die beutfhen Gewerf- 
Thaften nur im Verein mit der fozialiftifhen Partei beider Länder eine Fund» 
gebung beichließen würden. Diefer Beicheid wird dem Gemwerkfdhaftstongreß zu 
Amiens überbradt. In ihn findet die Anfhauung, daß dem Striege der 
revolutionäre Widerftand des Proletariat3 entgegengebradt werden müfje, eine 
Mehrheit. Der Minderheit erfcheint diefer Beichluß zu rüdfichtslos; fie ftellte 
ih als NReformpartet auf den Iinfen Flügel der Gewerfler und befchränfte fidh 
künftighin al3 reformiftiicher Syndilalismus darauf, die Aufrechterhaftung des 
Friedens zu wünſchen, ohne patriotif$ oder ftaatsfreundlih zu fein. Die 
Arbeiter haben nad ihm das Recht, in ihren nationalen und internationalen 
Kongrefien gegen den Krieg zu protejtieren; denn mehr al8 jeder andere habe 
der Arbeiter ein Snterefje an der Aufrechterhaltung des Friedens. Uber er 
verurteilt nur die Rolle des Militärs in den wirtichaftlicden Konflikten und will 
nicht die Berteidigungsmaffe der Nation zerftören. Er läßt fich ferner von der 
Erwägung leiten, daß höchftwmahrfcheinlich der Generalftreif nicht in ganz Europa 
zu gleicher Zeit ausbrecdden würde und dann der militärifch ftarfe, Tapitaliftifche 
Staat das Bolt ohne Waffen vernichten könne. 

Doch folder vorfitigen Zurücdhaltung Tonnte e8 in Frankreich nicht ge- 
lIingen, viel Anhänger zu werben. Weit mehr Erfolg hatte der revolutionäre 
Syndilalismus, als deffen Wortführer Guftan Herne feit Tanger auftrat. Sein Lo— 
fungsruf tft: Nieder mit der Republik! Er ſteckt die Trikolore ſymboliſch in den Miſt⸗ 
haufen und erklärt rundweg, im Kriegsfalle werde man nicht mittun. Zuerſt große 
Entrüftung bei den Sozialiſten. Sie hält jedoch nicht lange an. Schon bald darauf, 
nämlich auf dem Kongreß zu Nancy, rüden die verfchiedenen Sozialiftenführer 
wieder näher an ihn heran. Er bildete den Auftalt zu dem internationalen 
Soztaliftenfongreß zu Stuttgart im Jahre 1907, auf weldem die Stellung. 
nahme zumfriege grundfäglich erörtert murbe und der revolutionäre Syndilalismus 
als Sieger daftand. 

Der Kommiffionsberatung lagen u. a. drei franzöfifche Vorfchläge zugrunde. 
Herv& forderte: „ede SKriegserflärung, von melder Seite fie auch kommen 
mag, mit dem Militärftreit und dem Aufftand zu beantworten.“ Der Antrag 
der franzöfifchen Mehrheit (Jaur&s-Baillant) bezeichnete als Mittel der Sriegs- 
verhütung „parlamentarifche Intervention, öffentliche Agitatton, Maffenftreit und 
Aufftand“. Er unterfcheidet fi alfo nur dadurch von Hervue, daß er den 
Generalftreif als äußerftes und leßtes Mittel anfieht. Der internationale Ge- 
danke war damit in feiner revolutionären Form auf dem Ummege über den 
Anarchismus und die Gemwerkvereine wieder in den Sozialismus eingedrungen, 
und felbft der Marzift Vaillant neigte fi) ihm zu. Ber Nevolutionismus, wie 


262 Die franzöfifdye Internationale 


Sombart den Slauben an bie Kraft der Revolution genannt bat, tft ein Raffen- 
erbe ber Franzofen. Er taucht immer wieder auf und verbindet fi mit dem 
verfchiedenften Parteien (felbft die Neuroyaliften haben mit ihm gefpielt). Die 
franzöfifcehe Dtinderbeit endlich befürmortete Borbeugungsmaßregeln: Verkürzung 
der Militärdienftzeit, Verweigerung aller Kredite für Heer, Marine, Kolonien. 
Herne verftieg fich zu der Behauptung, daß feine Agitation „den größten, durch 
fhlagendften, großartigften Erfolg in Frankreich“ Hätte. „Der franzöfilde 
Generalitab ift durch uns moralifch entwaffnet, er weiß, daß ber Krieg den 
Aufitand des ProletariatS bedeutet.” Er fahb [don im Beifte die Deutichen in 
ihrem „Sadavergehorfam” ihre Bajonette auf die Bruft der franzöflfchen Pro- 
letarier fegen, die die Yarrifaden mit der roten Fahne verteidigten. Yaurds 
und Vaillant leugneten vergebens, bie Nationen, „biefe notwendigen Elemente 
menfhlicer Entwidlung”, zu zertrümmern. Bollmar 309 in einer fachlichen, 
leife jpöttifden Rede ihre Abhängigkeit von Herve ans Licht, und Adler |prad 
von „delorativer Politi"._ Den deutfchen Standpunft erklärte Bebel wit den 
orten: „Wir können alfo nihts tun als aufllären und Licht in die Köpfe 
bringen, agitieren und organifieren.” Schließlich einigte man fi wie immer 
im Ausgleich auf einen Beichluß, der zwar jedem die Pflicht gab, gegen dem 
Krieg anzulämpfen, die Mittel aber völlig in feinem Belieben ließ. 

Gelegenbeit, die revolutionäre Gigenart ihres fozialiftifchen Widerftandes 
dur die Tat zu befräftigen, wurden den Sranzofen im ahre 1913 gegeben, 
als das Gefeh Über die dreijährige Dienftzeit vor die Kammer fam. Und tat 
fählid wurde eine Reihe der vorgejdhlagenen Mittel, von der Kundgebung bis 
zur Meuterei, angewandt. Lffentliche Broteftverfammlungen wurden veranftaltet, 
die antimilitariftiihe Schrift „Le sou du soldat“ in die Kafernen gefeämuggelt 
und die „Arbeiter in Uniform“ tüchtig bearbeitet. Die Regierung, die die 
Dilziplin gefährdet fah, verhaftete eine ganze Anzahl von Agitatoren und nahm 
Hausfuhungen vor. Ste tonnte aber nicht verheimlidhen, daß inzwifchen zahl. 
xeihe Fälle von Meuterei und Auflehbnung im Heere vorgelommen waren. 
Tropdem darf man in diefen Vorgängen nicht etwa die Erfüllung der revolu- 
tionären Verfpredden fehen. Die Soldaten meuterten nicht etwa aus Abneigung 
gegen den Krieg, fondern weil fie fih in der Erwartung getäufcht fahen, bald 
aus dem militäriihen Zwang entlafjen zu fein, und weil die wirtjchaftlide 
Lage der Verbeirateten während der Dienitjahre vom Staate Teineswegs ficher- 
gejtellt war. Am 19. Juli wurde das Gefeg von der Kammer mit 358 gegen 
204 Stimmen, alfo mit anfehnlicher Mehrheit, angenommen, nachdem die Re 
gierung no) den Widerfpenftigen den Köder der Einfommensfteuer bingemorfen 
hatte. Der Erfolg der Agitation war gleich null. Der Antimilitarismus hatte 
nicht hindern Tönnen, daß die NRüftung verftärlt und befchleunigt wurde und 
ber Krieg in immer gefährlichere Nähe rüdte. Und Herve batte 1907 Barri⸗ 
Inden gefehen. „Delorative PBolitif”. 

Troß biejes offenbaren Berfagens ber revolutionären Aktion, nahmen fran- 


Die franzöfifhe Internationale 263 


zöfiihe Delegierte Thon einen Monat fpäter (die Bafler Zufammentunft im 
Mai gehört wegen ihrer opportuniftifch-parlamentarifhen Gefinnung nicht hierher) 
wieder diefelbe aufrühreriiche Pofe an, nämlich auf dem internationalen Transport- 
arbeiterfongrefje zu London, wo die Synoilaliften im Gegenfat zu dem Bericht 
des aus deutjchen Mitgliedern beitehenden Zentralrates paffive Refiftenz und 
Streifs bei einer Mobilmahung forderten. „&3 jet Pflicht eines jeden Transport- 
arbeiter8, fi) zu weigern, an ber Vorbereitung an einem Sriege teilgunehmen. 
Aud der internationale VBergarbeiterfongreß habe erflärt, daß bei einer Krieg$- 
erflärung fofort die Förderung der Kohle eingeftellt werden folle.” (Bericht des 
3.2.1913, Nr. 441.) 

Juli 1914. Der Krieg drobt. Sebt Tonnten fie zeigen, daß fie e8 mit 
ihren Theorieen ernft meinten, daß der internationale Gedanke nit nur ein 
nebelhaftes Wort war, fondern eine wirkliche Kulturmacht, mit der der nationale 
Staat rechnen mußte. Der Generalftreil, die NAevolution blieb aus. Cinige 
Antimtlitariften fchrieen „nieder mit dem Krieg)" und flimmten Die Snternatonale 
an, als ihnen die ewige Marfetllaife auf die Nerven fill. Die Gewerller wagten. 
einige Worte: „Wir berufen Euch zu VBollSverfammlungen (die von der Polizei 
verboten wurden), um den unerſchütterlichen Friedenswillen des zielbewußten 
Proletariats auszudrücken. Die Gefahr iſt im Anzuge. Die regierenden Kreiſe, 
die Euch im Frieden knechten, verachten und ausbeuten, wollen Euch zu Kanonen⸗ 
futter machen. Wir wollen keinen Krieg, nieder mit dem Krieg, es lebe die 
internationale Verſöhnung.“ Aber daneben ſteht ſchon die Phraſe aus dem 
„Matin“: „Die Forderung dieſer Regierung (Iſterreichs) hatte eine Brutalität 
und fie kann nur den Zweck haben, den Krieg heraufzubeſchwören.“ Die 
ſozialiſtiſche Kammergruppe mißtraut Rußland und den „willkürlichen Deutungen 
geheimer Vorträge“, kopiert aber die Dreiverbandsſprache, wenn fie vom „ſtreit⸗ 
ſüchtigen kaiſerlichen Germanismus“ redet. Hervé, der angeblich ſchon 1907 
den franzöfiſchen Generalſtab in der Taſche hatte, legt das verſpätete Belenntnis 
ab: „Da wir unſer Unvermögen feſtſtellen müſſen, den Krieg durch einen ver⸗ 
abredeten und gleichzeitig in allen Ländern ins Werk geſetzten allgemeinen Auf⸗ 
ſtand zu verhindern, iſt es unſere Pflicht, den Herd der Freiheit zu verteidigen“. 
Die allgemeine Mobilmachung wird angeſagt. Keiner ſtellt die Arbeit ein, 
feiner widerjegt fi, für den „Sapitaliftenftaat“, mit dem „bas zielbemußte 
Proletariat” nichts gemein haben wollte, die Waffe in die Hand zu nehmen. 
Lie einzige revolutionäre Tat war die Ermordung des Sozialiften Yaureß. 
Mit diefem Symbol beginnt der Krieg; die Internationale ift zum zmeiten 
Male vom Krieg erfchlagen. Die nationale Sammlung, die „Union sacr&e“ 
wurde erflärt, und bald traten Sembat und Guesde ins Minifterium. 

&3 wäre faljch, die Verleugnung der gerade von den Franzofen gepriefenen 
revolutionären, anardiftiihen Grundjäbe als gemeinen Berrat und Umfall zu 
Garafterifieren. Ym Frieden haben fie wahrjcheinli ehrlich an die Möglichkeit 
des Generalftreils gedadht und an ihr Vermögen geglaubt. Daß ihre Drgani- 


264 Die franzdfifhe Internationale 








fation im entjcheidenden Augenblid verfagte, Tag weniger an ihrem guten Willen, 
als an der. plöglichen Erkenntnis von phyfifhen und pfychifchen Grundtatfachen, 
deren Bedeutung fie bisher verfpottet und geleugnet hatten. Yhre Unaufrichtig- 
feit befteht nur darin, daß fie jcheinen wollen, was fie nicht mehr find: Sozialiften 
alten Stils (Stuttgart 1907). Dadurch, daß die ganze fozialiftifche Partei fih 
mehr oder weniger feit auf den Boden der Internationale geitellt hatte, mußte 
au der franzöfifche Sozialismus in dem Augenblid an Bedeutung verlieren, 
als fein fhwungvoll angelündigter Widerftand fi) fhambaft in den breiten 
Strom der nationalen Stimmung folängelte Wenn Guesde und Sembat 
Minifterpoften befamen, fo wurde ihnen und den Parteigenofjen der öffentlichen 
Einheit zuliebe eine Wichtigkeit vorgetäufcht, die fie nicht mehr befaßen. Ber 
Soztalismu8 war zu fehr mit dem internationalen Gedanfen verfnüpft, um 
unverfehrt oder unverändert aus bdiefem internationalen Kampf hervorzugehen. 

Um diefe Schlußfolgerung fucht man fi immer noch herumzudrüden. Im 
allen Kundgebungen der Partei bemühte man fi), die eingeftandenen nationalen 
Kriegsziele mit den Säben des fozialiftifhen Programms in Einklang zu bringen. 
Die Niederwerfung des fehuldigen preußifchen Militartsmus fieht dann faft jo 
wie eine antimilitariftifhe Tat aus. Die Eroberung Cljaß-Tothringens wird 
zu einer bloßen „Wiedernahme von Rechts wegen”. Die Phrafe von der Be- 
fretung der unterdrüdten VBölfer (Eljäfjer, Belgter, Dänen, Polen, Ktaliener) fann 
Annerionen verbeden und mundgereht maden. Man verfuchte au) an die alte 
Überlieferung mit einem f&heinbar internationalen Kongreß wieder anzufnüpfen, 
auf dem in Wirklichkeit die Verbündeten ganz unter fi waren. Die Londoner 
Berfammlung im Februar 1915 vereinigte in ihren Mitgliedern die Pertreter 
fämtlier franzöfifcher Soztaliftenparteien, auch den Außerften linken Flügel, die 
revolutionären Syndilaliiten. Der Kongreßbeihluß wurde wieder mit dem be 
fannten antilapitaliftiicden Glaubensbelenntnis eingeleitet, da8 im Munde der 
Minifter Guesde und Sembat nur noch eine herfömmliche Formalität if. Der 
Stimmungsmwedjfel fol dur) eine PVhrafe verhüllt und erflärt werden, die der 
Diplomatenfprache des Bierverbandes entnommen tft: „Der Einbruch der deutfchen 
Heere in Belgien und ranfreich bedroht die Eriftenz der unabhängigen Na- 
tionalitäten und verlegt das Vertragsrecht”. Sie weifen es allerdings von fid, 
einen Eroberungstrieg mitzumadhen (und diefer Entfehluß, den fie [hon vorfidtig 
dur das Prinzip der Völlerbefreiung eingeengt haben, tft ihnen angefidht3 der 
Kriegslage ficherlich nicht cher geworden), fte raffen fich auch zu einem fchüchternen 
Proteft gegen die Verhaftung von foztaliftifchen Dumaabgeorbneten auf und 
Iprehen die Hoffnung aus, daß fih nad dem Kriege die Arbeiterflaffen aller 
Induſtrieländer wieder in der internationale vereinigen, um ben Frieden aufrecht- 
zuerhalten. Aber man fieht befonders an diefer lebten Forderung, wie fie fi) 
felber verfpotten. Ste haben den Glauben verloren. Die ganze Erflärung tft 
von bodenlofer Unehrlichleit und Bedeutungslofigkeit. Vergebens breiten fie ihre 
alten, abgelegten Grundfäte aus. Dergebens fuchen fie ihr eigenes Gemiffen 


Die franzöfifhe Internationale 265 


und das ihrer Wähler mit Ausflüchten zu beruhigen: „Wir find feine Partet 
von Uuälern: wir willen, daß die Pflicht des Proletariat3 Fein Hindernis ift 
für die nationale und internationale Pflicht”. Dekorative Politil. Herve, ein 
Kind, das oft die Wahrheit fagt, fpradh es aus: Die zweite Internationale tft 
tot. Der Londoner Kongreß fehrieb feinen Leichenftein. 

Die perfönlide Rechtfertigung der Führer fiel noch Mäglicher und farblofer 
aus. So gab Guesde einem italienifhen Ausfrager folgende nichtsfagende 
Antwort: „Wenn ich als Proletarier den fünften Stod eines Haufes bemohne, 
in deffen erftem Stod mein Hauswirt wohnt, fo werde ich mich natürlich nicht 
weigern, da8 Haus mit allen Kräften vor dem Teuer zu fehlten, wenn ein 
Brand es bedroht“ (Gazette de Laufanne vom 23. November 1914). Diefes 
Sleihnis befagt weiter nichts ald das, was wir flhon lange willen: aud) der 
Broletarier, der Mieter aus dem fünften Stod, hat ein Vaterland. 

Statt den Yrrtum zu bemänteln und zu verfteden, hätte man offen befennen 
folen, wa8 gerade die franzöfifche Internationale al8 die rabdifalite und 
revolutionärfte von allen aus dem Kriege zu lernen bat: der Staatsgedante tft 
ftärfer als der internationale Gedanke. Und diefe Überzeugung wird aud 
fünftighin der Entwidfung der Sozialdemokratie die Richtung geben, mag man 
au) den Schatten der alten Internationale hinüberretten. Auf die internationale 
Drohung wird der ehrliche Sozialdemokrat verzichten, um alle Umgeitaltungen 
im Rahmen der Nationalität zu erhoffen. 








Der Weltkrieg 
und die Lage der Unternehmerfchaft in Europa 


Don Beinrih Göhbring 


® RR it Stolz fann man heute fagen, daß die deutfhe Vollswirtſchaft 
rc E ihre Feuerprobe auf das befte beitanden hat. echt zutreffend 
R J Mo befagt der Jahresbericht 1914 der Dresdener Bank u. a., daß 
* die deutſche induſtrielle Produktion insgeſamt eine Einſchränkung 
« BA yon vielleicht einem Viertel bis höchftens einem Drittel erfahren 
bat. Dies ift eine Ziffer, die in feiner Weife bedenklich und in Anbetradht der 
Berhältniffe ficherlich als überrafchend günftig bezeichnet werden muß. Auf der 
fürzlich in Berlin abgehaltenen Hauptverfammlung des Vereins deutjcher Eijen- 
und Stahlinduftrieller wurde betont, daß mit den Erfolgen unferes Heeres fid) 
die Zahl der wieder in Betrieb gefehten Anlagen mebrte, jo daß im März 1915 
die Flußftahlerzgeugung wieder eine Million Tonnen überfchritt und fi im 
Ditober 1915 auf 1215000 Tonnen, alfo auf mehr als 77 Prozent der durd- 
fchnittlichen Friedenserzgeugung bob. AÄhnlihd wie in der Eifen- und GStahl- 
erzeugung liegen aber bie Berhältniffe bei verjchiedenen anderen Produlten. 
Übrigens bilden fon allein die enormen KriegSlieferungen der Bereinigten 
Staaten von Nordamerila an unfere Gegner — im lebten Rednungsjahre 
(Juli 1914 biS $unt 1915) wurde Kriegsbedarf im Werte von etwa 350 Millionen 
Dollar geliefert — das denkbar befte Leumunds- und Leiftungszeugnis für bie 
deutfche Induftrie und den deutfchen Gewerbefleiß. Dank feiner eigenen body 
entwidelten Induftrie, die feit einem Menfchenalter gewöhnt ift, alle Errungen- 
ſchaften der Technik, der Wiffenfchaft, der Arbeitsmethodik in ihre Dienjte zu 
fielen und im Wettbewerb gegen die um vieles älteren und ftärkeren Induſtrien 
anderer Ränder — wie beifpielsweife diejenigen Englands — fi) erfolgreich 
zu betätigen, hat Deutichland, unabhängig vom Auslande, feinen Heeres- und 
fonftigen Kriegsbedarf aus Eigenem zu deden vermodt. 

Ein Bild der Lage der deutjchen Unternehmerfhaft geben die Gejchäfts- 
berichte der Aftiengefellihaften. Nah den Abichlüffen der Gelelliaften, die 
im März 1915 über das Jahr 1914 berichteten, ftellte fi in den einzelnen 






Der Weltkrieg und die Lage der Unternehmerfdaft 267 


Gewerben der durchfchnittliche Dividendenzumah8 oder Rüdgang — die ein- 
geflammerten Zablen find die Grgebniffe des Jahres 1913 — mie folgt: 
Nabhrungs- und Genußmittelinduftrie 7,2 Prozent (6,05 Prozent), Cleftrizitäts- 
und Gasgefellichaften 7,4 Prozent (7,3 Prozent), Eifen und Metalle 8,1 Prozent 
(8,1 Prozent), Mafhineninduftrie 9,5 Prozent (11,4 Prozent), Bergbau und 
Hütteninduftrie 11,2 Prozent (16 Prozent), Steine und Erden 5,5 Prozent 
(10 Prozent), Papiergewerbe 0,4 Prozent (3,2 Prozent), Gtaphifches Gewerbe 
5,6 Prozent (7,5 Prozent) und Gafthaus- und Erquidungsgemwerbe 1,9 Prozent 
(4 Prozent). Allerdings muß man bierbei berüdjichtigen, daß bei der Gewinn- 
berednung von einer Reihe von Betrieben größere Abfchreibungen als in ben 
Vorjahren und befondere Rüditelungen angefichtS der gefamten Kriegslage vor- 
genommen worden find. Bon den gefamten beutjdhen Altiengefelichaften — 
in Deutihland gibt e8 mehr als fünftaufend — waren e8 nur einige hundert, 
welche befonders mit Kriegslieferungen bedacht waren, und die fo in die Augen 
fpringenden Gewinnziffern, wie beilpielSweife 20, 80, 40 Prozent und mehr 
aufzumeifen haben. &rfreulid war es zu beobachten, dab von verfchiedenen 
Unternefmungen ein großer Teil des dur die Striegslieferungen erzielten 
Gemwinnes der Allgemeinheit und fpeziell der ArbeiterwohlfahrtSpflege zur Ver⸗ 
fügung geitellt wurde. Die Firma Fried. Krupp in Eifen bat beifpielsweife 
aus ihrem im Gejchäftsjahr 1914/1915 erzielten Neingewinn von 86 465 611 M. 
unter Berzichtleiftung auf eine höhere als die bisherige Dividende von 12 Prozent 
faft 50 Millionen Mark für foziale und Wohlfahrtszmede bereitgeftellt. Höchit 
anerlennenswert ift e8 ohne Frage von der deutfchen Unternehmerfchaft, daß 
bei Ausbruch diefes8 ungeheuren Völlerringens unbelümmert um die allgemeine 
2age und der vielfach großen Gemwinnausfälle bei überaus vielen Unternehmungen 
eine umfangreiche Fürforgetätigleit einfebte, die von dem Gedanten geleitet 
wurde, über die Neihs- und Gemeindeunterftügung hinaus durch Beihilfen jeder 
Art insbefondere dur bare Unterftügungen den das Vaterland verteidigenden 
Arbeitern und Angeftellten die Sorge um das Dafein und Wohl ihrer daheim- 
gebliebenen Angehörigen abzunehmen. Hierfür nur ein Beifpiell. Bon den 
244 Mitgliedern des Vereins deutjcher Eifen- und Stahlinduftrieller wurden 
in den erften zwölf Kriegsmonaten 49 327 456 M. für diefe Zwede aufgewandt. 
So hat diefer Krieg fo recht gezeigt, daß fi in der individualiftiiden Staat$- 
und WirtfchaftSorbnung ein Gemeinfamleitögefühl erhalten hat, au dem, jobald 
es nottut, fofort ein großzügiges Handeln im Intereſſe der Allgemeinheit hervorging. 

Ähnlich wie in Deutfchland hat fich Die Lage der Unternehmerfchaft Dfterreich- 
Ungarns entwidel. Mit Freude ann feftgeftellt werden, daß fidh Induſtrie 
und Handmwerf bier in ganz furzer Zeit den durch den Krieg bedingten Ber- 
hältniffen anzupaffen verftanden hat. Die Umgeftaltung der Betriebe im \ntereffe 
des Heeresbedarf3 ging in weitem Umfange vor fi und erflärt es, daß die 
Sabrikbetriebe den ungeheuren Anforderungen genügen fönnen. Man bat fi) 
wicht nur angepaßt, fondern gleichzeitig auch eine intenfivere ArbeitSmethode 


968 Der Weltfrieg und die Lage der Unternehmerfchaft 


eingeführt, weldde die beften Früchte trägt und hoffentlich aud) zu den dauernden 
Errungenfhaften des Strieges gehören wird. Nach Mitteilungen aus induftriellen 
Kreifen Ofterreihs ift die Metallinduftrie ftark befchäftigt; ebenfo der Bergbau 
gut, teilmeife auch die Holzinduftrie. Einen guten Abfah zeigen auch die Be 
fleidung®gewerbe. Für das Baugewerbe haben fidh infolge der günftigen Kriegs- 
geftaltung allerlei ArbeitSmöglichkeiten eröffnet, fo beifpielsweife der Wiederaufbau 
des von den Ruffen vermüjteten Galiziens. Schlimmer daran find natürlich 
jene Unternehmungen Ufterreih8, die unter dem Mangel an Rob» oder Hilfs- 
ftoffen leiden, fomwie diejenigen, die hHauptfädhlich für den Export arbeiteten und 
feine Möglichkeit hatten, fi) auf ein anderes Gebiet zu werfen. Berhältnis- 
mäßig find die$ aber nur eine geringe Anzahl von Betrieben. ebenfalls wirb 
die allgemeine Lage hierdurch nicht wefentlich beeinflußt. Dies zeigt jchon die 
ftarfe Zunahme der Einlagen bei den Banken und Sparlafien und die troß 
der Kriegsperiode günftigen Bilanzen der Imduftrieunternehmungen. ebenfalls 
ift der Beweis erbracht worden, daß die finanzielle und wirtfhaftlidhe Kraft der 
öfterreih-ungarifhen Monarchie ebenfo ungebroden dafteht wie ihre militärifche 
auf den Schladhtfeldern Europas. Erfreulich ift ohne Frage, daß der Gedante 
eines dauernden Wirtfchaftsverbandes der Zentralmädhte immer mehr und mehr 
Boden fabt. Bedeutfame Vorteile böten fi Hier ficherlich allen Beteiligten. 
Dur Feitfegung gemeinfamer Aukenzölle gegenüber anderen Staaten und ent- 
Iprehender Binnenzölle im Zmifchenverfehr für foldhe Produfte, die noch des 
Schutes bedürfen, würden mande Zölle auf Rohmaterialien abgebaut werben 
fönnen, mwoburd die Leiftungsfähigleit der verarbeitenden nduftrien gefteigert 
würde. ebenfalls bemweifen aber auch fchon die Anftrengungen unferer Gegner 
in punfto der Niederringung "des wirtichaftlichen Lebens der Zentralmädhte, 
wie beifpielsmweife die engliihe Liga zur Vernichtung des deutfchen Handels, 
den Fürzli von dem „©uerre Sociale“ gemeldeten Berfucd) eines wirtichaft- 
lichen Zuſammenſchluſſes zwiſchen Italien und Frankreich ufw., die Notwendigkeit 
eines engeren Wirtſchaftsbundes der Zentralmächte. 

Die Fehler der induſtriellen Produktion in England find der Mangel an 
Organiſation und gründlicher wiſſenſchaftlicher Durchbildung. Die Badiſche 
Anilinfabrik, die Allgemeine Elektrizitäts-Geſellſchaft, die Kruppſchen Werke uſw. 
— dieſe ſichtbarſten Früchte deutſcher Organiſation und deutſcher Wiſſenſchaft — 
find für England unlösbare Rätſel. Selbſt heute nach anderthalbjähriger 
Kriegsdauer laboriert man in England immer noch daran, daß die engliſche 
Induſtrie es nicht verſtanden hat, fich den veränderten Verhältniſſen anzupaſſen. 
Die ſtetigen Klagen über die mangelnde Munitionserzeugung in der engliſchen 
Preſſe ſind ein ſchlüſſiger Beweis hierfür. 

Gleichwie die engliſche Nation ihre Kriege von jeher von dem Standpunkte 
des geſchäftlichen Unternehmens betrachtet hat, indem ſie Söldner, möglichſt 
fremder Nationen, kaufte und mit dieſem Einſatz wirtſchaftliche oder praltiſche 
Erfolge zu erzielen verſuchte, betrachtet auch der engliſche Unternehmer den Krieg 


Der Weltkrieg und die Lage der Unternehmerfchaft 269 


als eine Art Gefhäft. Der Ausipruh Winfton Churdilg — „business as 
usual“ ift zue Richtfehnur geworden. So tft beifpielsmweife die Kriegszeit für 
bie englifhe Handelsmarine ftet8 die Zeit ter Ernte gewefen. Nicht nur, daß 
fie infolge der Ausfchaltung des Wettbewerbs die Fracıtfäge beinahe bis in3 Un- 
gemefjene fteigern fann, bietet fi) auch eine günftige Gelegenheit zur Vergrößerung 
des Sciffsbeitandes durd) Anlauf der zahlreichen feindlichen Handelsichiffe, die 
zu Anfang des Krieges der britifhen Übermadht zur See zum Dpfer gefallen 
find. Intereſſant ift e8 nun ohne Frage, zu beobadhten, wie die englifchen 
Meederlfreife gegen die Lürzlich eingeführte Kriegsgemwinnfteuer, die nad Mite 
teilungen der „Zimes"“ auch auf das Schiffahrtsgewerbe ausgedehnt werden fol, 
zu Telde ziehen. Jedenfalls ift dies fo recht ein Zeichen für die Opferwilligfeit 
der engliſchen Unternehmerſchaft. Nicht auletzt beſtätigen dies auch die bisher 
ſo überaus kläglichen Ergebniſſe der verſchiedenen Kriegsanleihen in England. 
Der Teil der engliſchen Unternehmerſchaft, deſſen Lage ſich durch die durch den 
Krieg bedingten Verhältniſſe, wie Heereslieferungen uſw., günſtiger geſtaltet hat, 
iſt aber der bei weitem kleinſte; die Mehrzahl der engliſchen Arbeitgeber hat 
teilweiſe ganz beträchtlich unter den Folgen des Krieges zu leiden. Nach Be⸗ 
richten aus Kreiſen der engliſchen Induſtrie liegen beſonders der Hoch- und 
Tieſbau ſowie Teile des Maſchinenbaues und die Fahrzeugherſtellung ganz 
darnieder. 

-Ungünftig liegen auch die Verhältniſſe in der engliſchen Stahlinduſtrie. 
Nach Mitteilungen vom April 1915 find eine ganze Anzahl von Betrieben, die 
nicht mit Heeresaufträgen befchäftigt find, ganz gefchlofien. Befonders ſchwer 
bat unter dem Kriege aber die englifche ZTertilinduftrie gelitten, die Hauptfächlichite 
Srportinduftrie Englands, welche allein ungefähr ein Drittel des gefamten eng- 
lichen Ausfuhrhandels ausmadjt und damit eine der Hauptitügen der englifchen 
Bollswirtfchaft bildet. Die Ausfuhr der Tertilinduftrie ift nämli in den Mo» 
naten Sanuar bi8 Auguft von 116,2 Millionen Pfund Sterling im Jahre 1914 
auf 87,7 Millionen Pfund Sterling im Jahre 1915 gefunten, bat alfo gegen 
das Vorjahr einen Verluft von nicht weniger al3 28,5 Millionen Pfund Sterling 
erlitten. Der Hauptverluft entfällt dabei auf die Bauınmollinduftrie, die um 
rund 22,5 Millionen Pfund Sterling zurüdgegangen if. In der englijchen 
Zertilinduftrie ftanden nach Berichten des „Board of Trade Kournal“ in der 
Woche vom 8. bis 13. März 1915 115 844 MWebftühle ganz leer und an 
weiteren 136 740 wurde mit abgefürzter Arbeitszeit gearbeitet. er englijche 
Baummollfachverftändige und Fachichriftfteler W. Tatterfal in Mandejter hat 
eine Überficht über die Gefchäftsergebniffe von 66 Baummwollfpinnereigefellfhaften 
von Lancafhire während der Monate Dezember 1914 bi8 November 1915 au3- 
gearbeitet, nad) welcher diefe Gefellihaften nach Abzug von Anleihezinjen und 
Abfchreibungen nur einen Nettogewinn von 5509 Pfund Sterling erzielten. 
Auf das Altienlapital berechnet, beträgt der Gewinn für das Jahr 1915 fomit 
weniger als 1 Prozent, und wenn manche Gefelljhaften Dividenden haben zahlen 


270 Der Weltkrieg und die Lage der Unternehmerfcaft 


fonnten, fo tft das meiftens nur mit Hilfe der Rejerven gejchehen. Ähnlich 
ungünſtig liegen auch die Verhältniffe in dem überaus wichtigen Koblenbergban 
Englands. (Bergl. Nr. 38 der Grenzboten 1915: „Der Weltkrieg und die 
Preiſe von Kohle und Eifen in den europäifchen Staaten”.) Bei den leitenden 
Kreifen von Englands Induftrie und Handel war e8 bei Ausbruch des Krieges 
ausgemadhte Sade, daß England bald triumpbieren und der unbequeme 
deutihe Konkurrent bald am Boden liegen werde. Wie in jo mander anderen 
Beziehung, fo bat au) der Krieg in diefer Hinficht dem engliihen Volle eine 
bittere Enttäufhung gebradt. Belanntlih bat die englifche Negierung ver- 
fchiedentlich die Erfahrung madhen müffen, daß der mit fo großen Hoffnungen 
begonnene Kampf gegen die deutfhen Induftrieerzeugniffe die Kräfte der eng- 
lichen Snduftrie bei weiten überfteig.. So laufen nah Mitteilungen des 
„Board of Trade Journal” jegt, nachdem die deutfhen Waren in England 
und feinen Kolonien allmählich verbrauddt worden find, allmöchentlich zahlreiche 
Nachfragen nad Imduftrieerzeugniffen aller Art beim engliihden Handelsamt ein, 
für die jedoch) troß aller bisherigen Bemühungen in England Erfag nicht befchafft 
werden Ionntee Dan nehme nur die ftetigen Klagen über den Mangel an 
beutfchen Farbitoffen in der englifchen tertilinduftriellen Fachpreffe. Interefjant 
tft wohl überhaupt ein Furzer Einblid in die englifche Handelsitatifti. So 
beträgt beifpielsmweife in den fünfzehn erften Striegsmonaten der Ginfuhr- 
überfhuß, d. 5. der Mehrwert des WarenimportS gegenüber dem Warenerport, 
nicht weniger als 531 Millionen Pfund Sterling. Das find rund 233 Millionen 
Pfund Sterling mehr als in den fünfzehn Monaten vom Auguft 1913 bis 
Ende Ditober 1914, wobet in Betracht gezogen werden muß, daß die Donate 
Auguft bis Dftober 1914 ebenfalls fon Kriegsmonate waren, der Unterfchted 
von 233 Millionen Pfund Sterling alfo no als zu niedrig gelten muß. 
Hierzu kommt noch, daß, abgejehen von einigen Rohſtoffen, wie beiſpielsweiſe 
Baumwolle, durchweg alle Waren beträchtlich im Preiſe geſtiegen find, 20, 30, 
40 Prozent und mehr, ſo daß England heute für 10 Millionen Pfund Sterling 
vielfach eine geringere Warenmenge erhält, als früher für 8 oder 7 Millionen 
Pfund Sterling. Und während Englands Kaufmannſchaft ihre aus den nord⸗ 
amerilanifchen Ländern bezogenen Waren prompt bezahlen muß, ift fie ge 
zwungen, ihren Abnehmern in den verbündeten Staaten, wenn fie überhaupt 
darin Gefchäfte maden will, einen langfrütigen Kredit einzuräumen, ganz 
abgejehen davon, daß mande Poften wohl überhaupt nie bezahlt werden 
dürften. 

Schlechter noch als in England liegen die diesbezüglichen Verhältniffe in 
FStankreihd. Der Hauptfig der franzöfifhen Schwerinduftrie, befonders der 
Metall- und Zertilinduftrie, befindet fi im Norden und Dften. BDieje Gebiete 
find entweder von den beutfhen Truppen bejeht oder befinden fi in der 
Kampflinie, jo daß von einer geregelten Produktion nicht die Rede fein fann. 
Dier fei gleich noch bemerft, daß die induftrielle Bedeutung der von uns befebten 


Der Weltkrieg und die Lage der Unternehmerfchaft 71 





Gebiete Franlreih8 meit größer tft, alS man im allgemeinen annimmt, da ficher 
nicht weniger al8 40 Prozent von der geſamten gewerblichen Tätigkeit Frank⸗ 
reis, foweit diefe fih der Dampftraft bedient, biesfeit8 der eifernen Linie 
liegen. Schließlich hat der Krieg die franzöffchen AInduftrie nicht nur der 
beutfchen, belgifchen, türkifchen ufw. Abfatgebiete beraubt, d. b. eines Drittelg 
bes franzöfifchen Erportes, fondern au) — und da8 traf fie am empfindlichften 
— einer für fie lebensnotwmendigen Einfuhr. Mie fehr der franzöfiihe 
Handel überhaupt geihädigt ift, zeigt ein Einblid in- die Handelsftatiftik. 
Hiernad) beträgt allein fhon von 1913 bi8 1914 der Rüdgang des Wertes 
der Einfuhr 2072 Millionen Franlen und der Ausfuhr 2055 Millionen 
Franken. Nach den Mitteilungen der „Bulletins des Miniftertums der Arbeit” 
vom August liegen die Andujtrie gebrannter Steine und Erden, das Bau- 
gewerbe, die PBortefeuilleinduftrie und das Holzbearbeitungsgewerbe — befonder$ 
die alte Barifer Möbelinduftrie — faft ganz ftil. Die wirtfehaftliche Bedeutung 
Sranfreihs auf dem Weltmarkt Tiegt nicht zulett in feiner Lurusinduftrie. 
Und Ddiefe leidet natürlih am ftärkften unter den Yolgen der Srife, die der 
Krieg in allen Ländern erzeugt hat. Auch die Tertilinduftrie und befonders 
die Baummollipinnerei bat fchmer zu leiden. Bon den rund 7 Millionen 
Spindeln Franfreichs liefen beifpielSweife im Auguft 1915 hödhitens 2'/, Mil 
lionen, das tft ungefähr die Zahl der in Spanien laufenden Spindeln. Auch 
ber Mangel an deutichen Farbitoffen machte fi) bier recht fühlbar. In weiten 
Kreiſen diefer Ynduftrie macht man fi [don mit dem Gedanken vertraut, daß die 
früher fo bedeutende Ausfuhr nad) Südamerika vollftändig von der amerifanifchen 
Konkurrenz fortgenommen wird. Sn einer ähnlichen Tritiichen Lage befindet fich 
übrigens auch die franzöfifche Sardineninduftrie. Hier lommt die in Frankreich 
tn diefem Gewerbe beftehende Krife den jpanifhen und portugiefiihen Fildern 
zugute. Belanntlich hat fih an den Küften Spaniens und Portugals in dem 
legten Jahren eine blühende Sardineninduftrie entwidelt. Überhaupt hat bie 
Fiicheret Sranfreihs unter den dur den Krieg bedingten Verhältniffen fchwer 
zu leiden. 

Der aud) bei uns belannte franzöfifche Volkswirt Victor Cambon betonte 
in einem Bortrage in der Parifer Ingenieurgejelichaft, daß in der Gejamtheit 
ber franzöfiihen Produktion diejenigen, die Waffen und Munition, Gewebe und 
andere Ausrüftungsgegenftände berftellen, eine Ausnahme bilden, während bie 
große Mehrheit der Unternehmungen völlig darniederliegt. echt zutreffend 
fennzeichnete im April 1915 die „Züricher Poft” die induftrielle Lage Franf- 
reich, indem fie u. a. fchreibt: „Franfreihs Synduftrie ift fchmwer gelähmt, bie 
Fabriten ftehen ftil, die Kamine rauhen nidt. So wandert das franzöfifde 
Gold über da8 Weltmeer, wo man Tag und Nacht für den Niefenbedarf der 
Mepublif arbeitet”. Wie arg das Wirtichaftsleben Frankreich darniederliegt, 
geht au aus einer Mitteilung der „Humanite“ hervor; biernad hat der 
Umfang der Wechfel von Anfang Auguft bis zu Ende des Jahres 1914 nur 


272 Der Weltkrieg und die Lage der Unternehmerfdaft 


360 Millionen Franten betragen, während fi in normalen Jahren die Um- 
fäte in Wechfeln auf etwa vierzig Milliarden Franten in ber gleichen Zeit 
belaufen. 

Nicht günftiger Itegen die Verhältniffe in dem übrigen gegen uns Trieg- 
führenden Staaten. In Rußland wurde AInduftrie und Handwerk durd) die 
Befegung weiter ruffifher Gebiete durch die deutfch-öfterreichifhen Truppen 
wefentlich beeinflußt. _ Gründe der Produltionseinfhhräntungen in Rupland — 
nur die Betriebe, die an SKriegslieferungen für den Seeresbebarf arbeiten, 
weifen regere Beihäftigung auf — find Mangel an NRobftoffen: nach Mit- 
tellungen der „Rußliia Webomofti” vom Dezember 1915 mußte beifpielsweife 
bie ruffifche Regierung Aufträge an Tucjlieferungen im Werte von 10 Millionen 
Rubel an japanifche Fabrilen vergeben, weil die ruffiichen Fabrilanten wegen 
MWollmangels nicht imftande waren, den Auftrag auszuführen, ferner Koblen- 
mangel, Verfehrsunterbredungen und -»ftörungen, Geldfchwierigfeiten — laut 
Angaben des „Golos Mostwy” hat wegen der ftetigen Zunahme der KRonkurfe 
in Rußland noch niemals eine foldhe Panik geherricht wie heutzutage — und 
Tehlen der Nachfrage. Bedeutende Einwirkungen auf Rußlands Induſtrie übt 
au die faft völlige Unterbindung der Ausfuhr der Agrarerzeugnifje, auf die 
Rupland als vorwiegender Agraritaat angemiefen tft, aus. 

Nah Mitteilungen des „Hamburger Frembdenblatt” vom Dezember 1915 tft 
der Wert der Ausfuhr Rußlands in den legten zehn Monaten von 834794000 
Nubel auf 247985000 Rubel zurüdgegangen. In der gleichen Zeit fiel der 
Einfuhrwert von 869939000 Rubel auf 464798000 Rubel. - Nicht weniger 
baben aud die ruffiiden Unternehmer unter der überaus ftarlen Zunahme 
der Streilbemegungen in Rußland, die in den meiften Fällen nod) durch bie 
brutalen Alte der Sabotage, daß ift die mutwillige Vernichtung des Eigentums 
der Unternehmer feitens der Streilenden, wefentlich verfchärft werden. 

Recht ungänftig hat fi) auch die Lage der ttalienifchen Unternehmerfchaft ge 
ftaltet. So leidet beifpielsweife die italienifhe Eifen- und Metallinduftrie unter 
Koblen- und Eifenerzmangel. Auch an der Zufuhr von verarbeiteten Eifen mangelt 
ed. Aus Deutichand allein wird nach der italienifchen Statiftif in den Jahren vor 
dem Weltkrieg alljährlich für 60 bis 65 Millionen Lire bearbeitete Eijen in 
Stalien eingeführt. Ebenfalls fehlen Blei und Zint. Nicht viel befjer fteht es 
zurzeit um bie italienifche Seibeninduftrie, die feit Jahren unter der japanijchen 
und Kinefiihen Konkurrenz leidet, nad) dem Ausbrud) des Krieges aber außerdem 
einen beträchtliden Teil ihres früheren Abfabes nach der Levante, den Ballan- 
ländern und Mitteleuropa verloren hat. Nach einer Zufammenftellung italienifcher 
Beitungen haben von den 98 Betrieben des Baummollgewerbes, die Altien- 
gejellihaften find, 71 für das Yahr 1914 überhaupt feine Dividende verteilen 
Unnen. Nah Züricher Mitteilungen vom Auguft 1915 befigt Italien nicht 
genug Mafchinen zur Verarbeitung der Rohwolle. Troß Nadht- und Sonntag?- 
arbeit Tann man bier nicht einmal ben eigenen SHeeresbedarf beden. Die 


Der Weltkrieg und die Lage der Unternehmerfchaft 273 


wirtiaftlide Nüdftändigkeit Italiens bekundet filh vor allem aud) darin, daß 
die italienifhe Vollswirtihaft den großen Reichtum an menfchlichen Arbeits- 
träften nicht zum Wohle, zum Fortichritt und Aufitieg des Volles nupbar zu 
machen vermag, fondern Hunderttaufende und Millionen Jahr für Jahr zur 
europäifhen und überfeeifhen Auswanderung nötigt. Statt Erzeugniffe dex 
menj&lichen Arbeitskraft werden Menfchen Tetbft erportiert und dadurch) Land 
und Bolt geichäbigt. 

Aber nicht nur bie Unternehmerfchaft der Friegführenden Staaten, fondern 
auch diejenige der neutralen Länder empfindet bie allgemeine Kriegslage. So 
liegt beifptelsweife in den drei jlandinavifhen Köntgreichen, Dänemark, Schweden 
und Norwegen, feit dem Beginn bes Weltkrieges das Baugewerbe fehr danieber. 
Die wirtihaftliche Depreffion diefer drei Staaten bekundet aud) flhon die Tat- 
fache, daß anläßlich des Ablaufens einer größeren Zahl von Tarifverträgen in 
Dänemark und Norwegen im nädjiten Jahre nad) Kopenhagener Mitteilungen 
vom November 1915 die Unternehmer beider Länder in Anbetracht der ab- - 
fteigenden Konjunktur im Wirtichaftsleben auf das unveränderte Weiterbeftehen 
der alten Tarife für eine kürzere Zeitperiobe beftanden. Überhaupt führte der 
Krieg zu allerlei befonderen Maßnahmen. So wurde beifpielsweife in Schweden 
und zwar in Sothenburg erjt fürzlich nad dem Vorbilde der Bremer Baummoll- 
Einfuhrgeſellſchaft eine ſchwediſche Baumwoll-Importgeſellſchaft, der mehrere 
größere Webereien angehören, ins Leben gerufen. Der Zweck dieſer Gründung 
iſt, die Störungen der Betriebe durch den Mangel an Baumwolle und Baum⸗ 
wollgarnen nach Möglichkeit zu verhindern. Viel geringer als die Zahl der 
durch den Krieg in Mitleidenſchaft gezogenen ſtandinaviſchen Unternehmungen 
war die, deren Lage ſich durch die durch den Krieg bedingten Verhältniſſe 
günſtiger geſtaltet hat. Es ſind dies in der Hauptſache Induſtrien und Erwerbs⸗ 
zweige, die an Kriegslieferungen für kriegführende Staaten arbeiten, und Teile 
der Schiffahrt. Nach Berichten aus Bergen vom Anfang Dezember 1915 
gewährte die Nordensjeldsfe Dampfichiffahrtsgefellfchaft ihren Aktionären eine 
balbjährliche Abjhlagsdividende von 70 Prozent. Ganz befonder8 bat aber 
Induftrte und Handel der flandinavifchen Reiche unter der Willlürpolitit Eng- 
lands zu leiden. Man nehme nur das befannte Beifpiel der norwegifchen 
Fiſchkonſerveninduſtrie. Durch die Verweigerung der Lieferungen des zur 
Herftellung von Konjervenbüchfen nötigen Weißbleh8 aus England fowie auch 
bie Unterbindung der Dlzufuhr aus Stalten und Süpdfrankreih zwang man 
die norwegifchen Filchlonfervenfabrilanten zu der Verpflichtung, Teine Waren an 
Tentihland und feine Verbündeten zu liefern. In diefe Rubrif gehört auch 
die fürzlid von der „Wejer-Zeitung” gemeldete Kontrolle der Margarine 
fabrifation in Holland feitens der englifhen Negierungsvertreter. Schließlich 
find au) bie verfdhiedentlichen engliiden Pofträubereien auf diefes Konto zu 
buden. Auh in Holland liegt der weitaus größte Teil von Anduftrie und 
Handwerk, abgefehen von den Nahrungs- und Genußmittelinduftrien und Teilen 

Grenzboten J 016 18 


a Andraſſy und die öfterreichifcheungarifche Orientpolitif 


ber Schiffahrt — die Holland-Amerila-Linie kann beiſpielsweiſe ihre gefamte 
Flotte: aus den Kriegsgewinnen abfchreiben —, fehr daniever. Aber aud) die 
Unternehmerjaft aller übrigen neutralen Länder Europas hat mehr oder 
weniger ihre Sorgen. So bereiten beifpielsweile die feitens der italientidhen 
und franzöflfhen Regierung der Schweiz betreffs der Ein- und Ausfuhr ge 
machten Schwierigleiten der bortigen Induſtrie recht erhebliche Schwierigfeiten. 
| Diefe Ausführungen genügen wohl für ein allgemeines Bild der Lage der 
Unternehmerfchaft in Europa. edenfalls lafjen fie erkennen, daß Deutjchlands 
und feiner Verbündeten Unternehmer wohl unter der Wucht biejes ungebeuren 
Krieges zu kämpfen haben, aber doch nicht ſchlechter geſtellt ſind, als diejenigen 
in den gegneriſchen Laͤndern. 





Graf Julius Andraſſy 
und die öſterreichiſch⸗ ungariſche Orientpolitik 


Von J. P. Buß 


Govember 1871) war Julius Andraſſy in die Sphäre der großen 
N velthiſtoriſchen Begebenheiten und in die hohe Schule der euro⸗ 
UN zäiföen PVolitif und Diplomatie eingetreten. Denn er hatte jhon 
in den vorangegangenen $ahren in feiner Sunktion als ungarifcher 
— Gelegenheit gehabt, ſein geniales Können und die Weſenheiten 
ſeiner entſchloſſenen und großzügigen Individualität vor aller Welt darzutun. 
Mit ſeiner ganzen Perſönlichkeit, die in der Politik volllommen auf das Realiſtiſche 
hinzielte, war er im Jahre 1870 für die Neutralität im Deutſch-Franzöſiſchen 
Kriege eingetreten. Die Richtlinien feiner Politif waren immer die einer be 
ftimmten und lebensträftigen Yriedenspolitif. Solcherart war bereits fein zu 
Beginn feiner Miniftertätigleit, in der er fi jtetS als Nepräfentaut der ge 
famten habsburgifhen Monarchie fühlte, aufgeftelltes Programm: „Die Vorteile, 
die ein noch) jo glüdlicher Krieg uns verjchaffen könnte, würden nimmermehr 
diejenigen aufwiegen, welche die fortichreitende Entfaltung einer Brofperität uns 
eintragen würde, deren Aufihwung felbjt durch eine Reihe innerer Krifen nicht 
einen Augenblid aufgehalten würde.“ 

Seine auswärtige PBolitit war vor allem dur) die Borausfidt motiviert, 
Rubland, das fhon zu Beginn der fiebziger Jahre in ftändig zunehmender 


IR a Sicht erft mit feiner Ernennung zum Minifter des Ausmärtigen 





AUndraffy und die Öfterreihifch-ungarifche Orientpolitif 275 


Minterarbeit im Orient den öfterreichtichen Intereſſen birelt entgegenarbeitete, 
in Schad zu halten durch die Pflege freundfchaftlicder Beziehungen mit anderen 
Staaten. Mit England wollte er in beftem Ginvernehmen ftehen aus der 
Erwägung heraus, eine Alltanz zwiichen Deutihhland und Rußland zu ver- 
hindern, mit Deutfchland zunädit, um den ruffifchen panflawiftifceden Strömungen 
erfolgreich entgegentreten zu können. So äußerte fi Andrafiyg in einer Be- 
gründung feiner Haltung während des Deutich-Franzöfifchen Krieges zu Kaifer 
Franz Zofef: „Es leitete mich die Überzeugung, daß, folange 36 Millionen 
Franzojen und die vorausfichtlicden inneren Schwierigkeiten der beutfchen Unifilation 
eriftieren, der Yal nicht vorlommen Tann, daß wir Rukland gegenüber Deutich- 
land brauden, dagegen der Fall, daß wir die Stübe Deutichlands gegen die 
traditionellen Tendenzen der Ruffen bedürfen können, nur zu leicht möglich fit.“ 

Die Politit Andrafiys in der bosniidhen Krifis tft von fo ausgezeichneten 
Kennern wie Eduard v. Wertheimer und Theodor v. Sosnosky gerade in ent- 
gegengejegtem Sinne beurteilt worden. Der Andrafiy-Biograph gerät in eine 
gewiffe Überfhägung Andrafjys auch in der Wertung feines Anteils am Zuftande- 
kommen des deutſch⸗öſterreichiſch ungariſchen Bündniſſes. Sosnosky Hingegen 
glaubt die Stellungnahme Andraſſys zu einer Dffupation Bosniens und der 
Herzegomina, die befonders in Miilitärkreifen auf8 eifrigite propagiert wurde, 
nit nur als paffiv, fondern „noch fehlimmer: als geradezu widerfinnig” be 
zeichnen zu müfjen. Andrafiy wollte in der Tat im Drient nicht durch Kriege, 
fondern nur in friedlidder Weife Eroberungen maden. Und wenn er immer 
wieder gegen die „abjolut annertoniftifche Politif" mancher Kreife Front machte, 
fo ziemt es nicht, diefen Standpunkt des Mtinifters, der in der Erhaltung der 
Türfet das erfte Gebot für die Drientpolitit Dfterreih-Ungarns fah, mit den 
teaktionären Beftrebungen des alten Staatälanzler8 Metternich zu vergleichen. 

Vielmehr: Die meltpolitiihe Bedeutfamfeit der Türkei für die Zentral. 
mädhte in ihrer ganzen Größe zum erften Male erlannt zu haben, wird alle Zeit 
das unvergängliche Berdienit Andrafjys bleiben. Er hielt die Aufteilung ber 
europäifchen Türkei nicht nur vom Öfterreichifchen Standpunkt, fondern auch aus 
europäifhem Interefje für den größten politiihen Fehler. Nur aus folchen 
Gefichtspunften wollte er die Türken nicht aus den beiden Provinzen mit Gewalt 
vertreiben, verdrängen, fie vielmehr folange als möglid dort durch Erteilung 
von Ratichlägen und Anempfehlung von Reformen ftüten, im gegebenen Moment 
jevod an ihre Stelle treten, falls ihnen die Kraft mangle, ihre Pofition felbft 
zu verteidigen. Schwächlich und energielos kann ſolche Politik nicht bezeichnet 
werden. Denn auch in dieſen Jahren, die dem Berliner Kongreß vorangingen, 
hätte Andraſſy die Zuſtimmung der Großmächte — vielleicht mit Ausnahme 
Rußlands — für eine Okkupation Bosniens und der Herzegowina gefunden. 
Wohl war dieſe Politik eine Friedenspolitik, mit nichten aber — wie ihm ſo 
oft zum Vorwurf gemacht wurde — eine ſolche um jeden Preis. In der ungariſchen 
Delegation erklärte er (im September 1875), daß der europäiſche Friede aller 

18* 


976 Andraffy und die Öfterreichifch- ungarifche Orientpolitif 


Borausfiht nad als gefichert betrachtet werben Tönne, aber ganze Verantwort- 
lichfeit dafür Fönne er allerdings nur übernehmen, wenn unter allen Umftänden, 
was auch immer geſchehe, die Intereſſen der öſterreichiſch ungariſchen Monarchie 
gewahrt würden. Vollſte Übereinſtimmung und nachdrücklichſte Unterſtützung 
tn ſeiner Drientpolitik fand Andraſſy in Bismarck. 

Noch auf dem Berliner Kongreß, wo die ruſſiſchen Bevollmächtigten, wie 
ſchon auf der Entrevue von Reichſtadt (MMai 1876), offen die Zerſtücklung bes 
Osmanenreiches forderten, war Andraſſy nicht willens, die Teilungsfrage vor 
den Kongreß zu ziehen. Und wenn ihm das nicht gelang, ſo war es nicht 
ſeine Schuld; denn er fand weder beim ruſſiſchen noch beim engliſchen Kabinett 
die nõtige Unterſtützung zu einer friedlichen Löſung der türkiſchen Frage. 
England förderte geradezu den ruſſiſchen Vorſchlag einer Teilung der europätjchen 
Turkei. Die geheimen Abmachungen zwiſchen Oſterreich- Ungarn und Rußland 
auf der Entrevue von Reichſtadt und nicht — wie ſpäter und heute noch 
oft behauptet wird — der Berliner Kongreß, gaben der Monarchie die Grund⸗ 
lage für eine fpätere Beſitzergreifung Bosniens und der Herzegowina und 
ficherten gleichermaßen den Ruſſen während ihres Krieges mit der Türkei die 
Neutralität Ofterreihs. Andraffy hatte durch biefe Konvention nicht einen 
Krieg zwifhen Rußland und der Türkei, wohl aber einen folden zwiichen ber 
Monarchie und dem Zarenreih zu hindern oder mindeſtens hinauszuſchieben 
vermoddt. Er hatte hier den Grundftein aufgebaut, auf dem Ofterreih- Ungarn 
zu einem hervorragenden Faktor im nahen Drient emporwachſen konnte. In 
Rußland wollte man um die Mitte der fiebziger Jahre in offiziellen Streifen 
unter allen Umftänden eine gemwaltfame Löfung der türkifhen Frage durch Auf- 
ftellung maßlofer, unannehmbarer Bedingungen für die Türkei herbeiführen. 
Dazu bediente man fi) des uns heute beftbefannten Schlagwortes, für Rußland 
das „ansihließlide Proteltorat Über die gefamten Chriften des Orients“ zu 
erwerben. 

Die wahren Abfihten Rußlands erhellten jenoh aus einer offenherzigen 
Äußerung eines Mitgliedes ber Wiener ruffifcden Botichaft: „Wenn Lfterreic- 
Ungarn fi) jegt zu unferer Politik gefellt, Tann die Löfung der Krifis in feinem 
Ssnterefle erfolgen, wenn nicht, werden wir die Stage etwas fpäter ohne und 
gegen Ofterreich erledigen.” Laut und vernehmlich Klingt aus dem von Andrafiy 
verfaßten Antwortfchreiben des Kaiſers Franz Joſef an den Zaren die fefte und 
ztelbemußte Politif des Grafen heraus: „Erteilt Rußland den Befehl zum 
Einmarjd feiner Truppen in die türfifhen Provinzen, fo ift aud) Öfterreid- 
Ungarn zur Mobilifierung eines Teils feiner Armee und zur Wahrung feiner 
Intereſſen entihloffen. Die gegenfeitigen Zufiherungen der Neichsftabter Ber- 
abredung find Hinfälig, wenn fie bei befinitiver Regelung bes Zuftandes ber 
europätihen Türkei verlegt würben.“ 

Andrafiy Tonnte fi in jenen Tagen nicht im bireften Gegenfab und offene 
Feindfhaft zu Rußland ftellen. Er hatte fi einerfeitS nad einem Kriege 


Andraffy und die Öfterreihifhh-ungarifhe Orientpolitif 277 


Nuplands gegen die Türkei bei der Seftfegung der Friedensbedingungen zunächit 
die volle Mitwirkung der Monardie ausbebungen. Reale Garantien für die 
Meutralität Ofterreichs im Falle eines unabwendbaren ruffifch-türkifchen Krieges: 
dies ftellt im mejentlihen das Boftulat der Politit Andrafiys gegenüber Ruß- 
land dar. Andrerfeits war Andrafig nicht gemwillt, fih in einen gefährlichen 
Bweilampf mit Rußland zu ftürzen, ohne auf die tatkräftige Unterftügung einer 
anderen europätfchen Macht rechnen zu können. Deutfchland und feine leitenden 
BVerfönlichkeiten ftand gerade damals vor der großen Entjcheidung einer Wahl 
zwifhen Rußland und Ofterreih-Ungern. Dab Stalten mit größter Ungebuld 
den Moment berbeifehne, in dem es fi in den Befib des Zrentino fehen 
Lönnte, war für Andrafiy ohne jeden Zweifel. Bon England glaubte er, daß 
es fi in einem Kriege Dfterreihs mit Rußland ruhig als Zufchauer betätigen 
werde — bi8 zu den Friedensverhandlungen. hne die Sicherheit europätfcher 
Allianzen wollte e$ der leitende Staatsmann der Monarchie nicht zu einem 
feindlichen Verhältnis zu Rußland kommen laflen. 

Erft nachdem Bismard wiederholt verfihert Hatte, er würde in einem 
Kriege gegen Rußland nie eine Wendung zum Nachteile Dfterreich- Ungarns 
dulden und in einem foldhen Falle mit dem moralifden Gewichte Deutjchlands, 
und wenn nötig, felbft mit Waffengewalt dazwifchentreten, fonnte Andrafiy fich 
der Unterftügung Deutichlands im Falle eines ruffiihen Angriffs ficher fühlen. 
Seine Stellung zu Bismard, der erfolggerönte Abjchluß einer in der Welt- 
geichichte einzig und allein daftehenden Tat: das deutjch-öfterreichifch-ungarifche 
Bündnis hatte ihm eine gewaltige Nüdendedung in feiner DOrientpolitit gegen- 
über Rupland verfchafft. 

Andrafiy und Bismard find in allen bedeutenderen politifchen Fragen in 
vollfter Harmonie vorgegangen. So war e8 gewiß von entidheidender Be- 
deutung, daß gerade im Augenblid des bevoritehenden Kampfes zwiſchen Ruß—⸗ 
land und der Türkei an ber Spibe der auswärtigen Gefchäfte des Deutfchen 
Reiches der Dann ftand, auf defien aufrichtige Yreundfhaft Andrafiy in jedem Falle 
feft vertrauen konnte. Sebt verfuchte der öfterreichifche Mtinifter des Auswärtigen 
gegenüber Rußland eine noch entfchiedenere und leichter verftändliche Sprache 
zu ‚Iprechen. Am 28. Februar 1877 jchrieb er an den Freiheren von Laugenan: 
„Tritt aber infolge der Ereignifie der Zerfall der Türkei und für die Monardjie 
fomit aud) die politifche Notwendigkeit ein, an die Befegung Bosnien? und ber 
Herzegowina zu fchreiten, dann follte deren @inverleibung feine provijoriiche, 
fondern eine dauernde fein.“ 

Das Loftbare Gut der Freundfchaft Deutihlands follte fi in den zahl- 
reichen Ballankrifen der nächften Jahrzehnte in der ganzen Größe feiner welt- 
politifchen Bedeutung ermweifen. Schon auf dem Berliner Kongreß zeitigte die 
Unterftügung Bismards das große Ergebnis, daß Rußland fi ifoliert fühlte 
und notgebrungen der Dffupation Bosnien und der Herzegowina feine Zu- 
ftimmung erteilte. 


278 Uene Bücher über Mufit 





Die orientalifde Politik feiner Nachfolger hatte den zurüdgetretenen Miniſter 
it Befremden erfüllt, denn er befämpfte jede Politit Dfterreichg, die nicht 
darauf ausging, der Monardie im Driente die Yührerrolle zu bewahren und 
zu fihern. Über die Drientpolitit feiner Nachfolger (Haymerle, Kalnody) 
urteilte er: „Dat der Berliner Kongreß Rukland aus der Balfanhalbinfel 
berausgeleitet, fo haben meine Nadjfolger e8 wieder dahin zurüdgeführt.“ 
Aufs Höchfte enttäufht war Andrafiy über die Verabredung Kalnodys mit 
Rußland, jede im Drient neu auftauchende Frage einer Beiprechung zwilchen 
Ofterreih- Ungarn und Nubland zu unterwerfen. Er erblidte in jeder Ab- 
madung folder Art ein Aufgeben bes Selbftbeftimmungsrechts, eine Abweichung 
von dem dur) Sahre Lonfequent verfolgten Zielen und den Berluft der 
wefentlicgften Erfolge, welche die Monarchie erreicht hatte. „Ich befürdite,“ — 
fo lauten feine prophetiiden Worte — „daß uns diefe unnatärlidde Kooperation 
mit Rußland in ihren Konfequenzen früher oder fpäter, aber fidher vor folgende 
nititiave ftellen wird: entweder Verzichtleiftung auf unfere natürlide Madht- 
ipbäre, oder Zmweitellung der Macht auf der Balfanhalbinfel und als Yolge 
davon — Srieg.” 





Neue Bücher über Mufif 


Don Dr. Rihard Hohenemfer 


23 tft begreiflih, daß immer wieder der Berfudd unternommen 
4 wird, über die zunädft verwirrende Fülle der Tünftlerifchen Er- 
[heinungen unferer Zeit eine orbnende Überfiht zu geminnen. 
Da man bei Behandlung der Zeit, in der man felbft fteht, bie 
I Aufgabe des Hiftorilers, die gefhichtlihen Vorausfegungen ber 
inzelnen Erjheinungen aufzudeden, in der Regel vernadjläffigt, fo Iaufen bie 
Darftelungen der Gegenmwartsfunft meift auf Staffifitationen, verbunden mit 
mebr oder weniger fubjeltiven Bemerkungen verjiedenen Wertes hinaus. 

So verhält e8 fih auch mit zwei einander nahe verwandten Büchern, von 
welchen fi das eine auf die Nach-Wagneriche D.per in allen Ländern, das andere 
auf alle Gattungen der deutſchen Tonkunſt beſchränkt (Edgar Iſtel, die moderne 
Oper, vom Tode Wagners bis zum Weltkrieg, „Aus Natur und Geiſteswelt“, 
B. G. Teubner, Leipzig, 1915; Rudolf Louis, die deutſche Muſik der Neuzeit, 
dritte vermehrte und verbeſſerte Auflage, Georg Muller, Munchen). Louis, 
der viel zu früh verſtorbene Münchener Muſikrezenſent, gibt, wie mir ſcheint, 
das Bedeutendſte ſeines Buches mit dem einleitenden Kapitel „Vom muſibkaliſchen 
Fortſchritt/. Die darin dargelegten Gedanken ſind zwar nicht neu, aber gerade 
für die Gegenwart, in welcher die Ausdrücke , Fortſchritt“ und „Realtion“ als 
Schlagworte aus dem politiſchen in das künſtleriſche Gebiet übertragen wurden, 





XIeue Bücher über Mufif 279 


tm bödjften Maße beherzigenswert. Vergleicht man vollendete Kunftwerke mit- 
einander, fo kann man überhaupt nicht von Fortichritt reden. Beifpielsmweife 
bat es feinen Sinn, zu jagen, die Entwidlung fei von Baleftrina zu Bad, von 
diefem zu Beethoven „fort“ gefchritten; denn feiner der drei Meifter fchuf Höheres 
als der andere, vielmehr nur Anderdartiges. An der Wiflenfchaft und in ber 
Technik gibt e8 Fortfchritt, infofern eine Überzeugung durch eine andere, eine 
Konftrultion durch eine andere erfegt wird. Das vollendete Kunftwerk dagegen 
ift ein Individuum, ein abfolut Einzigartiges, das ebenfowenig wie ein Men 
burdh ein anderes Individuum erfegt werden fann. Dennoch gibt es au in 
der SKunftgefchichte fortfchreitende Entwidlungen, nämli überall da, wo bie 
vollendeten Kunftwerke, die Höhepunkte der Kunft, durch allmähliche Aufwärts- 
bewegung aus primitiven Anfängen heraus vorbereitet werben. Sit der Höhe 
punlt erreicht, fennen wir alfo das Ziel, fo läßt fi auch der Weg verfolgen, 
ber zu demfelben führte. Cine hiervon verjchiedene und fhwer zu entiheidende 
Yrage tft e8 dagegen, ob den jeweiligen Zeitgenofjen die Etappen biefes Weges 
als folche, d. h. al8 mehr oder weniger unbefriedigende Verjuche, oder bereits 
als das Bollendete erjchienen, und andererfeit8 Tann uns nicht die Gejchichte, 
fondern nur unfer äfthettfches und Tünftlerifches Urteil Iehren, wo die Verfuche 
aufhören und die Vollendung zutage tritt. Aus dem Gefagten ergibt fi, daß 
eine fortgejepte Entwidlung in der gleichen Richtung durchaus nicht immer einen 
Hortfchritt bedeutet und daß die Reaktion, diefes Wort in feinem urfprünglichen 
Sinn, d. h. als natürliche Gegenwirkung veritanden, eine fegensreiche Notwendig- 
feit if. &8 wmwechfeln eben Zeiten des Aufftieges, der Höhe und des Verfalls 
fomohl beftimmter Richtungen als auch) ganzer Kunftzweige, ja felbft der Kunft 
überhaupt. Wer ausgerüftet mit diefen aus dem Wefen der Kunſt und aus 
der tatſächlichen gejchichtlichen Entwidlung gemonnenen Srundfäben an die 
Gegenwart berantritt, der mag im Zweifel darüber fein, ob er in ihr eine 
Beriode der Blüte, des Verfall oder der Vorbereitung auf neue Höhepunfte 
fehen foll; aber er wird mwiffen, was er von dem Gerede der Kunftpolitiker, 
die mit den Schlagworten „Fortichritt” und „Reaktion“ operieren, zu halten bat. 

tel hat Louis’ Gedanken 'mit Recht übernommen und an einer Gtelle 
feines Buches Turz wiedergegeben. Auch in der Behandlung der deutichen Oper 
ftimmt er, was die Klaffifizierung betrifft, im wefentlicden mit feinem Vorgänger 
überein. Den Haupteinteilungsgrund bildet naturgemäß das Verhältnis der 
verihiedenen Komponiften und Richtungen zu Wagner. Aber der Gefichtspunkt, 
unter welchem die beiden Verfalfer die Werke künftlerifch beurteilen, iſt nicht 
ganz der gleiche. Während Louis in erfter Linie von der Muflt ausgeht, über- 
wiegt bei itel das dramaturgifche nterefie. Mit vollem echt betont er bie 
Wichtigkeit eines guten Tertbuches für den Bühnenerfolg. Aber er feheint mir 
bisweilen zu fehr als Zheaterpraltifer zu urteilen, d. h. feine Bewertung einer 
Dper zu fehr davon abhängig zu machen, ob ihr ein dauernder Erfolg befchieden 
war ober nicht. Wie ftark fich in beiden Büchern das fubjeltive Moment geltend 


280 LIeue Bücher über Mufif 
macht, zeigt fih 3. 3. darin, daß Louis Hans Pfigner für den einzigen genialen 
Komponiften unter den Modernen hält, während “Yftel den „Armen Heinrich” 
das gequältefte Merk nennt, das jemals über die Bühne gegangen fei, und 
au „Die Rofe vom Liebesgarten“, namentlich des Zerted wegen, nicht eben 
bochitellt. 

Bei feiner ausgefprochenen Hinneigung zu romantichem Wefen und romanifcher 
Kunft ift e8 natürlich, daß er die franzöftiche und die italienifche Oper verhältnis- 
mäßig ausführlich behandelt. Er gibt eingehende Analyfen von Bizets „Barmen“ 
und Berdis „Falftaff“, namentlich um die VBorzüglichleit und Bühnengemäßheit 
der beiden Tertbücher Harzulegen. 8 folgt noch ein Kapitel über „Nationale 
Dpern“, in welchem die tichechifche, polnifche, ungarifche, ruffiide und flandi- 
naviſche Oper mehr geftreift als behandelt wird. Doch vermiffe ich genügend 
hharfe Beitimmungen darüber, weshalb die deutiche, franzöfifche und ifalienijche 
Dper weniger national fei als jene. In dem „NRüdblid und Ausblid” fowie 
im Vorwort zeigt es fi, dak Stel die Einwirkung der politifhen Ereignifje 
auf die Kunft überfhägt. Bis zum Srlege fah er das Heil für die Oper in 
ber Vereinigung franzöfifeder und deutjcher Elemente. Yebt aber tjt er über- 
zeugt, daß Frankreich zu politiiher und darum auch zu Fünftleriider Ohnmacht 
berabfinfen werde; die beutiche Oper werde alfo völlig auf fidh felbft geftellt 
fein, falls ihr nicht von Dften her neue Einflüffe zuftrömen follten, was davon 
abbänge, ob Rußland nad dem Kriege politiih und daher auch Fünitleriich 
eritarfen werde oder nit. Demgegenüber. ‚Tann darauf bingemwiejen werben, 
daß, wie fhon oft betont wurde, die höchfte Blüte des deutichen Kunftlebens 
in eine Zeit der böchiten politiichen Zerriffenheit, die zweite Hälfte des 18. Jahr- 
bunderts, fält. Wir follten endlich einfehen, daß wir, bis jebt wenigitens, 
durdaus nicht in der Lage find, über derartige Zufammenhänge, fomweit fie 
überhaupt beftehen, allgemeine Gefebe aufzuftellen. 

Nah der Oper beipricht Louis „Sinfonie und finfonifefe Dichtung“, wobei 
bejonder8 die auf rafjentheoretifhen Vorurteilen beruhende fhroffe Ablehnung 
der Werle Mahlers auffällt. Ein weiteres Kabitel faht Lied, Chor⸗, Kirchen⸗ 
und Kammermufll zufammen und ift offenbar in Eile gefchrieben. Intereflant 
und für das Wefen des PBarteigeiftes charakteriftiih tft das Belenntnis des 
Berfaffers, daß er in feinen FJünglingsjahren zufammen mit anderen Wagner⸗ 
heißfpornen an der Kammermufit achtlos vorübergegangen fei, biS dann auch 
fogenannte Vertreter der neudeutfhen Richtung, wie Pfihner und Slofe, fich 
diefem Gebiete zumandten. Den Schluß des Buches bildet ein Kapitel über 
Ausübung und Pflege der Muftl. 

Eine ganz ander geartete Überficht vermittelt uns H. Kretzſchmars weit 
verbreiteter „Führer durch den Konzertfaal“. Hier handelt e8 fi nicht nur 
um Neufhöpfungen, fondern um Alles, was in unferen Konzertjälen zur Auf- 
führung gelangt und wenigitens einige Bedeutung beanfpruchen fann. Belanntlich 
will Kretzſchmar durch feine Analyjen den Konzertbefudher auf das, was er zu hören 


Leue Bücher über Muflf 981 
belommen fol, vorbereiten, um ihm das Lünftlerifcehe Verftändnis zu erleichtern 
und damit feine Genußfähigfeit zu erhöhen. Zugleich aber will er ihn aud 
über die gefchichtliden Grundlagen der Werke aufllären. Lebteres Streben bat 
dazu geführt, daß das Buch weit über den durchſchnittlichen Anſchauungskreis 
des Laien hinausgeht und für den Mufifhiftorifer geradezu unentbehrlich geworden 
ft. Ganz befonders jcheint diefe Eigenfchaft, die freilich die Erreihung des 
Hauptzweckes etwas beeinträchtigen mag, in dem jebt neu aufgelegten Bande 
bervorzutreten, der dem Oratorium und der weltlichen Chormufit gewidmet ift 
(9. Kresfhämar, Führer dur) den Konzerifaal, zweite Abteilung, Band 2, 
Dratorien und weltliche Chorwerfe, dritte vollftändig neu bearbeitete Auflage, 
Breitlopf und Härtel, Leipzig, 1915). Namentli über bie Anfänge des 
Oratoriums und über feine Entwidlung bis zum achtzehnten Jahrhundert, Die 
fih banptjählid in Stalien vollzog, haben erft die neueften Forfchungen Klar 
beit gebradit, und Krebfchmar benütt diefelben zu einer überfichtlichen, Höchft 
tnterefjanten geichichtlichen Darftellung. Die fonftigen Erweiterungen des Bandes 
gegen die Auflage von 1898 beftehen in Beipredhungen der feitdem entftandenen 
Dratorten x. Dabei ergibt es fih, daß das Ausland auf diefem Gebiet weit 
probduftiver ift als früher. ‘ch bedauere, daß Kresihmar nicht auch den bei- 
bebhaltenen Zeil des Textes einer Revifton unterzogen und die Lleinen Verfehen 
der früheren Auflagen befeitigt bat. Sn dem großen Kapitel über die Dratorien 
Hänbels, in dem naturgemäß der Schwerpunkt des Ganzen liegt, hätten durch 
Berüdfihtigung der neueren Forfehungsergebniffe, wenn fie auch feine grund- . 
legende Bedeutung befiten, doch interefjante Gefichtöpunfte gewonnen werden 
tönnen. ch denke dabei an das, was über die merfmürdigen und fo verfchieben- 
artigen Entlehnungen Händel bekannt geworden ift, ein Thema, das Krebfchmar 
nur ganz im Vorübergehen berührt. 

Neben dem Dratorium bilden den widtigften Beftandteil unferer &hor- 
fonzerte die Werle Bachs, die Krebichhmar, weil fie ihrem Wefen und ihrer 
urfprünglicden Beitimmung nach der Kirchenmufil angehören, in einer anderen 
Abteilung feines „Führers“ behandelte Doch fei bier zum Schluß no ein 
Heines Buch erwähnt, mweldhes der Pflege der Bachihen Kantate in Konzertfaal 
und Kirche dienen will (Leonhard Wolff, %. Sebafttan Bachs Kirchenlantaten, 
ein Nachſchlagebuch für Dirigenten und Mufilfreunde, Kurt Wolff, Leipzig). 
Kür nicht weniger al3 199 Kantaten in der Reihenfolge, in welcher fie in ber 
großen Ausgabe der Bachgefellichaft erfähtenen find, bringt e8 genaue Angaben 
über Befegung zc., fodaß es dem Dirigenten leicht fällt, diejenigen SKantaten 
berauszujuchen, deren Aufführung fi mit den ihm zur Verfügung ftehenden 
Kräften ermöglichen läßt. Bei der erfreulicden Entwidlung unferer Kirhenchöre 
während der lehten Jahrzehnte und bei dem im Steigen begriffenen nterefje 
für die Bachihe Kantate wird das Buch zweifellos gute Dienfte leiften. 


— 





Maßgebliches und Unmaßgebliches 


Philoſophie 


Max Scheler, Abhandlungen und Auf⸗ 
ſätze. 2 Bände. Leipzig, Verlag der Weißen 
Bücher 1916. 

Die philoſophiſchen Schulen der jüngſten 
Bergangenheit waren im allgemeinen dadurch 
gelennzeichnet, daB fie einen Philofophen der 
Bergangenheit — Kant, Fichte, Schelling, 
Sries, Hegel — der Gegenwart neu er- 
f&loffen, um fo zum Weiterbauen eine Grund- 
lage zu fIhaflen. 8 war don bornberein 
da Charakteriftilum der jungen Göttinger 
Bhänomenologenihule, die fih unter dem 
Borgang Edmund Huflerld gu einer engen 
Methodengemeinihaft zufammenfchloß, daß fie 
in unabhängigerer Weife, weniger belaftetdurd 
Biftorifch übernommene Problemftellungen, nad 
neuen Pfaden de8 philofophifhen Denken? 
Ausihau hielt. Während Hufferl dem Ge 
biete treu blieb, an dem er alß erfter die 
neuartigen Unterfuchungen einfegte: der Logit 
und Erkenntnistheorie, zeigte fhon das 1918 
herausgelommene „Sahrbudh für Philofophie 
und pbänomenologifhe Forfhung”, in dem 
die Schule fih ihr Organ fhuf, daB diefer 
neue Sntuitionigmus durhaus einer iveiteren 
Anwendung fähig war. So Ientte ihn u. a. 
Geiger auf da8 äfthetiihe, Neinad auf das 
recht3pbilofophiihe und Mar Scheler auf das 
etbiiche Gebiet. Während der Legtgenannte 
an jener Stelle eine ftreng fahlihe Grund« 
legung ber philojophifhen Ethif verfuchte und 
au in einem andern Werk über die Sympa- 
tbiegefühle die neue Methode mit einer ge 
wiflen wiflenfhaftliden Exrflufivität handhabte, 
zeigen die foeben gefammelt erfchienenen Ab- 
bandlungen und Aufläge, wenigftend zum 
größeren Zeil, ebenfo wie da8 Turz boraufe 
gegangene Verf: Der Geniuß des Friegez 
und der Deutiche Krieg, daß es diefer Philo- 


fophie bei aller fyftematifhen Strenge ge- 
geben ift, auch ein breiteres Bildung2publiktum 
an ernfthafte philofophiihe Probleme heran« 
auführen, und in den ragen, die der All⸗ 
tag8journaligmus mit dem abgenugten Werl» 
zeug der gedanfliden Konvention bearbeitet, 
ihre auf allgemeinere fyiternatifhde Bufammen- 
hänge weiterweifende PBroblematif aufzudeden. 
Und nod deutlier vielleiht al® in den 
früheren wifienjchaftlicderen Werfen tritt hier 
zutage, daß der Scelerfche Gedanke zu breit 
if, um im Nahmen einer Schulphilofophie 
Play zu haben. Xeilt er mit den Böttingern 
auch die formale Methode der Wejenzihau : 
der ideale Gehalt feines Werld weift auf 
andere reichere Quellen, und da8 jo entftan- 
dene Ganze erweilt fi al® ein blutbollerer, 
plaftifherer Organiemus als die bei aller 
Subtilität boh ein wenig dünne Analyſe 
Huſſerls. 

Indem nun ſo die ideellen Quellflüſſe, die 
hier ſich zu einem ſtark mitreißenden Strome 
zuſammengefunden haben, aus den verſchie⸗ 
denſten Richtungen entſprungen find, kamm 
auch Zuſtimmung und Widerſpruch ſich viel 
weniger eindeutig entſcheiden, als etwa 
Huſſerl gegenüber. Was Conrad Ferdinand 
Meyer ſeinen Hutten ſagen läßt: 

„Das heißt: ich bin kein ausgeklügelt Buch, 
Ich bin ein Menſch mit feinem Widerſpruch“ 
das gilt auch in hervorragendem Maße von 
der denkeriſchen Perſon Schelers. So ver⸗ 
einigt ſich in ihr mit einer faſt romantiſchen 
Haltung gegenüber dem mittelalterlichen 
Katholizismus und einer ſcharfen Ablehnung 
der neuzeitlichen Einheit von Proteſtantismus, 
Kritizismus, Kapitalismus doch ein merk⸗ 
würdig entſchloſſener Wille, dieſe neuzeitlichen 
Ideen nun gerade zu Ende zu denken, um ſo 
an ihre Grenze zu gelangen und erſt dort 
die neuen poſitiven Ideen anzuſetzen. Der 


Maßgeblies und Unmaßgeblidhes 





impulfipe Trieb zu ihrer radilalen Ver⸗ 
neinung ftreitet in ibm mit dem pofitiveren 
Beflreben einer partilulären Bejabung, die 
jreilih) fogufagen eine no) bdemütigendere 
Berneinung bedeutet, da fie eine ganz bes 
fondere Überlegenheit der eignen abfolut ge- 
nommenen Saltung befundet. Auch Gott de» 
mütigt den Mephiftopheles am tiefften, gerade 
indem er ihn gewähren läßt. So belämpft 
Scheler an allen Orten die Abfolutheitan« 
fprüde des zivilifatorifchen Geiftes, weiß ihm 
aber doch im Dienfte der Kultur eine relative 
Rechtfertigung zuteil werben zu laflen. Er 
beftreitet die Miberheblichteit des fozialen Ge» 
danten?, der die dhriftlihe Liebe erfegen zu 
lönnen meint, fundiert ihn aber ficher in der 
Idee der Gerechtigkeit und der ftaatlichen 
Dpportunität und verfteht ihm fo ebenfalls 
feine pofitive Seite abzugewinnen. 

Die in den vorliegenden Bänden ber- 
einigten Abhandlungen und NAuffäge ber 
Khäftigen fi mit einer bunten $ülle tultur- 
und leben2pbilofophiiher Fragen. Die 
Kärffte Wirkung bat in der früheren Yorm 
als Zeitichriftdeitrag die Abhandlung: „Das 
Refientiment im Aufbau der Moralen” 
(früher: „Neflentiment und moralifches Wert. 
urteil”) geübt, die daB Chriftentum gegen 
Riegihes Borivurf in Schug nimmt, wonad 
es dem Nefjentiment, den Werte berabziehen- 
den bämilhen Macdeimpulfen einer unter- 
drüdten Schicht, piychologifd feinen Urfprung 
verdante. Dagegen erhebt Scheler darin den 
gleihen Vorwurf gegen die moderne Bürger- 
moral. Der Hritil des SKapitaliamus find 
drei Aufläge gewidmet. Zugleich ſetzt ſich 
Säeler in ihnen mit Sombart und War 
Weber auseinander. Mit befonderem Eifer 
belämpft er übrigens die pofitiviftiiche Lebens 
philofophie vor allem Herbert Spencer®. 
Der Auffag „Zur Jdee ded Menjchen“ zeigt 
die Unfähigkeit der Raturwiflenichaft auf, da8 
Weien des Menihen mit ihren Kategorien 
überhaupt zu faflen, da8 bier ald Gottfucher- 
tum eine [höne und tieffinnige Sormulierung 
findet. Der Menfh ift ihm da3 Wefen, in 
dem ba8 Leben trandzendieri. Eine natür- 
fie Einheit des Menichen gibt es nicht. Die 





283 





Unterfudung über die „dole der Selbiter- 
fenntnis* trägt am meilten ftreng twiflen« 
Ihaftlihen Charakter. Sie entwidelt eine 
PBhänomenologie der Täufchungen der innern 
Wahrnehmung. Die Abwendung don der 
Tantifden Ethit der Selbftahtung und des 
ftarren Formaligmuß de8 Guten fommt in 
der wundervollen Arbeit „Zur Nebabilitierung 
der Tugend” zum WYusdrud. Mit dem 
„Phänomen ded Tragiihen“ werden aud 
äfthetiihde Probleme in die Betradhtung ge= 
rüdt, obihon die Argumentation darauf ab» 
zielt, diefen Begriff über das äfthetiihe Ge» 
biet Binauß zu erweitern. Spezielle moderne 
Fragen altuellen Eharalterd behandeln fchließ- 
lich die Auffäge über die Mentenhufterie und 
über die Frauenbewegung. 

E83 ift ebenfo unmöglid, auf engitem 
Naume einen kirfliden Begriff von dem 
Neihtum der aufgeworfenen Denfaufgaben 
und von ihrer vielihichtigen Problematik zu 
geben, wie vollendd einzelne Xhejen des 
Denter8 oder feine Grundhaltung zum Gegen» 
ftand der Kritil zu maden. Daß die Phil» 
fopbie der Gegenwart von Mar Sceler 
flärffie Impulfe erhalten und aud no 
ferner zu erwarten bat, Tann ungeicheut auge 
geiprohen werden. Denjenigen, denen eine 
fahlihe Beihäftigung mit philofophiichen 
Fragen berfagt ift, und die dennod ihr 
Denten philofophifch vertiefen wollen, werden 
wenige unter den lebenden Philofophen fo 
viel zu geben haben wie Scheler gerade in 
diefem Werl. 8 bleibt natürlich feinem 
fahliden Wollgehalt entfprechend für den 
Ungefchulten eine nicht gerade leichte Lektüre. 
Aber e3 bietet in den meiften fällen wenig 
ften® Teine dem Laien unüberwindlicdhen 
Schwierigfeiten. &% ift niemals troden, oft 
ein wenig draufgängerifch-higig in der Abs 
lehnung gänzlih irriger Meinungen, aber 
durchaus ehrfürdtig, feinfühlig und weitherzig 
bor den genialen Rortführern der Bhilofophies 
geihichte und reicht feine gedanklihe Yülle 
in einem Stil dar, in dem die pradtvoll 
ftämmige Haltung diefe® Denkers ihren 
dedenden Ausdrud gefunden bat. 

Dr. Boehm 





Kriegstagebucd; 


21. Januar 1916. An der Sralfront erleiden die Engländer unter 
General Aylmer eine fhwere Niederlage, über 8000 XTote. 

21. $anuar 1916. Die feindlihen Sciffäverlufte im Dezember 
duch U-Boote betragen 24 Schiffe mit 104 764 Tonnen. 

22. Kanuar 1916. Bei Neuville, nördlich Arras, die vorbere feind- 
Iihe Stellung in 250 Meter Breite genommen, 71 Gefangene. 

22. Januar 1916. Nördli von Bojan auf der Höhe Dolzof einen 
zuffiihen Graben mit 800 Mann Bejagung gefprengt. 

22. Januar 1916. Antivari und Dulcigno von den Ofterreichern bejet. 

23. Xanuar 1916. Ein deutihes U-Boot verfentt im Golf don 
Salonili einen englifhen Truppentraneportdampfer, vorher am 18. im 
Mittelmeer den armterten englifhen Transportdampfer „Marere”. Am 17. 
wurde daßfelde U-Boot von dem engliihen Dampfer „Melanie unter 
boländiiher Flagge angegriffen. 

23. Januar 1916. Erfolgreihe Flugzeugangriffe auf Dover und 
Hougham. 

28. Januar 1916. Feindlicher Luftangriff auf Metz, ein Flugzeug 
abgeſchoſſen. 

28. Januar 1916. Ein vom griehifhen Boden autgeftiegenes 
Blugzeuggeihwader belegt Bitolj (Monaftir) mit Bomben. 

23. Januar 1916. Stutari, Riffic, Danilowgrad und PBodgoriga 
von den Ofterreichern befegt. 

24. Sanuar 1916. Sn Flandern ftarle AUrtilleriefämpfe, vier Minen” 
werfer erbeutet. Hftlih Reupille feindliche Gräben genommen, 8 Mafchinen- 
gewehre erbeutet, über 100 Gefangene gemadt. Deuticher erfolgreicher 
Sluggeugangriff auf Nancy. 

25. Januar 1916. Abgeſchlagene Gegenangriffe der Franzoſen bei 
Reuville, noͤrdlich Arras 

26. Januar 1916. Bei Oslavija am Görzer Brückenkopf nehmen 
die Oſterreicher einen Teil der italieniſchen Stellungen, ſie machen 1107 
Gefangene und nehmen 2 Maſchinengewehre. 

26. Januar 1916. Die Vereinbarungen über die Waffenſtreckung 
von den Bevollmächtigten der montenegriniſchen Regierung unterzeichnet. 

25. Januar 1016. Durazzo durch öſterreichiſche Flieger angegriffen. 

26. Januar 1016. Beiderſeits der Straße Vimy —Neuville bie 
franzoöſiſche Stellung in 600 -600 Meter Breite geftürmt, 58 Gefangene 
gemacht, 6 Maſchinengewehre, 5 Minenwerfer genommen. 

27. Januar 1916. Die offene Stadt Freiburg i. Br. vom Feinde 
bombardiert. — Unſere Flugzeug⸗Verluſte an der Weſtfront vom 1. Oltober 
1015 an betragen 16 Flugzeuge, die Feinde verlieren in der gleichen Zeit 68. 

27. Januar 1916. Durazzo von öſterreichiſchen Seeflugzeugen 
bombardiert. 

28. Januar 1016. Nordöoͤſtlich von Neuville beim Gehoͤft La Folie 
feindliche Gräben in 1600 Meter Breite geftürmt, 818 Gefangene, 19 Mafchinen- 





Kriegstagebudy 


gewehre genommen. Am WWeftteil von St. Laurent bei Arras eine Säufer- 
gruppe geftürmt. Südlih der Somme dad Dorf Frife und 1000 Meter 
tiefe, 8500 Meter breite anfchließende feindliche Stellung erobert, 1287 
Gefangene, 138 Mafhinengewehre, 4 Minenwverfer erbeutet. 

28. Januar 1916. WMuffiihe Angriffe nordiveftlih von Uſzieſzko 
am Drieftr zurüdgeichlagen, an ber Strypafront zwei ruffifhe Flugzeuge 
gerftört, drei weitere zur Landung binter der feindlichen Linie gezwungen. 

28. Januar 1916. Mleffio und San Giovanni di Medua von ben 
Oſterreichern beſetzt. Einfhlieglich der Lowifchen-Beute wurden in Monte 
negro bißher an Waffen eingebradt: 814 Geichüge, 50 Mafchinengeivehre, 
über 50 000 Gewehre. 

29. Januar 1916. Ein franzöfifher Angriff auf die eroberfe Stellung 
ſüdlich der Straße Vimy — Neuville abgeſchlagen. 

29./80. Januar 1016. Erfolgreiche Luftſchiff⸗Angriffe auf Paris 
als Vergeltung für den Angriff auf Freiburg. 

80. Januar 1916. Abgewiefene franzöfiihe Angriffe auf die er- 
oberten Stellungen bei Reupille und füdlih der Somme. 

80. Januar 1916. Nuffiihe Angriffe bei Wienau, weftlid Riga, 
abgeſchlagen. 

831. Januar 1916. Engliſche Handfſtreiche gegen unſere Stellung 
weſtlich Meſſines vereitelt. 

81. Januar 1916. Deutſcher, erfolgreicher Luftſchiff⸗Angriff auf die 
feindlichen Schiffe und Depots in Saloniki. 

81. Januar 1916. Eins unſerer Marineluftſchiffgeſchwader greift mit 
großem Erfolg Dod-, Hafen⸗ und Fabrikanlagen in und bei Liverpool, 
Birkenhead, MNancheſter, Nottingham, Sheffield, am Humber und bei Great 
HYarmouth an. Viele Munitionfabriken uſw. zerſtört, der kleine Kreuzer 
„Caroline“ und die Zerſtörer „Eden“ und „Nith“ verſenkt. 

81. Januar/ 1. Februar 1916. Ein deutſches U⸗Boot verſenkt in 
der Themſemündung einen engliſchen bewaffneten Bewachungsdampfer und 
einen belgiſchen, ſowie drei engliſche, gleichen Zwecken dienende Fiſchdampfer. 

1. Februar 1916. Der engliſche Kohlendampfer „Franz Fiſher“ 
durch einen Zeppelin verſenkt. 

1. Februar 1916. Der ruffiihde Minifterpräfident Goremylin tritt 
zurüd, fein Radfolger ift Stürmer. 

1. Februar 1916. ine ftärlere ruffiihe Abteilung füdlih von 
Kuchecka Wola an der Wieſielucha aufgerieben. 

1. Februar 1916. Durazzo zum drittenmal von öſterreichiſchen 
Fliegern angegriffen. 

1. Februar 1916. Ein deutſches Kriegsſchiff bringt den engliſchen 
Dampfer „Appam“ mit deutſchen Gefangenen aus Kamerun nach einem 
amerilaniſchen Hafen auf, nachdem es an der Weſtklüſte Afrikas 7 andere 
Dampfer verſenkt hatte. 

23. Februar 1916. Lebhafter Artilleriekampf in Flandern, bei Neu⸗ 
ville und an weiteren Stellen der Weſtfront. 

2. Februar 1916. Nordöſtlich von Bojan ruſſiſcher Handſtreich 
geſcheitert. 

2. Februar 1916. Balona durch öͤſterreichiſche Seefluggeuge an⸗ 
gegriffen. 

2. Februar 1916. WMarineluftihiff „2. 19" in der NRordfee ber- 


285 





286 


Kriegstagebud; 





loren. Der englifhe Fifhdampfer „King Stephen“ findet dad Wrad, läßt 
aber die darauf befindlide Befagung in den Wellen umlommen. 

8. Februar 1916. Kruja in Rorbalbanien von den Dfterreichern befekt. 

8. Februar 1916. Nüdgzug der Italiener am Tolmeiner Brüdentopf. 

8. Februar 1916. SHfterreihifhe Kreuzer beihiegen Ortano und 
San Bito an der italienifhen Oftküfte. 

4. Februar 1916. An der Champagne und in den Bogefen ftartes 
Artilleriefeuer. 

4. Februar 1916. Luftihiff- Angriff auf Dünaburg. 

5. Februar 1916. Kleinere engliihe Angriffe füdweftlih von 
Meifines und füdhlih des Kanals von La Baflee abgeiviefen. 

6. Februar 1916. Eine ruffiihe Feldwadftellung auf dem öftlihen 
Scharaufer genommen, ®egenangriffe abgefchlagen. 

6. Februar 1916. Prinz O8lar von Preußen an der Oftfeont durd 
Granatfplitter leicht verwundet. 

7. Februar 1916. Lebhafte Kämpfe füdlih der Somme. Boperinghe 
und, engliihe Xiruppenlager zwiihen Boperinghe und Dirmude durd 
deutihe Flugzeuge erfolgreich angegriffen. 

7. Februar 1916. Rergebliche Angriffe der Huflen nordiweftli von 
Tarnopol. 

7. Februar 1916. Für die Türken ſiegreiche Gefechte an der Irak⸗ 
front bei Korna. 

8. Februar 1916. Weſtlich Vimy die erſte franzöſiſche Linie in 8300 m 
Ausdehnung geſtürmt, über 100 Gefangene, 5 Maſchinengewehre erbeutet. 

8. Februar 1916. Ein deutſches U⸗Boot verſenkt an der ſyriſchen 
Küſte das franzöſiſche Linienſchiff Suffren“ (nach franzöſiſchen Meldungen 
den „Admiral Charner“). 

9. Februar 1916. Nordweſtlich Vimy den Franzoſen ein groͤßeres 
Grabenſtück entriſſen, bei Neuville einen Trichter wiedererobert. 532 Ge⸗ 
fangene, 2 Maſchinengewehre erbeutet. 

9. Februar 1916. Ramsgate, ſüdlich der Themſemündung aus⸗ 
giebig mit Bomben belegt. 

9. Februar 1916. In Wolhynien und an der oſtgaliziſchen Front 
ruſſiſche Angriffe abgewieſen. 

9. Februar 1916. Tirana in Albanien von den Oſterreichern beſetzt. 

10. Februar 1916. Denkſchrift der Kaiſerlich Deutſchen Regierung 
betr. bewaffnete feindliche Handelsſchiffe. 

10. Februar 1916. Nordweſtlich Vimy und ſüdlich der Somme 
vergebliche Verſuche der Franzoſen, die verlorenen Stellungen wieder⸗ 
zugewinnen. 

10./11. Februar 1916. Oſtlich der engliſchen Küſte auf der Dogger⸗ 
bank verſenken unſere Torpedoboote den neuen engliſchen Kreuzer Arabis“ 
und einen zweiten Kreuzer; der Kommandant, zwei Offiziere und 24 Mann 
der „Arabis“ gerettet. 

10. Februar 1916. Schwere Kämpfe bei Tarnopol. 

10. Februar 1916. Bei Flitfh im Rombongebiet nehmen die Öfter- 
reicher eine italienijhe Stellung; 78 Alpini gefangen, 8 Mafchinengewehre 
erbeutet. 

12. Februar 1916. Güdöftlih von Boefinghe über 40 Engländer 
gefangen. Die Engländer befchießen die Stadt Lille. Die Befamtbeute bei 


nn — — FFrn— — m _ _ 


Kriegstagebudh 


Bimy bis 9. Februar beträgt 9 Dffigiere, 682 Mann an Gefangenen, 
35 Mafchinengewehre, 2 Minenwerfer. In der Champagne füdlih von 
St. Marierd-Py die franzöfiihe Stellung in 700 Meter Ausdehnung ge 
flürmt, 206 Gefangene. Nordivefllih von Maffiges zwei heftige feindliche 
Angriffe geicheitert. Umfangreihe Sprengung feindlider Gräben ziwiihen 
Maas und Mofel. GHftlih St. Die, füdlih Lufle, einen vorgeſchobenen 
franzöfilden Graben genommen, 30 äger gefangen. La Panııe und 
Boperingbe ausgiebig mit Bomben belegt. 

12. Februar 1916. SHftlih von Baranowitfchi den Ruſſen zwei Vor⸗ 
werte am weftlihen Scharaufer entriffen. 

12. Yebruar 1916. NMavenna, Codigero und Cavanello von öfters 
reihifhen Flugzeuggefhwadern bombarbdiert. 

12. Februar 1916. Die Bulgaren bejegen Elbaflan in Albanien. 

18. Februar 1916. Sn der Champagne feindlihe Gegenangriffe 
füdliH von St. Marierd-By abgewieſen; nordiwefllid Xahure 700 Meter 
franzöfilhe Stellung geftürmt, über 800 Gefangene, 8 Mafchinengeivehre, 
5 Minenwerfer erbeutel. Bei Oberfept, norbweftlih Pfirt, franzöfiiche 
Gräben in 400 Meter Ausdehnung genommen, 2 Wafchinengewehre, 
11 Minenwerfer erbeutet. 

18. Februar 1916. Der cnglifhe Kreuzer „Arethufa” gefunken. 

"14. $ebruar 1916. Südöftlih von Ypern 800 Meter der englifchen 
Stellungen geltürmt, 100 Gefangene. Abgewiefene franzöfifhe Angriffe 
füdlih der Somme, nordweftlih Neims, nordweftlih Tahure und bei .berfept. 

14. Hebruar1916. Mailand dur äfterreihifche Flieger erfolgreich 
angegriffen. | 

14. Februar 1916. Die Berlufte der Engländer an der Xraffront 
betragen in den legten Kämpfen rund 2000 Mann. Un der Kaufafusfront 
ergaben bie Kämpfe der legten drei Tage 5000 tote Auffen. 

15. $ebruar 1916. Drei vergeblidhe Angriffe der Engländer auf 
die von und eroberten Stellungen bei Hpern und vergebliche Angriffe ber 
Sranzofen bei Zahure. 

16. Februar 1916. ALuftangriffe auf Dünaburg und Wilejla. 

16. Februar 1916. Die NAuflen nehmen Erzerum. 

17. Sebruar 1916. Erneute engliihe Gegenangrifie bei Hpern blutig 
abgewiefen, ebenjo ein franzöfifher Angriff füdlih der Somme, 

17. $Kebruar 1916. Feindlicher Yliegerangriff auf den Bahnbo 
Hubdowa, fühweltlih von Strumige. — Kavaja von Albanern und Diter- 
reichern beſetzt. 

18. Februar 1916. Engliſcher Angriff ſüdöſtlich Ypern geſcheitert. 
Nördlich und nordöſtlich von Arras, zwiſchen Aisne und Maas, auf der 
Combreshõhe erfolgreiche Sprengungen. Nordöõſtlich von Largitzen, ſud⸗ 
weſtlich Altkirch, 2 Minenwerfer erbeutet. 

18. Februar 1916. Italieniſcher Fliegerangriff auf Laibach, ein 
Flugzeug abgeſchoſſen. 

19. Februar 1916. Am Vſerkanal, nördlich Ypern, die engliſche 
Stellung in 350 Meter Breite geftürmt, 30 Gefangene. 

19. Februar 1916. Erfolgreicher Luftangriff auf Ylugplag und 
Truppenlager Furnes, Luneville und andere Orte der Weftfront. 

19. Februar 1916. Logiihin und die Bahnanlagen von Xarnopol 
von deutichen Fliegern angegriffen. 


287 





288 Kriegstagebudh 





19. Kebruar 1916. Die Mliierten verbafteten die Konfuln ber 
Mittelmaͤchte auf der griechiſchen Inſel Chios. 

20. Februar 1916. Vergebliche feindliche Angriffe noͤrdlich Ypern, 
füdlich Loos und an der Straße Loos —Arras. 

20. Februar 1916. Bor Dünaburg gefcheiterte ruſſiſche Angriffe. 

20. Februar 1016. Erfolgreiche Flugzeugangriffe auf Deal, Lowestoft 
und auf Tankdampfer in den Downs. 

20. Februar 1916. Weſtlich von Kavaja erreichen die Albaner unter 
oſterreichiſch⸗ ungariſchen Offizieren die Adriaküſte. 

21. Februar 1916. Oſtlich von Souchez 800 Meter frangöfifche 
Stellung im Sturm erobert, 858 Gefangene, 8 Maſchinengewehre. Zahl⸗ 
reiche Luftgefechte, ein deutſches Luftſchiff bei Revigny abgeſchoſſen. 

21. Februar 1016. Erfolgreiche oͤſterreichiſche Luftangriffe in der 
Lombardei. 

22. Februar 1916. Oſtlich der Maas, nordweſtlich Verdun, die aub⸗ 
gebauten franzoͤſiſchen Stellungen in 10 Kilometer Breite und 8 Kilometer 
Tiefe geſtürmt, mehr als 8000 Gefangene, zahlreiches Material erbeutet. 
— Weſtlich Heidweiler die feindliche Stellung in 700 Meter Breite und 
400 Meter Tiefe geftürmt, 80 Gefangene. 

28. Februar 1916. In Santa Erug, Teneriffa, Iandete das engliiche 
Schiff „Weftburn” unter deutiher Flagge mit einer deutichen Brifen- 
mannihaft von 8 Köpfen an Bord 206 Gefangene von (durd) die „Möwe“ ?) 
berfentten 7 engliihen Schiffen. „Weftburm” wurde nad erfolgter Auß- 
ſchiffung ebenfalls verfientt. 

28. Kebruar 1916. Hftlih der Maas die Orte Brabant, Haumont 
und Samogneur, das gejfamte Waldgebiet von Beaumont fowie daB 
Serbeboiß genommen. — Südlih Met einen vorgeihobenen franzöfiiden 
Boften von 50 Mann gefangen. 

23. Februar 1916. Die Italiener und ihr Bundesgenofie Efiad 
Baia bei Durazzo gejchlagen. 

24. yebruar 1916. Die befeftigten Dörfer und Höfe Ehampneupille, 
Eotelettes, Marmont, Beaumont, Ehambretteg und Ornes bei Berdun ge 
nommen, fämtlidhe feindliche Stellungen biß an den Louvemonträden ge 
ftürmt; über weitere 7000 Gefangene gemadit. 

24. Februar 1916. Die Hfterreicher beſchießen den Hafen von 
Durazgo, bieher 300 Italiener gefangen, 5 Geihüge, ein Mafchinengewehr 
erbeutet. 

25. Kebruar 1916. Die PBanzerfefte Douaumont der permanenten 
Hauptbefeitigungslinie der Yyeltung Berdun bon brandenburgifchen Truppen 
erftürmt. 


Allen Manuflripten ift Porto hinzuzufügen, da andernfalls bei Ablehnung eine Rückſendung 
nicht verbürgt werben Tann. 





NRatibrud fämtlider Untfäge nur mit ausprüdiiher Erlaubnis bes Werlags geattet. 
VDerenworilich: der Herausgeber Georg Gleinow in Berlin Lichterfelde We. — Danuffeiptienbungen und 
Briete werben erbeten unter der Abdrefie: 

Un den Seraudgceher der Urenaboten in Berlin - Lichterfelde Wer, Gteruftrate 56 
Gewipredier bes Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, bes Berlags und ber Gehriftlettung: Amt Zügen 10. 
Berlag: Berlag ber Srengboten ©. m. 5. S. in Berlin SW li, Xempelbofer Ufer 85a 
Diud: „Der Neiäsbete” ©. m. 5. 6. in Berlin SW 11, Deflanes Gtzehe 88/37. 








Deichnet die vierte Rriegsanleihe! 


Das deutſche Heer und das deutſche Volk haben eine Zeit gewaltiger 
Leiſtungen hinter ſich. Die Waffen aus Stahl und die ſilbernen Kugeln haben 
das ihre getan, dem Wahn der Feinde, daß Deutſchland vernichtet werden könne, 
ein Ende zu bereiten. Auch der engliſche Aushungerungsplan iſt geſcheitert. 
Im zwanzigſten Kriegsmonat ſehen die Gegner ihre Wünſche in nebelhafte Ferne 
entrückt. Ihre letzte Hoffnung iſt noch die Zeit; ſie glauben, daß die deutſchen 
Finanzen nicht ſo lange ſtandhalten werden wie die Vermögen Englands, Frank— 
reichs und Rußlands. Das Ergebnis der vierten deutſchen Kriegsanleihe muß 
und wird ihnen die richtige Antwort geben. 

Jede der drei erſten Kriegsanleihen war ein Triumph des Deutſchen 
Reiches, eine ſchwere Enttäuſchung der Feinde. Jetzt gilt es aufs neue, gegen 
die Lüge von der Erſchöpfung und Kriegsmüdigkeit Deutſchlands mit wirkſamer 
Waffe anzugehen. So wie der Krieger im Felde ſein Leben an die Verteidigung 
des Vaterlandes ſetzt, ſo muß der Bürger zu Hauſe ſein Erſpartes dem Reich 
darbringen, um die Fortſetzung des Krieges bis zum ſiegreichen Ende zu er— 
möglichen. Die vierte deutſche Kriegsanleihe, die laut Bekanntmachung des 
Reichsbank⸗Direktoriums ſoeben zur Zeichnung aufgelegt wird, muß 


der große deutjche Frühjahrsfieg 
auf dem finanziellen Schlachtfelde 


werden. Bleibe Keiner zurüd! Auch der Heinjte Betrag iſt nützlich. Das Geld 
ift unbedingt fiher und hochverzinslich angelegt. 


Grenaboten I 1916 19 





Der internationale Gedanke 
Don Dr. Karl Budheim 





er internationale Gedanke ift eine Konjequenz der altruijtifchen 
ı Strebungen des Dienfchenherzens. 3 gibt Zufammengebörigfeit3- 

1] gefühle, Die über die nächftvertrauten fozialen Kreife, ja fogar 
LGA über die Gelamtheit der Volfsgenofien hinausweifen. Diefe Ge- 
fühle find erft entftanden, als der geiftige Horizont eine gewilje 
Meite erreicht hatte. Wenigftens lehrt die Geiftesgefchichte vieler alter Völker, 
fomweit fie für uns erkennbar ift, daß einftmals die fittlichen Bindungen an der 
Grenze des Volles aufhörten, daß es lTaum Pflichten gegen Stammesfremde 
und Nichtvolfsgenofien gab. Wo e8 aber feine Pflichten gibt, da find aud) 
feine Zufammengehörigfeitsgefühle da. Erft fpäter tauden Gedanken der Art 
auf, daß es jenfeits der Nationen eine weitere, vielleiht fogar höhere Gemein- 
haft gäbe, nämlich die Gemeinfchaft aller Menfhen. Innerhalb der antiken 
Kultur, die ja die maßgebende Vorausfegung unferer Kultur tft, finden wir dieſe 
Gedanken zuerft in der griechifhen Philofophie. Nachher hat fie Das Chriften- 
tum übernommen. 

Freilid, wenn man fi) eine wahre Vorftellung von diefem antiken Begriff 
der menſchlichen Gemeinſchaft machen will, jo muß man an die begrenzten 
geographilhen Vorftellungen des Altertums denlen. Die [hwarze und die gelbe 
Nafle lagen außerhalb der Betraddtung, und felbft die Völler Mittelafiens 
dürften faum darin eine große Rolle gefpielt haben. Man nannte „Menfchheit“ 
das, was im lebendigen Verkehr jener Tage fühlbar in Wechfelmirkung trat: 
die Völler der Mittelmeerfultur, die ja bald im Nömifhhen Rei aud zu einer 
politifhen Einheit wurden. | 

Das Römifhe Rei) hat dem internationalen Gedanken fozufagen Hand 
und Fuß gegeben. Die vielen Nationen, deren Sonderkulturen früher vielfadh 
in fharfem Gegenfag geftanden hatten: die Griechen, die taler, “Yberer und 
Kelten, Bunier und Syrer, Ägypter und Lyder, befamen auf einmal Gemein- 
famteiten die Fülle. Nömifche Herrfhaft in Dft und Weft, die gleichen Ver- 
waltungsgrundjfäge in Spanien und Aften, griehifhe Bildung in Syrien wie 
in Gallien, freier fiherer Verkehr bis zu den Säulen des Herkules: Turz, bie 
Pax Romana, der „Römijche Friede“ verbreitete feine Segnungen über alle 
Nationen der antifen Kultur. Das war eine „Menfchheit” in Fleifh und Blut. 





Der internationale Sedanfe 291 








Sihtbar ftand fie über den Wölfen. Zur Vollendung gelangte die antile 
Neihskultur dadurh, daß fie im Chriftentum einen religiöfen Ausdrud fand. 

Für die Gefchichte des internationalen Gedantens und feinen eigentlichen 
Sinn ift die Tatfache wichtig, daß er nicht durch nationales Denken zuerft zu 
einer geiftigen Macht geworden ift, fondern dur bie Biftorifhe Tatſache der 
Eriftenz des Nömifhen Reiches. Diefes war als höheres foziales Gebilde über 
den Nationen gegeben. Und weil die meijten Völler, die den antilen geogra- 
phiihen Voritellungen geläufig waren, dem Reiche angehörten, jo wurde biejes 
Gebilde pralftiih als „Meenichheit” jchlehthin empfunden. 

Im Mittelalter blieb diefes Stüd der antiten Vorftellungswelt im wejent- 
lichen beftehen. Wenn au das NRömijche Reich al Staat zerfiel, jo blieb es 
doch als dee im Bemuptfein der Völker Iebendig. Die geographifche Grund- 
lage des Reichsgedankens verſchob ſich dadurch, daß auf der einen Seite die 
Germanen für die römiſche Kultur gewonnen wurden und auf der anderen der 
griechiſch⸗ſlawiſche Oſten ſeine eigenen Wege ging. Das Reich erfuhr eine 
gründliche Wandlung und blieb doch: wahrhaftig einer der wunderbarſten Vor⸗ 
gänge in der uns zugänglichen Menſchengeſchichte! Es belam einen anderen 
Raum, eine neue nationale Zuſammenſetzung, ja ſogar einen veränderten Inhalt. 
Es wurde mehr Idee als Tatſache, mehr Erinnerung als Gegenwart und blieb 
doch da. Die germaniſchen Kaiſer des Mittelalters ſind etwas anderes als die 
Cãſaren und fühlten ſich doch als ihre legitimen Nachfolger. 

Das, was man im Mittelalter concordantia catholica nannte, iſt der 
römiſche Reichsgedanke zwar in neuer Form, aber doch der alte Gedanke. Weil 
die Reichskultur ſich im katholiſchen Chriſtentum bis zu einem religiöfen Aus- 
druck hatte ausreifen können, beſtand fie als geiſtiges Weſen weiter, als die 
politiſche Schale zerbrach. Der Reichsgedanke wurde zum katholiſchen Gedanken, 
und der katholiſche Gedanke damit zur zeitgemäßen Form des internationalen 
Gedankens überhaupt. Wie ſchon hervorgehoben, hatte es keinen praltiſch wirk⸗ 
ſamen Menſchheitsbegriff gegeben, der Chineſen oder Indianer einſchloß. „Menſch⸗ 
heit“ waren die Völker des Imperium Romanum geweſen, demzufolge hieß 
es jetzt im Mittelalter: die Bekenner des römiſchen Chriſtentums. Die griechiſche 
Kirche ging ihre eigenen Wege, und die wirtſchaftlichen Verhältniſſe der Zeit 
(Rückbildung zur Naturalwirtſchaft, infolgedeſſen ſtarke Einſchränkung des Ver⸗ 
kehrs) machten eine derartige Verengerung des geographiſchen Horizonts möglich, 
daß eine wirkliche Kluft zwiſchen Oſt und Weſt die Kirchenſcheidung zu einem 
Kulturbedürfnis der Zeit machte. Abendland und Morgenland wurden jedes 
abgeſchloſſene Welten für ſich, und erſt in der Kreuzzugszeit gab es Veranlaſſung, 
darũber nachzudenken, daß auch jenſeits des Bereichs der katholiſchen Kirche 
Menſchen da wären, neben denen man unter Umſtänden leben lernen müſſe. 

Damit bereitete ſich ſchon die Zeit vor, wo die abendländiſche Kultur aus 
dem kirchlichen Gehege hinausdrängte. Die ſeit der Kreuzzugszeit einſetzende 
Entdeckung der Erde durchbrach die Schranken des bisherigen Geſichtskreiſes, 

19* 


292 Der internationale Gedanke 





ber Verkehr Inüpfte Verbindungen mit üüberfeeifhen Ländern, und das Auf- 
fommen der Geldwirtichaft befchleunigte den Rhythmus des Lebens. Man fah, 
man fühlte, man begriff, man mußte begreifen, daß die Mtenjchheit etwas 
fattiid Größeres war als die Gemeinfhaft der Tatholiiden Kirche. Und dazu 
fam, daß diefe Gemeinfhaft in fich jelber zerriß. Die alte Kirche gebar aus 
fih feldft eine Antithefe: den Proteftantismus, die abendländiihe Kultur verlor 
alfo ihren einheitlichen religiöfen Ausdrud. Dabei tat fi aber im übrigen 
feine Kulturkluft zwifdden Katholiken und Proteftanten auf: das ift der Unter- 
[&ted der abendländifchen Kirchenfpaltung von ber älteren zwifhhen Rom und 
Byzanz. Syn diefer Lage mußte offenbar werden, daß das internationale Jnterefje 
ein anderes und räumlich weiteres geworden war als das Tatholifche. 

Der internationale Gedanke überflutete alle Dämme. Es war fein Neid) 
mehr da, au in der Idee nicht mehr, das ihm eine räumliche Unterlage 
gegeben hätte. SYenfeit$ der Meere wohnten ja auch Menſchen anderer Reiche 
und fremdartiger Religionen. Alfo war die Menfjchheit mehr als alle Reiche 
und Religionsgemeinfchaften, der internationale Gedante konnte weder Reich$- 
gedanke noch katholiſcher Gedanke mehr fein, er floß in die Weite wie da$ 
Meltmeer und wurde „uferlos”. Bei dem Mangel einer Menfchheitsorganifation, 
die diefer erweiterten Einficht entfprochen hätte, blieb Doch der univerfale Trieb 
im Menfchenherzen lebendig, der nit nur für den Fortfchritt beichräntter 
Kreife, jondern für das Wohl des ganzen Menfchendafeins etwas Ieiften will. 
Und weil man feine fidhtbare Einheit der Menjchen mehr vor Augen fah, begann 
man fie fittlih zu fordern und im Denlen vorauszufegen. So verlor ber 
internationale Gedanfe feine biftorifhe Bodenftändigfeit und nahm die Ylügel 
bes rationalen Dentens. Aus der neuen Erfahrung und Wiflenihaft gewann 
er den Begriff der „Menfchheit” im modernen Sinne. Bald genug fand eine 
nicht minder rationalifierte Sittenlehre Pflichten, die aus diefem Begriff floffen, 
und „Menfhhenredhte”. rleuchtete Geifter begannen fi als „Weltbürger” zu 
fühlen, obwohl es gar feinen Weltitaant gab, nicht einmal ein nod) jo [dwaches 
Surrogat dafür. Man war Weltbürger eigentlih in bie blaue LZuft hinein. 
Die Zeit felber hatte ein Iuftiges Gefühl dabei freilich Teineswegd. Das ift 
fein Wunder, weil die rationaliftifhe Philofophie Denken und Sein grund- 
fäglih verwmedjfelte. E8 war aljo nur zeitgemäß, wenn der Nationalismus die 
gedachte „Menfchheit” für eine Tatſache der Wirklichkeit hielt. 

So ift denn in der Zeit der Aufflärung bie einft bobenftändige und be- 
grenzte internationale dee fo weit geworden, aber aud) fo von des Gedankens 
Bläffe angefräntelt und „uferlos“, wie fie dem VBerbammungschorus ber 
modernen Nationaliften erjheint. Auf dem europätihen Kontinent — von ber 
befonderen Infellultur Großbritanniens fehen wir ab — war e8 bie franzöflfche 
Revolution, die endlid den Verfuch unternahm, dem melibürgerliden Gedanten 
eine tatjähhlihe Unterlage zu geben und einen Anlauf zur Organifation ber 
Menjhheit zu maden. Statt des erträumten beglüdenden univerfalen Menfchen- 


Der internationale Gedante 293 


ftaate8 wurde freilich in fehter unbemußtem Übergange ein recht gemalttätiges 
franzöftiches Nationalreich fertig: nebenbei einer der Fälle, wo man deutlich fehen 
fann, daß die Gejchichte eine eigene immanente Logik hat, die über Die Gedanken der 
jedesmaligen verebrlichen Zeitgenoffen erhaben if. Aber der rationaliftifche 
weltbürgerlihe Gedanfe hatte damit feine Rolle noch Teinesmegs ausgefptelt. 
Die deutfche tdealiftiiche Philofophie, die in der Erlenntnistheorie jo feharf mit 
dem Rationalismus brach, z0g die ethiichen Konfequenzen vielfach nicht, und 
fo fpielen denn die Weltbürgerpflichten und »rechte bei Kant und feinen Ge- 
finnungsgenoffen noch eine große Rolle. 

Um diefe Zeit begann auch in Deutjchland der Liberalismus aus den 
Ergebnifjen des neuzeitlichen Denkens politifche Folgerungen zu ziehen. Für 
die erftarlenden liberalen Anjhauungen war der internationale Gedanle Höchft 
wichtig. Wolitit follte eigentlich fein die Sunft des praftiich Möglichen, war 
aber damals weit mehr ein fräftig gefühlter Ymperativ, philofopbiich gefundene 
Lehrfäge in die Wirklichkeit einzuführen. Dem begriffsitolzen, immer zum 
Deduzieren geneigten Rationalismus mar die vollstümlihe Wahrheit, daß das 
Hemde näher als der Rod fei, viel zu draftiih. Yhm fchien das Gebanlen- 
wejen des Weltbürgertums viel wichtiger als die Wirklichkeit des Staatsverbandes 
und Bollstums. Nationalgefühl erfhien beinahe ein wenig rüditändig, Staat$- 
gefinnung als Außerlide Ordnungspflidt: daher war im politifchen Programm 
des Liberalismus von Haufe aus der internationale Gedanke, das weltbürgerliche 
Empfinden eine viel felbjtverjtändlichere Sahe als Nationalismus und warme 
Hingabe an den Staat. Nicht jene weiteren, fondern biefe engeren Gefühle 
mußten Hinzugelernt werden. Die geiftesgefhichtlide Situation war gerade 
umgelebrt wie in der Antile, wo der Stadt- und Stammespatriotismus ur- 
anfänglich gegeben waren, und die internationalen Gefühle neu hinzufamen. 

Mir haben hon erwähnt, wie die Ziele der franzöfiihden Revolution aus 
weltbürgerliden unverjehens in nationale umfchlugen. Ahnlich, aber langſamer 
und tbeoretifcher, verlief die Entwidlung in Deutichland. Man begann zunädhjt 
einzufehen, daß die weltbürgerliche Arbeit unmittelbar zum Wohle der Dienfchheit 
do ihre fehr großen praltiichen Schwierigfeiten fand, daß man faft immer 
“darauf angemwiejen fei, feine humanen Beftrebungen in einem engeren Kreife 
zur Geltung zu bringen. So bildete fih das Bemußtjein aus, daß zwiihen 
dem einzelnen und der Menfchheit Unterabteilungen verjchtedener Grade not- 
wendig, und daß die Nationen die wichtigften diefer notwendigen Unterabteilungen 
feien. So fanden die deutichen dealiften ihr Herz zum deutichen Volle wieder, 
daburd daß ja auch dieſes als eine foldhe notwendige Unterabteilung der 
Menfchheit erfhien. Und bald ging man einen Schritt weiter. Gerade weil 
man im PBerlaufe der Revolution an den Franzofen eine Enttäufjung erlebte, 
weil diefe bisher bemunderte Nation ihre humanen Ziele doch in recht eigen- 
artiger Weife verwirflicäte, begann man den Mut zu fafen, dem eigenen Volfe 
eimas zuzutrauen und zu glauben, daß Deutfhe denn doch nicht fähig wären, 


294 Der internationale Gedanfe 


fo fehmählich ihre Jdeale zu verfälfhen. Ya, man begann zu boffen, daß den 
Deutfhen von der Vorfehung eine befondere Leifiung für die Läuterung der 
Sitten und den Fortichritt der Welt zugedadt fei, eine Miffion, Menſchheits⸗ 
volk und Vorbild für alle Zeiten und Völker zu werden, wie einft die Griechen. 
Das wurde der Glaube des Neuhumanismus und unferer Haffiihen Dichtung 
und Bhilofopbie. 

Somit hatte man eine neue nationale Wärme aus dem internationalen 
Empfinden felber gewonnen: das Deutichtum erfchien als ebelites Gefäß des 
Menfchentums, und die Liebe zur Menfchheit Triftallifierte fih in der Liebe zum 
heimatlichen VBollstum. 3 war zunädjft noch eine Gedantenliebe, aber fie 
folte bald naturbafter werden. Denn jebt wadhten bie alten hiftorifchen Er- 
innerungen wieder auf, die mittelalterlichen Refte in den Tiefen der Bolksfeele, 
der alte Kaifertraum und alle die noch bodenftändigen Negungen der Boll8- 
Ihichten, die nicht fo fehr an der Aufflärung der Führenden und Gebildeten 
teilgehabt hatten. Alles diejes halb oder ganz „Rüdftändige” gewann jebt 
wieder Lebensreht. Und man war ja fo berzlich froh, die nationalen und 
biftorifhen „Vorurteile nun glädlih vor feinem Denken rechtfertigen zu können. 
Darum braden fie mit Allgewalt wieder durch. Das war die Stimmung der 
deutfchen Romantik, 

So fam denn ber auferftandene nationale Gebanle gerade nod) zurecht, 
um das werdende politifhe Denlen auch noch mit aus der Taufe zu heben. 
Liberalismus und Romantik find lange nicht fo fhharfe Gegenfäge, wie eine 
ältere Betradhtungsweife glaubte. Nicht nur den nationalen Gedanken an fid 
baben beide gemein, au) mander von der Romantif erneuerte befondere Zug 
fand feinen Weg in das neue politifche Denken, 3. B. die Katferidee und das 
Vermächtnis der politifchen Einheit des deutfchen Mittelalters, auch viele ftändifche 
und territoriale Erinnerungen. Die weltbürgerlichen been aus dem Erbe der 
Aufflärung blieben daneben beftehen. Auch die Nomantifer hörten nicht auf, 
ihnen zu buldigen. Denn was ift 3.8. die heilige Allianz anderes, als ein 
Verſuch, dem internationalen Gedanten eine gewiffe durch Verträge garantierte 
Wirklichleit zu geben! Noch viel weniger gaben ihn die Liberalen auf, bie 
mehr Rationaliftenblut in den Adern hatten. Seit der ulirevolution ftellten 
fie der heiligen Allianz bemwußtermaßen den Gedanken von der Solidarität der 
unterdrüdten Völler gegenüber. Und mie grundbfäglich man auf beiden Seiten 
ben Menichheitsgedanfen über die ganze Erde ausdehnte, bemeift, daß man 
auf fürftliher wie auf Liberaler Seite ebenfomohl den fübamerifanifhhen Re 
volutionen wie dem griechifhen Freiheitsfampfe prinzipielle Bedeutung für 
Europa beimap. 

Einen gemwiffen Ausgleich zwifchen dem nationalen und dem internationalen 
Bol fand man in Deutichland in der großdeutichen Jdee. An diefe mündete, 
was von mittelalterliden Neichgerinnerungen wieder lebendig geworden war, 
ebenfo der neubumaniftifhe Glaube an die Menfchheitsmiffion des Deutichlums 


Der internationale Gedanke 295 











und die politifden Hoffnungen für die nationale Zuflunft. Kam da8 erträumte 
Großdeutfähland zuftande, fo war nicht nur die nationale Einheit verwirklicht, 
ſondern ſchon durch die geographifhe Ausdehnung Ofterreih, auch wenn man 
defjen nichtdeutiche Länder außerhalb des Neichsverbandes Tieß, ein Hand-in- 
Hand-gehen mit weitjlawifchen, magyarifhen und italienifhen Vollselementen 
notwendig. Diefes nationale Neid) hätte über fich felbft hinaus auf über- 
nationale Aufgaben gewiefen. Aber die Ergebniffe der deutichen Revo—⸗ 
Iution von 1848 und der Ereigniffe von 1866 machten die großdeutfchen 
Hoffnungen zunichte, und das fiegreiche Kleindeutſchtum ſchloß alle Einſchläge 
internationaler Gedanten, Hiltorifde Nefte fo gut wie rationale Kon- 
ftruftionen, aus. 

Gewiß hatte die großdeutiche Fdee den über die Nation hinausweiſenden 
Menſchheitsidealen nur eine vielleicht unvolllommene Heimftätte geboten, aber 
fie hatte doch etwas davon in fih aufnehmen Tönnen. Das Heindeuifche Neichs- 
patho8 dagegen flo alles Mehr-als-Nationale aus. ES mehrte fih fait 
frampfhaft gegen gewilfe mittelalterliche SKaifererinnerungen, erfand fogar das 
falide Schlagwort vom „evangelifhen“ SKaifertum, obmohl der deutfche Staat 
feine Konfeffion hat und baben darf. E8 war kein Wunder, wenn die Satho- 
Iifen in der Reichsgründungszeit unter den fogenannten „Neichsfeinden“ beifeite 
ftanden und ihre kirchlichen deale erneuerten. Hatten fie in der Kirche ftet3 
no einen feiten Boden, den man ihnen nicht nehmen Tonnte, fo wurden Hin- 
gegen die Demokraten völlig ind Land Utopia vermwiefen. Somiefo ihrer 
geiftesgefhichtlichen Abftammung nad) am meiften mit dem alten Rationalismus 
verwandt, erhoben fie jenes Gedankending „Menfchheit” wieder auf den Thron, 
das einft im 17. und 18. abrhundert Tonftruiert worden war. Nur war 
diefes internationale Pathos einft unpolitife gewejen und trat jet mit politi« 
[hen Anfprüden auf den Plan. Untergegangen war dieje Art Menfchheitsideal 
feither nie, 1830 und 1848 hatte es eine Rolle gefpielt, aber zu einer großen 
politiiden Macht wurde e3 doch erft jebt, als das Fleindeutiche Neich die demo» 
fratifchen, Parteiideale nicht gelten ließ, und ein wirtjchaftlich-fozialer Macht- 
faltor erften Ranges, die Arbeiterbewegung, die demofratiihen Schlagworte zu 
den ihren machte. 

Zum Geiftesrüftzeug des Sozialismus gehört nämlich der internationale 
Gedanke nicht. Sozialiftiich Tann auch der Nationalftaat fein. Er ijt ein Erb- 
ftüd des bürgerlichen Radilalismus, der ihn feinerfeit$ von der Aufklärung 
übernahm. Karl Marz, der Stifter der fozialiftifchen Internationale, war eben 
feiner Herkunft nach) ein bürgerlicher Nadilaler. Sn diefer Geiftesrichtung wurde 
das Nationale völlig verneint. Alle Unterbrücdkten der Erde, gleichviel ob weißer, 
ihwarzer oder gelber Hautfarbe, feien folidarifch gegen die herrſchenden Klaſſen. 
Die Nationen haben höchftens als Unterabteilungen der Menfchheit Eriftenzrecit, 
weil die ganze Menfchheit etwas zu groß ift, um fie völlig von einem ‘Punlte 
aus zu beglüden. Allgemeiner Weltfriede und einbeitlihe Organifation ber 


296 Der internationale Gedanke 





gefamten Menfchheit find von diefem Standpunkte aus fittlicde Forderungen, 
die dur) Verträge zu verwirkliden find. 

Völlig verfehteden ift diefer moderne internationale Gedanfe von dem 
antiken römifchen Reichsgedanten und au) von der Tatholifchen Fdee. Er ift 
nicht wie diefe beiden hiſtoriſch bodenſtändig, ſondern „uferlos“, er achtet Leine 
natürlichen Schranfen, denn er ift nichts als das, Tonftruierte Gedantenmwejen 
der Aufflärung, das nur jebt die Kühnheit bat, mit politiichden Machtaniprüchen 
aufzutreten. Die Gefchichte verläuft aber in der Wirklichleit und nicht im 
rationalen Denken, und nicht Verträge geftalten und verändern die großen 
politifden Organifationen der Menfhen, fondern Mächte. Wenn daher das 
internationale Pathos unferes Volles filh großenteils feindlich gegen unferen 
nationalen Staat wandte, fo diente e8 in Wahrheit nicht fich felber, weil es 
fein Subftrat auf dem wirfliden Boden diefer Männererde hatte, fondern bödh- 
fteng außernationalen Mächten, die e8 befjer verftanden hatten als das deutſche 
Boll, ihrem nationalen Gedanlen Bedeutung für die weite Welt zu ver- 
ſchaffen. 

Eine ſolche Macht war vor allem England. Während man auf dem 
Kontinent um das Erbe der Vergangenheit rang, war der wichtigſte Teil der 
überſeeiſchen Erde engliſch geworden. Hätten unſere Sozialdemokraten ihre 
Weltfriedens- und Vertragspläne durchſetzen können, ſie hätten nichts anderes 
erreicht als die Sanktionierung der Tatſache, daß die Welt wahrſcheinlich für 
alle Zeiten engliſch blieb und immer mehr wurde. England hatte das welt—⸗ 
umſpannende Reich und damit die Macht zu befehlen. Wer bei uns inter 
national ſein wollte, war in der Tat nur engliſch. So verfahren war unſere 
Lage bis zur Schwelle des Weltkrieges, daß ein Kleinod des deutſchen Geiſtes, 
nämlich die ehrliche Begeiſterung für das Wohl der ganzen Menſchheit, zu einem 
Schaden unſerer Selbſterhaltung wurde. Welch eine Erlöſung, daß der Krieg 
den gordiſchen Knoten des Widerſtreits zwiſchen den nationalen und den inter⸗ 
nationalen Strebungen zerhauen bat! 

Wenn der Krieg fiegreich ausgeht, dann werden wir unferen Pla an der 
Sonne neben den Engländern gewinnen, dann wird in einem angemefjenen 
Zeile der Welt nicht die englifche, fondern die deutfde Kultur die Arbeit für 
das Wohl und den Fortichritt der in diefem Raume mwohnenden Völler über- 
nehmen. Schon ift von der Norbfee bi8 fait an den Perfiichen Golf eine Gaffe 
gebroden, und vier Reiche <röffnen durch ihre Waffenbrüderfchaft der Zukunft 
ben Weg. Wir Deutfche werden berufen fein, dem Menfchheitsgedanfen mit 
an eriter Stelle unter den Völkern zu dienen, und wir werden zeigen Tönnen, 
ob wir wirklich wie einft die Griechen ein Salz der Erde find. Generationen 
, unjeres Volles haben ein reines Pathos an den internationalen Gedanken gejegt. 
Wir wollen diefe8 Pathos, das uns früher in unferer nationalen Entwidlung 
mandmal hemmte, jebt al$ nunmehr geläutertes Koftbares Erbe der Vergangen- 
heit ung zu eigen madhen und an den Völkern, die uns Vertrauen fchenfen, echte 


— — - 


— — 


Der internationale Gedanke 297 


Kulturarbeit leiſten, fie aber nicht als Objelte eines undeutſchen chauviniſtiſchen 
Weltherrſchaftsdünlels mißbrauchen. 

Wenn wir nach dem Kriege zu ſolcher praktiſchen internationalen Kultur⸗ 
arbeit berufen ſind, dann werden hoffentlich aus unſerem Geiſtesleben die letzten 
Reſte jenes „uferloſen“ Internationalismus der Aufklärung und der Demokratie 
des neunzehnten Jahrhunderts verſchwinden. Möge der weltbürgerliche Gedanke 
dafür aus ſeinen bodenſtändigen älteren Formen die brauchbaren Ideale wieder 
ũbernehmen! Sollte, wie wir hoffen, aus den beiden Zentralmächten Deutſchland 
und Oſterreich⸗ Ungarn ein dauernder Verband irgendwelcher Art erwachſen, ſo 
haben wir ja wieder in Wirklichkeit eine ſolche übernationale Organiſation, wie 
ſie das Römiſche Reich und die katholiſche Konkordanz in ſonſt natürlich ganz 
unvergleichbaren Formen für ihre Zeiten geweſen ſind. Dann braucht unſere 
internationale Sehnſucht nicht mehr in die Ferne zu ſchweifen. Mitteleuropa 
iſt dann ihr Gebiet, wo ſie Kultur- und Vereinigungsarbeit genug leiſten kann, 
und doch auch wieder Grenzen hat, die jede Wirklichkeitsarbeit braucht. Vielleicht 
ſchließen ſich mit der Zeit noch mehr Staaten dem mitteleuropäiſchen Verbande 
an. Dann wird der Raum umſo weiter und die Arbeit umſo größer und für 
die Menſchheit wichtiger. 

Einen Raum aber, einen beſtimmten Raum für unſern internatiovalen 
Gedanken ſoll uns der Krieg vor allem geben, damit wir eine wirkliche und 
faßbare „Menſchheit“ vor uns haben, nicht mehr jenes Gedankending, das vor 
dem Kriege beinahe unſerer nationalen Zukunft gefährlich zu werden drohte. 
Wir wollen uns nicht mehr vor lauter weltbürgerlichem Pflichtgefühl für engliſche 
Intereſſen ins Zeug legen, ſondern in unſerem eigenen Raum auf dieſer Erde 
für die Völler arbeiten, die unſere Freunde ſind, die ihr Blut mit unſerem zu⸗ 
ſammen vergoſſen haben. Hier, ihr Sozialiſten und Demokraten, habt ihr eine 
Möglichkeit, eine internationale Solidarität zu begründen, die nicht in den nebel- 
baften Fernen des bloßen Gedanlens und Wunfches verfämindetl Und, ihr 
Katbolilen, follte, wie daS Bündnis mit der Türkei und Bulgarien uns hoffen 
läßt, der deutide Kulturgedanfe im Drient dauernd Einfluß gewinnen, fo tft die 
Möglichkeit nicht von der Hand zu weifen, daß die römische Kirche die verlorene 
Verbindung mit den griehiichen und orientalifchen Chriften wiedergewinnen 
könnte. 

Täuſchen die Zeichen der Zeit nicht, ſo ſteht für unſer Volk die Epoche der 
Bewährung vor der Tür. Was der Glaube unſerer Beſten und oft der Schmerz 
unſeres Volksgewiſſens war, das ſoll jetzt in Wirklichkeit ausgeſät werden und 
Früchte tragen. Wir ſollen wirklich Gelegenheit finden, die Kultur der Erde 
über den Kreis der Nation hinaus zu vermehren und die Menſchheit, ſo viel 
an uns ift, volllommener zu machen. Ein Reich nicht unſerer Herrſchaft, aber 
unſerer Arbeit wird uns geſchenkt, daß wir nicht mehr mit unſerem weltbürger⸗ 
lichen guten Willen Völkern nachzulaufen brauchen, die gar nichts von uns 
wiſſen wollen, ſondern denen um ſo mehr dienen können, die unſere Freundſchaft 


298 Koalitionsfrieg 
zu fchäben wiffen. Dan Ieiftet ja in Wahrheit viel mehr, wenn man jeine 
Arbeit nicht verzettelt. So werden au) wir dem internationalen Gedanken auf 
engerem beftimmten Raume beffere Dienfte leiten als in der uferlofen Weite. 
Btsher war das Weltbürgertum unferem Nationalismus feind. Wenn es 
jest einen beftimmten Raum für fein Walten und ein Feld praltifher Betätigung 
findet, werden beide in einen Alford zufammenklingen. Die Nation wird in 
ein größeres Ganze hineinwachfen, aber nicht als Unterabteilung eines national 
fonftruierten Gebanfenwefens „Menfhheit”, fondern als lebendiges Organ eines 
zum Leben erwacdhenden Menfchheitsorganismus, der mehr als ein Staat ift. 





Koalitionsfrieg 


a er franzöftiche Yournalift Rivarol hat von den Soalitionen_ge- 
fagt: „Elles sont toujours en retard d’une annee, d’une 
armee et d’une pensee.“ Man könnte dagegen einwenden, daß 
die Zentralmädhte, die Doch au eine Art von Koalition bilden, 
die Unrichtigleit des Ausipruches bemwiejen haben, denn fie haben 
wenig verfäumt und find nie um Armeen und “deen verlegen geweſen. a, 
fie haben im Gegenteil einen folchen “$deenreihtum und ein derartiges Gefchid 
in der Einfegung ihrer Armeen an den richtigen Stellen und zur richtigen Zeit 
an den Zag gelegt, daß jelbit die Gegner ihnen ihre aufrichtige, neiderfüllte 
Bewunderung nicht verfagen fonnten. In der Ententepreffe und namentlich in 
den englifchen Blättern glaubt man, wie für alle peinlichen Überrafhungen, 
melde die Bierverbandsmächte in diefem Kriege erlebt haben, auch dafür eine 
Erflärung gefunden zu haben, die ihrem eigenen Preftige aufbelfen fol. Für 
die Zentralmächte, fchreiben fie, jet es leicht, einheitlich vorzugehen. Sie würden 
alle von Deutfhland oder richtiger von Preußen fo tyrannifiert, daß fie feinen 
eigenen Willen mehr haben dürfen und blindlings geboren müfjen, wenn man 
in Berlin befiehlt. Der Londoner „Daily ZTelegraph“ fpielt in einem Artikel 
„Die Bolitif der Verbündeten“ Diefes Argument al8 Trumpf aus. Er fchreibt: 
„Sie (das verführte Öfterreich- Ungarn und die beiden anderen Opfer: Türkei 
und Bulgarien) müfjen tun, was man ihnen fagt, und wenn ihre Anfichten 
zufällig mit denen der Striegäherren in der Wilhelmftraße nicht übereinftimmen, 
fo brauden fie nicht berüdfichtigt zu werden. Wir (die Entente) haben im 
Gegenfate dazu mit wirklichen Verbündeten zu tun, die über die Ziele voll» 
ftändig einig find, aber gelegentlich in ihren Anfchauungen über die Mittel aus« 
einandergeben, wie das nur begreiflich ift.” 





Koalitionsfrieg 299 


Milder könnte man fich über die „gelegentlihen” Dieinungsverfchiedenbeiten 
unferer Feinde nicht ausdrüden, zumal wenn man an die wenig fhmeichelhaften 
Äußerungen der italienischen Preffe über das verbündete England nach dein 
Tale Montenegros dentt. Auch die vielgerühmte Einigkeit über das Kriegsziel 
befteht offenbar nit. Nur jo wenigftens läßt es fih erflären, warum Sir 
Edward Grey fi) genötigt fühlte, dem deutfhen Botfchafter in London, Fürften 
Lichnowäly, bei feiner Abreife anzudeuten, daß England im Falle eines ruffiichen 
Siege Deutihland vor einem zu tiefen Sturze bewahren wolle. 3 ift ja 
alles fo ganz anders gelommen, al man es bei unferen Feinden erwartet hat! 
Wie die Dinge jegt für die Entente liegen, läßt fih allerdings injofern von 
einem einheitlichen Sriegsziele jprechen, als fie ohne Ausnahme von demfelben 
unerreichten Wunfche befeelt find, endlih aus der Defenfive in die Dffenfive 
überzugehen und ihre Feinde zu befiegen. Darüber hinaus aber fann von 
Einheitlichleit nicht die Nebe fein. Wenn die Vierverbandsmädhte einige große 
Siege erlämpften und gezwungen wären, fi) darüber ins Reine zu fommen, 
was nah dem fchlieklihen Zriumphe, von dem ihre Zeitungen noch immer 
ſchwärmen, zu geicheben hätte, jo würde die Welt vielleiht ein ähnliches 
Schaufpiel erleben, wie nah der Beflegung der Türkei dur die Balfan- 
ftaaten. 

Angenommen, e3 wäre den Engländern und Franzofen geglücdt, den Ruffen 
Konftantinopel zu erobern. Was für eine Unmaffe von politifden Problemen 
unangenehmfter Sorte hätte fih daraus ergeben! England hätte feinen öftlichen 
Verbündeten in der europätfhen Türkei nicht fo ohne Weiteres wirtichaften 
lafien lönnen, wie er wollte, und bätte ihm vermutlich dur) Befegung der 
Dardanellen einen Dämpfer aufgefebt. Unter diejen Umftänden wäre die obne- 
hin nicht fehr feit begründete FSreundfhaft zwiichen den beiden Ländern ficher 
fehr bald zu Ende gewejen. Mehr no als die Rivalität zwiſchen Rußland 
und England bat der Abfall Italiens vom PDreibunde und fein Beitritt zur 
Entente Konfliitsmöglihleiten gefchaffen. Die italtenifche Politil, welche in den 
legten Jahren die Adria als italienifches Binnenmeer, „il mare nostro“, be- 
tradhtet bat, verfolgt am Balfan Ziele, die fi) mit der urfprünglihen Ballen. 
politif der Entente ganz und gar nicht vereinbaren laſſen. Der befannte 
Bublizift, Sir Arthur Evans hat in einem vielbeiprocenen Artikel im „Manchefter 
Guardian” darauf hingemwiefen. Er hat das Debacle, welches die Entente am 
Balkan erlebte, zum Zeil diefen einander miderftreitenden Intereſſen zugeſchrieben 
und England vorgeworfen, daß es in feinen Abmachungen mit Stalien bedeutende 
flawifhe Gebiete den talienern ausgeliefert und fi dadurd) viele Slawen, 
die früher ihre Hoffnungen auf die Entente gefett Hatten, entfremdet habe. 
Die Staliener hätten nah Sir Arthur Evans Montenegro leicht retten können, 
wenn es thnen ernftlih darum zu tun gemejen wäre. Aber fie hätten es 
vorgezogen, Balona zu befegen nad) dem Grundfae, daß der Sperling in der 
Hand befier fei ald die Zaube auf dem Dad. Man fieht, daß der „Daily 


300 Koalitionsfieg 


— 
— 


Zelegraph“ fi etwas zu optimiftifh äußert, wenn er nur vom einem gelegentlichen 
Auseinandergehen der Anihauungen über die Mittel fpricht. 

Das große Problem, wie man es anftellen muß, um bem einheitlichen 
Borgehen der Zentralmächte ein ähnlich einheitliches Vorgehen entgegenzufeben, 
bildete bei dem Vierverbandsmächten allerdings fchon Tange den Gegenitand von 
Beratungen gemeinfamer Kriegsräte und von unzähligen Leitartileln und Auffägen 
militärifher Fahmänner. Zrogdem hat man das Gefühl, daß dabei bisher 
eigentlich nichtS berausgelommen if. Man macht Verjudhe über Berjuche und 
vergißt, daß das, was man eigentlich anftrebt, nämlich größere Einfachheit, nicht 
erreicht wird, fondern daß man aus dem herrihenden Durcheinander in eine 
immer unangenehmere SKompliziertheit hineingerät. Und wenn man fchliekli 
fieht, daß die erhoffte Verbefferung der Lage nicht eingetreten ift, bemüht man 
fih, die Gründe für das Fehlfchlagen der Pläne ausfindig zu machen und bem 
enttäufhten Publilum zu erflären, warum es fo kommen mußte und nicht 
anders: Man vertröftet den Lefer auf den nädjiten Frühling, den nädhiten 
Sommer, Herbft und Winter, on est toujours en retard d’une anne, d’une 
armee et d’une pensee. Gibt es tn diefem Kriege einen fehwergeprüfteren 
Mann als den gläubigen Lefer von Ententezeitungen und »zeitfehriften? 

Kaum mar das erfte britifche Erpedittonstorps auf dem Kontinent angelommen, 
al3 man au ſchon von Reibungen zwiſchen dem franzöſiſchen und dem britifchen 
Dberlommandierenden hörte. Die Meinungsverfchiedenheiten bejchränkten fi 
nit nur auf das Zufammenmirken der Verbündeten, fie waren auch in jedem 
einzelnen Lager, vor allem aber in England, jo ftar! fühlbar, daß daraus für 
die Sieben, die ausgezogen waren. um Denutfchland und Ofterreih-Ungarn zu 
vernichten und die Landkarte Mitteleuropas gründli umzuändern, die unheil- 
volfiten Folgen entitanden. Die mißlungene Entfegung Antwerpeng dur 
Churhils Marinebrigade, diefes Meifterftüc an militärifchem Unverftand, das 
fi der erfte Lord der Admiralität anfcheinend ganz auf eigene Fauft leiftete, 
ift wohl das Haffifchite Beifpiel in der eriten Phafe des Krieges. Einige 
zehntaufend balbausgebildete Amateurfoldaten hätten Damals eine verlorene 
Stellung retten folen. Ganze Scharen von ihnen gerieten in bolländtiche 
Kriegsgefangenfhaft.e Da fie beffere Schaufpieler als Soldaten find, ift aus 
ihnen eine im Lande jehr beliebte Kabarettruppe, die „Zimbertown Yollies“, 
wie fie fi) felbitironifierend nennen, hervorgegangen, die mit Erlaubnis ber 
holländiihen Militärbehörden die Städte bereit und zugunften der durch bie 
Waſſersnot Betroffenen Vorftelungen gibt. Das Schidfal war ihnen aber 
au) bier nit Hold. Nachdem ihnen das Glüd der Freiheit eine Weile ge- 
lächelt hatte, mußten fie plöglic) wieder ins Gefangenenlager nad Groningen 
zurüd, um dort Strafen wegen eines nicht ganz aufgellärten Möbelbiebftahls 
abzufigen. 

Man erinnert fi) ferner an die erften Depefchen des Feldmarſchalls French, 
die fharfe Kritilen einiger franzöfifcher Generäle enthielten, und deren rüdfidhts- 


Koalitionsfrieg 301 


— 


loſe Veröffentlichung die Eitelkeit der Franzoſen ſehr verletzte. Andererſeits litt 
es der engliſche Stolz nicht, daß die britiſchen Streitkräfte an der Weſtfront 
einem einheitlichen und zwar franzöſiſchen Oberkommando unterſtellt wurden. 
Im Gegenſatz zu den Zentralmächten, bei denen nach Bedarf öſterreichiſch- 
ungariſche Truppen deutſchen Kommandanten untergeordnet wurden und um⸗ 
gekehrt, wollten die Engländer um keinen Preis auf dem Schlachtfelde ihren 
inſularen Dünkel aufgeben, obwohl angeſehene Autoritäten, unter ihnen der 
bekannte Militärſchriftſteller Spenſer Wilkinſon, ein einheitliches Oberkommando 
für unerläßlich erllärt hatten. Dieſelbe Uneinigleit führte auch in England 
ſelbft immer wieder zu Kriſen. Die Angriffe, welche die Northcliffeſche Preſſe 
tm letzten Frühſommer gegen das Kriegsamt richtete und die indirekt der Perſon 
des Lord Kitchener galten, waren mehr als eine der unzähligen Zeitungs⸗ 
fampagnen, an denen es in England auch während des Krieges nie mangelte. 
MWahricheinlich gingen fie vom Oberbefehlshaber an der britifchen Weitfront aus. 
Die erfte fenfationelle VBeröffentlihung über den Munitionsmangel in der „Times“ 
ftammte von dem militärifehen Mitarbeiter des Blattes, Dberft Repington, der 
Trend eben einen Befuh an der Weftfront abgeftattet hatte. Der Zufammen- 
bang fit durhfihtig. Die Neibungen zwiichen Frenh und SKitchener waren 
damit nicht beendet. Sie haben zu dem Rücktritt des britifchen DOberbefehls- 
babers geführt, denn als Rüdtritt ift feine Ernennung zum Dberlommandierenden 
der Streitkräfte in England, der fogenannten home forces, anzufehen. Die 
Meinungsverfchiebenheit zwilhen rend und Kitchener war derartig, daß fie 
eine Zufammenarbeit der Beiden unmöglich madte. French fehte fi) mit aller 
Energie dafür ein, daß England fi militärifh im Weften lonzentriere und 
dort alle feine verfügbaren Streitlräfte in den Kampf bringe. Er fagte fich, 
daß die Entfheibung nur an den großen Fronten erlämpft werden könne und 
verurteilte alle Heinen, nicht unbedingt notwendigen Einzellampagnen, die er 
für eine Zerfplitterung der Kräfte anfah. Die Ereigniffe fcheinen ihm Recht 
gegeben zu haben. Borläufig ift er laltgeitellt, aber er bat feinen politifchen 
Andang, der die Flinte noch nicht ins Korn geworfen bat. 

Befonders fcharf war die Kritik in ihrer eigenen Prefjfe, al3 die Weſt⸗ 
mädte, offenbar duch Munitionsmangel behindert, e3 unterliegen, mährend 
ber Rüdzugsfämpfe der Ruffen in Polen dur) eine große Offenfive im Weiten 
ihrem Verbündeten Luft zu machen. ALS die Dffenfive endlich einfehte, war 
e8 zu fpät. Den Weiterblidenden unter den engliihen Bolitilern fam das 
vielleicht gar nicht unerwünidt. ES hätte ihnen vielleicht größeres Unbehagen 
verurfacht, wenn bie Ruflen wirklich wie eine Dampfwalze nach Berlin und Wien 
vorgedrungen und damit militärifch und politiid übermächtig geworden wären. 

Die Verhinderung, daß eine Macht in Europa eine Art von Hegemonie 
ausüben fan, die dee des Gleichgewichts der Mächte auf dem europätichen 
Kontinent, des gegenfeitigen Sih-in-Schad-Haltens, gehört ja feit je zu dem 
Ariomen der englifchen äußeren Politit und war eingeftandenermaßen einer der 


302 Koalitionsfrieg 


Hauptgründe, warum Sir Edward Grey fih am Sriege beteiligte. Und fo 
war es ihm vielleicht nicht ganz unwilllommen, daß Nikolai Nilolajemitih, fo- 
lange er noch offenfiv auftrat, fi) anfcheinend nicht recht entjheiden Tonnte, ob 
er feine Dampfmwalze zuerft nach Berlin oder nah Wien rollen laffen folle, 
fo daß ein neutraler Beobachter über ihn fehrieb: „Man weiß nidht, wo er 
eigentlich hin will, nad) Wien oder nad) Berlin. Entre ces deux son caur 
balance.“ 

Die Koalition unfrer Feinde Fitt fomit von allem Anfang an unter innerer 
Schwäche, ſowohl als Ganzes genommen, wie aud) in ihren einzelnen Gliedern. 
Und diefe Schwädhe wuchs rafcd und wurde immer deutlicher. Am meilten trat 
fte hervor, al8 Churhill, um über den Mangel an Erfolg binwegzutröften und 
ohne Rüdfiht auf die mögliden Folgen im Falle eines Sieges, fih auf fein 
Dardanellenabenteuer einließ. Der Kriegsfhaupläge find im Laufe der Zeit 
immer mehr geworden, und die Einheitlichleit der Kriegführung ift ganz in bie 
Brühe gegangen. Die Kommandos auf den verfchiedenen Kriegsihauplägen 
waren voneinander unabhängig. Man hatte allein bei den weltlichen Ver⸗ 
bündeten zwei felbftändige Heeresleitungen in Franfreih, zwei in Gallipoli, 
eine in Mefopotamien, die überhaupt nichtS mit London zu tun hatte, fondern 
von Sndien reffortierte, eine in Egypten und eine in Salonili. Es lam die 
Zeit der größten militärifhen Ohnmacht der Entente, die Wochen, in denen 
Serbien endlich feinen Lohn für die Bluttat in Sarajemo erhielt. Unjere 
Feinde famen überall zu fpät. in englifches Blatt bemerkte melandolifdd, es 
fei merfwärdig, daß man dem Publilum immer vorhalte, wie ftarf die Ver⸗ 
bündeten feien, und daß trogdem nichts gefchehe. Lffenbar fei man gerade 
immer dort ftarl, wo es im Angenblice nichts zu tun gäbe. Und die „Zimes“ 
fhrieb einen feharfen Leitartikel, in dem fie verlangte, daß in die Kriegführung 
im Dften do endlih Ordnung fommen müfle und man dort einen Mann 
braudje, der die Verhältniffe genau fenne und felbftändig handeln dürfe. Sie 
mollte einen ftarfen Dann für den often haben. Das war au dringend 
notwendig geworden. Serbien war zerfceämettert, Montenegro lag in den leten 
Zügen, in Mefopotamien ging es rüdwärts ftatt vorwärts und in Gallipoli 
war man fchon feit Monaten nicht von der Stelle gelommen. Kitchener felbft 
mußte fih aufmaden, um endli nad dem Rechten zu fehen. Dan fing an 
in London und Paris gemeinfame Kriegsräte abzuhalten und erflärte offiziell, 
daß nunmehr die Einbeitlichfeit der Kriegführung gefichert fe. Was fchon längft 
unbedingt notwendig gewefen wäre, wurde jebt feierlih al8 große Errungen- 
[haft in die Welt pofaunt, daß man nämlich endlich wife, wa man wolle. 
Gallipoli wurde geräumt, Griechenland gründlich gefnebelt, und die „weitliche” 
Schule hatte anjheinend eine Stärkung erfahren, obwohl French ging. Schlieklich 
wurde aud) die Oberleitung über die Truppen in Mefopotamien von ndien 
nad London verlegt. Aber der ftarle Mann für den Dften war nicht auf- 
getaudit, in Mefopotamien tft noch kein Umfhmwung eingetreten und die Rettung 


Koalitionsfrieg 303 


Serbiens, wenn e3 da überhaupt noch etwas zu retten gibt, it anjcheinend auf 
den Frühling verfhoben. PBorausgefegt, daB der Borftoß von Salonili mehr 
ift als ein Buff, mit dem man Truppen ber Zentralmädte am Balkan feft- 
balten will. Bielleiht wiffen die Verbündeten felbjt noch nicht genau, was fie 
in Salonifi eigentlich anfangen werden. In diefem Falle beitünde aljo die alte 
Unjlüffigteit weiter, ebenfo wie in England felbft da3 Durcheinander, der 
„muddle“ weiter in Ehren bleibt, wie die Erperimente mit der Luftverteidigung 
bemweifen. 

„Vergleicht die Wirkfamkeit der deutfchen Pläne mit der der Pläne der 
Berbündeten”, fchrieb der „Manchefter Guardian“ vorwurfsvoll in einem XLeit- 
artilel. „Weder im Often noch fonft wo hat die deutiche Strategie eine Spur 
von Gentalität verraten. Sie ift nad) ganz Tonventionellen Gefichtspuntten vor« 
gegangen”. Und do, und doch — — — —! €8 ift immer wieder dasfelbe 
Lied, ob bei den „Hunnen“ oder den Anwälten der europäifchen Zivilifation. 
Sie fingen alle: „Deutfchland, Deutichland über Alles“. Cs ift übrigens 
interefjant in demfelben Leitartifel des „Manchefter Guardian“ zu lefen, wie 
fih das Blatt die Neuorganifation, mit ber e8 Deutfchland zu fchlagen hofft, 
vorflelt.. Darad wäre Paris die natürliche Zentrale für die Leitung der 
Operationen an der Weftfront, Egypten für die Operationen gegen die Türkei 
und am Balkan, Indien für Mefopotamien und London für die Koordination 
ber Operationen in Rukland und an der Weftfront. Sein einfaches Programm, 
wie man fiehtl Wenn man dem „Mancheſter Guardian” feinen Wunfh er- 
füllte, würde man vier Stellen erhalten, die mehr oder weniger unabhängig 
von einander die Leitung der Kriegführung in Händen Hätten. Und daneben 
würde e3 nod) eine KriegSleitung in Petersburg geben, die fi vorausfichtlid 
mit der Londoner Sriegsleitung bejtändig in den Haaren liegen würde. Eine 
rafde und ausreichende Verftändigung zwifchen diefen vom „Mandeiter Guardian“ 
vorgefählagenen SKriegsleitungen wäre faum möglih. Die bivergierenden Mei- 
nungen der verj&hiedenen Yeldherren würden den Wirrwarr no) größer machen. 

Schon jest fommt es häufig vor, daß einer der Beteiligten fich nicht in 
den Rahmen einfügen will oder fonft etwas nicht Happt, was fo fchön aus- 
gedadht war. Entweder es ift das Schmerzenstind talten, von dem man fo 
viel erwartete und das fo wenig hielt oder Dtunitionsmangel oder da8 Klima 
oder fonjt etwas. Zumeilen bat e8 den Anfchein, als ob e8 endlich anders 
werden würde. Man reformiert und verkündet der Welt, daß nun alles gut 
fei. Zatfächlich fcheint es au, al3 ob mehr Schwung in die Kriegführung der 
Koalition fommen follte. Dan bat gerade in der allerlegten Zeit immer wieder 
mit aller Beftimmtheit erflärt, daß die Zeiten der ‘Blanlofigfeit und Jrrtümer 
vorÄäber feien und daß noch im Laufe diefes Jahres die Zentralmädhte zu fühlen 
belommen würden, was e3 heißt, gegen eine geordnete Phalanr von vier Groß- 
mädhten, die untereinander einig und reichlich mit Waffen und Munition ver- 
jeden find, zu kämpfen. Briand tft nach Stalien gefahren, um feinen lateinifchen 


304 Die Ausaleihung der Samilienlaften 
Brüdern ins Gemüt zu reden, und biefe Reife Toll ausgezeichnete Kolgen gehabt 
baden. In London, Paris, Petersburg und Rom verkündet man gleidherweile 
das nahe bevorftehende Ende des Militarismus der Zentralmädte. Die großen 
Worte der Ententepreffe bröhnen einem im Dhre. Aber es tft nicht das erite- 
mal, daß Deutfchland und feinen Bundesgenoffen der baldige Untergang 
prophezeit wird und es ift zu erwarten, daß es auch diesmal bei den Jllufionen 
bleibt und fo weiter geht, wie der Untonijt Sir Marf Syles neulid) im Unter- 
baufe fagte: „Wir debattieren und der Yeind befälteßt, wir unterjuden und 
der Feind macht Pläne, wir find erftaunt und der Yeind handelt!“ 





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Die Ausgleichung der Familienlaſten als Grundlage 
einer gerechten Beſteuerung 
Von A. Zeiler, J. Staatsanwalt in Zweibrücken 


Or" der Februarnummer von „Recht und Wifjenfhaft” bat Herr 
"Sf 3 Geheimrat Strug mit fchlagenden Gründen die Notwendigkeit 
u F dargetan, bei der künftigen Geſtaltung der Steuer weit ſtärker 
2 als heute auf die Höhe der Familienlaften der Steuerpflichtigen 
NRüdfiht zu nehmen, anderfeitS aber davor gewarnt, fi von 
he fogenannten Junggefellenfteuer einen tarfen Einfluß. auf die Hebung der 
Bollszahl zu verfprehen. Wenn ich troß aller Übereinftimmung mit diefer 
Auffafjung auch noch die Aufmerlfamfeit des Lefers erbitte, jo geichieht es aus 
einem doppelten Grunde: weil mir die Benölferungsfrage eine der widtigiten 
iheint, deren Löfung uns obliegt, und weil ich glaube, daß Struß mit den 
aus feinen Betrachtungen gezogenen Folgerungen lange nicht weit genug gebt. 
Wir find darüber einig: Der ernften Gefahr, in der Benölferungszahl 
von den Öftliden Nachbarn ftark überflügelt zu werden, muß mit aller Kraft 
entgegengetreten werden. Zum Ziele führt nicht ein einzelnes WDkittel; fondern 
alle die manderlei Mittel, die wir Tennen, müfjen verbunden und nebenein- 
ander angewendet werden. Wenn aber die Hebung der Lebenshaltung und 
damit die bedrohlich fteigende Schwierigkeit, eine größere Familie aufzuziehen; 
wenn die immer ftärfere Verbreiterung ber Kluft zmilchen der Lebenshaltung des 
Ehelojen, des Kinderlofen, der finderreihen Familie mit Sicherheit als einer 
der ftärfiten Gründe für den Geburtenrüdgang anzufprechen ift, dann muß 
eins der hauptfädhlichiten Gegenmittel die Schaffung wirtfhaftlichder Hilfen für 
die finderreihen Familien fein. 





Die Ausgleichung der Samilienlaften 305 


Alfo do eine „Ssunggefellenfteuer*? Ya und nein, wie man e8 nimmt. 
In dem Sinn und in der Form, mie fie in taufend Köpfen fpult, halte ich 
fie für unerträgli, und aud Sirup lehnt eine folde ab. ES geht hier ganz 
ebenfo wie bei der Befteuerung der Kriegsgewinne. Nicht der Ärger, daß der 
Nachbar Gelegenheit Hatte, reihen Kriegsgewinn zu machen, ber einem felbft 
verfagt war, nicht der heilige Zorn darüber, daß jener fo jelbftfüchtig war, 
nit auf den Gewinn zu verzichten, darf uns bei der Steuergeftaltung leiten. 
Auch die rubige Mäßigung, mit der das Neihsihabamt die Frage behandelt, 
wird zum Ziele führen und gerade fo fidher: nicht zur Strafe foll der „Kriegs- 
wucherer“ bluten, fondern er foll einen erfledlichen Teil des Gewinnes abgeben 
einzig deshalb, weil er in ganz befonderem Maße tragfähig ift für die Laft, 
die der Krieg der Allgemeinheit auferlegt. Genau fo ift’8 bei der Beftenerung 
der Junggefellen (und der biefen felbftverftändlich gleich zu behandelnden Kinder⸗ 
Iofen und Kinderarmen): nicht weil fie felbitfüchtig ehelos blieben oder feine 
Kinder zeugten, follen fie Strafe leiden; jondern weil fie in ganz wejentlich 
höheren Grade fteuerleiftungsfähig find als der Tinderreihe Familienvater, follen fie 
vorzugsweife an den Öffentlichen Laften tragen. Und fie find wirklich in befonderm 
Maße leiftungsfähig, felbjt wenn wir einzig und allein auf die direlten Steuern 
fehen, ganz zu fjchmweigen aljo von der Belaftung mit den indireften Steuern, 
die befanntlich den finderreihen Familienvater fo jehr viel ftärfer treffen als jene. 

Wir müßten alfo — ganz in Übereinftimmung mit Strup — den Ge- 
danken der „unggefellenfteuer” dahin veredeln, daß nicht geradezu und aus- 
gefprodhen von dem Ehe- oder Kinderlofen eine Steuer eigener Art oder eine 
Steuererhöhung erhoben, jondern daß die Ausgleichung der Yamilienlaften in 
anderer Weife gefucht wird: im einzelnen etwa dadurdh, daß die Steuerfreiheits- 
grenze für den &he- oder stinderlofen beruntergejegt, insbefondere aber, daß 
das „SKinderprivileg“ beffer ausgebaut würde, und bierfür müßte, wie Struß 
gang mit Recht fordert, die Steuererleichterung nicht erjt vom zweiten, dritten, 
vierten Kind an gewährt werden, fondern fi vor allem fon an das Beitehen 
einer Ehe an fi) anfnüpfen und für jedes einzelne Kind fteigen, und zwar 
bis zu weit höheren Einlommenftufen hinauf. 

Aber gleichwohl, mögen wir das Ktinderprivileg nod) fo gut ausbauen, fo 
fomme ich doch zu dem Ergebniffe, daß der ganze Berfudh, die Ausgleidhung 
ber Famtlienlaften auf dDiefem Wege zu fuchen, verlaffen werden müßte. Das 
Mittel ift und bleibt zu Mleinlih, um auch nur halbwegs wirkfam zu fein, und 
überdies hat feine Anwendung mehr Nachteile im Gefolge, als fie Vorteile 
bringen Tann. 

Bor allem: feine Wirkung ift viel zu Shwad. Wir erreichen mit ihm 
niemals au) nur in befcheidenfter Weile das Ziel, dem der fräftigere Ausbau 
des Stinderprivilegs do auch nad der Auffafjung von Struß dienen fol, 
nämlid die Pflichtigen wirklich nach dem Mape ihrer Leiftungsfähigleit zu den 
öffentlichen Laften heranzuziehen, gefchweige denn, ihnen einen Anfporn zur 

Grenzboten I 1916 20 


306 Die Ausgleihung der Samilienlaften 


Beugung einer größeren Sinderzahl zu geben (oder vielmehr richtiger: das 
gegen ben Naturtrieb beftehende Hemmniß der wirtfchaftlicden Enge wegzuräumen). 
Für Einfommen von 1000 und 2000 Mark mit ihren ohnehin niedrigen 
Steuerfägen ift das felbftverjtändlih; aber- es trifft auch für Einlommen von 
4000 und 5000 Marf und mehr noch ganz ebenfo zu: der Einkommenbezieher, 
ber feh8 Kinder aufzuziehen Hat, fteht infolge der Familienlaft in feiner 
ftenerlichen Leiftungsfähigleit jo weit hinter dem Che- oder Kinderlojen zurüd, 
daß man ihn geradezu fteuerfrei laffen müßte. Und troß alledem wäre bie 
Hilfe, die ihm dadurd) gewährt würde — und wäre e$ der volle Erlaß der 
Steuer von rund 100 Marl — viel zu unbedeutend, um ihm die Enge feiner 
Mirtfehaft wirklich fühlbar zu erleichtern. 

Sodann aber jehe ih in einer Steuerbefreiung des Kinderreichen oder in 
der Gewährung von Steuerermäßigungen eine Gefahr befonderer Art. 

E35 ift bedauerli, daß die Rüdfiht auf die dem „Heinen Dann“ in den 
indireften Steuern auferlegten Laften dazu geführt bat, die Heinen Einlommen 
auch über die Grenzen des notdürftigen Unterhalt3 hinaus ganz oder faft ganz 
fteuerfrei zu laffen und dasfelbe im Wege des Kinderprivilegs zu beftimmen 
für die finderreihen Familien etwas höherer Einfommenftufen. Um nämlid 
zu dem Gefühle zu erziehen, daß ein jeder ein vollgültiges Glied des Ganzen 
ift, tft e8 ein wertvolles Mittel, auch einem jeden eine direlte Steuer aufzuerlegen. 
Nicht ftören, fondern fördern fol die Steuerleiftung das innerlide Zufammen- 
wadhfen mit dem Staate. Darum fcheint e8 mir geradezu erwänfcht, daß jeder 
Bezieher des gleihen Einfommens in gleihem Make zum StaatShaushalte bei- 
zutragen hätte. Ein feinere8 Gefühl muß es al8 Demütigung empfinten, daß 
ibm um der beengten wirtihhaftlihen Lage willen an der fonjt beftehenden 
Pflicht zur Beitragung zu den Staatslaften etwas gejchentt werde, ein be- 
drüdendes Gefühl, das allen „Nachläffen”, 3.38. aud der Schulgeldbefreiung, 
anhaften muß. Mögen auch nicht viele Betroffene fo fein empfinden, fo müßten 
do die Feinerfühlenden gefchont werden und jedenfalls fjoll nicht die Gefeh- 
gebung die Schuld auf fi laden, daß die Bildung eines foldhen feineren Ge- 
fühls erjäwert oder untergraben werde. 

Darum weg mit jeder Maßnahme, die durch die Geftaltung der direlten 
Steuern den Kinderreihen zu entlaften judt. (DaB ich damit nicht fagen will, 
es müßten die indireften Steuern mit ihrer den Stinderreichen fo jehr viel 
ftärfer treffenden Belaftung in ihrer heutigen Geftaltung beitehen bleiben, bedarf 
wohl nicht erit der Erwähnung.) 

Wenn aber gleihwohl dem Kinderreichen durch wirtfchaftliche Maßnahmen, 
und zwar durd) foldde in erfter Linie und wirkfam, geholfen werden muß, fo 
ehe ih nur einen Weg: durch die Einführung einer allgemeinen Yamilien- 
beihilfenordnung einen Ausgleich der Familienlaften zu fchaffen. Hier mag 
unterfuht werden, welde Wirkung ein folder Ausgleih auf die Gejtaltung 
unferes Steuerwefens zu üben vermödhte. 


— — — — — — — 


Die Ausgleichung der Familienlaſten 307 


Zunächſt würde durch die Einführung einer Familienbeihilfenordnung den 
indirekten Steuern ein guter Teil von ihrem Stachel genommen. Denn in der 
Bemeſſung der Höhe der einzelnen Beihilfen wäre den nun einmal beſtehenden 
indirekten Steuern Rechnung getragen und wir könnten mit einiger Ruhe die 
Entwicklung abwarten, die uns vielleicht doch einmal (ſoweit nicht die Beſteuerung 
zu andern als zu Finanzzwecken erfolgt) zur Einkommenſteuer als der aus—⸗ 
ſchließlichen Beſteuerungsart führen wird. 

Ich habe auf Grund eines guten Zahlenſtoffes aus dem Leben Be— 
rechnungen über die Wirkung einer Beihilfenordnung angeſtellt und darf viel⸗ 
leicht die Ergebniſſe in freilich nur ganz allgemeinen Umriſſen mitteilen. Zu 
fordern find Beihilfen für jede Familie, ausgiebig, nicht kleinlich bemeſſen, aber 
do nicht fo Hoch, daß der Familienfinn und die DOpferfreudigfeit als Grund« 
lage der Yamilie ausgefchaltet oder zur Nebenfächlichleit herabgedrüdt würden. 
Die Beihilfen follen in diefem Sinn grundfägli nur einen Zeil der Familien- 
laften deden, aber doch einen fo reichlich bemefjenen Zeil, daß der Haushalt 
dadurdh eine ganz merfliche Entlaftung erführe. ch fordere im einzelnen Bei- 
bilfen verfchiedener Art nebeneinander: zum ehelihen Haushalt an fidh, Bei- 
bilfen für die Aufzucht der Kinder je nach deren Alter und nach der Art und 
Koftfpieligkeit ihrer Erziehung. Durchmweg abgeftuft nad) der Einfommen3hböbe, 
ohne Grenze nad) oben, jedoch mit Mindeft- und Höcdjitfägen für die Kinder- 
beibilfen; ferner eine Ausftattungsbeihilfe für die heiratende Tochter. Damit 
wäre einerfeitS eine gerechte Ausgleihung der großen Verfehiedenbeiten der 
Familienlaften geboten, anderfeitS einer der wicdhtigften Gründe befeitigt, Die 
heute im Sinne einer Geburtenbefchräntung wirffam find. Die Dedung des 
Aufwandes (der felbjtverftändlich jehr hohe Zahlen ergibt) geihähe nicht im 
Mege der Belteuerung, fondern dur ein Ausgleihungsverfahren ungefähr in 
der Art einer Verfiherung auf Gegenfeitigfeit. Der Gejamtbevarf wird be- 
rechnet und auf fämtlihe Eintfommenbezieher ausgefchlagen genau nad) dem 
Maße ihrer Leiftungsfähigkeit. Bei einem ergibt fi dann ein Überfhuß zu 
feinen Gunften, beim andern zu deflen Laften und der berechnete Unterjchted 
wird dort ausbezahlt, hier eingehoben. Der Maßftab der Umlegung wäre wie 
gejagt die Ginlommenhöhe, aber mit einer Berfeinerang: nicht die volle Höhe 
des Einfommens wäre beftimmend, fondern das Einlommen abzüglich) eines 
Betrages, der als Mindeftaufmand der Lebenshallung des einzelnen gelten 
Ian, und Diefen Betrag fee ich gleich dem Zweihundertfadhen des ortsüblichen 
Taglohns eines erwacdhfenen männlichen Arbeiters. 

Eine folgende Berednung mag e8 veranfhaulicen. Doc) jei noch voraus 
geihict, daß nach meinen Berechnungen der zur Aufmwandsdedung erforberliche 
Ausgleihungsbetrag — die „Dedungsabgabe” — 24 Prozent des in ber vor- 
ftehenden Weife „berichtigten Eintommens” betrüge. Ich babe dann im be 
fonderen au für die in dem vorliegenden Auffate behandelte Steuerfrage 
unterfucht, wie hoch fi bei Durchführung einer Beihilfenordnung der Ein- 

210* 


308 Die Ausgleiyung der Samilienlaften 


ommenfteuerfa bemefjen würde, wenn beifpielSweife in Bayern die Einfommen- 
fteuer genau denfelben Betrag bringen follte al nad) dem beute hier geltenden 
. Steuerredt. Würden die Beihilfen zu den von mir geforderten Sägen gewährt, 
fo müßte für Einfommen jeder Höhe gleihimäßig ein Steuerfa von 2,82 Prozent 
oder fagen wir von rund 3 Prozent desjenigen Betrages erhoben werden, der 
fi ergibt, wenn von dem Einlommen die zur Dedung der Yamilienbeihilfen 
erforderliche Umlage und bei jedem Cinfommenbezieher der Betrag des not- 
bürftigen Lebensunterhalt3 abgezogen wird. 

Nun die Beifpielberehnung. Bei einem Einlommen von 4000 Darf 
betrüge (an einem Drte mit einem Taglohnfab von 3 Marl) die Dedungs- 


2 
abgabe (4000 — 200 X 8) X 2 = 816 Mark und danad die "Einfommen- 
fteuer (3400 — 816) X — rund 78 Mark. Hier iſt es nun tatſächlich 


100 

ohne Einfluß, ob es ſich um einen Eheloſen, ein kinderloſes Ehepaar oder 
eine kinderreiche Familie handelt; denn der Unterſchied der Familienlaſt wird 
eben durch die Wirkung der Beihilfen ausgeglichen, die ihrerſeits natürlich von 
der Steuerlaſt frei zu bleiben hätten. So erhielte bei der angenommenen 
Einkommenhöhe von 4000 Mark das kinderloſe Ehepaar eine Haushaltungs⸗ 
beihilfe von 600 Mark und ein Familienvater mit Frau und fünf Kindern von 
5, 7, 10, 11, 14 Jahren (von denen keines eine hoöhere Schule beſucht) zu 
jenen 600 Mark hier als Geſamtbetrag der Kinderbeihilfen weitere 712 Mark. 
Die Steuerlaft von 78 Mark würde alſo ruhen auf folgendem „hberichtigten 
Einlommen”: beim Chelofen auf 4000 — 816 = 3184 Marl, bei dem finder- 
Iofen Ehepaar auf 4000 — 816 + 600 = 3784 Marl, bei jener Finderreidhen 
Samilie auf 4000 — 816 + 600 + 712 = 4496 Mark. 

Diefe Zahlenreibe für eine Anzahl verfchiedenfter Einfommenftufen berechnet 
zeigt die Tabelle auf Seite 309. 

Diefe Zahlen zeigen, daß e3 hier weder geboten noch geredht wäre, bie 
Steuer nad wachſenden Sätzen zu geitalten. ine folde Regelung ift uns 
freilich heute jo geläufig, daß wir fie für eine felbftverftändlicde Cigentümlichkeit 
der Beiteuerung halten möchten. So mwädjlt 3.8. bei ber bayerlichen Ein- 
Iommenfteuer der Sat von 0,17 biß zu 5 Prozent. Aber diefe Reglung ift 
gleihmwohl weiter nichts als ein Notbehelf und nur folange bereditigt, alS das 
Gejeg feinen anderen Weg findet, der Leiftungsfähigfeit volle Rechnung zu 
tragen. Diefer andere Weg aber ift mit dem Aufbau der Steuer auf einer 
allgemeinen Beibilfenordnung und damit auf dem leiftungsfähigen Einlommen- 
teil von felbjt gegeben. Man fieht aus ben mitgeteilten Zahlenbeifpielen, wie 
füblbar die höheren Einlommen zu einem gerechten Ausgleich der Familien- 
lajten außerhalb der Steuer herangezogen werden. Nach unten aber bleibt — 
und mit Net — nur der wirklich notbürftige Lebensunterhalt fteuerfrei, auch 
hier wieder für den Unverheirateten wie für den finderreihen Familienvater in 


EEE — — — — — — PER 


Die Ausgleihung der Samilienlaften 309 


























Die Beihilfe Das „berichtigte Einkommen“ 














Für ein — I8 
Ein |&,,|8_5| Die |.leftunge| 5 ® ürdiega- 
tommen | ES 55 £ | Dedungs-jägige Ein.) ” 5 für den — — * 
52|8358| abgabe || tommen- | 3 E finderlofe 
bon 58 257 g re a5 || Ehelofen Ehepaar jenen 
NM. zn = 8 e Sr 5 Kindern 

















304 904 









216 684] 20:/,l 1284 1895 

836 | 1064| 32 | 1664 2 359 

576 | 1824| 55 | 2424 3 408 

816 | 2584| 771/,| 8184 4 496 

3344 | 101 || 3944 5 584 

5624 | 169 | 6224 8 848 

8664 | 260 | 9264 12 994 

14 744 | 443 | 15344 20 294 

22 344 | 671 | 22 944 29 394 

50 000 1127| 38 144 47 594 


7 500 | 1 950 11.856 | 37544 


gleicher Höhe, da auch hier die Ausgleihung der Familienlaften außerhalb der 
Beiteuerung und unberührt von ihr geſchähe. Zugleich aber wäre dadurch, 
daß der notdürftige Lebensunterhalt nach der Höhe des ortsühlihden Taglohns 
bemefjen würde, fogar der großen Verfchiedenheit der örtlichen Lebenshaltungs- 
foiten au) für die Beftenerung Rechnung getragen. 

Daß eine Ausgleihung der Yamilienlaften im Sinne der vorjtehenden 
Ausführungen möglih ift und auf ihrer Grundlage die Negelung der Ein- 
fommenfteuer, wird man nicht bezweifeln Lönnen. Die Ausführung des Gedanfens 
hängt nur von dem Mute ab, mit dem nıan an eine Behandlung der großen 
Bevöllerungsfrage berantreten wird. Für die fünftige Geftaltung der Steuer 
aber wird allerdings fchon, bevor der Gedanke einer Beihilfenordnung zur Tat 
geworden fein wird, eine ftarle Betonung der Verjchiedenheit in den Yamilien- 
laften unumgänglich fein. Denn ohne fie müßte, je mehr wir mit wachjender 
birelter Steuerbelaftung zu rechnen haben und je mehr zugleich indirekte Steuern 
dazu treten werden, um fo unerträglicder der Drud fich fteigern, unter dem 
ſchon heute die finderreihe Familie infolge der ungenügenden Steuerentlaftung 
fteht._ Aus diefer Sachlage ergibt fi von felbft die Folgerung, daß für die 
bevorftehenden Zufhhläge zu den direlten Steuern eine Fräftige Staffelung ge- 
boten tft, und zwar nicht nur nach der Höhe der Einlommen, jondern zugleich) 
und neben diefer eine folcde Staffelung der Zufchläge nad) der Höhe der Familtenlaft. 


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Scleiermadıer als Patriot 


Don Konfiftorialrat Profeflor Dr. Simon 


Jene ſtolzen Inſulaner, welche viele unter euch fo ungebührlich ver- 
B ehren, Fennen feine andere LZofung, als gewinnen und genießen, 
Wide Eifer für die Wiffenichaften, für die Freiheit bes Lebens und 
A für die heilige Freiheit ift nur ein leeres Spielgefeht. So wie 

— die begeiſterten Verfechter der letzteren unter ihnen nichts tun, 
als die nationale Orthodoxie mit Wut verteidigen und dem Volke Wunder vor⸗ 
ſpiegeln, damit die abergläubiſche Anhänglichkeit an alte Gebräuche nicht ver⸗ 
loren gehe, ſo iſt es ihnen eben nicht mehr ernſt mit allem übrigen, was über 
das Sinnliche und den nächſten unmittelbaren Nutzen hinausgeht. So gehen 
fie auf Senntniffe aus, fo ift ihre Weisheit nur auf eine jämmerliche Empirie 
gerichtet, und fo kann ihnen die Religion nichts anderes fein, als ein toter 
Buchſtabe, ein heiliger Artikel in der Verfaffung, in welcher nichts Reelles ift... 
Aus anderen Urfaden wende ich mich weg von den Franken, deren Anblid ein 
Berebrer der Religion kaum erträgt, weil fie in jeder Handlung, in jedem 
Worte fait ihre heiligften Gefehe mit Füßen treten. Die frivole Gleichgültigleit, 
mit der Millionen des Volls, der wisige Leihtfinn, mit dem einzelne glänzende 
Geijter der erhabenften Tat des Univerfums zufehen, die nicht nur unter ihren 
Augen vorgeht, fondern fie alle ergreift und jede Bewegung ihres Lebens be- 
ftimmt, bemweift zur Genüge, wie wenig fle einer heiligen Scheu und einer 
wahren Anbetung fähig find... Hier im väterlichen Lande ift das beglüdte 
Klima, was keine Frucht gänzlich verfagt, Hier findet ihr alles zerftreut, was 
die Menfchheit ziert, und alles, was gedeiht, bildet fich irgendiwo, im einzelnen 
wenigftens, zu feiner fhönften Geftalt, bier fehlt e8 weder an weifer Mäßigung, 
noch an ftiller Betradjtung. Hier muß fie (die Religion) aljo eine Freiftatt 
finden vor der plumpen Barbarei und dem Falten irdifehen Sinn des Zeitalters.“ 
Weldh icharfe, treffende Eharalkteriftif der Nationen, wie aus den neueiten 
Erfahrungen unferer Zeit heraus geboren, enthalten diefe Worte Schleiermadhers 
in feinen „Reden über die Religion an die Gebildeien unter ihren VBerächtern“ 
aus dem Jahre 1799; welche freudige, männliche Vaterlandsliebe Lingt aus 
ihnen! Er gehört zu den Propheten, die in jenen trüben, dunflen Tagen 
unferes Daterlandes den Stern der Freiheit fahen. Sein Bild als eines ber 
wirtungspolliten Patrioten aus der Zeit der Freibeitsfänpfe, deflen Andenken 
wir no heute Dank fchuldig find, wollen wir vor unferem Auge erftehen lafjen. 





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Scleiermader als Patriot 311 





Schleiermacher hat dem Gefühl in der Religion ſein Recht erlämpft, ja 
die Religion mit dem Gefühl geradezu identifiziert. Wer nur hiervon wüßte 
und etwa die Reden über die Religion geleſen, an der Glut ihrer Empfindung 
und ihrer Formvollendung ſich erfreut hätte, der könnte ſich ihn vielleicht als 
ein empfindfames Gemüt mit weiblichem Unterton vorſtellen, das gern mit 
anderen ſchönen Seelen, namentlich weiblichen Geſchlechts, gefühlvolle Bekennt⸗ 
niffe taufchte. Sn der Tat hat es eine Zeit gegeben, in der für viele der große 
Theologe in diefer falfchen Beleuddtung erfhien. Und doc könnte fein Bor» 
urteil törichter fein. Wie er mit glängender, fcharfer Klinge die Kämpfe de3 
Seiftes führte, fo Tonnte er ftahlhart in der Vertretung feiner Prinzipien fein. 
Ras bewies er im Konflilt mit feiner Regierung gelegentlich des Streite8 um 
die neue Agende, in dem er kräftig für die kirchliche Freiheit auftrat. Das 
zeigte er auch als Patriot. Wie Fichte vom Katheder flammende Worte in 
die Herzen fchleuderte und Arndt feine zündenden Lieder ins Volk fandte, fo rief 
Schleiermader von ber Kanzel das beutfche Voll zu einer in Gott gegründeten 
Freiheit auf. „Den erften politifchen Prediger im großen Stil, weldien das 
Ehriftentum bernorbradte”, nennt ihn der Philoſoph Dilthey. Einen Schaf 
idealer Güter hatte die Philojophie auß den Schadhten des Denlens gefördert, 
die Poefie hatte das Höcfte und Beite in Menfchenherzen anklingen lafjen. 
Aber e3 war ein Feines Gefchledt, dem bie von unferen großen Geiſtesheroen 
gefhaffenen Werte anvertraut waren. Der platte Yulgärrationalismus hatte 
die öffentliche Meinung gewöhnt, alles auf feine Nüglichkeit hin anzufehen, und 
dem philifterhaften gefunden Menfchenverftand erfchien eine in egoiftifher Enge 
verfümmerte Glüdfeligfeit alS das felbftverftändliche Höchfte Gut. Man jhmärmte 
in weichlidem Kosmopolitismus oder ruhte, wenn noch wie in Preußen etwas 
von nationalem Empfinden vorhanden war, auf den Lorbeeren einer größeren 
Bergangenheit. Den Traum felbftzufriedener Kümmerlichfeit hatte die Fauſt 
des Torfiihen Eroberers jäh unterbrochen. 

Sn Schleiermachers jugendlichfter Vertode finden wir nichts von politifcher 
Leidenfchaft oder nur überhaupt von einem lebhafteren politifchen “Interefle. 
Er politifiert wohl über die franzöftie Nevolution, ja, er nimmt ihre Partei, 
wenn er auch ihre Ausmüchfe tadelt und ausfcheiden möchte, „wa menſchliche 
Leidenfhaft und überfpannte Begriffe dabei getan haben.“ Doc allmählich 
reift fein Denken heran und findet den Standpunkt, von dem er einft Traftoll 
in die politifhen Wirren hinaustreten wird. Kant hatte dem unbedingten 
fittlihen Gebot, das der Menfch tn feinem Inneren vernimmt, die gebührende 
Stellung im Geiftesleben gegeben. Mit Kant bat fi Schleiermadher in der 
Bett feiner Entwidlung eingehend befchäftigt, und ber fittlihe Ernft des Königs- 
berger Weifen hat auf den heranteifenden Jüngling feinen Cindrud nicht ver- 
fehlt. Aber Schleiermadjer gab dem Gedanfen Kants von der Unbedingtheit 
der fittlichen Forderung eine originelle Wendung. Kant wußte nur von einem 
allgemeinen, von jedem einzelnen ein und basjelbe forbernden Tategorijchen 


312 Schleiermadger als Patriot 
Imperativ: Handle fo, daß die Marime deines Willens jederzeit als Prinzip 
einer allgemeinen Gefehgebung gelten fönnte. Schleiermadher betont, obgleich 
dies mit der fpinoziftifchen Grundrichtung feines Denkens fi) fehwer vereinigen 
will, der Allgemeinheit gegenüber das Recht und die Bedeutung der ndividualität. 
Mohl trägt jeder eine unbedingt gültige fittlide Forderung in ih. Aber da 
jeder als ein befonderes Mmdividuum mit eigenen Gaben und Aufgaben in 
Berhältniffe tritt, die für jeden andere find, fo ftellt daS unbedingte fittlidhe 
Gebot aud) an jeden befondere Anforderungen, denen er zu genügen bat. Jeder 
einzelne tft: eine befondere Offenbarung bes einen, allgemeinen Weltgrundes. 
Was er als folder ift, darüber fol er fi Har werden, das fol er erfafjen 
und fein Befonderes in den Dienft der Allgemeinheit, des großen Ganzen ftellen. 

Daß, wer der Allgemeinheit dienen will, fi) zunächft feiner Pflichten gegen 
den Staat erinnern muß, daß der Staat ein fittlider DOrganidmus von un- 
aufgebbarem Werte ift, das tft ihm allmählich immer Flarer geworden. &8 lag 
den Anihauungen der Zeit, in welcher er aufgewacdhfen war, nahe, den Staat 
mehr nur als ein notwendiges Übel zu betrachten, eine Beichränlung, welche 
das Individuum fih um anderer Vorteile willen gefallen läßt, und man war 
geneigt, denjenigen Staat für den beiten zu halten, den man am wenigjten 
empfindet. Gerade die Unterdrädung und gewaltfame Zerreißung des Staates 
durch äußer